Work Text
„Mach Tisch 17 fertig!“Eine ältere Frau stieß so schwungvoll die Küchentüre auf, sodass Anna beinahe die Kartoffeln auf den Boden gefallen wären.„Hab ich doch“, murmelte Anna noch immer ein wenig erschrocken.„Das Gulasch fehlt!“Mit einem genervten Murren fischte ihre Mutter den Bon aus dem kleinen Kübel und klatschte ihn auf die Anrichte.Mit einem Augenrollen musste Anna zu ihrer eigenen Schande feststellen, dass das übersehen worden war. Aber wer konnte sich auch an so einem Tag konzentrieren? Jetzt einmal ehrlich ...In dem rustikalen Familienhotel wurde gerade eine kleine Supernatural-Convention abgehalten. Klein – so nannte Anna es, wenn nur einige Schauspieler anwesend waren … die Wichtigsten. Gabriel. Gabriel war anwesend.Bisher war ihr nur vergönnt, den hübschen, älteren Mann aus der Ferne zu sehen, aber das allein hatte schon zahlreiche Stromschläge durch ihren Körper geschickt. Noch dazu, wo er jetzt wieder solo unterwegs war.Nein, so eine Scheidung war keinem vergönnt, aber zu träumen und zu fantasieren war ja wohl noch erlaubt … Bei diesem Gedanken schlich sich ein kleines Lächeln auf Annas Gesicht. „Erde an Anna! Wird das heute noch was mit dem Gulasch?“Die Seifenblase zerplatzte bei der penetranten Stimme ihrer Mutter und missmutig wurde die Arbeit fortgesetzt.„Ja ich mache ja schon …“, antwortete sie trotzig.Nachdem es im Hotel ruhig geworden war, da die meisten Fans im Saal waren, schlich Anna durch die Gänge. Die Tür war verschlossen, aber die Band war zu hören und auch, dass Gabriel sang. Wieder ein Blitz, der quer durch ihren Körper schoss. Diese Stimme – eine Mischung aus einem Strauß Sonnenblumen und einem Reibeisen … so männlich, so unglaublich erotisch. Ein wehmütiges Seufzen kam über ihre Lippen, als sie ihr Ohr an die Türe drückte, um zu lauschen. Alles hätte sie darum gegeben, auf der anderen Seite der Türe zu stehen, um Gabriel näher zu sein. „Ah hier bist du. Ich habe dich schon gesucht, hol doch bitte ein paar Weinflaschen aus dem Keller.“Blitzartig drehte sich die junge Frau um. Im Gegensatz zu der strengen Mutter nahm es ihr Vater mit Humor und zwinkerte. Trotzdem … konnte er die beschissenen Flaschen nicht selbst holen?! Mit einem genervten Stöhnen setzte sich Anna in Bewegung. Manchmal war die Arbeit einfach nur nervig. An diesem Tag war so ein manchmal.Aber es wurde erledigt, was der Vater aufgetragen hatte, aus dem einfachen Grund, weil der grauhaarige, freundliche Mann es ermöglicht hatte, dass sie am Nachmittag dabei sein durfte. Wie ein normaler Fan war es ihr erlaubt, bei einem Meet&Greet anwesend zu sein; an Gabriels Lippen zu hängen und jedes Wort tief in jede einzelne Pore ihres Köpers einzusaugen.…Seit dem Vorfall, zwei Jahre zuvor, waren ihre Eltern übervorsichtig, wenn nicht geradezu panisch und ja … man könnte es als anhänglich oder klettenhaft bezeichnen und ihr wurde viel verboten, was für andere Mädchen in ihrem Alter selbstverständlich war.Aber Anna war kein kleines Kind mehr, sondern eine junge Frau. Diesen Vorfall zu verdauen war ein steiniger Weg und es zehrte immer noch an ihrer Psyche, ihrem Selbstvertrauen und ihrem Selbstwertgefühl. Die offene und fröhliche Art war mit einem Mal zerstört worden, aber sie war auf einem guten Weg wieder in ein normales Leben zurückzufinden. Dann war es endlich so weit. Inmitten rund fünfzig plappernden, kreischenden und ausgelassenen Mädchen fand Anna einen Platz in einer der vorderen Reihen. Es folgte tosender Applaus, und die junge, schwarzhaarige Frau drehte sich um, als ihr Schwarm mit einem Lächeln auf den Lippen die Türe zuschmiss.Annas Herz schlug viel zu schnell und wäre es möglich gewesen, sie wäre für dieses Lächeln gestorben. Bei jedem Blick setzte ihr Atmen aus – zumindest bildete sie sich ein, dass Gabriel in ihre Richtung sah.Und diese weichen, langen Haare. Wie gerne hätte sie ihre Hände reinstecken und Strähne für Strähne durch ihre Finger gleiten lassen.Bewundernswert waren die Fans, die den Mut fanden, Fragen zu stellen. Auch Anna hätte die eine oder andere Frage gehabt und ärgerte sich, so schüchtern geworden zu sein. Plötzlich klingelte Annas Handy und der Herzschlag stoppte. Verdammt, hatte sie vergessen es auszuschalten? Mit zittrigen Händen drückte sie die Taste, um es zum Stillstand zu bringen. Kurz darauf die Nachricht, sofort in die Küche zu kommen. Natürlich, ihre Mutter. Verdammt, sie wusste doch wo Anna war!Zum Ärgern blieb nicht viel Zeit, denn alle Augen drehten sich zu ihr … auch Gabriels.Die junge Frau wurde rot wie eine Tomate und stammelte eine Entschuldigung. Die Türe zum Ausgang schien kilometerweit entfernt zu sein; das Herz drohte zu zerspringen.…„Ich hoffe, dass es wichtig ist; du verpasst hier eine Menge“, hörte sie Gabriel durch das Mikrofon sagen und sah, dass er grinste. Warum konnte sich nicht der Boden auftun und sie verschlucken? Aber wenigstens hatte sie seine Aufmerksamkeit. Auch wenn es ein zutiefst peinlicher Moment war.Anna konnte nichts darauf antworten; die Kehle war wie zugeschnürt. Fluchtartig und mit Tränen in den Augen verließ sie den Raum.Tränen, weil ihr nicht mal eine Stunde Glück vergönnt war.Tränen, weil sie sich über sich selbst ärgerte.Tränen, weil sie sich über ihre Mutter ärgerte.
----- CHAPTER BREAK -----
Als die Türe ins Schloss fiel, räusperte Gabriel sich und zuckte mit den Schultern. Das Verhalten der Fans, die ihn anhimmelten als wäre er ein Superstar war nicht fremd. Dabei fühlte er sich in letzter Zeit alles andere als ein Superstar. Seit der Trennung von seiner Frau ging es mit ihm mehr und mehr bergab. Nach außen hin ließ er sich nichts anmerken, dafür war er ein Profi.Und darum war es gut, dass es die Fans gab. Denn allein mit diesen Gedanken und Gefühlen war es alles andere als einfach.Es war ein glückliches Leben gewesen, bis er wie eine heiße Kartoffel fallengelassen wurde. Aber so war das Leben eben – hart, beschissen und ungerecht. „Hey …“Chuck legte Gabe eine Hand auf die Schulter, bevor er sich mit einem Seufzen zu seinem Trübsal blasenden Freund an die Hotelbar setzte. Gabriel sah kurz auf und hob das Glas, bevor er es an die Lippen setzte und einen großen Schluck trank.„Der wievielte ist das?“, fragte Chuck mit einem langsamen Kopfschütteln.„Frag nicht so blöd; bestell dir was“, murrte der jüngere Mann.„Willst du drüber reden?“Dass er sich diese Frage hätte sparen können, war klar. Aber dazu waren Freunde schließlich da, oder?„Wir haben schon so oft darüber geredet, ich will nur vergessen“, schnappte Gabriel zurück.„Gut … wie war dein Tag, hattest du Spaß?“„Da war dieses Mädchen …“Dieses Funkeln in den Augen des anderen war kaum zu übersehen und Chuck war froh, ein Thema gefunden hatten, das seinen Freund ein wenig ablenkte.„Sag bloß … nur eines?“„Ich weiß nicht. Ihr Handy hatte geklingelt und es war ein ziemlich peinlicher Moment für sie, aber da war was, das geht mir nicht mehr aus dem Kopf.“Sein Glas stieß an Chucks und mit einem Schulterzucken beantwortete er die Frage was das denn gewesen sei.„Keine Ahnung, ich hatte das Gefühl … ich weiß auch nicht“, murmelte Gabriel und trank aus, um sich gleich wieder Nachschub zu bestellen.„Ist ja wie Blut aus einem Stein pressen. War sie hübsch?“„Doch … schon“, erwiderte Gabe und fuhr sich durch die dunkelblonden Haare.Aber auch irgendwie … verzweifelt.„Oh, zwei verzweifelte Seelen; ihr würdet gut zusammenpassen.“Er würde sie gerne wiedersehen. Gabe sah auf in die meerblauen Augen seines Freundes.„Könnte schwierig werden bei der Horde Mädchen“, kicherte Chuck. „Was?!“Genervt setzte Anna sich an den Tresen und hätten Blicke töten können, ihre Mutter hätte es nicht überlebt.„Einige Leute kommen gleich essen; ich brauche dich in der Küche. Balthasar kommt erst am Abend wieder.“Ein leises Seufzen folgte. Keine Energie für Widerworte. Anna schnappte sich ihre Schürze und verschwand in der Küche. Egal, es war vorbei. Einerseits schade, denn so nahe würde sie Gabriel wahrscheinlich nicht mehr kommen, bevor alle abreisten.Andererseits …Eine Stunde noch und dann durfte sie das Buffet im Aufenthaltsraum der Stars aufbauen. Es gab einen strikten Zeitplan – nicht zu früh, und nicht zu spät. Um es genauer zu sagen – dann, wenn niemand im Raum war. Aber es schien, als würden die Minuten rückwärtslaufen.…Endlich. Anna holte den ersten Servierwagen und schob ihn den schmalen Gang entlang. Ein Klopfen an der Tür bestätigte, dass niemand da war. Einerseits okay, denn so konnte alles in Ruhe aufgebaut werden, ohne dass das schüchterne Mädchen in Panik verfiel, aber andererseits …Wie schön wäre es gewesen, jemanden zu treffen; wenn die Türe aufgehen und Gabriel hereingekommen wäre.Beim Blick auf die Uhr wurde klar, dass Eile angesagt war. Anna trat einen Schritt zurück und ließ die Augen noch einmal über die verschiedensten Köstlichkeiten wandern.Mit einem zufriedenen Nicken rollte der Wagen zur Türe und … „Hey, hoppla …“Chuck lachte, als die Türe geöffnet wurde und er beinahe darüber flog.„Oh … Entschuldigung“, stammelte Anna und wurde wieder rot.„Macht nichts; hätte ich mir den Fuß gebrochen, würde ich noch ein bisschen länger in eurem schönen Ort bleiben können“, schmunzelte der Lockenkopf und rieb sich den Knöchel.„H-hast du … hab ich dir wehgetan?“, stammelte die junge Frau und schaute ihn erschrocken an.„Alles in Ordnung.“Als sich seine Hand auf Annas Schulter legte, zuckte sie erschrocken zurück.„Du bist die Tochter des Hauses, oder?“„Ich … tut mir leid, aber ich muss wieder“, murmelte Anna und sah ihn traurig an.Mit einem Stirnrunzeln wollte Chuck wissen, ob alles in Ordnung wäre.Oh, wie gerne wäre die junge Frau noch geblieben, hätte geredet und gelacht; mehr über das aufregende Leben und die Schauspielerei erfahren. Aber es war ihr untersagt. Erneut stiegen der sensiblen Frau Tränen in die Augen und beschämt senkte sich ihr Blick. Mit einem tiefen Seufzen drehte sie sich um, schob den Servierwagen aus der Türe und ließ Chuck verdutzt stehen. „Gabe … Gabe!“Gabriel, der sich gerade mit Billy unterhielt, drehte sich zu seinem aufgeregten Freund um.„Hey, ruhig. Was ist los?“Noch immer außer Atem fragte der Lockenkopf wie die Unbekannte aussah.„Lange schwarze Haare, schlank, traurige Augen“, antwortete er mit einem Schulterzucken.„Ich weiß wer sie ist.“Jetzt bekam Gabriel große Augen, zog seinen Freund am Arm beiseite, um mehr zu erfahren.„Sie ist die Tochter des Hauses und hat das köstliche Buffet gezaubert.“Den Namen wusste er aber nicht und antwortete nur mit einem Schulterzucken.…„Hey kommt ihr mit?“, rief Billy durch den geöffneten Vorhang, „mal sehen was es in dem Kaff zu erleben gibt.“„Nein, geht ruhig. Vielleicht kommen wir nach. Mal sehen.“Die beiden Männer entschieden noch an die Hotelbar zu gehen und ein wenig zu plaudern.„Wir sind allein; sollen wir uns selbst bedienen?“, grinste Gabriel und wackelte mit den Augenbrauen.
----- CHAPTER BREAK -----
Der rote Knopf leuchtete und ein Surren erklang. Scheinbar hatte sich irgendjemand verirrt. Anna drehte sich zu Balthasar, doch der war gerade beschäftigt.„Geh du bitte in die Bar, ich kann hier nicht weg.“„Du kriegst die rote Karte von meiner Mutter, wenn du mich jetzt zu einer Horde Rocker schickst“, grinste Anna, legte die Küchenschürze beiseite und ging aus der Türe.„Nehm ich in Kauf“, rief der junge Mann ihr nach.Hoffentlich würde sie bald Feierabend machen können, um sich in die Kissen zu weinen. Die meisten Gäste waren bereits auf ihren Zimmern und es war ein langer Tag gewesen. Vorsichtig wurde die Türe geöffnet und Anna blieb wie erstarrt stehen, denn zwei bekannte Männer saßen an der Bar. Noch wurde sie nicht entdeckt. Sollte sie wieder gehen?…Anna atmete tief durch und mahnte sich, nicht so ein Feigling zu sein. Mit einem Räuspern zog sie die Aufmerksamkeit der beiden Männer auf sich.„Wir dachten schon wir müssten uns selbst bedienen“, sagte Chuck und zwinkerte Gabriel zu.„Hallo“, murmelte Anna und wischte sich ihre schweißnassen Hände an der Hose ab.„Hey“, antwortete Gabriel.Nur drei Buchstaben aber ein Gefühl wie fliegen. Dieser Mann hatte ihr total den Kopf verdreht, aber wenn sie nicht aufpasste, würde nur ein gebrochenes Herzen bleiben.„Was … was wollt ihr trinken?“„Wie wäre es mit zwei Gin Tonic. Und was trinkst du?“Mit einem einnehmenden Lächeln zwinkerte Chuck und nahm sich in diesem Moment vor, die beiden unglücklichen Seelen miteinander zu verkuppeln.„Ich … danke, aber ich darf während dem Dienst nichts trinken.“Das war die zögerliche Antwort und verlegen senkte Anna den Blick.„Schade. Wann hast du Feierabend?“, fragte der Lockenkopf weiter.„Keine Ahnung“, erwiderte sie schüchtern und zuckte mit den Schultern.Mit zitternden Händen wurden die zwei gewünschten Getränke eingeschenkt und auf den Tresen gestellt.„Wie heißt du?“, fragte Chuck und sah direkt in ihre Augen, was eine ganz-Körper-Gänsehaut zur Folge hatte.„Anna.“„Ich bin Chuck und das ist mein stummer Freund Gabriel“, grinste er und schlug seinem Freund auf die Schulter, so dass dieser zusammenzuckte. Anna schmunzelte scheu.
Als wenn ich das nicht wüsste
Jetzt hatte er diese bezaubernde junge Frau vor sich und brachte keinen Ton heraus. Seit wann war er so schüchtern? Der dunkelblonde Mann streckte seine Hand aus und Anna schenkte ihm ein Lächeln.Kaum hatte sie Gabriels Hand ergriffen, flatterten die Schmetterlinge wie wild.„Anna“, flüsterte er leise. Es ging nicht anders, er konnte sie nur anschauen.Froh darüber, dass Chuck das Reden übernommen und ihren wunderschönen Namen entlocken konnte, hatte Gabriel mit dem wohlig, warmen Gefühl zu kämpfen, aufgrund dieses kurzen Augenblicks, als er diese sanfte Hand halten konnte.
Anna
Immer wieder ließ er sich ihren Namen auf der Zunge zergehen.Die schwarzen Haare waren zu einem Zopf zusammengebunden, die blasse Haut brachte ihre großen, blau-grauen Augen noch besser zur Geltung. Die weiße Bluse und die schwarze, enge Hose schmeichelten ihrer Figur. Wunderschön. Gabriel wandte den Blick ab und nahm erst jetzt den leichten Schmerz in seiner Schulter wahr.…„Hier bist du! Sei so nett und schau noch mal ins Kühlhaus und dann kannst du Feierabend machen; wir sehen uns morgen.“Plötzlich war diese Stimme da. Alle drei waren so in Gedanken gewesen, dass keiner die Dame des Hauses bemerkt hatte.Gabriel runzelte die Stirn. Gerade hat er Anna gefunden und jetzt sollte sie wieder gehen?
Nein, nein, nein!
Er wollte protestieren, aber es kamen keine Worte aus seinem Mund.„Ich …“, sagte Anna. Das kleine Funkeln aus ihren Augen verschwand und sie wurden wieder traurig.„Ich übernehme hier … husch!“Sanft, aber bestimmt wurde sie von ihrer Mutter beiseitegeschoben, die ihr unmissverständlich klar machte, gehen zu müssen.„Schönen Abend“, murmelte die junge Frau noch, bevor sie mit hängenden Schultern den Raum verließ.Gabriel sah auch noch hinterher, als die Türe bereits geschlossen war, wandte sich stumm fragend an Chuck, aber bekam aber nur ein hilfloses Schulterzucken als Antwort. „Danke Mutter!“
Verdammte Scheiße!
Wütend gab Anna dem Blumentopf einen Fußtritt.Mit schwerem Herzen machte sich die junge Frau auf den Weg ins Kühlhaus, als sich plötzlich die Gedanken überschlugen. Seit diesem verfluchten Dienstag vor zwei Jahren, als sie vergewaltigt worden war, war nichts mehr so wie es vorher war.Der Täter wurde nie gefasst und es dauerte lange bis Anna sich einigermaßen erholt hatte – nicht körperlich, vielmehr psychisch. Das Vertrauen in die Männer war zerbrochen, Sex war so gut wie kein Thema mehr … nur flüchtige Bekanntschaften, die sich nie vertieft hatten … sich nie vertiefen konnten.Und ihre Eltern? Kaum kam ihr ein Mann zu nahe, funkten die beiden dazwischen. Sie hatte kein Leben mehr, kehrte mehr und mehr in sich. Anna wusste, dass ihre Eltern das gut meinten, aber gut gemeint war nicht dasselbe wie gut gemacht. Mit ihren beinahe dreißig Jahren wurde sie behandelt wie ein Kleinkind.Und dann schwenkten die Gedanken zu Gabriel – diese warme Art, diese wunderschönen Augen, die leichte Berührung …Mit den Fingerspitzen strich sie über ihren Handrücken und lächelte. Dann aber wurde ihre Miene wieder ernste. Vorbei … die nächste Seifenblase zerplatzte.Mit einem tiefen Seufzen schloss Anna die Türe zum Kühlraum und lehnte dagegen. Tränen brannten und machten sich den Weg. Verzweifelt rutschte Anna auf den Boden, zog die Knie nahe an ihren Körper und vergrub das Gesicht in den Händen. Minutenlanges hemmungsloses Schluchzen. Immer wieder kamen neue Tränen; sie konnte sich nicht mehr beruhigen. Der Schmerz schnürte ihr Herz zu. „Ich geh kurz auf Toilette“, meinte Gabriel und zwinkerte Chuck zu, der sofort verstand und nur nickte.„Kühlraum … wo kann der sein?“, murmelte Gabriel vor sich hin, während der Gang abgesucht wurde.Deutlich sah er ihr Gesicht vor sich … diese unglaublich traurigen Augen. Es war wie ein Stich mitten ins Herz. Der dunkelblonde Schauspieler wollte ihr so gerne helfen, denn das schönste Lächeln hatte keine Bedeutung, wenn die Augen nicht strahlten.Dann war etwas zu hören und seine Stirn legte sich in Falten. Es klang wie ein Wimmern, ein Schluchzen … Seine Schritte wurden schneller, genauso wie sein Herzschlag. Was ihn dann erwartete, ließ ihn hart schlucken. Wie angewurzelt blieb Gabe stehen, denn das Bild, das sich ihm bot, war herzzerreißend.Wie ein Häufchen Elend kauerte Anna kauerte auf dem kalten Fliesenboden.„Anna“, flüsterte der ältere Mann, aber keine Reaktion folgte. Also versuchte er es noch einmal, worauf die junge Frau erschrocken zusammenzuckte, als sich eine Hand auf ihre Schulter legte.Augenblicklich verstummte sie, als sich der Mann danebenkniete. Den Kopf tief in den Händen vergraben, weigerte sich die junge Frau, aufzusehen und versuchte mit aller Macht das Schluchzen zu unterdrücken. Nur noch ein zitterndes, stilles Zucken ihres Körpers war zu sehen, was aber fast noch schmerzhafter anzusehen war.„Anna, sieh mich an“, flüsterte Gabriel, aber bekam nur ein Kopfschütteln, „bist du verletzt?“Erneut schüttelte die junge Frau mit dem Kopf.„Willst du darüber reden?“Wieder nur ein Kopfschütteln.„Komm hoch.“Gabriel half ihr auf die Beine und wusste nicht so recht, was er machen sollte, als Anna sich an ihn klammerte und erneut schluchzte.Er schloss die Augen und atmete tief durch denn diese wundervolle Frau so verzweifelt zu sehen, trieb ihm die Tränen in die Augen. Kein Wort wurde gesagt; er hielt sie nur fest, während seine Finger durch ihre Haare glitten.„Schh … beruhige dich“, flüsterte er und streichelte sanft über ihren Rücken.Irgendwann wurde ihr Atem ruhiger. „T-tut mir leid.“Anna schniefte und schluckte das Schluchzen hinunter. Gabriel schüttelte den Kopf.„Ist schon gut. Was brauchst du?“„…“„Whisky“, grinste sie unter Tränen.„Damit kann ich dienen, komm mit“, sagte er mit einem Zwinkern und nahm sie bei der Hand.Anna blieb stehen und Gabriel sah sie fragend an. Der Schmerz in ihren Augen nahm ihm für einen Augenblick die Luft zum Atmen.„Du kannst mir vertrauen“, flüsterte Gabe und nahm sie wieder in die Arme. Mit dem Handrücken strich er über ihre Wangen und wischte die Tränen fort. Anna schmiegte sich an seinen Hals, schloss die Augen und atmete seinen Duft tief ein. Er roch so gut. Die Schmetterlinge tanzten.Gabriel löste sich von ihr und legte den Daumen unter ihr Kinn, damit sie ihn anschauen musste.„Du kannst mir vertrauen.“In seinen goldenen Augen war nichts anderes als Güte, Liebe und Wärme zu sehen und so ließ sie sich mitziehen.Nachdem die Zimmertüre aufgeschlossen wurde, trat er beiseite und ließ seine neue Bekanntschaft eintreten. Mit zwei Gläsern Whiskey setzte er sich dann neben Anna auf die Couch.„Ich …“Gabriel schüttelte den Kopf und legte eine Hand auf ihre Schulter.„Du musst es mir nicht erzählen. Für mich ist nur wichtig, dass es dir im Moment gut geht.“
----- CHAPTER BREAK -----
„Danke“, flüsterte sie mit Tränen in den Augen und schluckte.Aber Anna wollte mit jemanden reden; wollte sich den ganzen Kummer, Angst, Verzweiflung und Wut von der Seele schreien. Andererseits … wer gab ihr das Recht Gabriel damit zu belasten?Der ältere Mann sah, dass sie im Zwiespalt war, wollte sie aber zu nichts drängen.„Ich … werde Chuck schnell Bescheid geben, ansonsten macht er sich Sorgen, wo ich bleibe“, schmunzelte er, deutete auf sein Handy und stand auf.Anna legte den Kopf zurück, schloss die Augen und genoss die warme Wirkung des Alkohols, der durch ihre Venen floss.Gabriel stand an der Badezimmertür und beobachtete sie. Warum war sie so aufgewühlt? Was war mit ihr geschehen? Sie war so wunderschön. Er schloss kurz seine Augen und lächelte.
Anna
Und verschreckt, wie ein ängstliches Tier, dem man sich nur langsam und vorsichtig nähern durfte, aber wenn man dieses Vertrauen erst einmal hatte … und das war das Ziel. „Hey“, sagte er leise und setzte sich neben Anna.„Hey“, lächelte sie und setzte sich auf, um ihn anzuschauen.„Kompliment für das gute Essen, übrigens.“„Danke“, erwiderte Anna und spürte die Hitze im Gesicht.„…“„Hör zu … vielleicht ist es besser, wenn ich jetzt gehe.“Anna stand auf …„Vielleicht ist es aber auch besser, wenn du bleibst“, erwiderte Gabriel und nahm ihre Hand in seine.Natürlich wollte sie das – in seinen Armen einschlafen und aufwachen. Aber da war auch die Angst … wenngleich auch nicht klar war, wovor. Vielleicht davor, sich zu verlieben.„Ich nehme die Couch, du kannst im Bett schlafen. Du bist hier sicher, ich möchte, dass es dir gut geht … bitte bleib.“…„Ich bin so kaputt … ich tu dir nicht gut.“Erneut bahnten sich die Tränen ihren Weg. Anna stand so verloren da und Gabriel musste sie einfach in die Arme nehmen und festhalten.„Lass mich das entscheiden“, schmunzelte er und drückte einen Kuss auf ihre StirnDer innerliche Kampf war förmlich zu spüren. Beruhigend streichelte er ihren Rücken entlang. Und dann konnte Anna nicht mehr. Wie aus einem Wasserfall sprudelte alles heraus – die Angst, Sorgen, Ärger, Hilflosigkeit. Sie erzählte alles; weinte, schluchzte, umklammerte ihn so fest wie es ging.Ein Schauer jagte den nächsten und Gabriel musste einige Male die aufsteigenden Tränen hinunterschlucken. Er hielt Anna nur, unterbrach sie nicht, gab ihr nur Kraft und Energie, die so dringend benötigt wurde.Anna schniefte noch ein letztes Mal, genoss die Geborgenheit, Ruhe und Wärme, bevor sie sich von ihm löste. Gabriel wischte die Tränen aus ihrem Gesicht und überlegte, was er ihr sagen konnte oder sollte …Ist schon gut, es ist vorbei? Mach dir keine Sorgen, das wird schon wieder? Blödsinn!„Danke für dein Vertrauen.“Liebevoll strich er die schwarzen Haare hinter ihre Ohren und konnte ein Lächeln entlocken.„Danke fürs Zuhören.“Wieder auf der Couch Platz genommen, hielt sie ihm das leere Glas entgegen und bat kurz unter die Dusche hüpfen zu dürfen.…Anna stand unter dem warmen Strahl und genoss das Prickeln auf der Haut; atmete tief ein und aus und fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht.Ein riesengroßer Stein hatte sich gerade von ihrem Herzen gelöst. All das, was sie in den vergangenen Monaten so depressiv gemacht und runtergezogen hatte, hatte sich mit einem Schlag in Luft aufgelöst. Und all das war diesem liebevollen, warmherzigen und gütigen Mann mit den wunderschönsten Augen zu verdanken.
Wie ein Sonnenstrahl, der auf ein Glas Whiskey trifft
Ein Lächeln entkam ihr und es war ein ehrliches, aufrichtiges und befreites Lächeln. Mit den Armen auf der Couchlehne, ließ Gabriel die vergangenen Minuten noch einmal Revue passieren. Das arme Mädchen. Was hatte sie durchmachen müssen …Dann aber bildete sich ein Lächeln. Er lächelte, weil sie sich ihm geöffnet hatte … ihm vertraute. Ein Blick zur Badezimmertür. Gabriel war auch nur ein Mann und Männer hatten Fantasien … aber das würde er nicht wagen – noch nicht.…„Das ist ein großartiges Hotel; die haben sogar zwei Bademäntel“, grinste Anna, als sie aus dem Bad kam.„Das ist schön, dann springe ich auch noch schnell unter die Dusche – vorausgesetzt du hast warmes Wasser übriggelassen“, neckte er. Im Null komma nichts war er wieder da und Anna musste sich bei diesem Anblick auf die Unterlippe beißen.„Ich … meine Tasche … ähm … Unterwäsche“, stammelte er und deutete mit der Hand, bevor Annas Blick auf die Tasche neben der Couch fiel.Ihre Blicke trafen sich, als sein Blick sich von der Tasche abwandte und die Luft knisterte. Ein längst vergessenes Gefühl kehrte zurück. Was hatte sie zu verlieren? Die Schüchternheit war wie weggeblasen. Langsam erhob sie sich und ging auf Gabriel zu, der nur Fragezeichen in den Augen hatte.Die großen, blau-grauen Augen sahen geradewegs in seine, während flinke Finger die Schlaufe seines Bademantels lösten und über seine Schultern streiften. Dieser segelte zu Boden und Gabriel erschrak.„Anna“, murmelte er verlegen, bekam aber nur ein Kopfschütteln retour und ein Zeigefinger drückteauf seine Lippen.Nicht einmal in ihren Träumen hätte sich die junge Frau ausgemalt, Gabriel so gegenüberzustehen.„Nicht reden“, flüsterte sie und neigte leicht den Kopf, um ihre Lippen auf seine zu legen.Ihre Zunge tastete über seine Unterlippe und im selben Moment war ein leises Stöhnen zu hören.Um Halt zu suchen, griff Gabriel mit beiden Händen ihre Unterarme, denn in seinem Kopf begann sich auf einmal alles zu drehen. Eine Hand lag auf ihre Wange und der Daumen zeichnete ihre Lippen nach, bevor er sich ein Stück nach vorne beugte und ihre mit den seinen verschloss.Annas Mund öffnete sich leicht, die Zungenspitzen berührten sich und eine Mischung aus Raunen, sehnsuchtsvollem Seufzen und Lust war zu hören.Langsam erkundeten sie den Mund des anderen und Anna wurde schwindelig von diesem Gefühl. Und er schmeckte so unglaublich gut – Whiskey und Gabriel. Nur widerwillig wurde der Kuss unterbrochen, aber es gab noch so viel zu entdecken. Gabriel umfasste ihre Hüften, aber Anna nahm seine Hände und schließlich baumelten diese wieder neben seinem Körper.„Bitte“, flüsterte sie und Gabe nickte schmunzelnd.„Ich versuche es.“Ihre Hände legten sich an seine Wangen und streichelte sanft über den weichen Bart, hinunter zu seinem Hals, über die Ohren und durch seine schulterlangen, dichten Haare. Genauso hatte sie es sich vorgestellt – eine Mischung aus Seide und Schmirgelpapier.Ihre Finger wanderten über seinen Nacken, zu seinen Schultern und die Arme entlang; berührten sanft die harten Brustwarzen. Ihre Hand legte sich auf sein Herz und spürte den schnellen Herzschlag. Jedes Stück Haut wurde berührt und fasziniert die Gänsehaut beobachtet, die sich bildete. Das Muskelspiel des Rückens, der Hintern, der sich automatisch anspannte …Anna musste schmunzeln und es machte sie total geil.Ein weiteres, tiefes Stöhnen als ihre Hände weiter hinunterglitten – wenn auch etwas zaghaft.Ein erneuter Kuss und sie nahm seine Hände, platzierte diese auf ihren Hüften und gab dem älteren Mann eine stille Einladung. Gabriel fiel es bei den wundervollen Berührungen, die einen elektrischen Impuls nach dem anderen durch seinen Körper jagten, verdammt schwer sich zusammenzureißen. So hatte er sich schon lange nicht mehr gefühlt – begehrt, erregt, etwas Besonderes. Ein zufriedenes Seufzen, als er seine Tätigkeit wieder aufnehmen durfte.Gabriel griff in ihren Nacken und vertiefte den Kuss. Bevor er sich löste, wurde auch ihr Bademantel geöffnet.„Du bist wunderschön“, hauchte er mit tiefer, rauer Stimme – ein süßer, himmlischer Schmerz, der ihre Wirbelsäule hinabkroch.Die junge Frau trug Unterwäsche, was aber in Gabriels Augen nicht weniger reizvoll war.„Können wir nur …“, fing sie an und Gabriel schluckte.„Natürlich. Wir können alles was du willst.“Ein wenig Enttäuschung war herauszuhören. Gabriel war auch nur ein Mann und brachte den Ball lieber ins Tor, wo er schon einmal im Spiel war. Wenn aber Kuscheln für Anna genug war, dann ging das auch für ihn in Ordnung.„Ich wollte sagen … können wir die paar Schritte zum Bett machen?“, flüsterte sie.„Sehr gerne“, antwortete Gabe mit einem Lächeln, hob Anna auf seine Arme und ließ sich mit ihr auf das weiche Bett fallen.
