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Stachel des Lebens

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Eine große Schuld braucht eine große Seele. Die kleinen zermalmt sie.
 Peter Rudl
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Remus lehnt die Stirn gegen das kühle Fensterglas und starrt hinaus. Selbst im diesigen Morgenlicht leuchtet der Garten sattgrün, und die ersten Vögel haben zu zwitschern begonnen.

Alles in allem ist der Sommermorgen viel zu schön, um über das Ableben geliebter Freunde zu diskutieren.

Der Mann am Küchentisch ist allerdings anderer Meinung.

Für einen kurzen Moment schließt Remus die Augen. “Natürlich gibt es ein Grab”, sagt er, und kann nicht verhindern, dass sich Ärger in seine Stimme schleicht. “Was glaubst du, was wir mit ihnen gemacht haben, sie in die Themse geworfen?”

“Das traue ich euch zu, ihr Leichenfledderer”, zischt Sirius.

Remus setzt seine Tasse an die Lippen und schluckt mit dem heißen Tee auch gleich die scharfe Antwort hinunter, die ihm auf der Zunge liegt. Er kann Sirius seinen Argwohn kaum vorwerfen. Nicht nach gestern Nacht.

“Es ist in Godric’s Hollow”, fügt er hinzu, weil er das Gefühl hat, etwas sagen zu müssen. “Erinnerst du dich an den Friedhof? Hinter der Kirche?”

“Bist du da gewesen?” fragt Sirius.

“In letzter Zeit nicht.”

“Ist Harry da gewesen?”

Remus starrt in die Tasse, die er mit beiden Händen umklammert. “Das weiß ich nicht.”

Das Geräusch, das Sirius macht, spricht Bände.

Schmerz krampft Remus’ Kehle zusammen, als er den brühheißen Tee in einem Zug hinunter stürzt und ein Husten unterdrückt. “Ich muss los”, sagt er und greift nach seiner Tasche.

Die wenigen Schritte bis zur Tür fühlen sich an als sei er auf der Flucht vor Voldemorts Armee.

“Viel Spaß!” ruft Sirius ihm hinterher. In seiner Stimme klirrt Eis.

Remus wirft einen flüchtigen Blick auf seinen Freund, wie er sich im Stuhl zurücklehnt, breitbeinig, die Arme vor der Brust verschränkt, mit flammenden Augen und höhnisch gekräuselten Lippen. Er versteht dieses Gefühl, diese als Herausforderung getarnte Hilflosigkeit, versteht es nur zu gut.

Ein guter Freund, denkt er, würde jetzt umkehren, sich der Konfrontation stellen, Sirius nicht allein lassen mit seiner Bitterkeit und seiner Verzweiflung. Er holt tief Luft.

“Bis später”, sagt er und schließt die Tür.

An manchen Tagen fehlt ihm einfach die Kraft, ein guter Freund zu sein.

----- CHAPTER BREAK -----

Sirius appariert am Eingang des Dorfes und hat das Gefühl, in die Vergangenheit zu taumeln.

Selbst im diffusen Licht der Straßenlaternen sieht Godric’s Hollow noch genauso aus, wie er es in Erinnerung hat. Dort drüben ist die alte Kirche, da der Dorfplatz mit dem Obelisken, und Sirius ist wieder Anfang zwanzig und auf dem Weg zu dem Haus am Ende der Straße, wo Lachen und Wärme auf ihn warten und wo der Krieg für ein paar Stunden draußen bleiben kann.

Er atmet heftig aus und setzt den mitgebrachten Flachmann an die Lippen.

Der Alkohol rinnt brennend durch seine Kehle, und der kleine Schmerz durchdringt den Nebel in seinem Kopf, also nimmt er noch einen Schluck, und dann noch ein paar, zur Sicherheit.

“Sie sind nicht hier”, flüstert er. “Reiß dich zusammen. Sie sind nicht hier.”

Es fühlt sich seltsam an, es laut auszusprechen. Über die Jahre hat er sich oft gefragt, was wohl aus seinen Freunden geworden ist, nachdem Hagrid und er die beiden Körper aus dem zerstörten Haus geborgen haben. Damals war das nicht wichtig. Nur eines war wichtig in diesen Tagen: Pettigrew, den Verräter, zu finden und ihm all den Schmerz zuzufügen, der Sirius zu zerreißen drohte. Erst später kamen die Fragen: Wo sind sie begraben worden? Wer hat für die Beerdigung gesorgt? War es eine feierliche Zeremonie oder musste es schnell und heimlich geschehen, wie so vieles in dieser Zeit?

Und in seiner Vorstellung hat der kleine Harry das Grab besucht, und vielleicht hat es ihn ein wenig getröstet zu wissen, dass seine Eltern als Helden gestorben sind.

Dann kam der Abend vor zwei Tagen.

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“Schon beeindruckend”, sagt Sturgis. “Immerhin weiß der Junge erst seit ein paar Jahren, dass er überhaupt zaubern kann.”

Sirius lacht, weil er es für einen Scherz hält, doch dann bemerkt er die betretenen Blicke, die die anderen sich zuwerfen. Es ist plötzlich sehr still am Tisch. Selbst Remus weicht seinem Blick aus. Sirius wendet sich Sturgis zu.

“Wie meinst du das?” fragt er.

Tonks, die neben Sturgis sitzt, stößt ihm den Ellbogen in die Seite und zischt: “Halt doch die Klappe!” Sturgis zuckt zusammen und sieht aus, als wäre er an jedem anderen Ort lieber als hier. “He, tut mir leid”, sagt er unglücklich. “Ich dachte, du wüsstest es.”

“Was weiß ich?” fragt Sirius. Das Lachen ist auf seinem Gesicht gefroren.

Ein verlegenes Räuspern läuft rund um den Tisch. “Na ja”, sagt Kingsley schließlich gedehnt. “Du weißt ja, Harrys Verwandte sind Muggel… und scheinbar wollten sie nicht…”

“Und Dumbledore schien das auch für das Beste zu halten”, wirft Molly leicht atemlos ein.

“Ich will eine Antwort, verdammt nochmal”, sagt Sirius laut. “Wieso weiß Harry erst seit ein paar Jahren, dass er zaubern kann?”

Sie sagen es ihm. Erzählen ihm von der Lüge, mit der sein Patensohn aufgewachsen ist. Und einer der wenigen guten Gedanken, die er zwölf Jahre lang mit Zähnen und Klauen gegen jeden Dementor verteidigt hat, zersplittert unter seinen Händen wie morsches Glas.

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Die Wut, die Sirius seit zwei Tagen umtreibt, gewinnt wieder die Oberhand und dampft die letzten Reste von Orientierungslosigkeit ein.

“Bitte, Sirius”

, hat Remus beinahe flehentlich gesagt.

“Ich weiß, wie schrecklich sich das anhört, aber bitte versuch das zu verstehen…”

“Einen Scheiß werde ich”, sagt Sirius laut und trotzig in die Dunkelheit. Zur Hölle mit dem ganzen ach so rechtschaffenen Phönixorden. Halten sich für so überlegen, aber scheinbar hat keiner von ihnen ein Problem damit gehabt, dass ein paar hirnlose Muggel das Andenken der Potters in den Dreck zerren.

Es ist vor allem die Dreistigkeit der Lüge, die ihn beschäftigt. Ein Autounfall. Von allen auf der Welt möglichen Dingen! Er sieht Lily noch vor sich, wie sie im alten Range Rover ihres Vaters sitzt, lachend und scherzend, und die schwere Maschine schnurrte wie ein Kätzchen unter ihren Händen. Und dass James es nie nötig hatte, des Geldes wegen zu arbeiten, war ja genau der Grund, warum er sich so intensiv der Arbeit im Orden widmen konnte, und mehr als einmal hat er sich dabei in Gefahr begeben. Nichts hätte ihm ferner gelegen, als untätig zu Hause zu sitzen.

Und niemand hat es für nötig gehalten, das mal richtigzustellen. Wie eine Mauer hat dieses Zerrbild in der Welt gestanden, über zehn Jahre lang, und hat alles verhöhnt, was James und Lily ausgemacht hat.

Es gibt keine Entschuldigung für einen solchen Verrat.

Immerhin ein Gutes hat die Sache aber: Sirius weiß nun, woran er ist. Er kann niemandem vertrauen, nicht mal dem Orden. Er wird sich selbst davon überzeugen, ob Lily und James wenigstens mit Anstand begraben wurden. Und wenn das nicht der Fall ist, dann wird er dafür sorgen, und wenn es das Letzte ist, was er tut.

Er schraubt den Flachmann zu und holt tief Luft.

Das ist das Mindeste, was er seinen Freunden schuldet. Was er Harry schuldet.

----- CHAPTER BREAK -----

Ein leichter Nieselregen setzt ein, als er den Dorfplatz überquert, vorbei an dem alten Obelisken, über den sie als junge Männer so viele schmutzige Witze gerissen haben. Sirius lächelt im Vorbeigehen in sich hinein. Wie war das noch gleich?

‘There once was a man from Nantucket…’

Etwas verändert sich, und er fühlt die Magie, noch bevor sie sichtbar wird. Der Obelisk beginnt zu flimmern und zu verschwimmen, wie wenn man über eine Kerzenflamme hinwegsieht. Verdutzt macht Sirius einen Schritt zurück. Seine Hand zuckt zum Zauberstab, aber da löst sich der Obelisk vor seinen Augen auf und gibt den Blick auf eine Marmorstatue frei. Fassungslos starrt Sirius hinauf in die Züge seines besten Freundes und seiner Familie.

Wer immer der Künstler war, er hat James gut getroffen, mit der leicht schiefen Brille und den wirren Haaren. Auch Lily ist unverkennbar, wie sie sich lächelnd über das Baby in ihrem Arm beugt, das ihr die Händchen entgegenstreckt. Um ein Haar glaubt Sirius, das fröhliche Quietschen des Kindes zu hören. Ihm wird schwindlig.

Wie aus weiter Ferne bemerkt er, dass er nach Luft ringt, dass ihm der Schweiß ausbricht, trotz Kühle und Regen. Er taumelt rückwärts in dem instinktiven Versuch wegzukommen, weg von hier, fliehen, solange er noch kann. Panisch reißt er den Flachmann aus der Tasche und stürzt den restlichen Inhalt hinunter, der Alkohol hinterlässt eine Feuerspur, aber es reicht nicht mehr. Zäh und klebrig kriecht der Nebel in sein Bewusstsein, und dann kommen die Bilder.

Es sind keine echten Erinnerungen. Sie gehören zu denen, die die Dementoren ihm eingeimpft haben, aber sie fühlen sich schrecklich plausibel an, konkreter als jede Wirklichkeit. Er steht wieder vor dem zerstörten Haus, und James und Lily sind tot, ihre leblosen Körper liegen im nassen Gras, und gleichzeitig stehen sie vor ihm und sprechen mit ihm.

“Das ist deine Schuld”

, sagt James.

Er deutet auf das brennende Haus. Seine Hand besteht nur aus Knochen, und in seiner Brust klafft ein rauchendes Loch.

“Du hältst dich für so clever”

, fährt er fort, und es klingt, als ob eine Schlange zischt.

“Du hättest nur einmal richtig nachdenken müssen, aber nachdenken ist für Loser, stimmt’s? Du bist schuld, dass er uns gefunden hat.”

“Nein”, flüstert Sirius.

“Lüg nicht”

, fährt Lily ihn an. Ihr rotes Haar fließt wie Blut über ihr bleiches Gesicht.

“Du hättest das verhindern können. Stattdessen hast du dich in irgendwelchen Clubs rumgetrieben. Wir könnten noch leben, wenn du nicht gewesen wärst.”

Ein eisiger Wind kommt auf und trägt das dünne Weinen eines Babys mit sich fort.

“Du hast uns getötet”

, sagt James.

“Du bist schuld, dass wir sterben mussten”

, sagt Lily.

“Nein!” schreit Sirius. “Nein!” Er schreit wirklich, er spürt die Anspannung in der Kehle, aber das Gefühl ist so weit weg, dass es auch einem anderen gehören könnte. Er merkt, wie er strauchelt; noch zwei, vielleicht drei Schritte, dann wird er fallen. Es ist reiner, verrückter Zufall, dass diese drei Schritte ihn zu einer Bank am Rand des Platzes bringen, auf der er zusammenbrechen kann.

Der Aufprall ist hart genug, dass es ihm die Zähne aufeinanderschlägt. Ein paar Haarsträhnen fallen ihm in die Stirn, und wie von selbst finden seine Finger den Weg dorthin. Er greift zu und zieht, heftig und ohne nachzudenken; es tut weh genug, um ihm das Wasser in die Augen zu treiben. Es ist ein Reflex, den er perfektioniert hat über die Zeit, und der ihm immer noch ein wenig Angst macht, weil er so oft und so zuverlässig hilft.

Es hilft auch diesmal. Der Schmerz lichtet den Nebel und holt seine Sinne zuverlässig in seinen Körper zurück. Sirius lässt die Hände sinken und wartet, bis das Zittern aufhört.

Schwer zu sagen, wie viel Zeit vergeht. Sirius atmet tief. Die Luft schmeckt nach Regen und nassem Laub statt nach Rauch und dunkler Magie, und aus seiner Kehle kommt so etwas wie ein geschluchztes Lachen, als er sich behutsam aufsetzt.

Das Denkmal der Potters ist verschwunden. Der Zauber hat bewirkt, was er bewirken sollte, und nun steht wieder der alte Obelisk da, als sei nichts geschehen.

Sirius lässt sich auf der Bank zurücksinken und fährt sich mit einer Hand durchs Gesicht. Sein Blick klärt sich allmählich, und nun fällt ihm auf, dass er genau gegenüber der kleinen Kirche des Ortes sitzt. Links und rechts des Eingangsportals halten Engelsfiguren flackernde Lampen hoch, und daneben schlängelt sich ein schmaler Pfad in die Dunkelheit hinein.

Sirius zieht den Mantel enger um sich, denn der Regen ist stärker geworden und klatscht in kühlen Tropfen auf sein heißes Gesicht. Er erinnert sich wieder. Hinter der Kirche führt der Weg auf eine kleine Anhöhe, und dort oben liegt auch der Friedhof.

Mit einem entschlossenen Ruck wischt er sich Regen, Schweiß und Tränen aus den Augen und steht auf.

----- CHAPTER BREAK -----

Der Pfad endet an einem Eisentor, über dem eine einsame Lampe brennt. Sirius bleibt stehen und späht über die vergoldeten Eisenspitzen hinweg. Dahinter ist der Weg mit weißen Kieseln bestreut, und in den Ausläufern des Lichtkreises kann man schwach die Umrisse der ersten Grabsteine erahnen.

Sirius zieht den Zauberstab aus dem Gürtel und will schon loslaufen, als ihm jäh das Problem bewusst wird, vor dem er jetzt steht: Er hat keinerlei Anhaltspunkte, wo genau er mit der Suche beginnen soll. Das Grab - wenn es denn existiert - kann buchstäblich überall sein. Ihm wird nichts anderes übrigbleiben, als Reihe um Reihe einzeln abzusuchen.

Er verzieht das Gesicht. Na, das wird gleich toll aussehen. Ein Typ im dunklen Mantel, der um Mitternacht auf einem Friedhof herumirrt.

Die jungen Rumtreiber hätten an einer solchen Aktion ihre helle Freude gehabt:

‘Ich wette, das traust du dich nicht!’ ‘Na warte!’

Sirius kann nicht anders, als wehmütig zu grinsen. Wie unschuldig sie damals waren, dass ihnen der Gedanke an einen nächtlichen Friedhof noch ein wohliges Gruseln bescheren konnte. Es ist ja nicht so, als ob von Toten irgendeine Gefahr ausginge. Wenn man es nicht gerade mit Inferi zu tun hat, sind Tote die friedlichste Gesellschaft, die man sich denken kann.

Nein, es sind die Lebenden, vor denen man sich in Acht nehmen muss. Diese schmerzliche Lektion hat er schon vor langer Zeit gelernt.

Er besieht sich das Tor genauer. Kein Schloss zu erkennen. Warum sollte ein Friedhof auch abgesperrt sein? Er streckt die Hand aus.

Das nasse Metall der Klinke schmiegt sich kalt und unnachgiebig in seine Handfläche. Für die Dauer eines Herzschlags wird das Rauschen des Windes in den Bäumen zur Brandung des Meeres, aber das war immer ein vertrautes, verlässliches Geräusch, und der Eindruck verschwindet so schnell, wie er gekommen ist. Quietschend schwingt die Tür vor ihm auf.

“Lumos”, flüstert er und hält den leuchtenden Zauberstab in die Höhe. Der Regen hat inzwischen aufgehört, aber die Resthitze des Tages lässt das Wasser als weiße Schlieren aus dem Boden steigen und durch die Luft wabern. Im Gegenlicht des Zaubers wirken sie fast grell.

Langsam schreitet Sirius die Reihen der Gräber ab, liest Namen und Zahlen, die ihm nichts bedeuten. Es ist eine nervenaufreibende Prozedur, denn bei jedem neuen Grabstein lässt hoffnungsvolle Furcht seinen Puls in die Höhe schnellen, nur damit jeder neue, unbekannte Name ihn gleich darauf wieder in dumpfe Enttäuschung zurück stößt. Schon nach wenigen Minuten hat er das irritierende Gefühl, dass ein Dutzend Ameisen unter seiner Haut herumkrabbelt.

“Komm schon, Jamie”, murmelt er in die Dunkelheit. “Wo steckst du?”

Irgendwo am Waldrand schreit eine Eule. Das unerwartete Geräusch zerrt an Sirius’ überreizten Nerven, und um ein Haar hätte er den Zauberstab fallen gelassen. Für einen Moment schließt er die Augen und atmet einmal durch. “Das hätte dir gefallen, nicht wahr?” sagt er, lauter diesmal. “Dass ich hier rumstolpere wie ein Vollidiot, während du dich kaputt lachst.” Wie die Vorstellung an seinem Stolz kratzt - und gleichzeitig erfüllt sie seine Brust mit Wärme.

Während er weitergeht, wird der Nebel allmählich dichter und beginnt die Geräusche der Nacht von ihm abzuschirmen. Nur seine Schritte knirschen übernatürlich laut auf dem Kiesweg. Er ist bereits am Ende der vierten Grabreihe angekommen und hat aufgehört, die Namen wirklich zu lesen. Sie ziehen nur noch als Aneinanderreihung von Buchstaben an seinen Augen vorbei.

“Weißt du, es gibt eine Sache, die ich dich immer fragen wollte”, sinniert er weiter und wundert sich dabei, was er da eigentlich tut. Wieso redet er mit einem Toten, so als könnte James ihm antworten? Ist er jetzt völlig durchgedreht? Er erinnert sich, dass er das in Askaban manchmal getan hat, mit Leuten geredet, die nicht wirklich da waren, weil er Angst hatte, in der Einzelhaft irre zu werden, wenn er nicht ab und zu wenigsten die eigene Stimme hören konnte. Er hat es sich irgendwann abgewöhnt, nachdem er festgestellt hat, dass er dabei erst recht wie ein Geisteskranker wirkt.

Aber jetzt gerade fühlt es sich irgendwie richtig an, so als würde James tatsächlich zuhören, also fährt er fort.

“Wieso bist du eigentlich nicht abgehauen, als er aufgetaucht ist? Wieso hast du dir nicht Lily und Harry geschnappt und bist gerannt oder appariert oder irgendwas? Ich meine… scheiße, du musst doch gewusst haben, dass du keine Chance hattest. Oder wolltest du wieder mal den Helden spielen?”

Er kann die Bitterkeit dieser letzten Worte förmlich schmecken. Die Vorstellung ist nicht völlig aus der Luft gegriffen. James hätte alles für seine Familie getan, und der Gedanke, dass sein bester Freund gestorben ist, weil er das irgendwie für seine Pflicht hielt, ist für Sirius fast noch unerträglicher als die Sache selbst. Er spürt einen stechenden Schmerz in den Handflächen und registriert, dass er gerade die Hände zu Fäusten ballt.

Was, wenn es wirklich so war?

“Das wäre so typisch für dich. James Potter, der Beschützer der Schwachen. Immer der edle Ritter auf dem weißen Pferd, nicht wahr? Hast du eigentlich eine Ahnung, wie mich das angekotzt hat?!”

Er weiß, dass er viel zu laut ist, aber der Nebel schluckt das Echo, und in dieser unheimlich stillen Umgebung fällt ihm die Lüge wie ein Stein vor die Füße. Wie kommt er dazu, solche Dinge zu behaupten? James Potter hat nie gezögert, sich vor die zu stellen, die ihm wichtig waren; er hat Besseres verdient, als dass sein bester Freund ihm die Schuld an seinem eigenen Tod gibt. Als ob sie nicht wüssten, wer dafür verantwortlich ist.

So, das weißt du also, ja? Dann hör auf, dummes Zeug zu quatschen und komm endlich zum Punkt!

Mit einer fahrigen Handbewegung streicht sich Sirius die Haare aus dem Gesicht. Seine Augen brennen.

“Ich weiß doch, dass es meine Schuld war”, flüstert er erstickt. “Ich hätte sehen müssen, dass Peter dahintersteckt und nicht Remus. Ich hätte vorsichtiger sein müssen, ich hätte besser auf euch aufpassen müssen. Das stimmt ja alles. Merlin, denkst du, ich wüsste das nicht?!”

Die fünfte Gräberreihe ist zu Ende, aber er erkennt es nur daran, dass der Kies vor seinen Füßen in Gras überzugehen beginnt. Der Nebel ist so dicht geworden, dass die Welt ringsherum verschwunden ist. Seltsam teilnahmslos starrt Sirius in den Dunstschleier und fragt sich, was wohl dahinter liegt. Geht der Weg dort weiter und führt zu anderen Gräbern oder zum Ausgang? Der logische Teil seines Verstandes sagt ihm, dass es so sein muss. Ein anderer Teil fragt sich, ob hinter dieser weißen Wand die Welt einfach aufhört.

Ja, und auch das passt irgendwie zu James. Der kindische Freak hat sich gern einen Spaß daraus gemacht, sich unter seinem Tarnumhang zu verkriechen und seine Freunde stundenlang nach ihm suchen zu lassen - vorzugsweise immer dann, wenn man ihn gerade mal dringend brauchte.

Sirius hat das verwirrende Gefühl, dass irgendwie alles beim Alten geblieben ist.

Er macht einen Schritt in den Nebel hinein, und weil sich dahinter kein Abgrund auftut, noch einen und einen weiteren. Dann muss er stehen bleiben, weil eine Brise den Dunst wabern lässt und ihm dadurch tatsächlich das Gefühl vermittelt, als stünde er schwankend mitten im Nichts. Und weil es sich so schrecklich real anfühlt, dass er wirklich damit rechnet, jeden Moment in die Unendlichkeit zu stürzen, spricht er auch noch den letzten Gedanken aus, der ihm seit fünfzehn Jahren keine Ruhe lässt, den er in den tiefsten Tiefen seines Bewusstseins vergraben hat, weil er sich so sehr schämt dafür, so sehr, dass es körperlich weh tut.

“Das ist so… so verdammt unfair von euch. Ihr sterbt einfach, und ich… kann euch nicht mal mehr sagen, wie leid es mir tut.”

Vielleicht hat das Schicksal ein Einsehen, wenn es so etwas wie Schicksal gibt. Aber wahrscheinlich ist es bloß ein wunderlicher Zufall, der den Wind in diesem Moment auffrischen lässt und den Nebel beiseite schiebt. Direkt vor Sirius beginnt die nächste Reihe aus Gräbern, er kann die ersten drei erkennen. Die Gedenksteine der beiden ersten sind schon ziemlich verwittert und mit Moos überzogen. Das dritte jedoch sieht verhältnismäßig neu aus. Der schlichte, weiße Marmor scheint im Gegenlicht fast zu leuchten. Ein heiß-kalter Schauer durchläuft Sirius’ Körper, als er die beiden Namen liest.

James Potter

geboren am 27. März 1960, gestorben am 31. Oktober 1981

Lily Potter

geboren am 30. Januar 1960, gestorben am 31. Oktober 1981

Ohne den Blick von den Buchstaben zu lösen, lässt sich Sirius auf die Knie sinken und legt den leuchtenden Zauberstab neben sich auf den Boden. Ganz behutsam streckt er die Hände aus und legt sie auf die weiße Grabplatte. Er weiß nicht, ob man das darf, auf einem Friedhof, aber alles in ihm drängt danach, sich zu vergewissern, dass er kein Trugbild vor sich hat. Nur weil man etwas sieht, heißt das noch lange nicht, dass es wirklich da ist. Soviel hat er gelernt.

Der Stein ist kühl und glatt unter seinen Handflächen, und er spürt noch die Feuchtigkeit des Regens, der sich darauf gesammelt hat. Kein Zweifel, das hier ist so echt, wie es nur sein kann. Sirius’ Blick kehrt zu den beiden Namen auf dem Grabstein zurück.

Sie sind also doch hier. Und jemand hat dafür gesorgt, dass die Welt das weiß. So, wie es sein sollte.

Sirius bleibt still sitzen und wartet darauf, dass die Erkenntnis irgendein Gefühl in ihm auslöst. Aber alles, was er spürt, ist Kälte: die Kälte des Nebels, die durch seine Kleidung kriecht; die Kälte des Grabes, die an seinen Handflächen nagt. Von allen Seiten sickert sie in ihn hinein, macht ihn taub, und mit der Taubheit kommt eine Art seltsames Wiedererkennen.

Die schlimmsten Momente in Askaban waren nicht die, in denen sie ihm nur die schlechten Erinnerungen ließen. Nein, das schlimmste war, wenn da nichts Gutes mehr war, dass sie noch aus ihm hätten heraussaugen können, und sie dennoch vor seiner Zellentür standen und er gar nichts mehr fühlen konnte, nicht einmal mehr Schmerz. Wenn da nur noch die Kälte und die Dunkelheit waren und die ohnmächtige Gewissheit, dass sein Geist im Begriff war, in diesem schwarzen Abgrund zu ertrinken.

Sirius spürt seinen Körper nicht mehr. Um ihn herum ist nur tiefer, lichtloser Raum, und schon bald wird er sich darin auflösen.

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Da wird die Leere von einem Geräusch durchdrungen, nur schwach zuerst, aber stetig deutlicher werdend: ein gleichmäßiges Knirschen wie von näherkommenden Schritten, und dann sagt eine leise Stimme: “Sirius.”

Der lichtlose Raum beginnt sich ein wenig aufzuhellen. Sirius wird plötzlich bewusst, dass er die Augen geschlossen hat, also öffnet er sie und stellt erstaunt fest, dass alles noch da ist: er selbst, das Grab, der nächtliche Friedhof. Die Kieselsteine drücken sich schmerzhaft in seine Knie, und mit einem Mal spürt er auch das Zittern, das ihn schüttelt.

Die Schritte kommen neben ihm zum Stehen, gefolgt von einem leisen Rascheln. Instinktiv erfasst Sirius die Nähe eines anderen Körper, der sich neben ihm niederkauert. Eine Hand legt sich auf seine Schulter. “Sirius”, sagt die Stimme erneut.

Sirius steht noch ein bisschen zu nahe am Abgrund, um die Stimme einordnen zu können, aber das fehlende Gefühl von Bedrohung sagt ihm, dass er die Person kennen muss. Er holt tief Atem und dreht sich um.

Das Gesicht des anderen ist nahe vor seinem, und im Licht eines zweiten Zauberstabs nimmt Sirius eine Reihe vertrauter Einzelheiten wahr: Haare kurz und hellbraun, von Silber durchzogen, Dreitagebart, bernsteinfarbene Augen, die ihn eindringlich mustern. “Sirius”, sagt Remus zum dritten Mal und drückt behutsam seine Schulter. “Hey. Ich bin’s.” Er legt eine Hand an Sirius’ Wange und dreht sein Gesicht ein wenig mehr zu sich. “Hörst du mich?”

Stirnrunzelnd betrachtet Sirius seinen Freund; die Spannung um den Mund, die leicht zusammengezogenen Augenbrauen, und plötzlich begreift er, was hier los ist: Remus hat Angst.

Er verbirgt es gut, aber sie kennen sich zu lange.

Das ist nicht richtig. Ja, er war wütend auf Remus - auch wenn er sich gerade nicht erinnern kann, warum - aber trotzdem will er nicht, dass der andere sich seinetwegen ängstigt.

“Ja”, antwortet er deshalb leise. “Ich höre dich.”

Remus atmet langsam aus. “Was machst du denn hier? Wir haben uns Sorgen gemacht. Geht’s dir gut?”

Sirius weiß nicht genau, was er mit dieser Information anfangen soll. Er kann nicht einmal die Frage beantworten, denn er glaubt nicht, dass es ihm gerade ‘gut’ geht in dem Sinne, wie Remus das versteht. Dieser wartet aber auch keine Antwort ab, sondern streicht ihm mit beiden Händen die feuchten Haare aus dem Gesicht.

“Merlin, du bist eiskalt”, murmelt er. “Komm mit nach Hause, du holst dir noch eine Lungenentzündung.”

Das stimmt vermutlich, aber Sirius schüttelt den Kopf und dreht sich weg, so dass Remus ihn loslassen muss. Er hat James und Lily gerade gefunden. Er weiß zwar nicht, was er jetzt tun soll, aber er spürt deutlich, dass er nicht einfach weggehen kann. Noch nicht.

“Sirius”, sagt Remus eindringlich, “du kannst nicht -” Doch dann unterbricht er sich plötzlich, als hätte er es sich anders überlegt, und das ist so ungewöhnlich, dass Sirius sich ihm erstaunt wieder zuwendet.

Remus hat die Unterlippe zwischen die Zähne gezogen, lässt sie aber sofort los, als er Sirius’ Blick bemerkt. Ein unsicheres Lächeln huscht über sein Gesicht. “Okay”, flüstert er. “Ich… ich zaubere ein bisschen, ja? Nicht erschrecken.”

Im nächsten Moment spürt Sirius, wie ihm merklich wärmer wird, als hätte jemand in seinem Inneren ein kleines Feuer entfacht. Die Feuchtigkeit verschwindet aus seinen Kleidern, und selbst der Boden unter ihm fühlt sich mit einem Mal wärmer und sogar weicher an. Er muss ein bisschen lächeln, einmal aus Dankbarkeit und einmal, weil die Warnung so rührend ist. Remus hat eine sehr angenehme Art zu zaubern, ruhig und präzise, ganz anders als die überschäumende Intensität, mit der Sirius seine eigene Magie wirkt. Es ist kaum möglich, sich davor zu erschrecken.

Ein kleines, scharfes Geräusch zieht seine Aufmerksamkeit auf sich. Remus hat einen der langen Grashalme, die an den Rändern des Grabes wachsen, abgepflückt, und berührt ihn nun sanft mit dem Zauberstab. Staunend schaut Sirius zu, wie das unscheinbare Gewächs sich in eine voll erblühte, langstielige Rose verwandelt.

Wortlos hält Remus ihm die Blume hin, und Sirius spürt, wie seine Kehle sich zusammenzieht als er versteht, was der andere von ihm erwartet. Mit zitternden Fingern nimmt er die Rose aus Remus’ Hand. Sie hat keine Dornen, bemerkt er, und fragt sich, ob das Absicht ist - normalerweise sind Remus’ Transfigurationen perfekt. Einen Moment lang hält er die Blume krampfhaft fest, bevor er sich einen Ruck gibt und sie behutsam auf dem Grab niederlegt.

Das kräftige Rot hebt sich schmerzlich intensiv von der fahlen Marmorplatte ab. Sirius denkt an Blutspuren im Schnee, während er für einen Augenblick die flache Hand über dem dünnen Stängel ruhen lässt. Da hört er, wie Remus neben ihm scharf die Luft einzieht.

Noch bevor er sich richtig umgedreht hat, hat der andere schon seine Hände ergriffen und zieht sie ins Licht ihrer Zauberstäbe. “Was ist passiert?” will er wissen. Verständnislos schaut Sirius erst seinen Freund an und dann hinunter auf seine Finger.

Die Haut ist aufgeschürft und teilweise blutig, und einige Nägel sind abgebrochen. Es sieht definitiv schmerzhaft aus, aber vielleicht liegt es an der Kälte in seinen Fingern, dass er nichts davon spürt.

Verwirrt starrt Sirius auf die Blessuren. Wo kommt das auf einmal her?

Unwillkürlich dreht er den Kopf, und obwohl das Licht nur schwach ist, kann er sie plötzlich sehen, die dünnen roten Schlieren, die sich hier und da von der hellen Grabplatte abheben.

Ein Schauer überläuft ihn, als ihm ein Verdacht kommt. Er hat seine Hände schon ein paarmal so gesehen, nämlich immer dann, wenn Tatze verzweifelt versucht hat, sich mit beiden Pfoten durch die Mauern von Askaban zu graben.

Ist Tatze heute Nacht hier gewesen? Als Sirius im lichtlosen Raum war, hat der schwarze Hund da die Führung übernommen und versucht, sich durch den weißen Marmor zu scharren, um zu den beiden zu gelangen, die darunter liegen, stumm und vermodernd?

Remus’ Hände schließen sich fest um Sirius’ Finger, und ihre Wärme brennt auf Sirius’ kalter Haut. Er sieht, wie Remus mühsam schluckt. “Komm mit nach Hause, Sirius”, sagt er, und seine Stimme hat etwas beinahe Flehendes angenommen. “Bitte.”

Und diesmal nickt Sirius. Nach Hause. Ja, vielleicht ist das wirklich das Beste, denn mit einem Mal spürt er die bleierne Müdigkeit, die begonnen hat, sich auf ihn herabzusenken.

Ohne Protest lässt er sich von Remus auf die Beine helfen, lehnt sich gegen ihn und hält sich einfach nur fest, als er ins Dunkel einer Apparation gerissen wird.

----- CHAPTER BREAK -----

Als Remus das Zimmer betritt, nimmt Sirius gerade den Zauberstab zur Hand und richtet ihn auf seine Finger.

Remus levitiert den Becher, den er trägt, auf den Tisch, dann geht er zu seinem Freund hinüber und nimmt ihm den Stab ab. “Lass”, sagt er so weich wie möglich. “Ich mache das.”

Ein paar dunkle Haarsträhnen, noch feucht von dem heißen Bad, das Remus angeordnet hat, fallen Sirius über die Augen, als er erstaunt aufblickt, aber Remus wartet seine Reaktion nicht ab. Mit sanfter Entschlossenheit schiebt er Sirius zum Sofa vor dem Kaminfeuer, drückt ihn darauf nieder und setzt sich ihm gegenüber.

Auf dem niedrigen Teetisch steht alles, was er braucht. Er bettet Sirius’ Hände auf seine Knie und beginnt die Blessuren an den Fingern mit Wundsalbe zu betupfen.

Es wäre nicht nötig, so umständlich vorzugehen. Ein einfacher Heilzauber, wie Sirius es wohl vorgehabt hat, wäre ungleich schneller und völlig ausreichend.

Aber es geht Remus gerade nicht darum, möglichst schnell fertig zu werden.

Was ihn erleichtert und gleichzeitig erstaunt, ist die Tatsache, dass Sirius ihn so widerspruchslos machen lässt. Vielleicht ist er noch zu sehr in seine eigenen Gedanken verstrickt. Seit sie zurück am Grimmauldplatz sind, hat er noch kaum ein Wort gesagt, und ein schweigsamer Sirius ist mehr als bedenklich. Aber vielleicht - und Remus spürt einen Stich in der Magengrube - vielleicht genießt er es auch einfach, dass sich jemand mal die Zeit nimmt, sich vernünftig um ihn zu kümmern.

Immerhin sieht Sirius schon wieder etwas mehr wie er selbst aus als noch vor einer Stunde. Der Blick, mit dem er Remus’ Tun verfolgt, ist wach und klar, und er hat ein wenig Farbe ins Gesicht bekommen, und sei es vielleicht nur durch das heiße Bad. Er sieht wieder aus wie der letzte Erbe des Hauses Black, der ein Recht hat, auf dieser smaragdgrünen Couch in der alten Familienbibliothek zu sitzen, nicht wie ein verirrter Landstreicher, den jemand vergessen hat.

Es ist Remus peinlich, dass ihn dieser Gedanke so erleichtert, und nicht nur, weil er weiß, wie sehr Sirius diese Beschreibung verabscheuen würde. Aber in der letzten Stunde hat er etwas über sich selbst gelernt. Mit Dreck, Blut und Wunden kann er umgehen. Wäre auch seltsam, wenn nicht. Wohl kaum jemand hat mit diesen Dingen so intime Erfahrungen wie Remus.

Womit er nicht umgehen kann, ist die dumpfe Leere, dieses absolute Nichts, das er heute Nacht in Sirius’ Augen gesehen hat.

Er klebt eine der größeren Wunden mit einem Pflaster ab und will sich der nächsten zuwenden.

“Wo hast du das Muggelzeug her?” fragt Sirius.

Remus zuckt ein wenig zusammen bei dieser unvermittelten Unterbrechung seiner Gedanken. Er blickt auf und sieht Sirius mit einer Kopfbewegung auf den Verbandskasten auf dem Tisch deuten.

“Poppy”, antwortet er. “Sie hortet alles, was sie kriegen kann, und sie faucht jeden an, der es wagt, etwas gegen das Muggelzeug zu sagen.

‘Wer weiß, wofür es noch gut ist.’

Naja, du kennst sie ja.”

Sirius nickt, und ein Lächeln huscht über sein Gesicht bei Remus’ missglücktem Versuch, Poppys Stimme nachzuahmen. Einen winzigen Augenblick zögert Remus, doch dann denkt er, dass er eine bessere Chance wohl nicht kriegen wird.

Er greift nach dem Becher, über dem sich feiner Dampf kräuselt. “Hier”, sagt er und hält ihn Sirius hin, “trink das, damit du warm bleibst.”

Mit der freien Hand angelt sich Sirius den Becher heran und bläst behutsam in die heiße Flüssigkeit. Aus dem Augenwinkel beobachtet Remus, wie sein Freund einen vorsichtigen Schluck nimmt.

Sofort verzieht sich Sirius’ Gesicht zu einer Grimasse. “Was ist das?”

Remus nimmt noch etwas Salbe. “Met”, antwortet er und will weitertupfen, aber Sirius zieht mit einem energischen Ruck die Hand weg.

“Met - und was noch?” fragt er scharf.

Remus unterdrückt ein Seufzen und hebt den Kopf, zwingt sich, Sirius anzusehen. “Trank für traumlosen Schlaf”, sagt er. “Zwei Tropfen.”

Die Dosis ist so gering, dass sie gar nicht wahrnehmbar sein sollte. Sirius kann unmöglich einen derart ausgeprägten Geschmackssinn haben. Es müssen Tatzes tierische Sinne sein, die da angeschlagen haben.

“Und das sagst du mir nicht, weil..?!” In Sirius’ Augen gleißt ein Feuer.

Remus könnte ihm die einfache Antwort geben. Dass Sirius dringend Ruhe braucht und der Trank schlicht das einfachste Mittel dafür darstellt. Es wäre nicht gelogen.

Es wäre aber auch nicht die volle Wahrheit.

Erschöpft fährt er sich mit der Hand durchs Gesicht. Merlin, er braucht eine Rasur, und zwar dringend.

“Moony… mag es nun mal nicht, wenn ihm das Rudel abhanden kommt”, setzt er vorsichtig an, wird aber sofort unterbrochen, als Sirius gehässig auflacht.

“Ja, klar. Schieb’s auf den armen Wolf. Die Erfahrung, dass ich dem Orden uneingeschränkt vertrauen kann, durfte ich ja gerade erst machen.”

Und da bricht plötzlich alles über Remus herein; die Angst, die Sorge, die Gewissensbisse, und ja, auch die Wut. Wut auf sich selbst, weil er nicht der Freund war, der er hätte sein sollen. Und Wut auf Sirius, der gar nicht so dumm sein kann, wie er sich stellt.

“Verdammt nochmal, Tatze”, sagt er laut und staunt selbst über die Härte in seiner Stimme. “Lass den Blödsinn. Ich weiß, du siehst dich gern in der Rolle des tragischen Helden - und versteh mich nicht falsch, du hast jedes Recht, wütend zu sein. Aber Moony - wir beide - wir fanden es wirklich nicht lustig, mitten in der Nacht durch mehrere Grafschaften zu hetzen, nur um dich blutend und apathisch auf einem Friedhof aufzulesen. Mag ja sein, dass dir solche Aktionen etwas geben, aber für die meisten Leute ist sowas nur in einem Shakespeare-Stück romantisch, das kannst du mir glauben.”

Für die meisten Wölfe übrigens auch. Und dabei kann Sirius noch dankbar sein, dass er einigermaßen aufrecht und unbelästigt auf diesem Sofa sitzt. Ginge es nach Moony, würde er jetzt bewusstlos unter einem Haufen Decken im dunkelsten und abgeschiedensten Winkel dieses Hauses liegen, und Remus würde buchstäblich auf ihm draufsitzen und dafür sorgen, dass dieser dumme Hund keinen Schritt mehr aus seiner Reichweite tut.

Das Gefühl ist so stark, dass er bewusst ein Knurren unterdrücken muss. Trotzdem sieht er, wie Sirius ein wenig zurück zuckt. Die Geste ist minimal, doch sie reicht aus, damit das menschliche schlechte Gewissen wieder die Oberhand gewinnt und ihn streng daran erinnert, dass er nicht das Recht hat, den Leuten heimlich Schlaftränke unterzujubeln, und wenn es noch so gut gemeint ist.

Betreten will er seiner inneren Stimme gehorchen und streckt schon die Hand aus, um den Becher wieder an sich zu nehmen. Und da tut Sirius das Letzte, mit dem er gerechnet hätte: Er rückt von Remus weg, ganz offen diesmal, lehnt sich in die Couchecke und hält sich an dem Met-Schlaftrunk-Gemisch fest, als gelte es sein Leben. “Schon gut”, murrt er. “Ich hab’s kapiert; hör auf mich anzuknurren.” Und damit setzt er den Becher an den Mund und nimmt einen tiefen Schluck, ohne mit der Wimper zu zucken.

Remus starrt ihn an und versucht, aus der Situation schlau zu werden. Verdammt, er wollte nicht so aggressiv rüberkommen.

Andererseits wirkt der Blick, mit dem Sirius ihn mustert, eher überrascht als ängstlich, und auch der Wolf, der aufmerksam wittert, kann nichts wahrnehmen, was auf Stress hindeuten würde.

Und nein, Remus wird jetzt keine Befriedigung darüber verspüren, dass der Leitwolf erfolgreich die Rangordnung wieder hergestellt hat. Da sitzt ein Mann vor ihm, der eine traumatische Nacht hinter sich hat, und der jetzt gewiss etwas anderes von ihm braucht als kleinliche Machtspielchen.

“Danke”, sagt er, und weiß nicht so recht, was genau er damit meint.

Für ein paar Minuten kehrt Stille ein. Das Feuer im Kamin knackt vor sich hin, während Sirius trinkt und Remus gnädig gewährt wird, die letzte Wunde zu verbinden. Schließlich ist der Becher leer, und Remus beginnt, die Verbandsmaterialien einzuräumen.

“Wer hat den Spruch ausgesucht?”

Für einen Moment schließt Remus die Augen. Er ist seit fast vierundzwanzig Stunden auf den Beinen, und die sprunghafte Konversation fängt an, ihm Kopfschmerzen zu bereiten. Mag ja sein, dass das in Sirius’ Kopf alles Sinn ergibt, aber er, Remus, ist nun mal hier draußen.

“Was meinst du?” fragt er.

“Der Grabspruch”, sagt Sirius. “

‘Der letzte Feind, der besiegt werden wird, ist der Tod.’

Wer hat das ausgesucht?”

“Ich”, sagt Remus.

Schwarze Augen mustern ihn nachdenklich. “Warum?” fragt Sirius schließlich. “James konnte mit so philosophischem Kram doch nie was anfangen. Er hat sich das komplette sechste Schuljahr über schlapp gelacht, weil du mit Miltons gesammelten Werken ankamst.”

“Du auch”, erwidert Remus, aber er lächelt. Die Erinnerung hat ihren Stachel verloren, sie ist weich und bittersüß, wie so vieles aus der Vergangenheit.

“Wirklich?” Ein kleines, etwas verschämt klingendes Lachen kommt aus Sirius’ Kehle. “Das weiß ich gar nicht mehr.”

“Schon gut”, meint Remus versöhnlich und schraubt den Deckel auf den Tiegel mit der Salbe. “Und um deine Frage zu beantworten… Ich weiß nicht, warum ich gerade darauf gekommen bin.”

Er weiß es wirklich nicht. Es wird ihm gerade selbst erst bewusst, und er wundert sich darüber, dass es ihm in all den Jahren nie aufgefallen ist. Gedankenverloren starrt er in den Kamin.

“Wahrscheinlich… war es nichts als Trotz”, murmelt er, formt die Worte gleichzeitig mit den Gedanken. “Es war einfach… nichts mehr übrig, damals. James und Lily waren tot, Peter war tot, dachte ich wenigstens… du warst…”

“Im Bau”, hilft Sirius bereitwillig aus. Remus schluckt.

“Wir hatten so sehr gekämpft, und jetzt war nichts mehr da von allem, was mir wichtig gewesen war. Ich wollte… ich wollte, dass nicht alles umsonst gewesen ist. Dass noch irgendwas da ist. Und wenn es nur dieser kleine Satz war.”

Merlin, er redet ja völlig wirr. Die züngelnden Flammen verschwimmen vor seinen Augen; er muss ein paar mal blinzeln, um wieder klare Sicht zu bekommen.

Sirius löst sich aus seiner Couchecke und stellt den leeren Becher auf den Tisch. Remus schaut zu, wie er den Kopf in die Hände legt und sich ein paar mal grob übers Gesicht reibt, bevor er energisch ausatmet. Ein seltsamer Anflug von Panik macht sich in Remus breit, und er hat die Worte schon auf der Zunge: vergiss es, es ist so lange her, ist unwichtig, bedeutet nichts…

Aber Sirius kommt ihm zuvor.

“Ich hab die Monde gezählt”, sagt er leise. Sein Blick ist starr in die Flammen gerichtet, so wie Remus’ eigener noch vor ein paar Sekunden. “Gegenüber von meiner Zellentür war ein Fenster, dadurch konnte ich sehen, wenn Vollmond war. Und für jeden Mond hab ich einen Strich in die Wand geritzt, mit einem Stein. Irgendwann war die halbe Wand voller Striche.”

Remus bemerkt, dass er den Atem angehalten hat. Unverwandt hängt sein Blick am Gesicht seines Freundes, das er nur im Profil sehen kann.

“Es war total bescheuert”, fährt Sirius fort. “Aber es hat sich ein bisschen angefühlt, als wäre noch irgendwas da von früher. Ich hab mir den Mond angeschaut und gedacht, irgendwo da draußen sind Harry und Remus und sehen jetzt vielleicht auch da hoch. Es war kein besonders glücklicher Gedanke, deshalb hat er die Dementoren nie interessiert. Aber manchmal, wenn’s richtig schlimm war, konnte ich die Striche zählen und denken: Bis zum nächsten Mond schaffst du’s noch. Den nächsten Strich will ich noch machen.”

Remus sitzt starr und sprachlos, versteinert unter der Wucht der Emotionen, die auf ihn einstürmen. Sirius hat noch nie so detailliert über Askaban gesprochen. ‘Das willst du nicht wissen’ war die Standardantwort, wenn Remus vorsichtig versucht hat, das Thema anzuschneiden, und irgendwann hat er es dabei bewenden lassen, vielleicht auch ein bisschen erleichtert darüber, sich nicht mit Einzelheiten befassen zu müssen, die er sowieso nicht mehr ändern kann.

Und jetzt, ausgerechnet jetzt, nachdem Remus ihm so ziemlich jeden Grund gegeben hat, an ihm zu zweifeln, entscheidet sich Sirius dafür, ihm zu vertrauen, und jedes Wort ist scharf und spitz und reißt den Schorf weg, den Remus so sorgfältig über die Wunden der Vergangenheit gelegt hat. Dieser verdammte Mistkerl, wie kann er es wagen!

Und doch… die Monde.

Er hat die Monde gezählt.

Es fühlt sich an, als stünde er einbeinig auf einem Hochseil. Die nächste Bewegung, das nächste Wort wird darüber entscheiden, ob er sie beide in den Abgrund reißt oder sie heil auf die andere Seite bringt, und sein Herzschlag droht seinen Brustkorb zu sprengen.

Da dreht Sirius den Kopf und grinst ihn über die Schulter hinweg schief an. “He”, sagt er mit rauer Stimme. “Fang jetzt bloß nicht an zu heulen, du Mädchen.”

Für einen kurzen Moment starren sie sich stumm an. Dann bricht Sirius in ein halb unterdrücktes, prustendes Lachen aus, und das Geräusch bewirkt, dass Remus sich plötzlich wieder rühren kann. Er lässt die Stirn in die hohle Hand sinken und lässt das Gefühl der nachlassenden Spannung über sich hinweg strömen ohne zu wissen, ob er nun mitlacht oder tatsächlich weint. Es ist ihm auch herzlich egal. Und wenn da tatsächlich eine Träne in seinem Augenwinkel hängt, die er verstohlen wegwischt - was soll’s. Er ist ziemlich sicher, dass Sirius das gleiche tut. Er atmet tief und langsam ein.

“Eines Tages, Tatze”, versichert er seinem Freund, “eines Tages werde ich dich umbringen. Rumtreiber-Ehrenwort.”

Sirius lässt sich gegen die Couchlehne zurücksinken. Er grinst immer noch. “Das haben die Dementoren nicht hingekriegt. Wie kommst du drauf, dass du das schaffst?”

Remus schüttelt den Kopf. “Bitte”, sagt er. “Keine Askaban-Witze.” Nicht, dass er nicht zu schätzen weiß, was Sirius da versucht, aber er fühlt sich noch ein bisschen zu zittrig für derart schwarzen Humor.

“Ist gut”, sagt Sirius friedfertig. Er schließt für einen Moment die Augen, wobei er den Kopf schüttelt, als wolle er ein Schwindelgefühl vertreiben. Wahrscheinlich beginnt der Schlaftrunk zu wirken. Remus’ Verdacht bestätigt sich, als Sirius die Augen öffnet und ihn mit leichtem Silberblick anschaut. Er presst Daumen und Zeigefinger gegen die Nasenwurzel. “Scheiße”, murmelt er. “Das waren mehr als zwei Tropfen, gib’s zu.”

“Dann wärst du jetzt nicht mehr so redselig”, erwidert Remus amüsiert.

Sirius greift sich eins der smaragdgrünen Kissen und wirft es nach ihm, aber der Bewegung fehlt es deutlich an Nachdruck. Remus fängt das Kissen mit Leichtigkeit ab, wirft es zurück und schaut nachdenklich zu, wie Sirius die Arme darum schlingt, als brauche er dringend etwas zum Festhalten. “Und jetzt?” fragt er leise. “Wie geht’s jetzt weiter? Hast du… herausgefunden, was du wissen wolltest?”

Sirius vollbringt das außergewöhnliche Kunststück, ihn selbst unter fortschreitendem Schlaftrunk-Einfluss noch zornig anzufunkeln. “Glaub bloß nicht, dass diese Sache schon erledigt ist”, zischt er. “Ich bin noch nicht fertig mit euch, noch lange nicht!”

“Oh mein prophetisches Gemüt”, bemerkt Remus trocken und fängt sich einen weiteren vernichtenden Blick ein. Ohne loszulassen bettet Sirius das Kissen auf die Couchlehne und drückt mit einem verächtlichen Schnaufen das Gesicht in den grünen Stoff. “Oh, halt die Klappe”, murmelt er und verschlurt dabei ein wenig die Buchstaben. “Wahrscheinlich kann ich noch froh sein, dass sie nicht wirklich in der Themse gelandet sind.”

"Vielleicht reden wir lieber morgen darüber”, schlägt Remus vor. Das wird ihnen beiden Zeit geben - Sirius zum Ausschlafen, und ihm selbst, um sich für die Erkenntnis zu wappnen, wie viel Vertrauen Sirius verloren gegangen sein muss, dass es etwas Ähnliches offenbar in Erwägung gezogen hat. Der Leitwolf in ihm wimmert schmerzlich vor sich hin. Kein Rudelmitglied sollte sich so ausgestoßen fühlen müssen.

Mit einem

Accio

holt Remus die Wolldecke heran, die auf einem der Sessel liegt, und macht sich daran, sie über seinen halb schlafenden Freund auszubreiten. Seine Hände verharren etwas länger als nötig, und er ist froh, dass er den Vorwand hat, die Decke glatt streichen zu wollen. Falls Sirius es bemerkt, gibt er es durch nichts zu erkennen. Seine Augen gehen langsam zu.

Eine eigentümliche, aber tief empfundene Zärtlichkeit kommt in Remus hoch, als ihm klar wird, dass er nun für den Rest des Tages hier sitzen und zur Stelle sein wird, falls Sirius auch nur einmal zucken sollte. Es ist lange her, dass er so über sein Rudel gewacht hat - ein Rudel, das immer schon besondere Aufmerksamkeit gebraucht hat, weil es nun einmal aus Geschöpfen bestand, denen die wölfischen Instinkte fehlten. Und ganz besonders auf diesen hier musste man ein Auge haben, der gern und mit viel Talent so tut, als sei er ein einsamer Wolf, und dem die Einsamkeit doch noch nie gut getan hat.

Er stellt fest, dass er sich darauf freut. Und diese Erkenntnis ist warm und tröstlich.

Da fällt ihm plötzlich etwas ein, etwas, das er Sirius noch ganz dringend schuldet. Er legt eine Hand auf die Schulter seines Freundes. “Tatze”, flüstert er.

Sirius’ Atemzüge werden tiefer. Noch ein paar Sekunden, und er wird eingeschlafen sein.

“Nächstes Mal”, sagt Remus mit weicher Stimme, “geh nicht allein.”

Und Sirius nimmt sein Antwortlächeln mit in den Schlaf.

*Fin*

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