Work Text
November 1776
‘Tis not in numbers, but in unity, that our great strength lies; yet our present numbers are sufficient to repel the force of all the world.
Common Sense, Thomas Paine Es hatte schon lange in der Luft gehangen wie eine dicke schwere Wolke, dieser Duft nach einem neuen Morgen, der Wind war durch die Straßen gefegt und hatte alles Alte mit sich gerissen. Die Revolution würde kommen, das wussten die Kolonisten am 16. Dezember 17731- und was für eine Revolution, so etwas hatte es noch nie gegeben.Eine Revolution für den Politiker, der flammende Reden hielt im Abgeordnetenhaus von Virginia2, für den einfachen Mann der große Visionen hatte, größere als sie ihm in einer Monarchie zustanden.Der Krieg würde kommen, das wussten die Kolonisten am 19. April 17753- und was für ein Krieg, er begann mit dem Schuss, der um die Welt gehört wurde.Krieg für die zivile Bevölkerung, für den Soldaten, ganz gleich ob er nun aus England, den Kolonien oder Hessen kam.Ihre Regierung hatte Verrat an der Krone begangen, das wussten die Kolonisten am 4. Juli 17764- und was für ein Verrat, die Unterschriften von 56 Männer auf einer Seite Pergament.Verrat war es für den Royalisten, der weiterhin auf seinen König hoffte, für den britischen Soldaten, der nun von Männern attackiert wurde, die er einst seine Brüder nannte.Für einige brachten die angebrochenen Zeiten alles drei auf einmal. Friedrich Deegen hatte seinen Familie verraten, hatte alles hinter sich gelassen und stand nun kurz davor dem Kriegsgeschehen auf den Seiten der kontinentalen Truppen beizutreten. Obwohl er dies aus freien Stücken getan hatte, machte es ihm Angst, wie schnell sich nicht nur sein Leben, sondern auch die Welt um ihn herum verändert hatten.Philadelphia erlebte in diesem Jahr einen vergleichsweise milden Spätherbst, aber wenn die Sonne untergegangen war, wurde es zunehmend kühler und immer weniger Menschen waren auf den Straßen zu sehen.Friedrich Deegen schlug den Kragen gegen den unerbittlichen Novemberwind auf. Ein besorgter Blick gen Himmel verriet ihm, dass es an diesem Abend oder vielleicht auch in der Nacht noch regnen würde. Der Novemberregen war kalt und schwer, aber dennoch im Allgemeinen gern gesehen, wusch er doch den penetranten Geruch von Abfällen, ungewaschenen Körpern und verrottendem Fisch aus der Luft. Das Pflaster unter seinen Füßen war rissig und fühlte sich unangenehm unter den abgelaufenen Sohlen seiner Schuhe an. Ein eisiger Schauer fuhr ihm über den Rücken und sein ganzer Körper war angespannt, als er in die Fourth & Market Street5 einbog. Friedrich hatte die letzten vier Jahre in Philadelphia gelebt und gelernt, musste sich aber eingestehen, dass er mit diesem Viertel nicht sonderlich vertraut war.Er hatte einmal das Gemeindehaus der Religiösen Gesellschaft der Freunde6 - der Quäker, in der Chestnut Straße5 zwischen Third und Fourth Street5 besucht, doch dieser Besuch war nicht von langer Dauer, obwohl er freundlich empfangen wurde. Es war eine typische Quäkerzeremonie, die er besucht hatte und danach hatte er mit einigen der anderen Anwesenden gesprochen, aber es war keines dieser vertrauten oder tiefsinnigen Gespräche, wie er sie in seiner Heimatgemeinde geführt hatte. Verständlicherweise, denn selbst nach vier Jahren Aufenthalt würde er Philadelphia nicht als seine Heimat bezeichnen und er hatte dieses Gemeindehaus nicht oft genug besucht, um wirkliche Kontakte zu knüpfen.Wie in vielen anderen Städten war auch in Philadelphia- ganz besonders in Philadelphia, die Gemeinschaft über der Thematik des Unabhängigkeitskrieges zerstritten. Jene. die für strikten Pazifismus plädierten sahen sich mit Jenen konfrontiert, die sich freie Quäker7 nannten, und die es als ihre Pflicht ansahen zu handeln. Zu Letzteren gehörte Friedrich selbst, ebenso wie die Schneiderin Elisabeth „Betsy“ Ross8, welche unweit von hier, Ecke Second und Arch Street lebte. Zwar war Friedrich nie in ihrem Haus gewesen oder hatte sie sonst einmal getroffen, wohl aber hatte er den Artikel in der Gazette gelesen, in dem die von ihr genähte Flagge der Vereinten Staaten von Amerika beschrieben wurde. Vielleicht hatte dieser Artikel sogar sein Zutun an seiner Entscheidung, sich mustern zu lassen gehabt.Ganz am Ende der Straße, dort wo die Fourth und Cestnut Street5 auf die Market Street5 zulief, war ein kleines Etablissement, eine Taverne, mit dem Namen Indian Queen Tavern9. Friedrich war niemand der häufig Schenken frequentierte, bevor sie von der Universität graduiert waren, hatten viele von seinen Kommilitonen die Abende in fragwürdigen Kneipen mit fragwürdigen Mädchen verbracht- Friedrich hatte sie nie begleitet. Doch schon aus einer relativen Entfernung konnte er erkennen, dass das Indian Queen über eine wesentlich anständigere Gaststube verfügen musste. Das dreistöckige Gebäude hatte eine gepflegte Holzfassade mit jeweils einem großen Fenster im ersten und zweiten Stock. Das untere Fenster war direkt über dem Kellereingang in die Fassade eingelassen und konnte mit Fensterläden verschlossen werden. Neben dem Haupthaus war ein niedriger Bretterschuppen gebaut, auf einer Bank davor saßen zwei Männer, Matrosen ihrer Kleidung nach zu urteilen. In dem benachbarten Geschäft, einer Schneiderei, waren zwei Seidenkleider im Stil der französischen höfischen Mode ausgestellt. Friedrich legte den Kopf schief, als sein Blick über die Kleider schweifte, ein Gedanke geisterte ihm durch den Kopf, aber er schob ihn genauso schnell zur Seite, wie er auch aufgekommen war.Mit einem selbstbestätigenden Kopfnicken stieß er die Tür zu der Taverne auf. Beim Eintreten fiel ihm eine Zinnplakette auf, welche proklamierte, dass in der Gaststube neben Bier und Most auch Wein und Schnaps ausgeschenkt werden durfte10.Im Innenraum war es dank des lebhaften Feuers in dem großen Kamin angenehm warm und auch wenn Tabakrauch schwer in der Luft hing, war es durch das große Fensters recht hell, sodass der gesamte Raum insgesamt geräumiger wirkte, als er wahrscheinlich wirklich war.An der westlichen Wand war der Tresen, lang und aus massivem Holz mit einigen gepolsterten Stühlen davor. Dem gegenüber schmiegte sich der steinernere Kamin an die Zwischenwand, welche den Hauptraum von den Treppenstufen, welche in den zweiten und dritten Stock zu den Logierzimmern führten, abtrennte. Die restliche Einrichtung bestand aus, in kleinen Gruppen um einige Tische organisierte Stühle.Hinter dem Tresen stand ein Mann in seinen späten Dreißigern, in Jacke und Weste gekleide,t11 über seine Rechnungsbücher gebeugt. Bei Friedrichs Eintreten sah er auf und seinem Gast direkt in die Augen. Seine eisblauen Augen ließen Friedrich schaudern.„Was kann ich für sie tun, Sir. Wenn sie ein Zimmer mieten möchten, momentan sind wir leider ausgebucht“, erklärte er monoton und schloss das Buch vor sich. Kopfschüttelnd trat Friedrich vor und zog eine Ausgabe der Pennsylvania Gazette12 aus seiner Manteltasche, legte sie auf den Tresen und deute auf eine der zahlreichen Anzeigen auf der Titelseite. „Ich suche einen gewissen Colonel Haussegger13. In der Anzeige steht, dass er hier logiere und anzutreffen sei.“Der Mann schmunzelte halbherzig, eine Geste die eher verächtlich als wohlwollend erschien, dann deutete er auf eine Gruppe von Männern im hinteren Teil der Gaststätte, halb durch den Kamin verdeckt und fügte hinzu: „Dort hinten, das sind Haussegger und seine Männer.“Mit einem knappen Kopfnicken, nicht unfreundlicher als das Verhalten des Mannes zuvor, bedankte sich Friedrich, steckte die Zeitung wieder ein und ging auf die Gruppe zu. Sein Herz schien mit jedem Schritt schneller zu schlagen, eine große Unruhe machte sich in ihm breit und an seinen Füßen schien Blei zu hängen. Das hier war nicht das Leben von dem er gedacht hätte, es einmal zu führen. Das hier war vollkommenes Neuland, jeder Schritt führte in eine unsichere, ungewollte Zukunft.An dem Tisch angekommen verbeugte Friedrich sich kurz und etwas ungeschickt vor den drei Männern, die dort am Tisch vor ihren Krügen mit Feierabendbier saßen. Er kannte keinen von ihnen, konnte nicht sagen wer Haussegger war und wer nur ein untergeordneter Offizier. Sie alle trugen Uniformen aus dunkelblauer Wolle, die Uniformen der Kontinentalarmee, ein deutliches Zeichen, dass sie sich sicher in Philadelphia fühlten. Zusätzlich zu den Jacken trugen sie farbige Kokarden14 an ihren Hüten, auch wenn Friedrich den Rang, den sie ausdrückten, nicht benennen konnte.Plötzlich war er sich nicht mehr sicher, dass sein Leben solch eine Wendung nehmen sollte.Doch bevor er es sich hätte anders überlegen und umdrehen können, hatten die Männer ihn auch schon wahrgenommen und ihre Blicke fragend auf ihn gerichtet. Ein Kloß begann sich in dem Hals des jungen Mannes zu bilden und nur mit erheblicher Mühe konnte er seine Hand davon abhalten zu zittern, als er die Zeitung wieder hervorholte und auf den Tisch legte, nur mit erheblicher Mühe konnte er in seine Stimme gefasst klingen lassen.„Gentlemen, ich habe die Anzeige in der Gazette gelesen und würde mich gerne ihnen und dem Deutschen Regiment15 anschließen.“Er konnte spüren, wie der prüfende Blick der Männer über ihn hinweg wanderte. Für einen kurzen Moment glaubte er, dass Herz würde ihm in der Brust zerspringen. Pure Angst machte sich in seinem Inneren breit, sodass er nur noch schreien wollte.„Tja, Junge, unsere Ränge sind voll. Acht Regimente mit je neunzig16 handverlesenen Männern, wir haben keine Verwendung für dich. Geh wieder nach Hause!“, ließ einer der Offiziere verlauten. Später lernte Friedrich, dass sein Name Leutnant-Colonel George Stricker17 war. Auch wusste er, dass Aufgeben keine Option war, nicht mehr jetzt und besonders nicht, wenn man versuchte ihn mit solch einer billigen Ausrede abzuspeisen. Friedrichs Starrsinn begann sich zu regen.„Ich bin Arzt. Ich habe Medizin an der Perelman School of Medicine18 der Universität von Pennsylvania studiert“, fügte Friedrich deshalb hinzu. Unbehaglich verlagerte der junge Mann sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen, als ein weiterer, abschätzender Blick über ihn hinweg wanderte. Er kannte seine Vorteile, er war groß und hatte gesunde Vorderzähne19, aber auch seine Nachteile, er war schmächtig und blass, beinahe schon ungesund blass.Der Mann, der ihn bis eben noch gemustert hatte, Friedrich würde ihn später als Major Ludowick Weltner20 kennenlernen, schob nun interessiert seinen Kopf vor und kniff die Augen zusammen, als er das Wort an ihn richtete. „Soso, ein studierter Arzt also, sag mal Junge du siehst mir noch ziemlich grün hinter den Ohren aus, wann genau bist du graduiert?“„Vor zehn Tagen.“Der Major lachte schamlos auf und schlug vor Amüsement mit seiner flachen Hand auf den Tisch, sodass die darauf stehenden Krüge klapperten. Der bereits angesprochene Leutnant-Colonel George Stricker, stimmte, wenn auch etwas verhaltener mit ein.Friedrich spürte wie sein Gesicht warm wurde und das Blut in seinen Ohren zu rauschen begann, ob die Röte auf seinen Wangen von der Scham oder von der Wut herrührte, konnte er nicht beantworten. Es war demütigend genug von ihnen als „Junge“ bezeichnet zu werden, aber auslachen lassen musste er sich nicht.„Mir war nicht bewusst, dass die Kontinentalarmee in einer so guten Verfassung ist, dass sie es sich erlauben kann, studierte Männer abzuweisen und auszulachen, die sich ihr anschließen wollen“, konterte Friedrich und seine Stimme war dabei so spitz wie nur möglich ohne offen respektlos zu klingen. Dennoch verstummten die beiden Männer und besonders Weltner, in dessen ungefähre Richtung Friedrich gesprochen hatte, sah diesen nun böse an, die Augen noch enger zusammen gekniffen als zuvor. Der Captain wollte gerade etwas erwidern, da hielt ihn die erhobene Hand des Mannes der neben ihm saß und der bisher noch kein Wort gesagt hatte zurück und ließ ihn augenblicklich verstummen.„Lassen sie nur Weltner, dieser Mann gefällt mir, er hat Schneid und darüber hinaus nicht unrecht“, erklärte der unbekannte Mann, wobei Friedrich der deutliche schweizerischer Akzent nicht entging, und fuhr fort „Wie Sie ja sicherlich wissen, andernfalls hätten Sie uns wohl kaum aufgesucht, wird unser Regiment um eine weitere, eine neunte Kompanie vergrößert21, dort könnten Sie als Soldat ihren Dienst tun, oder als Arzt im Regimentsstab, wenn das ihr Wunsch ist Mister …“„Deegen.“„Nun Mister Deegen, dann bin ich von heute an ihr neuer Kommandeur, Colonel Haussegger.“Bei den letzten Worten hatte Haussegger sich von seinem Sitzplatz erhoben und stand nun in voller Größe vor Friedrich, der seinerseits den Rücken durchstreckte damit er so aufrecht und militärisch wie möglich erschienen.Ein schmales Lächeln legte sich auf seine Lippen, als er zittrig seinen Atem ausstieß. So war aus ihm also ein Soldat geworden.
20. Dezember, 1776
These are the times that try men's souls. The summer soldier and the sunshine patriot will, in this crisis, shrink from the service of their country; but he that stands by it now, deserves the love and thanks of man and woman. Tyranny, like hell, is not easily conquered; yet we have this consolation with us, that the harder the conflict, the more glorious the triumph.
The American Crisis, Thomas Paine Es war leise in dem kleinen Zimmer, zu leise um genau zu sein. Die ungewohnte Stille wurde nur gelegentlich durch das Umblättern von Buchseiten und das Kratzen einer Feder auf Papier unterbrochen. Friedrich rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her, er mochte die bleierne Schwere solch einer Stille nicht, besonders nicht in einem Haus, das als Hospital genutzt wurde22.„Bitte, ich halte diese Stille nicht mehr aus“, kam es dann endlich von dem Zahlmeister Eberhard Michael23, als er seine Bücher zuschlug. Ein zustimmendes und vor allen Dingen erleichtertes Aufatmen ging durch die Gruppe von Männern die zusammen an dem Tisch im Hauptquartier saßen. Auf ihnen allen lastete eine große Anspannung, sie alle litten unter der Stille, aber Michael war der erste der es gewagt hatte das Schweigen zu brechen.„Endlich- ich dachte schon wir würden uns den ganzen Abend über anschweigen“, platzte es dann so gleich aus Henry Mueller24, dem Regimentskaplan heraus.„Also wenn ein Gesprächsthema benötigt wird- uns wurden die Rationen wieder gekürzt, mal wieder“, verkündete der Quartiermeister Jacob Raybold25 und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück.„Wie das denn? Wo nichts ist, kann man auch nichts mehr kürzen!26“, schnaufte Michael und die Runde von Männern verfiel in ein einstimmiges Murmeln und Kopfnicken.Friedrich gehörte noch keine zwei Monate den Reihen der Kontinentalarmee an, aber dennoch konnte er bereits Zeugnis davon ablegen, wie schlecht es um die Sache der amerikanischen Unabhängigkeit bestellt war.Das Jahr hatte so hoffnungsvoll begonnen, Anfang Januar war ein anonymes Pamphlet aufgetaucht und hatte zu zirkulieren begonnen. Schon bald sprach man im ganzen Land über „Common Sense“, man zitierte es in Kirchen und diskutierte es in Tavernen. In den ersten drei Monaten nach seiner Veröffentlichung wurde es über 120.000 mal verkauft. „Common Sense“ hatte die Lunte zu den Pulverfässern in den Herzen der Kolonisten entzündet. Mit dem Wandel der Jahreszeiten hatte man die Briten in zwei Meeresschlachten geschlagen27. Sie, diese dreizehn Kolonien dort, einen Ozean von dem europäischen Machtzentrum entfernt, das sie regierte, hatte tatsächlich die stärkste Seemacht bezwungen- zweimal!Als der Kontinentalkongress dann die Unabhängigkeitserklärung angenommen hatte, schien das Glück der Kolonisten, der Bürger der Vereinten Staaten von Amerika perfekt zu sein. Der Verrat war perfekt- Washington hatte angeordnet, dass die Erklärung vor der Armee verlesen werden sollte.Doch lange blieb der Himmel nicht wolkenlos über der amerikanischen Sache.Die Briten besiegten George Washington und seine Armee in Long Island und White Plane, nahmen New York ein ebenso wie im November Fort Washington und Fort Lee. Die Kontinentalarmee konnte wenig mehr tun als sich immer weiter zurück zu ziehen, seit Anfang Dezember28 hatte sie ihr Lager hier am Westufer des Delawares in Pennsylvania aufgeschlagen. Die Nachricht, dass der Kongress aus Angst um seine Sicherheit Philadelphia verlassen hatte29, zerrte ebenso an der Moral der Truppen, wie die Nahrungsmittelknappheit und der Mangel an Winterkleidung- Kleidung irgendeiner Art um ehrlich zu sein.Und mitten in diesem Durcheinander stand Friedrich und versuchte sich irgendwie über Wasser zu halten. Er hatte kaum Zeit gehabt, sich an das militärische Leben zu gewöhnen, und sich in die mehr oder weniger gut funktionierende Apparatur einzufügen, da hatte man bereits begonnen sich zurück zu ziehen- zu fliehen, aber das mochte keiner zugeben. Die Winter in Pennsylvania waren lang, hart und kalt. Friedrich war daran gewöhnt, an das Eis, den Schnee, hatte er doch seine Kinder- und Jugendjahre hier verbracht. Ungewohnt war es jedoch die kalte Jahreszeit nicht in einem Haus mit einem großen Ofen zu verbringen, sondern hier draußen in den Wäldern, in Zelten und Scheunen. Friedrich hatte Mitleid mit seinen Kameraden aus den südlicheren Staaten, wenn ihm schon kalt war, ihm der an dieses raue Klima gewöhnt war, wie mussten dann erst die Männer aus dem Süden leiden, dort wo der Winter meist wesentlich milder war.Die Kälte machte aus Männern Brüder, wenn man nachts in den Betten näher rutschte, um nicht zu frieren. Nachdem Friedrich seine Familie verloren hatte, sie von sich fortgestoßen hatte, weil er selber so furchtbar egoistisch gewesen war, hatte sich in ihm die Furcht ausgebreitet, für immer alleine zu bleiben, stets einen Schritt abseits. Doch hier in seinem Regiment hatte er mit den Mitgliedern des Stabes eine neue Familie gefunden, keine im Blute sondern eine im Geiste.„Wie will der Kongress die Männer erneut verpflichten, deren Dienstzeit zum Ende des Jahres ausläuft? Wie wollen sie überhaupt irgendjemanden verpflichten unter diesen Zuständen?“, fragte Mueller und erhob sich langsam von seinem Stuhl, ging hinüber zu der Feuerstelle über der ein Topf hing. Man hatte versucht aus den kleinen Rationen eine Suppe zu kochen, aber es war wenig mehr als heißes Wasser mit einigen Stücken Trockenfleisch und nahezu jedem Gewächs, das man in einer Suppe verkochen konnte. Während der Kaplan langsam in dem gusseisernen Topf rührte, begann Raybold zu sprechen: „Wenn unser Kongress nur etwas mehr Autorität ausstrahlen würde, wenn die Staaten nur weniger mit einander zanken würden, dann könnten wir ein ebenso starkes Heer wie die Hessen haben.“„Die Hessen? Die Hessischen Grafen unterhalten ihre großen, stehenden Heere aufgrund ihrer geo-strategischen Lage, das ist mit Amerika nicht vergleichbar“, wiedersprach Michael.„Natürlich ist das mit Amerika vergleichbar! Mit so einem Heer hätten wir uns im Siebenjährigen Krieg30 gegen die Franzosen verteidigen können. Da die Briten dachten, wir könnten es nicht, zurecht wie ich meine, bedenkt man, dass von Norden her die Franzosen lauern, von Westen die Eingeborenen, von Süden die Spanier und wir durch unsere lange Küste im Osten ebenfalls angreifbar sind, haben sie Truppen entsendet, um hier die Kolonien zu verteidigen. Die dadurch entstandenen Schulden wollten sie durch Steuern teilweise auf uns übertragen und seien wir ehrlich, mag das Ende dieses Konfliktes auch noch in den Sternen stehen, im Beginn lagen viele wirtschaftliche Interessen“, gab Friedrich zu bedenken. Sein Entschluss sich der Kontinentalarmee anzuschließen war langsam gereift und dementsprechend viel Zeit hatte er gehabt, sich Gedanken über die Verwerflichkeit vieler Handlungsweisen zu machen.„Deegen hat Recht, man sehe sich nur die Beweggründe vieler dieser selbsternannten ‚Patrioten‘ im Kontinentalkongress31 an. Zudem kann ich den Soldatenhandel der hessischen Landgrafen nicht gutheißen“, bestätigte Mueller und fügte hinzu: „Das ist doch gerade die Schattenseite des hessischen Systems32. Um die erforderliche Anzahl an Männer zu halten, betreiben sie Zwangsrekrutierung, die Priester helfen indem sie gleich ihre Konfirmanden rekrutieren. Eine Schande ist das. Der Landgraf mag sich hinter dem Kantonsystem verstecken, aber seinen wir einen Moment ehrlich miteinander, es ist eine Form der Zwangsrekrutierung, da kann mich keiner vom Gegenteil überzeugen. Und wenn-“„Und wenn sie dann eine gewisse Truppengröße erreicht haben, sind sie auf den Soldatenhandel angewiesen, um alles zu finanzieren, was wiederum nichts anderes als-“, führte Michael Muellers Gedanken fort.„-Sklaverei ist“, beendete Friedrich schließlich den Satz.„Was hat dieser Landgraf noch gesagt. War doch neulich in aller Munde, Diese Truppen sind unser Peru. Würden wir sie verlieren, würden wir alle unsere Ressourcen einbüßen‘“, zitierte Michael33.„Ha! Ich weiß ja nicht, was die Hessen für Vorstellungen haben, aber diese Truppen sind nicht mit Peru vergleichbar. In Peru ist es warm, doch wir frieren uns hier unsere Allerwertesten ab, die Hessen auch … außerdem gibt es in Peru Frauen- attraktive Frauen“, meldete Raybold sich wieder zu Wort, seine Worte hatten einen eindeutigen Unterton.Allgemeines Gelächter brach in dem Raum aus und selbst Kaplan Mueller, der die Augen aufgrund solch einer Kinderei verdrehte, konnte sich ein breites Grinsen nicht verkneifen. Noch vor wenigen Monaten hätte sich Friedrich in solch einer Runde nicht wohl gefühlt, ihm hätten die Witze die Schamesröte ins Gesicht getrieben und das Verhalten der Männer hätte er als albern und unreif abgetan- jedoch, der Krieg setzte vieles ins Verhältnis.Seine Kommilitonen und deren Saufkumpanen hätte Friedrich albern genannt, aber er kannte diese Männer mittlerweile gut genug um zu wissen, dass sie nicht albern waren, dass diese Jungenscherze für sie ein Ventil waren. Es war der Versuch am Ende eines langen Tages ein wenig lachen zu können, selbst wenn man den Tag über nur Elend gesehen hatte. Es war der Versuch nicht daran zu denken, dass man morgen sterben könnte, sterben ohne Weib und Kind, ohne Mutter und Vater noch einmal wiederzusehen.So scherzte man also noch etwas miteinander, erzählte sich Geschichten aus der Heimat die bestenfalls halb wahr waren und begann alles für das Abendessen vorzubereiten, als plötzlich die Tür aufgestoßen wurde und ein schneidend kalter Windstoß durch das Zimmer fegte.Ein Mann mittleren Alters trat ein, sein Name war Ludwick Wurtenberger34 und er fungierte als Regimentsarzt. Friedrich war Wurtenberger als Assistenzarzt unterstellt und hatte nichts als den höchsten Respekt für den Älteren, auch wenn er manchmal ohne Selbsterhöhung feststellen musste, dass seine eigenen Fähigkeiten aufgrund des Studiums, die von Wurtenberger deutlich überschritten35.Während der vergangenen Stunden musste es zu schneien begonnen haben, denn in dem brauen Haar des Arztes zeichneten sich deutlich weiße Flocken ab. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss und mit einer ernsten Miene wandte er sich an Mueller, welcher noch immer am Feuer stand.„In der Scheune werden eure Dienste benötigt Kaplan.“Friedrich spürte wie sich ein Kloß in seinem Hals formte. Er beobachtete wie Mueller eilig seinen Mantel griff und das Haus verließ, den Weg hinunter zu der nahegelegenen Scheune, und Wurtenberger seinen eigenen Mantel auszog und sich zu ihnen an den Tisch setzte. Die bis eben noch fröhliche Stimmung war augenblicklich getrübt.„Meyer oder Hansen?“, fragte Friedrich und kaute auf der Innenseite seiner Wange, eine schlimme Angewohnheit die immer dann zum Vorschein trat, wenn er sich in einer besonders angespannten Situation befand.„Meyer“, antwortete Wurtenberger und nahm mit einem dankenden Nicken eine Schale mit Suppe entgegen, irgendwo hatte man sogar noch einen halben Laib Brot aufgetrieben, welcher nun an die Anwesenden verteilte. Friedrich bemerkte kaum wie jemand die Suppe vor ihm auf den Tisch stellte, sein Blick ging in die Ferne und seine Atmung war nur mit Mühe kontrolliert. Es vergingen ein paar Minuten, in den seine Kameraden aßen und einige Belanglosigkeiten, größtenteils Geschwätz, untereinander austauschten, während Friedrich nur still da saß und auf den Dampf starrte, der aus den Schüsseln aufstieg.Er fühlte sich ohnmächtig, so unheimlich ohnmächtig, wenn er gezwungen war mit anzusehen wie Freunde und Kameraden wegen nichts starben. Sie starben nicht durch britische Gewehrkugeln oder hessische Bajonette, sie starben durch Kälte, Krankheiten und Mangel an den grundlegendsten Versorgungsgütern. Privat Meyer war ein Junge von gerade einmal 16 Jahren. Eigentlich musste man mindestens 17 Jahre alt sein, um sich der Armee anschließen zu dürfen, aber viele Jungen hatten sich älter gemacht und die Rekrutierungsoffiziere, wenn es ihnen denn aufgefallen war, hatten sie gewähren lassen. Friedrich hatte sich nicht mustern lassen, um all dies Elend mitanzusehen.Mit einmal spürte Friedrich eine Hand auf seiner Schulter ruhen. „Nimm es dir nicht zu Herzen, mein Junge, wir haben unser Bestes getan“, ermutigte Wurtenberger seinen jungen Zunftgenossen. Dieser nickte nur andächtig. „Wir hätten nicht mehr tun können- aber irgendjemand hätte mehr tun können.“„Wir wussten alle, worauf wir uns eingelassen haben, wir alle sind bereit für die Sache zu sterben“, stellte der Ältere fest und tunkte ein Stück Brot in die Suppe. Friedrich war geneigt die Angelegenheit fallen zu lassen und Stille erneut dem Gespräch vorzuziehen- immerhin war alles gesagt, als plötzlich die Tür zu dem kleinen Raum aufgeschlagen wurde. Für einen kurzen Moment nahm der junge Mann aus Pennsylvania an, dass Mueller zurückgekehrt war, aber dieser Mann Gottes würde niemals mit solch einer Hast eintreten. Anstatt dem Geistlichen stand dort im Türrahmen der Adjutant Louis Van Linkensdorf36, seine Wangen rot von der Kälte und sein Atem war schnell und stoßweise, als die kalte Luft an ihm vorbei in das Innere des Zimmers wehte.„Was ist geschehen?“, fragte Raybold besorgt.‚Kein weiterer Angriff, kein erneuter Rückzug‘, hoffte Friedrich verzweifelt.„Es hat es schon wieder getan!“, platze es aus Van Linkensdorf heraus.„Wer hat was getan Junge? Rede in ganzen Sätzen“, forderte Michael den Adjutanten auf. „Common Sense37, er hat ein neues Pamphlet geschrieben. The American Crisis heißt es und der General hat angeordnet, dass es vor den Männern verlesen wird … genau wie die Unabhängigkeitserklärung vor wenigen Monaten“, erklärte der junge Mann während er langsam wieder zu Atem kam.Wie vom Blitz getroffen hatten sich alle Männer von ihren Stühlen erhoben, eine merkwürdige Euphorie machte sich in ihnen breit und wärmte sie nachhaltiger als die Suppe, die sie eben gerade noch zu sich genommen hatten. Mit schnellen Schritten folgten sie Van Linkensdorf aus dem Haus hinaus auf den Hof.Friedrichs Herz schlug schneller in seiner Brust, als er die Männer seines Regiments dort stehen sah, ordentlich in Kompanien aufgereiht, als ob sie in die Schlacht ziehen wollten. Doch die einzige Schlacht an diesem Abend wurde mit Worten geschlagen, mit Worten die Colonel Haussegger verlas. Er stand etwas erhöht auf einer alten Holzkiste, damit auch alle seine Männer ihn sehen konnten, in seinen Händen ein dünnes Heft, aus dem er bei dem Schein einiger Fackeln vorlas.Plötzlich, in all dieser Verzweiflung, fand Friedrich seine Hoffnung wieder. Es war ein wildes und ein mutiges Hoffen, vielleicht sogar ein verzweifeltes Hoffen, aber es war mit Abstand das schönste Gefühl, das Friedrich je in seinem Herz verspürt hatte. Da war das Wissen, dass sein Hoffen nicht vergebens war und diese Erkenntnis traf ihn, als er sah wie einer der Soldaten zu Haussegger aufblickte, wie zu einem Priester, doch war es nicht seine Person sondern diese Worten denen er seine Stimme lieh. Er sah, wie sich Soldaten an den Schultern fassten, aufgeregt, hoffend, wie Friedrich selbst. Vielleicht, ganz vielleicht, war ihre Sache doch noch nicht verloren.
----- CHAPTER BREAK -----
25. Dezember 1776
Victory or Death!
Codewort während der Trenton-KampagneFür Friedrich war Weihnachten immer mit gemischten Gefühlen verbunden gewesen. Zum einen waren seine Eltern Auswanderer der ersten Generation, sie hatten den größten Teil ihres Lebens in Preußen verbracht und hatten dort die Weihnachtsbräuche mehr oder weniger intensiv wahr- und angenommen. Friedrichs Vater, Hugo, hatte Weihnachten in Berlin miterlebt, dieser pochenden Metropole und seine Mutter, Johanna, an der rauen Nordseeküste. Die Familie seiner Mutter war die einzige Quäkerfamilie in ihrem Heimatdorf, dort im Norden gewesen und so war es auch nicht verwunderlich, dass die Mutter in ihrer Kindheit und Jugend dem Weihnachtsbrauchtum ausgesetzt war, selbst wenn ihre Familie Weihnachten nicht selbst praktizierten. So begleitete das Mädchen beispielsweise früh seine Mutter zur Arbeit als Magd in einer gut situierten Familie. In der Weihnachtszeit hatten sie alljährlich einen geschmückten Tannenbaum in der Stube1. Kein Anblick hatte sie je mehr verzaubert, dass musste die Quäkerin zugeben.Jahre später dann, als Siedler in Germantown, einer Quäkergemeinde wo Weihnachten wie jeder andere Tag verstrichen war, hatten ihre Eltern, oder besser gesagt ihr Vater gegen das Weihnachtsverbot ihrer Religionsgemeinde verstoßen. Es war ein offenes Geheimnis das Friedrichs Vater nur konvertiert ist, um Friedrichs Mutter heiraten zu können2. Zwar war er bemüht und tat alles was die Gemeinschaft von ihm verlangte, aber tief in seinem Herzen hatte der neue Glaube ihn nie erreicht. So war es vermutlich auch kein Wunder als er 1764 einen kleinen Tannenbaum mit nach Hause brachte. Die Mutter war erzürnt gewesen.„Hugo, was soll das?“, hatte sie gefragt und die Arme in die Hüfte gestemmt.„Du hast gesagt, dass dich Weihnachtsbäume als kleines Mädchen fasziniert haben. Hier in den Kolonien, wo man nicht für alles die Erlaubnis seines Fürsten braucht, ist es recht leicht einen Weihnachtsbaum zu finden“, hatte sein Vater sich verteidigt. Friedrich hatte mit seiner Zwillingsschwester in der Nische am Kamin gesessen und zugehört. „Hugo, wir sind Quäker, wir feiern kein Weihnachten“, hatte die Mutter weiter protestiert. „Liebste, dieser Baum ist kein Grund zum Feiern. Ich bin beim Fällen beinahe erfroren und du wirst den Dreck in der Stube haben, aber wenn wir ihn mit ein paar Sternen und Holzfiguren schmücken, dann kann sich die Mühe trotzdem lohnen“, hatte der Vater behauptet und seine Frau auf die Stirn geküsst. In jungen Jahren war er ein Charmeur gewesen, dem seine Frau nicht widerstehen konnte. Friedrich erinnerte sich gerne an diese unbeschwerten Kinderjahre zurück in denen sie jedes Weihnachten, verbotenerweise, einen kleinen Tannenbaum in der Stube stehen hatten.Als dann all die Jahre später, Friedrich in der Frühe von zwei starken Händen aus dem Schlaf gerissen wurde, war er zuerst wenig begeistert. Die Sonne war noch nicht einmal richtig aufgegangen, da konnte er verschlafen die Gestalten von Raybold, Mueller, Wurtenberger und Michael, allesamt fertig angekleidet vor seinem Feldbett stehen sehen.„Was ist los? Was ist passiert?“, fragte Friedrich verschlafen und versuchte seine Beine von der Decke frei zu strampeln.„Wir wollen losgehen und einen Tannenbaum schlagen4“, verkündete Michael im gedämpften Tonfall, bevor er sich erbarmte und endlich die Decke, mit der Friedrich immer noch kämpfte, zurückzog. Der junge Mann setzte sich aufrecht hin und rieb sich die Augen. Er war noch nicht wirklich wach.„Warum wollt ihr einen Tannenbaum fällen?“, fragte Friedrich daher einfältig.„Wir hätten ihn schlafen lassen sollen, ich habe es doch gleich gesagt. Friedrich ist ein Quäker, die feiern kein Weihnachten“, kommentierte Kaplan Mueller und hatte sich schon halb zum Gehen gewandt, als Raybold ihn am Ärmel packte und fest hielt. „Nun warte doch mal“, zischte er und an Friedrich gewandt: „Hör mal Friedrich, heute ist Weihnachten und auch wenn du kein Weihnachten feierst, glaubst du nicht auch, dass wir alle ein wenig Festlichkeit vertragen könnten?“Der junge Mann saß sogleich noch etwas aufrechter auf seinem Feldbett. „Heute ist Weihnachten?“ Seine Kameraden lachten nur bejahend.Und so war es gekommen, dass Friedrich sich am Morgen des 25. Dezembers 1776 noch vor Sonnenaufgang mit seinen Kameraden aus dem Hauptquartier schlich, keiner der Fünf nahm an, dass ihre Offiziere von ihrem Vorhaben begeistert gewesen wären, und in Richtung Waldgrenze stiefelte. Der Schnee war hoch und der Wind schneidend, aber aus irgendeinem Grund fühlte der junge Mann sich so beflügelt wie schon seit vielen Jahren nicht mehr.Es dauerte ungefähr eine halbe Stunde bis die Männer eine Tanne gefunden hatten die klein genug für den Transport und das räumlich stark begrenzte Hauptquartier war, aber dennoch einigermaßen vorzeigbar aussah.Da sie bei ihren Aufbruch das Beil nicht gefunden hatten, wurde kurzerhand Wurtenbergers Knochensäge zweckentfremdet und Friedrich war nur froh, dass er später das Harz nicht von der Klinge entfernen musste.Obwohl ihr kleiner Ausflug kaum mehr als eine Stunde gedauert haben konnte und es immer noch sehr früh am Morgen war, als sie durchgefroren zurück ins Hauptquartier kamen, wurden sie bereits von Colonel Haussegger und den anderen Offizieren erwartet.„Wo haben sie sich raumgetrieben, meine Herren“, fragte Haussegger und blickte dabei streng drein. „Wir haben einen Tannenbaum gefällt“, kam die direkte Antwort von Raybold, der den Baum hinter sich in das Haus gezogen hatte.Der Gesichtsausdruck des Colonels wurde etwas sanfter, aber dadurch nicht weniger resolut. „Ich fürchte diese Kindereien sind nun vorbei, wir haben eine Schlacht vorzubereiten. Herr Quartiermeister, geben sie an jeden Mann das Äquivalent von drei Tagesrationen aus, ebenso wie 40 Schuss Munition “, verkündete der Schweizer und breitete eine Karte der Umgebung auf dem Tisch aus.Friedrichs Herz schlug schneller als er den Worten des Schweizers lauschte. Das würde seine erste Schlacht werden. Bisher hatte er kleine Scharmützel und verlustreiche Rückzüge miterlebt, aber noch keine echte Schlacht. Je mehr er darüber nachdachte, desto froher war er, dass er als Arzt wahrscheinlich hinter den Fronten bleiben würde. Vielleicht war es feige so zu denken, aber das war Friedrich egal, denn mit jedem weiteren Wort kroch die Gänsehaut über seinen Körper. Er hatte keine Angst zu sterben, er hatte viel größere Angst verwundet oder gefangen genommen zu werden. So sahen die Alpträume aus, die ihn in den wenigen Stunden Schlaf, die er momentan bekam, quälten.Das war nicht das Leben, das er einst führen wollte, stellte der junge Mann einmal mehr fest. Das hier war eine Perversion des Lebens, das er einst führen konnte, einst führen wollte.Friedrich beschloss an diesem Abend, dass das Warten am schlimmsten war. Schlimmer als die Kälte, obwohl auch diese ganz beträchtlich war. Irgendwann im Laufe der Besprechung hatte Colonel Haussegger seinen Männern offenbart, dass man den Delaware überqueren würde- bei einsetzender Dunkelheit, bei dem schlechten Wetter, mit den großen Eisschollen, die über den Fluss schwammen. Friedrich verstand nicht viel von dieser Art der Kriegsführung, aber er bildete sich ein, beurteilen zu können, wie selbstmörderisch dieser Plan war. Er war ein junger Mann, er hatte selber in der Vergangenheit oft dumme Ideen gehabt, wirklich dumme Ideen, aber keine war auch nur annähernd so abwegig gewesen, wie ein Überraschungsangriff auf Trenton, ein kleines Dorf am anderen Ufer des Delawares- und momentan von 1400 Hessen eingenommen.Also überquerten die Männer der Kontinentalarmee den Fluss, ganz so wie General George Washington es befohlen hatte. Sie ruderten von Pennsylvania über den Fluss geradewegs nach New Jersey.Friedrich kam mit ihnen, er blieb nicht an den sicheren Ufern Pennsylvanias, keiner der Ärzte tat das. Ein verwundeter Soldat hatte keine Möglichkeit den Fluss zu überqueren und so wurden die Ärzte auf der Uferseite, an der die Schlacht stattfinden sollte benötigt.Man hatte gegen 14.00 Uhr das Camp verlassen und war Richtung Ufer marschiert. Der Ort der Überquerung lag bei einer kleinen Fährstation- McConkey‘s Ferry.Es war Nacht geworden und die Überquerung, die man erst bei Einbruch der Nacht zu beginnen wagte, ging nur schleppend voran. Man hatte Fährschiffe und Durham- Boote von einer lokalen Gießerei ‚geborgt‘ und sie mit einer Gruppe Männer, alle größtenteils aus Marbelhead, Massachusetts5 unter dem Kommando von Colonel John Glover6 bemannt. Die armen Männer gaben ihr Möglichstes, aber das stundenlange Rudern war ermüdend und bisher hatte man noch kein Pferd, geschweige denn ein Geschütz auf die andere Seite gebracht.Das deutsche Regiment setzte als eines der ersten über, ihnen folgte der Rest von Fermoys Brigade, dem die Pennsylvania- und Maryland-Deutschen angehörten. Die Männer dieses Regiments gehörten zu den wenigen, die sich mit den Hessen verständigen konnten7und deshalb hielt die Generalität es für klug, sie früh auf die andere Uferseite zu bringen, nur für den Fall, dass die Hessen auf den Vorstoß der Amerikaner aufmerksam werden sollten.Es war für Friedrich der erste Besuch in New Jersey und offen gestanden hatte dieser Staat ihn nicht wirklich für sich einnehmen können. Wahrscheinlich hätte das in solch einer Situation kein Staat geschafft.Die Männer wurden am Ufer nach Divisonen eingeteilt. Fermoys Brigade gehörte General-Major Greenes Divison8 an, ebenso wie Brigadier-General Stirlings und Brigadier-General Mercers Brigaden. Doch bis man in dieser Formation nach Trenton marschierte, hieß es warten. Wie bereits erwähnt, war das für Friedrich der schlimmste Part. Einfach nur dort herum zu sitzen, eng aneinander gekauert um halbwegs warm zu bleiben und nichts zu tun zu haben, außer sich im Kopf die tollsten Schreckensszenarien auszumalen.Die meisten Männer versuchten zu schlafen, ein wenig zur Ruhe zu kommen und Kraft für die kommenden, aufreibenden Stunden zu tanken. Friedrich tat es ihnen gleich, doch bereits nach wenigen Stunden taten ihm wegen der Kälte und der gekrümmten Haltung alle Knochen weh, so dass er schließlich aufstand und von der Lagerstätte seines Regiments zum Flussufer herunter wanderte. Ein Sturm begann aufzuziehen9 und der junge Mann konnte an der anderen Uferseite noch hunderte Männer erkennen. Die Überquerung würde sich noch über Stunden hinziehen.„Wenn es mit dieser Geschwindigkeit weitergeht, werden wir Trenton nicht vor Tagesanbruch erreichen“, wurde Friedrich plötzlich von einer Stimme neben ihm aus seinen Gedanken gerissen.„Entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht erschrecken, ich hatte nur das Gefühl, Sie hätten gerade die selbe Erkenntnis gehabt wie ich“, entschuldigte sich die Stimme und dieses Mal konnte Friedrich ihr ein Gesicht zu ordnen. Ein junger Mann, ungefähr in seinem Alter mit einer hohen, gewölbten Stirn, einer prominenten Nase und einem paar großer, stahlblauer Augen.„Schon gut, ich habe nur nicht damit gerechnet hier jemanden anzutreffen“, versicherte Friedrich und lächelte unsicher.„Mein Name ist James Monroe10, Leutnant der 6. Kompanie des 3. Virginia-Regiments“, stellte der andere Mann sich vor und streckte seine Hand aus.„Doktor Friedrich Deegen aus dem Deutschen Regiment“, stellte dieser sich vor und ergriff die dargebotene Hand.„Sie und der Rest ihrer Männer sind also unsere Dolmetscher“, scherzte Monroe„So in etwa“„Dann hoffen wir mal Sie können morgen Mittag die Kapitulationsbedingungen der Hessen übersetzen.“Friedrich musste lachen und es war das erste befreite Lachen seit Tagen. In diesem Moment beschloss Friedrich, dass er den Leutnant mochte- er mochte ihn, weil er ein aufrichtiger und ehrenhafter Mann zu sein schien und weil ihm der Klang von Monroes Lachen gefiel, als dieser in sein eigenes Lachen miteinstimmte.Friedrich verbrachte noch eine gute halbe Stunde am Ufer. Ihm war kalt, die Kälte war unter seine Haut gekrochen und hatte sich dort eingenistet wie ein Parasit in einen kranken Körper. Der Wind war eisig und schneidend, auf den Wangen brannten die Böen wie feurige Ohrfeigen. Es wäre übertrieben zu sagen, Friedrich störte das Wetter nicht, es störte ihn sogar ganz gehörig, aber er war so in seine Unterhaltung mit Monroe vertieft, Friedrich hatte in ihm einen ebenso glühenden Verehrer von Common Sense gefunden, dass er die widrigen äußeren Bedingungen zumindest teilweise ausblenden konnte. Was er jedoch nicht ausblenden konnte, war die scharfe Stimme, die von der Anhöhe herunter schallte. Erschrocken sahen Friedrich aber auch Monroe auf und Ersterer konnte Van Linkensdorf näher kommen sehen.„Friedrich, was zur Hölle machst du hier? Warum bist du nicht bei den restlichen Männern“, wollte der Adjutant wissen, als er die beiden Männer erreicht hatte. Er klang verärgert, irgendwie aufgebracht und in Friedrichs Magen machte sich ein ungutes Gefühl breit, so kannte er Louis nicht.„Ich habe mir die Beine vertreten“, erklärte der Arzt und kreuzte die Arme vor der Brust.„Das nächste Mal wäre es hilfreich wenn du das vorher mitteilst und nicht einfach verschwindest“, schnaufte Van Linkensdorf und bedeutete Friedrich mit einer Geste ihm zu folgen. Dieser verabschiedete sich von einem überraschten Monroe und tat dann wie ihm geheißen.„Jetzt wo wir dich gefunden haben, sind es also nur noch zwei“, murmelte Louis während Friedrich mit ihm schrittzuhalten versuchte.„Zwei was?“Aber der Adjutant antwortete nicht und beschleunigte stattdessen seine Schrittgeschwindigkeit.Sie erreichten ihr Regiment nicht viel später und Friedrich wurde in seiner Vermutung bestätigt, dass etwas passiert sein musste. Als er die Männer verlassen hatte, hatten die meisten von ihnen dicht aneinander gekauert da gesessen und hatten geschlafen. Doch nun bei seiner Rückkehr waren die meisten seiner 373 Kameraden11 auf den Beinen und eine allgemeine Unruhe lag in der Luft. Haussegger stand etwas abseits und beriet sich mit den anderen Offizieren, dazu war noch der halbe Regimentsstab, in welchem Friedrich diente, anwesend. Die Besorgnis auf den Gesichtern der Versammelten war deutlich zu erkennen.„Ich habe Deegen gefunden!“, verkündete Van Linkensdorf und erlangte damit Hausseggers Aufmerksamt, der solgleich auf sie zukam.„Wo waren Sie und was fällt Ihnen ein, sich einfach unerlaubt zu entfernen!“, warf Haussegger ihm vor und Friedrich konnte nur verwirrt die Augenbrauen zusammen ziehen als er antwortete. „Ich war unten am Fluss und habe-“, weiter kam er nicht bevor Haussegger ihm die Worte abschnitt.„Waren die Gefreiten David Barringer oder Michael Beiker bei Ihnen?“„Nein, ich war allein am-“„Haben Sie die Männer, vielleicht auch nur einen der beiden, irgendwo in den letzten Stunden gesehen?“„Beiker saß in meinem Boot bei der Überquerung, wir hatten noch mit einander gesprochen, aber seitdem habe ich weder ihn noch den Gefreiten Barringer gesehen.“Friedrichs Antwort ließ seinen Colonel einen Fluch ausstoßen und selbst wenn Friedrich kein Deutsch verstanden hätte, die Botschaft hinter Hausseggers Worten war klar.„Was ist passiert?“, drängte der junge Mann und wendete sich dieses Mal an Wurtenberger, der dicht neben ihm stand, in der Hoffnung eine Antwort zu erhalten.„Beiker und Barringer sind nicht aufzufinden- wahrscheinlich sind sie desertiert12. Einige der Offiziere dachten, du wärst auch desertiert, aber wir haben darauf bestanden dich zu suchen, wir wussten, dass du niemals die Fronten wechseln würdest“, erklärte Wurtenberger und klopfte Friedrich kameradschaftlich auf die Schulter.Einerseits fühlte der junge Mann sich geschmeichelt, dass seine Freunde so fest an ihn glaubten und ihn gegenüber den Offizieren in Schutz genommen hatten, aber die Tragweite Wurtenbergers Worte überdeckte dieses freudige, warme Gefühl.„Wenn die beiden wirklich desertiert sind, dann …“„… werden die Hessen sehr bald von unserer kleinen Nachtwanderung erfahren haben“, beendete Van Linkensdorf den Satz für den Mann aus Germantown.Eine unangenehme Stille hing in der Luft, nur gelegentlich von den Rufen der Männer an den Ufern des Delawares durchbrochen. Haussegger hatte sich aufgemacht um General Washington von dieser potenziellen Katastrophe zu berichten. Friedrich fühlte sich so elend wie selten zuvor.„Unter den Männern gehen Gerüchte um, zwei Gefreite seien desertiert“, trat Mueller plötzlich an die kleine Gruppe aus Mitgliedern des Regimentsstabs heran, die anderen Offiziere standen in einiger Entfernung daneben, immer noch in Beratung. „Bitte sagt mir nicht, dass sie damit Recht haben.“„Doch, haben sie“, bestätigte Wurtenberger und schnitt eine Grimasse.„Sollten diese Männer ihren Weg zu den Hessen finden, dann sind wir alle verloren. Unsere ganze Strategie beruht der Annahme, dass der Überraschungsmoment auf unserer Seite ist. Finden die Hessen die Zeit, sich auf uns vorzubereiten und sich in einer festen Formation aufzustellen, werden unsere Deutschkenntnisse nicht mehr benötigt, dann werden die Waffen einen äußerst blutigen Frieden diktieren.“Eine betretende Stille trat ein. Jeder dachte das Gleiche, aber keiner traute es sich auszusprechen. Irgendwie war es nicht real, solange es keiner aussprach. Doch irgendwann nahm Mueller, schon immer der Besonnenste in der Gruppe, sich ein Herz.„Das wird auf uns zurück fallen. Die beiden sind nicht unsere ersten Deserteure und es ist auch lange kein Geheimnis mehr, dass selbst einige der höheren Offiziere einen gewisse Widerwillen haben, gegen die Hessen zu kämpfen.“„Nenn es ruhig beim Namen Mueller- Haussegger hat in den letzten Wochen einige Bemerkungen gemacht, die man falsch verstehen konnte13“, schnaubte Raybold, mit Abstand der Direkteste der Gruppe.„Das ist eine Schande, wirklich eine Schande“, mischte sich plötzlich ein beistehender Soldat ein. Sofort hatte er die Aufmerksamkeit der gesamten Gruppe.„Was ist eine Schande, Sir?“, fragte Wurtenberger und verschränkte die Arme vor der Brust. Friedrich verstand diese Geste- wenn der Mann schon länger ihrer Unterredung gefolgt war, dann hatte er vielleicht auch ihre wenig schmeichelhaften Kommentare über Haussegger mit aufgeschnappt.„Das Haussegger mit seinen Bemerkungen nicht an sich halten kann. Die Männer müssen doch das Gefühl bekommen, er würde ihnen die Desertation permittieren“, bemerkte der Fremde anklagend. Seine Stimme war kontrolliert, aber der unterschwellige Zorn war nur schwer zu überhören. Friedrich war froh, dass der Zorn des Offiziers, den genauen Rang konnte er in der Dunkelheit nicht erkennen, sich nicht gegen ihre Gruppe richtete.„Aber wir müssen die Männer auch verstehen. Viele sind noch in Europa geboren worden und kommen aus benachbarten Regionen, einem der Gebiete wie Wirtelsbach, aus Würzburg, Westfalen oder Trier. Die Hessen sprechen ihre Sprache, da ist es nicht verwunderlich, dass einige der Männer an all dem hier zu zweifeln beginnen“, versuchte Mueller vorsichtig, seine Stimme so sanft und ruhig wie immer. Friedrich konnte Mueller ewig zuhören.„Bitte Kaplan, versuchen Sie dieses Verhalten nicht mit irgendwelchen nationalen Gefühlen zu entschuldigen. Eine gemeinsame Sprache macht noch lange keine Nation14“, erwiderte der Fremde barsch.„Ich versuche doch gar nicht irgendetwas zu entschuldigen, ich möchte lediglich-“, weiter kam der Geistliche nicht, bevor er unterbrochen wurde.„Der Kommandant der Hessen, Oberst Johann Gottlieb Rall, ist mein Cousin15. Wenn ich hier stehen und meinem Land dienen kann, dann kann das jeder andere Mann auch.“Diese Offenbarung kam für die Gruppe an Männern unerwartet, einige blinzelten ungläubig.„Dann haben Sie also Ihre Seite gewählt“, stellte Friedrich fest.
26. Dezember 1776
Kleine Georgel, Kaiser, König,
Ist fer Gott un uns zu wennich.
Marschlied vieler deutscher Soldaten Friedrich war sich mehr oder weniger sicher, dass es nicht mehr schlimmer werden könnte. Er wurde eines Besseren belehrt, als er wenige Stunden später Bilanz zog. Nach der Überquerung16 des Flusses begann der Marsch nach Trenton17. Es war unerbittlich. Die kommandierenden Offiziere versuchten die Zeit, die man während der Überquerung des Delawares verloren hatte, vier Stunden um genau zu sein, wieder aufzuholen. Zwischen den Soldaten machten sich Gerüchte breit, dass zwei Männer erfroren seien. Die ersten Toten, noch bevor man den Schauplatz der Kampfhandlung bereits erreicht hatte. Doch zumindest dem deutschen Regiment konnten diese Gerüchte nichts anhaben und wenn doch gaben sie es nicht zu. Stattdessen hatten sie begonnen ein Marschlied zu singenNahe Birmingham teilte sich die Armee. Greenes Division näherten sich Trenton über die Pennigton Road, um die Hessen im Norden an der Kreuzung der Pennigton Road, der King Street, der Queen Street und der Princeton Road anzugreifen, während der Rest der Armee, Sullivans Division, weiter der River Road folgte, um von Süden her zu attackieren.Die Sonne war bereits aufgegangen, als man die hessische Garrison gegen acht Uhr in der Frühe erreichte. Friedrichs Schuhe hinterließen Abdrücke im frischen Schnee und die ungestörte Ruhe18, die das kleine Dorf ausstrahlte, machte ihm Angst. Die Füße des jungen Mannes waren nass vom Schnee durch den er marschiert war und seine Glieder fühlten sich klamm und steif an- während der letzten Stunden war ihm bestimmt mindestens zweimal fast die Muskete aus den tauben Fingern geglitten.„Konzentriere dich mehr Junge!“, hatte Wurtenberger ihn ermahnt, aber das war leichter gesagt als getan. Friedrich Herz schlug so schnell, dass es weh tat und mit jedem Schritt, den sie sich den Hessen näherten, schlug es schneller.Die ersten Schüsse fielen um kurz nach acht Uhr am Morgen. Die Kontinentalarmee überraschte die Hessen, aber dennoch schafften sie es Widerstand zu leisten. Nicht, dass man ihnen die Möglichkeit ließ sich in ihren gewohnten Formationen aufzustellen. Sollten die Hessen es schaffen ihre Reihen wie gewohnt aufzuziehen, waren sie praktisch unschlagbar, Überraschung hin oder her.Insgesamt verfügten die Hessen über vier Regimente, die Grenadiere unter Leutnant Colonel Balthasar Brethauer, die Jäger unter Leutnant Friedrich Wilhelm von Grothausen, eine Einheit leichter Dragoner und schließlich von zwei Füsilier Regimente unter dem Kommando von Major Friedrich von Dechow und Leutnant Colonel Francis Scheffer.Washington ließ die kontinentale Artillerie an der Stelle positionieren, von wo er sich zusammen mit Greene’s Division Trenton genähert hatte. Währenddessen hatte auch die zweite Division unter Generalmajor Sullivans Befehl Trenton erreicht. Der größte Teil dieser Division begab sich auf den Weg in das Zentrum des Dorfes über die Front Street und die Second Street. Ein kleinerer Teil hatte sich ein Stück von der Garnison entfernt, um südlich von Trenton die Assunpink-Brücke zu sichern und so mögliche Fluchtversuche hessischer Soldaten zu unterbinden.In der Zwischenzeit überquerten die Männer von Stirlings und Fermoys Brigaden die Princetonroad und marschierten über die freie Fläche am östlichen Ende des Dorfes bis hinunter zu einem kleinen Fluss, ein Rinnsal mehr als ein Fluss, der passender weise den Namen Petty’s Run trug. Friedrichs Füße wurden bei dieser Unternehmung nicht einmal nass, oder zumindest nicht nasser, als sie ohnehin schon waren. Nach wenigen Schritten kamen Apfelbäume in Sicht und ihr Anblick erinnerte den jungen Mann an seine Heimatstadt. Die Apfelbäume waren über Germantowns Höfe und Gärten, Wiesen und Straßen verteilt, wie die schwarzen Punkte über den Rücken eines Marienkäfers. Unzählige Stunden seiner Jugendjahre hatte Friedrich dort unter diesen Bäumen verbracht und hatte sich von der Sonne Muster auf das Gesicht malen lassen. Niemals war er glücklicher gewesen, als an solchen Nachmittagen und die Bäume nun hier auf dem Schlachtfeld zu sehen während Musketenkugeln an ihm vorbei zischten, schien ihm eine Erinnerung an alle Dinge zu sein, die er in den letzten Jahren verloren hatte.Das Blut pulsierte durch seine Adern, als er das Bajonett19 auf seine Muskete setzte. Viele der Waffen der Kontinental Armee waren zu kalt, um abgefeuert zu werden, weshalb man auf die Bajonette zurückgriff. Friedrich wurde übel bei dem Gedanken, dass er gezwungen war aus der Nähe zu töten. Der Gedanke einen anderen Mann zu töten machte ihm sowieso Angst, aber beim Schießen hätte er die Augen schließen und beten können, dass seine Kugel nicht getroffen hatte20. Er wusste nicht, ob er etwas anderes durchstehen würde. Doch andererseits, hatte er eine Wahl?Das hohe, nasse Gras hinterließ Striemen auf dem Stoff seiner Kniehosen, dort wo es über seine Schenkel strich. Er konnte den rasselnden Atem des Mannes neben sich hören und wandte seinen Blick, um zu sehen ob es immer noch Wurtenberger war, der an seiner Seite marschierte.In der Ferne konnte der Arzt drei Regimenter an hessischen Truppen ausmachen. In den Geschichtsbüchern würde man später lesen. dass es die Regimente von Lossberg, Knyphausen und Rall waren. Doch an diesem Morgen machte das für keinen der Männer auf dem Feld einen Unterschied.Friedrich war nicht unter den Soldaten welche die drei gegnerischen Regimenter zur Kapitulation zwangen. Stattdessen wurde ihm von Haussegger angeordnet, aus der Linie auszuscheren und sich einer Kompanie des 3. Virginia-Regimentes anzuschließen. Besagte Kompanie war angewiesen, die Kanonen unschädlich zu machen, da einige Hessen soeben am Positionieren und Beladen waren. Die kontinentalen Soldaten sprachen kein Wort Deutsch und es war höchst unwahrscheinlich einen englischsprechenden Hessen anzutreffen. Friedrich kam der Bitte, die Kompanie als Dolmetscher zu begleiten, nur allzu gerne nach, obwohl er sich nicht sicher war, ob das wirklich eine Verbesserung seiner Situation darstellte.Sieben Männer machten sich an den Kanonen zu schaffen, als Friedrich und die restlichen Soldaten näher kamen. Ein weiteres Dutzend Hessen eröffnete das Feuer. Seine Kameraden zogen Friedrich mit sich, aber jeder Schritt den er tat war mit einem gewissen Widerwillen behaftet. Sein Überlebensinstinkt schrien ihn an, sich umzudrehen und zu laufen, aber er kämpfte gegen dieses brennende Gefühl an, selbst noch als er plötzlich ein Zischen neben seinem Ohr vernahm. Eine Musketenkugel hatte ihn nur um Haaresbreite verfehlt.Friedrichs Rettung kam in der sonderbarsten Form. Einige Meter hinter sich hörte er einen Aufschrei, tief und kehlig und aus dem Augenwinkle sah er, wie jemand auf die Knie fiel. An dieser Stelle übernahm seine Ausbildung die Oberhand. Mit einigen großen Schritten war er bei dem Mann und ließ sich ebenfalls auf die Knie sinken. Der Verletzte hatte sich nach vorne gebeugt und erst als Friedrich ihn an den Schultern packte und aufrichtete konnte er die blutüberströmten Hände des Mannes sehen. Entschlossen packte er die Hände und begann die Wunden zu versorgen, auch wenn der Mann vor Schmerzen immer wieder aufwimmerte. Noch immer flogen Geschosse über ihre Köpfe hinweg, doch Friedrich könnte es in diesem Moment nicht weniger interessieren.Friedrich hatte seine Arbeit gerade beendet und dem Mann, der wie sich herausstellte, der Captain dieser Kompanie, William Washington21, war, wieder auf die Beine geholfen, als ein weiteres Geräusch über den Schlachtlärm hinweg seine Aufmerksamkeit erregte. Der Rest der Kompanie war inzwischen weiter vorgerückt und hatte die Kanonen unter ihre Kontrolle gebracht. Ein Pferd hatte seinen Reiter abgeworfen und galoppierte nun panisch auf Friedrich und Washington zu. Beherzt streckte der junge Mann die Arme aus, um das verschreckte Tier aufzuhalten- erfolgreich. Einige Meter entfernt lag ein Mann am Boden, aller Wahrscheinlichkeit nach der unglückliche Reiter.Als Friedrich zu dem Virginier geeilt war, machte er zwei Entdeckungen. Der Mann lag auf dem Bauch und als der Arzt ihn auf den Rücken gedreht hatte fiel im sofort die beachtliche Menge an Blut auf, die beständig aus einer Wunde an der Schulter spritzte. Eine Arterie, dachte Friedrich und Sorgenfalten bildeten sich auf seiner Stirn. Ohne einen weiteren Gedanken daran zu verschwenden, schob er zwei Finger so tief in die Wunde, um die Blutung zu stoppen22. Der Verletzte zuckte heftig unter Friedrichs Berührung zusammen. Das Gesicht war verzerrt vor Schmerz und die Lider nur halb geöffnet, aber dennoch erkannte Friedrich diese Augen wieder. Er würde diese Augen überall wiedererkennen.„Wissen Sie Mister Monroe, ich freue mich Sie wiederzutreffen doch muss ich gestehen, dass ich mir glücklichere Umstände vorstellen könnte“, machte der Arzt den Versuch eines Scherzes. Nicht das ihm danach zumute gewesen wäre, aber er versuchte verzweifelt den Fakt zu überspielen, dass er keine Möglichkeit hatte die Wunde langfristig zu versorgen. Dafür hätte er eine Arterienklemme oder etwas Vergleichbares gebraucht. Zwischen seinen Fingern spürte er die pulsierende Arterie Monroes und Friedrich war sich sicher noch nie etwas gespürt zu haben, dass dem Tode so nahe und trotzdem so lebendig war.Weitere Minuten verstrichen, in denen der Arzt auf Monroe einredete, um ihn irgendwie bei Bewusstsein zu halten und gleichzeitig fieberhaft nachdachte, was er nun tun sollte. Plötzlich vernahm er Schritte, die sich von der Seite her näherten. Erschrocken blickte der Mann aus Philadelphia auf. Sollte er es ein Hesse sein, hätte er ihm momentan wenig entgegen zu setzten, auch wenn die Waffe nur ein paar Fuß neben ihm lag. Doch zu seiner Überraschung war es ein mittelalter Mann in Zivilkleidung- und mit einer schwarzen Tasche, die man so nur bei Ärzten sah23.„Ist die Arterie verletzt?“, fragte der Fremde auch sogleich, als er sich neben Friedrich und Monroe in das Gras setzte. Ein Nicken war die einzige Antwort, die er brauchte, denn auf Friedrichs Geste hin begann er in seiner Tasche nach etwas zu suchen und förderte schließlich die benötigte Arterienklemme zum Vorschein. Erleichtert atmete Friedrich auf.„Weiten Sie mit ihren Fingern die Wunde, damit ich die Klemme anbringen kann“, instruierte der Fremde und Friedrich kam der Aufforderung ohne Umschweife nach. Monroes halb-ohnmächtiges Stöhnen verwandelte sich in ein Schreien, als die beiden Männer ihre Arbeit verrichteten.Monroe wurde in ein kleines Zimmer, das in einem Haus im Zentrum von Trenton lag, gebracht. Man hatte dieses Zimmer zur Krankenstation deklariert und beim Eintreten machte Friedrich sich auf das Schlimmste gefasst. Den Gestank nach Blut, Pulver und Erbrochenen. Auf die Schreie der Verwundeten und die hektischen Schritte der Ärzte. Doch zu seiner kompletten Verwunderung fand er nichts dergleichen vor. Abgesehen von einer weiteren Person, William Washington, war der Raum leer.„Sind das alle Verwundeten?“, fragte er verblüfft den Wache haltenden Gefreiten an der Tür. Es war eher ein Junge als ein Mann, sein Gesicht noch deutlich von der Pubertät gezeichnet, aber er hatte das breiteste Lächeln auf den Lippen, als er antwortete. „Ja, das sind alle und wenn man dem was man sagt glauben darf, werden es auch nicht viel mehr werden24.“Friedrich begann ebenfalls zu Grinsen wie ein kleiner Junge. Das waren fantastische Nachrichten. Ein Sieg über einige der besten Soldaten der Welt und dann nur zwei Verwundete? Doch trotz des euphorischen Gefühls in seinem Inneren besann Friedrich sich auf die Tatsachen. Man hatte mindestens zwei Verwundete und die mussten versorgt werden. Der fremde Arzt hatte sich bereits Monores angenommen, der gnädiger Weise endlich das Bewusstsein verloren hatte, weshalb Friedrich sich Washington zuwendete. Er unterhielt sich im Flüsterton mit dem Captain, um ihn abzulenken und ruhig zu halten, als plötzlich die Tür zu dem kleinen Zimmer aufgerissen wurde und die Gestalt von Van Linkensdorf im Eingang erschien.„Friedrich, wir brauchen dich. Schnell!“, klang seine erregte Stimme. Der Angesprochene zeigte auf, dass er gerade beschäftigt war, doch der Adjutant duldete keine Widerrede und so folgte Friedrich seinem Kameraden nach draußen, über den Hof und in das gegenüberliegende Gebäude. In einem kleinen Zimmer, nicht unähnlich dem Zimmer, in dem er bis eben noch gearbeitet hatte, lag ein Mann auf einem Feldbett, zwei weitere standen daneben. Sie alle drei trugen die Uniformen der hessischen Truppen.„Oberst Rall, das ist Doktor Deegen. Er wird sich um Sie kümmern25“, erklärte Van Linkensdorf hinter Friedrich und schob Besagten weiter in den Raum hinein. Der junge Mann wollte protestieren, doch der Blick des Adjutanten riet ihm besser einfach nur zu tun, was von ihm verlangt wurde. Friedrich schluckte und kniete sich neben die Liege, er war sich der Tragweite der Situation durchaus bewusst.„Helfen sie mir ihn auszuziehen“, richtete er sich an einige der wachhabenden kontinentalen Soldaten, die seiner Aufforderung sofort nachkamen.„Wird er es schaffen?“, fragte Van Linkensdorf nach einiger Zeit, als der junge Arzt den Oberkörper des Oberst examiniert hatte. Zwei Einschusswunden. Die eine war eine Fleischwunde, sie konnte sich entzünden, war aber ansonsten harmlos. Der zweite Schuss hatte die Lunge durchstoßen und diese Verletzung würde tödlich enden.„Nein wird er nicht“, prognostizierte Friedrich und bediente sich ebenso wie Van Linkensdorf seiner deutschen Muttersprache. Es war ein ungewohnter Klang in seinen Ohren, er hatte lange kein Deutsch mehr gesprochen. Selbst in seinem Regiment wurde meistens Englisch gesprochen.„Gut. Versuch ihn am Leben zu halten bis er formell kapituliert hat“, wies der Adjutant Friedrich an und verließ den Raum. Gott wusste, dass er keine Liebe für die Hessen hatte.Friedrich reinigte die Wunden und überlegte, ob es sich lohnen würde, die Kugeln zu entfernen. Rall würde sterben, warum ihm dann unnötige Schmerzen zufügen.„Wo kommen Sie her?“, fragte Rall plötzlich unvermittelt mit heiserer Stimme.„Germantown, Pennsylvania.“„Aber ihre Vorfahren kamen aus dem Reich26, nicht?"„Aus Preußen.“„Dennoch sitzen Sie hier“, hakte Rall nach und ein trockenes Husten schüttelte ihn. Der Schmerz in seinen Augen war unübersehbar.„Zu aller erst bin ich ein Arzt. Meine Nationalität kommt an zweiter Stelle“, erklärte Friedrich ohne von seiner Arbeit aufzusehen. „Ein Mann mit Ehre- es ist keine Schande gegen solche Männer zu unterliegen“, verkündete Rall und versuchte ruhig zu atmen, aber es fiel ihm sehr schwer.Der junge Arzt bemerkte den Besucher erst, als dieser zu sprechen begann. „Er wird sterben, nicht?“Friedrich sah hoch und erkannte den Fremden, der sich ihm Stunden zuvor als Ralls Cousin vorgestellt hatte und auch der Oberst schien seinen Vetter zu erkennen. Doch keiner der beiden Männer sprach ein Wort. Sie sahen sich einfach nur einen langen Moment an. „Ich werde nach Hause schreiben. Kein Fremder wird Euren Eltern die Kunde überbringen“, verkündete der Fremde und wandte sich zum Gehen27. Friedrich war sich nicht sicher, ob seine Worte ein Trost oder eine Drohung gewesen waren.„Haben Sie Familie, hier in den Kolonien?“, fragte Rall und Friedrich nahm sich einen Moment Zeit, um zu antworten. Er dachte an seine Eltern und an seine Geschwister, seine Heimat. „Nein, nicht mehr.“Als Friedrich über eine Stunde später wieder ins Freie trat, war er erschöpft, vollkommen ausgelaugt. General Washington und General Greene waren kurze Zeit nach dem Verschwinden von Ralls Cousin eingetroffen. Friedrich war bei ihrem Eintreten aufgesprungen und hatte salutiert. Anschließend hatte er für die Generäle und den Oberst gedolmetscht, während sie über die Kapitulationsbedingungen verhandelten. Es war eine große Ehre gewesen.Nicht, dass die Hessen in der Lage waren große Ansprüche zu stellen. Rall hatte um eine menschenwürdige Behandlung seiner rund 1000 gefangengenommen Männer gebeten und Washington hatte sie ihm zugesichert.Nach diesem kurzen Gespräch war der junge Mann entlassen worden, weil deutlich wurde, dass man für Rall nichts mehr tun konnte.Die Sonne schob sich hinter den schweren Wolken hervor und wärmte Friedrich das Gesicht. Er war seit weit über vierundzwanzig Stunden auf den Beinen und was das für Stunden waren. Er wollte nichts sehnlicher, als sich hinzulegen und zu schlafen. Unglücklicherweise hatte Washington angeordnet, dass man noch heute an das Pennsylvania Ufer des Delawares zurückkehren würde. Friedrich war keiner der armen Männer, die Rudern mussten, insofern hatte er wahrscheinlich noch Glück gehabt.Ein Stück die Straße herunter, vernahm er Stimmen. Er folgte dem sandigen Pfad hinunter zu einer Gruppe von Männern, die dort zusammen vor einem Tannenbaum standen. Es waren die Männer seines Stabes. Schweigend standen sie dort zusammen, die vergangenen Stunden hatten sie alle erschöpft, doch zumindest Raybold schaffte es eine wichtige Bemerkung zu machen.„Unser Tannenbaum ist schöner!“
----- CHAPTER BREAK -----
29. Dezember 1776
Happy it is for this country that the General of their forces can safely be entrusted with the most unlimited power, and neither personal security, liberty nor property be in the least degree endangered thereby.
Auszug aus dem Brief des Kontinentalkongresses an General Washington vom 27. Dezember 1776 Friedrich saß auf der Kante von Louis Van Linkensdorfs Feldbett. In seiner Hand hielt er eine kleine Tasse mit warmem Wasser. „Würdest du jetzt bitte trinken?“, drängte Friedrich und hielt dem Adjutanten die Tasse direkt an die Lippen. Langsam verlor er die Geduld mit seinem Patienten und das sollte bei dem jungen Arzt schon wirklich etwas heißen. Er konnte eine Engelsgeduld an den Tag legen, doch wurde sein Temperament zu lange auf die Probe gestellt, eine Sache die Van Linkensdorf auch bei bester Gesundheit schon beherrschte, konnte er recht ungehalten werden.Anstatt seiner Aufforderung nach zu kommen drehte Louis sich einfach von ihm weg, auf die andere Seite. „Lass mich einfach in Frieden“, knurrte er in das Kissen.„Gut, fein!“, seufzte Friedrich in Kapitulation und stellte die Tasse mit mehr Nachdruck nieder als notwendig gewesen wäre. „Wenn du nicht willst, dann gehe ich jetzt zurück und Wurtenberger wird sich deiner annehmen. Mal sehen ob er milder gestimmt ist.“ Während Friedrich aufgestanden war und zur Tür schritt, zählte er in Gedanken herunter. Er war noch nicht bei null angelangt, als er von hinter sich ein Geräusch hörte.Louis hatte sich mit einem stöhnenden Laut aufgesetzt und mit zittrigen Händen nach der Tasse gegriffen, drei lange Züge und sie war leer. „Zufrieden?“, murmelte der Adjutant und blickte beinahe schon herausfordernd zu dem Arzt herüber, der sich ihm nun wieder genährt hatte. Friedrich fragte sich wie Van Linkensdorf so krank noch die Kraft dafür aufbrachte. Doch lange konnte dieser den Blick nicht halten, da beugte er sich krampfartig über die Bettkante und Friedrich konnte gerade noch rechtzeitig den Eimer, der neben dem Bett stand, weiter an das Kopfende schieben.Wenige Augenblicke später ließ Louis sich wieder ermattet auf den Rücken fallen. Sein Atem rasselte, als er vor Schmerzen die Augen zusammenkniff. „War das jetzt das letzte Mal für heute?“, fragte er, wenig hoffungsvoll oder einfach nur vollkommen entkräftet.Der Arzt beugte sich etwas tiefer über den Eimer und begutachtete dessen Inhalt. Das Ergebnis schien ihn zufrieden zu stellen, immerhin antwortete er „Ja, das sollte für heute reichen. Versuch jetzt etwas zu schlafen, ich sehe dann in zwei Stunden noch einmal nach dir und bringe dir etwas zu Essen.“„Muss ich etwas essen?“„Nun ja, ich würde mich zwar freuen, wenn du etwas essen würdest, aber ich zwinge dich nicht dazu … noch nicht zumindest.“1Van Linkensdorf nickte nur müde und Friedrich bezweifelte nicht, dass Louis bereits eingeschlafen war, als er die Tür hinter sich schloss.Der kleine Trampelpfad, der von der Scheune zu dem Wohnhaus führte, war festgefroren und Friedrichs Atem bildete kleine Wolken in der kalten Januar Luft. Die Morgensonne brach sich auf den mit Eiskristallen übersäten Grasflächen und die gesamte Szenerie hatte beinahe schon etwas Majestätisches. Trenton hatte die Moral der Männer gehoben. Es war aus strategischer Sicht vielleicht kein bedeutender Sieg gewesen, aber es war ein Zeichen für all die Dinge die man erreichen konnte. Trenton hatte einen großen Effekt auf die amerikanische Gesellschaft gehabt. Man hatte den Menschen in der Heimat bewiesen, dass man nicht nur britische Reguläre, sondern sogar hessische Truppen besiegen konnte2. Es blieb nur zu hoffen, dass sich dieser Einfluss auch in der Anzahl an Männer die sich wiederverpflichten wollten, bemerkbar machen würde.Eine Schar Vögel zog lautstark über Friedrichs Kopf hinweg und für einen kurzen Moment hielt der junge Mann inne.Sein Bruder hatte Vögel geliebt, ebenso wie die Sterne am Nachthimmel.Nacht für Nacht hatte er Friedrich angebettelt sich mit ihm raus zu schleichen, damit sie sich zusammen die Sterne ansehen konnten.Friedrich hatte nie ganz verstanden, warum sein Bruder nicht alleine gehen wollte, aber irgendwann hatte er eingesehen, dass sein Bruder wohl nicht für die Einsamkeit geschaffen war. Die Einsamkeit tat ihm weh und wenn Friedrich nicht mehr als ein paar Stunden Schlaf opfern musste, um ihn vor diesen Schmerz zu bewahren, dann war das ein Opfer, das er gerne brachte.Der Schnee gab unter seinen Füßen nach und ein vertrautes Knirschen erfüllte die Luft. Der junge Arzt war seltsam glücklich an diesem Morgen, seltsam unbeschwert, obwohl die Ruhr3 sich in ihrem Regiment ausgebreitet hatte. Friedrich erlaubte sich kindisch zu sein und ein paar unnötige Schritte auf die unberührten, weißgedeckten Wiesen zu machen, nur um seine Fußspuren im Schnee zu hinterlassen.Mit mehr Schwung, als wahrscheinlich nötig gewesen wäre, öffnete Friedrich die Tür zu dem Wohnhaus und trat ein. Eine angenehme Wärme strich über sein kaltes Gesicht.In der Stube herrsche bereits ein geschäftliches Treiben. Eberhard Michael war tief über seine Listen gebeugt und redete halblaut mit sich selbst, während er Berechnungen anstellte.„Da hat wohl jemand gute Laune“, stellte Kaplan Mueller fest und blickte ebenfalls von einem Stapel Papieren auf. Friedrich grinste nur schelmisch.„Ich nehme dann mal an, dass du mit Louis Erfolg hattest?“, hakte Wurtenberger nach, als er plötzlich aus einem der Nebenräume in den Hauptraum kam. Friedrich nickte nur bestätigend, bei der Erinnerung an seinen kranken Kameraden war er wieder sein gewohntes ernsthaftes Ich geworden.Der ältere Arzt schnaubte empört. „Da gebe ich mir redliche Mühe für nichts und wieder nichts und sobald du übernimmst, lässt er sich plötzlich fügsam behandeln. Sturkopf“, beschwerte Wurtenberger sich, wobei die letzten Worte doch mit großen Wohlwollen gesprochen wurden.„Vielleicht bin ich einfach rücksichtsvoller und damit für die Kranken ein angenehmerer Umgang“, warf Friedrich ein und zog seinen Mantel aus. Wurtenberger war als Arzt für sein notorisch striktes Regime bekannt und bei einigen der Männer sogar gefürchtet.„Du bist zu rücksichtsvoll mit ihnen, das ist das Problem“, korrigierte Wurtenberger und ließ sich frustriert auf einem der Stühle am Tisch nieder. Erst jetzt bemerkte Friedrich wie viele Dokumente dort lagen. Normalerweise wurde der Raum immer sehr ordentlich gehalten, man könnte es klischeehaft deutschstämmig nennen oder einfach nur gut organisiert, aber heute lagen überall Haufen von Papieren.„Was sind das für Papiere?“, fragte er dann auch schließlich und griff sich einige Blätter. Die Schrift darauf war deutsch?„Uns wurde aufgetragen die Niederschriften der hessischen Truppen zu übersetzten die man in Trenton sichergestellt hat“, klärte Raybold, welcher ebenfalls mit am Tisch saß, den Jüngeren auf und schob weitere Blätter in seine Richtung. „Du bist herzlich eingeladen mitzumachen.“„Haben die Hessen ihre offiziellen Papiere nicht immer in Französisch verfasst, damit die Engländer sie auch verstehen?“, fragte der junge Arzt während er die Blätter schnell überflog.„Die Korrespondenzen mit den Briten wurden in Französisch abgefasst4, aber die Briefe untereinander sind auf Deutsch und damit können die Sekretäre seiner Exzellenz drüben im Hauptquartier wenig anfangen“, klärte Michael den Sachverhalt auf und klappte die Seiten seines Rechnungsbuches zu.Friedrich setzte sich ebenfalls an den Tisch und unterstützte seine Brüder bei den Übersetzungen. Nicht das die Gruppe von Männern wirkliche Ergebnisse erzielte. Während der ersten Schlacht von Trenton waren ungefähr 500 Hessen zusammen mit einigen Zivilisten über eine Brücke am südlichen Ende der Stadt entkommen. Wahrscheinlich hatten sie die meisten wichtigen Papiere mit sich genommen oder sie vernichtet, auf jeden Fall waren die meisten der Dokumente, die an diesen Abend durch die Hand der deutschstämmigen Amerikaner liefen, unbedeutend. Briefe der einfachen Soldaten und unteren Offiziere nach Hause und nur hier und da ein Wort heimwärts über Verpflegung und Unterkünfte, aber wenig mehr.Friedrich stolperte nach etwa zwei Stunden über den Brief. Es war ein augenscheinlich belangloses Blatt Papier, das hastig gefaltet und schlecht gesiegelt worden war. Es war, es aus Hessen-Kassel5 an die Garrison in Trenton geschickt worden. Sein Empfänger hatte den Brief wohl nie erhalten, zumindest war das Siegel noch unbeschädigt, als Friedrich es in die Hand nahm. Er überflog den Inhalt mehr als das er aufmerksam las, er erwartete nicht in diesem Brief etwas von Wert zu finden. Doch als er mit Lesen fertig war blickte er sich einmal verstohlen um, doch seine Kameraden waren allesamt mit ihrem eigenen Schriftverskehr beschäftigt und ließ den Brief dann unauffällig in seiner Tasche verschwinden. Keiner hatte etwas gesehen.Noch einmal eine halbe Stunde später dann, wurde die Tür zum Hauptquartier geöffnet. Die Kerzen auf dem Tisch flackerten im plötzlichen Windzug und alle im Raum anwesenden, also Michael, Raybold, Mueller, Wurtenberger und Deegen selbst blickten auf. In der Tür stand ein Mann in kontinentaler Uniform, ein Schal vor dem Gesicht verbarg seine Züge. Ohne ein Wort zu sprechen, trat er ein und schloss die Tür hinter sich. Der wild flackernde Schein der Kerze beruhigte sich wieder.„Sie. Fertig machen. Schnell. Trenton“, meinte der Fremde und seien Worte wurden durch den Schal vor seinem Mund nur noch undeutlicher. Wurtenberger und Friedrich verdrehten gleichzeitig die Augen, Michael konnte sich ein Lachen nur schwer verkneifen und Raybold blickte nur drein, als ob er die Welt nicht mehr verstünde. Wie so oft lag es an Kaplan Mueller eine angemessene Antwort zu geben.„Guter Mann, solange Sie der englischen Sprache mächtig sind, sehe ich keinen Grund, warum wir eine Unterhaltung in solch rudimentären Wortbrocken führen sollten“, meinte der Deutsch-Amerikaner ernst und legte seine Papiere vor sich bündig auf den Tisch.Der Fremde blinzelte überrascht und zog dann den Schal etwas tiefer, sodass man sein Gesicht erkennen konnte. „Entschuldigen Sie Gentelmen, mir war nicht bewusst, dass sie so gutes Englisch sprechen6“, erklärte er. Wenigstens klang seine Entschuldigung aufrichtig.„Die Armee setzt wieder nach Trenton über. General Green hat die Stadt heute Morgen mit 300 Männern eingenommen7 und seine Exzellenz will sich dem Gegenangriff der Briten am anderen Ufer stellen“, fuhr der Mann fort.Friedrichs Herz schlug schneller, Aufregung pulsierte durch seine Glieder.„Wird einer unserer Ärzte hier bleiben und sich um die Kranken kümmern oder werden sie unter die Fürsorge des Medizinischen Departments gestellt?“, fragte Wurtenberger.„Man wird sich über ihre Männer kümmern und da wir auf unbestimmte Zeit nach Trenton gehen, sind alle Regimentsärzte angewiesen worden ihren Regimentern zu folgen“, klärte der Fremde auf und wandte sich dann auch sofort zum Gehen.Friedrich atmete einmal tief ein. Er war nervös, aufgeregt, aber es ging ihm besser als noch vor wenigen Tagen. Die Schlacht von Treton war seine Feuerprobe und er meinte sich einzubilden, dass er diese ziemlich gut bestanden hatte. Zwar hatte er in der Nacht trotz der großen Erschöpfung kein Auge zu tun können, aber immerhin hatte er jetzt Erfahrung, eine Vorstellung von den Dingen, die in einer Schlacht auf ihn zukommen könnten. Friedrich hatte selten Angst vor Dingen, die er einschätzen konnte. Er verabscheute Situationen, die er nicht einschätzen konnte, aber sobald er eine Möglichkeit gefunden hatte Geschehnisse zu bewerten und in einen Kontext zu bringen, fand er für gewöhnlich auch immer einen Weg mit ihnen fertig zu werden. Er sah dieser, seiner zweiten Schlacht nicht wirklich entgegen, er war keiner dieser Männer die von Ruhm auf dem Schlachtfeld träumten, aber er hatte das merkwürdige Gefühl, dass er auch das überleben würde.„Ich schlage vor, wir beenden unsere Übersetzungen soweit und beginnen dann alles für die Überfahrt vorzubereiten. Sicherlich werden bald Haussegger und die anderen Offiziere eintreffen und uns und ihren Kompanien genauere Anweisungen geben“, schlug Raybold vor und zustimmendes Gemurmel erfüllte den Raum.„Ich werde rüber in die Scheune gehen und dafür sorgen, dass die Ärzte aus dem medizinischen Department übernehmen können“, erklärte Friedrich und stand auf, der Brief lag schwer in seiner Tasche.Er hatte vorhin ein Stück Brot in Wein eingeweicht und wollte dieses nun mitnehmen, damit Van Linkensdorf etwas zu essen bekam. Gerne hätte er auch noch etwas Zucker oder Zimt darüber gestreut um diesem konsistenzlosen Mahl zumindest ein wenig Geschmack zu geben, aber leider gab die Regimentsküche das nicht her.„Ich werde die Übersetzungen, die wir bisher schon angefertigt haben in das Hauptquartier seiner Exzellenz bringen“, verkündete Michael und begann die Papiere einzusammeln.Friedrich verließ kurz vor dem Zahlmeister Eberhard Michael das Haus und begab sich über den zugefroren Trampelpfad zu der Scheune hinunter. Doch kaum im Freien, bemühte sich Michael zu dem jungen Arzt aufzuschließen, packte ihn am Arm und wirbelte ihn herum. Vor Schreck hätte Friedrich beinahe den Teller in seiner Hand fallen lassen.„Was war das für ein Brief?“, schnappte Michael und trat so nahe an Friedrich heran, dass dieser die Augenfarbe des Zahlmeisters erkennen konnte.„Was für ein Brief?“„Oh bitte, Deegen, verkauf mich nicht für dumm. Ich habe gesehen, wie du vorhin einen der hessischen Briefe eingesteckt hast. Haben sich deine Loyalitäten verschoben? Versuchst du heikle Informationen vor der Kontinentalarmee zu verbergen?“Friedrich hätte beinahe gelacht. Michaels Theorie war auch einfach zu verrückt, um nicht darüber zu lachen. „Lass mich los und ich kann dir den Brief zeigen“, erwiderte der junge Arzt stattdessen nur und Michael lockerte seinen Griff. Der Zahlmeister war ein Hüne und hatte eine ausgezeichnete Kondition. Friedrich hätte nicht die geringste Chance gegen ihn. Aber er hatte auch gar nicht die Absicht wegzulaufen oder sich in einen Kampf verwickeln zu lassen - er hatte nichts Verbotenes getan.Zu dieser Auffassung war wohl auch Micheal gekommen, nachdem er den Brief gelesen hatte.„Ich verstehe nicht …“, gestand Micheal und gab das gefaltete Papier wieder zurück.Der Brief war von einem Vater oder eher von einer Mutter an ihren Sohn geschrieben worden. Liebe Worte aus der Heimat, Bekundungen wie stolz sie auf ihn waren, die Verkündung von der Geburt einer Cousine. Der Sohn, an den der Brief gerichtet war, hieß Friedrich.Micheal schien diese Parallele inzwischen auch entdeckt zu haben und machte den Mund auf um etwas zu sagen, aber Friedrich war schneller. „Ich weiß ja wie jämmerlich das ist und wie dumm, es ist mir ja selber peinlich, aber du musst verstehen, dass-“„Du noch nie einen einzigen solcher Briefe erhalten hast, einen Brief von deiner Familie. Der restliche Stab, die Offiziere, die einfachen Soldaten, sie alle schreiben und erhalten Briefe, manche häufiger als andere. Doch seitdem ich dich kenne, hast du noch keinen einzigen Brief erhalten“, fiel der Zahlmeister ihm ins Wort.Friedrich nickte nur. Gott, fühlte er sich dämlich!„Ich weiß, dass der Brief nicht an mich gerichtet ist, aber wenn ich dort in der Scheune sitze, mit all dem Leid, wenn ich dort in der Scheune sitze, mit all dem Tod, dann reicht es allein schon so einen Brief in der Tasche zu spüren. Es ist eine Illusion, aber sie kaschiert den Zweifel in dem Moment, lässt die Wut bis zum nächsten Moment verstummen.“ Friedrich starrte auf den dreckigen Schnee zu seinen Füßen, dort wo das Grün des Grases durch den grau gewordenen, zertretenen Schnee sichtbar ist.„Du erzählst nie von deiner Familie“, stellte fest Micheal fest und den Arzt sollte es nicht wundern, dass dieser Umstand seinen Kameraden aufgefallen ist. „Ich werde jetzt nicht damit anfangen“, presste Friedrich als Antwort auf die nicht gestellte Frage hervor. Der ältere Mann nickte nur und wandte sich zum Gehen, zum Hauptquartier ging es in eine andere Richtung. Doch dann verharrt er plötzlich in seiner Bewegung, fixierte Friedrich mit seinem Blick. „Warum tust Du das alles? Du bist keiner der Männer, die Ruhm und Ehre auf dem Schlachtfeld suchen, keiner, der eine unstillbare Blutlust hat. Du bist keiner der Männer, die für einen Krieg geschaffen sind, also warum bist Du hier?“Der junge Mann blieb einen Moment stumm. Das Problem war, er konnte diese Frage nicht aufrichtig beantworten. Die Armee war sein einziger Ausweg gewesen. Er hatte dumme Entscheidungen getroffen von denen es ab einem bestimmten Punkt kein Zurück mehr gab. Doch all diese Antworten konnte er schlecht Michael geben. Deshalb versuchte es Friedrich mit der zweitbesten Antwort, die erstbeste war immer die Wahrheit. „Ich glaube an diese Sache, an unsere Unabhängigkeit, an Amerika und ich bin bereit Opfer dafür zu bringen.“Innerlich betete der Arzt, dass spätestens jetzt die Unterhaltung beendet war, aber Micheal starrte ihn immer noch so durchdringend an. „Manchmal weiß ich nicht, ob du wahnsinnig naiv bist oder doch reifer als wir alle anderen zusammen“, meinte er und Friedrich runzelte die Stirn, tatsächlich fragte er sich manchmal dieselbe Frage.„Ich kann Dir nicht sagen, was richtig oder falsch ist, ich kann Dir nicht sagen, dass es wahrscheinlich eine schlechte Idee war, sich der Armee anzuschließen, aber ich kann dir raten, diesen naiven Teil von dir irgendwo dort wegzuschließen, wo ihn niemand anderes sieht. Ich habe Jungen wie Dich im Siebenjährigen Krieg kennengelernt. All diese naiven Jungen sind gestorben- auf die ein oder andere Weise“, beendete Micheal ihre Unterhaltung und wandte sich nun endgültig zum Gehen. Seine Stimme hatte bei dem letzten Satz traurig geklungen und es war Trauer, die sein Vater bei ihrem letzten Gespräch in der Stimme gehabt hatte.Friedrich setzte seinen Weg, den Trampelpfad hinunter weiter fort. Die Euphorie, die er Stunden zuvor noch verspürt hatte, war vollkommen verflogen.
30. Dezember 1776
“I can swear we were all sober to a man; not only sober, but nearly half dead with cold for the want of clothing, as, putting the storm to one side, many of our soldiers had not a shoe to their feet and their clothes were ragged as those of a beggar. I am certain not a drop of liquor was drunk during the whole night, nor, as I could see, even a piece of bread eaten”
Aus der Biografie des kontinentalen Soldaten John Greenwood über die Zustände im Winter 1776/1777 Friedrich hatte nicht damit gerechnet, sobald wieder in Trenton zu stehen und dennoch, hier war er. Bis zu den Knien in Erde und Schlamm wartend, stützte er sich auf seinen Sparten. Der Schweiß lief ihm den Rücken herunter und dabei hatte die Wintersonne noch nicht ihren Zenit erreicht. „Müde?“, fragte eine Stimme neben ihm und Friedrich drehte den Kopf. Er kannte den Mann neben sich nicht, aber er war sich ziemlich sicher, dass er ebenfalls dem deutschen Regiment angehörte.„Ein wenig“, gestand der Arzt, richtete sich wieder auf und begann weiter Erde aufzuhäufen.„Sie schlagen sich aber gut, besser als einige der anderen Männer“, lobte der Fremde und Friedrich fragte sich einen Moment, ob seine Bemerkung wohl ironisch zu verstehen war. Immerhin hatte der Fremde in der Zeit, in der sie nebeneinander gearbeitet hatten, bereits fast das Dreifache wie Friedrich an Erde ausgehoben.„Ich bin auf einer Farm groß geworden“, erzählte Friedrich und bemühte sich etwas an Tempo zuzulegen.„Ah, deutsche Farmer sind die effizientesten8“, lachte der andere Mann und sah sich dann um. „Wo bleiben diese verdammten Holzpfähle?“Seit ihrer Ankunft in Trenton waren die Kontinentalen damit beschäftigt Schanzenarbeiten als Verteidigungslinien anzulegen9. Die Arbeit war hart und anstrengend, doch sie beschäftigte die Männer, beschäftigte Körper und Geist und lenkte von dem Umstand ab, dass morgen die Dienstzeiten der meisten Männer auslaufen würden und es keine Anreize gab, sich weiter zu verpflichten. Die Mitglieder des deutschen Regiments hatten sich auf drei Jahre verpflichtet, mit der Aussicht, in den Herbstmonaten nach Hause auf ihre Farmen zurückkehren zu können. Die wenigsten Familien konnten in der Erntezeit auf ihre Väter und Söhne verzichten und ohne dieses Zugeständnis hätte sich wahrscheinlich keine einzige Kompanie aufstellen lassen.Ein wenig ging man seiner Arbeit noch nach, bevor die Aufmerksamkeit plötzlich auf den nahe gelegenen Exerzierplatz gelenkt wurde. Dort begannen sich all die Regimente der Kontinentalarmee aufzustellen, deren Dienstzeit am morgigen Tag auslaufen würde. Dann, als alle Männer versammelt waren, kam George Washington persönlich auf den Platz geritten. Auf seinem weißen Hengst thronte er deutlich über seinen Männern. Friedrich bemerkte wie auch all die anderen Soldaten neben ihm, die Schaufeln und Spaten ruhen ließen, um dem geschehen zu folgen.„Gentleman, Männer aus Neu England10, Euer Dienst wird heute mehr benötigt denn je. Viele Eurer Dienstzeiten werden morgen auslaufen und dem Kontinentalkongress ist es momentan nicht möglich das Geld für den Sold aufzubringen. Dennoch bitte ich Euch, noch sechs Wochen länger zu bleiben. Ohne Euch ist die Amerikanische Sache, für die so viele Eurer Brüder ihr Leben gelassen haben, verloren11.“ Die Stimme des Generals war selbst aus der Entfernung, die Friedrich und die restlichen Männer hatten, noch deutlich und klar zu hören.„Jedem der jetzt vortritt und der sich bereit erklärt weitere sechs Wochen zu dienen, dem verspreche ich eine Belohnung von zehn Dollar12“, erklang Washingtons Stimme wieder. Trommeln wurden gespielt, ganz so, als wollte man die Männer so dazu ermuntern, sich erneut zu verpflichten, aber keiner trat vor.Da wendete Washington sein Pferd und begann erneut zu den Männern zu sprechen. „Meine mutigen Soldaten, Ihr habt alles getan, was ich von euch verlangt habe und darüber hinaus mehr, als man nur hätte erwarten können; aber das Wohle unseres Landes steht auf dem Spiel, Eure Frauen, Eure Farmen und alles was Euch lieb und teuer ist. Ihr wurdet zwischen Ermüdung und Elend zerrieben, aber wir können euch jetzt nicht entbehren. Wenn Ihr Euch dazu entschließt, auch nur noch einen Monat länger zu bleiben, dann werdet Ihr der Freiheit und eurem Land gegenüber einen Dienst erbringen, den ihr wahrscheinlich unter keinen anderen Umständen erbringen könnt13.“Friedrich spürte die Gänsehaut seine Arme herauf wandern, als der General geendet hätte. Gestern wusste er noch nicht genau, wofür er kämpfte, aber heute hatte Washington die Gefühle in seinem Herzen besser zusammengefasst, als er es selber je gekonnt hatte. Der hessische Brief saß immer noch schwer in seiner Tasche, aber Friedrich wurde plötzlich klar, er brauchte keine warmen Worte aus der Heimat, wenn er den Dank ganz Amerikas haben könnte.Die Worte zeigten Wirkung, kaum hatte der General geendet, da traten die ersten Männer vor, ihnen folgten weitere und weitere, bis schließlich fast jeder Mann vorgetreten war. Die Kontinentalarmee würde weiter kämpfen.
02. Januar 1777
“The terrible aspect of war … all was now hurry, confusion and noise”
Doktor Benjamin Rush über die zweite Schlacht von Treton Der Geruch des Waldes hing in der Luft. Es roch nach Blättern und Harz und nasser Erde. Dieser Geruch hatte etwas seltsam Beruhigendes an sich. Er erinnerte Friedrich nicht an seine Heimat wie die Apfelbäume in Trenton taten, aber er erinnerte ihn an friedlichere Zeiten. Doch genau dieser Geruch, dieser Eindruck stand in einem seltsam scharfen Kontrast zu den Schreien und den Musketenkugeln die durch die Luft zischten.General Washington hatte am 31. Dezember erfahren, dass die britischen Truppen sich mit 9.500 Mann14 Trenton näherten. Da die Schanzenarbeiten noch nicht fertig gestellt waren und auch die sonstige Verteidigungsarbeit der Armee noch zu wünschen übrig ließ15, hatte Washington den Brigarde-General Matthias Alexis Roche de Fermoy mit seiner Brigade, bestehend aus dem 1. Pennsylvania Regiment unter Colonel Edward Hand, dem Deutschen Regiment unter Colonel Haussegger, Charles Scotts 5. Virginia Regiment und sechs Geschützen aus Thomas Forrest Artillerieeinheit, als Vorhut die Briten empfangen geschickt.Noch in der Nacht vom ersten auf den zweiten Januar war man aufgebrochen, die Trenton-Princeton Road entlang nach Norden, da diese welche das momentane Hauptquartier der Kontinentalarmee in Trenton mit dem momentanen Hauptquartier der Briten verband. Gegen 12.00 Uhr war man dann auf die Briten gestoßen und hatte das Feuer eröffnet. Aus dem Nichts heraus, aus der grünen Wildnis des Waldes heraus sahen sich die Briten unter dem Kommando von General Charles Cornwallis plötzlich mit feindlichem Feuer konfrontiert.Die Amerikaner hatten sich hinter Bäumen und in Büschen versteckt und waren so für ihre Feinde nicht auszumachen. Friedrich selber lehnte mit dem Rücken gegen den Stamm einer Kiefer und sein Herz schlug so schnell in seinem Brustkorb, dass er das Gefühl hatte, dieser müsste ihm sogleich zerspringen. Für Friedrich und seine Kameraden hatte sich eine seltsame Routine eingeschlichen. Man hielt sich in Deckung, gab dann seine Deckung aber auf, um zu schießen und zog sich wieder hinten seinen Baum oder Strauch zurück um nachzuladen16. Friedrich hatte noch immer den widerlichen Geschmack des Schießpulvers im Mund, da er zuvor eine der kleinen Päckchen mit Kugel und Pulver zu weit unten aufgebissen hatte.Doch nach einigen Runden gab man das Feuergefecht auf und zog sich zurück, weiter nach Süden, näher nach Trenton, um sich dort eine Position zu suchen und erneut auf die Briten zu warten.Friedrich kämpfte nicht nur gegen die Angst an, die jeder klar denkende Mensch haben sollte, sobald er in ein Feuergefecht verwickelt war, nein, er kämpfte auch gegen die Euphorie an. Er war falsch sich zu freuen, falsch zu jubeln, weil ihr Plan so gut funktionierte und besonders wenn Friedrich sah, wie britische Soldaten über ihre toten oder verwundeten Kameraden hinwegstiegen, sollte ihn eigentlich Reue erfassen. Friedrich war sich ziemlich sicher, dass zumindest einer dieser Männer wegen ihm am Boden lag und sich nicht mehr bewegte, aber wenn das Adrenalin einem durch die Adern rauscht und wenn man sieht, wie erfolgreich man ist, wie viel Zeit man den eigenen Männer in Trenton verschafft hat, dann fällt es einem jungen Mann schwer, sich nicht zu wenig zu freuen. Doch das ist genau der Punkt, Friedrich tut, was man von ihm verlangt, weil es seine Pflicht ist, aber seine Pflicht zu erfüllen heißt auch, Dinge zu tun die das Herz vielleicht bereut. Aus dem Hinterhalt auf Jungen zu schießen sollte etwas sein, das er bereut. Er weiß, dass es ihn zu einem schlechten Quäker machte, er weiß, dass seine Mutter von ihm enttäuscht wäre, unendlich enttäuscht. Sich das Bild seiner toten Mutter vor dem inneren Auge vorzustellen, half Friedrich nicht euphorisch zu werden, wenn er mit dem Rücken an einem Baum lehnte oder zwischen Zeigen im Unterholz kniete und nachlud, wenn er sich aufrichtete und schoß- wenn er traf.Dennoch ließ es sich nicht von der Hand weisen: Für die Kontinentalen lief es gut. Man hatte den Vorstoß von Cornwallis bereits um Stunden verzögert und wenn sie nur noch paar Stunden länger durchhalten würden, dann würde es zu dunkel für eine Schlacht werden.Gegen drei Uhr am Nachmittag geschah jedoch etwas, dass für Fermoys Brigade fast den Untergang bedeutet hätte. Friedrich bekam es nicht mit, er und die meisten der anderen Männer erfuhren erst im Nachhinein, dass Brigade-General Fermoy seine Truppen verlassen und eigenmächtig nach Trenton zurück geritten war- betrunken, muss an dieser Stelle erwähnt werden. Unter den Männern der Vorhut wäre wahrscheinlich schnell Chaos ausgebrochen, wenn nicht Colonel Hand sofort das Kommando an sich genommen und neue Befehle gegeben hätte.Nach einigen weiteren Stunden war man in Stockton Hallow angelangt, die Wälder hatten sich gelichtet und es boten sich für Friedrich und seine Kameraden immer weniger Möglichkeiten, Deckung zu finden. Bisher hatten fast nur die Briten Verluste erlitten, doch je weiter man sich Trenton näherte, desto mehr Amerikaner fielen auch dem britischen Feuer zum Opfer. Ohne den Vorteil des Überraschungsmomentes machte sich auch die deutliche Übermacht der gegnerischen Truppen bemerkbar17.Gegen fünf Uhr schließlich befahl Hand seinen Männern den parallel zu ihrer Stellung laufenden Assunpink-Fluss zu überqueren und sich hinter den amerikanischen Linien in Sicherheit zu bringen. Sobald Cornwallis sich nicht mehr durch die Vorhut gefährdet sah, befahl er seinen Männern die linke Flanke der Kontinentalen an der Assunpink-Brücke anzugreifen. Ein wahrer Regen aus Blei war die amerikanische Antwort und Cornwallis musste sich zurückziehen. Zwei weitere solche Angriffe sollte es noch geben, bevor er sich endgültig geschlagen gab.Friedrich bekam von den Ereignissen an der Brücke wenig mit, er hatte es mit Hilfe der amerikanischen Artillerie sicher hinter die eigenen Linien geschafft. Kaum hatte er etwas Abstand zwischen sich und die laut hämmernden Kanonen gebracht, gaben seine Beine unter ihm nach. Er konnte sich gerade noch rechtzeitig mit den Armen abfangen, bevor er mit dem Gesicht im Schnee gelandet wäre. Sein ganzer Körper zitterte unnatürlich, ihm war heiß und kalt gleichzeitig. Eine komplette Erschöpfung schlang sich um seinen Körper, wie ein tödlicher Strick. Hätte man ihn gelassen, der junge Mann wäre wohl auf der Stelle eingeschlafen. Es war verrückt, zum einen begannen die Erlebnisse der letzten Stunden sich ihren Weg in sein Bewusstsein zu bahnen, begannen sich in seinem Gedächtnis einzubrennen, zum anderen ließ das Adrenalin seine gesamte Sicht verschwimmen.Mit einem Stöhnen kämpfte der junge Arzt sich wieder auf die Beine. Er hatte nicht den Luxus sich auszuruhen, er hatte gesehen wie einige Männer seiner Einheit von den Briten beim Rückzug gestoppt und aufgehalten worden waren. Ihm war die genaue Anzahl nicht bewusst, aber er sollte diesen Umstand Hand melden und dann zu seinem Regiment zurückkehren.Aber da war noch etwas. Eine Explosion gefolgt von einem markerschütternden Schmerzensschrei zogen Friedrichs Aufmerksamkeit auf die Artilleriegeschütze. Eine der britischen Kanonenkugeln war in eine Gruppe aus Kanonieren eingeschlagen und nun schrie man hektisch nach Hilfe. Spätesten jetzt schaltete Friedrichs Körper auf „Arzt“ um. All die Anstrengung und Ermüdung waren vergessen, als er zu den Männern eilte. Der Verwundete war ein junger Mann, vielleicht Anfang zwanzig, den die Kugel am Arm getroffen hatte. Seine Hand, ja seine Hand war noch mit dem Arm verbunden … irgendwie. Ohne lange zu zögern nahm Friedrich den Verletzten auf den Arm, um ihn davon zu tragen, doch schon nach wenigen Schritten bereute Friedrich seine Entscheidung. Der junge Mann war nicht sonderlich schwer, aber Friedrich auch nicht wirklich sonderlich stark, ganz besonders nicht wenn er schon den ganzen Tag auf den Beinen war. Doch ohne ihn hatte der Soldat keine Chance, bis ins Hospital würde er es nicht mehr selber schaffen und bis die Schlacht beendet war und man nach Verwundeten suchen würde, wäre er schon lange tot.18Zu Friedrichs Pech war das Hospital ein ganzes Stück weit entfernt, im südlichen Part von Trenton. Einige der Anwohner hatten den amerikanischen Truppen freundlicher Weise die Nutzung ihrer Häuser gestattet. Natürlich hatte man dankend angenommen und prompt begonnen alle Stühle und sonstige störende Möbelstücke aus dem Weg zu räumen, um in dem so entstanden Raum möglichst viele Tische oder tischähnliche Konstruktionen zu verteilen, auf denen man die Verwundeten behandeln konnte. Optimal waren immer Kirchen mit den langgezogenen Bänken, aber Privathäuser garantierten auch noch immer einige weitere helfende Hände von den Anwohnern.Bei ihrem Eintreten waren Friedrich und seinem Patienten die Aufmerksamkeit aller Anwesenden sicher, denn der junge Mann, der in Friedrichs Armen leider immer noch bei Bewusstsein war, war der einzige Verletzte in dem Raum.Hier zeigte sich für Friedrich einmal mehr das Wissen und Verstehen zwei vollkommen unterschiedliche Dinge waren. Er wusste, dass die Militärärzte nach dem Beginn einer Schlacht nicht mehr zu tun hatten als zu warten bis man ihnen nach einigen Stunden die ersten Verwundeten brachte, aber das hieß noch lange nicht, dass Friedrich dieses Verhalten verstehen musste, verstehen musste warum eine Gruppe an ausgebildeten Ärzten still da saß, während draußen auf dem Feld Männer starben.19Friedrich legte den Mann auf den nächstgelegenen Tisch ab und wandte sich prompt zum Gehen. Er war ein Regimentsarzt und hatte sich somit nicht in die Arbeit der Ärzte aus dem medizinischen Department einzumischen. Außerdem war auch sofort ein Arzt, vielleicht Mitte dreißig, zu dem Tisch herübergeeilt.Friedrichs Geschichte hätte sicherlich eine komplett andere Wendung genommen, wenn er nicht, schon beim Verlassen des Hauses, folgenden Dialog wahrgenommen hätte.„Mr. Peale20, kommen Sie hierher und helfen Sie mir“, bat der Arzt, der an den Tisch geeilt war.„Ich würde ja gerne … aber ich fürchte, ich bin zu betrunken um Ihnen zu helfen“, lallte jemand aus dem Hintergrund.Friedrich erstarrte in seiner Bewegung und wandte sich wieder dem Raum zu. Muss man den hier alles selber tun?, stöhnte er innerlich. Mit schnellen Schritten trat er an den Tisch. Der andere Arzt war gerade damit beschäftigt, die Wunde des dort liegenden zu begutachten. „Ich kann Ihnen helfen“, erklärte Friedrich.Der Mann runzelte die Stirn, blickte aber nicht von seiner Arbeit auf. „Ich danke für das Angebot, aber ohne eine medizinische Ausbildung sind Sie mir keine wirkliche Hilfe.“„Ich bin Arzt. Doktor Friedrich Deegen vom Deutschen Regiment.“„Verzeihen Sie mir, das konnte ich nicht wissen. Doktor Benjamin Rush21“, stellte der andere Arzt sich vor und blickte für einen Augenblick auf. „Wollen wir dann anfangen?“So fing Friedrich also an, half Rush, den armen Mann so gut es irgend ging zu versorgen. Friedrich war es dann auch, der den jungen Mann fest an den Schultern packte und festhielt während Rush seinen Arm amputierte. Der Deutsch-Amerikaner sah zu, versuchte von den flüssigen Bewegungen des älteren, des erfahrenen Arztes zu lernen, versuchte den Horror dieser Situation auszublenden.Es blieb nicht bei dem einen Patienten an diesem Nachmittag. Kurz nach Friedrichs Eintreffen wurden weitere Verwundete gebracht und schon nach kurzer Zeit quoll der Raum praktisch über vor Verwundeten und ihren Ausrufen des Schmerzes. Eine leise Stimme in seinem Hinterkopf flüsterte ihm zu, dass es das Richtige wäre, sein Regiment zu suchen und die anderen Ärzte ihre Arbeit machen zu lassen. Doch Friedrich hätte schon blind und taub sein müssen um den händeringenden Mangel an Ärzten in dem Hospital nicht zu bemerken. So blieb er dann.Er konnte nur an den draußen herrschenden Lichtverhältnissen ablesen, dass es bereits Nacht sein musste, als er das nächste Mal inne hielt. Bei dem Anblick des tintenblauen Himmels wurde im plötzlich schwindelig, ein weißes Geräusch begann in seinen Ohren zu ringen. Drei große Schritte und Friedrich war durch eine der Nebentüren ins Freie getreten. Die klare Winterluft tat ihm merklich gut, aber dennoch drehte sich die Welt vor seinen Augen so schnell, dass er sich mit beiden Händen an der Wand des Wohnhauses abstützen musste, um nicht zu stolpern. Erschöpft presste er die Lider zusammen, in dem verzweifelten Versuch sich wieder zu fangen. Der Horror der vergangenen Stunden zog an seinem inneren Auge vorüber und der junge Mann musste schlucken. Das Bild des jungen Soldaten dessen Hand von einer Kanonenkugel fast vollkommen zerschmettert worden war, hatte sich in sein Gedächtnis eingebrannt.Friedrich atmete einige Male bewusst tief ein und wieder aus. Er war fast an dem Punkt angelangt, dass er sich zutraute wieder hineinzugehen, als sein Magen sich plötzlich krampfartig zusammenzog. Er erbrach sich auf das Gras zu seinen Füßen und hätte er sich nicht immer noch an der Wand abgestützt, wäre er wahrscheinlich zusammen gebrochen.Plötzlich hörte er Schritte, die sich ihm von hinten näherten, und einen Moment später fühlte er eine starke Hand auf seinem Rücken. Er erschrak ob dieser Geste mehr als er eigentlich sollte. Rasch drehte er sich zu dem Fremden um und erkannte sofort Doktor Rush. „Ganz ruhig“, mahnte dieser und fragte weiter „Geht es wieder?“. Seine Stimme klang sanft und verständnisvoll. Friedrich wischte sich mit dem Hemdärmel über den Mund und nickte nur stumm.„Sie haben so etwas noch nie gesehen, nicht?“, hakte Rush nach. Wieder schüttelte Friedrich nur den Kopf, setzte dann doch zu einer Antwort an. „In dem Krankenhaus in Philadelphia hatten wir einmal einen Patienten, den hatten sie geteert und gefedert22, ein anderer, ein Hafenarbeiter, war ins Wasser gefallen und wurde dann zwischen dem Schiff und der Kanalmauer praktisch zerrieben. Das war schlimm, aber das hier …“, Friedrich konnte den Satz nicht vollenden, dafür fehlten ihm die Worte.„Ich weiß, was Sie meinen“, versicherte Rush. „Mir geht es manchmal ähnlich. Ich arbeite nun schon seit so vielen Jahren als Arzt und dennoch habe ich von Zeit zu Zeit das Gefühl, es würde mich überkommen. Es ist der Geruch, wissen Sie. In unseren Hospitälern stinkt es nach Blut und verkohltem Fleisch und Tod. Da kann ein Mann schon mal an seine Grenzen kommen.“ Aufmunternd hielt er Friedrich eine Feldflasche hin, dieser ergriff sie dankbar.„Denken Sie, Sie sind bereit sich wieder in die Höhle des Löwen zu wagen?“, fragte Rush schließlich, nachdem Friedrich ihm die Flasche zurückgegeben hatte. Er nickte tapfer. Friedrich war gut im Weitermachen, im einfach Weitermachen, so als ob nichts passiert sei- fast könnte man meinen, er hätte diese Disziplin erfunden.„Eine Frage noch, bevor ich nachher nicht mehr dazu komme: Ich habe vorhin Ihre Wundnähte gesehen und muss sagen, dass ich beeindruckt bin. Wo haben Sie das gelernt?“„Friedrich stutzte einen Moment, die Frage traf Ihn unvorbereitet, doch trotzdem schaffte er es zu antworten. „Sagen wir einfach, ich habe ein Händchen für so etwas … und sehr viel Übung.“ Rush nickte nur und hielt die Tür zum Hospital auf. Friedrich atmete einmal tief ein und trat dann hindurch.Es war das gleiche geordnete Chaos, die gleiche Unruhe im Inneren, wie noch zu dem Zeitpunkt als Friedrich das Zimmer verlassen hatte. Wenn überhaupt war es nur noch schlimmer geworden, noch mehr Menschen, noch mehr Verwundete.Friedrich begann sich wieder an die Arbeit zu machen. Er kam einem Kollegen zur Hilfe, der gerade dabei war, den verletzten Arm eines jungen Mannes in Dragoner-Uniform zu behandeln. So vergingen wieder Stunden bis schließlich alle Männer versorgt waren.Am Ende des Tages waren noch eine Handvoll Ärzte und ungefähr zwanzig Verwundete in dem Hospital. Friedrich hatte sich, sobald seine Arbeit beendet war und man zumindest den Anschein von Ordnung in den kleinen Raum gebracht hatte, auf einem der Stühle in der Ecke des Raumes fallen lassen. Das Polster des Stuhles würde wahrscheinlich Flecken von seiner erdigen und blutigen Kleidung erhalten, aber um ehrlich zu sein, war das dem jungen Mann in diesem Moment vollkommen egal. Er war zu erschöpft, war zu lange auf den Beinen gewesen, um sich nun auch nur im Geringsten darüber Gedanken zu machen.In dem Raum war nicht wirklich genügend Platz, als das die Ärzte ausreichend Fläche zum Schlafen gefunden hätten, aber das machte Friedrich nichts aus. Das Wohnhaus auf seiner elterlichen Farm in Germantown war zu klein für die Familie gewesen, sie waren zu viele Geschwister und das Haus war für diesen Kinderreichtum nicht ausgelegt. Die Schlafgelegenheiten waren deshalb häufig improvisiert und einengend gewesen. Mit der Voraussicht, die Nacht also auf einem Stuhl verbringen zu müssen, war Friedrich gerade dabei sich die Stiefel auszuziehen, man musste den Polstern ja nicht mehr als unbedingt nötig abverlangen, als er aus dem Augenwinkel sah, wie sich jemand auf den Stuhl neben ihn setzte.Die Person war Mr. Peale, derselbe Mann mit dem er ja schon früher am Tag Bekanntschaft gemacht hatte. In seiner linken Hand hielt dieser eine Flasche Rum und deutete mit der Flaschenöffnung in die Richtung des Arztes. „Auch einen Schluck?“Friedrich schüttelte nur den Kopf.„Sie sehen aber aus, als könnten sie etwas vertragen.“„Ich bin Quäker, wir trinken nicht.“„Quäker sind eigentlich auch Pazifisten, trotzdem sind Sie hier, da kann man doch auch noch weitere Ausnahmen machen.“Friedrich bereitete sich gerade innerlich darauf vor, Peale deutlich mitzuteilen, dass er kein Interesse an seinem Rum habe, als Hilfe von ungeahnter Stelle eintraf.„Mr. Peale, Sie sollten den Wunsch von Doktor Deegen akzeptieren“, meinte Doktor Rush, scheuchte den Angesprochenen dann mit einer flüchtigen Handbewegung fort und setzte sich auf den nun freien Stuhl. „Er meint es im Grunde nur gut“, versicherte Rush.Friedrich nickte nur stumm mit den Kopf. Das war ihm im Moment wirklich egal.„Sie werden doch die Nacht über hier bleiben und erst am Morgen zu Ihrem Regiment zurückkehren, nicht?“, erkundigte sich Rush und Friedrich fielen zum ersten Mal die intensiv blauen Augen des Arztes auf. „Wenn Sie mich die Nacht über hierbehalten“, antwortete der Jüngere der beiden und lehnte den Kopf an die Wand hinter ihm. „Unbedingt. Wenn es nur nach mir ginge, könnten Sie auch für den Rest des Krieges hier bleiben, im medizinischen Department meine ich, wir können immer gute Männer gebrauchen23“, erklärte Rush und Deegen nickte erneut nur. Kurz darauf wünschte man sich eine gute Nacht, doch es blieb leider bei diesem Wunsch. Die Enge, die Ungewissheit über den Ausgang der Schlacht und besonders die Schmerzenslaute der Verwundeten in dem Raum machten es fast unmöglich zu schlafen. Friedrich gleitete immer wieder in und aus leichten und traumlosen Schlafphasen. Er war fast froh, als irgendwann am frühen Morgen, die Sonne war noch nicht ganz aufgegangen, die Tür zu dem kleinen Zimmer aufgerissen wurde. Frische, kalte Morgenluft strich über Friedrichs Gesicht und der Lärm den die eintretende Person verursachte weckte nicht nur ihn, sondern auch jeden anderen in dem Raum.Das war in Ordnung, denn auch wenn der junge Arzt noch immer müde war, er konnte auch nicht mehr länger so untätig und halb weggedämmert, halb wach herumsitzen. Das unsanfte Wecken versprach zumindest die Möglichkeit, etwas zu tun zu bekommen.„Unsere Truppen sind weg. Keine Spur mehr von ihnen“, proklamierte der Mann, der eben gerade noch so geräuschvoll eingetreten war. Friedrich erkannte ihn als einen der Ärzte, auch wenn ihm der passende Name entfallen war. Seine Worte allerdings hinterließen einen größeren Eindruck und zwangen Friedrich dann doch schneller als ihm lieb war, wach zu werden.„Was soll das heißen?“, hakte Rush nach.„Unsere Truppen sind nicht mehr auffindbar- ebenso wie die britischen Truppen. Es gibt auf unserer Seite noch ein paar Feuerstellen, die vor noch nicht allzu langer Zeit erloschen sind, aber niemand ist mehr anzutreffen24“Ein Schwiegen legte sich über den Raum, selbst die Verwundeten schienen still zu werden.„Wissen wir denn, ob das Gelände auf dem wir uns befinden noch von unseren Truppen gehalten wird?“, fragte eine dritte Stimme. Der Bote verneinte.„Wir könnten uns also ebenso gut hinter den feindlichen Linien befinden?“, stellte Rush schließlich die gefürchtete Frage. Ein schwaches Nicken war die einzige Antwort, die er bekam.Die Männer in dem Raum sahen sich alle in die Augen. Keiner wollte es aussprechen, aber sie alle dachten das Gleiche. Ihnen drohte die Kriegsgefangenschaft.
----- CHAPTER BREAK -----
03. Januar 1777
“You would think it had been desolated withe the plague and an earthquake as well as with the calamities of war.”
Doktor Rush über den Zustand der Stadt Princeton nach der gleichnamigen Schlacht Die Spuren der Armee waren leicht zu finden und es war ebenso leicht ihnen zu folgen. Die Straße nach Princeton war holprig und es war wenig hilfreich, dass mindestens eines der Pferde, die die Wagen zogen, unbeschlagene Hufe hatte. Das arme Tier rutschte, sehr zum Leidwesen der Verletzten die auf dem hinteren Teil des Wagens saßen, immer wieder weg und drohte umzuknicken. Dabei war es ein sehr milder Morgen und die Sonne, die sich zwar noch immer schüchtern hinter ein paar Wolken versteckte, hatte den Boden bereits soweit aufgewärmt, dass er nicht mehr überfroren war.Friedrichs Atem formte dennoch kleine Wolken wenn er sprach. Nachdem man in dem Hospital von den ungewissen Umständen, in denen man sich befand, erfahren hatte, hatte man sofort, in einer Eile die seines Gleichen suchte, die Patienten auf Wagen verfrachtet, seine Sachen zusammen gepackt und sich hastig, aber doch herzlich von den Bewohnern des Hauses verabschiedet.Auf einem Wagen, eng an einander gedrängt und trotzdem unterkühlt aufgrund des Mangels an Decken, stundenlang über unebene Straßen zu fahren, war für keinen der Verletzten wirklich zuträglich. Sie versuchten tapfer zu sein, aber man merkte ihnen ihren Schmerz, ihre Angst und ihre Verzweiflung deutlich an. Deshalb hatte Friedrich sich schließlich, so gut es von seinem Platz auf dem Kutschbock neben dem Kutscher aus ging, zu ihnen umgedreht und begonnen die Bibelverse zu rezitieren, die ihm am liebsten waren. Es war die aufrichtige Bemühung den Männern irgendetwas anderes zum Nachdenken zu geben, als nur den elenden Zustand ihrer Körper.Einige der Männer waren im Laufe der letzten Stunden wieder eingeschlafen, ein Umstand den Friedrich als Erfolg verbuchte und ein weiterer Soldat hing förmlich an seinen Lippen, sein Gesicht war bei jeder auch noch so kleinen Erschütterung vor Schmerzen verzogen, aber der Blick in seinen Augen war wach.Friedrich war gerade dabei die letzten Verse der Geschichte Königin Esthers zu rezitieren, eine seiner Lieblingsstellen, als der Wagen plötzlich zum Halten kam und der Kutscher neben ihm nur erschrocken aufatmete. Ruckartig drehte der junge Mann sich wieder nach vorne und hätte den Blick am liebsten sofort wieder dem grausamen Schauspiel abgewandt.Vor ihm ersteckte sich ein Schlachtfeld. Von allen Lebenden verlassen färbte das Blut der Gefallenen den Schnee rot. Der scharfe Kontrast wirkte beinahe unwirklich.Ein Stück abseits waren drei Männer, wahrscheinlich Einwohner von Princeton, damit beschäftigt, die ersten Gräber auszuheben1. Einige der Toten würden von ihren Familien nach Hause geholt werden, aber unzählige Männer würden namenlos in Massengräbern verscharrt werden. Ein weiterer der vielen Schrecken des Krieges.Doktor Rush, der neben den Wagen ritt, trieb sein Pferd an und zog an dem Wagen auf dem Friedrich saß vorbei in Richtung der Einwohner von Princeton. Als er sie erreicht hatte, schien es einen kurzen Wortwechsel zu geben und schließlich deutete einer der Männer mit dem Arm auf ein Gebäude. Doktor Rush tippte sich wie zum Dank an den Hut und ritt zurück zu den beiden Wagen.„Es sieht aus als hätte man die Verletzten bereits geborgen und in eines der Häuser gebracht, auf der Farm von William und Thomas Clarke. Unsere Verletzten des heutigen Tages sollen sich dort ebenso aufhalten, wie einige Verletzte der Briten“, fasste Rush das Gespräch für seine Kollegen zusammen.Während der Kutscher den Wagen wendete und ihn in die Richtung lenkte, in welche die Einwohner gezeigt hatten, blickte Friedrich noch einmal über die Schulter zurück auf das Schlachtfeld. Sein Herz zog sich zusammen und der Gedanke an seinen Bruder drängte sich plötzlich in seinen Kopf. Wie froh er doch war, dass sein Bruder ein anständiges Grab hatte. Als er noch jünger war, da hatte Friedrich gehofft eines Tages auf demselben Friedhof, neben seinen Eltern und seinen Geschwistern begraben zu werden. Er hatte gehofft, dass die Kinder, die er dann bestimmt haben würde, sein Grab besuchen würden. Doch heute war Friedrich sich nicht einmal mehr sicher, ob er jemals wieder einen Fuß in seine Heimatstadt setzten würde und ein Begräbnis auf dem dortigen Friedhof war noch unwahrscheinlicher. Er hoffte, dass es den Gefallenen dieses Tages etwas besser ergehen würde, Princeton war eine Gemeinde mit vielen Quäkern, vielleicht würden sie sich ja zumindest einigen der Gefallenen annehmen und ihnen ein würdiges Begräbnis bereiten2.Das Feld wurde immer kleiner, je weiter sie sich entfernten und als er den Kopf wieder nach vorne wandte, konnte Friedrich vor sich schon klar und deutlich das Anwesen der Familie Clarke erkennen. Die beiden Wohnhäuser, die Scheunen und Stallungen, ja sogar die Zäune, die die Weideflächen begrenzten, waren durch den Einschlag von Kanonen- und Musketenkugeln gezeichnet. Aus der Ferne zumindest sah der Schaden nicht allzu gravierend aus, aber dennoch würde man wohl nicht wenig Zeit in die Reparaturen stecken müssen.Die kleine Gruppe an Ärzten und Verwundeten war sich nicht unbedingt sicher, wie man sie empfangen würde. Im schlimmsten Fall würden die Bewohner der Farm das Eintreffen der Delegation nutzen, um sich umgehend der Verletzten unter ihrem Dach entledigen. Dann würde man mit noch mehr schwerverletzen und sterbenden Soldaten den Weg zurück zur Armee bewältigen müssen.Doch nach einem kurzen Gespräch mit Mr. Thomas Clarke stellte sich heraus, dass man durchaus willkommen war. 22 Männer wären im Haus seines Bruders William untergekommen und 18 weitere bei ihm. Ihre beiden Schwestern Sarah und Hannah, die bei ihm lebten, kümmerten sich um die Verwundeten, so gut sie nur konnten. Unterstützt wurden sie dabei von sechs britischen Medizinern, einem ausgebildeten Arzt und fünf seiner Assistenten, welche sich in erster Linie um die verwundeten britischen Soldaten kümmerten, die ja ebenfalls in den beiden Häusern Zuflucht gefunden hatten. Dazu sei vor wenigen Stunden noch ein kontinentaler Offizier, Captain George Washington Lewis3, unter weißer Flagge durch die britischen Linien zu der Farm gekommen, um sich, auf Drängen General Washingtons persönlich um einen gewissen General Hugh Mercer zu kümmern.An der Art und Weise wie Mr. Clarke über General Mercer sprach war deutlich zu erkennen, dass der Mann ihm unbekannt war, aber Friedrich merkte wie Benjamin Rush an seiner Seite zusammen zuckte als Mercers Name fiel. Der Arzt schien den General persönlich zu kennen4. Dieser Eindruck verstärkte sich nur noch als Rush, nachdem man ihn über Mercers äußerst kritischem Zustand unterrichtet hatte, so gleich in das Krankenzimmer des Generals eilte.In seiner Abwesenheit begannen Friedrich und die restlichen Ärzte die Verletzten aus Trenton von den Wagen ins Haus zu bringen. Obwohl die Farmgebäude sehr geräumig waren, wurde schnell deutlich, dass der neuerliche Zustrom an Patienten eine große Herausforderung darstellte.Die Enge verlieh dieser düsteren Situation eine gewisse makabre Komik. In den Räumen der Familie Clarke lagen nebeneinander, dicht an dicht, britische und kontinentale Soldaten und Friedrich war sich sicher, dass einigen der Männer in ihrem Fieberwahn der Umstand entging, dass sie möglicherweise neben dem Mann lagen, dem sie ihre Verwundung zu verdanken hatten.Doch auch für die Ärzte war die enge Zusammenarbeit mit ihren britischen Zunftgenossen beklemmend. Zwar hatten die Ärzte beider Seiten schon immer gut zusammengearbeitet und selten Vorbehalte gegeneinander gehabt, man hatte sich, sofern die Umstände es erlaubten, auch immer um die Verwundeten der gegnerischen Seite gekümmert5. Doch hier in Princeton war die Situation anders. Man behandelte nicht einfach nur Soldaten der anderen Seite, nein man arbeitete dicht an dicht mit den Ärzten der gegnerischen Armee, man rempelte sich in dem Gedränge an, sprach miteinander und half sich gegenseitig.Friedrich selber fand sich in solch einer ungewohnten Situation wieder, wo er einem britischen Arzt half, den gebrochenen Arm eines britischen Infanteristen zu richten. Es war ein Frakturbruch und Friedrich half den Arm horizontal zur Schulter zu halten, während der britische Arzt den Bruch richtete. Es war im Prinzip ein sehr einfaches Verfahren, viele Worte waren zwischen den beiden Männer nicht nötig - dennoch war die Stille während ihrer Zusammenarbeit unangenehm. Es war nicht die Stille die Friedrich mit seinen Kollegen pflegte, wenn man lange genug zusammengearbeitet hatte und Worte daher nicht von Bedeutung waren, nicht diese Stille die entstand, wenn jeder seine Aufgabe kannte und ein Kopfnicken so viel aussagen konnte wie tausend Worte. Seinem britischen Kollegen schien es vermutlich ähnlich zu gehen, oder wie sollte man den unsicheren Ausdruck in seinen Augen deuten, wann immer sich ihre Blicke trafen.„Es macht uns menschlicher - ein Segen und ein Fluch“, meinte der Brite dann plötzlich an Friedrich gewandt.Dieser hatte nicht damit gerechnet angesprochen zu werden, auch wenn er gestehen musste, dass der Vorstoß seines Gegenübers einiges von der Spannung aus der Luft nahm. Der junge Arzt glaubte auch zu wissen was mit „es“ gemeint war, weil er jedoch nicht recht darauf zu antworten wusste, aber trotzdem an der Unterhaltung interessiert war, beschloss er still zu bleiben und zu hoffen, dass der Brite seinen Gedanken weiter ausführen würde.„Man ist gezwungen den anderen als Menschen zu sehen. Wie kann man einen anderen Mann hassen, ihn einfach nur als Feind bezeichnen, wenn genau dieser Mann blutend und vor Schmerzen wimmernd in deinen Armen liegt? Wir werden praktisch gezwungen unser Gegenüber als Mensch anzusehen und das ist ein Segen, ein Segen, sich so seine Menschlichkeit zu bewahren, aber dennoch müssen wir am nächsten Tag wieder auf das Feld und eben jene Männer töten, in denen wir doch am Tag zuvor erst unseren Bruder erkannt haben. Das ist der Fluch.“ Der britische Arzt blickte Friedrich erwartungsvoll an, doch dieser hatte seine Sprache immer noch nicht wieder gefunden. Er stimmte dem anderen Mann zu, aber dennoch wusste er nichts zu antworten. Vielleicht war es gerade seine Zustimmung für die Worte, die ihm die Zunge so schwer machte. Der Brite hatte das ganze Dilemma so treffsicher auf den Punkt gebracht, dass Friedrich wenig mehr tun konnte, als stumm zu nicken - er hatte den Worten nichts mehr hinzuzufügen. Der junge Arzt musste zu seiner Schande aber auch zugeben, dass er auf eine gewisse Weise überrascht war, dass ein britischer Soldat seine Meinung teilte.Es war genau diese Entmenschlichung des Feindes, die Friedrich bisher immer dazu verleitet hatte nur sich und seinen Kameraden die Fähigkeit zu zuschreiben, selbst in den Feinden Menschen sehen zu können, Mitleid mit ihnen zu haben. Dass die Briten ebenso die Weitsicht besaßen in den Kontinentalen Menschen zu sehen und mit ihnen Mitleid zu empfinden, war auf eine beschämende Art ein neuer Gedanke. Beschämend, da dieser Gedanke Friedrich deutlich zeigte, dass sein Bemühen, die Briten als Menschen zu sehen, nicht einmal halb so tolerant war, wie er gedacht hatte.Während diese Erkenntnis sich in seinem Kopf formte, musste sein britischer Zunftgenosse zu dem Entschluss gekommen sein, dass Friedrich seine Meinung nicht teilte oder schlichtweg kein Interesse hatte, mit einem Briten zu reden. Denn mit einem, beinahe schon enttäuschten, Schulterzucken wandte er sich zum Gehen.Immer noch auf der Suche nach Worten streckte Friedrich schließlich die Hand aus und nannte seinen Namen. Der britische Arzt, er hatte sich schon fast abgewandt, drehte sich ruckartig wieder zu Friedrich und ergriff die dargebotene Hand.„Doktor Edward Wilson“, stellte er sich vor, während er die Hand schüttelte.Friedrich hatte plötzlich das dringende und vollkommen unerklärliche Bedürfnis sich Wilson anzuvertrauen, diesem Mann gegenüber all seine Zweifel zu offenbaren. Es war merkwürdig, aber Friedrich konnte nicht aufhören in die Augen seines Gegenübers zu schauen. Wilsons Augen hatten die Farbe eines Bernsteins, der an die Küste gespült wurde und den die Gezeiten glatt geschliffen hatten, zusammen mit dem Kranz dunkler Wimpern, schienen die Augen so tief zu sein, dass Friedrich glaubte in ihren verloren zu gehen. Wenn diese Augen nicht Einladung genug waren, dann war es vielleicht seine Stellung. Vor seinen Kameraden konnte Friedrich nie seine Zweifel äußern, konnte nie zugeben, wie falsch er einige Taten der Kontinentalarmee fand. Immerhin sollte er ein loyaler Amerikaner, ein guter Soldat sein und so sehr er sich auch bemühte - Friedrich konnte die Stimme seines Gewissens nie ganz zum Schweigen bringen. Doch seine Kameraden, seine Brüder, wollten davon nichts wissen. Selbst Mueller glaubte mit solch einer Überzeugung an die Richtigkeit ihres Handels, dass Friedrich es nicht über sich brachte, mit ihnen offen über seine Zweifel zu sprechen. Er musste sich eingestehen, dass es auch keinen Sinn ergeben hätte. Es war nicht sein Wunsch, einen von ihnen umzustimmen, nicht dass er damit auch je Erfolg gehabt hätte, und auch er selber würde in der absehbaren Zukunft der Armee nicht den Rücken kehren. Aber reden, reden und sich zumindest ein wenig verstanden fühlen, das wünschte sich Friedrich und welchen besseren Partner für so ein Gespräch könnte es geben, als einen britischen Arzt?Doch wie zu erwarten war, kam es nicht soweit. Noch bevor Friedrich den Mund aufmachen konnte, um auch nur irgendetwas zu sagen, tönte sein Name plötzlich von der Treppe, die zu den Schlafzimmern im ersten Stock führten, hinunter. Friedrich drehte sich erschrocken in Richtung der Stimme und erkannte Doktor Rush auf den Stufen. Mit einer Handbewegung signalisierte der Ältere dem Jüngeren, ihm nach oben zu folgen. Ohne auch nur einen weiteren Augenblick zu verlieren, begann er die Treppe hochzusteigen. Die Stufen waren klein und schmal und Friedrich musste sich einmal am Geländer festhalten, um in der Eile nicht über seine eigenen Füße zu stolpern.Das Holz unter seinen Füßen knarrte mit jedem Schritt als er in das Zimmer eintrat, in das Rush ihn lotste. Sofort beim Eintreten schlug ihm der Geruch von Eisen entgegen, der schwer in der Luft hing. Gegenüber der Tür war ein Fenster und das Licht der inzwischen im Zenit stehenden Sonne strahlte herein, malte Muster auf den Holzboden.An der westlichen Wand des Zimmers standen eine hohe Kommode aus solidem Eichenholz und ein in die Wand eingelassener Schrank, gefüllt mit Handtüchern und Geschirr und anderen Gebrauchsgegenständen. In der Mitte des Raumes stand ein Bett mit rot-weiß karierten Bettvorhängen6. Auf dem Bett lag ein Mann, doch Friedrich konnte ihn nicht weiter beschreiben, konnte nicht einmal sein Alter bestimmen, denn die linke Seite seines Gesichts war geschwollen, die Haut war aufgeplatzt und blutig, von Hämatomen in jeder nur erdenglichen Farbe überzogen7.An einem Stuhl neben dem Bett saß ein Mann, der dem jungen Arzt unbekannt war, aber die Abzeichen an seiner Uniform zusammen mit der Information, die er von Mr. Thomas Clarke erhalten hatte, ließen den Schluss zu, dass dieser Mann Captain George Lewis war. Doktor Rush kniete am Bett und der Inhalt seiner Tasche war in einem Halbkreis um ihn herum auf den Boden verstreut.„Kommen Sie her Doktor Deegen“, winkte Rush ihn näher heran und Friedrich tat wie ihm geheißen, kniete sich neben den älteren Arzt und ließ sich von ihm instruieren.Der verletzte Mann war, wie Friedrich es fast schon vermutet hatte, General Hugh Mercer. Aufgrund seiner Uniform und seiner Weigerung sich zu ergeben, hatten die britischen Truppen, auf die er während der Schlacht getroffen war, ihn für General George Washington persönlich gehalten und ihre Wut an ihm ausgelassen.„Wir haben sieben Einstiche. Ich habe die Wunden soweit gereinigt und alle Fremdkörper entfernt8. Doch obwohl ich schon mehrere Verbände angelegt habe, will es mir einfach nicht gelingen, die Blutungen zu stoppen. Die Wunden müssen genäht werden, wenn der General eine Chance haben soll“, berichtete Rush und sah Friedrich dabei auffordernd an. Dieser verstand nicht recht, was von ihm verlangt war und erst als Rush überdeutlich auf die Nadeln und das Garn deutete, schien der junge Mann zu begreifen.„Sie wollen, dass ich nähe? Sir, unten sind noch andere, erfahrenere Ärzte. Ich bin nur ein einfacher Regimentsarzt, ich denke nicht -“„Jetzt reißen Sie sich zusammen und tun Sie ihre Arbeit“, unterbrach Rush Friedrich barsch. An seinem Tonfall konnte der junge Mann erkennen, dass sein Kollege einer der Menschen war, dessen Stimme leise und tonlos wurde, wenn sie wütend waren. Ihm waren solche Menschen lieber als die Menschen, die laut wurden und schrien.Ohne ein weiteres Wort der Wiederrede begann Friedrich mit seiner Arbeit. Er tauchte die gewundene Nadel in etwas Öl, um leichter die Haut durchstechen zu können. Seine Naht war präzise, kleine Stiche in geraden Linien. Doktor Rush hielt Mercer ruhig während Friedrich arbeitete. Seine Hände flogen beinahe über den Körper des Verwundeten, so sehr beeilte er sich, um die Schmerzen, die der General erdulden musste, so gering wie möglich zu halten. Doch trotz seiner Bemühungen spürte er, wie Mercer sich unter Rushs Griff wandte, hörte das erstickte Wimmern, wenn seine Nadel durch die geschundene Haut stach. Also begann Friedrich wieder seine Bibelverse zu rezitieren, sprach von der Gnade Gottes im Neuen Testament und passte die Geschwindigkeit seiner Stiche an die seiner Worte an. Etwas Gnade und etwas Schmerz, mehr als das konnte der junge Arzt nicht bieten.Nachdem er seine Nähte beendet hatte, half er Rush erneut Verbände anzulegen. Lewis, der die ganze Zeit über fast lautlos auf dem Stuhl neben dem Bett gesessen hatte, fragte nach der Einschätzung der Ärzte. Würde der General seine Wunden überleben? Wenn nicht, wie viel Zeit würde ihm noch bleiben? Würden die Verletzungen in seinem Gesicht wieder verheilen?„Ich bin vorsichtig zuversichtlich9. Wir werden dem General Opium gegen die Schmerzen geben, sodass er hoffentlich etwas Ruhe findet. Morgen sehen wir dann weiter“, erklärte Rush.Friedrich hatte das Zimmer schon verlassen und war bereits auf halbem Weg die Treppe herunter, als Rush ebenfalls auf den Flur trat und ihn aufforderte zu warten. Friedrich tat wie ihm geheißen, verharrte auf der Treppenstufe und wartete bis Rush zu ihm aufgeschlossen hatte.„Würden Sie mir verraten, was das eben gerade sollte?“, fragte der ältere der beiden Männer und verschränkte die Arme vor der Brust. Friedrich unterdrückte den Reflex zu fragen, was genau gemeint war, denn er wusste selber nur allzu gut worauf Rush sich bezog. Die Frage wäre also reine Rhetorik und daher wenig sachdienlich gewesen. Stattdessen begann der junge Arzt abwesend seine Hand zu kneten, die von der beanspruchenden mechanischen Arbeit mittlerweile vollkommen verkrampft war.„Ich habe Sie gestern für wesentlich geistreicher gehalten, als dass Sie sich hinter solchen Kleinigkeiten wie Dienstjahren verstecken. Sollte ich Sie also erneut auffordern etwas zu tun, dann werden Sie, solange Sie keine begründeten Einwände haben, dieser Aufforderung nachkommen. Ich stelle dann die einzige Autorität dar, der Sie sich zu beugen haben. Ist das verstanden?“Friedrich nickte nur einfältig. Gerne hätte er etwas zu seiner Verteidigung vorgebracht, hätte erklärt, dass er anders erzogen wurde. In seinen Jugendjahren gab es niemanden, der nach seiner Meinung gefragt hatte, niemanden, der ihn für Erfolge gelobt hatte. Es waren immer die anderen gewesen, die begabter und besser geeignet gewesen waren. Selbst noch jetzt, so viele Jahre von dem Leben entfernt, das er einst geführt hatte, fühlte er noch immer den Drang, sich in den Schatten einer anderen Person zu stellen. Doch all das war zu kompliziert, um es Rush zu erklären und darüber hinaus wollte Friedrich nicht wie ein kleiner Junge erscheinen, der versuchte sich aus der Verantwortung zu stehlen. Er war ein erwachsener Mann und hatte sich falsch verhalten - er konnte durchaus die Konsequenz von diesem Fehlverhalten tragen.Rush, der offensichtlich die Härte seiner Worte bereute, legte Friedrich kameradschaftlich eine Hand auf die Schulter. Dieser zuckte unmerklich unter der Berührung zusammen. „Es ist schon spät und wir alle sind müde. Ich bin sicher, morgen kann ich mich wieder ganz auf Sie verlassen. In der Zwischenzeit sollten Sie herunter in die Küche gehen, die Schwestern von Mr. Clarke haben eine Suppe gekocht, nichts Besonderes, aber warm und deftig. Sie sehen aus, als ob Sie so etwas vertragen könnten“. Wie auf ein Zeichen hin begann Friedrichs Magen bei Rushs Worten zu knurren. Wann hatte er das letzte Mal etwas gegessen? Da er sich nur wage daran erinnern konnte, folgte er Rush die Treppe hinunter, über den Flur in Richtung Küche.Auf halben Weg zur Küche kam er an einer kleinen Kammer vorbei. Die Tür stand ein Stück weit offen und Friedrich konnte im Vorbeigehen drei Personen ausmachen, wie sie in der Stille dort zusammen saßen. Unsicher verharrte der junge Mann vor der Tür und überlegte, ob er wohl eintreten und sich zu den Dreien setzten konnte. Ganz offensichtlich war es ein privater Gottesdienst, aber zumindest in seiner Heimat in Germantown hatte man nie jemanden abgelehnt, der Gott zuhören wollte. Zudem sehnte er sich nach einem dieser Gottesdienste. Dort wo man im Stillen zusammen saß, wo jeder sprach, wenn er das Bedürfnis dazu hatte und wo man sich am Ende die Hand schüttelte10. Es gab nicht viele Quäker in der Kontinentalarmee und diejenigen die es gab, waren es meistens nur dem Namen nach, einen gemeinsamen Gottesdienst gab es daher nicht. Ein, zwei Mal hatte er einem der Sonntagsgottesdienste seiner Kameraden beigewohnt. Kaplan Mueller hatte, wie gewohnt, weise und beruhigende Worte gefunden, doch Friedrich konnte sich mit dem Gedanken nicht anfreunden, dass ein anderer Mann ihm sagte, wann er was und wie zu beten oder zu singen hatte. Durch diese Erinnerungen bestärkt stieß er schließlich die Tür etwas weiter auf und trat in die kleine Kammer ein. Keiner der drei Anwesenden, weder Sarah Clarke, Hannah Clarke oder Thomas Clarke. blickten auf als er sich neben ihnen an den Tisch setzte, den Kopf gesenkt und den Geist weit geöffnet.Eine halbe Stunde verstrich, vielleicht auch eine ganze, bevor man begann sich die Hände zu schütteln und diese Andacht damit beendete. „Ich hätte Sie nicht für einen Quäker gehalten“, gestand Thomas Clarke als man sich erhob.„Die Uniform kann täuschen“, meinte Friedrich nur und zuckte mit den Schultern. „Da kann ich Ihnen nur zustimmen und sollten Sie noch länger in Princeton bleiben, würde ich mich freuen, Sie bei unseren wöchentlichen Treffen am Sonntag, drüben im Gemeindehaus, wieder zu sehen. Unsere Gemeinde11 würde Sie sicherlich mit offenen Armen empfangen.“ Clarkes Worte klangen warm und einladend, doch Friedrich bezweifelte am Sonntag noch hier zu sein. Die Zeit drängte, dass er zurück zu seinem Regiment kam und dies teilte er Clarke auch mit - der ältere Mann schien Verständnis zu haben.Als Friedrich es an diesem Abend dann endlich in die Küche schaffte, war dort schon ein reges Treiben. Der Raum von mäßiger Größe war gefüllt mit kontinentalen Ärzten und der Laustärke ihrer Gespräche. Der junge Arzt musste sich an einigen seiner Kollegen vorbeischieben, um an die Feuerstelle mit dem Suppentopf zu gelangen. Bereits nach dem ersten Löffel wurde ihm bewusst, wie hungrig er doch eigentlich gewesen war.Friedrich verhalf sich sogar zu einer zweiten Schlüssel Suppe, eine Art Entschädigung für die Nachtwache im Krankenlager, für die er irgendwie ausgewählt wurde. Er hatte die leise Ahnung, dass die Ärzte aus dem medizinischen Department sich untereinander abgesprochen hatten, dass diese lästige Aufgabe auf Friedrich fiel, aber da er es weder beweisen konnte noch Streit suchte, nahm er die Entscheidung einfach hin. Normalerweise störten Nachtwachen ihn nicht sonderlich, auch außerhalb dieser Schichten schlief er in der Nacht wenig und stand früh auf. Heute war es jedoch anders, der wenige Schlaf in Kombination mit der körperlichen Anstrengung der vergangenen Tage, begannen langsam nachhaltig an ihm zu zerren und nach der Andacht mit den Clarke Geschwistern fühlte sein Kopf sich endlich auch geordnet genug an, als dass er auch in der Lage gewesen wäre, eine ganze Nacht durchzuschlafen.Beim Betreten des Krankenlagers machte Friedrich jedoch eine angenehme Entdeckung. Allem Anschein nach hatten die Briten auch eine Nachtwache eingeteilt und das war kein geringerer als Doktor Edward Wilson.„Wenn mich irgendwann eine Frau so ansieht wie Sie diese Schüssel Suppe, dann wäre ich ein glücklicher Mann“, kommentierte dieser dann auch trocken, als Friedrich sich zu ihm an einen kleinen Tisch an einer der Wände des Raumes setzte.„Das hier ist besser als alles was wir seit langem in der Armee hatten“, konterte Friedrich ebenso trocken. Für einen Moment fragte er sich, ob es so klug war, Wilson von der schlechten Versorgungslage zu erzählen, aber dann erinnerte er sich daran, dass diese im Grunde ein offenes Geheimnis war.„Lassen Sie mich raten, dann ist der Löffel in Ihrer Hand sicherlich auch mehr wert als Ihr letzter Sold?“Der junge Arzt senkte den Blick und musterte den Gegenstand in seiner Hand. Wilson mochte vielleicht sogar Recht haben.„Ich meine, wie viel ist dieser Kontinentale Dollar noch wert? Ein Fünftel des aufgedruckten Wertes?12“„Das weiß ich nicht, ich habe mich nie wirklich für den Kontinentalen Dollar interessiert.“„Ein Soldat der sich nicht für seinen Sold interessiert? Lassen Sie mich raten, Sie sind der Sohn eines dieser reichen Plantagenbesitzer und deshalb müssen Sie sich um das Geld nicht kümmern, Ihnen kommt es nur auf die Ehre und den Ruhm an“, postulierte Wilson und Friedrich hätte sich beinahe an seiner Suppe verschluckt.„Ich komme aus einer Familie von einfachen Farmern. Wir sind Quäker und Abolitionisten, wir zahlen keine Kriegssteuern und da der Kontinentale Dollar nur eingeführt wurde, um die Separation von England zu vollziehen und den Krieg zu finanzieren, weigern sich viele Quäker die Währung zu benutzen13“, erklärte Friedrich und stellte die leere Schüssel beiseite.„Ein Amerikaner mit Moral, es geschehen also doch noch Zeichen und Wunder“, witzelte Wilson und Friedrich meinte in seiner Stimme erkennen zu können, dass er es nicht einmal halb so ernst meinte. „Aber Sie kommen gebürtig auch nicht aus Amerika, nicht? Ich meine, Deegen klingt für mich nicht wie ein typisch englischer Name?“, fragte Wilson weiter.„Wenn man genau ist, dann ist Deegen die germanisierte Form eines französischen Nachnamens.“„Die germanisierte Form eines französischen Nachnamens? Das klingt nach einer langen Geschichte.“„Ist es aber eigentlich nicht. Die Familie meines Vaters waren Hugenotten14-“, begann Friedrich bevor Wilson ihn unterbrach. „Als Hugenotte in Frankreich zu leben ist aber auch keine besonders schöne Erfahrung.“Friedrich lächelte schwach, sein Vater hatte nie viel von seiner Kindheit in Frankreich erzählt, aber von dem Wenigen was er mitbekommen hatte, war es tatsächlich keine schöne Zeit gewesen. „Deshalb ist meine Familie dann nach Berlin15 geflohen, als mein Vater noch ein kleiner Junge war. Später, als er dann älter war, ist er in den Norden an die Nordseeküste gezogen und hat dort meine Mutter geheiratet. Zusammen sind sie dann nach Amerika gekommen.“ Friedrich realisierte plötzlich, dass er Wilson, einem Fremden, einem Briten, mehr über seine Familie erzählt hat, als irgendjemanden sonst. Ein wenig erschreckte ihn dieser Umstand und da er nicht die Absicht hatte auch nur noch eine Sekunde weiter über sich zu sprechen, begann er Wilson Fragen zu stellen.„Verraten Sie mir, wie ein junger Arzt wie Sie in die Armee kommt?“Wilson lachte auf, machte aber keine Anstalten eine Antwort zu verweigern. „Als ob Sie kein junger Mann sind, der irgendwie in all das hier hineingezogen worden ist. Doch ganz im Ernst, meine Geschichte ist Ihrer eigenen wahrscheinlich ganz ähnlich.“ Friedrich bezweifelte das zwar stark, aber er unterbrach sein Gegenüber nicht, als dieser weitersprach.„Ich, wie sicherlich auch viele andere, habe die Aufstände in den Kolonien anfangs für wenig mehr als einige temporäre Unruhen gehalten. Mir wäre nicht im Traum eingefallen in die Armee einzutreten, ich hatte doch gerade erst mein Studium abgeschlossen. Aber dann zeigte sich, dass die Situation in den Kolonien den Status kleinerer Aufruhen längst überschritten hatte, plötzlich befanden wir uns in einem Krieg und da hat mich dann wider aller Erwartungen mein Patriotismus gepackt. Ich habe mich mustern lassen, meine Eltern waren nicht begeistert, besonders meine Mutter nicht. Ich bin ihr einziger Sohn und sie hat Angst, mich nun auch noch zu verlieren- mein Vater ist stolz auf mich, aber meine Mutter …“, Wilson ließ den Rest des Satzes unausgesprochen.Friedrich seufzte, Wilsons Geschichte hatte wenig mit seiner eigenen Geschichte zu tun, aber es bestand doch genügend Ähnlichkeit als dass er eine passende Erwiderung fand. „Man sollte denken, dass Eltern stolz auf einen sind, wenn man auszieht, um das Heimatland zu verteidigen. Doch dann stellt man fest, dass Sie es nicht sind.“Wilson lachte trocken auf, wie zur Bestätigung von Friedrichs Worten. Nach einigen Minuten im Schweigen erhob sich dieser und verkündete bei seinen Patienten nach dem Rechten sehen zu wollen. Im Untergeschoss waren es immerhin drei Räume, auf die die amerikanischen Soldaten aufgeteilt worden waren und Friedrich verzichtete darauf, die Treppe zu General Mercer hinauf zu steigen. Captain Lewis und Doktor Rush würden sich um ihn kümmern, da war seine Anwesenheit nicht erforderlich und es gab viele Verwundete, die seine Fürsorge dringender benötigten.Die meisten Männer, an denen er vorbei kam, schliefen in ihren behelfsmäßigen Betten und sahen dabei mehr oder weniger friedlich aus. Der junge Arzt schenkte ihnen allen seine Aufmerksamkeit, stellte sicher, dass sich in den letzten Stunden kein Fieber eingestellt hatte und dass ihre Wunden aufgehört hatten zu bluten. Als Friedrich an einem kleinen Fenster vorbeikam, öffnete er es ohne lange zu zögern. Der Geruch und die Hitze in dem Raum waren unerträglich, wie ihm plötzlich bewusst wurde. Ein kühler Windzug strich über sein Gesicht, als er den Kopf hinaus streckte. Erst jetzt wurde ihm klar, wie erhitzt sein Gesicht gewesen sein musste.Die Luft war schneidend kalt und himmlisch frisch, der Himmel war sternenklar und die schneebedeckten Wiesen strahlten eine überirdische Ruhe aus, wurde auf ihnen auch vor wenigen Stunden noch gekämpft und gestorben. Friedrich verharrte so noch einige Momente, bevor er das Fenster wieder schloss und seine Runde fortsetzte. Als er wieder zu Wilson zurückkehrte, hatte seine Stimmung sich geändert.„Wir könnten einen Guerillakrieg führen, wissen Sie das? Viele in der Bevölkerung und im Kongress fordern das. Wir kennen dieses Land wie niemand sonst, wir kennen die Wälder und die Sümpfe und die Berge. Dennoch führen wir einen Krieg mit Prinzipien16, halten uns an Regeln und versuchen keine unangemessene Grausamkeit anzuwenden. Doch was machen Sie? Dort hinten liegt ein Junge, Leutnant Bartholomew Yates17. Er ist in der heutigen Schlacht verwundet worden und hat sich Ihren Männern ergeben, doch anstelle sich um ihn zu kümmern, wie es das Kriegsrecht verlangt, haben sie ihm in die Brust geschossen. Als ob das nicht genug wäre, haben sie mit ihren Bajonetten auf ihn eingestochen. Dreizehn Mal. Bevor sie sich zurückgezogen haben, schlugen sie ihm mit ihren Gewehren auf den Kopf“, fragte er und veränderte seine Haltung, so dass er Wilson nun direkt ansehen konnte.„Das ist ein Unding, keine Frage, aber denken Sie nicht, dass-“, weiter kam Wilson mit seinem Erklärungsversuch nicht, bevor Friedrich ihm ins Wort fiel.„Was ist mit General Mercer? Sieben Stichwunden wurden ihm zugeführt, das steht doch in keinem Verhältnis.“„General Mercer hat sich geweigert sich zu ergeben und hat stattdessen sein Schwert gezogen und unsere Truppen angegriffen“, erwiderte Wilson und seine Stimmenlage implizierte, dass er diese Erklärung für eine durchaus angemessene Entschuldigung hielt.„Oh natürlich, ein einziger Mann, von seinen Truppen getrennt, stellt eine solche Gefahr dar, dass ein ganzer Trupp an Männern auf ihn einstechen muss. Ich vergas!“, gab Friedrich bissig zurück. „Galt das Gleiche eigentlich auch für den Priester, den Mann Gottes, den Ihre Männer ermordet haben nachdem er ihnen zu Füßen lag und sich ergeben hatte, nachdem er um Gnade gebeten hatte?“. Was wie eine Frage klang, war in Wirklichkeit keine und die beiden Ärzte wussten das auch, dennoch machte Wilson Anstalten zu antworten.„Sir, was Ihren Männern widerfahren ist, ist eine Schande, aber Sie müssen Ihre Wut nicht an mir auslassen. Ich, sowie all die anderen Männer, mit denen ich das Privileg hatte zu dienen, haben sich immer ehrenhaft verhalten. Hätten Leutnant Yates, General Mercer oder der Priester vor mir kapituliert, ich hätte meine Pflicht ihnen gegenüber erfüllt. Nach unserer Unterhaltung vorhin hatte ich gehofft in Ihnen einen weitsichtigeren Mann gefunden zu haben, der nicht alle Briten über den gleichen Kamm schert- wie es aussieht habe ich mich in Ihnen getäuscht“, erwiderte Wilson und beugte sich weiter zu Friedrich vor. Dieser hatte gerade den Mund geöffnet um etwas zu sagen, aber bevor er auch nur einen Laut von sich geben konnte, hatte Wilson eine Hand gehoben und ihn damit augenblicklich zum Verstummen gebracht. „Ich bin noch nicht fertig Mr. Deegen, eben gerade haben Sie sich bei mir beschwert, da habe ich nun wohl das Recht, Ihnen dieselbe Behandlung zukommen zu lassen. Es war Ihre „Regierung“, Ihr Kongress der unserem König den Krieg erklärt hat und es gäbe keine Toten zu beklagen, wenn die Kolonien nicht ihre Stellung vergessen hätten.“„Wir haben Ihrem König nicht den Krieg erklärt. Vielmehr haben er und sein Parlament unsere Petitionen und Bittgesuche ignoriert18 und anschließend hat seine Majestät proklamiert, dass wir uns in offener Rebellion befinden19. Als nächstes kamen die Schiffe der Royal Navy und haben unsere Häfen blockiert20, was hätten wir denn tun sollen, im Angesicht dieser-“, weiter kam Friedrich nicht, da Wilson ihm erregt das Wort abschnitt.„Jetzt tun Sie doch nicht so, die Krone hätte keine Maßnahmen ergreifen müssen und hätte auch ganz bestimmt den Bostoner Hafen nicht geschlossen, wenn diese sogenannten „Sons of Liberty“21 nicht die Schiffe der East India Company22 überfallen hätten23.“„Mr. Wilson, was dort im Hafen geschah, war das Werk einiger weniger Radikaler, es ist reine Willkür, einen gesamten Staat wegen den Verfehlungen von vielleicht zwei Dutzend Individuen zu bestrafen“, wandte Friedrich ein und verschränkte die Arme vor der Brust. „Sie sind ziemlich heuchlerisch, wissen Sie das? Wenn ein Kolonist niedergestochen wird, dann spricht das für die Verkommenheit eines jeden Briten, aber wenn Kolonisten Briten angreifen, dann waren es nur ‚einige wenige Radikale‘“, gab Wilson spitz zurück. Für einen Moment war Friedrich sprachlos, sein Gegenüber hatte Recht, sein Verhalten in dieser Hinsicht war tatsächlich heuchlerisch und normalerweise hätte er sich diesen Vorwurf auch zu Herzen genommen und darüber nachgedacht, hätte versucht einen Weg zu finden, sich das nächste Mal besser zu verhalten, aber in diesem Moment war Friedrich einfach zu aufgebracht, um auch nur irgendeine Art an Selbstreflektion anzuwenden.„Die Schließung der Häfen war ja auch nur die Spitze des Eisbergs. Dazu kamen die Steuern und die Pflicht, den britischen Soldaten, die uns unterdrücken, Unterkunft zu gewähren24“,argumentierte der junge Arzt. Sein britisches Gegenüber verdrehte die Augen. „Die Soldaten, die uns unterdrückten. Mr. Deegen sind Sie sich sicher, dass Sie nicht gerade ein wenig übertreiben. Britannien eilt zur Seite seiner Kolonien, wenn Sie straucheln, das ist unsere heilige Pflicht als Mutterland. Und wenn wir Soldaten in Ihren Straßen und Häusern postieren, dann ist das nur ein Symptom unserer Bemühungen, dieser Pflicht gerecht zu werden. Außerdem, als wir das letzte Mal an Ihre Seite geeilt sind, während des ‚French and Indian Wars‘, da schienen Sie unsere Hilfe zu begrüßen. Doch warten Sie, war es nicht der Kommandant Ihrer Truppen, George Washington, damals noch ein einfacher Major, der den Konflikt auf diesem Kontinent entfacht hat25. Unser Parlament hätte solch einem Mann niemals das Oberkommando über die gesamte Armee gegeben und es spricht nicht gerade für Ihren Kongress, dass sie es trotzdem getan haben“, spottete Wilson und lehnte sich wieder zurück gegen die Stuhllehne. Friedrich war sich bewusst, dass er diese Aussage so nicht stehen lassen konnte, weder im Namen der Kontinentalarmee und seines Kommandanten, noch in seinem eigenen Namen.„Es wäre übertrieben General Washingtons Verhalten, so ungeschickt es auch gewesen sein mag, als den einzigen Auslöser des ‚French and Indian Wars‘ zu benennen - es ist ja nicht so, als ob die Franzosen und Briten sich je besonders gut verstanden hätten“, konterte der Deutsch-Amerikaner und begann gedankenverloren den Löffel in der leeren Suppenschüssel herum zu schieben. „Außerdem, im Gegensatz zu der Darstellung mit der Sie mich sicherlich gleich konfrontieren werden, entschuldigt ihr Engagement in diesem Krieg noch lange nicht die neuen Steuern, die im Folgenden erlassen wurden.“Wilson lacht auf, es war ein kehliges Lachen, das jeder Spur von Freude beraubt war. „Unser Engagement in dem Krieg entschuldigt die Steuerreformen nicht, weil sie auch nicht entschuldigt werden müssen, vielmehr liefert es die rechtliche Ableitung für die neuen Steuern. Ganz nebenbei sei erwähnt, dass einige der Steuern gesenkt wurden26. Wie können Sie daran einen Anstoß nehmen - ach ja, die neuen Reformen und ihre unbedingte Durchsetzung27 verärgerte die große Gruppe an Schmugglern, die von Ihrer Regierung auch noch gedeckt werden. Da spielte es dann auch keine Rolle mehr, dass sich für Briten die Steuerlast auch erhöht hat28- jedoch um einen beträchtlich größeren Anteil als für Sie hier in den Kolonien.“„Sie sind nicht sehr subtil, Mr. Wilson. Sie spielen auf die Verdachtsmomente an, die gegen Mr. Hancock29 erhoben wurden, sprechen Sie es ruhig aus. Es waren ja auch nicht nur die Steuern, mit den Jahren haben sich noch so viele andere Dinge angestaut. Nehmen Sie nur die ‚Royal Proclamation‘ von 176330.“„Mr. Deegen, ich habe wirklich kein Interesse mit Ihnen jedes Stück an Legislatur zu diskutieren, dass meine Regierung seit dem vorherigen Krieg erlassen hat. Könnten wir uns also darauf einigen, dass es Fehler auf beiden Seiten gab?“ Wilsons Stimme klang dieses Mal ruhiger und versöhnlicher.Friedrich blinzelte erstaunt, er hatte nicht damit gerechnet, dass Wilson so schnell einlenken und ihm zudem solch einen fairen Kompromiss anbieten würde. Seine Mutter hatte den jungen Mann gelehrt, dass man einen Streit immer beilegen sollte, bevor man auseinander ging. Zwar würde er Wilson wahrscheinlich nie wieder treffen, aber dennoch sah er darin keinen Grund, dass Konzept seiner Mutter nicht auch in diesem Fall anzuwenden. War es nicht sogar seine ursprüngliche Intention gewesen über seine Zweifel zu sprechen. Selber hatte er zwar keine Zweifel geäußert, jedoch bot sich ihm nun die Gelegenheit zu beweisen, dass er das Fehlverhalten der Amerikaner anerkannte. Dementsprechend zufrieden nickte er mit dem Kopf. „Darauf kann ich mich einlassen.“„Hervorragend. Lassen Sie uns nun bitte über etwas sprechen, bei dem unsere Ansichten nicht so weit auseinander gehen. Was halten Sie beispielsweise von den Theorien des „Animalischen Magnetismus31“?“Friedrich hatte nicht einmal die Chance den Mund zu öffnen, bevor auf der Treppe die zum Obergeschoss führte, eilige Schritte erklangen. Einen Moment später erschien Captain Lewis auf den Stufen und seine Mimik ebenso wie sein Ton spiegelten nichts Geringeres als den größten Horror wieder. Mit einem Satz war Friedrich auf den Beinen und den halben Weg die Treppe hinauf. Er brauchte keine langen Worte der Erklärung um zu merken, dass etwas im Argen war.Mit zu viel Schwung bog er in das Zimmer ein, in dem General Mercer lag und wäre folglich fast schon wieder über seine Füße gestolpert, das zweite Mal an diesem Tag. In dem Zimmer fand er Lewis auf der Kante von Mercers Bett sitzend vor. Der General lag auf der Seite und gab unverständliche, aber deutlich von Schmerzen gekennzeichnete Laute von sich. Der Captain hatte in einem Versuch Mercer zu beruhigen, kleine Kreise auf dessen Bein gezogen. Dem einzigen Körperteil, das unverletzt genug war, als dass man es berühren konnte, ohne Mercer noch größere Schmerzen zuzufügen. Er wich jedoch sofort zur Seite als Friedrich an das Bett trat. Beinahe hätte der junge Arzt das Geräusch überhört, das zu vernehmen war, als er auf den Teppich vor dem Bett trat. Mit einer dunklen Vorahnung senkte er den Blick und sah wie dunkelrotes Blut aus dem Vorleger quoll, sobald er durch sein Körpergewicht gedrückt wurde. Für einen Moment konnte Friedrich nur fassungslos und verständnislos auf den Stoff zu seinen Füßen starren. Die Bedeutung dieses Anblicks, der ihn an das Auswringen nasser Wäsche erinnerte, entzog sich ihm. Doch dann legte sich in seinem Kopf plötzlich ein Schalter um und mit einer raschen Bewegung zog er die Bettdecken zur Seite. General Mercers Hemd ebenso wie die Laken auf denen er lag, waren blutig. So stark blutete der Mann in dem Bett, dass sein Blut von der Bettkante hinunter auf den Teppich getropft war32.„Holen Sie Doktor Rush!“, wies Friedrich den Captain an und dieser kam der Aufforderung sofort nach, auch wenn er gestand, dass er nicht wirklich wusste wo Rush sich momentan aufhielt. Friedrich hatte inzwischen das Hemd mit einem Skalpell, das von der Behandlung ein paar Stunden zuvor noch liegen geblieben war, zerschnitten, um leichteren Zugang zu den Wunden des Generals zu haben. Mit einem trainierten Auge untersuchte er die einzelnen Nähte, um festzustellen, ob eine der Wunden sich wieder geöffnet hatte. Der Raum war nur durch das flackernde Licht einer einzelnen Kerze auf dem Beistelltisch neben dem Krankenlager erhellt. Die kleine Flamme malte lange Schatten an die gegenüberliegende Wand, sodass Friedrich war, als würde der Leibhaftige persönlich hinter ihm stehen, als das fremde Blut seine Hände befleckte. In dem schlechten Licht konnte er es nicht mit absoluter Sicherheit sagen, aber er nahm an, dass all die Nähte noch intakt waren. Doch woher kam dann das viele Blut?„Was ist passiert Doktor Deegen - ach du meine Güte!“, hauchte Rush als er an das Bett trat. Seine Augen waren dunkel umrandet und sein Blick noch vom Schlaf verschleiert, doch bei dem Anblick des Generals schien jede Müdigkeit augenblicklich vergessen zu sein. „Ich weiß nicht wo das Blut herkommt“, gestand Friedrich verzweifelt und machte seinem erfahreneren Kollegen Platz. Er wusste bestimmt was zu tun war.„Haben Sie überprüft ob eine der Nähte gerissen ist?“„Sie sind alle noch intakt.“„Dann muss es noch eine andere Verletzung geben, die wir bisher übersehen haben“, postulierte Rush und die beiden Ärzte begannen den Körper des Generals abzusuchen. Friedrich untersuchte den unteren Rücken, wo die Nieren waren und Rush die Schultern und Arme, wo er dann auch schließlich einen weiteren Einstich in Mercers Achselhöhle entdeckte33. Die Aufgabe, die Verletzung zu versorgen fiel wieder an Friedrich, welcher jedoch aufgrund der ungünstigen Lage und den schlechten Lichtverhältnissen beträchtliche Mühe hatte eine halbwegs passable Naht zustande zu bringen. Zu seinem Glück kommentierte Rush nicht die fragwürdige Qualität, sondern hielt nur die Kerze so dicht an die Wunde, wie es nur möglich war.„Besteht für General Mercer jetzt noch Hoffnung, sich diesem verfrühten Ruf ins Grab zu entziehen?“, fragte Lewis, nachdem Friedrich und Rush ihre Arbeit beendet und ihrem Patienten weiteres Opium verabreicht hatten. Die Gesichtsfarbe des Captains hatte sich im Laufe der Behandlung immer weiter einem unnatürlichen Grünton angenähert. „Ich muss sagen, dass meine vorherige Zuversicht ins Wanken gekommen ist, aber dennoch bleibt die Tatsache, dass der General ein Mann von äußerst robuster Konstitution ist. Wir sollten ihn nicht aufgeben. Vielleicht wäre es jedoch eine kluge Idee seine Exzellenz zu informieren. Mercer ist nicht nur einer der wichtigen Generäle in unserer Armee, sondern auch ein guter Freund Washingtons“, brachte Rush vor und blickte dabei Captain Lewis direkt an.„Ich unterstütze diesen Vorstoß Sir, aber ich habe den ausdrücklichen Befehl nicht von General Mercers Seite zu weichen, bis sicher feststeht, dass er überleben wird“, antworte Lewis und räusperte sich. Es bedurfte keiner großen Menschenkenntnis, um zu merken wie unwohl dem jungen Mann bei dem Anblick des Blutes geworden war.„Ich werde seine Exzellenz informieren. Die Zeit drängt, dass ich zu meinem eigenen Regiment zurückkehre.Bestimmt werde ich mittlerweile für entweder fahnenflüchtig oder tot gehalten. Ich werde also zurück zur Armee reiten und dann Ihren Bericht, Doktor Rush, übergeben“, schlug Friedrich vor. Sein Angebot wurde mit einem bejahenden Kopfnicken seitens der beiden anderen Männer angenommen. Ein wenig betrübte es Friedrich sich von Rush verabschieden und zurückkehren zu müssen, denn auch wenn die letzten zwei Tage an Rush Seite ihm nicht gerade wenig abverlangt hatten, bestand kein Zweifel daran, dass es ihm gefallen hatte. Er sah zu Rush auf und dieser schien auch ein Interesse an ihm gefunden zu haben. Doch Friedrichs Pflicht lag nicht bei seinen persönlichen Empfindungen, sondern bei seinem Regiment, welches er nun schon lange genug allein gelassen hatte.„Gut, so machen wir es dann. Gehen Sie schlafen, Mr. Deegen, Sie werden bei Morgengrauen aufbrechen und ich möchte ungern dafür verantwortlich sein, dass sie vor Übermüdung vom Pferd fallen. Ich werde den Rest Ihrer Nachtwache übernehmen und in der Zwischenzeit den Bericht34 verfassen“, bot Rush an und Friedrich willigte nur allzu gerne ein.
07. Januar 1777
I have to request That you will immediately furnish me with Four Men of your Regimt: And, as it is my further wish that this Compy shd look well & be nearly of a size, I desire that none of the Men may exceed in stature 5 feet 10 inches, nor fall short of 5 feet 9 inches—sober, young, active & well made.
George Washington an mehrere Colonels bezüglich den Anforderungen, die er an die Männer seiner Leibgarde stellte. Die Leibgarde wurde in Morristown neugeordnet. Die Morgenluft brannte in Friedrichs Lungen. als er das Pferd weiter antrieb. Aus dem Augenwinkel konnte er die verschneite Landschaft an sich vorbei ziehen sehen, während er Meile um Meile zurücklegte. Die Armee hatte das Winterlager in Morristown35 aufgeschlagen und der junge Arzt war bestrebt, das Camp vor Einbruch der Nacht zu erreichen. Das Pferd hatte er auf dem Weg bereits zweimal wechseln müssen, glücklicherweise war bisher auf keine Royalisten, sondern nur auf äußerst hilfsbereite Amerikaner gestoßen. Auch wenn er sein Glück ungern nochmals herausfordern wollte, indem er erneut eine Pause einlegen musste, konnte er sich auch nicht leisten das Pferd zu schonen. Der Plan war, dass er am Morgen des 3. Januars aufbrechen sollte, aber nachdem sie in Princeton beunruhigende Berichte über die Truppenbewegungen der Briten erreichten, musste er seinen Aufbruch verzögern. Die Sonne stand mittlerweile im Zenit und jeder ihrer Strahlen, der auf den Schnee fiel, brach sich in einer Kaskade aus buntem Licht. Der Anblick war eigentlich zu schön, um so achtlos daran vorbei zu reiten, doch der junge Arzt hatte kein Interesse auf seinem Weg von Briten aufgegriffen zu werden, nur weil er unvorsichtig in der Gegend herum geträumt hatte.Er beugte sich nach vorne, um den Nacken des Tieres zu tätscheln. Der Rappe war ein ausdauerndes Pferd mit einem sanften Gemüt und Friedrich hatte Grund zur Hoffnung, auf diesem Pferd das Camp zu erreichen.Die Ruhe des weiten Landes wurde einzig durch das Knirschen der Hufen im Schnee und das Atmen von Mensch und Tier unterbrochen. Für den jungen Mann bot sich Zeit seine Gedanken zu ordnen und innerlich ein wenig zur Ruhe zu kommen. Eine neue Art von Müdigkeit machte sich in seinem Körper breit, keine physische Müdigkeit, die sich mit Schlaf kurieren ließe sondern vielmehr eine psychische Müdigkeit, die schwer an seinem Geist zerrte. Bei dem Gedanken an all die Toten der letzten Tage stellte er sich die Frage, warum man diesen Krieg führte. Was brachte ein Sieg, wenn niemand mehr am Leben war, um diesen Sieg zu erleben? Was brachte dem Soldaten die Ehre, die er auf dem Schlachtfeld gewonnen hatte, wenn man anschließend seine Witwe über seinen Tod informieren müsste? Der Rappe schnaubte, ganz so als wollte er Friedrich aus diesen trübsinnigen Gedanken reißen, doch wahrscheinlich hatte das Tier einfach nur die Silhouette von Morristown am Horizont erkannt.Morristown war eine ansehnliche kleine Stadt. Die Häuser und Geschäfte im Stadtkern formten sich um eine kleine Grünfläche, „The Green“, welche zur Zeit von Friedrichs Ankunft schon vollkommen von der Armee in Anspruch genommen wurde. Niedrige weiße Zäune umrahmten die Gärten der größeren Anwesen, die sich im Westen der Siedlung auftaten. Zwei Kirchen garantierten das Seelenheil der Einwohner.Die Eingänge der Stadt wurden von kontinentalen Soldaten bewacht und nachdem Friedrich sich vor ihnen ausgewiesen hatte und nachweisen konnte, dass er ebenfalls der Kontinentalarmee angehörte, durfte er weiter in die Stadt reiten. General Washington und sein Stab hatten ihr Hauptquartier in der Taverne von Jacob Arnold, selber ein Colonel in der Armee, aufgeschlagen.Friedrichs Beine und Finger waren kalt und steif, als er sein Pferd vor der Schenke zum Stehen brachte und absaß. Er musste einen Stalljungen finden, der das Tier versorgen würde. Auf wackeligen Beinen schritt er in Richtung Eingangstür und wäre dabei beinahe von einem jungen Mann in der Uniform eines Artillerie-Captains und einer zerknitterten Ausgabe der ‚Pennsylvania Evening Post‘ in der Hand umgestoßen36 worden.„Entschuldigen Sie Sir, ich war wohl etwas in meinen Gedanken verloren“, murmelte der junge Captain und trat einen Schritt zurück. Friedrich zuckte nur mit den Schultern, es war ja nichts passiert. „Jeder hat mal so einen Tag, Captain. Nach Ihnen“, erwiderte Friedrich, hielt die Tür auf und trat hinter dem Captain ein. Während der junge Captain den Vorraum des Gebäudes zielstrebig durchquerte, war Friedrich etwas verloren. Die Tische im Schankraum waren zusammengeschoben und ein halbes Dutzend Männer saßen an den Tischen. Die Menge an Papieren, die im gesamten Raum verteilt war, war einfach nur atemberaubend und Friedrich war plötzlich sehr froh, dass er sich nur um die Kranken, nicht aber um die alltäglich anfallenden Bürokratie, die mit der Führung einer Armee verbunden war, kümmern musste. Dennoch blieb die Frage, an wen sollte er sich wenden, um seine Nachricht zu überbringen? Wahrscheinlich war es letztendlich sein Unsicherheit ausdrückender Blick, der einen von Washingtons Adjutanten dazu bewegte, sich seiner anzunehmen. Der Lieutenant Colonel37, der Rang den jeder von Washingtons Adjutanten innehatte, hörte sich seine Gesichte an und nahm schließlich auch Rushs Brief entgegen. Anschließend wies er Friedrich auf Nachfrage den Weg zu seinem Regiment, welches dieser sonst in dem Durcheinander von gut 8.600 Männern38 nie gefunden hätte.Auf dem Weg zu der Stelle, die das Deutsche Regiment als seinen Lagerplatz zugewiesen bekommen hatte, wurden Friedrich einmal mehr die schlechten Zustände bewusst, in denen sich die Armee befand. Überall sah er Männer, die ganz offensichtlich durch Mangelernährung gezeichnet waren und deren Kleidung wenig, wenn überhaupt, Schutz gegen Kälte und Wind gab. Er hatte keinen Zweifel, dass die Hospitäler in den nächsten Tagen und Wochen vor Kranken überlaufen sein würden. Zudem beobachtete er wie man begonnen hatte, Hütten aus Holz für die Soldaten und deren Offiziere zu errichten39. Es gab für diese Bauten einen standardisierten Bauplan, sodass es von außen praktisch unmöglich war, eine Hütte einem bestimmten Regiment zuzuordnen. Sein eigenes Regiment war mit den Aufbauten leider noch nicht besonders weit fortgeschritten und der Großteil der Männer würde wohl noch einige Nächte mit ihren Zelten vorlieb nehmen müssen, stellte Friedrich fest, als er die Lagerstätte endlich erreichte. Trotz der Wegbeschreibung durch den Adjutanten, hatte er sich mehrmals verlaufen, war zweimal auf ein Regiment aus Massachusetts und einmal auf eine Gruppe an Virginier Miliz gestoßen.„Friedrich!“, ertönte eine Stimme hinter ihm und Friedrich konnte sich noch gerade rechtzeitig umdrehen, um zu sehen wie Louis Van Linkensdorf auf ihn zugestürmt kam. Der Adjutant schien in seiner Abwesenheit wieder vollkommen genesen zu sein oder zumindest ließ die Stärke der Umarmung, die er Friedrich nun zukommen ließ, keinen anderen Schluss zu. „Wir dachten du wärst tot“, stieß er aus und drückte Friedrich an sich. Dieser war zwar außerordentlich verwundert, aber im selben Zug auch gerührt von dem herzlichen Ausdruck an Gefühlen. „Mir geht es gut“, versicherte er und begann sich aus Louis Umarmung zu lösen. Durch Louis Stimme aufmerksam geworden, ließen nun auch die restlichen Mitglieder des Regimentsstabes, zumindest jene die in der Nähe waren – Michael konnte Friedrich allerdings nirgendwo entdecken - ihre Arbeit an den Holzhütten ruhen und gesellten sich zu den beiden Männern. Selbst wenn keine ihrer Begrüßungen auch nur halb so überschwänglich ausfiel, wie die, die Louis ihm hat zukommen lassen, konnte Friedrich an den kameradschaftlichen Schulterklopfern ausmachen, dass er vermisst worden war. „Wo in aller Welt bist du gewesen?“, stellte Mueller dann auch endlich die entschiedene Frage.„Nach der Schlacht habe ich beim Versorgen der Verwundeten geholfen. Zusammen mit den Männern aus dem medizinischen Department bin ich am nächsten Morgen nach Princeton gefahren, ich habe mit Doktor Rush, General Mercer versorgt und konnte aufgrund der Truppenbewegungen der Briten nicht früher aufbrechen“, berichtete Friedrich und ihm fiel erst jetzt im Nachhinein auf, was für eine verrückte Woche es doch wirklich gewesen war.„Warte, der Doktor Rush, der unsere Unabhängigkeitserklärung unterzeichnet hat und der General Mercer?“, fragte Wurtenberger verblüfft und der junge Arzt konnte nur schmunzeln und mit dem Kopf nicken.„Wie geht es dem General, wir haben nur gehört, dass er verwundet wurde, aber sein genauer Zustand ist unbekannt“, mischte sich nun auch Raybold in die Diskussion mit ein. Das Lächeln verschwand wieder aus Friedrichs Gesicht, er konnte seinen Kameraden nicht mehr erzählen, als was Mercers Zustand zum Zeitpunkt seiner Abreise war. Die Wunden hatten ganz langsam zu heilen begonnen und Rush war immer noch optimistisch, auch wenn der General selber diese Einstellung nicht teilte. Wie man es auch drehte und wendete, Mercers Leben hing noch immer am seidenen Faden.„Ich verstehe“, murmelte Raybold in den Kragen seines Mantels, den er gegen den Wind aufgestellt hatte. „Dann erging es euch in Princeton ja nicht viel besser als uns hier.“„Wieso? Was ist denn passiert?“, fragte Friedrich und starrte in Raybolds seltsam verzogenes Gesicht. Der Hamburger war ein Mann der offenen Worte, zum Teil auch der harten Worte, aber immer der ehrlichen Worte. Ihn in diesem Moment so sprachlos vorzufinden, war erschreckend und machte dem jungen Arzt Angst. „Viele Männer sind gefangenen genommen worden, viele aus unserem Regiment. aber auch welche aus anderen Einheiten. Lieutenant Colonel Stricker40 hat nun vorübergehend das Oberkommando über das Regiment, sie haben es ihm gegeben nachdem Haussegger desertiert ist“, brachte der Quartiermeister hervor und seine Stimme klang, vielleicht das erste Mal seitdem Friedrich ihn kannte, äußerst unsicher. Obwohl für die anderen Mitglieder des Stabes diese Mitteilung keine Neuigkeit mehr war, verfielen sie doch alle in ein angespanntes Schweigen.„Ist es sicher?“, hakte Friedrich nach.„Ziemlich, ich meine wir wissen doch alle was er gesagt und getan hat. Es gibt das Gerücht, dass er auf Bewährung von den Briten entlassen wurde und nun auf dem Weg nach Philadelphia ist, um sich vor dem Kongress zu verantworten. Vielleicht bringt seine Aussage ja mehr Licht in diese Angelegenheit41“, führte Raybold weiter aus und Friedrich schluckte nur. Raybold hatte Recht, schon in der Nacht der Überquerung des Delawares hatten sie über Hausseggers Verhalten gesprochen, wie gefährlich und rücksichtslos seine Worte waren, doch irgendwie war es dem jungen Mann nie in den Sinn gekommen, dass Haussegger seinen Worten auch Taten folgen lassen würde. Dennoch war es nicht verwunderlich, Haussegger hatte zwar einen Eid geleistet, doch Friedrich kannte das Gefühl der Verzweiflung, das Gefühl in die Enge getrieben zu sein nur zu gut, um sich nicht vorstellen zu können, was Haussegger gedacht haben muss, als er seine Entscheidung getroffen hatte.„Was machen wir jetzt“, fragte Friedrich, zu aufgewühlt um selber einen Plan zu entwickeln, aber mit der festen, wenn auch naiven Hoffnung, dass seine Kameraden einen haben würden.„Wir machen weiter. Wir bauen diese Hütten, überstehen den Winter und den Rest des Krieges. Wir machen weiter bis wir eines Tages anstoßen und feiern können, dass wir gewonnen haben, dass wir und unsere Kinder und Kindeskinder freie Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika sind. Genau das machen wir und bis wir dieses Ziel erreicht haben, werden wir all diejenigen betrauern, die wir auf unserem Weg verloren haben.“Während Kaplan Mueller sprach hatte es zu schneien begonnen, ganz so als ob eine höhere Macht ihr Wohlwollen über die gewählten Worte ausdrücken wollte. Friedrich beschloss sich diese Worte zu Herzen zu nehmen. als er an der Seite seiner Kameraden die Arbeit aufnahm. Er war sich mehr oder weniger sicher, dass seine Geschichte kein gutes Ende nehmen würde, aber mittlerweile hatte er davor nicht mehr solche Angst. Immerhin hatte er inzwischen sich selbst, auf den er sich verlassen konnte und das war mehr, als er seit langer Zeit gehabt hatte. 1. Ein Massengrab mit 63 amerikanischen und britischen Soldaten ist bekannt, es wird jedoch noch ein weiteres Grab vermutet.2. Mehrere Soldaten wurden in markierten und unmarkierten Gräbern auch auf dem Friedhof der Quäker beigesetzt.3. Sohn von George Washingtons Schwester Elizabeth Washington Lewis.4. Rush hatte Mercer vor ihrem ersten Treffen bewundert. Eine Woche vor der Schlacht von Trenton trafen sie sich das erste Mal, aßen zusammen und freundeten sich an.5. Das ärztliche Personal beider Seiten wurde als Nichtkombattanten angesehen und konnte deshalb meistens relativ frei zwischen den Linien passieren. Es die Pflicht der siegreichen Truppen, die Gegner medizinisch zu versorgen.6. Das Zimmer in dem Mercer gelegen hat, ist noch original erhalten und kann besichtigt werden.7. Mercers Körper wurde nach seinem Tod in mehreren Städten öffentlich aufgebahrt wurde, um Sympathien in der Bevölkerung zu gewinnen.8. Es gibt unterschiedliche Berichte über Mercers Verletzungen und einige Quellen berichten, dass Teile der Bajonette mit denen er verletzt wurde, noch in den Wunden steckten.9. Rush war ebenso wie ein britischer Arzt der Mercer behandelt hatte, optimistisch.10. Quäker haben keine Bekenntnisschriften, keine Dogmen, keine Pfarrer und keine Sakramente. Die Zeremonien sind stille Andachten ohne Bibelwort oder Gesang, aber Gedanken können laut mitgeteilt werden.11. Die Stony Brooke Quäker Gemeinde.12. Zur Zeit der Währungsreform 1780 waren die Scheine nur noch ein 1/40stel wert.13. Viele Quäker weigerten sich den Kontinentalen Dollar zu verwenden und mindestens eine Jahresversammlung hat es ihren Mitgliedern verboten.14. Hugenotten waren eine verfolgte Gruppe an Protestanten mit Calvinistischen Zügen in Frankreich vor 1791. Nach Inkrafttreten der Verfassung kam die Verfolgung zu einem Ende und der Begriff ‚Protestanten‘ bürgerte sich ein.15. Berlin war religiös sehr tolerant, um 1772 lebten gut 7.000 Hugenotten in Berlin, wo sie eine bedeutende Minderheit waren. Der Begriff ‚Hugenotten‘ wurde jedoch erst ab 1900 im deutschen Sprachraum gebräuchlich.16. Besonders Washington war ein ehrbares Verhalten wichtig, auch wenn der Kongress in der Anfangszeit des Krieges auf ein aggressiveres Verhalten drängte.17. Yates starb am 9. Januar 1777.18. Der Kongress formulierte viele Bittgesuche und Petitionen, die letzte war die ‚Olive Branch Petition‘ vom 5. Juli 1775, in welcher der Kongress die Loyalität gegenüber der Krone bestätigte und den König bat, eine Eskalation zu verhindern. George lll hat sich geweigert, die Petition zu lesen.19. Die ‚Proclamation for Suppressing Rebellion and Sedition’ wurde am 23. August 1775 vom Parlament verabschiedet, praktisch direkt als Antwort auf die ‚Olive Branch Petition‘.20. Der Hafen von Boston wurde im Zuge der ‚Coercive Acts/Intolerable Acts‘ ab dem 1. Juni 1774 gesperrt und die Freiheit der Kolonien wurde eingeschränkt.21. Die ‚Sons of Liberty‘ waren eine Gruppe patriotischer Männer. Bekannte Mitglieder waren John und Samuel Adams, Benedict Arnold, John Hancock, Benjamin Rush, Oliver Wolcott, Joseph Warren, Patrick Henry und Paul Revere.22. Die ‚East India Company‘ war eine britische Aktiengesellschaft, die in ihrer Hochzeit fast die Hälfte des weltweiten Handels kontrollierte und schließlich unter die Kontrolle des Parlaments gestellt wurde, für das sie aus ökonomischer Sicht sehr wertvoll war.23. Boston Tea Party am 16. Dezember 1773.24. Der ‚Quartering Act‘ von 1774 bis zum 24. März 1776 verpflichtete die Kolonisten britischen Soldaten Unterkunft zu geben. Philadelphia war von diesem Akt ausgenommen.25. George Washington hat in der Schlacht von Jumoville Glen einen französischen Trupp angegriffen und damit praktisch den ‚French and Indian War‘ begonnen.26. Die Steuer für Melasse, zum Beispiel, ist von sechs Cent pro Gallone auf drei Cent gesenkt worden.27. Tatsächlich zielten die britischen Gesetze darauf ab, die amerikanischen Märkte zu regulieren und den Schmuggel einzudämmen. Deshalb konnte man auch einige Steuern senken.28. Engländer mussten teilweise 20 Mal so viel bezahlen, wie Bürger in den Kolonien.29. John Hancock, ein Händler aus Massachusetts und späterer Präsident des Kontinentalkongresses, wurde des Schmuggelns bezichtig und sein Schiff wurde kurzweilig beschlagnahmt.30. Die ‚Royal Proclamation‘ verbot es den Kolonisten sich westlich eines bestimmten Gebietes niederzulassen.31. Der ‚Animalische Magnetismus‘ war eine Theorie des deutschen Arztes Franz Anton Mesmer, die er 1775 veröffentlicht hat und in der er die heilsame Wirkung von Magnetkuren beschrieb. Ein großer Befürworter seiner Praktiken war der Marquis de Lafayette … was in ein paar Kapiteln zu einer sehr lustigen Geschichte führen wird.32. Ich habe mit der Menge an Blut, die Mercer verloren hat, nicht übertrieben. Auf dem Boden in dem Raum sind noch immer Flecken von Mercers Blut.33. Die Wunde wurde tatsächlich anfangs übersehen und hat sich später dann entzündet. Mercer selber beschrieb sie so: “Raise my right arm, George, and this gentleman will then discern the smallest of my wounds, but which will prove the most fatal. Yes, sir, that is a fellow that will soon do my business.”34. Rush hat in Princeton viele Berichte verfasst, so hat er alle Misshandlungen an amerikanischen Soldaten dokumentiert und Anmerkungen zur Verbesserung des amerikanischen medizinischen Departments auf Grundlage seiner Beobachtungen am britischen System gemacht.35. Washington war noch ein zweites Mal in Morristown und zwar im Jahr 1779/1780. Dieser Aufenthalt ist wesentlich bekannter.36. Alexander Hamilton war zu diesem Zeitpunkt zum Aide-de-Camp berufen. Er wurde durch folgende Nachricht in der ‚Pennsylvania Evening Post‘ informiert: “Captain Alexander Hamilton, of the New York company of artillery, by applying to the printer of this paper, may hear of something to his advantage.”37. Die Berufung zum Aide-de-Camp ging mit einer sofortigen Beförderung einher, selbst wenn dabei mehrere Ränge übersprungen wurden. Der Flügeladjutant/Militärsekretär hatte den Rang eines Colonel inne38. Die genaue Truppenstärke zu diesem Zeitpunkt oder zu irgendeinem anderen Zeitpunkt, ist schwer festzulegen, es könnten genauso gut auch mehr Soldaten gewesen sein.39. Für die Hütten gab es feste Vorgaben. Die Maße für die Behausung einfacher Soldaten waren: 14 Fuß Tiefe, 15-16 Fuß Breite und 6,5 Fuß Höhe. Es gab hölzerne Bänke, einen Kamin an der Außenwand, eine Tür und die Möglichkeit im Frühling Fenster einzufügen. Zwölf Männer teilten sich eine Hütte. Die Hütten für Offiziere waren etwas größer und wurden nur von vier Männern bewohnt.40. Stricker hat das Regiment im ‚Forage War‘ kommandiert und wurde im März dann endgültig durch den neunen Kommandeur Henry Leonard d'Arendt aus Preußen ersetzt.41. Haussegger konnte den Kongress soweit überzeugen, dass er ehrenhaft aus der Armee entlassen und nach Hause gehen konnte, aber der Zweifel blieb bis heute.
----- CHAPTER BREAK -----
20. Januar - Februar 1777
"The achievements of Washington and his little band of Compatriots between the 25th of December 1776 and the 4th of January 1777 in a space of 10 days, were the most brilliant of any recorded in the history of military achievements."
Friedrich der Große von Preußen Friedrich war wütend. Er war so unglaublich wütend und seine Wut fühlte sich angenehm warm in seinem Bauch an. „Wie konntet ihr nur?“, fragte er, was sich anfühlte wie zum hundertsten Mal. Der logische Teil seines Verstandes wusste, dass die Mitglieder des Regimentsstabes diesen Zorn nicht verdient hatten, aber Friedrich war gerade nicht in der Stimmung, dem vernünftigen Teil seines Verstandes den Vortritt zu lassen. „Bitte Friedrich, du verstehst nicht, dass wir es gut gemeint haben“, versuchte Van Linkensdorf seinen aufgebrachten Kameraden zu beschwichtigen. Sein Erfolg war eher mittelmäßig.„Inwiefern ist es gut gemeint, wenn ihr hinter meinem Rücken meine Versetzung veranlasst?“, fauchte der junge Arzt und fuhr fort „Wenn ihr ein Problem mit mir oder meiner Arbeit habt, dann hätten wir darüber reden können. Ein Wort eurerseits und ich hätte mich selbständig auf einen neuen Posten beworben … aber das hier ist einfach nur demütigend.“ Friedrich warf die Versetzungspapiere mit einer wütenden Geste auf den Tisch und stemmte die Hände in die Hüfte.„Friedrich, willst du oder kannst du es nicht verstehen?“, mischte Michael sich ein und schlug sich die Hände vor das Gesicht. Der Angesprochene legte sich gerade eine Antwort zurecht, als er von Wurtenberger in trockenem Tonfall unterbrochen wurde. „Er will es nicht verstehen.“„Ich möchte es ja sogar sehr gerne verstehen, aber dafür müsste einer von euch es mir einmal vernünftig erklären“, gab Friedrich bissig zurück.„Gut, dann erklären wir es dir- noch einmal. Du weißt ja, dass unser Regiment-“, weiter kam Mueller, der von all den Anwesenden wahrscheinlich noch den ruhigsten Gemütszustand hatte, nicht, bevor er von Raybold unterbrochen wurde. Friedrich war sich mehr oder weniger sicher, dass es das erste Mal war, dass jemand Mueller unterbrochen hatte. Abgesehen davon, dass er als Mann Gottes einen besonderen Status genoss, waren seine Worte meistens so durchdacht und wohlüberlegt, dass sich die Notwendigkeit ihn zu unterbrechen schlicht nie ergab.„Entschuldige Mueller, aber ich denke unser Gespräch dreht sich gerade etwas im Kreis, wenn ich also offen sprechen darf. Seitdem Haussegger „nicht mehr da ist“, aus welchem Grund nun auch immer, hat sich das Ansehen unseres Regiments nicht gerade verbessert. Innerhalb von wenigen Tagen wurde unsere Divisionszugehörigkeit zweimal geändert1. Wir haben unseren Status als Extraregiment verloren2 und sind nun offiziell in zwei Hälften geteilt, eine Hälfte gehört zu den Truppen aus Philadelphia und eine weitere nach Maryland. Mit etwas Pech, je nachdem was Hausseggers Aussage hervorbringt, werden wir vielleicht komplett aufgelöst3. Keiner von uns“, an dieser Stelle vollführte Raybold eine ausladende Handbewegung, welche ihn sowie die restlichen Mitglieder des Regimentsstabes miteinschloss, „wird hier noch Karriere machen und keiner hat eine wirkliche Chance versetzt zu werden. Die einzige Ausnahme bist du. Der Posten des Regimentsarztes ist mit dir und Wurtenberger doppelt besetzt und du bist derjenige von euch beiden der studiert hat. Als Assistenzarzt wirst du keine Karriere vor dir haben, selbst nicht in einem Regiment mit makelloser Reputation4. Diese Versetzung ins medizinische Department ist dein Ausweg.“ Friedrich musste zugeben, dass die Ausführungen des Quartiermeisters recht logisch erschienen und so begann auch seine Wut rasch abzuebben. Er war generell nie jemand gewesen der für Wut und Zorn geschaffen war. Stattdessen begann ein neues Gefühl sich in ihm auszubreiten. Scham. Betrachtete er nun, mit einem emotionalen Abstand den er zuvor nicht gehabt hatte, die gesamte Situation noch einmal, so musste er feststellen, dass er ausgesprochen undankbar gewesen war. Seine Kameraden hatten immerhin nur das Beste für ihn im Sinn gehabt. Doch selbst die nobelsten Absichten konnten fehlgeleitet sein und Friedrich war entschlossen das offenzulegen, dieses Mal nur etwas sachlicher.„Es tut mir leid, ich habe mich nicht wirklich angemessen verhalten und die Unterstellungen die ich euch gemacht habe … ich hoffe ihr könnt meine Entschuldigung annehmen“, begann Friedrich und als er seinen Kameraden Einen nach dem Anderem ansah, konnte er zu seiner Erleichterung viel Wohlwollen erkennen. „Doch wie soll ich im medizinischen Department Karriere machen. Das ganze System ist unorganisiert, nicht für so viele Kranke ausgelegt und Korruption und Misswirtschaft verhindern jegliche Art von Effektivität. Ich werde so oder so in der Armee nicht weiter aufsteigen und dann bin ich doch wesentlich lieber hier bei euch, als im medizinischen Department.“ Friedrich bemerkte den bitteren Eisengeschmack von Blut seinen Mund füllen, im Verlauf des Gespräches hatte er an der Innenseite seiner Wange gekaut, eine schreckliche Angewohnheit die er eigentlich für überwunden gehalten hatte.„Das medizinische Department wird von Grund auf neu geordnet5“ offenbarte Wurtenberger und sein jüngerer Kollege starrte ihn nur für einige Sekunden ungläubig an. „Wann? Bist du dir sicher? Ich meine, warum weißt du davon?“, stammelte er schließlich und ließ sich an dem Tisch nieder, an dem auch all die anderen saßen.„Ich bin mir ganz sicher, Doktor Rush hat es mir bestätigt“, gab Wurtenerger zur Antwort und machte damit Friedrichs Verwunderung perfekt. „Doktor Rush ist in Philadelphia, um sich um einige familiäre Angelegenheiten zu kümmern und um nach dem Ende seiner Amtszeit als Abgeordneter im Kontinentalkongress einen hohen Posten im medizinischen Department anzunehmen. Er wird offen als Favorit für eine der Führungspositionen gehandelt6“, elaborierte der ältere Arzt den Sachverhalt.„Woher weißt du das?“„Doktor Rush hat einen Brief aus Philadelphia an Lieutenant Colonel Stricker geschickt und gefragt, ob er dich in das medizinische Department übernehmen könnte. Er hat die Reformen beschrieben, die bald durchgesetzt werden“, fuhr Wurtenberger fort.„Aber wenn Rush sowie so geschrieben hat, warum hat Lieutenant Colonel Stricker mir den Brief nicht einfach weitergeleitet und ich hätte eine Entscheidung treffen können?“, fragte Friedrich und überschlug die Beine unter dem Tisch.„Weil du zu loyal bist. Du hättest dieses Regiment niemals verlassen, nein du wärst hier geblieben, bis zum bitteren Ende. Du bist einer der Männer, die man zu seinem Glück zwingen muss“, antwortete Mueller und irgendetwas an seinen ruhigen Gebärden veranlassten Friedrich verlegen den Kopf zu senken und das Holz der Tischplatte unter seinen Händen zu betrachten. Langsam, ganz langsam, streckte er die Finger nach seinen Versetzungspapieren aus und zog sie wieder näher an sich heran. In seinem Kopf drehte sich alles. Zum einen war er entzückt, dass solch eine bedeutende Person wie Doktor Rush persönlich nach ihm gefragt hatte und der Gedanke in einem reformierten medizinischen Department Karriere machen zu können, klang wie Musik in seinen Ohren. Auf der anderen Seite war da jedoch das Ziehen in seiner Brust bei dem Gedanken, sein Regiment, seine Familie verlassen zu müssen. Kaplan Mueller hatte recht, wahrscheinlich müsste man ihm wirklich zu seinem Glück zwingen.„Danke“, murmelte Friedrich leise, während er das Papier wieder ordentlich faltete. Er würde den Posten annehmen, so viel war sicher, aber es würde ein wehmütiger Abschied werden, dessen war er sich auch sicher. Die neue Stelle würde ihn vom Schlachtfeld fernhalten, aber dieser Umstand konnte nicht darüber hinweg täuschen, dass er Menschen zurück lassen musste, die ihm viel bedeuteten. Seine Freundschaft mit Louis Van Linkensdorf war in den letzten Monaten sehr eng geworden, auch wenn der Adjutant manchmal etwas ruppig war. Für Kaplan Henry Mueller empfand Friedrich nicht weniger, als die größte Hochachtung, für Ludwick Wurtenberger konnte das Gleiche gesagt werden, auch wenn sich die Sache hier etwas anders verhielt. Er schätzte Mueller für sein ruhiges Gemüt und seine klugen Worte, während er Wurtenberger für mehr praktische Erfahrung und Kniffe zu danken hatte, als er in den gesamten vier Jahren seines Studiums gelernt hatte. Eberhard Michael war immer ein ruhiger Zeitgenosse gewesen, hatte sich nie in Dinge eingemischt, die ihn nichts angingen und stets zuverlässig seine Arbeit gemacht. War er jedoch von einer Sache überzeugt, dann brannte er mit einem Feuer dafür, das seines Gleichen suchte. Der junge Arzt war nach all diesen Monaten noch immer von der Balance fasziniert, in der der Zahlmeister diese beiden unterschiedlichen Charaktereigenschaften hielt. Zum Schluss war da dann noch Jacob Raybold, dessen offene Art von Friedrich sehr geschätzt und bewundert wurde. In Raybolds Worten gab es keine doppelten Böden, er sagte, was er dachte und war durch und durch ehrlich. Die zärtlichen Gefühle, die Friedrich für seine engsten Kameraden empfandt, wurden durch ihre Taten nur noch bestärkt. Die Mühe, die sie auf sich genommen hatten, um ihm eine Zukunftsperspektive zu bieten, konnte nicht hoch genug angerechnet werden. Doch dem jungen Arzt war auch bewusst, dass diese Aussagen wohl auf einen Großteil des Regiments zutrafen. Viele der Soldaten und fast ausschließlich alle der höheren Offiziere hatten bereits in früheren Kriegen in Amerika und Europa Erfahrungen gesammelt. Die Einblicke die er während seines Dienstes machen konnte, waren nicht jedem jungen Soldaten vergönnt. All dem den Rücken zuzuwenden, fiel ihm so nur umso schwerer.„Vergiss uns aber ja nicht so schnell“, mahnte Wurtenberger und lächelte schwach.„Bestimmt nicht!“, versicherte Friedrich und Michael warf ein: „Wenn dir irgendwann mal wieder der Sinn nach einem zünftigen Weihnachten steht, dann weißt du ja wo du uns findest.“ Friedrich hatte nie gedacht, dass man Heimweh nach einem Regiment haben könnte, aber je länger er in dem medizinischen Department zubrachte, desto sehnlicher wünschte er sich, dass Angebot nicht angenommen zu haben.Er hoffte inständig, dass die versprochenen Reformen bald in Kraft treten würden, denn viel länger hielt er es sonst nicht mehr aus. Das medizinische Department, hatte er nach wenigen Wochen festgestellt, war in einem noch schlechteren Zustand, als er befürchtet hatte. Nichts funktionierte, aber auch wirklich gar nichts. Die beiden leitenden Ärzte, Doktor John Morgan7 und Doktor William Shippen Jr.8 stritten sich unentwegt über die Angelegenheiten und Richtlinien der medizinischen Versorgung. Die Ärzte vor Ort versuchten das Beste aus den jeweiligen Situationen zu machen, aber häufig waren die Umstände einfach nur katastrophal. In den beiden Kirchen von Morristown wurde jeweils ein Krankenhaus eingerichtet. Zum Vorteil waren die langen Bänke auf denen locker zwei bis drei Patienten Platz fanden und den Schutz vor den Wettern, die die soliden Kirchendächer boten, doch viel mehr Vorteilhaftes war nicht zu nennen. Die Gemeindemitglieder waren nicht gerade erfreut gewesen, dass beide ihrer Kirchen zweckentfremdet wurden und obwohl man nun über zwei geräumige Gebäude verfügte und ja auch die verschiedenen Regimentshospitäler noch im Einsatz waren, reichte der Platz vorne und hinten nicht.Friedrich durchlebte in den ersten Tagen wieder dieses Gefühl der Hilfslosigkeit, das ihm so verhasst war. Er versuchte mit ungebrochenem Tatendrang dagegen anzugehen und sicher zu stellen, dass die Krankenhäuser bestmöglich eingerichtet waren. Infektionskrankheiten waren, wie in jedem Wintercamp, omnipräsent und die Erfrierungen die sich die Soldaten in der Kälte zuzogen, ließen ihm häufig keine andere Wahl, als das betreffende Körperteil zu amputieren. So war es auch im Fall von Michael Tuder9.„Bitte Doktor, es muss doch noch irgend eine andere Möglichkeit geben“, flehte der Soldat Tudor und Friedrich konnte nur traurig den Kopf schütteln. Der Fuß des Mannes war nicht mehr zu retten. Die Haut war von den Zehen beginnend bis etwa zur Mitte des Fußes schwarz verfärbt und von Blasen überzogen. Bei der geringsten Berührung durch die Hand des jungen Arztes löste sich die Haut von den Knochen. „Ich habe eine Familie zu ernähren, Sir, wie soll ich auf den Feldern arbeiten, wenn ich nicht mehr richtig gehen kann? Ich flehe Sie an Sir, bitte lassen Sie mir den Fuß“, versuchte der Soldat es wieder, doch vergebens.„Sir, wenn wir nicht amputieren, werden Sie sterben. Es tut mir Leid für Sie und Ihre Familie, aber tot nützen Sie ihnen auch nichts und immerhin haben Sie sich diese Verwundung im Dienst für Ihr Vaterland zugezogen haben“, antwortete Friedrich und versuchte dabei so viel Gewicht wie nur möglich in seine Stimme zu legen, um zu signalisieren, dass das letzte Wort gefallen war. Als Antwort bekam er nur ein verächtliches Schnauben. Er wusste es selbst besser, als zu glauben, dass diese Tatsache für die allermeisten Soldaten keinen Unterschied machte, doch es war der Satz, der auf den Versetzungspapieren in das Invaliden Regiment10 stand und die Phrase, die auf den Pensionsbewilligungen niedergeschrieben wurde. Irgendeine Bedeutung musste dieser Satz also doch haben, oder nicht?Langsam erhob sich Friedrich, um im Nebenraum einen Kollegen zu finden, mit dem er die Amputation durchführen konnte. Ein paar Krankenschwestern11 waren damit beschäftigt, Kranke zu waschen. Der einzige andere Arzt, der anwesend zu sein schien war Doktor Jeremiah Fisher, ein Mann mit mittlerer Befähigung und nicht gerade einer von Friedrich liebsten Zeitgenossen. Er war umgänglich, sogar recht höflich, aber schienen ihm die meisten Vorgänge egal zu sein. Er tat seine Arbeit, aber war meistens mit dem Herzen nur halb bei der Sache, er schenkte dem Glas Rum am Abend in der Kneipe mehr Aufmerksamkeit. Nicht, dass er an der ganzen Sache uninteressiert war, im Gegenteil, Fisher war einer der größten Patrioten und Befürworter der amerikanischen Unabhängigkeit, die Friedrich bisher kennengelernt hatte, aber diese Leidenschaft schien nicht auf seine Arbeit abzufärben.„Fisher? Bist du beschäftigt oder kannst du mir hier mal helfen?“, fragte der Deutsch-Amerikaner während er die Knochensäge und ein geeignetes Messer zusammensuchte. Die Pfeile, die er brauchen würde, um das angesägte Ende des Knochens zu begradigen, lag noch im Nebenzimmer bei Tuder, nach der letzten Amputation hatte man vergessen, sie wieder an ihren Platz zu räumen.„Ich kann dir helfen, das ist kein Problem. Was ist es dieses Mal?“, fragte Fisher und trat näher an Friedrich heran, der inzwischen zu dem Regal neben dem Altar gegangen war. Auf den Brettern standen dutzende an Flaschen mit Pulvern und Flüssigkeiten. Das Glas der meisten Behältnisse war fleckig und gesprungen, die Schrift auf den Papieretiketten war verschmiert und häufig kaum mehr leserlich.„Ein Fuß … der arme Mann ist vollkommen verzweifelt.“„Sind sie das nicht immer?“ Da war es wieder, dieses komplette Desinteresse, das Fisher mit der größten Selbstverständlichkeit und ganz ohne Scham an den Tag legte. Friedrich blieb nichts anderes übrig, als zu seufzen, dieser Mann würde sich nicht mehr ändern. Darüber hinaus stand er auch gerade selber vor einer wichtigeren Frage. „Weißt du wo unser Vorrat an Laudanum12 ist?“„Wir haben nichts mehr.“Friedrich drehte sich verwirrt zu seinem Gesprächspartner um. „Das ist jetzt nicht dein Ernst?“„Doch Deegen, das ist mein Ernst.“„Was soll ich denn bitte dem armen Mann geben, dem ich gleich den Fuß amputieren werde?“, fragte Friedrich und schüttelte den Kopf. Das war mal wieder so typisch.„Ich habe keine Ahnung, du musst wohl improvisieren. Ich habe mich vorhin mit Doktor Fultz um die an Ruhr erkranken Patienten gekümmert, für die hatten wir auch kein Laudanum mehr“, erwiderte Fisher und griff an Friedrich vorbei nach einer der anderen Flaschen in dem Regal. „Versuchen wir es mit Rum“, meinte er und hielt die Flasche hoch. Der junge Arzt nahm seinem Kollegen die Flasche aus der Hand und begab sich wieder in Nebenzimmer. Wahrscheinlich war der Rum wirklich das Beste, das man Tuder anbieten könnte.Er stellte die Flasche mit dem Rum neben das Bett und legte den Lederriemen gleich daneben. Viele Männer bissen sich vor Schmerzen einen Teil der Zunge ab, weshalb man ihnen diese Stücke Leder – oder Holz, wenn man sonst nichts anderes zur Hand hatte, gab. Friedrich lief jedes Mal ein Schauer über den Rücken, wenn er die Bissspuren auf dem Material sah. Wie viele Männer hatten dort wohl schon drauf gebissen, weil sie sonst nichts hatten, um ihre Schmerzen und ihre Schreie zurück zu halten? Dieser Gedanke schien nun auch Michael Tuder durch den Kopf zu gehen, denn bei dem Anblick verließ jegliche Farbe sein Gesicht. „Nein, nein Sir …ich … nein“, stammelte er und versuchte aufzustehen, aber Fisher war schneller gewesen und hatte ihn an den Schultern gepackt. Der Verletzte hatte nicht die Kraft sich dagegen zu währen.Friedrich begann seine Arbeit, schnitt durch Haut und Fleisch und Muskel und Nerven und Knochen. Das Blut tropfte auf den Boden und auf seine Knie. Der Geruch von Eisen erfüllte die Luft ebenso wie Tuders erstickte Schmerzenslaute. Tränen waren seine Wangen hinunter gelaufen. Vor Schmerz? Vor Verzweiflung? Der junge Arzt konnte diese Frage nicht beantworten, aber er musste ein Leid nicht benennen, um Mitleid empfinden zu können. Beinahe schon behutsam langte er nach dem Eimer mit Wasser und begann die Wunde zu reinigen, sodass ein Verband angelegt werden könnte.Eine gute dreiviertel Stunde13 waren Friedrich und Fisher wohl beschäftigt, bevor man Tuder in die Fürsorge der Krankenschwestern entließ.„Das lief doch ganz gut“, meinte Fisher, der Ältere der beiden Männer, und sein Optimismus klang gezwungen. Der Jüngere sah sich nicht aufgefordert zu antworten, während er die Werkzeuge in dem Wasser abwusch.„Wie lange steht dieser Eimer hier eigentlich schon?14 Etwas frisches Wasser wäre auch nicht schlecht“, meinte er und roch vorsichtig an dem Wasser. Der Geruch war eher unschön.„Du darfst gerne welches holen, aber der See ist zugefroren, viel Spaß dabei, da ein Loch reinzuschlagen“, meinet Fisher und begann das Blut vom Boden zu wischen. „Kommst du mit mir rüber zu den anderen zum Abendessen, wenn wir hier fertig sind?“Friedrich fiel keine Arbeit ein, die noch erledigt werden musste oder konnte und Abendessen klang daher nach einer fast schon himmlischen Idee.Er hatte gerade all die verwendeten Werkzeuge wieder an ihren Platz gelegt und wollte zu Hintertür hinaus, als er Fishers Stimme vernahm. „Wir sollten die Vordertür nehmen, am Hinterausgang sind die Latrinen wieder übergelaufen15 da möchtest du nicht durch.“ Das musste sich der junge Mann nicht zweimal sagen lassen.Als Friedrich zusammen mit Fisher in der Unterkunft der Ärzte ankam, hatten einige seiner Kollegen bereits Tische zusammengeschoben, um eine gemeinsame Essgelegenheit zu schaffen. Schüsseln und Besteckt wurden zu Tage befördert und irgendwann waren dann alle Ärzte eingetroffen und hatten sich um den Tisch versammelt. Jemand sprach ein Gebet und anschließend wurde das Essen verteilt.„Auf wessen Seite steht ihr? Sagt ihr, wie Doktor Shippen, wir sollten die Pockenimpfungen16 durchführen oder haltet ihr es mit Doktor Morgan und sprecht euch gegen die Impfung aus?“, fragte schließlich Doktor John Hink, ein Mann mittleren Alters, dessen früh ergraute Haare ihn älter aussehen ließen, als er wirklich war. Dieselbe Diskussion wurde häufig unter den Ärzten geführt, doch meistens nur in Randgesprächen, in der Sicherheit einer kleinen Gruppe an Freunden. Doch für keinen der Männer am Esstisch war es eine Überraschung, dass die Frage nun laut gestellt wurde. Irgendwann musste es soweit kommen und die Zeit dafür war lange überfällig. Die Pockenepidemie grassierte in dem Lager und raffte Mann um Mann dahin, nahm die Ärzte und Krankenschwestern mit, die sich um die Kranken kümmerten und machte auch vor den Marketendern am Rande des Lagers keinen Halt. All den Anwesenden war schmerzhaft bewusst, dass man den Schlingerkurs, den die Generalität und der Kongress bisher verfolgt hatten, aufgeben musste, wenn man im Sommer noch eine Armee haben wollte.„Ich bin für die Impfungen, ohne Wenn und Aber“, verkündete Fisher und blickte sich am Tisch um. Ein paar seiner Kollegen nickten zustimmend. Wie in jeder anderen Gruppe auch, gab es im medizinischen Department eine gewisse Dynamik, eine unausgesprochene Hierarchie, die nichts mit Rang und Dienstjahren zu tun hatte. Im Wesentlichen konnte man die Männer in drei Bereiche einteilen, die Revolutionäre, die Konservativen und die Pragmatiker. Friedrich selber fühlte sich letzteren zugetan, für ihn war es wichtig, dass die Arbeit, die getan werden musste, getan wurde. Seine politischen Meinungen durften seiner Arbeit dabei nicht in die Quere kommen, auch wenn das hieß, dass er gegen einige seiner Überzeugungen verstoßen musste.„Ist es nicht egal, was wir denken? Solange wir nicht die Erlaubnis vom Kongress erhalten, sind uns die Hände gebunden. Wisst ihr noch was in den letzten Jahren passiert ist, als einige der Ärzte eigenmächtig Impfungen vorgenommen hatten?“, warf Doktor Frederick Fultz ein und wieder nickten mehrere Männer am Tisch. Friedrich blickte von seinem Essen auf, er hatte keine Ahnung wovon sein Kollege sprach, war sich nicht einmal sicher, ob er zu diesem Zeitpunkt schon in der Armee gewesen war.„Was ist denn passiert?“, frage er daher und schob das farblose Etwas auf seinem Teller hin und her, das wohl Fleisch sein sollte.„Nachdem die Epidemie17 ausgebrochen ist, wurde uns Ärzten verboten die Soldaten vorsorglich zu Impfen. Die einzige Vorsorge die wir treffen durften, war die Infizierten zu isolieren. Die Erfolge dieses Vorgehens waren im besten Fall mäßig und daher haben einige Ärzte dennoch Impfungen durchgeführt. All diejenigen die dabei erwischt worden sind, wurden hart bestraft. Dies schloss nicht nur die Ärzte, die der Armee zugehörig waren mit ein, sondern auch zivil praktizierende Ärzte wurden inhaftiert, wenn sie kontinentale Soldaten geimpft haben“, erklärte Fultz.„Wir wissen aber alle, dass die Männer in den nördlichen Departments der Armee dennoch geimpft wurden … auch wenn niemand das offen zugeben will“, warf Fisher ein und lächelte in einer Art, die Friedrich beinahe als triumphierend bezeichnet hätte.„Das zweifle ich immer noch an. Die Armee im Norden, in der Nähe des Fort Ticonderoga, Montreal und Quebec stand unter dem Kommando der Generalmajore Benedict Arnold18, Horatio Gates19 und John Thomas20. Keiner von denen hätte sich so einfach über das Protokoll hinweg gesetzt“, warf Doktor Thomas Scot ein. Friedrich mochte Scot sehr gerne, er erinnerte ihn an Kaplan Mueller in seinem deutschen Regiment. Scot verfügte über dieselbe leise Weisheit und über dieselbe ruhige Ausstrahlung.„In Montreal waren von den 3.200 stationierten Männern zu den schlimmsten Zeiten 3000 Männer an den Pocken erkrankt. Trotzdem schrieb Major-General Gates nur wenige Wochen später, dass man die Pocken aus dem Lager entfernt hätte. Daher frage ich, wie können fast 3000 Soldaten sich so schnell wieder erholen?“, konterte Hink und verschränkte die Arme vor der Brust. Hink mochte belastbare Fakten, er war ein Mann der Zahlen und hätte sich, wenn er nicht Arzt geworden wäre, auch gut als Buchhalter gemacht. Diese Vorliebe für das Sachliche befähigte einer sehr logischen Argumentationsweise, so klar und logisch, dass er in Diskussionen meistens Recht bekam. Friedrich vermutete, dass er ein paar Mal zu oft Recht bekommen hatte und sich mittlerweile daran gewöhnt hatte - trotzdem sah der junge Arzt sich in der Pflicht Hinks Schlussfolgerung zu unterstützen.„Sie konnten sich so schnell erholen, da sie von Anfang an nur an einem schwächeren Fall der Pocken erkrankt sind – so wie bei einer Impfung.“„Selbst wenn Deegen und Hink mit dieser Theorie richtig liegen - wahrscheinlich liegen sie richtig, vieles spricht dafür - ist die Situation hier im Camp doch eine ganz andere als im nördlichen Department“, wandte Scot ein und seine Stimme klang ein wenig defensiv.„Und was sollte das für ein Unterschied sein, wenn ich fragen darf?“, kam es von Fisher, mit einer unterschwelligen Herausforderung im Tonfall.„Die Armee im Norden hatte eine relative Abgeschiedenheit, nach den Impfungen hatten die Männer genügend Zeit, um sich wieder zu erholen. Sollten die britischen Truppen jedoch mitbekommen, dass wir hier im Lager angreifbar sind, weil die Soldaten sich von den Impfungen noch nicht erholt haben, dann werden wir nicht von den Pocken dahin gerafft, sondern von britischen und hessischen Bajonetten erstochen. Zudem war die Anzahl der Männer in Montreal begrenzt. 3000 Soldaten, mein Gott, das ist ein Bruchteil von dem was hier versammelt ist. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir beim Impfen bewusst die Verbreitung einer ansteckenden und tödlichen Krankheit begünstigen. Sollten wir hier, bei so vielen Männern, die Kontrolle über die Krankheit verlieren, dann könnte schnell die gesamte Armee dezimiert werden“, erklärte Scot„Durch die Pocken stirbt einer Mann unter sechs, mit der Impfung liegt die Sterberate bei vielleicht einem Mann unter 300. Ich verstehe deine Besorgnis Scot, aber selbst wenn wir die Kontrolle verlieren, kann es wirklich so schlimm enden?“, fragte Faultz und schob seine Schüssel von sich.Die Gruppe hatte ihr Mahl schon vor einiger Zeit beendet, aber alle hatten der Diskussion so gebannt gefolgt, dass niemand bisher dem dreckigen Geschirr Aufmerksamkeit geschenkt hatte.„Natürlich kann es das! Solche Impfungen an einer ganzen Armee vorzunehmen ist einfach zu riskant“, beharrte Scot.„Gerade deshalb sollten wir es versuchen. Wir haben es mit konventionellen Methoden versucht, auf dem Schlachtfeld und in unseren Hospitälern und die Erfolge waren meistens mittelmäßig, aber immer wenn wir waghalsige und ungewöhnliche Wege beschritten haben, haben wir einen Vorteil daraus gezogen. Diesen Krieg zu beginnen, die Unabhängigkeitserklärung zu schreiben oder auch die Überquerung des Delawares waren alles riskante Vorhaben, aber weil wir bereit waren, diese Risiken einzugehen, gibt es überhaupt noch eine Armee, um die wir uns sorgen können. Versuchen wir es also, wir haben nichts zu verlieren, aber alles zu gewinnen“, brachte Friedrich vor und spürte wie er die Blicke der Anwesenden auf ihn richteten. Er stand nicht gerne im Mittelpunkt, aber er mochte es, wenn seine Worte Beachtung fanden.Friedrichs Worte waren bei Weitem zu kontrovers und zu stark von einer gewissen politischen Meinung geprägt, als dass sie die Diskussion ein für alle Mal beendet hätten, aber sie waren geeignet, um einen Schlussstrich unter den heutigen Gedankenaustausch zu setzen. Darüber hinaus hatte man auch nicht mehr die Zeit den Dialog weiterzuführen, das medizinische Department gewährte keinem seiner Mitglieder eine Pause. Es gab immer Kranke zu versorgen, Anfragen zu beantworten und Verwaltungsarbeit zu leisten.
06. Februar – 13. April 1777
“The Small Pox, is ten times more terrible than Britons, Canadians and Indians, together (…) The small Pox! The small Pox! What shall We do with it? I could almost wish that an innoculating Hospital was opened, in every Town in New England.”
John Adams an Abigail Adams am 26. Juni 177 Bei all den Herausforderungen und den Unannehmlichkeiten mit denen Friedrich sich konfrontiert sah, er konnte nicht verleugnen, dass Morristown das bisher beste Feldlager war, das er mitgemacht hatte. Die Arbeit war nicht leichter geworden, ganz im Gegenteil, eine Pockenepidemie hielt die Armee fest im Griff und damit die Ärzte ständig in Bereitschaft. Doch auch darüber hinaus brachte ein solch großes Lager mit so vielen Soldaten viel Arbeit. Friedrichs Körper war am Ende eines jeden Tages taub. Den ganzen Tag auf den Beinen sein, die Salben anrühren, Inventarlisten führen, sich mit den Quartiermeistern um jede Ration, um jede Flasche Medizin zu streiten, war anstrengend … und die tatsächliche Behandlung von Patienten war noch nicht einmal mit einbezogen. Aber Morristown war eine sichere Stadt, sicher im geografischen Sinne, die Briten konnten sich der Stadt nicht unbemerkt nähern. Aber es war auch die ökonomische Sicherheit die Morristown so attraktiv machte. Die Stadt konnte die Kontinentalarmee ernähren, oder zumindest besser ernähren als andere Städte es gekonnt hätten. Zudem waren die zahlreichen Schmiede der Stadt in der Lage die kontinentalen Schmiede bei der Herstellung von all den Metallarbeiten zu unterstützen, die die Armee tagtäglich brauchte. Was Friedrich jedoch am meisten erfreute, war, dass Morristown eine Quäkergemeinde war und er somit endlich wieder die Möglichkeit hatte regelmäßig an Zeremonien teilzunehmen. Ihm war gar nicht bewusst, wie sehr er diese sonntäglichen Zusammenkünfte vermisst hatte.Er lernte viele neuen Menschen kennen, sowohl aus der Armee als auch aus der Gemeinde selbst. Nachdem eine Zeremonie offiziell beendet wurde, fand man sich meistens noch zusammen, um in kleinen Gruppen locker miteinander zu reden. Es hatte sich so eingestellt, dass Friedrich sich jeden Sonntag mit einer älteren Dame unterhielt und sie später dann auch wieder zu ihrem Haus am äußeren Rand von Morristown begleitete. Sie lebte auf einer kleinen Farm die einst ihrer Familie gehört hatte, aber inzwischen verkauft war. Nach dem Tod ihres Ehemannes und ihrer zwei Söhne im ‚French and Indian War‘ sei es irgendwann einfach nicht mehr möglich gewesen, sich weiter um die Felder und die Tiere zu kümmern, hatte sie erklärt. Die neuen Besitzer hatten ihr netterweise erlaubt, in einem kleinen Nebengebäude wohnen zu bleiben. Es war eine junge Familie mit vier Kindern, auf die sie manchmal aufpasste, doch seitdem der Mann ebenfalls in den Krieg gezogen war, hatte der Betrieb auf der Farm das Nachsehen, da die Ehefrau unmöglich all die Arbeit alleine leisten konnte. Eines Tages hatte die ältere Dame Friedrich dann gefragt, ob er wohl einen kaputten Bretterzaun in einem der Ställe reparieren könnte. Zwar wusste der junge Arzt vor eigener Arbeit nicht wo ihm der Kopf stand, aber die Frau war unglaubliche 8021 Jahre alt und hatte, neben ihrem Mann und Söhnen vor all den Jahren, nun auch noch ihr einziges Enkelkind in der Schlacht von Bunker Hill22 verloren. Wie konnte er da Nein sagen? Friedrich war zwar verwundert, dass es so viele Soldaten in der Quäker-Familie gegeben haben soll, aber er hütete sich davor nachzufragen und die Dame somit an ihren Verlust zu erinnern. Während der Reparaturen am Zaun hatte er sich ein Stück Holz tief in die Hand getrieben, welches er nur in Teilen wieder herausgezogen bekommen hatte. Die Wunde hatte sich entzündet und so ging seit nun schon fast einer Woche ein unangenehm warmer und pochender Schmerz von ihr aus.Es war auch an diesem Sonntag, nach dem Ende der Zeremonie, dass Friedrich mit der älteren Dame am Arm das Gemeindehaus verließ. Zu der Freude des jungen Mannes war es in den letzten Tagen etwas wärmer geworden und das Eis auf den Wegen hatte zu tauen begonnen und die Gefahr auszurutschen hatte sich damit reduziert. Eine Gruppe kleiner Vögel saß in einem Baum gleich neben dem Gemeindehaus und es hätte tatsächlich ein recht angenehmer Sonntag werden können. Doch plötzlich entdeckte Friedrich eine Person in der Menschenmenge, die sich auf dem Platz vor dem Gemeindehaus zusammen drängte. „Würden Sie mich wohl einen Augenblick entschuldigen“, fragte er an seine Gefährtin gewandt und wartete nicht einmal ihre Antwort ab, bevor er sich mit schnellem Schritt der Person näherte. Sein Herz schlug schmerzhaft schnell in seinem Brustkorb und ein eigenartiges Kribbeln breitete sich in seinem Körper aus.„Onkel Louis?“, rief Friedrich und der Angesprochene drehte sich in seine Richtung, sein Blick wanderte suchend durch die Menschenmenge, unfähig auszumachen woher der Ruf kam. Erst als der junge Arzt seine Hand hob und erneut rief, erkannte der Onkel eine Person, die seinem Neffen ähnlich sah. In den Augen des Älteren lag ein seltsam harter Blick, den Friedrich jedoch nicht sehen konnte, da er sich seinem Onkel praktisch um den Hals warf, sobald er diesen erreicht hatte. Onkel Louis hier vor sich stehen zu haben, bedeutete ihm unendlich viel.Louis selber schien das jedoch etwas anders zu sehen, denn anstatt seinen Neffen ebenfalls freudig zu begrüßen, packte er ihn nur unsanft an den Schultern und drückte ihn von sich fort. „Was machst du hier?“, fragte er harsch.„Ich habe mich der Kontinentalarmee angeschlossen, letzten September“, erklärte Friedrich und studierte verunsichert das Gesicht seines Onkels.„Bist du denn von allen guten Geistern verlassen worden? Was auf Erden hat dich auf die Idee gebracht, dich der Armee anzuschließen, weiß du denn nicht-“„Ich habe James gesehen“, unterbrach der junge Arzt Louis mit einer fast schon geisterhaften Stimme. „Du hast James getroffen? Wann und wo und hat er dich erkannt?“„Onkel, denkst du wenn James mich erkannt hätte, würde ich hier noch stehen? Er war auf dem Campus der Universität gut eine Woche nachdem ich graduiert bin. Ich bin in Panik geraten als ich ihn gesehen habe und da habe ich mir gedacht, dass-“„Dass es eine gute Idee wäre, sich der Kontinentalarmee anzuschließen. Oh je Friedrich, was machst du nur für Sachen?“, stöhnte Louis und dieses Mal ging der Versuch einer Umarmung von ihm aus, doch Friedrich wich ein Stück zurück.„Wag es nicht mir Vorwürfe zu machen. Das war deine Idee damals gewesen und all das hier ist deine Schuld“, zischte der Jüngere dem Älteren entgegen.„Du hast dich verändert, so sehr verändert, ich erkenne dich kaum wieder.“„Sag nicht, dass dich das verwundert.“„Nein Friedrich, es verwundert mich nicht, aber es tut mir leid. Es tut mir auch leid, was du damals durchmachen musstest, aber ich entschuldige mich nicht für mein Handeln … oder hättest du es anders gewollt? Hättest du in Germantown bleiben wollen, nach all dem was passiert?“, der Wind trug Louis Worte fort und die unruhige Menschenmenge um sie herum bot den Rhythmus für ihr Gespräch. Friedrich war plötzlich unendlich dankbar, dass wahrscheinlich niemand sonst auf diesem Platz das Deutsch verstand, das er mit seinem Onkel sprach.„Ich hätte nicht dableiben können, selbst wenn ich es gewollt hätte“, erwiderte Friedrich und stieß ein frustriertes Schnauben aus. „Doch selbst wenn das der einzig mögliche Ausweg gewesen war, ist mein jetziges Leben soweit von dem Leben entfernt, das ich führen wollte.“„Was du nicht sagst“, kam die abfällige Antwort.„Du bist nicht in der Position mich zu verspotten, dass sollte dir trotz all dem bewusst sein“, konterte Friedrich und verschränkte die Arme vor der Brust. Was war nur in den letzten Jahren passiert, dass es so weit gekommen war, dass er sich nicht einmal mehr mit seinem Onkel verstand?. Louis war der ältere Bruder von Hugo, dem Vaters Friedrichs - einer von drei Brüdern. Die beiden waren unzertrennlich, waren von Berlin aus zusammen an die Nordseeküste und dann mit Johanna, Friedrichs Mutter, nach Amerika gezogen. Louis hatte in Berlin eine Lehre zum Arzt und Apotheker gemacht und diese Arbeit auch in seiner neuen Heimat fortgeführt. Auch wenn er nicht studiert hatte, war er ein guter Arzt und hatte immer einen regen Zulauf aus der Bevölkerung von Germantown und umliegenden Gemeinden. Er selbst hatte nie geheiratet oder irgendwelche Kinder gehabt und deshalb liebte er seine Nichten und Neffen wie seine eigenen Kinder. Besonders zu Friedrich war seine Beziehung immer besonders innig gewesen und die beiden hatten so manchen Witz über den nur sie lachen konnten. Wo war nur all diese Vertrautheit hin?„Es war nicht meine Absicht mich über dich lustig zu machen, ich finde dein Selbstmitleid nur schwer zu ertragen“, korrigierte Louis und ahmte Friedrichs Körperhaltung unbewusst nach. „Mein Selbstmitleid? Ich weiß nicht-“. Friedrich stockte, weil er nicht recht wusste, was er nun sagen sollte. Er war nicht der Meinung, dass er sich selbst bemitleidete, aber er verstand, dass sein Verhalten Louis ärgerte. Vielleicht war es wieder nur seine Undankbarkeit oder einfach nur die schiere Verzweiflung des jungen Arztes, die sein Onkel mit Selbstmitleid verwechselte. Die Diskussion würde von diesem Punkt an keinen glücklichen Verlauf mehr nehmen und deshalb beschloss Friedrich das Thema zu wechseln, nicht, dass ihm auch nur ein Thema mit weniger Sprengstoff einfallen würde.„Auch egal! Nachdem du weißt warum ich hier bin, darf ich mich wohl auch danach erkundigen, warum du hier bist. Als ich damals weg gegangen bin, da hast du mir versprochen dich um meine Familie zu kümmern, dafür zu sorgen, dass es meinen Geschwistern gut geht“, sagte Friedrich anklagend.„Für deine Geschwister ist gesorgt.“„Wie soll für meine Geschwister gesorgt sein, wenn unsere Mutter tot ist, unser Vater seit dem für nichts mehr zu gebrauchen ist und ihre beiden ältesten Geschwister, tot oder in der Kontinentalarmee sind?“„Dein Vater hat sich gebessert. Wirklich. Du musst mich gar nicht so ungläubig anschauen. Du weißt wie sehr ich euch alle liebe, ich wäre niemals fortgegangen, wenn ich auch nur den geringsten Zweifel an dem Wohlergehen deiner Geschwister gehabt hätte“, antwortete Louis und sein Ton, seine Mimik, ja seine ganze Haltung wurden augenblicklich sanfter. Friedrich mochte seinen Onkel so lieber. Trotz dieser scheinbaren Ruhe, schien er Schwierigkeiten zu haben, Louis Worten Glauben schenken zu können.„Du verzeihst mir, wenn ich Schwierigkeiten habe, dass zu glauben. Ich habe Vater doch nach Mutters Tod erlebt, habe erlebt wie er nur noch mit leerem Blick in die Gegend gestarrt hat, wie er sich zu nichts mehr aufraffen konnte.“ Sich das Bild seines weggetretenen Vaters wieder vor Augen zu rufen tat weh, es tat weh, weil Friedrich den Schmerz seines Vaters nachvollziehen konnte, aber auch weil er so unglaublich wütend war. Hugo und Johanna hatten zehn Kinder gehabt, sie alle hatten mit Johannas Tod ihre Mutter verloren und obwohl die beiden ältesten Kinder, Friedrich und seine Zwillingsschwester, stets versucht hatten gute Miene zum bösen Spiel zu machen, hatten sie nicht weniger unter dem Verlust gelitten. Doch statt sich wie ihr Vater ihrem Schmerz hinzugeben, hatten sie versucht, die Familie zusammen zuhalten.„Er hat sich wirklich geändert. Ich denke, Maximiliens Tod war eine Art Weckruf für ihn, ihm ist bewusst geworden, dass er Verantwortung für seine Familie übernehmen muss“, brachte Louis hervor und bereute seine Worte sogleich. Er sah die vor Horror geweiteten Augen seines Neffen und ohne, dass dieser ein Wort hervor brachte, wusste der ältere Arzt, dass Friedrich keine Ahnung von dem Ableben seines kleinen Bruders gehabt hatte. „Es tut mir leid Friedrich, es tut mir wahnsinnig leid, ich hätte dir schreiben sollen“, entschuldigte er sich sogleich und versuchte erneut das Kind vor sich, denn Friedrich war für ihn noch immer ein kleines Kind, in die Arme zu nehmen. Dieses Mal stieß er auf keinen Widerstand.Der Körper seines Neffen fühlte sich verspannt an, als dieser den Kopf gegen seine Schulter drückte. Doch schon bald merkte Louis, wie etwas von dieser Anspannung abfiel und einer unnatürlichen Ruhe wich.„Ich hätte da sein müssen“, flüsterte Friedrich in den Stoff von Louis Weste und seine Stimme klang, als sei er den Tränen nahe und das war auch nicht nur eine Annahme seitens des älteren Mannes. Der junge Arzt spürte tatsächlich wie seine Augen feucht wurden und in diesem Moment war es ihm auch herzlich egal, wer ihn vielleicht in solch einem Moment der Schwäche sehen würde. Maximilien war sein jüngster Bruder gewesen, seine Mutter war bei seiner Geburt gestorben und so hatte sein Vater nie eine wirkliche Verbindung zu dem Säugling - denn das war Maximilien noch, als Friedrich ihn das letzte Mal gesehen hatte noch - herstellen konnte. Deshalb hatte Maximilien immer einen ganz besonderen Platz in Friedrichs Herzen gehabt. Es war nicht ungewöhnlich, dass viele Kinder jung starben23, so hart es auch war, aber diese Nachricht traf ihn mit einer Wucht, auf die er nicht vorbereitet war.„Du hättest nichts tun können“, beruhigte Louis seinen Neffen, doch dieser schien nicht hören zu wollen.„Was wäre, wenn ich zurück nach Hause komme, wenn wir so tun, als ob die letzten Jahre einfach nicht geschehen sind? Ich könnte mich wieder um meine Familie kümmern, genauso wie es meine Pflicht ist“.„Du kannst nicht zurück, James würde die Dinge niemals auf sich beruhen lassen. Außerdem bist du doch schon für deine Familie da, das Geld, das du geschickt hast, dein Sold nehme ich an, hat mit dafür gesorgt, dass deine Geschwister genug zu essen hatten.“„Dann hat Vater das Geld also angenommen, obwohl es der kontinentale Dollar ist?“, fragte Friedrich hoffnungsvoll. Zumindest eine gute Nachricht an diesem Tag.„Du kennst deinen Vater, er versucht ein guter Quäker zu sein, aber wenn er die Wahl zwischen dem Wohl seiner Kinder und den Regel der Glaubensgemeinschaft hat, dann würde er nicht eine Sekunde lang überlegen. Außerdem haben wir das Geld auch recht dringend gebraucht, viele Händler aus Philadelphia weigern sich mit uns Geschäfte zu machen24“, bestätigte Louis und malte kleine Kreise auf den Rücken des Jüngeren.„In Germantown bin ich wahrscheinlich das Gespräch der Gemeinde“, vermutete der junge Arzt und blickte zu seinem Onkel auf. „Es wird geredet, aber nicht so wie du denkst.„Wie meinst du das?“„Das Grab deines ältesten Bruders ist unmarkiert25 und in der Gemeinde ist die allgemeine Vermutung, dass du gestorben bist, die Meinungen gehen auseinander, welche Rolle James an deinem Tod hat. Dein Bruder soll daraufhin fortgegangen sein, da er nicht an einem Ort leben konnte, der so voller Erinnerungen an dich ist“. Friedrichs Atem stockte bei den Worten seines Onkels. Ihm wurde schlecht bei dem Gedanken und was auch immer er als letztes gegessen hatte, bahnte sich langsam wieder seinen Weg hinauf.„Es ist besser so“, versuchte Louis zu beschwichtigen, aber nicht einmal in seinen Ohren klang diese Aussage überzeugend und als Friedrich zu lachen begann, ein seltsam freudloses und gezwungenes Lachen, da war ihm bewusst, dass auch er es nicht wirklich glaubte.„Was sagt meine Familie? Was denken meine Geschwister?“, drängte der Jüngere der beiden sobald er sich wieder beruhigt hatte. „Dein Vater spricht über dich als seist du gestorben, wenn er überhaupt von dir redet. Deine Geschwister, die Kleineren verstehen nicht was passiert ist, fragen wo du bist und wann du wieder kommst. Die Älteren … nun ja, ich weiß um ehrlich zu sein nicht, was sie denken. Sie sprechen zumindest nicht schlecht von dir“, antwortete Louis und drückte Friedrich ein letztes Mal an sich. Der junge Mann schloss die Augen und genoss die Umarmung, er versuchte stark zu bleiben, doch etwas in ihm war zerbrochen. Als er Louis erblickt hatte, da war diese absurde Hoffnung in ihm aufgekeimt, dass dieser ihm sagen würde, dass er nach Hause kommen könnte, dass alles wieder gut werden würde. Doch von seinem Onkel nun zu hören, wie seine Familie und besonders sein Vater auf seinen Weggang reagiert hatten, machte jede dieser Hoffnungen zunichte. Für wahr, er hatte Colonel Rall damals nicht angelogen als er meinte, dass er keine Familie mehr hätte.Hinter ihnen rief jemand nach Louis und dieser erklärte, dass er wieder zu seinem Regiment zurück musste. Friedrich rang ihm das Versprechen ab, zu schreiben. Der Gedanke den Kontakt zu seinem Onkel und damit jede Verbindung zu seiner restlichen Familie zu verlieren, war für ihn unerträglich. Louis schien ihm dieses Versprechen nur allzu gerne zu geben.Bevor der Onkel sich zum Gehen wandte, ergriff Friedrich noch einmal seinen Arm und hielt ihn fest. Da war eine Sache, die er noch loswerden wollte. „Ich bin für meine Wundnähte gelobt worden – und wahrscheinlich sollte ich dir dafür danken.“„Ich wusste es! Dabei hast du dich solange dagegen gewährt, es zu lernen“, jubelte Louis und ein Grinsen machte sich auf seinem Gesicht breit. Friedrich konnte nicht anders als ebenfalls zu grinsen. „Ich gebe zu, ich war im Unrecht.“Als Friedrich wenig später in die zum Krankenhaus umfunktionierte Kirche zurückkehrte, waren all seine Kollegen, selbst jene die sonst an anderen Orten im Kamp arbeiteten, dort versammelt. Das laute Quietschen der Türangeln verriet sofort sein Eintreten.„Du bist spät. Wie hieß sie?“, fragte Fisher spöttisch, als er sich zu Friedrich umdrehte.„Er heißt Luis und ist mein Onkel“, entgegnete er kühl und trat näher an die Gruppe von Männern heran.„Schade“, meinte Fisher schulterzuckend und Friedrich merkte wie ihm die Schamesröte ins Gesicht stieg. Bevor es jedoch zu offensichtlich wurde, wie sehr ihn diese Worte beschämten, kam Scot zu seiner Rettung.„Es ist wundervoll, dass du uns an deinen Meinungen teilhaben lässt Fisher, aber ich denke wir haben wichtigere Arbeit zu verrichten, denkst du nicht auch?“Fridrich war inzwischen an den Tisch herangetreten, um den sich die Gruppe versammelt hatte. Das Blut der letzten Amputationen klebte noch daran, es war tief in die Maserung des Holzes eingezogen, um für immer ein Teil von ihm zu werden. Auf dem Tisch jedoch lagen drei Seiten Papier, blütenweiß und nahezu unbefleckt von dem Horror des Krieges. „Der Kontinentalkongress hat uns die Erlaubnis, ja den ausdrücklichen Befehl gegeben alle Soldaten hier im Camp gegen die Pocken zu impfen“, führte Hink aus.Friedrich blinzelte verwirrt. Das waren gute Neuigkeiten, wirklich gute Neuigkeiten. Immerhin hatte das medizinische Department nun offiziell die Erlaubnis für einen Vorgang erhalten, den die meisten Mitglieder als einzige wirkliche Lösung betrachteten … aber eine ganze Armee zu impfen? Der Arbeitsaufwand würde enorm werden. Wie enorm genau stellte Friedrich Stunden später fest, als er in den frühen Morgenstunden des nächsten Tages in der Kirche auf dem Boden kniete und eine ansehnliche Sammlung an Papieren um sich verteilt hatte. Mit einem Teil seiner Aufmerksamkeit immer bei den Patienten, fiel es ihm schwer, sich auf die Dokumente vor ihm zu konzentrieren. Die Schrift verschwamm immer wieder vor seinen müden Augen und er war nicht weit davon entfernt, die Arbeit für heute ruhen zu lassen und in sein provisorisches Nachtlager zu klettern.„Was machst du denn noch hier?“, erklang plötzlich eine Stimme hinter dem jungen Arzt. Friedrich hatte nicht bemerkt, dass jemand eingetreten war und dementsprechend erschrocken fuhr er zusammen.„Ich wusste ja nicht, dass du so schreckhaft bist“, witzelte die Person und endlich erkannte Friedrich seinen Kollegen Doktor Scot, als dieser sich auf eine der Kirchenbänke niederließ.„Darf ich mal sehen?“, fragte der Ältere der beiden Männer und beugte sich vor, um die Papiere vom Boden aufzuheben. Friedrich nickte und reichte ihm einige Seiten. Als er aufstand, um sich neben Scot auf die Bank zu setzten, gab sein Rücken ein lautes Knacken von sich, sobald er sich gegen das Rückenstück der Bank lehnte. Dies bewegte ihn dazu, schmerzerfüllt das Gesicht zu verziehen, was von Scot nur mit einem leisen Lachen quittiert wurde. „Das ist nicht witzig“, presste Friedrich hervor.„Irgendwie schon“, konterte Scot und lachte nur noch etwas herzlicher. „Immerhin bist du gute zwanzig Jahre jünger als ich – und mein Rücken macht nicht solche Geräusche.“Friedrich wusste nicht wieso, aber irgendwie war die gesamte Situation einfach nur lächerlich und da Scot neben ihm immer noch am Lachen war, konnte auch er sich nicht mehr länger zusammenreißen. Die beiden lachten so laut, dass sie wohl einen der Patienten geweckt hatten, denn plötzlich wurde Scot von einem Büschel Stroh mit dem die Matratzen der Kranken ausgestopft wurden, am Hinterkopf getroffen. Friedrich musste sich eine Hand vor den Mund halten, um nicht noch mehr Anwesende zu wecken. Es war unheimlich befreiend so zu lachen, so kindisch und an einem eigentlich gänzlich unpassenden Ort. Die Anwesenheit von Scot trug nur noch weiter zu diesem befreiten Gefühl bei. Er war ein freundlicher und aufmerksamer Mann, den man für den einen oder anderen Unsinn begeistern konnte. Dabei blieb er jedoch immer höflich, machte nie einen Scherz auf Kosten anderer und wusste stets wann eine Situation Ernsthaftigkeit erforderte. So fiel es ihm auch jetzt nicht schwer, sich wieder zu fassen und das Gespräch wieder auf die Dokumente zu lenken.„Haben wir inzwischen die Zahlen bezüglich der Regimentsgrößen, die wir erbeten hatten?“, fragte er daher an Friedrich gewandt, nachdem dieser sich ebenfalls wieder gefasst hatte. „Nein, noch lange nicht. Von den regulären Regimentern haben wir inzwischen zwar die meisten Informationen, aber auch hier fehlt noch viel. Wirklich problematisch sind aber die verschiedenen Milizen, anscheinend weiß so gut wie niemand wie viele Männer hier wann und wo dienen“, erklärte Friedrich und griff nach einem weiteren Stapel Papiere, der auf dem Boden lag. „Ich habe trotzdem mal versucht ein grobes Konzept zu entwerfen. Wir sollten damit rechnen, dass die Männer mindestens drei Wochen benötigen, um sich zu erholen, bei den schlechten Bedingungen und der Lebensmittelknappheit eher vier Wochen. Wir können nicht genau feststellen in welchem Regiment viele bereits geimpft oder auf natürliche Art und Weise immunisiert wurden, aber da wir ja wissen in welchen Staaten die Epidemie am heftigsten wütet, können wir so ja ein paar Rückschlüsse ziehen.“Der junge Mann beobachtete Scot dabei, wie er seine Notizen begutachtete.„Ich habe leider überhaupt nichts verstanden“, gestand der Ältere und gab die Papiere wieder zurück. Friedrich war ernüchtert. Er hatte sich wirklich Mühe gegeben und auch wenn hm bewusst war, dass sein Vorschlag noch viel Arbeit bedurfte, hatte er doch zumindest auf etwas Anerkennung gehofft.„Wenn du deine Notizen auf Englisch gemacht hättest, würde ich wahrscheinlich mehr verstehen“, fügte Scot hinzu, als er den entmutigten Gesichtsausdruck seines Gegenübers sah. Friedrichs Blick fiel auf die Papiere. Mit der flachen Hand schlug er sich gegen die Stirn als er sah, dass Scot Recht hatte. „Tut mir leid, ich war so müde, mir ist nicht einmal aufgefallen, dass ich alles auf Deutsch geschrieben habe“, entschuldigte sich Friedrich und schüttelte den Kopf.„Mach dir deswegen keinen Kopf. Du sitzt fast jede Nacht hier, da ist es kein Wunder dass du so etwas durcheinander bringst. Warum überlässt du nicht einmal jemand anderem die Nachtwache und schläfst eine Nacht durch?“„Ich bin gerne hier.“„Du verbringst gerne die Nacht in einer Kirche, die nach Tod riecht, um fremden Männern beim Sterben zuzusehen? Entschuldige, aber das glaube ich dir irgendwie nicht“, sagte Scot und Friedrich fühlte seinen Blick auf sich ruhen.„Gut, vielleicht ist es übertrieben zu sagen, ich bin gerne hier, aber ich bin lieber hier als in unserer Unterkunft.“„Warum? In der Unterkunft ist es zumindest einigermaßen warm.“„Aber es ist auch so eng, besonders nachts, wenn wir uns auch noch die Betten teilen müssen … mich macht das einfach nervös und dann schlafe ich lieber hier in der Kirche. Das ist für alle besser“, antwortete Friedrich schließlich und knete seine Finger. Sein Kollege sah ihn immer noch mit schräggelegtem Kopf an. Sein Blick verriet, dass er die Geschichte anzweifelte. Friedrich hatte manchmal von seinen Geschwistern erzählt, von der Enge in der sie gelebt hatten, wenn Scot ihm auch nur einmal richtig zugehört hatte, dann wusste er, dass Friedrich ihm eben nicht die volle Wahrheit gesagt hatte. Doch obwohl er zweifelte, blieb der ältere Arzt still – eine der weiteren Eigenschaften, die Friedrich an Scot schätzte, er respektierte die persönlichen Grenzen seiner Mitmenschen, bohrte nicht nach, wenn sein Gegenüber ganz offensichtlich nicht länger über eine Sache sprechen wollte.Stattdessen klopfte er sich nur einfach mit den Händen auf die Schenkel und stand auf. „Lass uns was zum Frühstücken suchen. Ich glaube jemand hat draußen Hartkekse26 gemacht.“Friedrich stöhnte nur und stand ebenfalls auf. „Ich glaube, wenn ich auch nur noch einmal Hartkekse sehe, muss ich mich übergeben.“„Warum sollte es dir besser gehen als jedem anderen?"
----- CHAPTER BREAK -----
1771 - 1772
“I am perfectly of your mind, that measures of great Temper are necessary with the Germans: (…) Those who come hither are generally of the most ignorant Stupid Sort of their own Nation, (…) and as few of the English understand the German Language, and so cannot address them either from the Press or Pulpit, ’tis almost impossible to remove any prejudices they once entertain. (…) Not being used to Liberty, they know not how to make a modest use of it; (…) Few of their children in the Country learn English
Benjamin Franklin an Peter Collinson, 09. Mai 17531 Joséphine wachte auf, als eine Hand sie an der Schulter packte und sanft zu schütteln begann. Ein halbherziger Versuch, sich zur Seite zu drehen und weiterzuschlafen schlug fehl, als eine zweite Hand nach ihr griff. „Phine. Phine, wach auf“, flüsterte eine vertraute Stimme dicht neben ihrem Ohr. Äußert widerwillig schlug das Mädchen letztendlich die Augen auf und konnte die Silhouette ihres Bruders in dem schwach vom Mondschein erleuchteten Zimmer ausmachen. Das Feuer am anderen Ende des Raumes war erloschen und in Folge dessen hatte sich eine unangenehme Kühle in dem Haus breit gemacht.„Was ist?“, flüsterte Joséphine und blinzelte verschlafen.„Ich kann nicht schlafen“, erklärte Friedrich und setzte sich auf die Bettkante. „Kann ich zu euch ins Bett kommen?“Seine Zwillingsschwester verdrehte die Augen, auch wenn sie sich sicher war, dass Friedrich ihre Geste in der Dunkelheit nicht erkennen konnte. Vorsichtig schlug sie die Decke zur Seite und löste sich aus der schraubstockartigen Umarmung ihrer kleinen Schwester Anna, die zu ihrer rechten neben ihr im Bett lag, sodass sie das kleine Mädchen bei sich auf die Brust legen und selber ihren Platz einnehmen konnte.Mit einem dankbaren Lächeln rutschte Friedrich auf das Laken neben Joséphine. „Bekomme ich noch etwas von der Decke?“„Nein“, kam die direkte Antwort als Joséphine die Decke wieder über sich und Anna, sowie über Katarina und die kleine Johanna zog, welche mit ihnen im Bett lagen2. Obwohl sie den äußeren Eindruck wahrte, wusste Friedrich, dass seine Schwester insgeheim schmunzelte, jedoch, vielleicht schmunzelte sie doch nicht und ihr ‚Nein‘ war so ernst gemeint wie beabsichtigt, immerhin hatte er sie zu einer wirklich unchristlichen Stunde ohne jedweden Vorwand geweckt. Joséphine hing an ihrem Schlaf, dringend benötigter Schlaf, wenn man bedenkt, dass sie wahrscheinlich bis vor wenigen Stunden noch unterwegs war.„Haben du und James euch heute wieder getroffen?“, fragte Friedrich daher und versuchte den Unmut in seiner Stimme nicht allzu deutlich zu zeigen. Zu sagen, er hielte wenig von James, wäre eine Untertreibung.Die Augen seiner Zwillingsschwester wurden groß und ein Schimmern hielt in ihrem Blick Einzug. „Ja, wir haben uns am Wasser getroffen und lange miteinander geredet. Er hat mich am Mittwoch sprechen hören3 und es hat ihm gefallen was ich über die Kraft der Familie gesagt habe.“„Das war auch wirklich sehr gut“, pflichtete Friedrich bei und genoss die Nähe und Wärme seiner Schwester. Sie gähnte einmal.„Du musst aufhören dich abends immer mit James zu treffen, wirklich“, flüsterte er.„Warum?“, fragte Joséphine und ihr Bruder erkannte diesen Ton in ihrer Stimme wieder, dieses Unverständnis und Neunmalkluge, das in ihrer Stimme mitschwang.„Es ist ganz und gar nicht schicklich. Wenn euch jemand sieht, besonders Vater, dann ist euer beider Ruf zerstört und du wirst als gefallenes Mädchen4 geächtet werden“, prognostizierte Friedrich und erkämpfte sich nun doch etwas von der Decke.„Wir sind doch vorsichtig, keiner wird uns sehen und außerdem sind James und ich doch fast schon verheiratet“, wandte Joséphine ein und ihre Stimme klang kälter als noch zuvor. Sie liebte diesen Mann, Gott wie sie diesen Mann liebte.„Ich weiß Bescheid und wenn ihr nicht aufhört euch zu treffen, dann werde ich es persönlich Vater sagen.“„Drohst du mir jetzt etwa Friedrich?“, zischte Joséphine, die Stimme gedämpft, um ihre Geschwister nicht zu wecken.„Ich drohe dir nicht, ich versuche nur dich zu beschützen. Vater würde dein Verhalten niemals gut heißen und nur weil James um deine Hand angehalten hat, heißt das noch lange nicht, dass er sie auch bekommt. Vater wirst du vielleicht mit der Zeit von James überzeugen können, aber Mutter kann ihn nicht leiden. Dazu muss noch der Rat5 zustimmen und du weißt wie die meisten der Frauen über James denken. Ein Tunichtgut“, antworte Friedrich, die eigene Stimme nicht weniger firm als Joséphines.Seine Zwillingsschwester hätte sich am liebsten einfach von ihm weg gedreht, aber dazu hatte sie nicht genügend Platz zur Verfügung. Stattdessen schnaubte sie nur gleichgültig. „Ich bin auch bereit James ohne das Einverständnis des Rates zu heiraten“, erklärte das Mädchen kühn.„Du würdest dich für James gegen deine Glaubensgemeinschaft, gegen deine eigene Familie stellen?“, fragte Friedrich erschrocken.„Ja!“Für einen Moment herrschte Schweigen zwischen den beiden Geschwistern.„Ich will mich nicht mit dir streiten“, gab Joséphine schließlich klein bei. „Es ist nur, dass es unheimlich frustrierend ist, wenn keiner von euch das in James sieht, was ich sehe.“Weitere Stille folgte, weil Friedrich nicht recht zu antworten wusste.„Überleg nur, wenn unser kleines Geschwisterchen da ist, dann muss Vater noch ein Kind mehr versorgen ... Da ist es gut, wenn ich ausziehe“, argumentierte das Mädchen mit andächtiger Stimme.Ihr Bruder nickte nur stumm. Seine Schwester war gewiss alles andere als dumm, doch leider war ihr Verstand oftmals ihr eigenes Verderben. Joséphine war schlau, aber gleichzeitig naiv und manchmal auch weltfremd. Dennoch, manchmal hatte Friedrich das Gefühl, ihre grünen Augen würden so viel mehr sehen als seine eigenen.Ebenfalls hatte er mitbekommen, dass sie in den vergangenen Jahren immer zahmer geworden war. Sie war kein Sturm mehr, wenn sie wütend war, sie war höchstens noch eine steife Küstenbrise. Friedrich fragte sich nicht zum ersten Mal, ob James ihr gegenüber einmal eine Bemerkung bezüglich ihres Temperamentes gemacht hatte, aber spätestens seit dem die beiden sich näher gekommen waren, hatte Joséphine gelernt an sich zu halten. Mutter war das ebenfalls aufgefallen und sie hatte ihre älteste Tochter dafür gelobt, dass sie sich nun damenhafter verhielt und ihr keine Schande mehr machte.Die beiden waren irgendwann eingeschlafen, aber für Friedrich wurde es ein traumloser Schlaf. Er hatte das Gefühl, dass in den nächsten Wochen und Monaten Dinge geschehen würden, die sich seiner Kontrolle entziehen würden, Dinge vor denen er seine Familie nicht mehr beschützen könnte. Dieser Gedanke, dieser Kontrollverlust, machte Friedrich Angst. Er rückte ein wenig näher an Joséphine heran, er liebte seine Schwester, Gott, wie sehr er sie liebte, und auch wenn sie gelegentlich stritten, in letzter Zeit leider auch häufiger, gab es für ihn nichts Beruhigenderes als ihren ruhigen Atemzügen im Schlaf zu lauschen. Vielleicht würde ja doch alles gut werden?Die nächsten beiden Tage nahmen ihren gewohnten Lauf. Joséphine half ihrer Mutter viel im Haushalt, noch mehr als sonst, da diese Schwangerschaft ihrer Mutter, die wie die jüngste Schwester ebenfalls Johanna hieß, mehr Mühe bereitete, als all die vorherigen. Auch den jüngeren Geschwistern war aufgefallen, dass ihre Mutter von Monat zu Monat dünner und blasser wurde, aber Joséphine tat ihr Möglichstes, um die Kleinen zu beruhigen, Friedrich fiel auf, wie sie sich dabei selber immer wieder selber beruhigen musste. Er teilte ihre Sorge, fühlte sich jedoch wie ein Außenstehender, Johanna sprach mit ihrer ältesten Tochter über Dinge wie Ehe, Beischlaf, Schwangerschaft und Geburt, das wusste er, weil Joséphine es angedeutet hatte. Es war Johannas Pflicht als Mutter ihre heranwachsenden Töchter auf ihre spätere Rolle vorzubereiten und so war es auch nur natürlich, dass Johanna ihre eigenen Sorgen am ehesten Joséphine anvertraute. Mit Friedrich sprach sie natürlich nie über solche Dinge und daher konnte er immer nur abschätzen, wie es wirklich um seine Mutter stand, wie groß die Gefahr wirklich war, die sie mit jeder neuen Schwangerschaft und Geburt einging – er würde es nie zugeben, aber dieses Gefühl war schrecklich. Wenigstens seine Arbeit lenkte ihn etwas ab, er hatte in letzter Zeit viel Zeit mit seinem Vater Hugo auf den Feldern verbracht. Die Arbeit war hart, aber sie lenkte ihn zumindest ab, denn auch mit seinem Vater, auch wenn dieser sicherlich etwas besser informiert war als Friedrich selber, konnte Friedrich kein offenes Gespräch führen, nicht über solche Themen, die den Frauen vorbehalten waren.Es war drei Tage nach der spät abendlichen Unterhaltung mit Joséphine als Onkel Louis die Familie besuchte. Er lebte ebenfalls in Germantown, sogar in der direkten Nachbarschaft und war nicht nur deshalb ein häufiger Gast. Die letzte Woche war er jedoch beruflich in Philadelphia gewesen und als Friedrich das Portmanteau in den Händen seines Onkels sah, zweifelte er, ob es sich bei dem Besuch wirklich um einen reinen Freundschaftsbesuch handelte.„Onkel Louis, du bist wieder da“, rief Friedrich freudig und erregte damit augenblicklich die Aufmerksamkeit des Älteren.„Das bin ich in der Tat – und es sieht ganz so aus, als ob du bald dorthin aufbrechen musst, wo ich gerade hergekommen bin“, ergänzte Louis und klopfte seinem Neffen auf die Schulter. Dieser war gerade dabei ein Pferd vor einen Wagen zu spannen, der mit mehreren Säcken beladen war um, ganz wie Louis vermutet hatte, nach Philadelphia aufzubrechen.„Ganz recht, wir haben die ersten Felder geerntet und können das Korn nun verkaufen6“, bestätigte Friedrich und tätschelte dem Pferd den Hals. Es war ein schönes Tier, alt, aber schön. Die Gemeinde besaß den Hengst bestimmt schon mindestens so lange wie Friedrich lebte. „Joséphine macht im Hof die Wäsche … falls du sie suchen solltest“, hängte Friedrich an und schmunzelte. „Du kennst mich einfach zu gut“, gestand Louis und zuckte mit den Schultern.„Ich weiß nur einfach, dass du nach jeder Reise schmutzige Wäsche … aber immer noch keine Ehefrau oder eine Magd hast.“„Hätte ich eines von beiden, würde doch auch mein Vorwand wegfallen, euch ständig zu besuchen.“„Oh, ich denke Joséphine freut sich dich zu sehen, auch wenn du ihr keine schmutzige Wäsche mitbringst“, konterte Friedrich und folgte seinem Onkel in den Hof.Die ganze Familie war auf den Beinen. Die jüngsten Geschwister spielten am Boden mit Holzklötzen, die Älteren waren noch immer in der Schule7, Hugo arbeitete auf dem Feld, Johanna saß schon den ganzen Morgen hinter dem Spinnrad8 und Joséphine kniete vor dem Waschzuber. Sobald sie jedoch ihren Onkel sah, sprang sie auf die Füße und fiel ihm praktisch um den Hals, ihre Hände hinterließen feuchte Abdrücke an seinen Schultern. Der ältere Mann musste einen Schritt zurück machen, um von seiner stürmischen Nichte nicht umgestoßen zu werden.Nachdem man die allgemeine Begrüßung hinter sich gebracht hatte, stellte Louis mit einem schuldigen Gesichtsausdruck seine Tasche vor Joséphine ab. „Darf ich dich wohl bitten-“, weiter kam er nicht, bevor das Mädchen die Tasche an sich nahm. „Schon gut, auf die paar Hemden mehr oder weniger kommt es dann auch nicht mehr an. Wo wir gerade dabei sind, Friedrich könntest du wohl zu den Coenens9 gehen und fragen, ob sie noch Wäsche haben. Die gute Frau ist immer noch im Wochenbett und ihr dann etwas zu helfen ist wohl das mindeste, was wir tun können.“ Germantown war nicht nur eine Gemeinde, es war praktisch eine Familie, man half sich auf den Feldern, selbst Geld war kein zu heikles Thema, musste eine Familie größere Investition tätigen, dann konnte sie sich sicher sein, dass einige der Gemeindemitglieder ihnen ein Kredit geben würden.10Die Sonne hatte ihren Zenit bereits erreicht und ihre Strahlen fielen Joséphine auf den Kopf. Ihre Haarfarbe war ein dunkles Rostrot, ein Geschenk ihres Vaters. Die Jungs hatten alle eine ähnliche Haarfarbe, praktisch jede Variation eines dunklen Rots, die man sich vorstellen konnte. Joséphine war das einzige der Mädchen mit roten Haaren, ihre Schwestern hatten allesamt das flachsblonde Haar ihrer Mutter geerbt. Das Licht brachte das dunkle Haar zum Leuchten, als es sich in den Strähnen verfing. Für Friedrich sah Joséphine in diesem Moment nicht weniger majestätisch aus als ein Engel, so wie sie da nur im Mieder11 vor dem Waschzuber kniete, die Arme bis zu den Ellenbogen im Wasser. „Nun geh schon“, scheuchte sie ihn fort, als sie sah wie er sie anstarrte.Der Rest des Tages verging wie im Flug. Die Schulkinder kamen irgendwann gegen Mittag nach Hause und Louis nahm sich die Zeit, mit ihnen im Wald stundenlang Verstecken zu spielen. Joséphine beendete ihre Wäscherei und hängte die Kleidungsstücke im Garten feinsäuberlich auf der Leine auf. Friedrich machte sich einen Spaß, ihr die Holzklammern, die zum Aufhängen benötigte, zu stibitzen. Als der Abend kam und es für Friedrich Zeit wurde nach Philadelphia aufzubrechen12, nahm er dies nicht ohne Wehmut zur Kenntnis. Er liebte diese Stunden mit seiner Familie und verließ die Farm nur äußerst ungerne. Doch als Joséphine im Laufe des Abends ankündigte, dass James ebenfalls zum Essen kommen würde, ja, da war Friedrich doch gar nicht mehr so enttäuscht, denn ein Abend auf dem Kutschbock war wesentlich angenehmer, als ein Abend in James Gesellschaft – seine Schwester hätte mit Sicherheit widersprochen.Doch auch abgesehen davon, ein nicht unwesentlicher Teil von ihm freute sich auf Philadelphia. Die Stadt war einfach so riesig13 und pochend, der große Hafen durch den so viele neue Ideen auf diesen Kontinent gelangten und im Gegensatz dazu die alten Eliten der Stadt. Germantown war nur eine verschlafene kleine Quäker-Gemeinde, aber Philadelphia, das war das wahre Leben.Die Geschäfte verliefen gut, nicht ganz so reibungslos wie Friedrich sich das gewünscht hätte, aber er hatte zwei Tage nach seiner Ankunft alle Angelegenheiten erledigt und saß am frühen Abend wieder auf dem Kutschbock mit noch einigen Meilen holprigen Feldwegen vor sich. Germantown kam erst in Sichtweite, als die Sonne schon untergegangen war. Die Nacht war sternenklar, keine Wolke bedeckte den Himmel. Vielleicht saß sein kleiner Bruder, der wie der Vater ebenfalls Hugo hieß, wieder im Hof und beobachtete die Sterne.Doch bei seiner Ankunft waren Garten und Hof leer und eine unnatürliche Stille lag über dem Anwesen. Es war noch nicht so spät, als dass er bei seinem Eintreten in das Haus nicht noch erwartetet hätte, die fröhlichen Stimmen seiner Geschwister zu hören – doch da waren keine Stimmen.Mit einem unguten Gefühl in der Magengegend trat er in die Küche, die gleichzeitig auch Aufenthaltsraum war, ein. Das Feuer im Herd loderte noch und in dem flackernden Licht konnte er seine Schwester auf einer der Bank am Tisch sitzen sehen. In ihren Armen hielt sie ein Bündel aus Decken. Beim Nähertreten erkannte er, dass sie doch tatsächlich ein kleines Kind in den Armen hielt. Sein Geschwisterchen musste in seiner Abwesenheit geboren worden sein. Sein Herz hüpfte vor Freude.„Phine“, flüsterte er mit einem breiten Lächeln auf seinem Gesicht, um die Aufmerksamkeit seines Zwillings zu erlangen. Durch seine Worte erst auf seine Anwesenheit aufmerksam geworden, fuhr ihr Kopf hoch. Das schwache Licht des Herdes brachte die Tränenspuren auf ihren Wangen zum Glänzen. „Phine, Phine was ist passiert?“, fragte Friedrich, das Grinsen war von seinem Gesicht verschwunden und in seiner Stimme lag ein Drängen. Seine Schwester wich seinem Blick aus und sah wieder auf das Kind in ihren Armen hinab. „Dein kleiner Bruder, Friedrich. Sein Name ist Maximilien“, flüsterte sie und streckte ihm das Bündel entgegen. Zwei grün-blaue Augen starrten ihn aus dem Kindergesicht an und eine kleine Hand griff nach der Luft.„Wo ist Père?“, drängte Friedrich weiter und schenkte seinem neugeborenen Bruder nunmehr kaum Aufmerksamkeit.„Im Schlafzimmer bei Mère und Onkel Louis ist auch bei ihr.“„Phine, warum haben sie dich rausgeschickt, aber Père und Louis durften reinkommen14?“Friedrich bekam keine Antwort, stattdessen fing seine Schwester einfach nur bitterlich an zu weinen. Ihr Schweigen war Antwort genug. Der leere Blick seines Vaters und die Tränen seines Onkels waren Antwort genug, als die beiden aus dem Schlafzimmer traten. Die Beerdigung fand einige Tage später statt. Es gab keine besondere Kleidung, Gesänge oder Liturgien, die Trauerprozession ging nicht bedacht langsam – Quäker trauerten nun Mal anders, als andere religiöse Gruppen15.Die Vertrautheit des Rituals sollte Friedrich eigentlich Trost spenden, aber das tat es nicht. Alles was er tun konnte, war irgendwie zu versuchen, ruhig zu bleiben. Seine Hände waren zu Fäusten geballt und zitterten vor unterdrücktem Zorn. Er konnte nicht einmal sagen auf wen oder was er so wütend war. Suchend wanderte sein Blick immer wieder herüber zu Joséphine. Sie stand zusammen mit den anderen Frauen etwas Abseits. Maximilien hatte sie auf dem Arm und die anderen Geschwister standen ebenfalls dicht an sie gedrängt. Einige hatten ihre kleinen Hände und Gesichter in dem Stoff der Röcke ihrer großen Schwester vergraben. Joséphine fuhr jedem einzelnen immer wieder beruhigend über den Kopf, aber trotz dieser zärtlichen Gesten drückte ihr Gesicht denselben Zorn aus, den auch Friedrich spürte. Gerne hätte der eine Zwilling den anderen jetzt umarmt, aber ihnen blieb nichts anderes übrig, als sich lange Blicke zu zuwerfen.Joséphine selbst wollte nach der Zeremonie nur noch nach Hause, sie wollte die Tür hinter sich schließen und sich damit den Augen der Gemeinde entziehen. Es zerrte momentan einfach so viel an ihr, die Trauer um ihre Mutter, die neue Verantwortung in der Familie und dann die Sorge um ihren Vater, der mit dem Tod seiner Frau nicht im Geringsten fertig zu werden schien.Doch bevor sie zu dem Rest ihrer Familie aufschließen konnte, wurde sie von einer Hand an ihrem Arm zurückgehalten. Als sie sich umdrehte blickte sie James ins Gesicht. Gemischte Gefühle machten sich in ihrem Inneren breit, einerseits war sie sehr froh ihn zu sehen, auf der anderen Seite fühlte sie sich von ihm enttäuscht. Er war nach dem Tod ihrer Mutter nicht gekommen, um sie zu trösten oder um der Familie seine Hilfe anzubieten, wie so viele andere es getan hatten.„Es tut mir sehr leid“, flüsterte er ihr ins Ohr und zog sie näher an sich heran. Sie genoss den Geruch seiner Seife und die Wärme seiner Haut. Vielleicht waren sie sich in diesem Moment ein Wenig zu nahe, um es als absolut schicklich zu betrachten, aber das war Joséphine in diesem Moment auch egal.„Ich habe dich vermisst“, flüsterte sie zurück und versucht dabei nicht anklagend zu klingen.„Ich weiß, aber ich hatte einfach sehr viel zu tun.“„Wichtigeres als bei mir zu sein?“„Nichts ist wichtiger als bei dir zu sein und wenn wir bald geheiratet haben, dann verspreche ich dir, immer bei dir zu sein.“Joséphine machte einen Schritt zurück und löste damit die Nähe zwischen ihnen auf. „Unsere Heirat wird nun noch warten müssen“, erklärte sie und verlagerte Maximiliens Gewicht von dem einen Arm auf den anderen. Der Säugling schlief friedlich an ihrer Brust. Er war einer der Gründe, warum ihre Hochzeit noch warten müssen würde, doch leider schien James das ganz anders zu sehen.„Was heißt das, wir müssen noch warten? Ich will dich jetzt heiraten Joséphine“, proklamierte James dann auch sogleich und seine Stimme war nicht mehr ganz so ruhig wie zuvor. „Versteh doch bitte, meine Familie braucht mich jetzt. Ich bin die älteste Tochter, an mir liegt es nun die Mutterrolle zu übernehmen. Ich kann jetzt nicht heiraten und ausziehen“, erklärte sie und sah zu James auf. „Ich dachte ich würde dir mehr bedeuten, Joséphine“, entgegnete er. Spätestens in diesem Moment hätte der jungen Frau etwas bewusst werden müssen – aber das tat es nicht. Sie war zu erschöpft, um bei seinen Worten stutzig zu werden und sie liebte ihn zu sehr, um irgendwelche bösen Absichten zu erahnen.„Du bedeutest einfach alles für mich, James und das weißt du auch. Aber meine Familie braucht mich nun dringend.“„Ich brauche dich Joséphine, ich kann ohne dich nicht leben. Ich will mehr als mich jeden Abend mit dir zum See schleichen zu müssen. Möchtest du nicht auch mehr? Möchtest du nicht auch immer an meiner Seite sein können und unsere Kinder im Garten spielen sehen?“Natürlich wollte sie das, das alles und noch so viel mehr. Sie war begierig darauf, dass erste Mal mit James zu schlafen16, auch wenn sie das natürlich nicht zugeben konnte. Trotz des Tods ihrer Mutter im Kindbett, konnte sie es kaum erwarten, selber Mutter zu werden, ein anderes Leben in sich zu tragen.„Du kannst mich doch auch heiraten und trotzdem für deine Familie da sein, das ist überhaupt kein Problem. Wenn einer das kann, dann bist du das, das weiß ich. Du bist überwältigend“, verkündete James und zog Joséphine wieder etwas näher an sich heran. Die junge Frau badete in seinen Worten, es war schön zu hören was für ein Vertrauen er in sie hatte und mit seinem Vertrauen stieg auch ihr eigenes Vertrauen. Warum konnte sie denn eigentlich nicht heiraten und sich um ihre Familie kümmern. Es würde viel Arbeit werden, sich um zwei Haushalte zu kümmern, das war sicher, aber das hieß nicht, dass es nicht machbar war.Friedrich beobachtete das Gespräch aus der Ferne, seine Wut war immer noch nicht verflogen. Das Paar stand zu weit von ihm entfernt, als dass er ihr Gespräch hätte hören können, aber Joséphine vertraute ihm den Inhalt einige Abende später an. Die Wut in seinem Inneren, die sich in den vergangenen Tagen etwas zu legen begonnen hatte, flammte erneut auf. Dieses Mal war es auch nicht nur das vage Gefühl von Wut, stattdessen war es ein Zorn mit klarem Ziel. Er war wütend auf Joséphine, dass sie trotz ihres gemeinsamen Verlustes so schnell die Familie verlassen wollte und er war wütend auf James, der seine Schwester dazu gebracht hatte, seinem Drängen nachzugeben. Er war wütend auf seinen Vater, der den beiden seinen Segen gab - zugegeben Vater hätte in seinem jetzigen Zustand alles und jedem seinen Segen gegeben - und auf das Komitee17, das ebenfalls zustimmte. Friedrichs Wut war nicht einmal verflogen, als er sah wie James und Joséphine sich bei der Hand nahmen und vor der Versammlung ihre Versprechen ablegten18. Er wusste selbst wie unglaublich falsch diese Wut in seinem Herzen war, wie fehlgeleitet und böse, aber er konnte nicht anders. Joséphine und er waren unzertrennlich, seit dem Tag ihrer Geburt waren sie nie mehr als ein paar Tage getrennt gewesen. Gerade jetzt, gerade jetzt in dieser schweren Zeit brauchte Friedrich seine Schwester so unglaublich dringend und ihre Hochzeit fühlte sich wie ein Verrat an, die gratulierenden Menschen um ihn herum fühlten sich wie Mitverschwörer an. Nicht, dass er Joséphine kein Glück gönnte, im Gegenteil, er gönnte ihr jedes Glück dieser Welt, aber war es so falsch, sich auch ein wenig Glück für sich selbst zu wünschen?Friedrich bekam Joséphine in den folgenden Wochen immer seltener zu Gesicht. Sie kam ihren Pflichten nach, ihrer Pflicht gegenüber ihrer Familie und gegenüber James – letzteres war jedoch eine private Sache zwischen zwei Frischverheirateten, dass konnte man nicht bestreiten. Doch im Kreise ihrer Familie war sie trotzdem nicht häufig. Die meiste Zeit verbrachte sie in dem Haus ihres Ehemannes und so verlor sein Elternhaus für Friedrich seinen Klang. Sein Vater konnte mit dem Verlust nicht umgehen, lebte von Tag zu Tag, seine Mutter saß nicht mehr hinter ihrem Spinnrad und summte deutsche Kinderreime, das unterdrückte Lachen seiner Schwester erklang nicht mehr zu später Stunde aus dem Schlafzimmer der Mädchen und nicht einmal sein kleiner Bruder Maximilien amüsierte mit seinem wirren Gebrabbel. Joséphine hatte den Säugling mit zu sich und James genommen, sodass sie sich besser um ihn kümmern konnte. Vater war es egal gewesen, er hatte seinen Sohn nach dem Tod seiner Frau kein einziges Mal richtig angesehen. Friedrich aber vermisste das kleine Kind, war es doch das Vermächtnis seiner Mutter.Ein regelmäßiges Treffen zwischen den Zwillingen war nun nur noch die sonntägliche Zeremonie im Gemeindehaus. Doch selbst hier schienen die beiden sich irgendwie fremd zu sein. Joséphine kam jedes Mal auf ihn zu, lächelte und es fühlte sich fast so an, als ob nichts geschehen wäre. Doch da war noch immer diese stumme Wut in Friedrichs Innerem, die ihn dazu bewegte sich seiner Schwester zu entziehen. Er sah den Schmerz in den Joséphines Augen und fühlte sich schuldig, aber er hatte auch keine Kraft sich anders zu verhalten.Es dauerte Monate bis die Wut endlich verflog, bis er endlich seinen Frieden mit der Welt machen konnte. Joséphine sah er zu diesem Zeitpunkt auch wieder regelmäßig, ein Umstand der, man sollte es kaum glauben, James geschuldet war. Dieser hatte Friedrich angeboten ihm auf den Feldern zu helfen, da der Vater noch immer mit seiner Trauer beschäftigt war und daher wenig zur Unterstützung beitrug. Friedrich hatte äußerst widerwillig angenommen, aber er brauchte diese Hilfe dringend. Mit den gemeinsamen Stunden harter Arbeit unter Pennsylvanias heißer Sonne entwickelte sich dann jedoch tatsächlich so etwas wie eine Freundschaft zwischen Friedrich und James. Er und Joséphine blieben häufig zum Abendessen und so kam man ins Gespräch. Friedrich hatte James für einen Hitzkopf gehalten, der die revolutionären Gedanken vieler anderer Neuengländer bedingungslos teilte, aber sein Schwager überraschte ihn mit teilweise recht tiefsinnigen Gedanken über Maßnahmen und die so hervorgerufenen Reaktionen. James erzählte manchmal derbe Witze und so sehr es Friedrich auch erschrak … irgendwie fand er sie witzig. Generell erschien James ihm von Mal zu Mal sympathischer und schließlich war er an einen Punkt angelangt, an dem er sich nicht mehr erinnern konnte, warum er nur gegen diese Verbindung gewesen war.Besonders Joséphine schien über diesen Umstand sehr erfreut zu sein und mit ihrer Anwesenheit kehrte auch dieser Klang wieder in das Haus zurück. Es war nicht wie vor dem Tod der Mutter, das würde es auch nie wieder werden, aber eine gewisse Normalität schlich sich wieder ein. Das einzige was diese Normalität trübte, waren die dunklen Schatten die Friedrich auf Joséphines Armen bemerkte. Dunkle Schatten von wütenden Händen. Er versuchte sich einzureden, dass er sich diese Schatten nur einbildete, er wollte nicht wahr haben, was das für seine Schwester bedeutete. Sie selber blieb still, zog nur die Ärmel weiter herunter, wann immer sie Friedrichs Blicke auf ihrer Haut fühlte. Sie machte es ihm so leicht sich einzureden, dass diese Schatten nichts bedeuteten und wenn Friedrich sah wie liebevoll James mit seiner Schwester umging, wie verliebt sie sich ansahen, dann glaubte er auch wirklich daran. Meistens ist es schwerer an etwas zu glauben, als etwas zu wissen, aber in Friedrichs Situation war es leichter an etwas zu glauben, als etwas zu wissen.Denn was Friedrich wusste, war, dass wenn er diese Schatten ansprechen würde, jede Normalität wieder ausziehen würde. Alles was er und Joséphine sich in den vergangenen Monaten aufgebaut hatten, alles was sie wieder zusammengesetzt hatten, würde darunter leiden. Also war es nicht unverständlich, dass der junge Mann die Wahrheit lange ruhen ließ, dass er zuließ, wie die Worte, die es brauchte sich unter den dunklen Flecken versteckten. Er ließ es zu, dass die Schatten dunkler wurden und sich zu überlappen begannen, ganz so als ob sie übereinander stolpern würden.Doch mit der Zeit wurde es ihm unmöglich wegzusehen und als er an einem Nachmittag James im Hof der Farm am Arm packte, um mit ihm dieses Gespräch zu führen, da hoffte er Joséphine würde ihn nicht hören. Doch als die beiden begannen zu sprechen, begannen wütende Worte zu wechseln, da stand die junge Frau gleich neben der angelehnten Tür zum Hof. Die Hand auf dem Türknauf zog sie zurück, sie wollte nicht wirklich hören was James und Friedrich da besprachen, dennoch blieb sie dort an der Tür und lauschte. Es hatte am Vormittag geregnet, die Luft war gewaschen worden und roch nun herrlich frisch, die schweren grauen Wolken hatten sich entladen und waren weitergezogen. Die Natur war wieder bereit für neue Spannungen.„Glaube nicht, dass ich es nicht sehe, James.“Mit diesen Worten begann es, wütende Worte und Anschuldigungen sprangen beiden Männern von den Lippen und Joséphine wurde schon bei Zuhören schlecht. Ihre Mutter würde sich im Grabe umdrehen, wenn sie ihren Sohn so sprechen hören müsste.Es waren nicht Friedrichs Worte an sich, die so einschüchtern klangen, es war der Ton in seiner Stimme, der bei jeder Silbe mitschwang und selbst Joséphine einen Schauer über den Rücken jagte. Friedrich gehört zu den Menschen die laut wurden, wenn sie wütend waren, aber in dem Moment war seine Stimme wenig mehr als ein dunkles Beben. Da war mehr als Wut in seiner Stimme, da war auch eine Entschlossenheit, eine Hingebung, die keinen Zweifel an seinen Worten ließ. Joséphine kannte James zu gut, um zu wissen dass er solche Anschuldigungen nicht auf sich beruhen lassen würde. Bevor der Streit zwischen den beiden eskalieren und gar noch handgreiflich werden konnte, stieß sie also die Tür auf und verkündete, dass das Essen fertig sei. Beide drehten augenblicklich den Kopf zu ihr, in ihren Augen lagen schuldige Blicke, wie die von zwei Kindern, die man bei einem dummen Jungenstreich ertappt hatte. Joséphine tat so, als hätte sie das vorherige Gespräch nicht gehört.Doch während des ganzen Abendessens war sie nicht wirklich bei der Sache, nicht nur, weil sie sich darum kümmern musste, dass ihre Geschwister aßen – was besonders bei den Jüngeren bedeutete, dass Joséphine sie praktisch füttern musste, auch ging ihr das belauschte Gespräch nicht mehr aus dem Kopf. Wie kam Friedrich auf die Idee, sie beschützen zu müssen? Zweifelslos war es ein gutgemeinter Gedanke voller brüderlicher Führsorge, aber er war auch ganz und gar unberechtigt. Sie konnte und wollte nicht abstreiten, dass James manchmal wütend wurde, aber wer wurde das nicht. Vater war auch manchmal wütend und Friedrich war nie auf die Idee gekommen, seine Mutter vor ihm beschützen zu müssen.Gedankenverloren umkreisten ihre Finger einige der Verfärbungen auf ihrem Arm. Ihr war nicht entgangen wie misstrauisch Friedrich diese Flecken immer anstarrte, für ihn musste es schlimmer aussehen, als es wirklich war. Denn in Wirklichkeit war es nichts, ein zu kräftiger Griff von James, ein Tropfen seines Temperaments der auf ihre Arme, ihre Brust und ihren Hals gefallen war. Joséphine hatte sich schon immer einen Mann mit etwas Temperament gewünscht und mehr als ein heißes Temperament war es nicht, dass versicherte James ihr immer wieder. Er sagte ihr immer wieder, wie sehr er sie liebte und dass es ihm aufrichtig leid tat.Am Anfang hatte sie sich erschrocken, das musste sie zugeben, aber sie hatte mittlerweile begriffen, dass sie auch nicht ganz unschuldig an dem Aufflammen seines Temperaments war, sie hatte viel zu wenig Zeit für ihn, war zu sehr mit den beiden Haushalten beschäftigt. Da war es doch nur natürlich, dass James manchmal wütend wurde, oder?James drängte sie sofort nach dem Essen wieder zu ihrem eigenen Heim aufzubrechen. Von dem Gespräch wissend, dass ihr Ehemann mit ihrem Bruder geführt hatte, wunderte Joséphine dieses Verhalten nicht, um ehrlich zu sein, hatte sie erwartet noch vor dem Essen aufzubrechen. Was sie allerdings verwunderte, war Friedrichs Ankündigung, als sie schon fast aus der Tür hinaus war.„Maximilien wird von jetzt an wieder hier leben“, sagte er und lehnte sich, bewusst locker, gegen die Tür. Joséphine runzelte verwirrt die Stirn und drückte den Säugling instinktiv nur noch fester an die Brust. „Was soll das?“, fragte sie wenig eloquent und schob den Unterkiefer vor. Ihr Zwilling kannte diese Bewegung – Joséphines Starrsinn begann sich zu regen.„Ich möchte einfach, dass er hier bei uns lebt, schlicht und einfach“, konterte Friedrich und imitierte, ohne es zu bemerken, Joséphines Mimik.„Friedrich, sei vernünftig, wer soll sich um ihn kümmern?„Johanna“„Unsere kleine Schwester Johanna ist doch selbst noch ein Kind. Ich verstehen nicht, warum du plötzlich darauf beharrst?“„Während Père unpässlich ist, bin ich das Oberhaupt der Familie und als solches möchte ich nun mal meine Familie vereint sehen“, schnappte Friedrich und richtete sich dabei eher an James, denn an seine Schwester.„Gut, dann nimm ihn – pass auf mit seinem Köpfchen! Hanni muss ihn wahrscheinlich zweimal nachts füttern, aber wenn er satt ist, schläft er recht gut durch. Es sei denn das Fieber kommt wieder, er hat die letzte Woche ein wenig Fieber gehabt“, Joséphines Stimme war wenig mehr als ein Flüstern, als sie Friedrich ihren Bruder in den Arm legte. Der junge Mann konnte sehen wie feucht ihre Augen geworden waren und es tat ihm unendlich leid, seine Schwester so verletzt zu sehen. Es war eine Machtdemonstration gegenüber James, eine Fortführung ihres Streits, und Joséphine war diejenige die darunter zu leiden hatte.James schlug die Tür zu, als sie in das Haus auf ihrem Hof eintraten. Er tobte, denn er hatte, ebenso wie Joséphine, Friedrichs Vorhaben durschaut. Doch aus irgendeinem Grund schien er unter dem Eindruck zu stehen, dass alles Joséphines Schuld war – und das drückte er ihr gegenüber auch sehr schnell sehr deutlich aus. Die junge Frau hatte an diesem Abend das erste Mal wirklich Angst vor ihrem Ehemann und seiner Wut. Zuvor konnte sie es immer als ein hitziges Temperament oder ein Fehler ihrerseits abtun, aber dieses Mal konnte sie doch wirklich nichts dafür. Eigentlich hatte Joséphine noch eine Überraschung für James gehabt, aber als sie endlich nebeneinander im Bett lagen, da war ihr nicht mehr danach auch nur ein einziges Wort mit ihrem Ehemann zu wechseln.Friedrich begann schon kurze Zeit später daran zu zweifeln, dass es das wert gewesen ist. Joséphine sah er praktisch gar nicht mehr, nicht einmal die Zeremonien am Sonntag waren mehr regelmäßige Treffen für die Zwillinge, denn seine Schwester fiel immer häufiger durch Abwesenheit auf. Das sie nie freiwillig einer Zeremonie fernbleiben würde, war den meisten Gemeindemitgliedern bewusst. Es war fast schon komisch, wie wenig Kontakt zwei Geschwister in einem kleinen Dorf wie Germantown haben konnten. Aber wenn sie sich dann doch einmal sahen, entging Friedrich nicht der schmerzliche Ausdruck in den Augen seiner Schwester. Immerhin hatten die Schatten auf ihren Armen begonnen zu verblassen und allein dieser Umstand wog James Verhalten, das er von nun an gegenüber Friedrich und den Rest der Familie an den Tag legte, vollkommen wieder auf. Dennoch sehnte sich Friedrich nach seiner Schwester, nach ein paar gewechselten Worten, einer Umarmung. Gelegenheit dafür bot das Erntedankfest – nun gut ein Fest konnte man es nicht nennen, dafür waren die Einwohner Germantowns zu sehr den Lehren des Quäkertums nach einem einfachen Lebens verschrieben.Es war ein herrlicher Herbstnachmittag. Die Blätter der Bäume waren bereits verfärbt, aber noch nicht zu Boden gefallen. Die Luft hatte sich, gerade in den letzten Wochen, merklich abgekühlt und die Winde, die durch das trockene Blattwerk fuhren, waren mittlerweile sehr frisch. Auf den Feldern blickten nur noch kurze, stoppelige Halme empor und die letzten Früchte wurden von den Bäumen geerntet. Germantown wartete mit einer Idylle aber gleichzeitig auch mit einer Geschäftigkeit auf, die Friedrich jedes Mal aufs Neue beruhigte. War das vergangene Jahr auch sorgenvoll gewesen, den heutigen Tag würde das nicht verderben. Zu seinem Glück konnte er auch recht schnell Joséphine in der Menge ausmachen, sie stand zusammen mit einigen anderen Frauen in der Nähe des Schulgebäudes und in Gedanken war Friedrich schon halb bei ihr, da packte ihn eine Hand an der Schulter und drehte ihn herum.„Onkel Louis? Du hast doch gesagt, du würdest es nicht rechtzeitig schaffen“, wunderte sich der junge Mann und blickte seinen Onkel erwartungsvoll an. Dieser schüttelte nur kurz den Kopf. „Nein. Ja. Kann ich wohl einen Moment alleine mit dir sprechen?“In Friedrichs Magen machte sich ein ungutes Gefühl breit. Louis hatte in diesem vergangenen Jahr viel Verantwortung für die Familie seines Bruders übernommen und diese Verantwortung hatte an ihm gezerrt, hatte ihm den Zauber aus den Augen genommen. Jetzt von ihm zu einem vertraulichen Gespräch gebeten zu werden, machte dem jungen Mann irgendwie Angst, aber trotzdem nickte er und folgte seinem Onkel auf die andere Seite des Schulgebäudes, dort wo sie in Abgeschiedenheit sprechen konnten.„Worüber möchtest du reden?“, fragte Friedrich und zwang seine Stimme zu einem angemessenen Ton. Statt einer Antwort überreichte Louis ihm ein Stück Papier und beobachtete seinen Neffen dabei, wie er dessen Inhalt las, und dann noch einmal und noch einmal las. Der Inhalt ergab für den jungen Mann keinen Sinn.„Was heißt das?“, fragte er daher auch und wollte seinem Onkel das Schreiben zurückgeben, aber dieser Verweigerte die Annahme. „Ich möchte, dass du nach Philadelphia zum Studieren gehst. Deine Mutter hätte es so gewollt“, erklärte er.Friedrich starrte immer noch auf das Papier in seinen Händen. Dessen Inhalt war ihm schon bewusst, immerhin prangte das Wort ‚Zulassungsbescheinigung‘ über dem Dokument, aber das bedeutete noch nicht, dass er es verstand.„Wie konntest du-“„Das tut nichts zur Sache Friedrich, ich hatte noch ein paar Gefallen offen, die ich einfordern konnte, aber wie schon gesagt, das muss dich nicht kümmern.“„Ich kann aber nicht gehen!“, protestierte der junge Mann und erntete dafür verständnislose Blicke seines Onkels. „Wieso nicht Friedrich? Weißt du eigentlich, welche Mühen es mich gekostet hat, dir diesen Studienplatz zu sichern. Ich werde mich hier um die Farm kümmern, mach dir deswegen keine Sorgen.“Friedrich verzog den Mund zu einer schmalen Linie, er wollte nicht einmal wissen, welche Mühen es seinen Onkel gekostet hatte, denn dann hätte er ein noch schlechteres Gewissen, diese Gelegenheit so gradeheraus auszuschlagen. „Es ist nicht wegen der Farm, nicht nur zumindest, es ist vor allem wegen Joséphine. Sie braucht mich, da kann ich jetzt nicht einfach nach Philadelphia gehen“, erklärte der junge Mann und kaute gedankenverloren auf der Innenseite seiner Lippe. Louis beobachtete seinen Neffen einen Moment, er war noch so jung und trug dennoch schon so viel Verantwortung. Obwohl er Verständnis für Friedrichs Sorgen hatte, war ihm auch bewusst, dass es in dieser Sache wenig auszurichten gab.„Friedrich sieh, wir haben darüber schon häufiger geredet und du weißt, dass es mich ebenso schmerzt, Joséphine in dieser Ehe zu sehen, aber das ist nun mal ihre Ehe. Wir beide haben uns nicht in die Belange von ihr und James einzumischen.“„Ich habe mit James gesprochen“, sagte Friedrich.„Worüber, über Joséphine?“„Ja, auch. Ich habe ihm gesagt, dass wenn er sie noch einmal anfasst … nun ich möchte eigentlich nicht noch einmal wiederholen müssen, was ich ihm gegenüber geäußert habe, aber ich denke, ich habe meinen Standpunkt deutlich vertreten.“Louis lachte trocken. „Ist das der Grund warum James dich nur noch ansieht, als ob er dir am liebsten an den Hals möchte?“Friedrich nickte nur stumm und legte den Kopf in den Nacken. Über ihm zogen die Wolken in geordneten Bahnen über den stahlblauen Himmel.„Hör zu Friedrich, ich möchte Joséphine doch auch glücklich sehen, aber wir können uns da nicht einmischen, auch du nicht. Deine Schwester weiß so gut wie jeder andere hier, dass es nicht Gottes Wille ist, dass ein Mann seine Frau so unterwirft und wenn James sie nicht gut genug behandelt, dann soll sie sich an die Gemeinde wenden, ein ‚Clearness committee‘ einberufen oder bei einem der Womens Meetings vorsprechen. Solange sie nichts unternimmt, können wir nichts machen und du vor allem musst in die Zukunft blicken, du bist noch jung, nutze diese Möglichkeit, die sich dir bietet“, meinte Louis eindringlich und drückte die Hand in der Friedrich noch immer das Schriftstück hielt.Spätestens als er versuchte mit seinen jüngeren Geschwistern einen selbstgebastelten Drachen steigen zu lassen und dieser sich letztendlich in den Ästen eines Baumes verfing, merkte Friedrich, dass er sich seit dem Gespräch mit Louis auf nichts anderes mehr konzentrieren konnte – obwohl es ihm lieber gewesen wäre, die Schuld auf den Drachen zu schieben, wahrscheinlich war es eine Mischung aus beidem. Das gefaltete Schreiben lag in seiner Tasche und seine Gedanken wanderten immer wieder dorthin. Die Zukunft, die dieses Stück Papier bot, raubte ihm praktisch den Atmen. Welcher Farmersjunge hatte denn schon die Möglichkeit zu studieren und Arzt zu werden. Doch genauso atemberaubend war auch der Preis, den er zahlen müsste. Er könnte vielleicht an einigen Wochenenden zurück nach Germantown kommen, aber praktisch würde er für die nächsten vier Jahre, vorausgesetzt er schaffte es die Regelstudienzeit einzuhalten, von seiner Familie, seinen Geschwistern getrennt sein. Sein Vater müsste die Arbeit auf dem Hof alleine stemmen und Joséphine wäre alleine mit James. Das konnte er doch nicht geschehen lassen, nicht einmal für solch eine Zukunftsperspektive, oder?„Helfe mir hoch und ich befreie den Drachen dann aus den Ästen“, vernahm er plötzlich die Stimme Joséphines hinter sich. Aus seinen Gedanken gerissen fuhr er herum, um sie anzusehen. Einige der jüngsten Mitglieder der Gemeinde hatten Kränze aus Wildblumen für die jungen Frauen geflochten und Joséphines Haupt wurde noch immer von ihrem Kranz geziert. Sie sah in diesem Augenblick so anmutig, so unbeschwert aus, dass Friedrich über ihren Anblick ihre Worte ganz vergessen hatte.„Ich denke, das mache ich lieber selber“, meinte er dann, als er sich wieder besonnen hatte.„Ich konnte schon immer besser klettern als du“, warf sein Zwilling ein.„Das glaube ich kaum, Schwesterherz“, konterte Friedrich und griff nach einem der unteren Äste, um sich daran hochzuziehen – nach drei gescheiterten Anläufen gab er schließlich auf und erlaubte Joséphine auf seine Schultern zusteigen. Den beiden war schon immer alles besser gelungen, wenn sie Hand in Hand gearbeitet hatten.Mit beiden Füßen wieder sicher auf dem Boden, rückte Joséphine ihren Kranz wieder zurecht und ließ sich unter dem Baum in das hohe Gras sinken, den Rücken gegen den Stamm gelehnt. Während sie den Drachen fein säuberlich zur Seite legte, bedeutete sie mit einer Geste, dass Friedrich sich zu ihr setzen sollte.„Ich kann mir nicht anders helfen, als wütend auf dich zu sein und diese Wut beschwört in meinem Herzen einen lächerlichen Zwist zwischen Liebe und Wut herauf und da das erste niemals nachgeben wird, musst du aufhören, so töricht zu sein, damit ich nicht mehr wütend sein muss“, eröffnete Joséphine und fuhr sogleich fort. „Mein kleiner Bruder wird Arzt und ich scheine die Letzte zu sein, die davon erfährt.“„Lass diese Spielchen, Phine, ich bin nicht dein kleiner Bruder, uns trennen gerade einmal wenige Minuten.“„Wenige Minuten, die mir zum Vorteil gereicht werden. Aber du wechselst das Thema, Onkel Louis hat gesagt du wolltest den Platz nicht annehmen.“Friedrich biss sich auf die Unterlippe. Joséphine durfte auf keinen Fall von seinen wahren Beweggründen erfahren. „Nein, ich denke ich werde ihn nicht annehmen. Die Quäkerschule hat uns zwar in eine bessere Position gebracht, als viele andere Farmerskinder, aber ich denke nicht, dass ich mit meiner bisherigen Ausbildung ein Studium absolvieren kann“, log er.„Friedrich, sei ehrlich mit mir. Ich habe dein Gespräch, deinen Streit, mit James damals mitangehört. Ich weiß, dass du denkst, du müsstest mich beschützen, aber das ist falsch. James ist ein guter Ehemann.“„Und was ist das?“, brach es aus Friedrich hervor, als er den Arm seiner Schwester packte und seine Finger neben die verblassenden Schatten legte. „Ein guter Ehemann würde so etwas seiner Frau nie antuen, niemals.“„Diese Male sind bereits alt“, antwortete Joséphine mit belegter Stimme und befreite ihren Arm. „Er ist sanfter geworden und nein, es lag nicht an diesem unsäglichen Gespräch, das ihr hattet. Es liegt daran, dass ich schwanger bin.“Friedrich war sich mehr oder weniger sicher, dass er seine Schwester einen Moment lang mit einem selten dümmlichen Gesichtsausdruck ansah. Was sie sagte war nur natürlich, immerhin war sie bereits ein Jahr lang mit James verheiratet, aber dennoch schien sein Bewusstsein diese neue Information noch nicht ganz verarbeitet zu haben.„Warte, hast du gerade gesagt das du-“„Dass ich schwanger bin, ja habe ich“, lachte Joséphine und drückte eine Hand gegen ihren, noch, flachen Bauch. Friedrichs Gedanken drehten sich, Joséphine schien über ihren Zustand vollkommen erfreut zu sein, keine Spur von Unsicherheit, dabei könnte sich ihr Zwilling selber nicht einmal im Traum vorstellen, jetzt schon Vater zu werden. Ein warmes Gefühl breitete sich in seiner Brust aus, er würde Onkel werden, Joséphine würde Mutter werden. Doch im selben Atemzug breitete sich auch eine Kälte in ihm aus, die ihm den Brustkorb zusammenzog. Was wenn sie dasselbe Schicksal ereilt wie Mère?, flüsterte eine kleine Stimme in seinem Hinterkopf. Sie war nicht so laut wie die Stimmen die jubelten, aber immer noch zu laut, um überhört zu werden.Eine neue Entschlossenheit breitete sich in ihm aus. „Dann muss ich nun erst recht für dich da sein“, verkündete Friedrich.„Aber nicht so Friedrich. Du musst in die Zukunft blicken und deine Zukunft wird nicht in Germantown liegen. Sei für mich da indem du diese Gelegenheit ergreifst und Arzt wirst, indem du dich für die Menschen einsetzt.“„Aber James-“„James wird mich nicht anrühren“, versicherte Joséphine und in ihrer Stimme lag eine Bestimmtheit, die ihren Zwilling zum Verstummen brachte. Sie selber war erstaunt wie bestimmt sie klang, denn innerlich wusste sie, James hielt sich nur zurück, da etwas von den Dingen die Friedrich ihm damals gesagt hatte, ihn wirklich eingeschüchtert haben musste. Sie konnte nicht sagen, was es genau war, denn normalerweise war James niemand, der einfach nachgab und Friedrich war an für sich nicht wirklich einschüchternd, aber etwas muss da gewesen sein. Also war es schon gar nicht so falsch, Friedrichs Präsenz in ihrer Gemeinde schützte sie, aber sie wollte verdammt sein wenn ihr Bruder die Möglichkeit eines Studiums aufgab, nur, um aus Pflichtgefühl ihr gegenüber zu bleiben.Doch trotz ihrer Bestimmtheit, wusste sie, wie wehmütig der Abschied werden würde – und wehmütig wurde er. Friedrich brach zwei Wochen nach seiner Unterhaltung mit Joséphine auf. Die Sonne schien noch einmal warm vom Himmel an dem besagten Herbstvormittag und die gesamte Familie hatte sich vor dem Hof versammelt. Die jüngeren Geschwister wurden alle nacheinander in oder auf den Arm genommen – je nachdem wie klein sie noch waren, und einige wollten ihren großen Bruder gar nicht wieder loslassen. Als Friedrich sich dann endlich von den vielen kleinen Armen und Händen befreit hatte, schritt er auf seinen Onkel zu. In Louis Augen lag ein wissender Blick, als er seinem Neffen die Hand in den Nacken legte. „Mach uns stolz Junge“, forderte er den jungen Mann auf.„Das werde ich“, versprach Friedrich, seine Stimme fest und entschlossen, als er sich seinem Vater zuwandte. In dessen Augen funkelte Stolz, als er seinen Sohn in die Arme schloss. Es war das erste Mal seit dem Tod der Mutter, dass überhaupt wieder irgendein Ausdruck in seinen Augen lag. Friedrich beschloss in diesem Moment, dass allein dieser Blick seines Vaters all die Mühen wieder wettmachen würde. „Da bin ich mir ganz sicher, dass du das wirst“, bekräftigte der Vater und entließ seinen Sohn.Joséphine war die letzte, von der er sich noch verabschieden musste. Mit einer schnellen Bewegung schloss er sie in die Arme und so aufgeregt war er, dass er sie beinahe wie ein kleines Mädchen herumgewirbelt hätte.„Auf Wiedersehen, große Schwester.“„Auf Wiedersehen, kleiner Bruder.“„Du schreibt mir jeden Tag, nicht?“Joséphine lachte gegen seine Schulter. „Wenn du Glück hast, dann schreibe ich dir einmal die Woche“, scherzte sie.Friedrich wollte nicht gehen, er wollte seine Schwester nicht loslassen, aber die Zeit drängte für ihn. So drückte er seinen Zwilling noch ein letztes Mal und stieg dann auf sein Pferd auf. Mit etwas Druck seiner Schenkel trieb er das Tier in einen leichten Trab, eine angenehme Art die unebenen Feldwege zu bereisen. In der Ferne sah er noch seine Familie winken, er meinte Joséphine lächeln zu sehen.Es war ein passender Abschied für einen jungen Mann, der vorhatte in ein paar Wochen seine Familie wieder zu sehen, sei es auch nur für ein Wochenende. Es war jedoch kein passender Abschied für Zwillinge, die sich nie wieder sehen würden. Friedrich hatte an diesem Vormittag seine Joséphine zum letzten Mal gesehen, sie zum letzten Mal in den Armen gehalten, aber das konnte er zu diesem Zeitpunkt nicht wissen.
10. September 1777
I read, I study, I examine, I listen, I reflect, and out of all of this I try to form an idea into which I put as much common sense as I can.
Der Marquis de La Fayette an den Duc d’Ayan, 04. Dezember 1776 „Doktor Deegen? Doktor Deegen?!“, riss eine Stimme Friedrich aus dem Schlaf. Vor Schreck zuckte er zusammen, zuckte zusammen als die Welt vor seinen Augen noch keine Form hatte, sondern nur aus einem milchigen Schleier und einer Stimme, die von irgendwoher seinen Namen rief, bestand. Tatsächlich war es einer der Jungen die manchmal in den Hospitälern aushalfen, Wasser holen, Feuerholz schlagen, Gräber ausheben, der den jungen Arzt geweckt hatte.„Entschuldigt Sir, ich hatte nicht gesehen, dass Sie geschlafen haben“, entschuldigte sich der Junge, wie alt mochte er sein, sein ungewaschenes Gesicht sah nicht älter als zwölf aus, und wandte sich zum Gehen. Friedrich hielt ihn am Ärmel fest. Den Jungen traf keine Schuld, Friedrich sollte ja auch nicht während der Arbeit schlafen.„Was gibt es?“, fragte er daher und versuchte seine Stimme so wach und freundlich wie möglich klingen zu lassen. Das Gesicht des Jungen entspannte sich als er antwortete: „Da ist ein Mann an der Tür, ich glaube er möchte mit einem der Ärzte sprechen.“Der junge Arzt nickte nur und ließ den Knaben wieder los. Mit der flachen Hand fuhr er sich über das Gesicht. Sein Traum hatte sich so echt angefühlt, so beängstigend echt. Die Erinnerung an seinen toten Zwilling raubte ihm die Luft zum Atmen. Alles, wirklich alles, war er bereit zu tun um, nein, nicht einmal seinen Zwilling wieder zurück ins Leben zu holen, sondern um einfach nur einen würdigen Abschied zu haben. Die Umarmung bei der Abreise nach Philadelphia, einer Abreise zu der es ein Wiedersehen geben sollte, war nicht einmal annähernd würdig gewesen.Doch Friedrich schob diesen Gedanken beiseite. Er war nicht hier um zu trauern, er war hier um zu dienen, um Leben zu retten. Seine persönlichen Gefühle hatten in dieser Gleichung keinen Platz. Mit einer raschen Bewegung stand er auf, etwas zu schnell, denn schon im nächsten Moment musste er sich an dem Tisch festhalten, an dem er bis eben noch gesessen hatte. Die Welt drehte sich auf einmal gefährlich schnell vor seinen Augen, bevor er den Schwindel überwunden hatte. Jetzt bemerkte er auch erst die feuchten Flecken auf seiner Wange. Halb hoffe er, es würde sich um Tinte handeln, aber das kleine Tintenfass war fest verschlossen und auf keinem der Papiere die seinem Kopf als Unterlage gedient hatten war frische Tinte. Mit einer resoluten Geste wischte er sich also die Tränen aus den Augen und wandte sich zum Eingang.Hier traf ihn allerdings auch gleich die nächste Überraschung. Zwar wartete dort ein Mann, aber ‚Mann‘ war eigentlich nicht das richtige Wort. Ein Junge von vielleicht 20 Jahren wartete dort. Sein Gesicht hatte noch diese jugendliche Sanftheit und seine Wangen waren noch nicht durch einen starken Bartwuchs gekennzeichnet. Was allerdings noch merkwürdiger war, war die Uniform die er trug. Friedrich hatte mittlerweile gelernt, die verschiedenen Ränge auseinander zu halten und die beiden Sterne auf seinen Epauletten ließen keinen anderen Schluss zu, als dass der Junge vor ihm tatsächlich ein General-Major war.„Was kann ich für Sie tun General-Major? Sind Sie in medizinischen Belangen hier?“, fragte Friedrich daher und mit einer gewissen Neugierde, wie er zugeben musste.„Äh … nein. Ich suche das ‘auptquartier von Général Washington“, erklärte der junge Mann. Seine Art zu sprechen zeichnete ihn eindeutig als Franzosen aus, auch wenn er sich mit seinem Englisch große Mühe gab. In der hintersten Ecke von Friedrichs Gedächtnis begann sich etwas zu regen, hatte einer von seinen Kollegen nicht von einem 19-jährigen Marquis19 aus Frankreich erzählt, der als Freiwilliger, aber mit dem Rang eines General-Majors diente? Wie war der Name noch gleich gewesen, der Marquis de La Fayette?20„Natürlich Sir, Sie begeben sich auf die Bridge Street21 und folgen ihr bis Sie diese Seite des Greens umrundet haben, dann folgen Sie der Court Street22 in südlicher Richtung bis die Court Street die Jockey Hollow Road23 schneidet. Dieser folgen Sie ein Stück und dann ist das Hauptquartier gleich zu Beginn auf der rechten Straßenseite“, erklärte Friedrich und blinzelte gegen die untergehende Sonne. Der Franzose blickte ihn mit großen Augen an. Auch wenn er versuchte sich nichts anmerken zu lassen, war es nicht schwer zu bemerken, wie wenig der junge Mann verstanden hatte. Friedrich ohrfeigte sich innerlich. Warum machte es auch immer alles so kompliziert? Es war lobenswert, dass der junge General versuchte Englisch zu sprechen, die wenigsten französischen Offiziere gaben sich auch nur die Mühe ihre Männer auf Englisch zu Grüßen24. Doch an dieser Stelle war es wohl effektiver sich der französischen Sprache zu bedienen.«Vous ne pouvez pas me comprendre, n'est-ce pas? Je dois aller au quartier général aussi. Accompagnez moi.» (Ihr könnt mich nicht verstehen, nicht? Ich muss ebenfalls zum Hauptquartier. Begleitet mich.), begann Friedrich daher und die Augen seines Gegenübers weiteten sich, dieses Mal mit Freude anstatt mit Verwirrung. Er nickte bejahend und folgte dem jungen Arzt. Dieser kannte die Straßen in Morristown mittlerweile wie seine Westentasche und so schritt er mit der größten Selbstverständlichkeit durch die Straßen. Der General fiel schnell in Gleichschritt neben ihm.«Vous parlez français, Monsieur …?» (Ihr sprecht französisch, Monsieur … ?), fragte der Franzose«Deegen. Friedrich Deegen. Qui, mon père était un huguenot française. Il m'a dit la langue.» (Deegen. Friedrich Deegen. Ja, mein Vater war ein französischer Hugenotte. Er hat mich die Sprache gelehrt.)“, antwortete Friedrich und winkte aus der Ferne einem bekannten Gesicht zu.Die beiden setzten ihren Weg schweigend fort und so waren sie dann auch recht schnell an der Taverne, nun zum Hauptquartier umfunktioniert, angelangt.«Merci pour votre aide Monsieur Deegen» (Vielen Dank für Eure Hilfe Mr. Deegen) bedankte sich der General und tippte sich an den Hut. Friedrich nickte nur einmal kurz bescheiden mit dem Kopf. «De rien, j'étais content de t'aider.» (Nichts zu danken, ich bin froh, dass ich helfen konnte.)Nicht einmal einen Tag später würde er herausfinden wie dieser kurze Spaziergang wahrscheinlich sein Leben verändert hatte.
Der hier zitierte Brief hat Historikern lange Zeit Kopfzerbrechen bereitet, da er nicht genau datiert werden konnte und man immer wieder verschiedene Abschriften gefunden hat. Zum Hintergrund kann man sagen, dass Franklin, so wie viele andere, Angst hatten die Deutschen würden sich den Franzosen im „French and Indian War“ anschließen. Als sie jedoch an der Seite der Engländer und Kolonisten kämpften, wurde die Abneigung gegen sie weniger. Es ist jedoch schwer zu sagen, was Franklin zur Zeit der Revolution genau von den deutschen Einwandern dachte
Sich Betten zu teilen war etwas so natürliches, dass darüber sogar Gesetze erlassen wurden. So erließ Napoleon als Kaiser von Elba 1814 ein Gesetz, das es seinen Untertanen verbot mit mehr als fünf Personen in einem Bett zu schlafen
Quäkern räumten Frauen in eigentlich allen Bereichen gleiche Rechte und Pflichten ein, so waren sie zu dieser Zeit die einzige religiöse Gruppe auf dem Kontinent, die es Frauen erlaubte in Zusammenkünften zu Sprechen und die sogar ganz bewusst die Frauenpredigt förderten
„Gefallenes Mädchen“ war die Bezeichnung für eine Frau, von der bekannt war, dass sie vor der Ehe Geschlechtsverkehr hatte. Eines der bekanntesten „gefallenen Mädchen“ ihrer Zeit war Frances „Fanny“ Braddock, Schwester von Edward Braddock, dem General unter dem George Washington im „French and Indian War“ diente
Das sogenannte „Women’s Meeting of Disciplin“ musste einem Ehegesuch als erstes zustimmen, andernfalls wurde es nicht zugelassen
Normalerweise verkauften Farmer damals den Großteil des Weizens, behielten aber noch etwas für ihre Familie, deutsche Farmer verkauften alle Erträge der Weizenernte und bauten für sich Roggen an, was damals als minderwertiges Korn galt. Oft wurden sie dafür belächelt, erwirtschafteten dadurch aber auch deutlich höhere Profite
Im 18. Jahrhundert wurden Kinder häufig nur als „kleine Erwachsene“ angesehen. Quäker hatten eine Sichtweise auf Kinder, die unserer heutigen da schon deutlich ähnlicher war. Daher legten sie auch Wert auf die Schulbildung der Kindern, in den Quäkerschulen wurden Jungen und Mädchen gleichsam unterrichtet
Zu dieser Zeit war es eigentlich Gang und Gebe Stoffe aus England zu importieren. Als im Zuge der Revolution englische Güter boykottiert wurden, fingen auch viele Frauen wieder an zu spinnen und zu weben. Dazu trafen sie sich oft in Gruppen in Scheunen, um sich etwas Gesellschaft zu leisten, da Spinnen ansonsten selten langweilig war
Die Familie Coenens war eine der 13 Gründungsfamilien Germantowns, ein Nachkomme der Familie nahm unter anderen an der „Apollo 12 Mission“ teil
Geld ist ja selbst heute noch ein heikles Thema, aber Aufzeichnungen belegen, dass deutsche Auswanderer in kleinen Gemeinden wie Germantwon sich häufig gegenseitig ausgeholfen haben. Doch generell neigten Deutsche dazu, keine Schulden anzuhäufen oder Kredite aufzunehmen
Ein Mieder ist ein enganliegendes, stützendes Kleidungsstück, das direkt über der Chemise getragen und von der Funktion ähnlich einem heutigen BH ist. Normalerweise wurde noch ein Oberteil darüber getragen, aber im privaten Rahmen, bei Feld– oder Hausarbeit konnte der Mieder auch ohne weitere Kleidungsstücke getragen werden, also ähnlich wie ein heutiges Unterhemd
Das damalige Germantown lag ungefähr sieben bis acht Meilen von den damaligen Grenzen Philadelphias entfernt. Zu Fuß oder mit einem Karren brauchte man ungefähr zwei bis drei Stunden
In den Kolonien lebten zu dieser Zeit 2,9 bis 3 Million Einwohner, davon ungefähr 31.000 in Philadelphia (Zensus 1760 – 1769)
Auch wenn sich zu dieser Zeit die Einstellung gegenüber (männlichen) Ärzten als Geburtshelfer zu ändern begann, war es in bürgerlichen Häusern Männern noch immer strikt verboten, bei der Geburt anwesend zu sein. An der Universität von Philadelphia gab es zu diesem Zeitpunkt nur einen einzigen Arzt, der Geburtshilfe unterrichtete, Dr. Wiliam Shippen jr., und er musste ständig damit rechnen, dass ein wütender Mob seine Vorlesung stürmte oder die Scheiben einwarf, da die Leute solch einen Anstoß an dem Thema nahmen
Wir haben ja bereits festgestellt, dass Quäkern in vielen Belangen eine andere Sinneshaltung hatten als ihre Mitbürger, aber ihre Art zu Trauern, besonders das Tempo ihrer Trauerprozessionen fand mit Abstand am meisten Anstoß
Auch wenn man offene Einstellungen gegenüber Geschlechtsverkehr eher mit den königlichen Höfen in Europa verbindet, hatte das Bürgertum eigentlich die natürlichere Einstellung. Durch die begrenzten Räumlichkeiten schliefen Kindern oft bei den Eltern mit im Zimmer und wurden so auch manchmal Zeugen ihrer sexuellen Handlungen
Eine Hochzeitszeremonie der Quäker begann im Schweigen, dass dann gebrochen wurde, wenn das Paar sich an den Händen fasste, erhob und sich das selbstgeschriebene Eheversprechen gab
Das „Clearness committee“ bestand aus von den Einberufenden ausgewählten Personen, die die Einberufenden zu dem Einberufungsgrund, zum Beispiel einer Hochzeit, befragten. Durch diese Befragung versuchte man den Einberufenden bei einer Entscheidung zu helfen und letzte Fragen zu klären
Der Titel eines Marquis oder einer Marquise kommt ursprünglich aus Frankreich, hatte aber auch in anderen Ländern Äquivalente. In England war es der Marquess, im HRRDN war es der Land- oder Markgraf, wobei im Bereich des heutigen Deutschland ab dem 18. Jahrhundert auch die Bezeichnung Marquis geläufig war
Jeder Teenager kommt irgendwann in seine „rebellische Phase“ und bei La Fayette beinhaltetet das, mit 19 Jahren ohne das Wissen seiner Frau, die mit seinem zweiten Kind schwanger war, und gegen die ausdrückliche Anordnung des Schwiegervaters und des Königs (!) nach Amerika zu segeln
Heute Speedwell Avenue
Heute Park Place
Heute Washington Street
Kurz bevor La Fayette 1777 nach Amerika kam, hatte der Kontinentalkongress beschlossen, keinen Franzosen mehr Offiziers– oder Generalränge zu gewähren. Zum einen waren es einfach zu viele geworden, zum anderen waren die meisten Franzosen recht überheblich, sahen auf die ihnen unterstellten Soldaten herab und versuchten nicht einmal ein wenig Englisch zu lernen oder sich mit der amerikanischen Lebensweise zu arrangieren. La Fayette stach da, mit seinen Bemühungen sich anzupassen, sehr heraus.
----- CHAPTER BREAK -----
September 1777
“The women of the Revolution were more generally true to the cause of freedom than were the other sex. They endured in silence and without complaint. Let us pay this tardy tribute to the patriotism of those immortal females.”
Aus “The military heroes of the Revolution: with a narrative of the War of Independence” von Charles Jacobs Peterson, 1848 Der Morgen war noch jung und kalt, als Friedrich sich aus dem Lager schlich. Seine Schritte waren trotz der frühen Stunde zielstrebig, eine gewisse Anspannung krümmte seine Schultern. Sein Ziel war der See, der unweit des Camps gelegen war. Der Boden war schlammig und das Rascheln der Blätter um ihn herum klang unbehaglich in seinen Ohren – wahrscheinlich hätte in diesem Moment alles für ihn unbehaglich geklungen. Er war froh, wenn es in der Nähe der Feldlager der Kontinentalarmee kleinere Seen gab, nicht die großen, die aus denen die ganze Armee ihr Wasser schöpfte. Friedrich suchte diese abgeschiedenen Orte auf, um sich dort unbeobachtet waschen zu können.Ein Schauer fuhr ihm über den Rücken, als er seinen Mantel auszog und seine Weste aufknüpfte, er streifte die Schuhe ab und ließ die Hose zu Boden fallen, löste die Strumpfbänder, zog die Strümpfe aus. Der junge Arzt trug nun nichts mehr außer dem knielangen Hemd und dieses bot selten wenig Schutz gegen den schneidenden Wind. Mit steifen Fingern begann er an dem Stoff zu fummeln, den er unter dem Hemd trug. Mit ein paar geübten Handgriffen löste er die Knoten und zog den Stoff unter dem Hemd hervor, warf ihn achtlos zu der restlichen KleidungDie Kälte des Wassers war betäubend und belebend zugleich. Seine Haut kribbelte schmerzhaft als er weiter in den See watete. Mit einer beherzten Bewegung tauchte er den Kopf unter Wasser und die Kälte raubte ihm fast das Bewusstsein. Die Welt drehte sich vor seinen Augen als er wieder auftauchte. ---- Die Stimme hinter ihm erklang unerwartet. Vollkommen unerwartet. Friedrich stellte immer sicher, dass er alleine war, dass niemand ihm folgte. Für einen Moment wurde sein Körper starr, das war der Moment, in dem ein Teil von ihm begriff, der Teil, der jeden Tag mit so etwas gerechnet hatte. Nach diesem ersten Moment begann ein zweiter Teil von ihm zu verstehen, der Teil der diese dumme und wilde Hoffnung gehegt hatte, dass es niemand je merken würde.Mit einem aufgescheuchten Blick fuhr er herum und überkreuzte er die Arme vor seinem Oberkörper, machte einen halben Schritt zurück in das Wasser.Er wollte nicht aufblicken, nicht sehen in wessen Händen seine Zukunft lag, aber er hatte auch nicht die Möglichkeit weiter nur auf das aufgebrachte Wasser zu schauen, wie es wütend gegen seine Hüfte schlug.Friedrich erkannte den jungen General-Major La Fayette vom Vortag, als er dann doch aufblickte. Es war eine Feststellung, keine Erleichterung, keine Entmutigung, Friedrich war zu sehr in seinen Gedanken gefangen, um den Umstand zu bewerten.„Was machen Sie ‘ier?“. Fragte der General, der Akzent hing schwer an jeder Silbe. Es war eine einfache Frage, einfach zu beantworten. „Mich waschen, Sir.“„Was machen Sie ‘ier, in der Armee?“, fragte der Franzose erneut, dieses Mal lag Zorn in seinen Worten, ein gutes Stück an Unglauben und vielleicht eine Priese an Abscheu. Er hatte seine Frage konkretisiert, hatte sie an die Situation angepasst, um die Problematik zu benennen.„Ich diene, Sir“, kam die geflüsterte Antwort. Die Stimme hatte keine Kraft für mehr.„Ich muss mich von Ihnen nicht verspotten lassen, Ihre Anwesenheit ‘ier in der Armee ist eine Schande vor Gott und jedem ehrbaren Soldaten.“„Ich verspotte Sie nicht, Sir, das würde ich nie.“„Sie verspotten mich nicht nur, Sie ‘aben mich auch noch belogen“, beharrte La Fayette und Friedrich schüttelte stoisch den Kopf.„Wann soll ich Sie belogen haben, Sir?“„Gestern, als ich Sie nach Ihren Namen fragte und Sie sich als Friedrich Deegen auswiesen. Doch das kann nicht Ihr Name sein, denn Friedrich ist der Name eines Mannes und Sie sind kein Mann.“
1772
-Intermezzo-
Der Regen fiel auf Sie herab, aber Joséphine kümmerte das nicht. Es kümmerte sie der Schlamm nicht, der an ihren nackten Beinen hoch spritzte, jedes Mal wenn ihre bloßen Füße in Pfützen traten. Der Regen hielt seit dem vergangenen Abend unerbittlich an und hatte schon lange jeden Weg und jede Straße unterspült. Ihr Nachthemd klebte an ihrem Körper, der Zopf schlug wie ein nasses Tau melodisch gegen ihren Rücken. Ihre Haut wurde rot und heiß, wo die kalten Tropfen auf sie niederfielen und ihre Füße waren taub vor Kälte. Sie rannte die Hauptstraße hinunter, die Steine waren rutschig unter ihren Füßen und mehr als einmal hätte sie beinahe das Gleichgewicht verloren. Aus dem Augenwinkel sah sie den Eisenwarenladen und das Gemeindehaus, als sie auf den Weg abbog, der zu ihrer elterlichen Farm führte. Die Straßen waren in diesem Teil von Germantown sandig und nicht mehr befestigt, häufig wurden sie bei starken Regengüssen weggespült. Joséphine traute sich jedoch auch hier nicht langsamer zu werden, zu große Angst hatte sie. Ihr Verstand spielte ihr Streiche, denn immer wieder glaubte sie James Stimme hinter sich ihren Namen rufen zu hören. Vielleicht war es nur der Wind oder das Prasseln des Regens auf den umliegenden Häuser- und Scheunendächern, aber wie konnte sie sich da sicher sein.Als die Farm ihres Vaters in Sicht kam wurde sie ruhiger. Die Tür des Haupthauses war trotz der späten Stunde noch nicht verriegelt, ein Umstand der die junge Frau hätte stutzig machen müssen, aber sie war in dem Augenblick zu sehr mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, als dass sie irgendetwas anderes hätte realisieren können. Bei ihrem Eintreten schlug ihr warme Luft entgegen und sobald sie die Tür hinter sich geschlossen und dagegen gelehnt hatte, fiel etwas von der Anspannung von der jungen Frau ab.Das solide Holz in ihrem Rücken fühlte sich beruhigend an als sie den Kopf in den Nacken legte und sich Strähnen nassen Haares aus dem Gesicht strich. Ihre Beine zitterten unwillkürlich und am liebsten hätte sie sich auf den Boden gleiten lassen. Doch was wenn ihr überstürztes Eintreten ihre Geschwister aufgeweckt hatte? Die Situation war jetzt schon schwer zu erklären, aber wie sollte sie rechtfertigen dort kraftlos am Boden zu kauern? Sie musste auf den Beinen sein, falls ihr Vater sie sofort wieder hinaus scheuchen würde.Mit zusammengebissenen Zähnen richtete sie sich also wieder auf und begann in Richtung der Feuerstelle zu tapsen, die Wärme des Feuers fühlte sich unnatürlich auf ihrer kalten Haut an. Eigentlich hätte ihr auffallen müssen wie seltsam es war, dass Feuer zu dieser späten Stunde noch brennen zu sehen, besonders wenn alle Familienmitglieder sich schon schlafen gelegt hatten.Joséphine war gerade dabei ihre vor Kälte geschwollenen Finger näher in Richtung des Feuers zu halten, viel fehlte nicht und sie würde die Flammen berühren, als Schritte sie aufschrecken ließen.„Joséphine? Was machst du hier, bist du wegen Friedrich gekommen?“, erklang Onkel Louis Stimme aus der Tür zu einem der angrenzenden Zimmer. Seine Stimme war gedämpft und wirkte matt, aber dennoch fuhr die junge Frau hoch, um ihren Onkel anzusehen- dieser erkannte sofort ihren jämmerlichen Zustand.„Phine, was ist passiert? Du bist ganz nass und trägst ja nicht einmal Strümpfe“, bemerkte der Mann sorgenvoll, doch Joséphine hörte seinen Einwand nicht.„Was ist mit Friedrich?“, fragte sie, die Aufregung war wieder in ihren Körper zurückgekehrt, als sie versuchte sich an Louis vorbei in den angrenzenden Raum zu drücken. „Nein Phine, bitte … ich … das ist kein Anblick für dich“, versuchte er sie noch aufzuhalten, aber da war sie schon an ihm vorbei.Der anliegende Raum war nur durch eine flackernde Kerze erhellt, die Vorhänge waren zugezogen worden, sodass nicht einmal mehr der Mondschein durch die Fenster hinein fiel. Friedrich und Joséphines andere Brüder hatten sich diesen Raum immer geteilt, doch an diesem Abend lag nur eine einzige Person in dem Bett.Friedrichs Gesicht war aschfahl, ein Umstand der durch das schwache Licht nur noch verstärkt wurde, die Wangen waren eingefallen, die Augen geschlossen und von dunklen Ringen geziert. Joséphines Bruder schien zu schlafen, doch es war kein friedlicher Schlaf, da er im Traum immer wieder den Kopf zur Seite warf und vor Schmerzen leise stöhnte. Der Abstand zwischen den beiden Zwillingen betrug zwar noch einige Meter, aber Joséphine konnte auch aus dieser Entfernung ausmachen, dass ihr Bruder innerlich am Verglühen war.Der Anblick raubte ihr jede verbleibende Kraft und hätte ihr Onkel sie nicht noch rechtzeitig an der Hüfte gepackt, sie wäre wohl zu Boden gefallen. Doch so hielt Louis sie in seinen Arm, ließ sie ihr tränennasses Gesicht gegen seine Brust drücken. Joséphine war sich sicher, noch nie in ihrem Leben so bitterlich geweint zu haben, noch nie so viele Tränen auf einmal vergossen zu haben. Ihr ganzer Körper zitterte vor schierer Verzweiflung und sie konnte nicht aufhören zu weinen, als sie Louis ihr Herz ausschüttete. Sie hatten diesen Monat wieder geblutet, war also doch nicht schwanger gewesen und als James das heute herausgefunden hatte, war er so unglaublich wütend geworden. Er hatte seiner Frau unterstellt ihn die ganze Zeit über wissentlich belogen zu haben oder schlimmer noch, ihrer Blutung etwas nachgeholfen zu haben1. Er war sehr wütend gewesen, so wütend, dass sie es kaum beschreiben konnte.Onkel Louis wusste sich nicht recht zu helfen, so mit seiner zitternden Nicht in seinen Armen. Ihre Geschichte und ihre offensichtliche Angst und Verzweiflung, die sie zu so später Stunde zu dem Haus ihres Vaters getrieben hatten, zerrissen ihm das Herz, aber da waren so viele andere Dinge die sich im Moment zutrugen. Die Verantwortung sich um seine Nichten und Neffen kümmern zu müssen, während sein Bruder versuchte seine Trauer um seine Frau zu überwinden, lastete schwer auf ihm. Joséphine war schon immer stark und entschlossen gewesen, nie hatte sie so offenkundig die Fürsorge anderer gebraucht. Gerade sie war es doch gewesen, die nach Johannas Tod die Familie so großartig zusammen gehalten hatte.Louis hätte wahrscheinlich, in Ermangelung einer besseren Idee, Joséphine einfach so lange in den Armen gehalten wie sie seine Stütze gebraucht hatte, doch zu seinem Glück war Joséphine eine starke Persönlichkeit. Schon nach wenigen Minuten drückte sie sich aus seiner Umarmung und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, ihre Bewegungen zeugten von einer neuen Art von Entschlossenheit. Auf sicheren Beinen schritt sie zum Krankenbett ihres Bruders und ließ sich auf der Bettkante nieder. Ihre Hände wurden zum Sinnbild von Schwesterliebe, als sie einige der verschwitzen Haarsträhnen aus Friedrichs Gesicht strichen und dann an seiner Wange liegen blieben. Wenn sie gefragt hätte was passiert war, dann hätte Louis ihr geantwortet, dass Friedrich auf dem Weg nach Philadelphia von dem anhaltenden Regen überrascht worden war und sich in diesem Wetter ein schreckliches Fieber zugezogen hatte. Er war, mehr tot als lebendig, zurück zur Farm geritten. Doch Joséphine fragte nicht, denn diese Frage war momentan nicht relevant.„Wie geht es ihm?“, fragte die junge Frau stattdessen, ihre Stimme überraschend fest aber gänzlich tonlos. „Ich will ehrlich mit dir sein, sein Fieber bereitet mir Sorgen. Es ist sehr hoch und ich finde keinen Weg es zu senken. Es ist aber immer noch Friedrich über den wir hier reden, er war schon immer eine Kämpfernatur und morgen früh sehen die Dinge bestimmt schon wieder ganz anders aus“, antwortete Louis und trat näher an das Bett heran. Eine schwere Stille fiel zwischen ihn und seine Nichte. Um ehrlich zu sein, war er nicht einmal halb so optimistisch wie er sich Joséphine gegenüber gegeben hatte, immerhin war er Arzt und konnte die Situation einschätzen. Friedrich hatte wenig Chance die Nacht zu überstehen und vielleicht war es deshalb auch besser, wenn Joséphine da war. Die beiden Zwillinge hatten sich immer sehr nahe gestanden und Friedrich konnte zweifelsohne jede Hilfe gebrauchen, die er bekommen konnte. Sein eigener Vater war zumindest vor dieser Aufgabe zurück geschreckt, er hatte Louis zwar nach der Ankunft seines Sohnes benachrichtigt, war dann aber nicht bei Friedrich geblieben, sondern hatte die Flucht in eine Kneipe ergriffen. Er hatte wahrscheinlich Angst, noch einen geliebten Menschen zu verlieren, aber das war noch lange keine Entschuldigung für sein Verhalten.Louis räusperte sich, um so die Stille zu unterbrechen. „Du kannst hier im Moment nichts tun. Zieh dir etwas Trockenes an bevor du auch noch krank wirst. Mach dir wegen James keine Sorgen, hier bist du sicher für die Nacht“, forderte er das Mädchen auf und Joséphine nickte nur stumm. Sie machte Anstalten aufzustehen doch in diesem Moment ergriff Friedrich ihr Handgelenk und hielt sie fest. Seine Augen waren einen Spalt geöffnet, doch es war offensichtlich wie viel Mühe ihn diese einfache Aufgabe kostete. „Sind Sie ein Engel? Meine Schwester liebt Engel, sie hat immer die Bibelverse gelesen in denen von ihnen berichtet wird. Sie dürfen mich aber noch nicht mitnehmen, nicht das ich meine Seele unserem Herren vorenthalten würde, ich bin Ihm gänzlich ergeben, aber meine Schwester …Meine Schwester braucht mich. Der Herr würde ein großes Unrecht an ihr tun, wenn Er mich ihr nehmen würde“, flüsterte Friedrich, seine Stimme über das Stürmen draußen kaum auszumachen. Joséphine zerrissen diese Worte das Herz, trafen sie bis in die Mark. Es wäre das Richtige gewesen, wenn sie sitzengeblieben wäre, wenn sie ihm geantwortet hätte und an seiner Seite geblieben wäre, aber dafür hatte sie keine Kraft mehr. Mit einem erstickten Laut befreite sie sich aus dem Griff ihres Bruders und eilte an Louis vorbei aus dem Zimmer. Dieser setzte sich nur ruhig wieder auf seinen Stuhl neben dem Bett, er kannte seine Phine, sie war nicht wie ihr Vater, sie würde wiederkommen, dessen war er sich sicher.Seine Intuition täuschte ihn nicht, denn einige Zeit später schlich Joséphine wieder in den Raum. Sie hatte sich umgezogen, ein altes Kleid ihrer Mutter und den Mieder einer ihrer Schwestern, ihr Haar war wieder ordentlich am Hinterkopf zusammen gesteckt und alles in allem sah sie wesentlich gefasster aus, als noch kurz zuvor. Mit leisen Schritten ging sie zum Bett ihres Bruders und ließ sich dort, wie zum Gebet, auf die Knie fallen. Eine Hand verschränkte sie in Friedrichs Hand und die andere ruhte auf seiner Brust, ganz so als wollte sie zu jeder Zeit sicher sein, dass er noch atmete. Es war ein seltsam friedlicher Anblick, den die beiden Geschwister so abgaben und je länger Louis sie so ansah, desto schwerer wurden ihm die Augenlider. Es war bereits weit nach Mitternacht und er war die ganze Nacht auf den Beinen gewesen, jetzt mit Joséphine an der Seite ihres Bruders konnte er es sich erlauben, einen Moment zu ruhen.Seine Ruhe währte allerdings nur solange bis er plötzlich etwas gegen seine Knie drücken fühlte. Verschlafen öffnete er die Augen und blinzelte ein paar Mal. Das Zimmer war dunkel, die Kerze ausgebrannt. In diesen schlechten Lichtverhältnissen war es unmöglich etwas Genaues zu erkennen, aber als er seine Finger ausstreckte konnte er Joséphines Haarschopf ertasten und ihren Kopf, der auf seinen Knien ruhte. Das leise Schluchzen seiner Nichte war das einzige Geräusch in dem ansonsten stillen Zimmer und trotz der Dunkelheit wusste Louis, dass sich Friedrichs Brust nicht mehr hob.Eine seltsame Leere machte sich in ihm breit und er fragte sich im Nachhinein ob er in diesem Moment begriff hatte, dass Friedrich wirklich tot war? Denn anstatt der Trauer überkam ihm ein anderer Gedanke. Joséphine, die zu seinen Füßen hockte, brauchte jemanden, der sie beschützte. Ihr Bruder hatte sich stets in der Rolle des Beschützers gesehen, doch auch er wäre nicht in der Lage gewesen, sie ewig vor James zu beschützen, ganz besonders nicht nach dem was heute zwischen James und Joséphine vorgefallen war. Er durfte Joséphine also nicht zurück zu ihrem Ehemann gehen lassen, das wurde Louis in diesem Moment bewusst, einem Moment in dem er eigentlich mit Trauer beschäftigt sein sollte. Doch da war dieser Plan der sich in seinem Kopf formte, dieser Plan der so absurd war. Aber der unbedingte Wunsch seine Nichte in Sicherheit zu wissen, bewegte ihn dazu Joséphine an den Schultern zu packen und aufzurichten, sodass er ihr in die Augen blicken konnte. „Ich habe einen Plan Phine, aber er wird dir nicht gefallen.“Louis hätte diesen Vorschlag wahrscheinlich nie unterbreitet, wenn die Situation nicht so außergewöhnlich gewesen wäre und Joséphine hätte ihn nie angenommen, wenn ihre Angst vor James und ihre Trauer um Friedrich nicht ihre Sinne benebelt hätten. Aber sie hatte diese Angst und deshalb willigte sie in den Vorschlag ein, sie begriff in diesem Moment die Tragweite noch nicht, sie war sich nicht bewusst, in was sie da eingewilligt hatte. Ihr Bruder war gerade gestorben, ihre Ehe war die Hölle, da dachte sie nicht über die Konsequenzen ihres Handels nach. Sie war sich all dieser Dinge noch nicht einmal richtig bewusst, als eine Stunde später ein Pferd mit Reiter über die Feldwege von Germantown nach Philadelphia galoppierte. Der Reiter sah aus wie ein junger Mann und die Papiere die er bei sich trug, wiesen ihn als Friedrich Deegen aus, ein Deutsch-Amerikaner mit der Berechtigung zum Studium der Medizin an der Universität von Philadelphia.An diesem Abend verschwanden die beiden Deegen Zwillinge aus ihrem Heimatdorf, einer wurde zu Grabe getragen und einer war fortgegangen, doch die Gemeinde erfuhr nie wirklich, wer tot und wer davon gelaufen war.
September 1777
“Dear Father, I am happy in being able to inform you that I still exist”
Doktor Lewis Howell in einem Brief an seinen Vater nach der Schlacht von Brandywine „Sie werden mir nun augenblicklich ihren wahren Namen nennen Madam“, forderte La Fayette die Frau im Wasser auf, seine Stimme war kühl. Waren dies die Sitten die amerikanischen Frauen an den Tag legten? Er hatte das Frauenvolk auf diesem Kontinent2 bisher als zurückhaltender als französische Frauen erlebt3.„Joséphine Deegen4.“Der Name hatte einen französischen Klang an sich und vielleicht war eine Mischung aus amerikanischem und französischem Blut in den Adern dieser jungen Frau ja auch der Grund für ihr unmögliches Verhalten. La Fayette beschloss, dass ihr Verhalten so verwerflich war, dass es nicht seine Aufmerksamkeit verdient hatte, nicht über das nötigste Maß hinaus.„Madam, Sie werden mir zum ‘auptquartier folgen, die Militärjustiz5 wird sich Ihrer annehmen“, verkündete er und ärgerte sich im selben Moment, dass seine Stimme nicht einmal halb so resolut klang, wie beabsichtigt. Er hatte versucht englisch zu sprechen, aber da waren noch so viele unbekannte Wörter und dieses verfluchte ‚th‘6 dass ihm einfach nicht vernünftig über die Lippen kommen wollte.Doch für die junge Frau schien seine Stimme resolut genug gewesen zu sein, denn mit angsterfüllten Augen machte sie einige Schritte auf ihn zu, soweit, dass das Wasser ihr nur noch bis zu den Knöcheln reichte. Ihre Knie sanken in die schlammige Erde am Ufer des Sees, als ihre Beine nachgaben. „Sir, ich flehe Euch an, bitte meldet mich nicht. Ich habe das Camp bis Mittag verlassen, das verspreche7 ich.“„Ihr verzeiht mir, wenn ich Euren Worten kein Vertrauen schenke.“Joséphine ließ den Kopf in Resignation hängen. Es hatte auch etwas Gutes, dass der General darauf beharrte sie zu melden – es schien nicht so zu sein, als dass er sie hier am Ufer vergewaltigen wollte. Doch gab die junge Frau sich nicht der Illusion hin, dass die Militärpolizei zwangsläufig eine ähnliche Zurückhaltung an den Tag legen würde. Sie war immerhin eine Frau die man in Männerkleidung, der Kleidung eines Soldaten, aufgegriffen hatte. Joséphine wusste, was man mit solchen Frauen machte, Andere Frauen, die man enttarnt hatte oder Marketenderinnen die gegen Regeln verstoßen hatten, wurden an einen Ochsenkarren gebunden und mussten hinter diesem hergehen, bis sie das Camp verlassen hatten. Am Wegesrand versammelten sich Mengen an Schaulustigen und nicht selten mussten die Frauen diesen Marsch mit wenig Kleidung von der Hüfte aufwärts absolvieren. Dazu wurde ein Lied gespielt, dass als der „Whore March“8 bekannt war. Joséphine wusste, dass das Lied unter einem anderen Titel komponiert worden war, aber sie konnte sich nicht daran erinnern, diesen anderen Titel je gehört zu haben.Glaubte man es oder nicht, dieser erniedrigende Auszug aus dem Camp war noch eine der glimpflicheren Bestrafungen, genauso gut bestand die Möglichkeit entweder von der Armee oder von der Stadt in der man sich gerade befand vor Gericht gestellt und zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt zu werden. Für eine Frau gab es kaum ein schlimmeres Schicksal als wegen Unzucht in einem Gefängnis ihre Strafe abzusitzen.Manchmal kamen die Frauen auch ungeschoren davon. Wurden sie gleich bei ihrer Musterung erkannt und war der anwesende Offizier von einer gnädigen Natur, so durften sie manchmal ohne Strafe nach Hause gehen. Sie mussten ihm nur glaubhaft weiß machen, dass sie ihren Ehemann oder Vater oder Bruder vermissten, dass sie alleine und schutzlos waren, dumm und naiv und dass sie keinen anderen Weg wussten sich zu helfen. Doch selbst mit dieser Geschichte fanden viele Frauen sich hinter Gittern wieder9. Es war also nicht weiter verwunderlich, dass Joséphine nun verzweifelt und auf Knien versuchte diesem Schicksal zu entgehen. Sie hatte all die Monate über gewusst, dass die Möglichkeit ihrer Entdeckung nicht fern war. Sie hatte von den Strafen gewusst, die ihr drohen würden, aber die Gefahr nun so unmittelbar vor sich zu haben, nahm ihr dennoch die Luft zum Atmen.„Ich flehe Euch an Sir, ich flehe Euch an. Ihr wisst nicht, was für ein Schicksal mich erwartet.“„Kein Schicksal, sondern die gerechte Strafe für Frauen wie Sie.“„Sir, ich flehe Euch an, ich flehe Euch an“, bettelte Joséphine, ihre eigene Stimme klang heiser in ihren Ohren und sie hinderte die Tränen nicht daran, ihre Wangen hinunter zu laufen. Sie hätte sie zurückhalten können, dass hatte sie schon so oft getan, aber sie sah darin nur einen Nachteil. Ein paar Tränen hatten schon so manchen Mann umgestimmt, selbst James hatten ihre Tränen manchmal milde gestimmt.Tatsächlich schien La Fayette ihr nachzugeben, ob es nun an den Tränen oder sonst irgendetwas lag. „Wenn Sie bis Mittag nicht aus dem Camp verschwunden sind, dann werde ich persönlich dafür sorgen, dass Ihre Strafe nicht zu gering ausfällt. Sie ‘aben mich dann nämlich nicht nur belogen sondern auch noch ein Versprechen gebrochen“, verkündete der Franzose und trotz dieser milden Worte war seine Stimme noch genauso abweisend. Er warf der Frau zu seinen Füßen noch einen letzten langen Blick zu und wandte sich dann zum Gehen ohne noch ein weiteres Wort zu verlieren. Joséphine konnte es selbst kaum fassen. Würde er sie wirklich gehen lassen. Halb erwartete sie, dass der General sich umdrehen und seine Meinung ändern würde, aber seine Silhouette war da schon in der Ferne verschwunden. In einem Ausdruck unendlicher Erschöpfung ließ Joséphine ihren Kopf nach vorne auf den Boden sinken. Mit einem Mal wurde ihr die Kälte wieder bewusst, die von ihrem Körper Besitz ergriffen hatte. Das Haar war noch nass, sie selber nur unvollständig bekleidet. Mit mehr Kraft als sie in sich zu haben dachte, stemmte Joséphine sich wieder auf die Beine, zog sich an und eilte zu ihrer Unterkunft zurück.Als Friedrich10 durch die Tür der Unterkunft der Ärzte trat, vernahm er sofort die Stimmen. Es war früh am Morgen, so früh, dass seine Kollegen noch nicht mit der Arbeit begonnen hatten sondern noch in den Unterkünften waren. Mit wackeligen Schritten trat er ein und sah seine Vermutung bestätigt, die Ärzte waren alle auf den Beinen, einige räumten die letzten Überbleibsel des Frühstücks weg, während andere noch hastig etwas Papierkram erledigten oder nach einer Behandlungsmethode für einen besonders schwierigen Fall in den Fachbüchern suchten. Sein Eintreten hatte mehrere der Männer dazu bewegt sich nach ihm umzudrehen. Nachdem das medizinische Department reformiert worden war, wurde auch die Art der Unterkünfte geändert. Die Ärzte lebten nun mit den Kollegen ihres Departments zusammen und Friedrich hatte diesen Wechsel als sehr erfreulich empfunden. Doktor Scot und er waren beide in das mittlere Department berufen worden. Die Ärzte mit denen er nun zusammenarbeitete hatten einen ähnlichen Arbeitsethos wie er selber und infolge dessen kam er auch wesentlich besser mit ihnen aus. Die erfreulichste Entwicklung war jedoch durch Doktor Rush gekommen. Nachdem er seinen neuen Posten angetreten war, hatte er Friedrich angeboten von ihm zu lernen. Er hatte ihm zu verstehen gegeben, dass er viel Potenzial in ihm sah, aber auch dass er noch viel zu lernen hatte. Natürlich hatte Friedrich diese Chance ergriffen und das Angebot angenommen, er wäre töricht gewesen, wenn er abgelehnt hätte. Rush gab sich wirklich Mühe mit ihm, ließ Friedrich bei seinen eignen Behandlungen und Eingriffen beobachten und sorgte dafür, dass der junge Arzt jede medizinische Kuriosität die der Krieg zu bieten hatte mindestens einmal zu Gesicht bekam. Außerdem kritisierte er Friedrich. Es gab Tage an Friedrich sich sicher war, dass Rush mit ihm kein einziges Wort wechselte, dass nicht im Zusammenhang mit einem Fehler seitens Friedrichs stand. Er wusste, dass Rush es nur gut meinte, selbst die Kritik, und er wusste auch, dass die Kritik ihn weiter brachte, aber manchmal, nach einem wirklich langen Tag, war es sehr schwer sich daran zu erinnern.„Friedrich, geht es dir gut? Du bist ja weiß wie ein Laken“, vernahm er die Stimme einer seiner Kollegen. Er wollte antworten, sagen dass es ihm gut ging, aber dazu kam er nicht mehr, bevor er wieder zwei Schritte aus der Tür heraus trat und sich in das Gras vor der Unterkunft erbrach. Die gesamte Welt drehte sich vor seinen Augen und er war dankbar für das Paar Arme, das ihm an der Schulter packte und vorsichtig wieder in die Unterkunft führte. „Alles gut mein Junge“, hörte er Scots Stimme neben sich als er sanft auf einen der Stühle gedrückt wurde. Langsam begann sich der Nebel in seinem Kopf wieder zu lichten.„Mir geht es gut, mir ist nur etwas schwindelig“, erklärte der junge Arzt und hob beschwichtigend seine Hand.„Dir geht es nicht gut11“, zischte Scot und festigte seinen Griff um Friedrich Schultern – andernfalls wäre der jüngere wohl vom Stuhl gefallen.„Doch, doch“, drängte Friedrich. „Aber … gibt es momentan viel zu tun? Wenn ihr die Arbeit alleine schaffen könnt, dann würde ich mich noch einmal kurz hinlegen.“„Selbst wenn die Welt untergehen würde, so lassen wir dich nicht arbeiten“, vernahm er eine weitere Stimme. Sie klang sehr nahe und gleichzeitig sehr fern, irgendwie verzerrt. Ein weiteres Mal wurde er gepackt und dieses Mal zu einem der Feldbetten gebracht.Friedrich hatte nicht wirklich vor zu schlafen und sobald der letzte seiner Kollegen die Unterkunft verlassen hatte, schwang er die Beine vom Bett und stand auf. Mit einer Hand griff er unter das Bett und zog die Tasche hervor. Es gab nicht viel, das Friedrich zu packen hatte, ein paar Bücher und ein paar Kleidungsstücke die ihm gehörten. Der junge Arzt war gerade dabei die Lederriemen der Tasche festzuziehen, als plötzlich hinter ihm die Tür aufgerissen wurde. Friedrich fuhr herum, in der Erwartung einen seiner Kollegen zu sehen, und erblickte Doktor Rush. „Wo ist der Rest der Belegschaft?“, fragte er und es war nicht zu überhören, dass er außer Atem war. „Schon im Hospital“, antwortete Friedrich knapp und schob die Tasche etwas weiter zur Seite, sodass sein Körper sie teilweise verdeckte.„Warum Sie nicht?“, hakte Rush nach.„Mir ging es nicht gut.“„Können Sie sich auf den Beinen halten?“„Ja … aber-“„Dann kommen Sie, wir haben keine Zeit zu verlieren“, forderte der Ältere der beiden Friedrich auf und machte eine ausschweifende Handbewegung.Friedrich zögerte. Er hatte vorgehabt seine wenigen Habseligkeiten zusammen zu packen, ein paar letzte Angelegenheiten zu regeln und das Camp dann zu verlassen, sobald die restlichen Ärzte in den Hospitälern beschäftigt waren und ihnen sein Verschwinden somit nicht auffallen würde. Unter allen Umständen wollte er es vermeiden General-Major La Fayette eine Gelegenheit zu geben seine Meinung zu ändern, sein Geheimnis zu verraten oder sich in seiner Generosität betrogen zu fühlen. Das bedeutete nun mal, dass er rasch handeln musste. Doch durch die halb geöffnete Tür hörte Friedrich den Grund für Rushs Aufruhr. Die Trommler gaben das Signal sich zu sammeln, dass Signal sich auf ein Gefecht vorzubereiten. Ihm blieb der Herzschlag stehen. Er war im ersten Moment verführt die Gelegenheit zu nutzen und in dem entstandenen Chaos, in der Hitze der kommenden Schlacht zu fliehen. Vielleicht hatte er sogar Glück und sein Verschwinden wurde nicht einmal als Fahnenflucht sondern lediglich als Resultat einer Gefangenschaft oder Verletzung aufgefasst.Doch diese innere Stimme die ihm riet zu laufen, war kaum mehr als ein Flüstern im Vergleich zu der Stimme die ihn anschrie zu bleiben. Friedrich war bewusst, würde er nun laufen, würde er damit all seinen Brüdern in den Rücken fallen. Er war Arzt und als solcher konnte er sein Wissen zum Retten von Leben nicht mitten in einer Schlacht den Soldaten vorenthalten. Einige von den Männern waren jünger als er selber, einige der Männer hatten Frauen und Kinder, die ohne ihn niemanden hätten, der sie versorgt und beschützt. Nein, Friedrich würde bleiben bis er so vielen Verwundeten geholfen hatte wie es in seiner Macht stand, er würde nicht fliehen, wenn er doch viele Leben mehr als nur sein eigenes retten konnte.Mit diesem Entschluss griff er eilig nach seinem Uniformmantel und folgte Rush nach draußen. Das gesamte Camp war in Aufruhr und glich einem Bienenstock in den dumme Jungen mit einem Stock gestochen hatten. Sobald Friedrich aus der Tür getreten war, musste er auch sofort einen Schritt zurück machen, da ihn ansonsten eines der Artilleriegeschütze erfasst hätte, die von den Männern verschoben wurden. Er folgte Rush zu drei Pferden, die gesattelt beisammen standen. Auf dem Rücken eines der Pferde saß ein junger Mann. Friedrich kannte ihn, er war ebenfalls Arzt und hieß Lewis Howell.„Deegen, schön, dass Sie auch mit von der Partie sind“, begrüßte Howell ihn als Friedrich den Sattelgurt löste und den Sattel dann zu Boden gleiten ließ. Er war auf seiner elterlichen Farm in Germantown geritten, nicht häufig, aber häufig genug, um als passabler Reiter durch zugehen. Er war jedoch nie mit einem Sattel geritten, da die Familie zum einen nie über genügend Geld verfügt und da sich die Notwendigkeit auch schlichtweg nie ergeben hatte. Immerhin war das Pferd auf dem Friedrich reiten gelernt hatte eigentlich dafür vorgesehen worden, vor einen Pflug oder Wagen gespannt zu werden und nicht um viel geritten zu werden. Rush runzelte zwar die Stirn, verkniff sich jedoch jeden Kommentar. Stattdessen begann er die beiden ihm unterstellte Ärzte zu instruieren. „Sie werden mich zum Feldlazarett begleiten. Es ist in einem Gemeindehaus der Quäker nahe Birmingham Hill eingerichtet. Weiteres medizinisches Personal ist bereits dort, aber wir werden wohl die einzigen Ärzte12 sein.“„Drei Ärzte für die komplette westliche Flanke?“, echote Friedrich ungläubig als er sein Pferd in einem raschen Trab zwischen seinen Gefährten aus dem Camp ritt.„Ich weiß, dass es nicht ideal ist, aber die Zeit drängt und da müssen wir nun einmal das Beste aus den uns gegeben Zuständen machen. Außerdem genießen sie beide mein volles Vertrauen“, bestärkte Rush seine vorher getätigte Aussage und trieb sein eigenes Pferd weiter an, sodass es bald einen vollen Galopp erreichte. Friedrich und Howell folgten ihm dicht.Sie erreichten das Gemeindehaus wenig später. Das Gebäude war aus massivem Stein gebaut und das hohe Spitzdach mit der weißen Flagge13 war schon von weitem aus zu sehen. Die kleine Reisegruppe ließ die Pferde am Hintereingang des Gemeindehauses in der Obhut eines jungen Mannes, der bis zu ihrem Eintreffen noch damit beschäftigt war, eine große Grube für die Toten und amputierte Körperteile auszuheben. Friedrichs Blick hing gerade solange an der Grube und ihren beachtlichen Ausmaßen, dass Rush seinen verstörten Blick bemerkte. „Leider werden die Männer wohl noch eine zweite dieser Gruben ausheben müssen“, kommentierte er und öffnete die Hintertür.Friedrich runzelte die Stirn. Eine Schlacht brachte immer viele Tote, natürlich, aber die Grube schien doch recht großzügig bemessen zu sein für ein Lazarett, das immerhin knappe zwei Meilen von den Frontlinien entfernt war. Warum rechnete Rush mit so vielen Toten?Die Frage beantwortete sich dem jungen Arzt schon von selber, als er nach seinen beiden Kollegen in das umfunktionierte Gemeindehaus eintrat. Der Gestank der ihm entgegenschlug war ekelerregend und er war beinahe froh, sich schon am Morgen übergeben zu haben, denn andernfalls hätte er es nun mit Sicherheit getan.Das Gemeindehaus von überschaubarer Größe war mit dem Gestank von Fäkalien und Erbrochenem erfüllt. Auf den langen Holzbänken lagen Männer, die dicht an dicht gedrängt vor Schmerzen stöhnten. Selbst nach diesem ersten, kurzen Eindruck konnte Friedrich erkennen, dass dasGemeindehaus eigentlich als Ruhrkrankenhaus gedacht war und nun erst in ein Feldlazarett umfunktioniert worden war. Wenn die Verwundeten der Schlacht die Gräber hinter dem Haus auch nicht füllen konnten, all die Männer, die in den nächsten Stunden und Tagen an der Ruhr verenden würden, konnten es bestimmt.In der Ferne ertönte Kanonendonner und für einen kurzen Moment schoss es Friedrich durch den Kopf, dass das Geräusch sehr laut war, um von einem zwei Meilen entfernten Schlachtfeld zu kommen, aber er schob diesen Gedanken schnell wieder beiseite. Die ersten Wagen kamen angerollt, einfache Pferdekarren die hinter den Regimentern herfuhren, um die Verletzten aufzulesen. Einige der Männer waren durch Kanonenkugeln schrecklich verstümmelt worden, andere waren bereits verstorben, als man sie von der Wagenfläche zog. Man nahm die Türen aus den Scharnieren, um sie als Operationstische zu verwenden und der frische Wind der nun durch die überfüllen Räumlichkeiten wehen konnte, war das einzig Gute, das Friedrich dieser Behelfsmäßigkeit abgewinnen konnte.Als Arzt konnte man meistens die präzisesten Aussagen über den Werdegang einer Schlacht machen. Man musste dafür kein General sein und die Truppen befehlen, kein Offizier sein, der später einem Kriegsrat beiwohnte, wo über Erfolg oder Misserfolg einer Taktik diskutiert wurde. Ganz bestimmt musste man kein Kommandant eines Regimentes sein und eine feinsäuberlich verfasste Liste mit Verlusten an seine vorgesetzten Offiziere weitergeben.Es reichte Arzt zu sein und den schweren Geruch von Eisen, von Blut wahrzunehmen, zu sehen wie rötlich verfärbt das Wasser in den Eimern war, mit denen die Wunden ausgewaschen wurden und das Gröbste an Schmutz und Blut aufgewischt wurde. Friedrich konnte die kurzen Sekunden zwischen den verzweifelten Schmerzensschreien verschiedener Soldaten zählen.Wahrlich, Friedrich brauchte keine lange militärische Karriere, kein Offizierspatent, um bestätigen zu können, die Schlacht von Brandywine entwickelte sich zu einem Desaster für die Kontinentalarmee.Am späten Nachmittag, war Friedrich sich dann sicher, dass dieser Tag nicht mehr miserabler werden könnte, dass es nichts mehr geben könnte, um ihn noch mehr zu erschüttern.Die vergangenen Stunden waren ineinander geflossen, Friedrich zählte die Zeit nicht mehr in Minuten, sondern in amputierten Gliedmaßen. Inzwischen hatte man die dritte Grube ausgehoben. Die Dritte. Sein eigener körperlicher Zustand widerte ihn an, seine Kleidung war vom Blut fremder Männer getränkt14, seine Augen brannten von der stundenlangen Anstrengung, seine Hände waren taub und jede Energie, die er je besessen hatte, war aus seinem Körper gewichen. Ein Blick zu seinen Kollegen verriet ihm, dass es ihnen auch nicht besser ging. Rushs Augen waren rot gerändert und er sah um zehn Jahre gealtert aus. Immerhin schien der größte Ansturm an Verwundeten beendet zu sein. Friedrich hätte gerne gesagt, dass er viele Männer hatte retten können, aber das wäre gelogen gewesen. Dutzende waren ihm unter den Händen weggestorben, während er versucht hatte Blutungen zu stillen und Kugel oder Metallsplitter von Kartätschen15 zu entfernen.Doch auch an diesem Tiefpunkt konnte die ganze Situation noch eine Wendung zum Schlechteren hinnehmen.Friedrich war gerade dabei sich mit etwas Wasser das Gröbste an Blut von den Unterarmen zu waschen, nicht dass das Wasser selber wirklich sauber war, als einer der Männer, der auf dem Hinterhof Gräber ausgehoben hatte, in den Raum gestürmt kam. Sein Gesicht war rot von der Sonne und der Anstrengung, aber da war noch etwas anderes, etwas Angsterfülltes.„Von Norden nähern sich Briten und Hessen, bestimmt 8.000 Mann und unsere eigenen Truppen kommen von Süden her, noch einmal gut 4.000 Mann.“„Das kann nicht sein, die Frontlinien liegen fast zwei Meilen vor uns“, schnappte Howell, die Anspannung und Anstrengung war in seinem Tonfall deutlich zu erkennen.„Mit Verlaub Doktor, ich weiß doch was ich gesehen habe. Überzeugen sie sich selbst“, konterte der Totengräber und deutete auf den Vorderausgang. Keiner der Ärzte musste sich zweimal auffordern lassen und tatsächlich, vor dem Gemeindehaus stehend konnten sie deutlich die heranmarschierenden Truppen ausmachen.„Verdammt“, flüsterte Rush neben Friedrich, so leise, dass der Fluch fast unschuldig wirkte. „Sorgen Sie dafür, dass die weiße Flagge allzeit sichtbar über diesem Haus weht“, ordnete er sodann den Totengräber an und fügte leise hinzu. „Die weiße Flagge ist das Einzige, was uns nun noch retten kann“. Friedrich war sich nicht sicher, ob jemand anderes diese Worte noch mit angehört hatte. Doch ganz unabhängig davon hatte Rush recht, keine halbe Stunde später, als die Truppen über die Hügelkuppe gekommen waren, befand sich das Feldlazarett direkt zwischen den feindlichen Linien. Geschosse zischten durch die Luft und der Kanonendonner fuhr einem durch den ganzen Körper.Obwohl die Truppen nun so dicht an dem Lazarett waren, an der vermeintlichen Hilfe, kam kaum noch ein Verwundeter in das Gemeindehaus. Das Feuergefecht war zu hitzig, als dass jemand die Verwundeten hätte bringen können und alleine schafften es die meisten Männer nicht mehr. Friedrich war froh über den kurzen Moment, um Atem zu holen, aber andererseits trieb es ihn beinahe in den Wahnsinn, zu wissen dass all diese Verwundeten, buchstäblich nur Meter von ihm entfernt, die Wiesen von Birmingham mit ihrem Blut tränkten.„Wir müssen doch etwas tun“, brachte er schließlich hervor und stieß sich von der Wand ab, an der er bis eben noch gelehnt hatte.„Und was schlagen Sie vor?“, wollte Howell wissen.„Wir müssen die Verwundeten bergen, so einfach ist das.“„So einfach? Sie wissen schon, was dort um uns herum für eine Schlacht tobt, Deegen?“„Natürlich bin ich mir dessen bewusst, aber wir können ja wohl auch schlecht hier sitzen bleiben und Däumchen drehen.“Howell wollte gerade eine bissige Antwort geben, als Rush dazwischen trat. „Meine Herren, ich bitte Sie. Wir sind alle erschöpft, aber Streitereien bringen uns nicht voran. Ich schließe mich Doktor Deegen an, wir sollten versuchen einige der Verwundeten zu bergen, aber da ich auch Doktor Howell zustimmen muss, dass die Gefahr die dabei für das eigenen Leben besteht ganz erheblich ist, werde ich daraus ausdrücklich keinen Befehl machen“, erklärte er und wandte sich dann an Friedrich. „Würden Sie sich mit mir hinaus wagen.”Friedrich nickte nur. Ihm war die Gefahr egal, seine wahre Identität war aufgedeckt worden, er beziehungsweise Joséphine konnte nicht zu ihrer Familie zurückkehren, ebenso wenig zu James. Eine erneute Heirat war auch unmöglich, da die erste noch Gültigkeit hatte. Die möglichen Richtungen in die ihr Leben sich entwickeln konnte, waren also sehr begrenzt. Eine britische Kugel wäre da noch die einfachste Lösung. War es nicht sogar ziemlich egoistisch von ihr, sich der Gefahr zu entziehen. Sollte sie tatsächlich in dieser Schlacht fallen, dann würde sie niemanden zurücklassen, niemand würde um sie trauern und niemand wäre direkt von ihr abhängig. Die meisten Soldaten hatten Familien und Angehörige, sie mussten für diese Menschen überleben, aber Josephine? Wahrscheinlich würde man nicht einmal Friedrichs vermeintlichen Leichnam anfordern.„Ach verdammt, bei so viel einstimmiger Opferbereitschaft kann ich mich nicht entziehen“, schnaubte Howell und trat an Rush und Friedrich heran. Zu dritt verließen sie das Gemeindehaus und sondierten das Feld. Kugel und Geschosse folgen durch die heiße Septemberluft und am Boden lagen Verletzte beider Seiten. „Nehmen sie die hier, meine Herren“, meinte Rush und reichte Friedrich und Howell jeweils einen weißen Streifen Stoff, den die beiden dann auch unaufgefordert um ihren Oberarm wickelten.„Na dann, auf geht’s“, seufzte Howell und begann in Richtung des Feldes zu gehen. Was dann folgte war der absolute Wahnsinn. In geduckter Haltung, um den Schüssen möglichst gut zu entgehen, näherte Friedrich sich den Gefallenen, drehte sie auf den Rücken und suchte nach Lebenszeichen. Hatte er welche gefunden, häufig genug waren die Männer auch bereits verstorben, dann packte er den Verwundeten unter den Armen und schleifte ihn in Richtung des Gemeindehauses. Das Adrenalin pulsierte in seien Adern, das Blut rauschte in seinen Ohren. Es musste die Anspannung gewesen sein, die seinen Körper befallen hatte, die es ihm überhaupt erst ermöglichte diese Männer in Sicherheit zu bringen, die bestimmt das Doppelte von ihm wogen. Doch Friedrich und seine Kollegen waren vollkommen unempfänglich für jede Art der Erschöpfung oder wie könnte man sonst erklären, was sie in nicht einmal einer Stunde geschafft hatten. Fast 20 Soldaten hatten sie vom Feld bergen können, das waren bei weitem nicht alle Verwundeten, aber alle die man bergen konnte, ohne dabei mitten ins Kreuzfeuer zu laufen.Es war heiß draußen, viele der Männer hatten einen Hitzeschlag16 und auch Friedrich hatte das Gefühl ihm würde nicht mehr viel dazu fehlen. Sein Gesicht war hochrot und seine Haut fühlte sich klebrig an, unter einer Mischung aus Dreck, Blut und Schweiß. Dazu hatte er solch schreckliche Kopfschmerzen, dass er nicht einmal mehr richtig geradeaus sehen konnte. Seinen beiden Kollegen schien es nicht besser zu ergehen. Rush stand gegen die Außenwand des Hauses gelehnt, noch immer außer Atem und Howell stand vornübergebeugt, sich mit seinen Händen auf den Knien abstützend, daneben. Friedrich selber hatte den Versuch aufgegeben sich auf den Beinen zu halten, denn sobald das Adrenalin etwas abgeebbt war, hatten nicht nur die Kopfschmerzen eingesetzt, sondern auch ein starker Schwindel. Es erschien ihm also am klügsten, sich auf die Knie fallen zu lassen und den Schwindel mit gesenktem Kopf auszusitzen – im wahrsten Sinne des Wortes.„Sie bluten ja“, bemerkte Howell plötzlich und Friedrich blickte nur verwirrt zu ihm hoch. Dann war auch Rush schon neben ihm und drückte zwei Finger gegen Friedrichs Hinterkopf. „Das sieht mir nach einem Streifschuss aus“, urteile Rush und runzelte die Stirn. „Da haben sie mächtig Glück gehabt.“Friedrich schluckte schwer und führte seine eigene Hand zu der Stelle an seinem Kopf. Was für ein Glückspilz ich doch bin, dachte er sarkastisch, als er die Hand wieder wegzog. Seine Fingerkuppen waren blutig und dieses Mal war es ganz sicher sein Blut. Er hatte keine Ahnung, wann er getroffen wurde, aber die Verletzung erklärte auf jeden Fall die Kopfschmerzen und den Schwindel.„Kommen Sie, wir bringen Sie rein und säubern die Wunde“, meinte Rush und zog ihn auch sogleich wieder auf die Füße, einen Arm unter seiner Schulter, um ihn zu stützen. Friedrich stolperte neben dem älteren Arzt her in das Gemeindehaus, dicht gefolgt von Howell. Rush drückte ihn auf eine der Bänke und begann mit einem nassen Stück Stoff die Wunde zu reinigen.„Sie sollten sich lieber um Ihre Patienten kümmern“, protestierte Friedrich und verzog das Gesicht als Rush nach dem Säubern begann, die Wundränder zu vernähen.„Ein wirklich netter Versuch Doktor Deegen, aber Sie sind nun mein Patient. Doktor Howell kümmert sich um die restlichen – So, fertig. Legen Sie sich nun hin und versuchen Sie ein wenig zur Ruhe zu kommen, Ihr Kopf wird es Ihnen danken“, meinte der Arzt doch der junge Mann protestierte erneut. „Nein, lassen Sie mich helfen.“Der Schwindel war zwar noch sehr präsent, aber der Schmerz hatte sich inzwischen in ein dumpfes Pochen verwandelt und war somit wesentlich leichter zu ertragen.„Wenn ich Ihnen befehlen würde sich auszuruhen, würden Sie sich dann daran halten?“, wollte Rush wissen und Friedrich schüttelte nach kurzem Überlegen heftig den Kopf, eine Gestik die er schnell bereute.„Das habe ich fast befürchtet. Na gut, dann kommen Sie“, gestatte der Ältere der beiden Männer und Friedrich ließ sich das nicht zwei Mal sagen.Die Zeit verstrich und langsam begann jeder in dem Gemeindehaus sich zu fragen, wann das Gefecht auf der Anhöhe endlich zu einem Ende kommen würde. Dann ertönten plötzlich drei Kanonen in unmittelbarer Entfernung und für einen Moment hielt das gesamte Lazarettpersonal inne, bevor Rush sie im autoritären Tonfall dazu aufforderte weiter zu arbeiten. Die nächste halbe Stunde ungefähr herrschte dann eine beinahe schon unheimliche Stille, bevor erneut Gefechtsgeräusche an das Gemeindehaus heran drangen. Dieses Mal aus der Richtung des Brandywine Creeks und auch nur von Musketen, nicht aber von Artilleriegeschützen. Was sich dem jedoch anschloss, war der das lauteste und erbittertste Feuergefecht das Friedrich bisher miterlebt hatte17.Die Hände des jungen Mannes umfassten gerade einen Granatsplitter, der sich tief in den Oberschenkel seines Patienten gebohrt hatte. Der Mann sah nicht mehr so jugendhaft aus, wie viele der anderen Soldaten, war aber auch noch nicht jenseits der 30. Friedrich hatte versucht den Fremdkörper so vorsichtig wie möglich zu entfernen, als ihm die Verformungen seitlich des Oberschenkels aufgefallen waren. Mit den Fingern fuhr er über die Beulen und erkannte schnell, dass es der zertrümmerte Oberschenkelknochen des jungen Mannes war, der von innen gegen das Gewebe und die Haut drückte. Das Bein des Soldaten war damit nicht mehr zu retten18. Die folgende Amputation verlief an sich gut, aber Friedrich war es nicht möglich, die Blutung zu stoppen. Beinahe schon verzweifelt rief er nach Doktor Rush, während er mit beiden Händen Druck auf den Stumpf ausübte.Als der ältere Arzt dann endlich an ihn heran trat, da war der Soldat unter seinen Händen bereits verblutet.„Ich kann das nicht mehr“, gestand Friedrich zitternd, als er sich mit dem Arm über die Stirn fuhr, das Blut an seinen Händen hinterließ einen Streifen an seiner Schläfe. Auch seine Kopfschmerzen waren wieder aufgeflammt.„Ich weiß“, murmelte Rush und zwang ihn ihm direkt in die Augen zu schauen. „Ich weiß aber auch, dass Sie das überwinden können, das haben Sie bereits in Trenton. Atmen Sie einmal tief durch und dann machen Sie sich bewusst, wie dringend diese Männer Sie brauchen. Denken Sie immer noch, dass Sie das nicht mehr können?“Friedrich fragte sich ernsthaft, wann Rush so manipulativ geworden war, aber fest stand, dass er genau wusste, was er Friedrich zu sagen hatte, damit dieser wieder neue Kraft schöpfte. In der Ferne ertönte ein letzter Schuss, dann kehrte Stille ein. Zumindest eine Sorge weniger, dachte Friedrich sich und bereite sich mental darauf vor, erneut Verwundete vom Feld zu bergen, dieses Mal vornehmlich ohne selber in die Schussbahn zu gelangen, als einer der Assistenten des Lazaretts herein gestürmt kam.„Unsere Truppen haben sich zurückgezogen Die Briten halten nun das Feld19“, verkündete er. Ob dieser Worte verließ jegliche Farbe Rushs Gesicht, ein Umstand den wohl auch Howell bemerkt hatte, denn er postulierte, gezwungen optimistisch: „Die weiße Flagge weht noch immer über dem Gebäude, da wird uns niemand angreifen.“„Das nicht, aber die Unabhängigkeitserklärung, ich habe sie unterzeichnet und alle Unterzeichner sollen gehängt werden, dass hat die Krone befohlen20.Dazu mein Sohn21 … mein Sohn ist noch keine zwei Monate alt, wenn ich nun hingerichtet werde – und Julia22, sie würde das nicht verkraften, ihr Vater23 ist doch gerade erst der britischen Kriegsgefangenschaft entkommen, mehr tot als lebendig, wenn ich nun auch noch – nein“, stammelte Rush und dieses Mal war es an Friedrich sein Gegenüber zu packen und somit sicher auf den Beinen zu halten.Howell fuhr sich mit der Hand über das Kinn während er laut nachdachte. „Wenn Sie eines der Pferde nehmen und nach Osten reiten, dann könnten Sie vielleicht-“„Wenn die Briten das Feld halten, dann wird er nicht weit kommen, wahrscheinlich würde der Doktor damit nur noch mehr Aufmerksamkeit auf sich lenken“, unterbrach Friedrich seinen Kollegen und erntete ein bestätigendes Kopfnicken.„Ich habe aber eine bessere Idee, geben Sie mir Ihre Papiere“, forderte der Deutsch-Amerikaner Rush auf. Dieser sah ihn nur verwundert an. „Bitte?“„Sollten die Briten unsere Personalien aufnehmen, dann werde ich ihnen meine Papiere zeigen und sie haben keinen Grund anzunehmen, dass ich noch andere bei mir führe.“„Das würden Sie für mich tun?“, fragte Rush, der Unglaube lag noch immer in seiner Stimme, aber er war bereits dabei seine Papiere hervorzuholen. Statt einer Antwort nahm Friedrich die Dokumente an sich und schob sie, unbemerkt, zwischen die Lagen an Stoff, die stramm um die Brust gewickelt waren. Sollten die Briten die Papiere dort finden, hatte Josephine sowieso ganz andere Probleme. Kaum waren die Schriftstücke so festgesteckt, dass sie nicht heraus fallen konnten, kamen auch schon die britischen Truppen in das kleine Gemeindehaus gestürmt.
Abtreibungen waren im 18. Jahrhundert verbreitet, aber keinesfalls legal. Es gibt jedoch gerichtliche Dokumente die darauf schließen lassen, dass, wenn eine dritte Partei beteiligt war, diese nicht bestraft wurde solange die Schwangere nicht gestorben ist
Tatsächlich hat La Fayette sich in Briefen an Familie und Freunde sehr beeindruckt von der Sittsamkeit und Tugendhaftigkeit der amerikanischen Frauen geäußert
Zu sagen, dass französische Frauen emanzipiert waren, wäre eine große Übertreibung gewesen, aber sie waren wesentlich stärker emanzipiert als amerikanische und viele europäische Frauen
Friedrichs/Joséphines Charakter basiert auf James Berry, der 1789 als Margaret Ann Bulkley in Cork in Irland geboren wurde. Ihr Onkel war der berühmte Maler James Berry und als Bulkley 1809 mit der Hilfe ihrer Mutter, ihres Onkels und einigen dessen hochrangigen Freunden ein Medizinstudium begann, nahm sie seinen Namen an. Bis zu ihrem Tod am 25. Juli 1865 lebte sie als Mann. Sie graduierte 1812 und trat 1813 der britischen Armee bei. Da Ärzte einen Offiziersrang inne hatten und Offiziere sich keiner Leibesvisitation unterziehen mussten, blieb ihr wahres Geschlecht unbekannt. Sie bekleidete letztendlich den zweithöchsten Rang, den ein Arzt in der britischen Armee innehaben konnte, den des Generalinspektor der Militärkrankenhäuser, vergleichbar mit dem Rang eines Brigadier-Generals. Sie reformierte Krankenhäuser wo immer sie stationiert war und führte den ersten dokumentierten Kaiserschnitt aus, bei dem sowohl Mutter als auch Kind überlebten. Es ist recht schwer Material über sie zu finden, aber die Suche lohnt sich allemal.
Das Judge Advocate General's Corps der Armee wurde am 29. Juli 1775 von George Washington gegründet und besteht bis heute. Der erste „Judge Advocate General“ war William Tudor, zum Zeitpunkt der Schlacht von Brandywine hatte John Laurance den Posten inne, nicht zu verwechseln mit dem Aide-de-camp John Laurens
La Fayette hat praktisch sofort nach seiner Ankunft in Amerika begonnen Englisch zu sprechen, frei nach dem Motto „Lerning by doing“, doch besonders zu Beginn war seine Aussprache zum Teil so schlecht, dass er schlicht nicht zu verstehen war. Doch auch Jahrzehnte später gab es immer noch Fehler, die er durchgehend machte. So schrieb er bis mindestens 1814 „tomorrow“ konsequent als „to morrow“ (siehe Lafayette an Madison, 18. August 1814) und er selber bemerkte, dass sein Englisch 1824/1825 nach der langen Zeit in Frankreich etwas eingerostet war.
Quäker leisten keine Schwüre, ein Versprechen ist daher schon die stärkste Versicherung, die ein Anhänger dieser religiösen Gruppe geben kann
Ich habe lange gesucht und immer noch nicht die richtige Bezeichnung für das Lied gefunden … ich denke dieser Umstand spricht für sich
Es gab ein paar sehr bekannte Frauen in der Armee, aber die meisten sind uns heute unbekannt geblieben. Ich empfehle sehr, sich ein paar zeitgenössische Quellen anzusehen und mehr über diese Frauen zu erfahren – Namen erfährt man jedoch leider nur sehr selten
Auch wenn Friedrich in Wirklichkeit Joséphine ist, werde ich bei Friedrich bleiben, solange der Charakter mit dem interagiert wird nichts von der wahren Identität weiß. Das ist auf lange Sicht übersichtlicher
Das medizinische Department hatte prozentual die mit Abstand höchsten Sterberaten von allen militärischen Gruppen. Die Wahrscheinlichkeit auf dem Feld zu sterben lag bei etwa 5%, die Wahrscheinlichkeit im Krankenhaus zu streben ungefähr bei 25% und Ärzte und Krankenschwestern, die mit den Kranken arbeiteten, starben reihenweise
Aufzeichnungen über dieses spezielle Feldlazarett sind etwas schwammig, aber wahrscheinlich waren Howell und Rush tatsächlich die einzigen „richtigen“ Ärzte
Damals war es noch nicht üblich ein Kreuz auf die Flaggen zu malen, um eine medizinische Einrichtung zu kennzeichnen
Rush hat sich selber als „drenched in blood“ beschrieben … eine ziemlich deutliche Ausdrucksweise
Kartätschen waren Artilleriegeschosse die mit Schrotladungen, also Eisensplittern oder Ähnlichem gefüllt waren
Hitzschläge waren ein Problem während des Krieges. Besonders die Briten hatten mit dem amerikanischen Klima zu kämpfen, aber auch die kontinentalen Soldaten, besonders die Truppen aus Neuengland wenn sie im Süden stationiert waren, hatten unter der Hitze zu leiden. So erlitt zum Beispiel Aaron Burr einen Hitzschlag, der ihn noch Jahre später gesundheitlich beeinträchtigte und weswegen er dann auch schließlich die Armee verließ. Das Musical „Hamilton” stellt die Zustände in dieser Zeile schon ganz treffend dar: „A thousand soldiers die in a hundred degree heat.”
Doktor Howell schrieb an seinen Vater: „the heaviest firing I ever heard … continuing a long time, every inch of ground being disputed“
Generell war die Faustregel, dass bei Verletzungen am Knochen oder an den Gelenken (mit Ausnahme von glatten Brüchen) auf jeden Fall amputiert werden musste
Die Geschehnisse in der Schlacht sind bis hierher genauso geschehen wie wiedergegeben, da es detaillierte Aufzeichnungen gibt. Alles nun folgende ist deutlich schwerer zu rekonstruieren, da sowohl Rush als auch Howell zwar ihre Erlebnisse in Briefen festgehalten haben, sich aber ab dem Zeitpunkt an dem die Briten in das Lazarett gekommen sind, beide auffällig kryptisch ausgedrückt haben
Tatsächlich erwartete die Unterzeichner der Tod durch Hängen, sollten sie gefasst werden, aber keiner von ihnen starb durch die Briten, fünf gerieten kurzzeitig in Gefangenschaft, von acht wurden die Häuser geplündert und sogar von General Lord Cornwallis als Hauptquartier genutzt, mehrere der Männer verloren Söhne in dem Krieg, aber dennoch starben 54, der 56 Unterzeichner unter natürlichen Umständen, viele in einem vergleichsweise hohen Alter und unter guten Lebensumständen, auch wenn einige nach der Revolution finanziell ruiniert waren
John Rush wurde am 17. Juli 1777 geboren und war das erste von insgesamt 13 Kindern von denen neun das Säuglingsalter überlebten
Julia Stockton (02. März 1759 – 07. Juli 1848) heiratete Benjamin Rush am 11. Januar 1776. Ihr Priester, Dr. John Witherspoon, unterzeichnete ebenfalls die Unabhängigkeitserklärung
Richard Stockton war ebenfalls ein Unterzeichner der Unabhängigkeitserklärung und geriet am 30. November 1776 in britische Gefangenschaft aus der er am 13. Januar 1777 entlassen wurde. Sein Gesundheitszustand war so schlecht, dass seine Familie annahm, er würde in den folgenden Wochen sterben
----- CHAPTER BREAK -----
11. September 1777
„(…) the English honoured me with a ball, which slightly wounded me in the leg, - but is a trifle, my dearest love; the ball touched neither bone nor nerve, and I have escaped with the obligation of lying on my back for some time, which puts me much out of humour. I hope that you will feel no anxiety; this event ought, on the contrary, rather to reassure you, since I am incapacitated from appearing on the field for some time: I resolved to take great care of myself; be convinced of this, my love.”
Der Marquis de La Fayette an seine Frau, die Marquise Adrienne de La Fayette, am 12. September 1777 Benjamin Rush, Lewis Howell und Friedrich Deegen beschlossen kein Wort darüber zu verlieren, was in dem Gemeindehaus nach der Ankunft der Briten geschehen war. Die Soldaten hatten letztendlich davon abgesehen Rush mit sich zu nehmen oder sonst jemanden aus dem Personal oder von den Patienten weiter zu belästigen. Als sie abzogen waren, hatten sie nur die Pferde mitgenommen und das Lazarett dann hinter sich in dem, von den Briten kontrollierten, Feld gelassen. Für einen Moment hielten alle Anwesenden die Luft an und konnten noch nicht begreifen, was gerade vorgefallen war. Doch sobald dieser Moment vergangen war, da drang Howells autoritäre Stimme durch den Raum. „Wir ziehen uns zurück. Jeder Mann der irgendwie Laufen kann, wird mit uns kommen. Sorgen Sie dafür, dass alle Vorkehrungen getroffen werden“, ordnete er einen der Assistenten an. Der junge Mann nickte eifrig und verschwand. Friedrich runzelte die Stirn.„Was ist mit den restlichen Patienten. Den größten Teil von den Männer werden wir zurücklassen müssen.“„Wir werden später zurück kommen und solange liegt es in der Verantwortung unserer Gegner, sich um unsere Verwundeten zu kümmern“, antwortete Rush und sah dabei noch immer ganz bleich aus. Die Angst, die er die vergangene Viertelstunde ausgestanden haben musste, war ihm noch anzusehen. Friedrich tat der arme Mann leid.„Viele der Männer können sich aber nicht erlauben auf medizinische Versorgung zu warten. Ich schlage deshalb vor, dass einer von uns zurückbleit, ich würde mich freiwillig dafür melden. Zwei Ärzte reichen, um die Verwundeten zur Hauptarmee zurückzuführen“, meinte der junge Arzt und hoffte innerlich, dass sein Vorschlag auf Zustimmung treffen würde. Er könnte so nicht nur sicherstellen, dass die Verwundeten und Kranken so lange wie möglich versorgt werden würden, sondern auch schnell in den angrenzenden Wald verschwinden und der Armee somit den Rücken kehren. Denn das Problem, wie er die Armee verlassen konnte, hatte er immer noch nicht gelöst – und die Zeit rannte ihm davon.„Sind Sie vollkommen von Sinnen?“, fragte Howell und sein Ton ließ keinen Zweifel zu, dass er seine Frage ernst meinte.„Die Männer brauchen Hilfe und ich-“„Doktor Deegen, ich habe im Moment keinen Nerv für ihre Quäker-Selbstlosigkeit oder für Ihren deutschen Starrsinn. Sie werden mit uns zur Armee zurückkehren und wenn ich Sie mit vorgehaltener Waffe dazu zwingen muss“, zischte Rush und Friedrich war sich sicher den Älteren noch nie so aufgebracht erlebt zu haben. Er seufzte in Resignation. Er würde wohl einen anderen Weg finden müssen.Das Gemeindehaus hinter sich zu lassen, war für keinen der drei Männer leicht. Sie alle wussten, dass ihr Fortgehen das Leben einiger ihrer Kameraden kosten würde.Doch es war fast noch schlimmer am Rande des Feldes herzugehen, in Richtung der kontinentalen Truppen. Dutzende Verwundete und sterbende Männer lagen dort auf den Wiesen, doch die kleine Gruppe hatte keine Möglichkeit ihnen zu helfen und so klangen ihnen nur die verzweifelten Rufe nach. Es war so falsch einfach weiter zu gehen und dennoch war da wenig, das Friedrich hätte tun können. Auch die Blicke von Rush und Howell glitten immer wieder über die niedergetrampelten Felder und all die Verletzten, sie sahen und dachten dasselbe wie Friedrich. Es war ein Bild des Schreckens, dass sich ihnen bot und dazu kam noch der erdrückende Gestank von faulen Eiern, den das Schießpulver der Artillerie in der Luft zurück gelassen hatte1. Nach dem Morgen in dem Gemeindehaus sollte man meinen, dass der junge Arzt gegen jede Art von unangenehmen Gerüchen abgehärtet war, dieser Geruch war jedoch besonders aufdringlich. Friedrich ließ sich schließlich an das Ende des Zuges fallen, dort wo die am schwersten Verletzten waren, die Männer stützten und halfen sich gegenseitig. Hier konnte er immerhin noch etwas tun und insofern zog er es vor sich diesen Patienten zuzuwenden, anstatt auf ihre toten Kameraden am Wegesrand zu starren.Je näher die Gruppe der amerikanischen Linie kam, desto deutlicher wurde ihnen auch, dass die Schlacht immer noch in vollem Gang war. Das Geräusch von Musketen die abgefeuert wurden, kam immer näher und nach einer guten Stunde Fußmarsch erreichten sie schließlich Chadds Fort, einen der Knotenpunkte der Schlacht. Die Truppenbewegungen waren hier noch dicht und dementsprechend verwundert war Friedrich, als die Gruppe plötzlich zum Stehen kam.„Sind wir auf unsere Männer gestoßen, oder auf die Briten“, fragte ein Verwundeter, der sich seit der Hälfte des Weges auf den jungen Arzt gestützt hatte.„Ich weiß es nicht“, gestand Friedrich und runzelte die Stirn. Warum sollte man aber anhalten, an einer Stelle so unweit der Kampfhandlungen, wenn man nicht in eine Gruppe britischer Soldaten geraten sei. Friedrich war halb verführt selber zu der Spitze der Gruppe zu gehen und sich nach dem Grund für ihr Anhalten zu erkundigen, als er Howell auf ihn zu schreiten sah.„Rush will Sie sehen“, verkündete dieser.„Jetzt?“„Ja, es gibt einen Verwundeten bei dessen Behandlung er Ihre Assistenz wünscht.“„Nachdem wir zuvor so viele Männer zurück lassen mussten, möchte Rush hier und jetzt jemanden behandeln?“, stutzte Friedrich.„Der Verwundete ist ein General“, erklärte Howell und drückte dem Jüngeren mit der Hand gegen den Rücken, um ihn so zum Gehen zu animieren.Ein General, natürlich. Für Generäle gelten andere Regeln als für die einfachen Gefreiten, dachte Friedrich verächtlich, als er in die Richtung ging, aus der Howell gekommen war. Schnell fiel sein Blick auf die beiden Männer mit den Rangabzeichen eines Aide-de-camps2 und auf den Mann in Generalsuniform, der seinen linken Fuß auf einen Stein gestellt hatte. Doktor Rush kniete am Boden und untersuchte offensichtlich eine Wunde am Unterschenkel des Generals und3 --- Friedrich hielt für einen Moment die Luft an. Das durfte doch nicht wahr sein! Der General dort vor ihm war General-Major La Fayette, der Mann, dem Friedrich heute Morgen noch versprochen hatte, das Camp bis Mittag verlassen zu haben. Wie viel Pech konnte ein einziger Mensch an einem Tag nur haben?„Doktor Deegen, kommen Sie her“, forderte Rush seinen Kollegen auf, sobald er ihn erblickte. Spätestens bei der Nennung seines Namens sah auch der Marquis zu ihm auf, aber Friedrich vermied es bewusst, den Franzosen anzusehen. Stattdessen kniete er sich nur neben Rush und begutachtete die Wunde.„Eine Musketenkugel hat den General an der Wade getroffen. Wir haben nur ein Eintrittsloch, die Kugel muss also noch in der Wunde stecken. Soweit ich das beurteilen kann, sind weder Knochen noch Nerven verletzt, aber mit vollkommener Sicherheit kann ich das unter den gegebenen Umständen nicht sagen. Was mir momentan am meisten Sorgen bereitet ist der Blutverlust. Dem General ist die Wunde erst aufgefallen, als das Blut seinen Stiefel gefüllt hatte und heraus gelaufen ist, die Blutung wurde dann behelfsmäßig mit seiner Schärpe verbunden4, aber ich befürchte, das hat nicht viel bewirkt.“ Friedrich hatte Rushs Ausführungen schweigend zugehört und nur immer wieder mit dem Kopf genickt. „Wofür benötigen Sie nun meine Hilfe?“, fragte der junge Arzt, er wollte dieser unangenehmen Situation so schnell wie irgend möglich entfliehen.„Der General ist vier Meilen westlich von hier verwundet worden, hat den Ritt aber angetreten, da er seine Truppen neu formieren und zu einem geordneten Rückzug bewegen wollte. Er besteht darauf, auch noch die nächsten zwölf Meilen nach Chester mit ihnen zu reiten. Ich hatte gehofft, wenn wir die Kugel jetzt entfernen können, dann ist der Schaden den das Gewebe während des Rittes nimmt, nicht so erheblich. Ich selber konnte die Kugel nicht ertasten, aber sie haben dünnere Finger als ich, insofern …“„Ich verstehe schon“, erwiderte Friedrich und seufzte einmal innerlich. Das durfte doch alles nicht wahr sein. Mit einer raschen Bewegung rieb er die Hände aneinander, um seine Finger etwas zu wärmen, die Septemberluft hatte sie merklich kalt und steif werde lassen, und schob dann zwei Finger in das Eintrittsloch der Kugel. Er taste sich entlang der Ränder des zerrissenen Gewebes voran, bis seine Finger plötzlich gegen etwas Hartes stießen. Blut quoll aus der Wunde hervor, um seine Hand und seinen Arm herunterrinnend, bis es sich irgendwann mit dem Leinen seines Hemdes verband. Der Marquis unterdrückte einen Schmerzenslaut mehr schlecht als recht, als Friedrich seine Finger tiefer in die Wunde schob, um die Kugel zu fassen zu bekommen. Doch vergebens.„Ich kann die Kugel zwar lokalisieren, aber nicht entfernen, nicht ohne einen noch größeren Schaden anzurichten. Sie scheint an der Stelle an der sie sich momentan befindet aber recht fest zu sitzen, mit etwas Glück bleibt das auch so“, erklärte Friedrich als er die Finger wieder herauszog und das fremde Blut an seiner Hose abwischte. Der Stoff war eh bereits mit Blut und Schweiß und Dreck getränkt, da kam es auf diesen einen Fleck mehr oder weniger auch nicht mehr drauf an.„Gut, dann verbinden wir die Wunde nur und kümmern uns um den Rest sobald wir uns sicher zurückgezogen haben“, ordnete Rush an. Gesagt getan, keine zehn Minuten später hatten die beiden Aide-de-camps dem Marquis wieder auf sein Pferd geholfen – die Verletzung schränkte ihn derart ein, dass er es nicht alleine geschafft hätte - und waren an seiner Seite wieder in Richtung der kontinentalen Truppen galoppiert.„Mir gefällt das nicht“, verkündete Rush und räumte seine Materialien wieder zusammen. „Die britischen Truppen sind nicht mehr weit entfernt und in seinem Zustand bin ich mir nicht sicher, dass er ihnen entkommen kann5.“„Aber ist es nicht ehrbar, dass er das Wohl seiner Männer über sein eigenes stellt?“, fragte Friedrich.„Leichtsinnig ist das meiner Meinung nach, aber mich fragt ja keiner. Was denken Sie Doktor Deegen, General La Fayette hat diesen Rang nicht aufgrund seiner Erfahrung oder seines Talentes bekommen. Nein, er hat ihn bekommen, da er durch Geburt und Heirat6 Verbindungen zu zwei der reichsten und einflussreichsten Familien im französischen Adel hat. Jeder im Kontinentalkongress weiß, dass wir die Hilfe von Frankreich brauchen7 und der junge Marquis ist bisher unsere beste Möglichkeit diese auch zu erlangen – aber nicht, wenn er sich vorher totschießen oder gefangen nehmen lässt8.“ Friedrich hatte die Thematik zuvor noch nie aus diesem Blickwinkel betrachtet, aber Rushs Ausführung erschien logisch.Die Straße, die nach Chester führte, entwickelte sich bald zur Rückzugsroute der gesamten Kontinentalarmee, oder zumindest machte das den Eindruck. Jeder der sich noch auf den Beinen halten konnte, entfloh dem Desaster auf dem Schlachtfeld in Richtung der kleinen Stadt in Pennsylvania. Ein gewisses Maß an Ordnung war inzwischen hergestellt worden, aber dennoch war es noch lange kein ordentlicher Rückzug. Rush hatte angeordnet, dass man, sobald man innerhalb der Stadtgrenzen war, das erste öffentliche Gebäude aufsuchen und zu einem Lazarett umfunktionieren würde. Die Wahl fiel schließlich auf die Birmingham Kirche9 und in Friedrich begann die leise Hoffnung zu keimen, dass sich ihm nun die Gelegenheit bieten würde, der Armee endlich in einem unbemerkten Augenblick den Rücken zu zukehren. Inzwischen war auch Unterstützung in Form von mehr Ärzten und medizinischen Personal eingetroffen, sodass er aufgrund seines Fortgehens auch kein schlechtes Gewissen haben müsste. Aber das Glück war mal wieder nicht auf seiner Seite.„Doktor Deegen, kommen Sie her“, hörte er Rushs Stimme sich über den allgemeinen Lärm erheben und mit einem langen Seufzer wandte er sich dem Älteren zu. „Wie kann ich Ihnen behilflich seien, Sir?“„Ich werde mich gleich auf den Weg begeben und mich mit dem Personal der restlichen Lazarette besprechen und habe Doktor Howell daher das Kommando über dieses Lazarett erteilt, ich wollte Sie mit dieser Aufgabe nicht noch zusätzlich belasten. Seien Sie sich aber dennoch bewusst, dass Sie in meinen Augen über den anderen Ärzten stehen, assistieren Sie in diesem Sinne Doktor Howell in seiner Funktion und handeln Sie nach eigenem Ermessen“, erklärte Rush und klopfte Friedrich auf die Schulter. Dieser hätte angesichts dieser Worte und des Vertrauens das in ihn gesetzt wurde, erfreut sein müssen, aber er war zu erschöpft und vor allem viel zu angespannt, um sich geschmeichelt zu fühlen. Deshalb nickte er nur stumm und beobachte wie Rush durch die Tür hinaus ins Freie trat. Vielleicht wäre nun ja der ideale Zeitpunkt gekommen um sich…, der Gedanke hatte sich noch nicht einmal vollkommen in seinem Kopf geformt, als er, einmal mehr an diesem Tag, seinen Namen gerufen hörte. Die Stimme die ihn rief klang rauchig vom vielen Tabak und Friedrich könnte den Klang dieser Stimme niemals vergessen. Sie gehörte Robert Tattnell, einem Arzt in Friedrichs Department. Friedrichs hatte nichts gegen ihn, Tattnell war ein durch und durch fähiger Arzt, der obendrein in den Fünfzigern war und damit ein großes Maß an Erfahrung besaß. Vielleicht könnte man ihm vorwerfen, dass er manchmal etwas vorschnell handelte, aber sein schnelles Handeln hatte bestimmt auch schon etliche Male seinen Patienten das Leben gerettet. Dazu war Tattnell ein glühender Verehrer von Doktor Rush, besonders dessen Abhandlungen im Bereich der Chemie10 hatten es ihm angetan, doch leider konnte er nur äußerst schlecht den Umstand akzeptieren, dass Rush so viel seiner Zeit und Aufmerksamkeit Friedrich zukommen ließ. Dies und Friedrichs Jugend hatten Tattnell dazu bewegt, eine gewisse Abneigung gegen den Deutsch-Amerikaner zu entwickeln.„Kommen Sie her und helfen Sie mir“, wies er Friedrich an und dieser kam der Bitte nach, Streit war wirklich das Letzte, was er nun wollte. Tattnell stand in dem Hauptraum der Kirche und anscheinend hatte man einen der größeren Tische in der Kirche als Operationstisch ausgewählt. Auf dieser Behelfsmäßigkeit lag bereits ein Patient und zwei weitere Männer, vielleicht einige der Assistenten, die inzwischen in der kleinen Kirche eingetroffen waren, standen nebenbei. Als Friedrich sich dem Tisch näherte, erkannte er jedoch die schmale Gestalt des Marquis de La Fayette auf dem Tisch. Für einen Moment hielt der junge Arzt inne, die Muskeln in seinem Körper verspannten sich. Er sollte eigentlich zurückschrecken, sollte genauso erschrocken sein wie Stunden zuvor, als er den Franzosen auf dem Schlachtfeld getroffen hatte. Aber sein Körper war zu ausgelaugt, war zu lange und zu sehr angespannt gewesen, um sich in diesem Zustand noch zu steigern. Wenn es Gottes Wille war, den Weg des Marquis immer wieder mit dem ihrigen kreuzen zu lassen, sodass sie an ihre Sünden, ihre Täuschung, ihren Verrat an ihrer Familie und ihrer Ehe, ihr gebrochenes Versprechen erinnert werden würde, so wollte Joséphines sich diesem Willen beugen. Folglich straffte Friedrich die Schultern und trat näher an den Tisch heran. Die beiden vermeintlichen Assistenten erkannte er nun auch als die Aide-de-camps des Generals.„Halten Sie den General fest, während ich amputiere und die Nachsorge können Sie dann auch gleich übernehmen, ja?“, instruierte Tattnell während er mit skeptischem Blick zwei Knochenpfeilen miteinander verglich. Friedrichs Kopf schoss in die Höhe.„Warum wollen Sie amputieren?“, fragte er sogleich, doch sein älterer Kollege sah ihn nicht einmal an und ließ sich auch nicht zu einer Antwort herab. Auf nonverbale Art und Weise machte er somit sehr deutlich, dass er es nicht für nötig befand, sich vor dem jüngeren Friedrich rechtfertigen zu müssen. „Doktor Rush und ich haben den General bereits vor einigen Stunden, kurz nachdem er verwundet wurde, versorgt. Ich kann ihnen also daher versichern, dass eine Amputation ganz und gar unnötig ist. Weder Knochen noch Nerv sind verletzt“, fuhr Friedrich fort und endlich blickte Tattnell zu ihm herüber – wenn Blicke töten könnten, würde diese Geschichte hier enden.„Wie freundlich von Ihnen, mir Ihre Erkenntnisse von vor drei Stunden mitzuteilen, aber ich denke, dass Sie besser daran tun, sich mit den gegebenen Umständen zu befassen. Wenn Sie sich die Wunde genauer ansehen würden, dann erkennen sie hoffentlich, wie stark das umliegende Gewebe beschädigt ist – das heilt nicht mehr. Hätte der General sich sofort in unsere Obhut begeben, sähen die Dinge nun vielleicht anders aus11. Übersetzten Sie das für unseren Patienten, mit seinem Englisch scheint es nicht zum Besten und Ihr Französisch ist besser als meins“, entgegnete der ältere der beiden Ärzte und klang dabei so herablassend, dass Friedrich am liebsten die Augen verdreht hätte. Er verkniff sich diese abfällige Geste jedoch und kam stattdessen der Aufforderung nach.„Général, nous devons amputer votre jambe“ (General, wir müssen Ihr Bein amputieren.), übersetzte Friedrich und schluckte dabei schwer. Er blickte den Marquis nun direkt an und erkannte wie sich die Augen des jungen Mannes vor Schreck weiteten. Wenn Tattnell die gleiche Beobachtung gemacht hatte, ließ er sich nichts anmerken. „Quoi? Non!“ (Was? Nein!), brachte La Fayette hervor und versuchte sich mit den Ellenbogen hochzustemmen. Erfolglos. Der hohe Blutverlust hatte ihn zu sehr geschwächt. Plötzlich kam Friedrich eine Erkenntnis, eine Erkenntnis mit solch einer Klarheit, dass er einen Moment inne halten musste, um die gesamte Tragweite dieses Gedanken zu verstehen. Der junge General könnte sterben. Tattnell schien sich auf die Notwendigkeit einer Amputation versteift zu haben und diese verliefen nun einmal nicht selten tödlich. Der Schmerz alleine konnte einen Mann umbringen, wenn die Ärzte sich zu lange Zeit ließen, danach kam der Blutverlust. In dem Feldlazarett in Birmingham war ihm vor wenigen Stunden selber ein Patient verblutet und La Fayette hatte schon eine beträchtliche Menge an Blut verloren. Selbst wenn er die Prozedur an sich überleben sollte, todbringende Entzündungen suchten nicht selten jene heim, denen man Gliedmaßen amputiert hatte. Der Tod könnte noch heute Abend kommen und Friedrich war sich sicher, dass La Fayette sein Geheimnis mit ins Grab nehmen würde. An den Blicken der beiden Aide-de-Camps konnte der junge Arzt zumindest ablesen, dass sie nicht eingeweiht waren, andernfalls wäre ihr Verhalten ihm gegenüber anders. Wen hätte der junge Franzose sonst ins Vertrauen ziehen sollen, wenn nicht einmal seine beiden Aide-de-Camps, zumal er ja schon seit den späten Morgenstunden Truppen befehligt und eine Schlacht ausgefochten hatte12.Sollte Tattnell amputieren, konnte Friedrich sein Geheimnis vielleicht schon morgen früh sicher bewahrt wissen, da La Fayettes tote Lippen es nicht mehr weitergeben könnten. Er selbst müsste sich wegen dieses Umstandes auch keine Vorwürfe machen, immerhin hatte er ja deutlich gegen Tattnells Entscheidung plädiert. Friedrich schloss die Augen und genoss für einen Moment die ungeheure Klarheit mit der dieser Gedanke kam. Der gesamte Tag war ein einziges hin und her, ein Drahtseilakt gewesen, doch dieser Gedanke grenzte sich scharf von all den anderen Dingen ab, die dem jungen Arzt durch den Kopf gingen. Ebenso klar war folglich auch, was er nun zu tun hatte. Vielleicht war es wirklich Gottes Wille, dass der Marquis ihm heute die beiden Male begegnet war.„Ich beuge mich Eurer größeren Erfahrung Doktor Tattnell, aber lassen Sie mich die Amputation durchführen. Es mangelt uns hier an Ärzten, da können Sie sich lieber dem nächsten Patienten zuwenden“, schlug Friedrich vor und fixierte Tattnell mit seinem Blick. Dieser lachte nur trocken auf. „Sie sind nicht gerade sehr subtil Mr. Deegen. Ich werde nicht gehen, da ich Ihnen nicht vertraue die nötigen Behandlungsschritte auch tatsächlich auszuführen und Ihr mickriger Versuch gerade hat mich in dieser Wahrnehmung nur noch weiter bekräftigt“, konterte Tattnell und wollte schon nach dem Amputationsmesser greifen, als Friedrich ihm ein paar zusammengefaltete Papiere vor die Nase hielt.„Was ist das?“, fragte der ältere der beiden Ärzte.„Das sind die Ausweispapiere von Doktor Rush.“„Bitte?“„Ich war vorhin mit Doktor Rush im Feldlazarett in Birmingham. Nachdem unsere Truppen sich zurückgezogen hatten und wir uns hinter feindlichen Linien befanden, habe ich seine Papiere an mich genommen, damit man ihn nicht als Unterzeichner der Unabhängigkeitserklärung identifizieren könnte. Ich habe es bisher versäumt ihm die Papiere zurück zugeben, aber ich dachte, vielleicht möchten Sie diese Aufgabe ja übernehmen. Ich weiß, wie sehr Sie Doktor Rush bewundern, also nehmen Sie die Papiere und gehen zu ihm, wechseln Sie bei der Gelegenheit ein paar Worte“, meinte Friedrich und bemerkte wie seine Stimme zum Ende hin zu zittern begann. Tattnell würde sich nie darauf einlassen, dafür war er zu schlau und Friedrichs Strategie zu verzweifelt. Doch dann merkte der junge Arzt wie Tattnell ihm die Papiere aus der Hand nahm und sie einen Moment mit großen Augen anblickte – ganz so als wollte er das Gesagte nicht so recht glauben, dann sah er wieder zu Friedrich auf und murmelte leise, fast schon andächtig: „Danke. Ihre nächste Nachtschicht geht auf mich“, bevor er verschwand. Friedrich stieß den Atem erleichtert aus, er hatte wirklich nicht damit gerechnet, dass sich diese wahnwitzige Idee in die Tat umsetzen lassen würde.„Qu'est-ce que vous faites?“ (Was tun Sie da?), fragte La Fayette als Friedrich die Amputationsmesser beiseite räumte.„Je ne suis pas d'accord avec Docteur Tattnell. Nous ne devons pas amputer. Je sais que je peux sauver votre jambe“ (Ich stimme nicht mit Doktor Tattnell überein. Wir müssen nicht amputieren. Ich weiß, dass ich Ihr Bein retten kann) meinte der junge Arzt und zog es dabei vor, auf seine Finger zu starren, als auch nur in die Richtung seines Patienten zu blicken. Seine Wortwahl erstaunte ihn selbst. Sie zeugte von großer Sicherheit, einer ungewöhnlich großen Sicherheit, denn eigentlich war es die Angewohnheit des Deutsch-Amerikaners keine Versprechen zu machen, von denen er nicht vollkommen sicher war sie auch halten zu können. Die Medizin war kein Berufsfeld in dem man je diese vollkommene Sicherheit erlangte. Selbst wenn er die Kugel entfernen könnte, könnte eine Entzündung in den nächsten Tagen eine Amputation immer noch unerlässlich machen. Nachdem einige Augenblicke lang Schweigen zwischen den beiden geherrscht hatte, sah Friedrich dem Marquis nun doch ins Gesicht„Vous ne me faites pas confiance“(Ihr vertraut mir nicht.), stellte er fest.„Et qui m'en ferait le reproche?“ (Und wer könnte es mir verübeln?), konterte La Fayette. Sein Misstrauen war nur verständlich, ihm musste der gleiche Gedanke gekommen sein wie Friedrich, sollte er sterben, würde das Geheimnis um Friedrichs Identität mit ihm zu Grabe getragen werden. Dazu hatte er nun miterlebt, wie offensichtlich der junge Arzt Tattnell aus dem Weg haben wollte.„Aucun Général. Mais j'agirai selon vos désirs“ (Niemand General. Aber ich folge einzig Euren Anweisungen.), antworte der Deutsch-Amerikaner deshalb, seine Stimme respektvoll gesenkt. „Continue“ (Fahren Sie fort.), befahl der Franzose schließlich und begab sich wieder in eine liegende Position. Der Blick in seinen Augen war fest und entschlossen – und so schrecklich angsterfüllt. Friedrich bildete sich ein zu wissen, was in etwa in dem Kopf des jungen Mannes vorging. Er kam aus einer Familie von Waisenjungen, deren Väter sehr jung auf dem Schlachtfeld starben und deren Söhne meistens ein ähnliches Schicksal ereilte. Sein eigener Vater, Michel Louis Christophe du Motier, war im Alter von nur 25 Jahren im Siebenjährigen Krieg in der Schlacht von Minden gefallen, da war La Fayette noch keine zwei Jahre alt – und nun lag er selber hier, einen Ozean von seiner Heimat und seiner Familie entfernt, verwundet in einem Krieg der nicht sein eigener war, auf einem Tisch in einer amerikanischen Kirche und seine Behandlung lag in den Händen einer Frau, deren Motive er zu recht anzweifeln durfte. Unter diesen Umständen musste er doch befürchten, dass eine weitere Generation in seiner Familie, seine eigenen Kinder, eines davon war gerade erst geboren worden13, wie er ohne ihren Vater auswachsen müsste.Um dem jungen Mann zumindest den Zweifel bezüglich seiner Absichten zu nehmen, machte Friedrich sich zügig an die Arbeit. Mit einer schmalen Zange versuchte er die Kugel aus dem Unterschenkel des Franzosen zu entfernen und er bemerkte schnell, dass dieses Unterfangen schwieriger werden würde, als gedacht. Die Kugel musste sich während des Rittes immer tiefer in das Fleisch gegraben haben. La Fayette zuckte jedes Mal zusammen, wenn das Werkzeug sich in seiner Wunde bewegte oder wenn Friedrich einen seiner Finger nachschob, um ein besseres Gefühl für seine Fortschritte oder besser gesagt deren Ausbleiben zu bekommen. Er musste schnell handeln, ewig würde Tattnell nicht fernbleiben und bis der Ältere wiederkam, sollte besser der Großteil der Arbeit getan sein.La Fayettes Atmung wurde schneller und gepresster, je tiefer Friedrich in das Gewebe vordrang. Gerne hätte er dem jungen Mann etwas gegen die Schmerzen gegeben, aber nicht einmal Rum hatte er zur Hand, ganz zu schweigen von Laudanum. Normalerwiese würde der junge Arzt nun anfangen wieder seine Bibelverse zu rezitieren, um dem jungen Mann zumindest etwas Ablenkung zu verschaffen, aber Friedrich war sich nicht sicher in wieweit der Marquis, besonders in seiner jetzigen Verfassung, Englisch verstehen konnte und er selber hatte die Bibel nie auf Französisch gelesen und um nun die Stellen einfach zu übersetzen, war er zu sehr auf andere Dinge fokussiert. Seine Familie hatte zwei Bibeln besessen, eine Englische, das war die Bibel in der die Familie am Sonntag gelesen hatte und mit der die Kinder lesen gelernt hatten, Joséphine selber hatte durch die Anleitung ihrer Mutter in diesem Buch lesen gelernt, und eine deutsche Bibel aus der Heimat ihrer Mutter. Eine französische Bibel hatte die Familie nie besessen – trotz der Abstammung des Vaters. Er hatte generell wenig aus seiner Heimat mitgebracht, weder Traditionen noch Besitztümer. Ihm lag nicht viel an Frankreich, diesem Land in dem er Hass kennengelernt hatte, dieses Land aus dem er vertrieben worden war. Da die Religion die stärkste Kraft hinter dieser Vertreibung war, brachte er jedem religiösen Relikt seiner Heimat nur wenig Liebe entgegen. Stattdessen hatte Hugo immer die deutsche Bibel seiner Frau Johanna bevorzugt – die Heilige Schrift in der Sprache des Landes, in dem er und seine Familie endlich in Sicherheit leben und ihren Glauben praktizieren konnten.Aus Ermangelung einer besseren Idee begann Friedrich schließlich den Text des Lieblingsliedes seines Vaters zu rezitieren. „Les Anges dans nos campagnes“ war eigentlich ein Weihnachtslied14, aber dashatte den Vater nie davon abgehalten es ganzjährig zu singen. Joséphine selber war keine begnadete Sängerin, während Quäkerzeremonien wurde selten gesungen und allein schon daher hatte ihr immer eine Gelegenheit gefehlt zu singen. Sie war natürlich auch keines dieser Mädchen der Oberschicht für das Musik- und Gesangsunterricht zur Ausbildung gehörte, wie für sie waschen, Kleidung ausbessern und Felder bestellen. Das alles bedeutete natürlich nicht, dass sie überhaupt nicht singen konnte, aber sie war nun auch eben keine besonders gute Sängerin. Doch ganz abgesehen von ihrer Begabung, unter den gegebenen Umständen war es schon anspruchsvoll genug, den Text fehlerfrei zu rezitieren.Die Schritte der sich nähernden Personen fielen Friedrich zwar auf, allerdings nur unterbewusst, da sie sich nicht deutlich genug von dem Lärm des Lazarettbetriebes um ihn herum abhoben. Erst als er Tattnells Stimme hinter sich vernahm, drehte er sich herum, um die kleine Delegation zu erkennen, die sich ihm näherte. Er erkannte Tattnell auf Anhieb, er war in Begleitung eines ihm unbekannten Mannes und … James Monroes? Nach ihrer Begegnung bei der ersten Schlacht von Trenton hatte sich zwischen den beiden eine Freundschaft entwickelt. Monroe hatte zwei Monate gebraucht, um sich von seiner beinahe tödlichen Begegnung mit einer Musketenkugel zu erholen und Friedrich hatte als Arzt viel Zeit an seiner Seite verbracht, besonders während der kritischeren ersten Tage. Nach seiner Genesung war Monroe in seinen Heimatstaat Virginia zurückgekehrt, wo er Truppen für ein eigenes Kommando rekrutieren wollte. Dass er von dort zurückgekehrt war, war Friedrich bis zu diesem Moment unbekannt gewesen. Doch die freudige Überraschung verblasste im Angesicht der Person die hinter Monroe die Kirche betreten hatte.„General Washington“, Friedrich salutierte als der Oberbefehlshaber der Kontinentalarmee sich näherte.Auch wenn der Deutsch-Amerikaner Washington schon einmal begegnet war, in dem Krankenzimmer Colonel Ralls nach der ersten Schlacht von Trenton und obwohl er sich als Quäker nichts aus Titel und Rängen machte15, so musste er doch gestehen, wie ihm ein Schauer über den Rücken lief, als Washingtons Blick auf ihn fiel. Der Kontakt hielt nicht länger als ein paar Sekunden, die Dauer eines Kopfnickens, an, aber der großgewachsene16 Virginier verfügte über solch eine Ausstrahlung, dass sich Friedrich dem Gefühl, in der Anwesenheit eines bedeutenden Mannes zu sein, nicht entziehen konnte.Auch La Fayette, noch immer auf dem Tisch liegend, unternahm einen erneuten Versuch sich hochzustemmen und als ihm dies mehr oder weniger gelungen war, salutierte er. Washington winkte ab, meinte der Marquis sollte lieber seine Kräfte schonen. „Ihr wurdet auf dem Schlachtfeld schon für Tod gehalten17, mein lieber Marquis18“, erklärte Washington mit einem weichem Blick. La Fayette schüttelte nur den Kopf und meinte schmunzelnd: „Es braucht schon mehr als das, um mich umzubringen. Ich hoffe nur, dass sie mich nicht aufessen werden. Sie sehen alle so hungrig aus und ich bin das einzig Essbare auf diesem Tisch19.“ Seine Stimme klang dabei zwar ein wenig heiser und merklich erschöpft, aber nicht die Spur eines Lächelns verriet seine gespielte Ernsthaftigkeit. Friedrich konnte aus dem Augenwinkel sehen wie Monroe, der mit respektvollem Abstand hinter Washington gewartet hatte, nur mit Mühe und Not ein Lachen zurückhalten konnte und auch der junge Arzt selber war sich sicher, dass er in einer weniger angespannten Lage über diesen Scherz hätte lachen müssen.Während Friedrich nun da stand, den Blick in Washingtons Richtung gelenkt und nicht wirklich wusste, was er tun sollte, näherte der fremde Mann sich La Fayette. Er begutachtete die Verletzung eingehend und sein Vorgehen zeugte von der fachlichen Kompetenz eines Arztes mit viel Erfahrung. Tattnell hatte natürlich längst bemerkt, dass Friedrich sich über seine Anweisungen hinweggesetzt hatte, und wandte sich nun an Washington. „Sir, ich entschuldige mich für meinen Kollegen. Wir hatten uns eigentlich auf eine andere Behandlungsmethode geeinigt, aber Mr. Deegen ist noch sehr jung und folglich unerfahren“, erklärte Tattnell Friedrichs Verhalten. Aber der Deutsch-Amerikaner konnte sich dem Gedanken nicht erwehren, dass Washington Tattnell nicht seine volle Aufmerksamkeit schenkte. Stattdessen war sein Blick auf den Marquis und den fremden Mann gerichtet, einzig bei der Erwähnung von Friedrichs Namen sah er einmal kurz zu ihm herüber, vielleicht erinnerte er sich sogar an ihre Begegnung in Trenton.„Wie sieht Ihre Beurteilung aus, Doktor Craik20“, fragte Washington schließlich und Friedrich zuckte bei dem genannten Namen zusammen. Doktor Craik war ein sehr angesehener Arzt aus Virginia und der Leibarzt Washingtons. Der Umstand, dass der General diesen Mann schickte den Marquis zu behandeln, sprach Bände über Washingtons Gefühle für den jungen Franzosen.Doktor Craik hob den Kopf, um Washingtons Blick zu treffen. „Ich weiß nicht, welche andere Behandlungsmethode Doktor Tattnell und Doktor Deegen anwenden wollten, aber die bisherige Versorgung der Wunde ist ganz so, wie ich sie selber angeordnet hätte“, erklärte der Virginier und fügte hinzu. „Wenn seine Exzellenz es wünscht, werde ich mich um die weitere Behandlung kümmern.“Friedrich stieß die Luft aus, von der er nicht wusste, dass er sie während Craiks Beurteilung angehalten hatte. Dann hatte er mit seinem Urteil doch richtig gelegen. Das kleinste Lächeln stahl sich auf seine Züge, als er sah wie Tattnell die Farbe aus dem Gesicht wich. Wahrscheinlich gingen ihm gerade die Szenarien durch den Kopf, was passiert wäre, wenn er tatsächlich amputiert hätte. Washington bekam davon nichts mit und richtete sich stattdessen wieder an Craik. „Tun Sie das Doktor-“, dann hielt er einen Moment inne und meinte, mit einem seltsamen Ton „Behandeln Sie ihn, als wäre er mein eigener Sohn21.“ Friedrich konnte sehen wie sich die Augen des Marquis bei diesen Worten aufhellten, so hell, dass er beinahe den gesamten Raum erleuchtet hätte. Friedrich merkte wie seine eigenen Gesichtszüge milde wurden.Bevor seine Gedanken ihn weiter hätten forttragen können, meldete Craik sich erneut zu Wort. „Doktor Tattnell, ich danke Ihnen für Ihre Arbeit, aber ich werde nun hier übernehmen. Kümmern Sie sich um die restlichen Verletzten“, wies dieser Friedrichs Kollegen an, nachdem Washington sich zum Gehen gewandt hatte. Der Angesprochene nickte knapp und verschwand, wahrscheinlich glücklich der Situation entkommen zu sein, aber nicht ohne noch einen vielsagenden Blick in Friedrichs Richtung zu werfen. Dieser wollte ihm folgen, immerhin gab es noch genügend Arbeit zu tun, als Craiks Stimme ihn zurück hielt.„Nicht so schnell Doktor … Deegen, nicht?“„Ja, Sir“„Im Angesicht der Tatsache, dass Doktor Tattnell uns an der Tür entgegen gekommen ist, gehe ich davon aus, dass Sie die Behandlung bis hierhin durchgeführt haben?“Friedrich nickte stumm, die Hände hinter dem Rücken ineinander verschränkt. Monroe stand mittlerweile direkt hinter ihm und der junge Arzt begann sich zu fragen, was er hier überhaupt tat. Über eine medizinische Ausbildung verfügte er nicht.„Gut, dann werden Sie mir assistieren und helfen, die Behandlung abzuschließen. Captain Monroe22, Sie kennen Ihre Aufgabe.“Friedrich hatte sich die ganze Zeit gefragt, welchem Umstand Monroes Anwesenheit geschuldet war und erst als dieser sich auf einem kleinen Schemel neben dem Tisch niederließ und mit gesenkter Stimme auf den Marquis einredete, dämmerte es Friedrich. Monroe sprach ausgezeichnet Französisch. Während Friedrich und Craik also arbeiteten, übersetzte er für den Marquis und stellte eine Art moralischen Beistands dar23. Der Deutsch-Amerikaner mochte den Klang von Monroes Stimme, sein Südstaatenakzent schlang sich um jedes seiner Worte. Sein Französisch war ganz anders als Friedrichs Französisch. Friedrich hatte die Sprache von seinem Vater gelernt, hatte seinen Akzent, den aus dem Süden Frankreichs nahe der Hafenstadt Marseille, mehr oder weniger stark übernommen. Auch seine Grammatik zeugte von dem Einfluss seines Vaters, er nutzte wahrscheinlich nur die Hälfte der Zeitformen, da im gesprochenen Französisch selten mehrere Formen benötigt wurden. Monroe hingegen beherrschte sie alle und bewegte sich im Laufe seiner Unterhaltung mit La Fayette sicher durch die verschiedenen Formen. Aus Anstand und da er schlichtweg mit seiner eigenen Arbeit beschäftigt war, überhörte der junge Arzt die Unterhaltung – dennoch merkte er, dass das Gespräch recht einseitig geführt wurde. Nur hin und wieder, immer dann wenn sein Name fiel, lenkte Friedrich seine Aufmerksamkeit in Richtung der beiden jungen Männer. Es schien als würde Monroe La Fayette von seiner ersten Begegnung mit Friedrich während der Schlacht von Trenton berichten.Es war für Friedrich sowieso schon ein unangenehmes Gefühl Monroe über sich reden zu hören, als wäre er gar nicht anwesend. Der Umstand, dass La Fayette ja so ein gänzlich anderes Bild von Friedrich oder besser gesagt Joséphine hatte, erschwerte es zusätzlich. Dabei konnte der junge Arzt es sich nicht erlauben, seine Konzentration auch nur einen Moment abschweifen zu lassen. Craik war ein exzellenter Arzt und alleine der Posten als sein Assistent war für Friedrich schon mehr als fordernd. Als sie dann nach etwas mehr als einer Stunde endlich – endlich, fertig waren, trat Craik einen Schritt zurück, ganz so als wäre er ein Künstler und wollte ein besonders gelungenes Gemälde betrachten. Offensichtlich zufrieden mit dem Ergebnis griff er nach einem Lappen und begann sich das Blut von den Händen zu wischen. „Wir suchen Euch eine Stelle für die Nacht und dann solltet Ihr versuchen zu schlafen, General“, richtete der Virginier sich an La Fayette und dieser konnte nicht mehr tun, als schwach mit dem Kopf zu nicken. Er war vollkommen ausgelaugt. Monroe, noch immer an seiner Seite, griff nach der Karaffe mit Wasser, die er im Verlauf der letzten Stunde aufgetrieben hatte, und schenkte etwas in die Tasse, aus der er dem Marquis schon mehrmals zu trinken gegeben hatte.„Doktor Deegen, es war mir eine Freude mit Ihnen zu arbeiten. Ich glaube ich erahne langsam, warum Rush solche Stücke auf Sie hält. Aber eine Bitte hätte ich dennoch junger Mann“, richtete sich Craik an Friedrich.„Und die wäre, Sir?“„Schlagen Sie in ihren Büchern noch einmal die verschiedenen Muskelgruppen nach24. Ich möchte nie wieder von Ihnen hören, dass der Musculus deltoideus im Unterschenkel zu finden ist.“Ob gleich der Anspannung, die seinen Körper noch immer fest im Griff hatte, ob gleich des schieren Wahnsinns, den er an diesem Tag erlebt hatte – vielleicht auch gerade wegen dieses Wahnsinns, konnte er sich ein kleines Lachen nicht verkneifen.„Das werde ich, Sir“, versprach er und Craik klopfte ihm zum Abschied auf die Schulter. Der ältere Mann war noch nicht ganz außer Hörweite, da war Monroe auch schon von seinem Sitzplatz aufgesprungen und hatte Friedrich in die Arme geschlossen. „Ich habe dich ewig nicht mehr gesehen“, proklamierte er. Friedrich erwiderte die Umarmung, auch wenn er etwas zögerlicher war, als sein Freund. „Das ist nicht meine Schuld James, du bist nach Virginia gegangen und hast mir nicht geschrieben, dass du zur Armee zurückkehrt bist.“„Aber ich habe dir doch geschrieben … wobei … ich wusste nicht, dass man dich versetzt hatte, also ist der Brief wahrscheinlich irgendwo auf den Weg zu dir verloren gegangen“, spekulierte Monroe und hielt Friedrich nun auf Armeslänge von ihm entfernt. „Du zitterst ja.“Der junge Arzt hatte selber bemerkt, wie seine Arme und Knie zu zittern begonnen hatten und auch die Kopfschmerzen waren zurückgelehrt. Er fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht und erzählte Monroe in groben Zügen, wie bescheiden sein heutiger Tag gewesen war, und dabei konnte er auf die wirkliche Katastrophe, La Fayettes Entdeckung an diesem Morgen, nicht einmal eingehen.„Heute war wirklich eine Katastrophe – für die ganze Armee. Stirling25 und die anderen Generäle gehen von mindestens 300 Toten, bestimmt noch einmal doppelt so vielen Verwundeten und knapp 400 Gefangenen aus26. Angesichts der Schwere des Verlusts frage ich mich, wie General Washington die Briten nun noch davon abhalten möchte, Philadelphia einzunehmen. Wenn der Kongress ein zweites Mal aus Philadelphia fliehen muss und die Stadt in die Hände der Briten fällt, dann ist das Wasser auf die Mühlen von Washingtons Kritikern.“Während Monroe sprach, wanderte Friedrichs Blick zu einem der Fenster. Die Sonne war beinahe untergegangen und mit der nahenden Nacht legte sich nicht nur eine angenehme Kühle über das Lager der Armee, nein, in seinen Ohren hall auch das Versprechen wieder, die Armee bis zum Mittag verlassen zu haben. So viel also dazu. Mit den Gedanken kehrte Friedrich erst wieder ins das Hier und Jetzt zurück, als Monroe ihn sanft an der Schulter schüttelte.„Friedrich? Friedrich, hörst du mir überhaupt zu?“„Wie, äh nein, entschuldige. Was hast du gesagt?“„Ich habe gesagt, dass dich dort glaube ich jemand sucht“, meinte der Virginier und als Friedrich seinem Handzeichen folgte, sah er auch schnell Doktor Howell. Dieser erblickte ihn nun ebenfalls und durchquerte den Raum zielstrebig. „Eine einzige Behandlung in zwei Stunden, Deegen, das muss Ihnen auch erst einmal jemand nach machen mein Freund.“Friedrich schnaubte belustigt. „Ich hatte noch ein kleines Kompetenzgerangel mit Doktor Tattnell auszufechten – da ist es ein Wunder das diese Behandlung überhaupt zustande gekommen ist. Aber wo habe ich nur meine Manieren gelassen? Howell, das ist Captain James Monroe, vormals aus dem 3. Virginia-Regiment und nun Stabsoffizier für General Stirling. James, dass ist Doktor Lewis Howell, Arzt des 2. New Jersey-Regiments“, stellte Friedrich seine beiden Freunde einander vor.„Sehr erfreut Ihre Bekanntschaft zu machen, Captain Monroe“, meinte Howell und streckte die Hand aus. Er kam ebenfalls aus einer Familie von Quäkern27 und war deshalb sehr vertraut mit dieser Geste28. „Friedrich, ich wollte Sie eigentlich mit meinem Bruder29 bekanntmachen. Er wollte wissen wer mich dazu gebracht hat, während einer Schlacht auf das Feld zu laufen, aber ich sehe Sie sind in Gesellschaft“, fuhr er fort. Friedrich blickte zu Howell, dann wandte er den Kopf und sah Monroe an. Monroe, mit seinen großen blauen Augen, die schon bei ihrer ersten Begegnung in Trenton eine magische Anziehungskraft auf Joséphine hatten. Seine Augen erinnerten sie an den kleinen See in Germantown, den Devil‘s Pool. Vielleicht war es eine unglückliche Bezeichnung für ein Gewässer in einer so religiösen Gemeinde, aber der Name war verdient. In Germantown gab es oft starken Nebel und die Bäume rund um den Devil’s Pool verhinderten, dass die Nebelschwaden weiterziehen konnten. Die Wasseroberfläche war oft stahlgrau gewesen, ein ganz ähnliches Grau wie das in Monroes Augen. Erst wenn man dann die Finger in das Wasser eintauchte, erkannte man wie klar das Wasser eigentlich war, wie sandig der Boden und was alles für kleine Tierchen in dem See schwammen. Joséphine fragte sich ob, wenn sie nur lange genug in seine Augen starren würde, Monroe für sie auch immer mehr und mehr preisgeben würde. Gott möge ihr vergeben, aber manchmal hatte sie sündige Gedanken. Es lag auch an Monroes wunderbaren Augen und seinem guten Aussehen – der Virginier war attraktiv, daran war selbst aus einem vollkommen objektiven Blickwinkel nicht zu rütteln - aber zu mindestens ebenso großen Teilen auch daran, dass sie James noch immer auf ihrer Haut und in den intimsten Stellen ihres Körpers spüren konnte. Sie hatte in den letzten Jahren so viele Freiheiten erlangt, Freiheiten, die für sie so ungewohnt waren, dass sie einige zu Beginn nicht einmal beim Namen nennen konnte. Aber wenn sie eingeschlafen war und dann des Nachts hochschreckte, weil sie meinte James Stimme in ihr Ohr flüstern zu hören, dann wusste Joséphine, dass sie noch lange nicht frei war.Vielleicht war sie zu lange die fügsame Tochter und Ehefrau gewesen. Vielleicht wollte sie einfach ein neues Gefühl auf ihrer Haut haben und vielleicht war es nur der Schwäche ihres Geschlechts geschuldet, dass Monroe solch einen Einfluss auf sie hatte. Ganz bestimmt aber war er so viel zärtlicher als James es je gewesen war, ganz bestimmt war er ein Mann, der für eine Sache kämpfte, wenn er sie wollte – James hatte nie um sie gekämpft, er hatte immer angenommen, dass sie schon bereits sein Eigen war. In gewisser Weise hatte er damit recht, Joséphine war ihm schnell verfallen, aber dennoch wollte auch sie damals umworben werden, sie wollte, dass man sich Mühe um sie gab. Aber vor allem war Monroe jung und ungebunden und ein Soldat in einem Krieg und wenn es eines gab, dass Joséphine nicht mehr tragen konnte, dann war das eine zusätzliche Verantwortung.Noch in Philadelphia hatte sie nie solche Gedanken gehabt. Dort waren ihre Tage von Angst beherrscht worden, der Angst entdeckt zu werden, der Angst das James eines Tages vor der Tür ihrer winzigen Unterkunft über einer heruntergekommenen Taverne stehen würde, und mit jedem weiteren Jahr das vergangenen war, wuchs die Angst vor der Zukunft. Joséphine und Onkel Louis hatten damals nicht den Plan geschmiedet, sie den Arztberuf ergreifen zu lassen. Sie sollte doch einfach nur in der Stadt untertauchen, eine Beschäftigung an einem Ort haben, wo niemand nach ihr suchen würde. Während des Studiums hatte sie nie richtig Anschluss zu ihren Kommilitonen gehabt – selbst unter normalen Umständen wären die Unterschiede für eine Freundschaft zu einem der anderen jungen Männer zu groß gewesen. In den Augen aller war sie Friedrich, ein armer Farmersjunge der weder trank noch die Gesellschaft schöner Frauen suchte. Ein starker Kontrast verglichen mit den Söhnen reicher Plantagenbesitzer, Kaufmänner oder Anwälte. Zudem war in dieser Zeit Joséphine ihre Scharade noch so wesentlich intensiver vorgekommen. Jeden Abend hatte sie sich ausgekleidet und das Wissen, dass jeder, der durch ihre Zimmertür gekommen wäre, ihre wahre Identität erkannt hätte, hatten ihr so manche Stunde Schlaf geraubt. Wenn sie dann am Morgen ihre Brust umwickelt hatte und als erster Person der Inhaberin der Taverne beim Verlassen der Unterkunft begegnete, blieb Joséphine jedes Mal fast das Herz stehen. Würde sie etwas erkennen?In jedem wachen Moment war sie sich ihrer Verkleidung bewusst und die Intensität die dieses Bewusstsein mit sich brachte, stand in einem solch scharfen Kontrast zu ihrem Umfeld. Der verschlafenen Magd in der Taverne, die die Becher vom Vorabend spülte, den Wäscherinnen die von Haus zu Haus gingen, den schwatzenden Massen auf dem Marktplatz und zum Schluss auch im Gegensatz zu ihren Kommilitonen. Doch hier in der Armee, im Krieg, da war ihr ganzes Umfeld intensiver und spannungsgeladener. Von dem 13-jährigen Botenjungen bis hin zu den erfahrenen Generälen, sie alle griffen nach jeder Möglichkeit von Leben und Ausdruck die sich ihnen bot, da niemand mit Sicherheit sagen konnte, ob er einen weiteren Tag erleben würde. Im gleichen Zug hatte sie immer mehr Verantwortung bekommen, hatte immer seltener die Gelegenheit den Stoff um ihre Brust zu entfernen30, nahm ihre Verkleidung folglich immer weniger wahr. Joséphine hatte endlich das Gefühl im Einklang mit ihrem Umfeld zu leben – ein Gefühl, das plötzlich nichts mehr unmöglich erscheinen ließ. Doch das gewisse Grenzen immer noch bestanden, hatte ihre Unterhaltung mit La Fayette am heutigen Morgen eindrucksvoll bewiesen. Daher würde Friedrich die Armee verlassen und Monroe hinter sich lassen, Monroe und alles andere das Joséphine in dem letzten Jahr lieb und teuer geworden war.„Ich würde gerne mit ihrem Bruder Bekanntschaft machen, aber ich fürchte ich muss das Angebot ausschlagen. James, ich fürchte, dass ich auch dir heute keine Gesellschaft mehr leisten kann. Ich bin versetzt worden und muss noch ein paar Dinge für meine morgige Abreise arrangieren“, log Friedrich und sah dabei zuerst Monroe und dann Howell an.„Du bist schon wieder versetzt worden? Wohin?“, fragte der Virginier ungläubig und Friedrich setzte gerade zu einer Antwort an, als eine Stimme aus dem Hintergrund erklang. „Das würde ich auch gerne erfahren, Doktor Deegen und noch mehr interessiert mich, wann Sie vorhatten, mich über Ihre Versetzung zu informieren“, wollte Benjamin Rush wissen, als er sich der kleinen Gruppe näherte. Der Deutsch-Amerikaner hatte sich so erschrocken, dass er zusammen gezuckt war. Rush besaß das Talent, sich einem nahezu lautlos zu nähern – eine Beobachtung die Friedrich ebenfalls in den letzten Monaten in Rushs Gegenwart gemacht hatte.„Also Doktor Deegen, ich erwarte eine Antwort. Sie wissen selber wie überlastet wir sind. Darüber hinaus hat General Howe General Washington einen Brief geschrieben, indem er es einigen von uns Ärzten erlaubt, die amerikanischen Verwundeten in britischer Gefangenschaft zu behandeln. Ich hatte mich darauf verlassen, dass Sie mich begleiten würden.“Friedrich fühlte sich für einen Moment wie ein Fisch auf dem Trockenen, unfähig zu atmen. Gott, er versuchte doch das Richtige zu tun und die Armee zu verlassen, warum musste es ihm dann so schwer gemacht werden? „Ich erhielt die Versetzungspapiere erst heute Morgen, ich dachte man hätte Sie als meinen Vorgesetzten bereits informiert.“„Ja, dass hätte man auch ganz eindeutig tun sollen, aber in dieser Armee funktioniert ja auch wirklich gar nichts. Also schön, wer hat das veranlasst?“„Die Papiere sind von einem der Generäle im Hauptquartier unterzeichnet worden“, wich Friedrich der Frage aus, auf die er natürlich keine Antwort haben konnte.„Doktor Deegen, wir hatten alle einen langen Tag, das weiß ich, aber bitte lassen Sie sich nicht jede Information einzeln entlocken.“ Friedrich erkannte an Rush Stimmlage, dass er gereizt war.„Es gab keine Versetzung, lediglich einen Irrtum im ‘auptquartier. Doktor Deegen wird ‘ier bleiben – vorerst.“ Alle Anwesenden, Rush, Howell, Monroe und Friedrich selber drehten sich zu dem Sprecher um. La Fayette hatte sich mit den Unterarmen vom Tisch hochgedrückt. Sein Gesicht war kreidebleich, aber dennoch lag in seinen Augen eine unumstößliche Entschlossenheit. Friedrich bekam noch mit, wie Rush zufrieden nickte und ihm mitteilte, dass man bei Morgenrauen aufbrechen würde. Auch Howell richtete noch einige Worte an den jungen Arzt, aber da hörte dieser schon nicht mehr. Sein gesamter Fokus lag auf La Fayette und als dieser seinen Blick erwiderte, da raubte die Tragweite dieses Momentes Friedrich fast den Atem.
Der Geruch entstand durch den Schwefel im Schießpulver und war so streng, dass sogar erfahrene Artilleristen sich regelmäßig davon übergeben mussten.
La Fayettes Aide-de-camps in dieser Zeit waren Louis Saint Ange Morel, chevalier de la Colombe und Jean-Joseph Sourbader de Gimat. Sie kamen mit dem Marquis nach Amerika und nachdem nur er eine Kommission vom Kontinentalkongress erhielt, machte er sie zu seinen Aide-de-camps, damit sie in Amerika bleiben konnten. Gimat war Jahre später tatsächlich einer der Gründe, warum Washington Hamilton kein Kommando zu gestehen wollte und La Colombe wurde mit La Fayette und anderen im Zuge der französischen Revolution angeklagt, verhaftet und schlussendlich in Olmütz festgesetzt.
La Fayette hat in einem Interview 1825 beschrieben, wie ein Arzt ihn bereits auf dem Feld versucht hat zu verarzten (was unter den gegeben Umständen schwer war). Diese Aussage deckt sich mit ähnlichen Aussagen anderer Beteiligten. Der Name des Arztes wird nie genannt, aber da es ein zeitgenössisches Gemälde gibt, dass Rush bei der Behandlung La Fayettes zeigt, ist es meiner Meinung nach zumindest wahrscheinlich, dass Rush dieser erwähnte Arzt war.
La Fayettes Schärpe ist heute im „Fraunces Tavern Museum“ ausgestellt. Auf den Bildern im Onlinekatalog kann man auch die Blutflecken recht gut erkennen
Nicht nur La Fayette ist nur um Haaresbreite einer Gefangenschaft entkommen, auch George Washington wäre beinahe in britische Hände gefallen. Es gibt die Geschichte, dass Washington und La Fayette an den Gewehrschützen von Major Patrick Ferguson vorbeiritten und dieser seinen Männern untersagte zu Feuern, da er die beiden nicht erkannte und es andernfalls allgemein als Mord betrachtet wurde, Offiziere einfach aus dem Hinterhalt zu erschießen.
La Fayette heiratete am 11. April 1774 Marie Adrienne Françoise de Noailles, das drittälteste Kind der sehr angesehenen Noailles-Familie. Sie war bei der Hochzeit 14 Jahre alt, er 16. Die Ehe war arrangiert worden und die beiden haben sich immer wieder „zufällig“ getroffen, bevor La Fayette dann 1773 bei der Familie Noailles einzog. Obwohl die Ehe arrangiert war, war es insgesamt eine glückliche Ehe, wobei die Beziehung sehr viel komplexer war, als sich hier beschreiben lässt. Kleiner Fun Fact am Rande: La Fayettes neuer Schwiegervater teilte sich eine Mätresse mit dem französischen König – was für eine Ehre …
Frankreich hat Amerika eigentlich seit dem Beginn des Krieges auf verschiedene Weisen unterstützt, sei es nun mit Lieferungen oder mit Reisefreiheiten für Offiziere und Soldaten. Dabei hat man sich jedoch sehr viel Mühe gegeben, nach außen hin neutral zu bleiben. Erst 1778 mit dem Traité d'alliance franco-américaine trat Frankreich offiziell dem Krieg bei. Frankreich kümmerte sich weniger um Amerikas Unabhängigkeit, als um eine Niederlage Englands – was ihnen rund eine Milliarde Livre wert war (was ungefähr 17.580.262.641,90 Euro entspricht)
La Fayettes Offizierspatent war anfangs rein symbolisch gemeint, er sollte nicht wirklich Truppen befehligen, da er zum einen noch sehr jung und unerfahren und zum anderen durch seine Position am Hofe sehr „wertvoll“ für Amerika war. Schon Franklin wies Washington an, auf den Marquis aufzupassen und Washington schrieb am 19. August 1777, kurz nachdem er La Fayette kennengelernt hatte, an seinen Freund Benjamin Harrison: „If I did not misunderstand what you, or some other Member of Congress said to me respecting the appointment of the Marquis de, le, Fiatte, he has misceived the design of his appointment, or Congress did not understand the extent of his views, for certain it is, If I understand him, that he does not conceive his Commission is merely honorary (…)” … und ja, auch La Fayettes und Washingtons Beziehung musste wachsen, so schreibt Washington La Fayettes Namen in diesem Brief zwei Mal auf zwei verschiedene Arten noch monumental falsch J
In dem bereits erwähnten Interview von 1825 gibt La Fayette zwar an, dass er in die Birmingham Church gebracht wurde, diese lag allerdings in der entgegengesetzten Richtung. Da er in dem Interview noch weitere Details durcheinander gebracht hat, könnte er sich auch bei dieser Angabe geirrt haben.
Benjamin Rush hat das erste Chemielehrbuch in Amerika veröffentlicht und war später auch als Professor für Chemie tätig
Es gibt unterschiedliche Darstellungen über die Schwere von La Fayettes Verletzung. Die meisten – und wahrscheinlich auch die wahrheitsgetreusten, stimmen mit seiner eigenen Beschreibung überein und einigen sich darauf, dass die Verletzung nicht sehr schlimm war. Es gibt aber auch durchaus alarmierendere Darstellungen und La Fayette hat später selber zugegeben, dass er ohne die Hilfe seiner Pflegerinnen in Bethlehem (nein, nicht das Bethlehem) sein Bein wohl verloren hätte
Die Britischen Truppen setzten sich um 5.00 Uhr in Bewegung und stießen wahrscheinlich gegen 12.00 Uhr auf die Kontinentalarmee. Die Schlacht selber dauerte dann bis ungefähr 20.00 Uhr
La Fayettes zweites Kind, Anastasie Louise Pauline du Motier, wurde am 01. Juli 1777 geboren.
“Les Anges dans nos compagnes” ist der französische Originaltitel des deutschen Weihnachtsliedes „Hört der Engel helle Lieder“ und etwa in dieser Zeit entstanden
Da Quäker an die Gleichheit aller Menschen glaubten, lehnten sie Titel ab, verbeugten sich nicht, zogen nicht den Hut und sprachen Mitmenschen meist beim Vornamen an
Washington war 188 cm groß, in einer Zeit in der der durchschnittliche Mann nur etwa 170 cm groß war
Es wurde zuerst berichtet, dass La Fayette auf dem Schlachtfeld gefallen sei. Washington zeigte sich sehr betrübt darüber. Als dann klar wurde, dass er „nur“ verwundet war, bestand dennoch Verwirrung, da er angeblich „Bone for America“ ausgerufen hätte. Sein Knochen wurde jedoch nicht verletzt und später erklärte La Fayette, dass er statt dem Wort „Bone“ das französische Wort „bon“ ausgerufen habe
Washington und La Fayette standen sich zu diesem Zeitpunkt bereits so nahe, dass sie sich in Briefen (fast) ausschließlich mit „mein lieber Marquis“ und „(mein) lieber General“ anredeten
Und das ist eines der Zitate das man wirklich belegen kann und weshalb ich immer wieder fasziniert von diesem Mann bin
James Craik (1730 - 6. Februar 1814) war der uneheliche Sohn eines schottischen Parlamentsmitglied, der 1751 nach Amerika kam. Dort arbeitete er als Arzt und wurde ein enger Freund Washingtons. Während des Unabhängigkeitskrieges hatte er den höchsten Posten im medizinischen Department inne und warnte Washington vor dem Conway-Cabal.
Es ist unsicher, wann genau Washington diese Aussage gemacht hat, aber es ist sicher, dass La Fayette in Kenntnis dieser Aussage war und ihm das viel bedeutet hat – aber diese Aussage ist auch mit etwas Vorsicht zu genießen, denn wie bereits erwähnt hatte Washington mehr als nur einen Grund sich um La Fayette zu kümmern
Monroe ist noch am Tag der Schlacht von Trenton wegen seiner Tapferkeit zum Captain befördert worden, seine Beförderung zum Major erfolgte am 20. November 1777
Monroe und La Fayette blieben bis zu Monroes Tod am 04. Juli 1831 enge Freunde, die sich gegenseitig auch aus finanziellen Nöten halfen. Ihre Freundschaft profitierte davon, dass beide gleichalt waren (Monroe war acht Monate jünger) und dass Monroe die ganze Nacht nicht von La Fayettes Seite gewichen war
Anatomischer Unterricht war damals kein fester Bestandteil des Lehrplans. Ein Student an einer amerikanischen Universität hätte vielleicht ein bis zwei Stunden Anatomieunterricht gehabt und in den Lehrbüchern,, die ich gesehen habe, sind auch keine anatomischen Übersichten zu finden. Ärzte mit Friedrichs Ausbildung wären also Ärzten die in Europa ausgebildet wurden (die beste medizinische Fakultät war damals in Edinburgh) in dieser Hinsicht deutlich unterlegen.
William Alexander (1726 – 15. Januar 1783), auch als Lord Stirling bekannt, war ein schottisch-amerikanischer General-Major und loyaler Freund Washingtons. Er hatte einen entscheidenden Anteil an der Aufdeckung des Conway-Cabals … durch den Verlauf eines sehr komischen Abendessens
Obwohl die Verluste der Kontinentalarmee ungefähr doppelt so hoch waren, wie die der Briten, sprach Washington von „unerheblichen“ Verlusten auf Seiten der Kontinentalen und von „schweren“ Verlusten der Briten
Die Howells waren eine Quäkerfamilie. Doch Richard Howell, der besagte Bruder von Lewis Howell trat um das Jahr 1774/1775 der Episkopalkirche bei. Ob Lewis und der Rest der Familie ihm in dieser Entscheidung folgten, kann ich nicht sagen.
In einer Zeit in der Verbeugungen und den Hut ziehen, beziehungsweise sich an den Hut tippen geläufig waren, fielen die Quäker als eine der ersten Gruppen auf, die sich lieber die Hand gaben. Als Präsident übernahm Thomas Jefferson diese Geste.
Richard Howell (25. Oktober 1754 - 28. April 1802) war der Zwillingsbruder von Lewis Howell und diente während des Krieges mit diesem als Captain und später Major im 2. New Jersey Regiment. Nach dem Krieg wurde er der dritte Gouverneur von New Jersey.
Auch wenn damals Bakterien und Keime noch Fremdwörter waren, wusste man, wie wichtig Hygiene war. So versuchten beide Armeen den Soldaten zweimal am Tag (morgens und abends) die Möglichkeit zu geben, sich zu waschen (nur den Körper, nicht die Haare). Da es aber häufig nicht einmal genügend Trinkwasser gab, konnte man sich als Soldat schon glücklich schätzen, sich drei Mal die Woche waschen zu können – im Winter auch gerne mal seltener. Aber auch darüber hinaus wurde Wert auf Sauberkeit gelegt. In der Kontinentalarmee wurden Einheiten belohnt, die besonders ordentlich waren und beide Seiten hatten drakonische Strafen für Soldaten, die versuchten, die ihnen zugeteilte Seife zu verkaufen, anstatt sie zu verwenden.
----- CHAPTER BREAK -----
14. September 1777
General How sent in a flagg yesterday acquainting General Washington that it would be out of his power to do Justice to such of our wounded as fell into his hands. I suppose he has full employ in taking care of his own. He sent out and got all the Country Doctors for Ten miles round to assist his surgeons. From those circumstances and from several accounts of people that has seen the field of action, there must have been a terrible carnage among his troops
General Nathaniel Greene an seine Frau Catharine Greene Friedrich schlug an diesem Morgen nur äußerst widerwillig die Augen auf. Er war so hundemüde, da half es auch wenig, dass ihn jemand unsanft an der Schulter schüttelte. Erst als ihm die Decke weggezogen wurde und unangenehm kalte Luft über seine Haut strich, öffnete er endlich die Lider. Schemenhaft erkannter er Scots Gesicht über sich.„Wundervoll Friedrich und jetzt – nein, du schläfst mir jetzt nicht wieder ein“, redete Scot auf ihn ein und erst als der ältere Arzt Friedrich einen nassen Lappen auf das Gesicht warf, wachte dieser dann auch wirklich auf. Fluchend setzte er sich auf, entfernte den Lappen und holte sich seine Decke wieder.„War das gerade Deutsch?“, wollte Scot wissen. Friedrich nickte nur wortlos während er begann Gesicht und Hals zu waschen. Die Wunde an seinem Hinterkopf brannte, als sie in Kontakt mit dem Wasser kam. „Dann will ich wahrscheinlich auch gar nicht wissen, was du genau gesagt hast, nicht?“ Scot lachte bei seiner Aussage aber Friedrich war nicht nach Lachen zumute, vielleicht nach ein paar zusätzlichen Stunden Schlaf, aber nicht so früh.„Ach komm Deegen, du kannst Scot keinen Vorwurf machen. Du konntest eh schon einige Minuten länger schlafen als der Rest von uns – bei dir im Gesicht wächst ja nichts1“, meldete sich einer von Friedrichs Kollegen zu Wort und da die Männer so dicht um die Waschschüssel in der hinteren Ecke des Raumes standen, um sich zu rasieren, konnte er nicht ausmachen, von wem die Anmerkung gekommen war. Doch bevor er antworten konnte, meldete sich ein anderer der Ärzte zu Wort. „Oh, ein Bart ist nicht das einzige, das bei Deegen nicht wachsen will“, meinte O’Railey und spannte schelmenhaft die Muskeln seines Oberarms an.„Aber unser Friedrich hier steht ja über den Dingen“, meinte Scot und ließ sich neben dem jungen Arzt auf dem Sack mit Stroh, der als Matratze diente, nieder. Eine seiner Hände griff nach Friedrichs Zopf. „Deine Haare könnten auch mal wieder ein wenig Aufmerksamkeit gebrauchen“, bemerkte er und zupfte an einigen Strängen Haar. Friedrich runzelte die Stirn, normalerwiese öffnete er und kämmte sein Haar beim Waschen, aber da seine letzte Waschung solch eine unerwünschte Wendung genommen hatte, musste er Scot zustimmen, dass seine Haare das reinste Durcheinander waren. Mit geschickten Fingern begann Friedrich die Knoten aus dem Band zu lösen, dass seine Haare im Nacken zusammengebunden hielt. Doch erst als er mit dem Kamm versuchte die Strähnen voneinander zu trennen, bemerkte er, wie verfilzt sein Haar doch war.„Warum schneiden wir es nicht ab?“, fragte Scot neben Friedrich, als dieser seinen Kampf bemerkte. Der Angesprochene hielt einen Moment inne und blickte Scot an, als ob er gerade vorgeschlagen hatte zu den britischen Truppen überzulaufen. „War ja nur eine Idee“, meinte der ältere Mann und hob beschwichtigend die Hände als er den giftigen Blick seines jungen Freundes sah. Die meisten Männer ließen ihr Haar im zivilen Leben etwas länger wachsen, ein Stil der auch seinen Weg in die verschiedenen Armeen gefunden hatte – um die Haare dennoch in Einklang mit einem Soldatenleben zu bringen, hatten sich verschiedenste Frisurentypen entwickelt. Generäle und Offiziere, besonders die höherrangigen, trugen häufig Perücken und rasierten sich unter diesen den Kopf kahl, da ihnen dass die Arbeit ersparte, ihre Haare sauber und ordentlich zu halten und ein angenehmeres Tragegefühl war. Daneben gab es auch jene die ihr natürliches Haar am Hinterkopf zu einem Zopf zusammenfassten und diesen dann wahlweise noch mit Stoffbändern umschlangen und puderten. Diese Optionen standen den einfachen Soldaten allerdings nicht zur Verfügung. Wenn sie ihr Haar lang tragen wollten, dann mussten sie es entweder einflechten oder knoten. Diese beiden Verfahren beschrieben im Grunde genommen nur verschiedene Vorgehensweise das Haar mit Bändern im Nacken zusammenzubinden, in sich zu falten oder einzudrehen und es dann am Hinterkopf festzumachen, gewöhnlich mit viel Fett – oder allem anderen was man gerade zur Hand hatteDoch mit dem Fortschreiten des Krieges, gab es immer mehr Männer, die sich ihr Haar kurz schnitten. Dies war insbesondere in Regimenten zu beobachten, in den der Kommandant entweder mit gutem Beispiel voran gegangen war, oder in dem sich die Läuse ausgebreitet hatten. (Friedrich grauste es jetzt schon vor dem nächsten Winterlager. Wenn die Soldaten nicht ausgelastet waren und die Hygiene schlecht, so schlecht dass die Männer Läuse hatten, machten sie aus diesem Umstand oft ein Spiel. Sie erhitzten kleine Klumpen an Teer und drückten sich diese selber gegen die Arme und Beine, nur um anschließend zu vergleichen wer mit seinem Teer die meisten Läuse gefangen hatte2. Nicht nur den Ärzten war es unangenehm neben dem Befall durch Ungeziefer auch noch die, zumeist nur oberflächlichen Verbrennungen, zu behandeln, auch den Kommandanten war dieses Verhalten ihrer Männer zumeist höchst unangenehm). Darüber hinaus war es einfacher Uniformität in den Rängen der Soldaten zu erreichen, ein weiterer Grund warum dieser neue Haarschnitt sich recht schnell weiterverbreitete und die Tatsache, dass die meisten Ärzte ebenfalls die Vorzüge kurzen Haares hervorhoben, schadete auch nicht. Tatsächlich konnte solch eine simple Veränderung die Gesundheit der ganzen Armee deutlich verbessern – machte Scot Friedrich einmal mehr drauf aufmerksam.„Aber es hat doch nur Vorteile. In den Sommermonaten sind kurze Haare merklich kühler und im Winter trocknen sie schneller, sodass man sich nicht so leicht erkältet. Das ganze Ungeziefer. mit dem wir es hier zu tun haben, nistet sich in kurzem Haar nicht so schnell ein und auch unabhängig davon ist das Haar so viel leichter sauber und ordentlich zu halten. Das sind doch alles genau die Dinge, die wir uns für die Armee wünschen und wenn wir wollen, dass möglichst viele der Soldaten davon profitieren, nun dann müssen Männer wie wir mit gutem Beispiel voran gehen“, meinte Thomas Scot und blickte Friedrich auffordernd an.„Ich will aber ganz einfach nicht“, erklärte dieser pampig.„Friedrich, du benimmst dich gerade wie ein kleines Kind. ‚Ich will nicht‘ ist kein vernünftiges Argument, um eine vollkommen rationale Verbesserung zum Wohle der ganzen Armee abzulehnen. Was ist also dein Problem?“Friedrich schnaubte einmal frustriert. Ja, was war eigentlich genau sein Problem? Das Problem war nicht Friedrichs, sondern Joséphines Unwille. Ihr Haar war jetzt schon kürzer als es jemals gewesen war und das verunsicherte sie immer noch. Wo kurzes Haar bei Männern wenig mehr als eine Frage der Mode oder der Praktikabilität war, war es für Frauen oft ein Zeichen der Schande. Wurden Frauen eines Verbrechens überführt, besonders einem wie Ehebruch oder Prostitution, wurde ihnen nicht selten das Haar kurz geschoren, damit ihre Schande für jeden sichtbar war. Damals, in der Nacht in der sie von Zuhause fortgegangen war, hatte Onkel Louis ihr die Schere gereicht und Joséphine hatte ihn nur fragend angesehen. Die Männerkleidung. die sie trug, war ungewohnt und neu, aber es war etwas was sie wieder ausziehen konnte, es war reparabel. Die Entscheidung, sich die Haare zu schneiden, konnte sie jedoch nicht wieder umkehren. Je mehr sie sich dagegen gesträubt hatte, desto stärker hatte ihr Onkel auf sie eingeredet und ihr schließlich die Schere aus der Hand genommen, um die Haare seiner Nichte selber zu schneiden. Joséphine hatte am Boden gekniet, während Strähne um Strähne in einem Halbkreis um sie herum auf den Boden fiel. In der Dunkelheit wirkte das Rot ihres Haares dunkler, es hatte die Farbe von Blut und Joséphine fühlte sich tatsächlich als würde sie bluten. Zu ihrer Rechten war das Bett in dem Friedrich lag, Louis hatte ein Tuch über sein Antlitz gelegt und ihr gegenüber prasselte der Regen immer noch gegen das verhangene Fenster.„Gut, schön. Fein! Dann schneide mir die Haare, wenn dir so viel daran liegt“, gab sich Friedrich schließlich einen Ruck und musste Scot das nicht zweimal sagen. Mit geschickten Fingern unterteilte er das Haar seines Freundes in kleine Partien und begann diese mit einem Skalpell abzutrennen, eine Schere war nicht zur Hand – Friedrich wollte gar nicht wissen was noch mit diesem Skalpell abgetrennt worden war. Doch darüber nachzudenken lenkte ihn zumindest ab, ebenso wie es ihn ablenkte, die Risse in den Dielen des Holzbodens zu zählen. Als ihm dann doch die Tränen in die Augen stiegen, da biss er sich einfach auf die Unterlippe und redete sich ein, dass seine Augen nur feucht wurden, weil Scot recht heftig an der Wunde an seinem Hinterkopf zog. Er konnte mit dieser Erklärung leben, konnte so weitermachen, dass hatte er schon immer gekonnt.Noch ehe eine Viertelstunde verstrichen war, hatte Scot seine Arbeit beendet und die beiden Ärzte hatten ihre Morgenroutine beendet, um zusammen ihre Unterkunft zu verlassen. General Washington hatte General Howe geschrieben, dass er Doktor Rush zusammen mit zwei weiteren Ärzten und einem Assistenten seiner Wahl unter einer Flagge des Waffenstillstandes zu den Briten schicken würde. Rushs Wahl war, neben Friedrich, auf Doktor Andrew Leiper gefallen. Mr. Willet3 begleitete die Ärzte als Assistent. Obwohl sie auf dem Weg zu dem Schlachtfeld dieselbe Strecke zurücklegen mussten wie noch vor drei Tagen, kam Friedrich der Weg bedeutend kürzer vor – und das lag nicht nur an den ausgeruhten Pferden. Als sie sich dem Lazarett näherten, wurden sie von den ersten britischen Wachen angehalten. Leiper trug die weiße Flagge mit sich und folglich durften die drei Ärzte, nach der Überprüfung ihrer Papiere und des Schreiben Howes, passieren. Endlich an ihrem Ziel angekommen, mussten sie ihre Papiere dann noch vor General Howe persönlich vorzeigen und sich bei ihm anmelden. Sowohl Dr. Leiper als auch Friedrich hatten angeboten diese Aufgabe zu übernehmen, doch Rush hatte mehr als vehement darauf bestanden, die drei Ärzte selber bei dem britischen General anzumelden4. Friedrich hatte das Gefühl, dass es weniger um Rushs Stellung als höchstrangiger Arzt ging, sondern viel mehr um das Gefühl, Howe gegenüber zutreten. Am Tag der Schlacht war Rush noch vor den britischen Truppen geflohen, hatte sich mit Sorge ausgemalt was passieren würde, sollte er ihnen nicht entkommen können. Doch heute sah die ganze Sache anders aus. Heute konnte Rush in das Feldlager der Briten marschieren und von einem feindlichen General Schutz für die Dauer des Aufenthaltes verlangen, ein Schutz dem dieser ihm nicht verwehren konnte. Der kontinentale Arzt musste dabei einen Triumph verspüren, der schwer zu beschreiben war.„Wer von ihnen möchte ins Haus und wer auf das Feld?“, fragte Rush dann, als er zurückkehrte. „Ich fürchte ich verstehe nicht, Sir“, hakte Friedrich nach, das Pferd, dessen Zügel er noch immer in der Hand hielt, schnaubte ungeduldig.„Die Briten haben noch nicht all unsere Gefallenen vom Schlachtfeld geborgen. Einige der Männer sind noch immer da draußen“, erklärte Rush und wischte sich den Schweiß von der Schläfe, für September war es noch immer außergewöhnlich warm.Doktor Leiper war von dieser Aussage mindestens ebenso schockiert wie sein junger deutschstämmiger Kollege. „Die Schlacht ist bereits drei Tage her, wer kann solange auf dem Schlachtfeld überlebt haben?“, fragte Leiper und Friedrich wusste dass jedem der Männer die Antwort bewusst war, noch bevor Rush sie ausgesprochen hatte.„Nicht viele fürchtete ich.“„Ich gehe auf das Feld“, meinte Friedrich entschlossen und drückte Leiper die Zügel seines Pferdes in die Hand. Er war sich bewusst, welchem Elend er begegnen würde, aber ihm war das offene Feld immer noch lieber, als die engen, stickigen Räume des Hauses, in dem er obendrein nicht weniger Elend antreffen würde. Doch obwohl das seine Ansicht war und er sich versuchte mental für den Anblick zu wappnen, der ihn erwarten würde, drehte sich dem jungen Arzt bei Betrachtung der Szenerie der Magen um. Die Männer lagen dort auf der Wiese, viele noch genauso wie sie gefallen waren. Ihre Gesichter waren von Blut und Schlamm verklebt oder durch Verletzungen so entstellt, dass sie Friedrich fast schon nicht mehr menschlich erschienen. Der Gestank, der in der heißen Septemberluft lag, war ekelerregend. Andächtig schritt Friedrich über das Feld, seine Hände hatte er beinahe schon aus Reflex zum Gebet gefaltet, das wortlos über seine Lippen kam. Er betete für die Seelen aller jener die gestorben waren, betete für Familien, die Angehörige auf diesem Feld verloren hatten und als er an einigen der Toten vorbeischritt und die Fliegen von den Kadaver aufstoben und begannen ihn zu umkreisen, da betete er auch für seine Seele, betete um Vergebung, dass er noch immer am Leben war und all diese guten Männer tot waren.Seine Suche nach Überlebenden war noch ernüchternder als gedacht. Bei vielen der Soldaten musste er nicht einmal nach einem Puls oder einer Atmung suchen, Kanonenkugeln hatten ihren Unterleib zerfetzt oder ihren Kopf zertrümmert. Sie hatten all ihre Gliedmaßen verloren und ihre Körper lagen so merkwürdig verdreht im Gras, dass Friedrich nicht einmal darüber nachdenken wollte, wie sie den Tod gefunden hatten. Wenn es ihm möglich war, schloss er die Augen der Gefallen und bedeckte ihre Gesichter mit ihren Mänteln, nachdem er zuvor in den Taschen der besagten Mäntel nach Papieren gesucht hatte. Die Familien sollten die Möglichkeit haben, um ihre Gefallenen zu trauern. Er hatte nicht die Zeit für jeden von ihnen einzeln zu beten, aber nahm sich vor, am Abend für sie zu beten. Das dürfte nicht schwer fallen, ihren Anblick würde er mit Sicherheit nicht vergessen.Es gab allerdings auch Lichtblicke an diesem Vormittag, vier Lichtblicke um genau zu sein, und zwar immer wenn er zwischen den Toten einen Lebenden fand. Auch wenn ihn jeder dieser Funde mit einem tiefen Gefühl der Dankbarkeit, der Erleichterung erfüllte, gab es einen Soldaten, der ihm wohl besonders im Gedächtnis bleiben würde.Friedrich hatte sich gerade herunter gebeugt, um bei einem der Gefallenen nach Lebenszeichen zu suchen. Nachdem er keinen Puls feststellen konnte, wollte er sich gerade erheben und weitegehen, als ihn plötzlich eine Hand am Mantel packte.„Nein, nein geh nicht weg – bleib bei mir“, vernahm er eine schwache Stimme und fuhr erschrocken herum. Die Stimme gehörte tatsächlich zu dem Mann, den Friedrich eben gerade noch für tot gehalten hatte – und sein Griff war erstaunlich kräftig.„Keine Sorge, ich werde nicht weggehen, ich bin Arzt. Ein kontinentaler Arzt“, antwortete der Deutsch-Amerikaner und begann den Körper nach Verletzungen abzusuchen.„Ich weiß ich habe dich enttäuscht, ich weiß das. Oh, es tut mir so leid. Bitte geh nicht weg.“ Friedrich beschlich das Gefühl, dass der Verwundete nicht mit ihm redete. „Sir, Sie haben niemanden enttäuscht. Sie haben tapfer für ihr Land gekämpft“, begann Friedrich daher vorsichtig und wollte mit seiner Arbeit fortfahren, als sein Patient ihn erneut packt, dieses Mal sein Handgelenk. „Nein Mutter nein, geht nicht fort, es tut mir doch leid.“Joséphine war für einen Augenblick wie erstarrt. Dieser junge Mann hielt sie für seine Mutter? Es war nichts Ungewöhnliches für die Verwundeten nach ihren Müttern zu rufen und sie hatte solch dramatische Ausrufe schon häufig genug miterlebt, doch sie wurde noch nie von einem der Verwundeten in seinem Fieberwahn für seine Mutter gehalten. Für einen kurzen Moment dachte sie daran die Worte des jungen Mannes einfach zu ignorieren und weiter ihrer Arbeit nachzugehen, doch dann kam ihr der entscheidende Gedanke. Warum nicht mitspielen? Hier war niemand außer ihnen, niemand der Anstoß nehmen könnte. Gott, dieser Junge würde wahrscheinlich die Nacht nicht überleben, warum dann nicht zumindest seine Sorgen lindern? Auch wenn Joséphine sich eingestehe musste, dass es sie schmerzlich an Friedrichs Tod erinnerte, er hatte sie damals in seinen Fieberträumen auch nicht mehr erkannt und stattdessen für den Engel gehalten, der seine Seele mit sich nehmen würde.„Ruhig mein Junge, ruhig, ich bin ja hier“, flüsterte Joséphine und befreite sich aus dem Griff, nahm stattdessen seine Hand in die ihrige und drückte sie sanft gegen ihre Wange.„Ich habe dich enttäuscht Mutter, es tut mir so leid“, wiederholte der Verwundete nur immer wieder. „Nicht doch, mein Junge, du hast mich noch nie enttäuscht. Im Gegenteil, ich bin sehr stolz auf dich.“„Aber du hast mir doch verboten zur Armee zu gehen und dann bin ich weggegangen und, und …“„Ich bin stolz auf dich, stolz, dass du deinem Gewissen gefolgt bist.“„Dann liebst du mich noch immer.“Joséphine fühlte sich als hätte man ihr die Kehle zugeschnürt.„Ja mein Junge, ich werde dich immer lieben“, und als sie das sagte, küsste sie den Soldaten vorsichtig auf die Stirn. Der Geschmack von Blut und Erde auf ihren Lippen verfolgte sie bis an ihr Lebensende und bis an ihr Lebensende hörte sie nie auf für den Jungen zu beten, dessen Namen sie nie erfahren hatte und der zwei Tage später verstarb. Sie war ihm, wenn auch nur für ein paar Minuten, eine Mutter gewesen und noch Jahre später würde sie sich an diesen Moment zurückerinnern – besonders als eines ihrer eigenen Kinder starb.Friedrich wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als er endlich vom Feld in das Lazarett zurückkehrte. Die Räume waren erfüllt mit der Energie positiven Schaffens. Einen Moment sah er sich nach Doktor Rush und Doktor Leiper um, als er jedoch keinen der beiden fand, beschloss er sich einfach dem ersten amerikanischen Soldaten anzunehmen, auf den er stoßen würde. Tatsächlich musste er nicht lange suchen und als er die Person erkannte, die mit dem Rücken zu ihm, vor dem Bett des Verwundeten kniete, musste er unwillkürlich lächeln.„Ich finde es ist absoluter Schwachsinn. Jeglicher Logik beraubt und nicht einmal das Papier wert, auf dem es geschrieben wurde“, meinte der junge Arzt und sprach laut genug damit die Person, die am Krankenbett kniete, ihn verstehen konnte. Die Gestalt erhob sich und drehte sich zu Friedrich um. „Verziehen Sie mir Sir, ich fürchte ich verstehe nicht – Doktor Deegen?“, brachte Doktor Edward Wilson hervor und verbeugte sich zur Begrüßung leicht. „Würden Sie mir erklären auf was Sie sich beziehen?“„Der „Animalische Magnetismus“. Bei unserer letzten Begegnung haben Sie mich nach meiner Meinung gefragt und das ist sie. Nicht einmal das Papier wert auf dem es geschrieben wurde.“„Wirklich? Ich hatte gedacht, dass Sie ein Verfechter dieser Theorie seien. Sie ist frisch und unkonventionell, ich hatte Sie für unkonventionell gehalten.“Friedrich lachte trocken, wenn Wilson doch nur wüsste. „Ich halte mich selber für ziemlich unkonventionell, aber vielleicht doch nicht so unkonventionell. Wie auch immer, ist das einer unserer Soldaten?“, fragte Friedrich und deutete auf den Mann in dem Feldbett. Wilson nickte eifrig. „Einer der Leichtverletzten – aber keine Sorge, ich kann Ihnen den Raum zeigen, in dem es wirklich Arbeit zu tun gibt.“Friedrich folgte Wilson durch einige andere Räume bis hin zum Krankenlager der kontinentalen Soldaten. Auf dem Weg durch das Haus kamen Friedrich und sein Begleiter an vielen britischen Soldaten vorbei und der junge Arzt hätte gelogen, wenn er die Blicke der anderen Männer als freundlich beschrieben hätte. In dem Krankenlager angekommen, erblickte er auch sofort Doktor Leipner, der sich gerade von einem Patienten abwandte und seine Hände an einem Stück Stoff abwischte. Bei seinem Eintreten drehte der ältere Mannsich zu ihm um. „Doktor Deegen, was für eine Freude Sie zu sehen. Ihre Arbeit auf dem Feld ist erledigt, nehme ich an?“„Ja Sir. Vier Überlebende.“„Das ist … mehr als wir hatten hoffen dürfen. Können Sie mir hier assistieren oder haben Sie andere Verpflichtungen?“„Ich stehe Ihnen voll und ganz zu Diensten, Sir“, meinte Friedrich bevor er seinen Blick durch den Raum wandern ließ. „Doktor Rush hat mir versichert, dass in den nächsten Tagen noch mehr Ärzte zu unserer Unterstützung und Ablösung eintreffen werden und ich kann nur hoffen, dass sie sich beeilen. Die Zustände hier sind elendig, wobei ich zugeben muss, dass die britischen Ärzte noch das Beste aus den Umständen gemacht haben5.“„Ich danke Ihnen, Doktor Deegen, für die Anerkennung, meine Kollegen werden sicherlich ebenso erfreut sein“, kommentierte Wilson der gegen den Türrahmen gelehnt im Durchgang stand und schief lächelte. Friedrich war sich nicht ganz sicher, ob der Brite seine Aussage ernst oder ironisch meinte. Wie dem auch sei, bevor er etwas erwidern konnte, hatte Leiper ihn am Arm gepackt und zur Seite gezogen. „Jetzt wo ich Sie sehe Sir, würde ich Sie gerne für eine heikle Angelegenheit rekrutieren.“„Eine heikle Angelegenheit?“„Ja, Sir. Mir ist zu Ohren gekommen, dass Sie ein gutes Verhältnis zu Doktor Rush haben, auf jeden Fall kennen Sie ihn besser als ich und vielleicht können Sie ihn ja auch zur Vernunft bringen. Sehen Sie, die Sache ist nämlich so. Mir ist berichtet worden und ich habe es auch selber mitangehört, dass Doktor Rush mehr als nur offen über die Schlacht und die Revolution, über die Unabhängigkeit gesprochen hat. Er hat meines Wissens nicht versucht einen der Briten zu provozieren, aber er hat seine Meinung mehr als nur deutlich kundgetan. Ich weiß wir stehen unter dem persönlichen Schutz von General Howe, aber ich halte es trotzdem für unklug seine Geduld zu strapazieren.“Friedrich nickte andächtig. Das Gesagte klang definitiv nach etwas, dass Rush tun würde, aber andererseits. „Doktor Leipner, denken Sie wirklich, dass Rushs Verhalten unser Einschreiten erzwingt. Wie viel kann er denn schon gesagt haben?“„Genug, dass mich im Laufe der letzten Stunden nicht weniger als vier Kollegen6 auf den Doktor angesprochen haben“, kam es plötzlich von Wilson, der immer noch in der Tür stand. Friedrich fuhr herum.„Halten Sie es nicht für unangemessen eine private Unterhaltung mit anzuhören?“, meinte der Deutsch-Amerikaner und stemmte die Hände in die Hüften. „Eine Unterhaltung zwischen zwei kontinentalen Ärzten in einem britischen Lager unter der Aufsicht eines britischen Arztes kann ich nur schwer als privat ansehen. Aber wie dem auch sei, ich kann Sie zu Doktor Rush führen, wenn Sie das wünschen.“ Friedrich dachte einen Moment nach, Rush war ein erwachsener Mann und brauchte niemanden, der ihm auf die Finger sah, aber dem jungen Arzt war auch aufgefallen, dass Rush in den letzten Wochen auf dem Zahnfleisch gegangen war. Unter Berücksichtigung dieses Umstands und nach den Vorfällen während der letzten Schlacht, war Friedrich sich plötzlich nicht mehr so sicher, ob jemand nicht vielleicht doch ein Auge auf Rush haben sollte. Also folgte er schließlich Wilson aus dem Raum. Doch dieser führte ihn nicht wie versprochen zu Rush, sondern zog ihn plötzlich und unvermittelt in einen leeren Nebenraum und schloss die Tür hinter ihnen beiden. Friedrichs Körper verspannte sich.„Was soll das-“„Wir müssen reden Friedrich“, unterbrach Wilson ihn harsch.„Bitte? Doktor Wilson, ich erinnere mich nicht, dass wir beim Vornamen sind, Sir.“ Vielleicht betonte Friedrich das „Sir“ ein wenig stärker, als es notgetan hätte.„Fein, aber was ich zu sagen habe ist zu wichtig, als dass wir uns mit so etwas wie Namen aufhalten sollten.“Friedrichs Herz begann immer schneller in seiner Brust zu schlagen. Was konnte Wilson nur von ihm wollen? In seinem Kopf begannen sich die wildesten Vermutungen zu formen, eine toller als die andere – und hoffentlich alle falsch. „Sie haben die Zustände hier gesehen, Sie haben die Verletzten und die Kranken gesehen, die Toten auf dem Schlachtfeld. Sagen Sie mir nicht, dass das ist, was Sie wollen, Doktor Deegen“, brach es dann aus Wilson hervor und der junge Mann war sich sicher seinen Nachnamen noch nie so spitz ausgesprochen gehört zu haben. Wilsons Worte beruhigten Friedrich jedoch ungemein. Schnell sammelte er sich, um zu antworten. „Natürlich ist das nicht was ich will. Ich denke kein Mann der bei Verstand ist und auch nur einen Funken Gottesfurcht in sich hat, kann so etwas wollen.“„Dann helfen Sie mir!“Friedrich fühlte sich plötzlich wie vom Schlag getroffen. Suggerierte Wilson gerade das, was er dachte? „Doktor Wilson, ich bin ein kontinentaler Arzt, ich denke nicht, dass ich Ihnen in irgendeiner Art und Weise helfen kann, ohne dabei meine Prinzipien zu verraten.“„Im Gegenteil! Helfen Sir mir und bleiben damit Ihren Prinzipien treu. Sie sind Arzt und als Arzt kommt man immer viel herum, trifft viele Menschen. Noch dazu scheinen Sie als Vertrauter von Doktor Rush in einer ziemlich einflussreichen Position zu sein. Wir beide, Sie und ich, wissen ganz genau, dass die Kolonien diesen Krieg nicht mehr gewinnen können, Wir sind nur noch Tage davon entfernt Philadelphia einzunehmen7 und selbst wenn Ihre Armee danach noch einige Zeit standhalten kann, wird es einzig ein unnötiges Blutvergießen werden. Ich weiß, dass Sie so etwas nicht wollen und deshalb müssen Sie mir helfen“, Wilsons Atem ging schneller, ganz so als hätte er mehr gesagt, als für was er Luft in seinen Lungen hatte. Friedrich starrte ihn einen Moment intensiv an. Ja, Philadelphia würde wahrscheinlich bald fallen, ja, die Verluste der kontinentalen Truppen waren hoch, aber all das würde nicht ausreichen, um aus Friedrich einen Verräter zu machen.„Ich habe Sie bisher für einen besonnen Mann gehalten, für gute Gesellschaft, unabhängig Ihrer Zugehörigkeit, aber dieses Gespräch rüttelt doch sehr an meiner bisherigen Empfindung. Ich bin kein Verräter, Doktor Wilson, und ich werde auch nie einer sein“, schnappte Friedrich, seine Stimme zum Ende hin immer lauter. „Ich erwarte von Ihnen nicht einen Verrat zu begehen. Ganz im Gegenteil, ich wende mich an Sie, da ich weiß, wie loyal Sie sind. Sie sind loyal und wollen für Ihre Kameraden nur das Beste. Helfen Sie mir“, wiederholte Wilson und Friedrich begann die Geduld zu verlieren. Er war der Kontinentalarmee aus reiner Not, auf der Suche nach einem möglichst guten Ort sich zu verstecken, beigetreten. Er war erzogen worden, in Konflikten wie diesem keine Partei zu ergreifen und sich jedem zuzuwenden, der seine Hilfe benötigte – egal welche Farbe seine Uniform hatte. Doch für Friedrich zählte das alles nicht mehr, er hatte seine Kameraden schon viel zu lange als seine Brüder anerkannt, hatte sich viel zu akzeptiert im Deutschem Regiment gefühlt und hatte zu viele Männer, Jungen in den meisten Fällen, sterben sehen, um nicht eine tiefe Verbundenheit für die Armee zu spüren. Er war mit seinen Kollegen, mit Scot und Rush und so vielen anderen durch so viele Entbehrungen gegangen, als dass er nun einem Briten helfen würde.Als er in die Armee eingetreten war, da hatte es nur Joséphines Meinung gegeben, eine Meinung die sich nur schwer mit den Idealen der Revolution vereinbaren ließ. Joséphine hatte stets geglaubt, dass die Steuern gerecht waren, immerhin hatte die britische Krone sie verteidigt, immerhin zahlten die Menschen auf dem englischen Festland ein Vielfaches von den Steuern in den ehemaligen Kolonien. Joséphine hatte nie daran gezweifelt, dass sie nun mal eine Kolonistin war und damit nicht die gleiche Vertretung im Parlament erfuhr. Aber Joséphine kannte wenig von der Welt außerhalb ihrer kleinen Gemeinde Germantown und war tief in dem Glauben der Quäker verwurzelt. Friedrich hingegen hatte Amerika, sein Land gesehen, hatte für sein Land geblutet und gekämpft. Selbst wenn es nicht seine ursprüngliche Absicht war, konnte er wenig dagegen tun, wie sehr er Amerika zu lieben begonnen hatte. Er hatte plötzlich verstanden, wie sein Père sich gefühlt haben musste, als er als kleiner Junge nach Preußen kam. Da war ein Land, das nicht ganz so war wie die Heimat, nicht mehr französisch, sondern eben preußisch, nicht mehr britisch, sondern eben amerikanisch und dieses Land bot einem Freiheit vor Verfolgung, Freiheit über sich selbst zu entscheiden. Es war vielleicht nicht das moralisch oder gesetzlich Richtige von Friedrich sich gegen das Mutterland zu stellen, aber England war einen Ozean von ihm entfernt. Das Land wirkte so weit weg, so klein, so außer Reichweite, dass Friedrich sich fragte, ob er sich eigentlich je wirklich als Engländer gesehen hatte oder schon immer als Amerikaner und diese Erkenntnis ihm nun eben erst jetzt gekommen war.„Hören Sie mir zu Doktor Wilson, ich bin kein Verräter und egal wie Sie es hinstellen, Ihnen zu helfen ist Verrat. Ich möchte nicht abstreiten, dass Sie mit Hilfe, vielleicht sogar mit meiner bescheidenen Hilfe den Krieg schneller und mit weniger Blutvergießen beenden können, aber wissen Sie was? Das will ich gar nicht. Mir liegt das Wohl meiner Kameraden am Herzen, ja, aber sie werden nicht von einer höheren Macht zur Schlachtbank geführt. Sie sterben im Kampf für die Freiheit ihres Landes, einen Kampf den sie nicht nur freiwillig führen – was man zum Beispiel über den hessischen Teil ihrer Truppen nicht zwangsläufig sagen kann, sondern auch jeder Widrigkeit zum Trotz. Diese Männer sterben, ja, aber sie haben diesen Preis wissentlich und willentlich gezahlt, genauso wie ich ebenso bereit bin diesen Preis zu zahlen. Wenn wir verlieren, schlimmer noch, wenn wir einfach aufgeben, dann spucken wir damit auf die Gräber all jener, die vor uns ihr Leben gegeben haben. Ich denke Sie verstehen nicht Doktor Wilson, dies alles ist für uns keine Formalität, eine Armee in die man eingezogen wird , ein Krieg in dem man stationiert wird, dies alles ist für uns sehr persönlich. Darüber hinaus beleidigen Sie meine Intelligenz mit den Spielchen die Sie spielen. Sie brauchen meine Hilfe nicht, Ihr Oberkommando braucht sie. Wir führen diese Unterhaltung nicht, weil wir schrecklich gute Freunde sind und Sie mich so gut kennen, der einzige Grund für diese Unterhaltung ist, dass Sie wissen, dass ich Arzt in einer günstigen Position bin und dass ich ein deutschstämmiger Quäker bin, also einer Bevölkerungsgruppe angehöre, die im amerikanischen Volk nicht gerade über das größte Ansehen verfügt und des Weiteren noch am ehesten mit ihnen sympathisieren würde.“ Friedrich spürte das Adrenalin in seinen Adern, spürte wie sein Gesicht rot vor Aufregung wurde und wie die Binden um seine Brust ihm einschränkten, als seine Atmung sich beschleunigt hatte. Es war nicht typisch für ihn so wütend zu werden, es war sogar ganz und gar untypisch – aber es war eines der besten Gefühle, die er je gehabt hatte.Ohne die Antwort von Wilson abzuwarten, hatte er die Tür geöffnet und war aus dem Raum getreten, um sich wieder Doktor Leiper anzuschließen. Sein Interesse sich von Wilson noch einmal den Weg zu Rush zeigen zu lassen, war gleich null, und somit konnte er nur hoffen, dass Rush von sich aus nicht die Grenze der Diplomatie übertrat. Bis zum Abend gingen Friedrich und Leiper weiter ihrer Arbeit nach und trafen sich dann später mit Rush zur Besprechung. Am nächsten Morgen würden noch zwei kontinentale Ärzte eintreffen und Friedrich und Leiper ablösen, welche dann zur Turk’s Head Tavern reiten würden. Nachdem Eintreffen zweier weiterer Ärzte dort, sollten die beiden zurück zum Lager der Kontinentalarmee reiten. Rush würde nachkommen sobald alle Angelegenheiten mit den Briten geregelt waren.Nach der Besprechung fing Friedrich Rush ab. „Sir? Sir, wie geht es Ihnen?“„Glauben Sie mir, wenn ich sage es geht mir gut, Doktor Deegen?“„Nein, das würde ich Ihnen nicht glauben.“„Ich habe das Gefühl langsam den Boden unter den Füßen zu verlieren, ich habe meine Frau und mein Kind seit Wochen nicht mehr gesehen, habe seit einem Jahr nicht mehr in meinem eigenen Bett geschlafen. Nicht einmal zu John – Mr. Adams, habe ich mehr regelmäßigen Kontakt8. Das alles wäre ja noch akzeptabel, wenn wir nur Fortschritte machen würden. Aber stattdessen machen wir nur Schritte nach hinten. Wann immer ich Zeit in britischen Lazaretten verbringe und später darüber Berichte ablege, nimmt mich keiner ernst. Ja, mir wird sogar fehlender Patriotismus vorgeworfen, nur weil ich die Vorzüge des britischen Systems herausstelle9. ‘Sie legen einen großen Wert auf Sauberkeit und auf die Gesundheit ihrer Männer. (…) Einer der britischen Offiziere teilte mir mit, dass er seine Soldaten als Kleinkinder betrachtet, auf die man ständig aufpassen muss. Er untermauerte seine Aussage, indem er mir erklärte, dass die Soldaten zwar alle Decken an ihren Rucksäcken befestigt hätten, häufig aber zu faul wären, diese zu benutzen. Seine Aufgabe wäre es deshalb jeden Abend zu überprüfen, dass auch ja kein Soldat seiner Kompanie ohne Decke schlafen würde. (…) In den Hospitälern herrscht Ordnung und Zufriedenheit. (…) Unsere Offiziere und Soldaten haben mit Dankbarkeit und Warmherzigkeit von ihren britischen Ärzten gesprochen. Je zehn unserer Verwundeten war ein Krankenwärter zugeteilt und die britischen Offiziere erkundigten sich jeden Morgen bei unseren Offizieren, ob die britischen Ärzte ihre Aufgaben erfüllt haben. Wir dürfen dieses Verhalten nicht ihrer Humanität zuschreiben. Die Briten hassen uns in jeder Art und Weise in der wir ihnen gegenüber treten. Die gute Pflege der Verwundeten war einzig das Resultat ihrer perfekt etablierten medizinischen Versorgung, welche Glück und Zufriedenheit unseren Soldaten praktisch schon aufgedrängt hat – wahrscheinlich sogar ohne den Wunsch der britischen Offiziere für unsere Soldaten irgendeine Art von Bequemlichkeit zu schaffen‘10.“ Rush stütze seinen Kopf frustriert auf seine gefalteten Hände. Friedrich überkam Mitleid mit dem armen Mann, er war in der letzten Zeit so darauf fokussiert gewesen, wie schlecht es ihm selber ging und mit was für Problemen er zu kämpfen hatte - wie sehr die Verantwortung und die viele Arbeit Rush belasteten, war ihm dabei weitestgehend entgangen.„Wo Sie gerade sagen, dass die Briten uns in jeder Form hassen; ich hatte ein recht interessantes Gespräch mit einem der britischen Ärzte, einem Doktor Wilson“, begann der junge Arzt und fuhr dann, nach Rushs Ermutigung fort, die ganze Geschichte zu erzählen.„Sie hätten das Angebot annehmen sollen. Wir stehen am Abgrund“, meinte der Ältere der beiden trocken und als Rush den erschrockenen Gesichtsausdruck seines Gegenübers erkannte, lächelte er schwach. „Ein Scherz, ein wirklich dummer Scherz. Ich glaube an unserer Sache und habe große Mühen unternommen, um unseren britischen Gastgebern zu erklären, wie aus einem lösbaren Konflikt diese Revolution, dieser Krieg entstanden ist. Ich bin mir allerdings nicht ganz sicher, ob sie mich verstanden haben. Aber ganz im Ernst, diese Armee muss reformiert werden – und vielleicht sollten wir auch darüber nachdenken ihren Oberbefehlshaber auszutauschen.“„Sie reden davon General Washington seines Kommandos zu entbinden?“, hakte Friedrich nach, nur um ganz sicher zu sein, dass er die Situation richtig verstanden hatte. „Washington ist ein guter, ehrlicher Mann, aber in militärischen Belangen nun mal ein Amateur11, es gibt viele Männer die fähiger wären die Armee anzuführen. Viele im Kongress sehen das ebenso und selbst jene, die Washington nicht ersetzen wollen, befürchten, dass Washington zu einem militärischen Idol hochstilisiert wird und was solch eine Verherrlichung für Folgen für unsere junge Nation haben könnte12. Aber warum erzähle ich Ihnen das eigentlich alles? Verzeihen Sie, aber die Hälfte davon ist nicht für Ihre Ohren bestimmt.“Friedrich zwang sich zu lächeln, auch wenn ihm nach dem Gehörten nicht mehr danach zumute war. Allerdings wollte er Rush zumindest ein wenig aufheitern und nicht mit dem Gedanken belasten, dass er zu frei gesprochen hatte. „Sie haben mir all das erzählt, weil Sie wissen, dass ich ein Quäker bin und wir Quäker für unser Talent zu Schweigen berühmt sind.“Rush verstand sofort und lächelte dankbar, ein Lächeln das nun schon etwas unbeschwerter wirkte. „Danke, Doktor Deegen – für Ihre Verschwiegenheit und für das Gespräch“, verabschiedete sich Rush und klopfte Friedrich beim Hinausgehen auf die Schulter. Dieser blieb alleine in dem halbdunklen Raum zurück. Es gab viel über das er nachzudenken hatte, nicht nur über Rushs Worte, sondern auch, so sehr es ihn schmerzte, auch über Wilsons Worte.
01. Oktober 1777
The Annals of the Age Cannot Produce such another Scene of Butchery...
Major Samuel Hay, 7. Pennsylvania Regiment, über die Schlacht von Paoli Die Nachricht über die Niederlage bei Paoli verbreitete sich rasend schnell durch die amerikanischen Ränge. 201 Verwundete und Verstorbene und noch einmal 71 Gefangene. Augenzeugen berichteten, dass die Briten mit aufgepflanzten Bajonetten aus der Nacht kamen und über die schlafenden Amerikaner herfielen. Selbst über Soldaten die sich ergeben hatten, sollen sie hergefallen sein, so berichtete ein Arzt von 46 Stichwunden an einem einzigen Patienten13. Neue Hospitäler wurden errichtet und während Friedrich im Lager blieb, pendelte Rush zwischen den neuen Krankenhäusern hin und her. Es mussten ja immer noch die Verwundeten von Brandywine versorgt werden. Der junge Arzt hatte in dieser Zeit viel Verantwortung übertragen bekommen, es gab im mittleren Department viele Ärzte, die im Rang über ihm standen und fast jeder von ihnen hatte auch mehr Erfahrung als Friedrich, aber Rush vertraute ihm. Dazu kam die Tatsache, dass viele der leitenden Ärzte sich nicht im Lager der Armee befanden, sondern sich nahe des Kontinentalkongresses aufhielten und mit diesem nach Lancaster in Pennsylvania geflohen waren oder bei einem der großen Versorgungslager der Armee stationiert waren, in Fishkill oder Bethlehem beispielsweise. Neben seiner Tätigkeit als Ärzte sahen sich Friedrich und seine Kollegen nun also auch noch mit bürokratischen Aufgaben konfrontiert. Die meisten vom Friedrichs Kollegen waren genervt von der Arbeit – wobei der Umstand, dass es Mehrarbeit war stärker ins Gewicht fiel, als die eigentliche Art der Arbeit. Der junge Arzt musste jedoch zugeben, dass ihm die Arbeit irgendwie gefiel. Es war zum Teil sehr monoton einen Bericht nach dem anderen zu verfassen oder elend lange Listen miteinander zu vergleichen, aber Monotonie hatte den Vorteil, dass man sich Fehler erlauben durfte. Wenn ein Bericht mal etwas später fertig oder ein Name falsch eingetragen wurde, dann starb dadurch niemand. Es war so herrlich unkompliziert … natürlich könnte man argumentieren, dass ein Fehler in der Buchhaltung oder Logistik zu Engpässen in der Versorgung führen würde und dieser Engpass dann das Leben von Patienten bedrohen könnte, aber so weit dachte Friedrich an diesem Abend nicht.Er saß im Schein einer einzigen Kerze und glich zwei Dokumente miteinander ab. Eine einfache Arbeit, um einen anstrengenden Tag ausklingen zu lassen. Doch noch viel wichtiger war es, dass es Friedrich ablenkte. Ablenkte von dem Fakt, dass General Howe einen großen Teil seiner Armee in Germantown stationiert hatte. Joséphines Heimatgemeinde war fest im Griff der britischen Truppen und der Gedanke ließ sie keine ruhige Minute mehr finden. Auch wenn der Abschied von ihrem Zuhause nicht gerade ideal war und auch wenn sie wusste, dass ihr Verschwinden ihren Vater rasend vor Wut gemacht haben musste, so hatte die junge Frau doch schreckliche Angst um ihre Familie. Um ihre jüngeren Geschwister, aber auch um ihren Vater. Wäre Onkel Louis noch bei ihnen, so hätte sie das immerhin ein wenig beruhigt, doch ihr Onkel war nun ja auch ein Teil der Kontinentalarmee. Obwohl sie sich versprochen hatten zu schreiben, hatte Joséphine in all den Monaten bisher erst einen einzigen Brief von Louis erhalten. Die Ungewissheit fraß sie auf. Sie wusste doch nur allzu gut, was mit den Quäkergemeinschaften unter britischer Besatzung geschah, sie hatte es nach der Schlacht von Trenton doch selber erlebt. Die Briten wollten die Dorfbewohner ihre Loyalität schwören lassen, doch natürlich haben sich die Quäker geweigert einen Schwur, ob nun auf den König oder sonst etwas abzulegen. Die Situation konnte erst entschärft werden, als einige der Dorfbewohner sich für ihre Quäkernachbarn verbürgten. Doch auch darüber hinaus hatten die Briten die Quäker schikaniert, zum Beispiel indem sie ihnen den Hut vom Kopf schlugen, als sie sich weigerten den Hut vor den britischen Offizieren zu ziehen. Mit all diesen Gedanken war Joséphine also mehr als froh, eine möglichst einlullende Arbeit gefunden zu haben.Ihre Eintönigkeit wurde jäh unterbrochen, als Friedrich plötzlich ein Geräusch hörte, es kam aus einem Nebenflügel des großen Hospitalzeltes. Die anderen Ärzte hatten sich alle bereits vor einer Stunde zurückgezogen und außer einer Nachtschwester dürfte keiner mehr in dem Hospital gewesen sein. Das Geräusch musste also entweder von einem Eindringling stammen, oder von einem Patienten der dringend Hilfe brauchte. Mit der Kerze in der Hand begab sich Friedrich in die Richtung, aus der er das Geräusch vernommen hatte und stieß auch prompt auf seinen Eindringling. Ein Mann stand dort in dem Hospital und es machte den Anschein, als war er gerade dabei zu gehen, als Friedrich auf ihn gestoßen war. Das Gesicht wäre dem Deutsch-Amerikaner vage bekannt vorgekommen, hätte er denn darauf geachtet. Stattdessen konnte Friedrich wenig mehr tun, als auf den roten Uniformmantel zu starren. Nach einem Moment des Schocks hatte der junge Arzt sich wieder gefasst. Es war bestimmt nicht so wie es aussah … wobei, bei seinem Glück?„Sir, was machen Sie hier? Können Sie sich ausweisen?“, fragte Friedrich.„Ich bin General der Kontinentalarmee“, antwortete der Fremde mit sicherer Stimme.„Verzeihen Sie Sir, aber danach sieht es für mich momentan nicht aus. Können Sie sich ausweisen?“„Die gesamte Situation muss in Ihren Augen tatsächlich bedrohlich aussehen, aber ich versichere Ihnen, dass ich wirklich ein General dieser Armee bin. Ich führe meine Papiere momentan nicht mit mir, aber mein Name ist John Cadwalader14.“Jetzt erst sah Friedrich sich das Gesicht des Mannes näher an. Der Fremde, vielleicht Anfang 30, kam ihm bekannt vor. Er hätte dem Gesicht keinen Namen zuordnen können, wusste aber mit Sicherheit, dass diese Person zu der Gruppe der kontinentalen Generäle gehörte. Vorsichtig legte der Arzt das Skalpell wieder zur Seite, welches er eben noch von einer der Ablagen genommen hatte. Man wusste ja nie. „Ich glaube Ihnen, Sir“, meinte Friedrich und Cadwalader entspannte sich merklich, bevor er sich erneut zum Gehen wandte. „Ich würde aber immer noch gerne wissen, was Sie mitten in der Nacht in der Uniform eines britischen Regulären in unseren Hospital zu suchen haben“, hielt Friedrich ihn zurück.„Ich kann verstehen Doktor, dass mein Verhalten Sie verwundern, wenn nicht sogar beunruhigen muss, aber ich kann über mein Vorhaben hier nicht sprechen.“ Der General festigte seinen Griff um einen der Tragegurte des Beutels, den er in der Hand hielt. Roter Stoff war darin sichtbar. „Sie spionieren gegen die Briten15“, platze es aus Friedrich hervor. Cadwalader wich jegliche Farbe aus dem Gesicht. „Wie, woher … was bringt Sie auf diese Idee“, druckste er herum.„Die Briten haben Philadelphia eingenommen und Washington will versuchen es zurück zu erobern. Spione in der Stadt, um die britischen Stellungen auskundschaften, wären da nur hilfreich. Sie kommen selber aus Philadelphia, Sie wären eine geeignete Wahl und nun stehen Sie hier. Mitten in der Nacht und ohne Papiere in der Uniform eines britischen Soldaten, dazu ein Gepäck aus Uniformen für noch mindestens vier weitere Männer“, führte Friedrich seine Beobachtungen aus. Cadwalader zog die Augenbrauen zusammen. „Wirklich gut beobachtet Doktor, aber Sie dürfen darüber nicht sprechen.“„Ich bin Quäker, über meine Lippen kommt kein Wort“, versicherte Friedrich und fuhr fort. „Eine Frage hätte ich jedoch, General. Kennen Sie den Mann der nach Germantown geht, um sich dort „umzusehen“?“„Diese ganze Sache unterliegt strengster Geheimhaltung, aber über Germantown kann ich sprechen. Wir schicken nämlich niemanden nach Germantown.“„Warum nicht Sir, ein großer Teil der britischen Armee ist dort?“„Dennoch ist Germantown eine kleine Gemeinde, nicht mit Philadelphia zu vergleichen. Fremde fallen dort auf, wenn nicht den Briten dann doch den Einheimischen.“Friedrichs Herz schlug schneller als physisch möglich sein sollte. Er selber wusste wie dumm die Idee war, wusste, dass er sie bereuen würde, aber Joséphine war doch noch ein halbes Kind. Konnte man es ihr verübeln, dass sie nach Hause wollte?„Lassen Sie mich nach Germantown gehen, ich bin dort aufgewachsen, mich kennt man dort“, brachte Friedrich schließlich hervor. Gott gebe ihm die Kraft das durchzustehen. Mit der Krempe seines Hutes tief ins Gesicht gezogen, folgte Friedrich den wohlbekannten Feldwegen Germantowns. Er hatte gehofft, dass es sich wie Heimkommen anfühlen würde, wie die Einfuhr in einen sicheren Hafen. Aber das tat es nicht, diese Gefühle konnte Germantown nicht mehr in ihm hervorrufen, nicht mehr in Friedrich zumindest. Fünf Jahre war sein Fortgehen mittlerweile her, eine vergleichsweise kurze Zeit, die sich jedoch anfühlte wie ein halbes Leben. Dennoch hatte sich kaum etwas in der Gemeinde geändert. Friedrich hätte schwören können, dass es sogar noch immer die gleichen Schafe waren, die dort auf den Wiesen grasten. Ja Schafe, nicht dass Schafe etwas mit seinem Auftrag zu tun hätten, aber sie lenkten den jungen Menschen so herrlich davon ab, dass er sich immer weiter dem Hof der Familie Deegen näherte. Mit jedem Schritt schien das Gehen schwerer zu werden. Freude und Angst fochten einen erbitterten Kampf in Joséphines Innerem aus und ließen doch nur eine unsägliche Leere zurück. Sie erreichte den Hof und merkte, dass es war, als wäre sie nie fortgewesen. Mit mutigen Schritten umrundete sie das Haus, bis sie die Felder hinter dem Hof erblickte. Fast hoffte sie die Felder verweist vorzufinden, aber ihr Vater war ein emsiger Mann. Wenn es Arbeit zu tun gab, dann erledigte er sie. So war es auch kein Wunder, dass Joséphine Hugo erkannte, mit gebeugtem Rücken, einen Sparten in der Hand.„Père?“, Joséphine verhaspelte sich fast an dem ungewohnten Klang des Wortes auf ihrer Zunge. Hugos Kopf schnellte in die Höhe und für einen Moment wanderte sein Blick suchend umher, bevor er dann auf Joséphine fiel. Selbst mit all der Verkleidung war es für den Vater keine Mühe, seine Tochter zu erkennen. Sein Gesicht wurde härter als der Stein, den er bis eben noch bearbeitet hatte, als Joséphine sich im langsam näherte. „Du hast jegliches Recht verwirkt mich so zu nennen. Ich bin nicht mehr dein Vater“, entgegnete er und blieb immer noch regungslos auf dem Feld stehen. Auf Joséphine hatten die Worte die gleiche Wirkung, wie ein Tritt in die Magengrube. Sie hatte mit solch einer Reaktion gerechnet, tatsächlich hatte sie dieses gesamte Gespräch mehrmals im Kopf durchgespielt, aber nun ihren Vater diese Worte in der Realität sagen zu hören, tat mehr weh,als sie gedacht hatte. Tränen sammelten sich in ihren Augenwinkeln. Sie musste sich zusammen reißen, diesen Besuch statte sie nicht für sich ab, sie tat das, um ihre Familie zu schützen.„Père, bitte hör mir zu, du und die anderen müssen aus Germantown verschwinden. Es wird zur Schlacht kommen, wahrscheinlich hier in Germantown und zwar sehr bald schon. Geht nach Philadelphia, die Stadt ist groß, oder weiter in Richtung Norden – es ist auch nur für ein paar Tage, bis das Schlimmste vorüber ist. Bitte! Ich könnte es nicht ertragen einen von euch verletzt zu sehen.“„Mutig bist du, das muss ich dir lassen. Dich nicht nur wieder hier her zu trauen, nach all dem was du der Familie angetan hast, sondern dich auch noch zu verhalten, als ob es dich wirklich interessiert, wie es uns geht. Als du damals weggegangen bist, da hast du uns alle im Stich gelassen, mich und deine Geschwister. Nach dem Tod deiner Mutter, hättest du für sie da sein müssen, aber nein, das war ja zu viel verlangt gewesen. Du hast deinen Bruder im Stich gelassen, weißt du das eigentlich? Wir waren gezwungen ihn in einem unbenannten Grab zu beerdigen und so zu tun, als ob du in dem Grab lägst. Anders hätten wir die Schande, die du über die Familie gebracht hast nicht verbergen können. Doch weißt du, was ich mir all die Zeit gewünscht habe? Das du wirklich in diesem Grab liegst. Warum durftest du leben, während mein süßer Junge sterben musste?“Joséphine schluckte schwer, vor ihrem inneren Auge zogen Erinnerungen vorbei, glückliche Erinnerungen an ihren Vater. Wie sie zusammen im Hof oder im Wald gespielt hatten, wie er ihr vorgelesen hatte, während sie auf seinem Knie saß. Einmal, Joséphine musste noch sehr jung gewesen sein, hatte er ihr die Haare geflochten. Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern, wie die Situation zustande gekommen war, aber sie konnte noch seine Hände in ihrem Haar spüren. An diesen positiven Erinnerungen versuchte sie sich festzuhalten, während sie gegen all den Hass, den ihr Vater nun anscheinend gegen sie hegte, gegenanging. Seine Worte trafen sie mehr als sie nur irgendwie ausdrücken konnte, aber das durfte sie einfach nicht beeinflussen.„Verlass Germantown, ich bitte dich! Es muss auch nicht für lange sein, eine Woche höchstens“, flehte Joséphine und überbrückte den noch bestehenden Abstand zwischen ihr und ihrem Vater. Was sie jedoch nicht erwartet hatte, war, wie abweisend Hugo auf ihre Annäherung reagierte. Anstelle einfach zurück zu weichen, schlug er ihr ins Gesicht. Ihr Kopf flog zur Seite und sie selber taumelte ein paar Schritte rückwärts. Ihr Atem stockte für einen Moment, hatte ihr Vater das gerade wirklich getan? Eine Art von Hoffnungslosigkeit kam in ihr auf, die gleiche Hoffnungslosigkeit, die sie auch immer mit James gespürt hatte - immerhin waren diese Schläge immer seine „Spezialität“ gewesen. Doch gleichzeitig kochte Wut in der jungen Frau hoch, eine Wut, die sie in letzter Zeit häufiger verspürte und die sie damals vor all den Jahren letztendlich auch dazu bewegt hatte, Germantown hinter sich zu lassen.„Es sind ja auch nicht nur wir, die du zurück gelassen hast. Da wäre auch noch dein Ehemann. Hast du einmal daran gedacht wie schlimm das alles für ihn war? Der arme Mann war ganz und gar erschüttert. Er hat nach dir gesucht, hätte dich ohne ein weiteres Wort wieder zurück genommen, so sehr hat er dich tatsächlich geliebt“, spie Hugo ihr entgegen.Joséphine spürte Galle in ihrem Hals hochsteigen. Hier war ihre Grenze erreicht, ab hier durfte niemand mehr Beherrschung von ihr erwarten.Mit einer langsamen, wohl überlegten Geste drehte Joséphine den Kopf wieder in Richtung ihres Vaters. „Ach James hätte mich wieder zurück genommen? Das glaube ich gerne. Warum, weil das hier“, und hier zog Joséphine an ihrem Hemdkragen und schob die Ärmel hoch „ihm Spaß bereitet hat". Auf der nackten Haut an ihrem Arm und ihrer Brust waren die Narben von alten Verbrennungen zu sehen. An dem Abend an dem Joséphine ihm erzählt hatte, dass sie doch nicht schwanger war, hatte er sie in seinem Zorn gegen den Kessel über dem Feuer gestoßen.Hugo hatte immerhin den Anstand mit einer seltsam schmerzhaft verzogenen Mine in die Richtung seiner Tochter zu blicken, doch Joséphine reichte das nicht. „Warum hast du zugelassen, dass wir heiraten? Warum Vater? Ich war ein Kind, dein Kind, du hättest mich beschützen müssen.“„Du wolltest James doch unbedingt heiraten!“, antwortete ihr Vater laut, aber ansonsten völlig monoton.„Ich war ein Kind, ein kleines Mädchens. Natürlich wollte ich heiraten, ich verstand doch noch nichts von der Welt. Warum hast du es mir nicht verboten, warum hast du mich nicht noch zwei, drei Jahre warten lassen. Warum nicht, in Gottes Namen?“, presste Joséphine hervor und konnte nun nicht mehr verhindern, dass die Tränen ihr die Wangen herunterrannen. Noch vor einigen Jahren hätte ihr Vater sie jetzt in den Arm genommen.„Natürlich warst du noch jung, aber du hattest gerade erst deine Mutter verloren, ich wollte dir daher diesen Wunsch erfüllen. Hätte ich gewusst wie James ist, ich hätte bestimmt nicht zugestimmt.“„Aber du hast mir auch nicht geholfen, du hast mir nie gesagt, dass ich wieder nach Hause kommen kann.“„Weil du deine Entscheidung getroffen hast und man muss nun mal die Verantwortung für seine Entscheidungen tragen.“Joséphine blinzelte verwirrt gegen die Abendsonne. Das klang nicht wie der Mann, den sie einst Père nannte. „Onkel Louis hat das nicht davon abgehalten mir zu helfen. Das hier war seine Idee, weiß du?“, fragte die junge Frau und rieb sich unbewusst über die Narben an ihrem Arm. Hugos Mine wurde noch härter – falls das denn überhaupt möglich war. „Ja, mein Bruder würde tatsächlich fast alles für dich tun, aber das verstehst du nicht. Verlass jetzt diesen Hof und komm mir nie wieder unter die Augen. Du hast bereits genug Schaden angerichtet, solltest du noch einmal hier her kommen, werde ich dich persönlich zu deinen neuen Dienstherren bringen.“Joséphine verzog das Gesicht, nicht wegen der neuerlichen Abweisung – nicht nur zumindest. Gerade eben hatte sie noch das Gefühl gehabt, langsam zu ihrem Vater durchzudringen, doch nun war er wieder vollkommen verschlossen. Wahrscheinlich war es am klügsten zu gehen, die junge Frau zweifelte nicht an der Entschlossenheit ihres Vaters. In ihrer jetzigen Situation den Briten in die Hände zu fallen, wäre wahrscheinlich noch schlimmer, als von ihren wirklichen Offizieren entdeckt zu werden. Aber da war auch noch die Aussage ihres Vaters über ihren Onkel, eine Aussage die sie nicht verstand, von der sie aber das Gefühl hatte, dass sie für ihren Vater eine Bedeutung hatte. Resignation machte sich in ihr breit, sie würde die Wahrheit eh nicht mehr erfahren. Doch kurz bevor sie um die Hausecke und damit außer Sichtweite verschwunden war, holte ihr Vater sie ein und packte sie an der Schulter. Erschrocken fuhr Joséphine herum, halb erwartete sie einen neuerlichen Schlag, aber stattdessen war da, nein, keine Zuneigung in Hugos Augen, aber eine Art von Güte, die man vielleicht Fremden zukommen ließ. „Sei unbesorgt, deine Geschwister und ich werden Germantown für einige Zeit verlassen. Ich bringe meine Kinder nicht in Gefahr, nur weil ich den Überbringer der Nachricht nicht mag … und … danke, für das Geld. Louis wollte mir nie sagen, wo es her kam, aber es kam von dir, nicht?“Joséphine wusste nicht was sie sagen sollte, stattdessen drückte sie ihres Vaters Hand auf ihrer Schulter. Ihr Vater war wütend auf sie und enttäuscht von ihr, eine Heimkehr nach Germantown würde es nie geben können, aber vielleicht hatte sie zumindest immer noch einen Vater.Nach diesem aufwühlenden Zusammentreffen beschloss Friedrich auf den Markt in der Dorfmitte zu gehen, um endlich seinem eigentlichen Auftrag nachzukommen. Erst jetzt, nachdem er etwas Zeit gehabt hatte, die gesagten Dinge auf sich wirken zu lassen, fiel ihm auf, dass er seinem Vater nicht erzählt hatte, dass er ein Medizinstudium beendet hat. Wie viele Frauen gab es denn schon auf der Welt, die einen Doktor in Medizin hatten? Friedrich grinste, der Gedanke war ihm zum ersten Mal gekommen. Doch schnell besann er sich wieder. Seine momentane Aufgabe verlangte absolute Konzentration, würde er auffliegen, würde man ihn Hängen oder, angesichts „ihres Geschlechts“, noch Schlimmeres tun. Seine Uniform hob ihn aus der Menge hervor, während sie ihn gleichzeitig anonym machte. Mit vorsichtigen Blicken, stets darauf bedacht nicht aufzufallen, sah Friedrich sich um. Zählte Soldaten und Artilleriegeschütze, beobachtete Häuser, um mögliche Munitionslager und Hauptquartiere ausfindig zu machen, mit einem halben Ohr belauschte er auch die Gespräche der umstehenden Einwohner, die Marktfrauen wussten stets über alles Bescheid. Nach einigen Stunden mehr oder weniger erfolgreichem Herumwandern, beschloss Friedrich Germantown wieder zu verlassen bevor es zu spät wurde und immer weniger Menschen auf den Straßen waren. Schon fast am Dorfausgang angelangt, machte Friedrich plötzlich Halt. Da war eine Sache die noch getan werden musste, anders konnte er Germantown nicht verlassen, nicht, wenn er Frieden haben wollte.Den Weg zum Friedhof hätte Joséphine auch blind gefunden. Sie war in dem Jahr nach dem Tod ihrer Mutter häufig dort gewesen und auch sonst war diese Ruhestätte der Toten ihr vertraut, immerhin schloss sie direkt an den Schulhof an16. Mit andächtigen Schritten ging sie an den Gräberreihen vorbei, viele Namen auf den Steinen kannte sie. Wie zuvor bei ihrer elterlichen Farm fiel ihr das Weitergehen mit jeden Schritt schwerer, aber dieses Mal zog der Ort sie auch magisch an. Sie wollte das Grab ihres Bruders sehen, sich ihm noch einmal nahe fühlen, koste es was es wolle. Doch der Mut verließ die junge Frau schnell, sobald sie dann wirklich vor dem Grab stand. Es war direkt neben dem ihrer Mutter gelegen und wie man ihr bereits gesagt hatte, nicht richtig markiert. Eine Steinplatte mit dem Familiennamen, mehr nicht.Als hätte man sie jeglicher Kraft beraubt, fiel Joséphine auf die Knie. Sie hatte gedacht, dass sie, nachdem sie ihren Bruder schon hatte sterben sehen, keine Probleme damit hätte, an seinem Grab zu stehen, aber das war tatsächlich fast noch schlimmer. Die Worte ihres Vaters hallten ihr im Kopf. Ja, warum durfte sie leben, aber Friedrich hatte sterben müssen? Vorsichtig beugte sie sich nach vorne, sodass ihr Kopf auf der Steinplatte lag. Die unterdrückten Tränen der vergangenen Jahre bahnten sich ihren Weg an die Oberfläche. Joséphine nahm das hin, sie fühlte sich geborgen, hier wo sie ihrem Bruder so nah war. Ihr Bruder hatte immerhin immer versucht sie zu beschützen.„Ich vermisse dich Friedrich, weißt du? Ich glaube nicht, dass du mein Handeln gut gefunden hättest, aber du hättest irgendwie gelernt es zu akzeptieren. Besonders wenn es mich geschützt hätte. Sag Friedrich, ist Mutter bei dir? Und Maximilien?“, Joséphine hätte noch Stunden so reden können, hätte etwas Frieden finden können, wenn sie nicht von der Stimme hinter ihr aufgeschreckt worden wäre.„Ich hätte nicht gedacht, dich noch einmal wiederzusehen. Aber uns kann eben nichts trennen, ganz so wie wir es uns damals versprochen haben, nicht?“Joséphine fuhr herum, um die Person in Augenschein zu nehmen, die eben gesprochen hatte. Sie erkannte das Gesicht der Person, erkannte die Stimme. Gott, diese Stimme würde sie nie vergessen können.
----- CHAPTER BREAK -----
01. Oktober 1778
I feel in some degree reconciled to Howe’s entering of Pennsylvania und Philadelphia, that the unworthy inhabitants (of which ‘tis apparent a majority of the State is composed) may experience the calamities of war, which nothing but their own supineness and unfriendliness to the American cause would have brought on them
Timothy Pickering an seinen Bruder, 25. September 1777 Joséphine hatte gerade eben genug Zeit, um auf die Füße zu kommen, als ihre jüngere Schwester Johanna ihr stürmisch um den Hals fiel. „Ich dachte, ich sehe dich nie wieder!“, flüsterte das Mädchen gegen den Kragen der Uniform ihrer großen Schwester. Joséphine selber war einen Moment viel zu überrascht, als dass sie etwas antworten konnte. „Hanni, ich … Du freust dich mich wieder zu sehen?“„Natürlich freue ich mich, Dummkopf, du bist meine Schwester.“„Ich habe vorhin mit Vater gesprochen, der schien die Tatsache, dass wir Familie sind, irgendwie vergessen zu haben.“Johanna machte einen halben Schritt zurück und musterte Joséphine mit einem schmerzerfüllten Blick. „Père hat dir dein Verhalten wirklich übel genommen, ich glaube ich habe ihn selten so wütend gesehen. Aber wir sind doch Schwestern, wir fallen uns nicht gegenseitig in den Rücken“, beteuerte Johanna und verstärkte ihre Umarmung. „Was denken die anderen über mich? Was wissen oder denken sie, was passiert ist?“, fragte Joséphine und verschaffte sich wieder etwas Freiraum. Der Blick in Johannas Augen wurde düster, als sie abwesend eine Strähne ihres blonden Haares um einen Finger wickelte. „Nun ja im Dorf denkt man, dass Joséphine gestorben ist und Friedrich nie zurückgekehrt ist, auch nicht zur Beerdigung, da er es nicht ertragen könnte, an einem Ort zu sein, den er so sehr mit dir verbindet. James hat den trauernden Witwer gespielt, wenn ich es nicht besser gewusst hätte, hätte ich es ihm beinahe abgekauft“, antwortete die jüngere der beiden Frauen abfällig.„Du hast gesagt, du weißt es besser, sag, was genau weißt du?“, drängte Joséphine und Johanna seufzte einmal. „Nun ja, was wir in der Familie wissen, weicht etwas von dem ab, was die Gemeinde weiß. Als Friedrich an dem Abend zurück auf den Hof gekommen ist, da waren wir Geschwister noch alle wach. Père hat ihm hineingeholfen und mich angewiesen alle anderen ins Bett zu schicken, danach sollte ich mich um Friedrich kümmern, bis Père Onkel Louis geholt hat. Nach dessen Ankunft ist Père wieder gegangen und nicht viel später bist du dann ja auf den Hof gekommen. Ich war wach und habe mich um Maximilien gekümmert, deshalb habe ich deine Ankunft mitbekommen. Père hat uns später erzählt, dass er es in Wirklichkeit war, der ins Haus gekommen ist, aber da ich wusste, dass das nicht stimmte, habe ich Onkel Louis angesprochen und der hat mir erzählt, was wirklich passiert ist. Dass du bei Friedrich warst, als er gestorben ist und du dann seine Kleidung und Papiere genommen hast, um nach Philadelphia zu gehen und dort in Sicherheit vor James zu sein.“„Du weißt also, dass ich unsere Familie nicht einfach so im Stich gelassen habe. Aber alle anderen denken-“„Das du ohne ein Wort und ohne einen triftigen Grund davon gegangen bist. Die Jüngsten sind wütend und traurig, sie verstehen es einfach nicht und für sie wird es wohl die einzige Wahrheit bleiben, die sie über diese Nacht je wissen werden. Wir Älteren, ich glaube nicht nur, ich weiß mehr. Hugo scheint zumindest ein Gefühl zu haben, dass mehr hinter all dem steckt, aber ich habe mich bisher auch nicht getraut mit ihm zu reden, da Père das nicht gutheißen würde“, beendete Johanna ihre Ausführungen.Joséphine seufzte. Sie würde sich wünschen, dass Johanna ihr Schweigen brechen und ihren Geschwistern die Wahrheit erzählen würde, aber nachdem sie eben gerade erst selber Pères Zorn ausgesetzt war, konnte sie die Zurückhaltung ihrer kleinen Schwester nur allzu gut verstehen. Mit der Hand fuhr sie sich durch das Haar, war einmal mehr von dessen Kürze überrascht, und seufzte. Sie wollte nicht gehen, nicht nachdem sie gerade erst ihre Schwester gefunden hatte und diese so herzlich ihr gegenüber war. Doch langsam wurde es spät und es gab für Joséphine in Germantown keinen sicheren Ort, um dort die Nacht zu verbringen.„Johanna, ich muss zurück zur Armee, ich kann nicht länger hierbleiben, ohne uns beide in Gefahr zu bringen“, erklärte Joséphine und wollte Johanna gerade ein letztes Mal umarmen, als diese zurück wich. „Was soll das heißen, du musst zur Armee zurück? Die Armee ist doch hier“, wollte die Jüngere ungläubig wissen und strich mit den Fingern über den roten Stoff von Joséphines Mantel. Natürlich, Johanna musste davon ausgehen, dass sie sich der britischen Armee angeschlossen hatte.„Das hier ist nur eine Verkleidung, ein Weg, um nach Germantown zu kommen ohne aufzufallen. Ich gehöre nicht wirklich zu den britischen Truppen“, erklärte Joséphine schnell und sah nur, wie Johanna jegliche Farbe aus dem Gesicht wich.„Aber das würde heißen, dass du in der Kontinentalarmee bist!“„Ja, das bin ich.“„Phine, James ist ebenfalls in der Kontinentalarmee. Ich dachte, du wüsstest das und hättest dich daher den Briten angeschlossen.“Nun war es an Joséphine zu erbleichen, sie fühlte sich, als hätte man sie neuerlich geohrfeigt. „Hanni, weißt du in welchem Regiment James ist, in welcher Einheit?“„Im Deutschen Regiment.“Der älteren Schwester wurde plötzlich schwindelig. Konnte es sein, dass James sie gefunden, sie erkannt hatte? Aber andererseits, hätte er dann nicht schon lange etwas unternommen? Doch wie sollte James seine Frau nicht entdeckt haben, der Arzt des Regimentes war eine allgemein bekannte Person, aus offensichtlichen Gründen, und auch sonst hätte spätestens der Name Friedrich Deegen alles verraten. Die junge Frau versuchte ruhig zu atmen, aber die Angst schnürte ihr die Kehle zu.„Phine, bitte, was ist denn? Du bist doch Arzt, du bist im medizinischen Department, da werdet ihr euch doch bestimmt nicht treffen“, versuchte Johanna ihre Schwester zu beruhigen. In jeder anderen Situation wäre Joséphine wahrscheinlich aufgefallen, wie auffällig viel ihre Schwester doch über den Aufbau der Armee wusste, aber in diesem Moment hatte sie andere Sorgen.„Hanni, ich war im Deutschen Regiment, ich war dort Arzt bevor ich versetzt wurde. Wenn James ebenfalls dort dient, dann muss er mich erkannt haben.“„Oh, dass wusste ich nicht, ich dachte … aber, James ist erst vor einiger Zeit in dieses Regiment versetzt worden. Anfang Januar oder so. Davor war er im 7. oder 8. Pennsylvania-Regiment.“Joséphine atmete nach dieser Information wieder etwas freier, das war genau die Zeit, in der seine Kollegen aus dem Regimentsstab damals seine Versetzung beantragt hatten. Gott, besonders in Retroperspektive hatte er seinen Freunden nie gebührend dafür gedankt. „Dann bin ich kurz nach James Ankunft versetzt worden, aber dennoch, ich kann nicht länger in der Armee bleiben, das Risiko ist zu hoch.“„Oh, ist es das wirklich, Phine? Du bist zurück nach Germantown gekommen, obwohl du davon ausgegangen bist, dass James noch hier war. Das Risiko war dir auch nicht zu hoch. Darüber hinaus, was willst du machen? Du kannst nicht erneut heiraten und ganz davon abgesehen wirst du mit diesen Haaren weder einen Mann, noch eine vernünftige Anstellung finden. Sofern du also nicht vor hast im Hafenviertel die Matrosen zu vergnügen, hast du, fürchte ich, wenig andere Möglichkeiten als in der Armee zu bleiben.“Joséphine konnte den Argumenten ihrer Schwester wenig entgegensetzen und schenkte ihr deswegen nur einen leidigen Blick. Die Reaktion war eher unschön. „Sieh‘ mich nicht so an Phine! Meine Aufgabe als Schwester ist es dich zu lieben, und ich finde, dass ich diese Aufgabe bisher überdurchschnittlich gut erfüllt habe. Aber du hast Fehler gemacht, du hast wirklich Mist gebaut und da musst du selber wieder rausfinden.“ Das Unverständnis war nun deutlich in Johannas Stimme zu hören und Joséphine konnte es ihr nicht einmal verübeln. Sie hatte Recht, bisher hatte sie sich ihr gegenüber mehr als nur nachsichtig gezeigt und schon das kurze Gespräch, dass sie geführt hatten, hatte Joséphine wieder Kraft zum Weitermachen gegeben, zu wissen, dass zumindest nicht jeder aus ihrer Familie sich von ihr abgewandt hat, war ein großer Trost.„Aber da ist noch etwas, Phine, denkst du es wird zu einer Auseinandersetzung kommen? Hier in Germantwon?“, fragte Johanna und gab sich dabei nicht einmal Mühe die Besorgnis in ihrer Stimme zu verbergen. „Ich denke schon, wenn schon nicht in Germantown, dann doch zumindest in der Nähe. Mach dir aber keine Sorgen, Vater geht mit euch allen für eine Weile nach Philadelphia, so werdet ihr wahrscheinlich außer Gefahr sein.“Johanna machte den Anschein für einen Moment in tiefer Überlegung zu sein, mehr als nur das, sie schien regelrecht mit sich zu ringen und schaffte es nicht, ihrer Schwester in die Augen zu sehen. Als sie dann schließlich doch den Kopf wieder hob, da war in ihrem Blick wieder dieses Feuer, für das die Deegen-Frauen so berühmt waren. „Ich möchte das du hier wartest, ich habe da noch etwas was ich dir geben muss, sonst finde ich keine ruhige Minute“, drängte die Jüngere und die Ältere wollte widersprechen, doch an dem Gesichtsausdruck ihrer Schwester erkannte sie, dass widersprechen wenig bringen würde. Also beschlossen sie sich in einer Stunde bei dem alten Baumhaus nahe der „William Penn Charter School“1 zu treffen und Joséphine begann sich langsam zu fragen, was Johanna wohl im Schilde führte. Im Schutze der hereinbrechenden Nacht schlich die junge Frau in Richtung der Schule, ihrer ehemaligen Schule. Sie war 1689 gegründet worden, gerade einmal sechs Jahre nach der Gründung Germantowns im Jahre 16832. Die Schule war schon immer ihrer Zeit voraus gewesen. Unterrichtete von Anfang an Kinder jeglicher Religionszugehörigkeit, seit 1697 gab es keine Studiengebühren für Kinder aus armen Familien, ab 1701 die Möglichkeit seinen Aufenthalt an der Schule durch ein Stipendium zu finanzieren, die ersten Mädchen wurden 1754 zugelassen und seit 1770 wurden auch Kinder aller Hautfarben hier unterrichtet. Joséphine liebte diesen Ort, nicht nur wegen der Möglichkeit zu lernen, die sie hier gehabt hatte, sondern auch wegen des Waldes, der unweit des Schulgebäudes begann. Dort war ein Baum, ein sehr alter Baum, der dort wahrscheinlich schon stand als die 13 Gründungsfamilien hier siedelten. Der Stamm war dick, aber nicht übermäßig hoch, die Äste waren robust und stark ineinander verwachsen. Die Kinder des Dorfes hatten dort eine Art Baumhaus errichtet. Die Jungen hatten Bretter besorgt und quer zwischen den dicken Astgabeln verkantet, so dass ein behelfsmäßiger Boden entstand. Wilhelm, der Sohn des Schmiedes, hatte sogar ein paar Nägel von seinem Vater bekommen, dem diese misslungen waren. Die Mädchen hatte Bänder und breite Stoffstreifen gesponnen, gewebt oder aus alten, ausgemusterten Kleidungsstücken genäht und diese an den oberen und seitlichen Ästen verknotet, sodass man im Sommer vor der Sonne geschützt war und in den kälteren Monaten vor dem Wind.Joséphine kam es vor, als wäre es erst gestern gewesen, dass sie als junges Mädchen mit ihren Freunden hier gesessen hatte. Die Kinder hatten ihre eigenen Zeremonien und Gemeindetreffen abgehalten. Tatsächlich war es auch noch gar nicht so lange her, dachte die junge Frau, als sie den Baum hinaufkletterte, die knorrigen Astenden am Stamm dienten ihr dabei als Halt. Trotz der Dunkelheit rutschte sie kein einziges Mal an der glatten Rinde ab – sie kannte den Weg, sie war schon tausendmal hier hinauf geklettert. Als sie dann auf den Brettern saß und ihre Beine anzog, den Rücken gegen den Stamm gedrückt, da kam sie nicht umher festzustellen, dass sich wenig in ihrer Abwesenheit verändert hatte. Einige Bretter und Stofffetzen waren ausgetauscht worden, aber sonst …sogar der Stoff, den sie damals zu dem Projekt beigetragen hatte, war noch da. Es war die erste Webarbeit gewesen, die sie ganz alleine fertiggestellt hatte und dementsprechend verzogen war der Stoff noch, dementsprechend schief waren die Schnittstellen vernäht, aber es war ihr eigenes Werk. Joséphine lächelte leise, wie glücklich sie doch gewesen war.So in Gedanken versunken, glitt sie schon schnell in einen ruhigen, wenn auch traumlosen Schlaf. Sie fröstelte in der kühlen Nachtluft, doch erwachte sie erst als sie jemanden ihren Namen rufen hörte. Vorsichtig und noch immer etwas verschlafen kletterte sie den Stamm wieder herunter und fand sich dort in Gesellschaft ihrer Schwester Johanna. Diese drückte ihr ein Stück Papier in die Hand. „Sorg dafür, dass dieses Papier deinen Generälen zur Kenntnis kommt“, instruierte Johanna sie. Joséphines Blick fiel auf das Papier, aber in der Dunkelheit konnte sie nicht viel erkennen. Zahlen schienen dort zu stehen, etwas weiter unten schienen es dann Namen und Dienstbezeichnungen zu sein – alles in Johannas feinsäuberlicher Handschrift verfasst. „Was ist das und wo hast du das her?“, fragte die junge Frau und sah zu ihrer Schwester herüber.„Ich habe es nun einmal. Du hast Dinge getan, die ich nicht gutheiße, aber ich habe dich nie hinterfragt. Tue mir den Gefallen und hinterfrage nun mich nicht.“„Vergiss, dass ich je etwas gesagt habe. Die Kontinentalarmee dankt dir und ich danke dir auch Johanna.“„Der Dank deiner Kontinentalarmee interessiert mich nicht, aber ich freue mich, wenn ich dir helfen konnte“, antworte Johanna und zog etwas aus ihrer Schürzentasche heraus. Selbst in dem schlechten Licht erkannte Joséphine den Gegenstand und erbleichte sogleich.Was Johanna da in der Hand hielt, war ein kleiner, hölzerner Engel mit Bastfäden als Aufhängung. Friedrich hatte für jedes Familienmitglied solch einen Engel geschnitzt. Er hatte damit angefangen als er vielleicht sechs oder sieben Jahre alt war und Père ihm endlich erlaubt hatte sein Messer zu benutzen. Ursprünglich wollte Joséphines Zwilling kleine Sterne schnitzen, um das innere Licht darzustellen, dass laut dem Glauben der Quäker in jedem Menschen wohnte, aber dann hatte er sich daran erinnert, wie sehr seine Zwillingsschwester doch Engel liebte und hatte schließlich eines dieser Himmelswesen für sie geschnitzt. Weitere folgten bald, für jedes Familienmitglied eines. Joséphines Engel hatte noch einen seltsam spitzen Kopf und spitze Flügeln, da diese anfangs noch als Sternzacken gedacht waren.„Du hast ja damals Méres behalten, nach ihrem Tod“, begann Johanna und Joséphine nickte langsam. Natürlich hatte sie gedacht Père wolle den Engel behalten, aber in seiner Trauer konnte er den kleinen Engel der sonst immer in einer der Taschen seiner Frau und teilweise sogar an ihrem Mieder festgesteckt war, nicht einmal ansehen. Hätte seine Tochter die Schnitzkunst nicht an sich genommen, so wäre sie wahrscheinlich in den Flammen gelandet.„Ich habe Père angeboten sowohl Friedrichs als auch Maximiliens Engel zu behalten, aber er hat abgelehnt – recht vehement sogar. Ich würde Maximiliens Engel gerne behalten, aber Friedrichs muss ich dir geben. Eure beiden Engel waren immer genauso unzertrennlich wie ihr beide, es wäre unrecht sie zu trennen. Weißt du noch, dass ihr sie nachts bevor ihr schlafen gegangen seid immer an den Nagel über der kleinen Truhe gehängt habt? Dort baumelten sie dann nebeneinander die ganze Nacht über. Die Engel sind Glücksbringer und du kannst momentan wohl etwas mehr Glück gebrauchen als wir anderen.“ Johanna reichte ihrer Schwester das Stück Holz und diese nahm es in beide Hände. Das Holz fühlte sich warm und rau gegen ihre Handfläche an, der Bastfaden ebenso. Heftige Emotionen überkamen sie.„Welches Glück haben uns diese Engel schon gebracht? Mutter, Friedrich, Maximilien – alle sind sie tot“, brachte Joséphine hervor und klang dabei beinahe anklagend, während ihr die Tränen von der Nasenspitze auf die Oberlippe tropften.„Es sind ‚Glück-im-Unglückbringer‘. Denk doch nur einmal nach, Mére ist gestorben, viel zu früh und es hat uns allen fürchterlich wehgetan, aber sie ist gestorben, weil sie einem ihrer Kinder das Leben geschenkt hat. Ich glaube nicht, dass sie es anders gewollt hätte. Dann Friedrich, ich vermisse ihn jeden Tag und ich weiß, dass du noch viel mehr trauerst, aber du warst bei ihm bis zu Letzt. Gott, sein Fieber war so hoch, er hätte irgendwo auf der Straße ohnmächtig vom Pferde fallen können, Wegelagerer hätten über ihn herfallen können und was nicht noch alles. Aber stattdessen hat er es bis nach Hause geschafft und du bist ihm nicht mehr von der Seite gewichen. Zu guter Letzt Maximilien, ja, Vater konnte ihm nie wirklich ins Gesicht sehen, aber jeder andere hat Maximilien geliebt. Unser kleiner Bruder ist gestorben, da lag sein ganzes Leben noch vor ihm, aber er war zumindest keinen Tag ungeliebt, kein Tag ist vergangen, an dem er nicht von jemandem angelächelt wurde. Natürlich ist das alles kein Trost für das, was wir verloren haben, aber es hätte uns schlimmer treffen können“, beharrte Johanna und Joséphine konnte nicht anders als ihrer Schwester zuzustimmen. „‚Glück-im-Unglücksbringer‘ dann also“, meinte sie und verstaute den Engel sicher in ihrer Tasche zusammen mit dem Papier. Ein letztes Mal noch umarmte sie ihre Schwester und verabschiedete sich. Schon bald lag Germantown in der Ferne.Als Friedrich die äußersten Ränder des Lagers erreichte, nannte er den Wachen das Passwort und wurde eingelassen. Ohne große Umschweifen und ohne sich an der späten – oder besser gesagt frühen Stunde, zu stören, begab er sich zu dem Quartier von General John Cadwalader. Entgegen der Einsprüche eines der Adjutanten des Generals, der noch zusammen mit seinen Kameraden am Feuer saß, bestand der junge Arzt darauf, dass der General augenblicklich geweckt wurde. Friedrich wusste nicht, dass er so autoritär sein konnte, aber schließlich hatte er den Adjutanten überzeugt und sah sich nicht viel später Cadwalader gegenüber. Sein Haar war ungeordnet, die Krawatte schlampig gebunden und ein Knopf an seiner Uniform stand noch offen. Der arme Mann war halb im Traume noch. „Doktor Deegen, was verschafft mir die Ehre Ihres Besuchs zu solch einer frühen Stunde?“Statt einer Antwort hielt Friedrich ihm nur das Papier entgegen. Im Licht betrachtet waren dort tatsächlich wichtige Information über die Truppenstärke und Ausrüstung der Briten in Germantown niedergeschrieben.„Donnerwetter, Sie haben wirklich etwas herausgefunden? Sie sind nicht entdeckt worden?“„Nein, Sir“, antwortete der junge Arzt mehr oder weniger wahrheitsgetreu, der größte Dank galt immerhin Johanna.„Unsere Männer in Philadelphia sind alle verraten worden3. Ich dachte schon Ihnen wäre Ähnliches widerfahren.“ Sein Blick wanderte gen Himmel, dort wo es langsam zu dämmern begann. „Gönnen Sie sich ein paar Stunden Ruhe und kommen Sie dann um sieben in das Hauptquartier. Stellen Sie bei dem stattfindenden Kriegsrat den Generälen diese Informationen vor, ebenso wie alles andere was sie über Germantown wissen, berichten Sie von jedem Stein, von jedem Rind auf den Weiden“, ordnete Cadwalader an und Friedrich salutierte.Als er dann kurze Zeit später auf seiner Matratze lag und in die Dunkelheit starrte, wollte der Schlaf nicht kommen. Ihm ging einfach zu viel durch den Kopf. Immer und immer und immer wieder rezitierte er die Unterhaltungen mit seinem Père und seiner Schwester. Draußen begann sich das Lager allmählich zu regen und der Lärm, der an sein Ohr drang, war seiner Schlaffindung nicht gerade zuträglich. So stand er also zeitig auf und machte sich fertig. Bei jeder Bewegung, dem Anziehen und dem Waschen, merkte er, wie tief die Erschöpfung ihm doch in den Knochen steckte. Wie eine Schicht an Blei hatte sie sich um seine Knochen gelegt und machte jeden Schritt schwer, seine Muskeln fühlten sich schmerzhaft kraftlos an. Friedrich war sich nicht sicher, wie lange er in diesem Tempo noch durchhalten könnte – eins war aber sicher, ewig war es nicht mehr. Da aber all das Klagen nichts nütze, begab er sich sodann zeitnah zum Hauptquartier. Da er zu früh erschienen war und die anderen Generäle noch nicht eingetroffen waren, bot man ihm an, sich im Hauptraum am Feuer zu wärmen. Dankend nahm er an und erhielt so auch die Möglichkeit den Aide-de-Camps Washingtons bei der Arbeit zuzusehen. Bereits zu dieser frühen Stunde war man schon emsig wie ein Bienenvolk – vielleicht auch immer noch emsig wie ein Bienenvolk, nach den dunklen Augenringen einiger der Männer zu urteilen.Sobald dann alle Generäle eingetroffen waren, viele hatten bereits eine morgendliche Inspektion der Truppen hinter sich, begann der Rat zu tagen. Friedrich war sich sicher, noch nie in so kurzer Zeit so häufig salutiert zu haben. Als Washington dann seinen Platz am Kopf des Konferenztisches eingenommen hatte, begann Cadwalader damit, Friedrich und seine Mission vorzustellen. Das Papier, das Johanna angefertigt hatte, war in der Zwischenzeit zwei oder drei Mal abgeschrieben worden, sodass alle Generäle die Möglichkeit hatten selber für sich die Informationen zu lesen.„Vertrauen Sie der Quelle dieser Informationen, oder könnte es sich um eine Falle handeln?“, fragte dann einer der Anwesenden an Friedrich gewandt. Der junge Arzt erkannte an Epauletten, dass es sich um einen Brigadier-General handeln musste, konnte dem Gesicht aber keinen Namen zuordnen. „Absolut!“, antwortete Friedrich und seine Stimme war dabei so fest, dass sie keinen Zweifel zuließ. Washington räusperte sich am anderen Ende des Raums und erregte damit die Aufmerksamkeit der Anwesenden. „Sollte es zur Schlacht in Germantown kommen, wie werden sich dann die Einheimischen Ihrer Meinung nach Verhalten, Doktor Deegen?“„Sie werden neutral bleiben.“„In solch einem Konflikt kann man aber nun mal nicht neutral bleiben“, warf ein anderer General ein, Friedrich hatte ihn noch nie zuvor gesehen.„In Germantown leben vorwiegend Quäker und Mennoniten4, pazifistische Menschen. Wenn die Briten sie um Hilfe bitten und sie ihnen helfen können ohne wider ihrer Überzeugungen zu handeln, werden sie den Briten helfen. Wenn wir sie um Hilfe bitten und sie uns helfen können ohne wider ihrer Überzeugungen zu handeln, werden sie auch uns helfen.“„Aber irgendwer in dieser Gemeinde muss doch politisch eingestellt sein“, meldete sich eine weitere Stimme zu Wort und Friedrich war sich relativ sicher, dass der Sprecher General Sullivan war.„Nur weil die Bewohner Pazifisten sind, heißt das nicht automatisch, dass sie unpolitisch sind. Die Briten haben beispielsweise ein Hospital in dem Haus der Familie Meyer** eingerichtet, der Vater hat eine sehr konservative, aber keineswegs eine pro-britische Haltung. Die Briten sind in seinem Haus, weil sie es beschlagnahmt haben und nicht weil er sie eingeladen hat. So besorgt ist er, dass er nach Philadelphia geflohen ist, aus Angst wir würden ihm nicht glauben, dass er nicht mit den Briten sympathisiert.“„Also ist die politische Meinung gegen uns?“, hakte Sullivan nach.„Ich denke nicht. Sirs, ich bin selbst zum ersten Mal nach fünf Jahren zurückgekehrt – in solch bewegten Zeiten kann sich viel ändern. Aber meine Auffassung der Geschehnisse ist, dass der Großteil von Germantown sich bedeckt halten wird. Die Menschen die wir treffen werden zwar eine politisch konservative Meinung haben, in sozialen Belangen aber Neuerungen durchaus aufgeschlossen sein. Dazu legen die Briten nicht gerade ein besonders zuvorkommendes Verhalten an den Tag. Können wir uns also von einer guten Seite zeigen und unser Anliegen vernünftig erklären, werden wir zumindest nicht nur auf Ablehnung stoßen. Auch wenn die meisten Quäker Pazifismus und Loyalität gegenüber der Krone predigen, haben doch auch sie Bedenken, die sie nur im Privaten äußern. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass Mr. Meyer aus Germantown geflohen ist, da er davon überzeugt ist, dass wir Germantown zurück gewinnen werden und er sich dann vor uns zu verantworten hätte“, beendete Friedrich seine Ausführungen.Was dann folgte war eine Vielzahl an Fragen, die die Generäle an Friedrich hatten. Die meisten betrafen Straßen und Wege sowie die Geländebeschaffenheit. Es interessierten aber auch die Häuser der Einwohner der kleinen Gemeinde, aus welchem Material sie gefertigt waren und wie viel Beschuss sie widerstehen konnten, gab es gar Häuser, die einem Artilleriebeschuss etwas entgegenzusetzen hätten? Friedrich antwortete so gut er konnte und wies auf Kleinigkeiten hin, die ansonsten auf keiner anderen Karte zu finden waren. Als dann von Seiten des jungen Arztes aus alles gesagt war, verabschiedete er sich respektvoll und wandte sich zum Gehen, damit die Generäle ihre Planung der Schlacht ungestört fortsetzen konnten. Den Türknauf schon in der Hand, wandte er sich noch einmal in Richtung der Anwesenden. „Eins noch meine Herren, wenn ich darf. Wir haben manchmal starken Nebel in Germantown, der zu allen Tageszeiten auftaucht, während dieser Zeiten kann man buchstäblich seine Hand nicht mehr vor Augen sehen. Wir müssen darauf gefasst sein, auch am Tage der Schlacht von diesem Nebel überrascht zu werden.“
04. Oktober 1777
In the midst of the most promising appearances—when every thing gave the most flattering hopes of victory, the Troops began suddenly to retreat; and intirely left the Feild in spite of every effort that could be made to rally them.
General George Washington an John Hancock, 5. Oktober 1777 Nicht einmal zwei ganze Tage später, wünschte Friedrich sich, er hätte noch nachdrücklicher auf den Nebel hingewiesen, denn dieser schien den kontinentalen Truppen momentan das Leben schwer zu machen. Dabei hatte es doch zu Anfang noch so vielversprechend ausgesehen. General Howe hatte einen Großteil seiner Truppen aus Germantown abgezogen, um Philadelphia zu halten und um Versorgungswagen zu schützen. Die Amerikaner wären den Briten endlich einmal zahlenmäßig überlegen gewesen und so ließ Washington seine Männer in der Nacht vom dritten auf den vierten Oktober die 26 Kilometer südlich nach Germantown marschieren. Es sollte ein zweites Trenton werden, aber die Bedingungen waren schlecht, die Luft war kalt und klamm und bei der Dunkelheit fiel es schwer, den richtigen Weg zu finden. Um sich gegenseitig erkennen zu können, hatten die Soldaten weiße Papierstücke an ihren Hüten befestigt5. Tatsächlich gelangte man unerkannt an den hessischen Spähern vorbei, aber viele der Kompanien hatten sich verspätet und als die ersten amerikanischen Truppen gegen fünf Uhr in der Frühe das Feuer eröffneten, hielten die Briten die Soldaten anfangs noch für eine bloße Vorhut. Als sie jedoch feststellten, dass es sich um einen richtigen, koordinierten Angriff handelte, begannen sie das Feuer zu erwidern. Das 40. Infanterieregiment unter dem Kommando des britischen Colonel Musgrave hatte sich dann in der Sommerresidenz von Benjamin Chew6 in Germantown verschanzt. Das Anwesen, welches den Einwohnern der Gemeinde als Cliveden bekannt war, war aus massiven Stein gebaut und den kontinentalen Truppen gelang es nicht, dass Gebäude einzunehmen. Selbst dem Artilleriebeschuss durch General Henry Knox7 Männer widerstanden die Mauern und die zahlenmäßig überlegenen Besetzer.Der Nebel wurde indes immer dichter und die Rückstände des Schießpulvers erleichterten die Sicht nicht gerade. General John Sullivans8 Truppen schossen immer wieder blind in den Nebel während sie vorrückten und auch wenn diese Taktik die Gegner auf Abstand hielt, hatten sie bald nicht mehr genügend Munition hierfür. In all dem Durcheinander verloren die Soldaten unter General Anthony Wayne9 den Anschluss an Sullivans Division, durch den Nebel praktisch blind und in dem Glauben nach allen Richtungen hin isoliert zu sein, zogen sie sich zurück, sodass auch Sullivans Männer sich zurück ziehen mussten, da sie alleine den Briten nicht Parole bieten konnten. Im Norden Germantowns musste sich General Alexander McDougall zurückziehen, nachdem ihm schwere Verluste durch die Queens Ranger, einer Einheit die größtenteils aus loyalen Kolonisten bestand und zu Ehren von Königin Charlotte, der Ehefrau König George III benannt worden war, zugefügt worden waren. Zu guter Letzt wurde auch noch der Großteil von General Nathanael Greenes Truppen von zwei britischen Briegarden umzingelt und vom Rest der Armee abgeschnitten, sodass auch er sich mit seinen Männern zurückziehen musste. Die wahre Katastrophe waren allerdings nicht die vielen Rückzüge, nein die wahre Katastrophe ereignete sich gegen Mittag. General Adam Stephen10 sollte seine Truppen eigentlich zum Market Square führen, wo sie sich mit Greenes Truppen vereinen sollten. Stattdessen führte er sie jedoch die Meetinghouse Road hinunter – direkt in die Arme von Waynes Truppen auf dem Rückzug. Die beiden Briegarden erkannten sich aufgrund des dichten Nebels nicht als Verbündete und eröffneten kurzerhand das Feuer.Friedrich bekam das alles mehr oder minder genau mit, denn auch er und seine Kollegen hatten alle Hände voll zu tun. Die Armee kannte im Wesentlichen drei Arten an Hospitälern. Es gab einmal die General- oder auch Haupthospitäler die oftmals Meilen von dem eigentlichen Lager der Armee entfernt errichtet und betrieben wurden. Ihre Standorte waren so gewählt, dass sie nicht nur die Verletzten aus den jüngsten Schlachten leicht aufnehmen konnten, sondern das Gebiet auf dem sie sich befanden auch sicher in der Hand der Kontinentalen lag. Solche Hospitäler waren beispielsweise in Litiz, Reading und Fishkill wobei Letzteres bei einem der wichtigsten Versorgungslager der Armee lag. Nach der Schlacht von Brandywine wurden weitere dieser Hospitäler in Bethlehem, Allentown, Easton und Ephrata eingerichtet. Diese Art von Hospital hatte richtige, ausgebildete Ärzte und vernünftige Unterkünfte – also Schul- oder Kirchengebäude, Scheunen wenn es nichts anderes gab.Daneben gab es die Regimentslazarette die von den Ärzten eines Regimentes und deren Assistenten betrieben wurden und nie weit von dem jeweiligen Regiment entfernt waren. Das bedeutete jedoch nicht nur, dass die Verletzten leichter an Hilfe kamen, sondern dass die Ärzte auch unmittelbar an der vordersten Frontlinie arbeiten mussten. Zur Unterbringung wurden meistens Privathäuser beschlagnahmt – mal mit mehr, mal mit weniger Widerstand seitens der Bewohner.Als dritte und letzte Art gab es dann die „fliegenden Hospitäler“. Diese waren zwar deutlich hinter den jeweiligen Frontlinien positioniert, aber dennoch keineswegs angenehme Arbeitsplätze. Wenn man eine Scheune oder einen alten Schuppen fand, konnte man sich schon glücklich schätzen. In den meisten Fällen waren fliegende Hospitäler in Zelten oder provisorisch zusammengebauten Bretterverschlägen untergebracht. Diese Hospitäler wurden von Ärzten aus dem medizinischen Department betrieben und Friedrich hätte gelogen, wenn er gesagt hätte, dass er sich hier wohlfühlte.In dem Zelt war es zugig, der Wind pfiff hindurch und es schien als würden von allen Seiten immer mehr und mehr Verletzte gebracht werden. Seine Finger waren kalt und steif und klebrig vom halb getrockneten Blut. Sobald er seine müden Lider schloss und einen Moment durchatmen wollte, tanzten tausende kleine Sterne vor seinem inneren Auge. Seufzend öffnete er dann wieder die Augen, um sich wieder seiner Arbeit zuzuwenden. Scot war die meiste Zeit dicht bei ihm, sie arbeiteten miteinander, arbeiteten einander zu.„Wohin mit ihm?“, ertönte zum bestimmt hundertsten Mal die Stimme eines Soldaten in dem Lazarett, der einen verwundeten Kameraden hereinbrachte.„Bringen Sie ihn dort drüben zu dem Misthaufen11, ja?“, instruierte Friedrich und ließ seinen Blick über den neuen Patienten wandern. Auf den ersten Blick sah es so aus, als ob der Mann eine große Bauchwunde durch ein Bajonett erhalten hatte. Wäre die Wunde nicht nur großflächig sondern auch tief, hätte der Soldat nicht den Hauch einer Chance diesen Tag zu überleben. „Brauchst du mich gerade?“, fragte Friedrich an Scot gewandt und dieser schüttelte den Kopf, seine gesamte Aufmerksamkeit war darauf verwendet, Stoffreste aus einer Wunde zu entfernen, um somit Infektionen vorzubeugen. „Ich habe hier alles im Griff und rufe, wenn ich dich doch brauche“, versicherte der ältere Arzt dem Jüngeren und dieser wandte sich ab. Zusammen mit einem der jungen Burschen die in den Krankenhäusern aushalfen, schaffte er den Verwundeten vom Misthaufen zu einem der Feldbetten, um ihn dort zu behandeln.„Junge, sei so gut und suche dir jemanden, um den Misthaufen wieder neu aufzuschichten. Die Männer dürfen nicht unterkühlen, während sie auf ihre Behandlung warten. Oh, und füll mir diesen Eimer mit Wasser wieder auf und mische etwas Brandy oder Essig mit hinein, sodass ich die Wunde desinfizieren kann“, wies Friedrich den Assistenten an und dieser nickte eifrig. „Um den Misthaufen kümmere ich mich sofort, aber das Wasser, der Brunnen ist bestimmt eine halbe Meile von hier entfernt und bei dem Nebel – ich bin mir nicht sicher, ob ich den Brunnen finden werde“, meinte der Bursche verlegen und Friedrich versuchte sich seine Frustration nicht anmerken zu lassen, als er selber nach dem Eimer griff und das Zelt verließ. Der Junge konnte nicht wirklich etwas dafür und die kurze Pause würde Friedrich wahrscheinlich gut tun. Zumindest konnte er sich so ein wenig die Beine vertreten, die von dem stundenlangen kauern vor niedrigen Feldbetten ganz verkrampft waren. Außerdem kannte er ja den Weg noch aus der Kindheit und Jugend und würde ihn selbst bei diesen widrigen Wetterbedingungen schnell finden.Die frische Luft war ein wahrer Segen nach dem Morgen in dem stickigen und überfüllten Hospital. Vögel zwitscherten irgendwo in der Nähe, scheinbar gänzlich unbeeindruckt von der Schlacht, die um sie tobte und die angenehme Brise hatte den Nebel etwas aufgelockert. Während der junge Arzt also den Feldweg in Richtung des Brunnes entlang schritt, immer darauf bedacht nicht über eine Bodenunebenheit zu stolpern, da machte er eine Entdeckung. Er hörte ein Geräusch und als er sich umdrehte konnte er gerade eben so die Person erkennen, die dort nicht unweit von ihm an einen Baumstamm gelehnt saß, ein Bein seltsam von sich gestreckt. Der blaue Mantel wies die Person als kontinentalen Soldaten aus.Als Friedrich sich vorsichtig näherte, erkannte er auch, dass das Bein des Mannes mit Blut überströmt war. Das Geräusch, das er gehört hatte, war ein unterdrückter Schmerzenslaut gewesen. „Erschrecken Sie sich nicht. Ich bin ein kontinentaler Arzt, ich kann Ihnen helfen“, machte Friedrich sein Näherkommen erkenntlich, doch trotz dieser Ankündigung fuhr der Soldat merklich zusammen, als der junge Arzt dann weiter auf ihn zukam.„Oh, Sir, es ist nur ein Kratzer, wirklich nicht der Rede wert“, meinte der Verwundete sobald er und Friedrich sich gegenüberstanden. Der junge Arzt ging in die Hocke, um sich die Wunde genauer anzusehen und kam nicht zu der Überzeugung, dass es sich bei der Verletzung ‚nur um einen Kratzer‘ handelte. Er kannte dieses Verhalten. Entweder waren die Männer noch so unter Schock, dass sie die Schwere ihrer Verwundung nicht einschätzen konnten, oder sie wollten unbedingt den Helden spielen. So oder so musste man sich ihrer annehmen.„Sie sind angeschossen worden, das ist eine ernsthafte Verletzung. Wenn Sie sich nicht behandeln lassen, werden Sie für den Rest Ihres Lebens auf dem Bein lahm sein“, argumentierte Friedrich und streckte die Hand nach der Verletzung aus. Der Soldat schlug sie einfach weg.„Nein, Sir, bitte. Bitte nicht.“„Ich wiederhole mich, wenn Sie sich nicht behandeln lassen, werden Sie für den Rest Ihres Lebens auf dem Bein lahm sein.“„So schlimm ist es nicht Sir, wirklich. Es gibt bestimmt andere Verwundete die dringender Ihre Hilfe benötigen.“Friedrich sah nun dem Soldaten das erste Mal direkt in die Augen – da war Furcht und es war nicht die Furcht vor der Verletzung. Joséphine war es, als ob sie in ihre eigenen Augen blicken würde, an dem Morgen an dem General La Fayette sie beim Waschen enttarnt hatte. Ihr Blick wanderte weiter, die Haut am Kinn war etwas zu glatt für einen Mann, die Schultern ein wenig zu schmal. Die Krawatte ihres Gegenübers war verrutscht, sodass Joséphine den blanken Hals sehen konnte. Da war kein Adamsapfel. Ihr Gegenüber war folglich kein Soldat sondern eine Soldatin. „Ihr Geheimnis ist bei mir sicher, lassen Sie sich nur von mir behandeln“, sagte Joséphine, ohne über die Worte nachzudenken, aber das musste sie auch gar nicht. Natürlich war das Geheimnis dieser Frau bei ihr sicher.„Ich … wie? Sir?“, stammelte die Verwundete und ließ nun auch zu, dass Joséphine die Wunde genauer untersuchte – wahrscheinlich mehr aus Überraschung, denn aus wirklichem Einverständnis.„Pst, sagen Sie nichts. Wenn man weiß wonach man schauen muss, ist es eigentlich ganz einfach zu erkennen. Nun, lassen Sie mich zurück zum Lazarett gehen und meine Tasche holen, ja?“, bat Joséphine.„Nein!“„Nein?“„Nein Sir. Wie kann ich sicher sein, dass Sie nicht doch jemanden von mir erzählen oder selbst wenn Sie wirklich mein Geheimnis für sich behalten, dann folgt Ihnen vielleicht jemand oder sonst etwas. Ich danke für Ihr Angebot mir zu helfen, aber wenn Sie mir helfen wollen, dann müssen Sie das hier machen“, beharrte die Frau und der junge Arzt nickte langsam. Joséphine konnte sie nachvollziehen, vollkommen. Sie selber hätte nicht anders gehandelt.„Gut, ich muss die Kugel aus der Wunde entfernen, haben Sie ein Bajonett?“Die junge Frau reichte Friedrich die gewünschte Waffe und er inspizierte sie eingehend. Nicht gerade seine erste Wahl, aber es müsste wohl gehen. Vorsichtig, um das verwundete Gewebe nicht noch weiter zu schädigen, entfernte er erst die erste, dann die zweite Kugel aus dem Oberschenkel der Frau. Obwohl deren Gesicht eine Grimasse des Schmerzes war, kam doch kein Ton über ihre Lippen. Sie wusste ganz genau, würde sie schreien, würde vielleicht jemand auf sie aufmerksam werden. „Wie heißen Sie?“, fragte Friedrich deswegen der Ablenkung wegen.„Warum interessiert Sie das, wenn Sie nicht vorhaben mich doch noch zu melden“, antwortete die junge Frau argwöhnisch und Friedrich seufzte innerlich, so würde es definitiv nicht funktionieren. Eigentlich konnte es ihm ja auch egal sein, ob seine Patientin ihm vertraute oder nicht, solange er ihr helfen konnte. Es war nur so, dass er aus irgendeinem kindischen Grund unbedingt wollte, dass sie ihm vertraute. Aber andererseits vertraute er ihr auch nicht, ansonsten hätte er ihr die Wahrheit über sich selber gesagt. Er wollte gerne ehrlich mit ihr sein, sehr gerne sogar, immerhin war sie die erste Person, die ihn verstehen würde, die erste Person die wusste was er durchgemacht hatte, aber aus irgendeinem Grund wollten ihm die Worte einfach nicht über die Lippen kommen. Stattdessen sagte er etwas anderes und schämte sich auch sogleich für seine Feigheit.„Deegen, Friedrich Deegen, das ist mein Name falls Sie das wissen möchten“, erklärte er und begann weiter die Wunde zu versorgen - nicht das er dafür richtig ausgestattet war und er bemerkte auch, wie sehr es der Frau weh tun musste, als er mit den bloßen Fingern begann kleine Stoffreste aus der Wunde zu entfernen.„Mrs. Lane, Anna Maria Lane12“, meinte sein Gegenüber dann plötzlich und unvermittelt als Friedrich dachte, sie würde gleich aufschreien. Ihr Gesicht war kreidebleich. Obwohl er eigentlich mit anderen Dingen beschäftigt war, stutzte der junge Arzt kurz. „Mrs. Lane? Sie sind verheiratet?“„Ja.“„Weiß Ihr Ehemann-“„Ja, mein Ehemann weiß davon. Er dient mit mir im selben Regiment - Gott, können Sie sich beeilen?“, schnappte Lane und Friedrich beendete seine Arbeit. Außer die Kugeln zu entfernen, konnte er eh nicht so schrecklich viel tun. Abgesehen von der Entfernung der Fremdkörper konnte er die Wunde nicht weiter reinigen und auch verbinden konnte er sie nicht. Zwar hatte er versucht die Wundränder so gut es ging zusammen zu drücken, aber das würde nicht lange halten.„Gut, meine Arbeit hier ist dann getan. Auch wenn Sie sich weigern ein Lazarett aufzusuchen, kann ich Sie doch nur darauf drängen die Wunde alsbald zu verbinden. Ansonsten wird sie immer wieder von neuem aufreißen, Ihnen große Schmerzen und Unannehmlichkeiten bereiten und sich entzünden. Ich würde Ihnen auch raten sich die nächsten Tage zu schonen, aber das werden Sie wahrscheinlich auch nicht tun.“„Wie denn, wenn niemand wissen darf, dass ich verletzt bin?“, fragte Lane und ließ sich von Friedrich auf die Beine helfen. „Ich danke jedoch für Ihre Hilfe Doktor Deegen. Sie versprechen mir, dass Sie mich nicht verraten werden?“Friedrich lächelte ob der Frage. Wenn Lane doch nur wüsste. „Ich verspreche Ihnen, sie nicht zu verraten. Im Gegenteil, sollten Sie je wieder die Hilfe eines Arztes brauchen oder sollten Sie Bekanntschaft mit anderen Frauen in einer ähnlichen Situation machen, oder mit welchen der Marketenderinnen, dann bitte ich Sie, sie zu mir zu schicken. Ich kann mich um diese Frauen kümmern und würde auch ihr Geheimnis Niemanden verraten.“ Joséphine hoffte inständig, dass Lane das Angebot annehmen würde. Auch wenn sie nicht genau wusste, wie viele Frauen sich in die Armee geschlichen hatten, so wusste sie doch, dass es mehr als nur Lane und sie gab. Die meisten ließen sich bei Verletzungen und Krankheiten nicht versorgen, aus Angst enttarnt zu werden. Dazu kamen die Marketenderinnen, auch wenn sie einen so unersetzlichen Dienst für die Armee leisteten, war es doch schwer für sie selber an gute medizinische Versorgung zu gelangen.Lane musterte ihr Gegenüber einen Moment und erwiderte „Ich denke nicht, dass ich oder sonst jemand darauf zurück kommen wird, aber ich danke dennoch für das Angebot. Nun, wo sie beide sich von Angesicht zu Angesicht gegenüber standen, musterte Lane Friedrich noch einmal ganz ausführlich. Ihr Blick wanderte über seine Gestalt und fast machte es den Anschein, als wollte sie noch etwas sagen, doch stattdessen wandte sie sich ab und humpelte in die entgegengesetzte Richtung fort. Auch Friedrich wollte gerade seinen Weg zum Brunnen fortsetze, immerhin musste er diesen Eimer ja noch gefüllt bekommen, als Lane sich doch noch einmal zu ihm umdrehte. Obwohl sie laut genug sprach, dass er sie trotz der nun zwischen ihnen liegenden Entfernung, hören konnte, war ihre Stimme mehr noch gesenkt und bedacht.„Sie haben Recht, wenn man weiß wonach man schauen muss, ist es eigentlich ganz einfach zu erkennen.“Joséphine lächelte, die beiden Frauen verstanden sich.
06. Dezember 1777
Major General The Marquis La Fayette is to take the command of the division lately commanded by General Stephen.
General Orders vom 06. Dezember 1777 „Es sind 17“, beharrte Friedrich und stemmte die Hände in die Hüfte.„Es dürften aber nur 14 sein“, konterte Scot und ließ sich seufzend auf seinem Stuhl zurückfallen.„Also was machen wir nun?“„Naja, sonst hat man uns ja immer zu wenige Ressourcen geschickt, nicht zu viel.“„Also behalten wir es einfach?“„Könnten wir doch eigentlich, die im Versorgungslager in Fishkill werden wahrscheinlich eh nicht wissen für welches Hospital sie gedacht waren und es ist ja nicht so, dass wir die extra Vorräte nicht gebrauchen könnten, nun im Winterlager“, meinte Scot trocken und räumte die Papiere vor ihm auf dem Tisch zur Seite. „Ich bin fertig für heute. Noch eine Inventur mehr und ich schreie“, proklamierte der Ältere und fuhr fort „Kommst du mit uns anderen in die Kneipe? Ich gebe dir auch einen aus.“Friedrich lachte herzhaft. „Du bittest mir jedes Mal an, mir einen auszugeben, aber nur weil du ganz genau weißt, dass ich nicht annehmen werde.“„Da hast du mich aber erwischt“, antwortete Scot ebenfalls lachend und nicht mit einer Spur an Reue. „Ich bin eben ein ganz schlauer Fuchs.“Friedrich sog diesen Moment in sich auf. Seit dem Besuch in Germantown und dem Gespräch mit Père, war die Beziehung zu Scot noch intensiver geworden. Für den jungen Menschen war es schon lange keine rein freundschaftliche Beziehung mehr, in Friedrichs Augen war Scot eine Art Vaterfigur. Das Schöne war auch, dass der ältere Arzt in Friedrich kein Kind und erst recht keine Frau sah, nein, stattdessen sah er eine Person, die ihm gegenüber gleichgestellt war.Doch während sie noch so scherzten, wurde die Tür plötzlich aufgestoßen und ein Botenjunge stolperte mehr herein, als das er eintrat. „Ist Doktor Deegen zu sprechen?“, fragte er, noch immer außerAtem. Friedrich erhob sich und ging auf das Kind zu. Aus irgendeinem Grund hatte er ein ungutes Gefühl in der Magengrube.„Ich bin Doktor Deegen, was kann ich für dich tun?“„General La Fayette hat mich geschickt, Ihnen mitzuteilen, dass Sie sich bei ihm im Hauptquartier melden sollen. Er hat gesagt, es eilt.“Friedrich kniff für einen Augenblick die Augen zusammen, um den Drang sich übergeben zu müssen, zu bezwingen. Das war der Tag vor dem es ihm gegraut hatte, der Tag, an dem sein Kartenhaus endgültig einstürzen würde. Die einzige Hoffnung die er nun noch hatte, während er in Richtung Hauptquartier schritt, war, dass der Marquis Milde walten lassen würde und Joséphines Ausschluss aus der Armee diskret abwickeln würde. Denn eine Chance in der Armee zu bleiben, rechnete sie sich nicht aus, nicht in ihren kühnsten Träumen.Je weiter Joséphine sich dem Hauptquartier näherte, desto erleichterter war sie auch. Diese Maskerade hatte an ihr gezerrt, hatte sie ausgelaugt. Ihr Gesicht war immer nur eine Maske gewesen, das Antlitz eines Anderen. Jede Handlung, von ihrem Dienst über das Waschen bis hin zum Schlafen war immer in Angst ausgeführt worden, in der Angst enttarnt zu werden. Zwar wusste sie nicht, was nun für sie kommen sollte, aber sie vertraute auf Gott und darauf, dass sich schon etwas finden werde. Sie könnte als Näherin arbeiten, sich die Arbeit mit nach Hause nehmen und von dort aus arbeiten – kaum jemand würde dann ihr kurzes Haar sehen. Doch wo sollte dieses neue Zuhause sein? Oder sie könnte im Hafen arbeiten, nicht als eines der Mädchen, die die Matrosen vergnügten, sondern als Ärztin für diese Mädchen. Sicherlich war es unkonventionell, aber da sich ansonsten kein Arzt mit gutem Ruf auch nur in die Nähe dieser Mädchen wagte13, würde sie schon eine Einrichtung finden, die Interesse an ihrer Arbeit hatte. Die beste Idee kam Joséphine dann zum Schluss, sie könnte doch Onkel Louis suchen und in seinem Regiment als Marketenderin arbeiten. Waschen, kochen, Kleidung ausbessern – für solche Tätigkeiten war sie erzogen worden. Es würde ein paar Fragen geben, das sicherlich, aber am Ende würde sie sich schon die richtigen Geschichten ausdenken können. So in Gedanken bemerkte Friedrich dann auch erst, dass er an seinem Ziel angekommen war, als er die wenigen Stufen zu der Eingangstür hinauf schritt. Einmal noch atmete er tief ein, um sich für das Bevorstehende zu wappnen. Dann stieß er entschlossen die Tür auf. Er war müde, er wollte nur noch, dass dies alles vorbei war.Nachdem er eingetreten war und den Grund für seinen Besuch genannt hatte, wurde ihm erklärt, dass General La Fayette noch in einer Besprechung mit General Washington sei. Er könne sich aber gerne setzen und warten, lange würde es wohl nicht mehr dauern. Friedrich lehnte es dankend ab sich zu setzen und blieb stattdessen unschlüssig im Vorraum stehen. Von der Entschlossenheit, die er eben noch vor der Tür verspürt hatte, hatte es nicht viel über die Türschwelle geschafft. Sein Herz raste in seiner Brust und eine vollkommen neue Angst machte sich in ihm breit. Er fühlte sich nicht weniger elend als ein Tier auf der Schlachtbank, aber wenigsten war für das Tier die Tortur dann vorüber – für Friedrich begann sie erst noch. Um sich abzulenken, begann er die Gespräche der Aide-de-Camps zu verfolgen, wie sie gerade ihrer Arbeit nachgingen.„‚merdier‘ bedeutet betteln, oder?“, fragte jemand.„Ich glaube schon, aber frag sonst noch mal Hammie14, wenn er zurück ist“, erwiderte ein anderer.„‚mendier‘ bedeutet betteln und ‚merdier‘ bedeutet ‚der Saustall‘“, schaltete sich Friedrich ein, eher aus Reflex darüber die Muttersprache seines Vaters zu hören. Die beiden Gehilfen Washingtons sahen ihn einen Moment verwundert an, sagten dann aber außer einem kurzen Wort des Dankes nichts mehr. Im selben Moment flog die Tür zum Nebenzimmer auf und Washington und La Fayette betraten den Vorraum. Sobald ihr Blick auf Friedrich fiel, verdunkelte sich La Fayettes Mine wohingegen sich Washingtons Mine etwas aufhellte. Konnte das sein?Friedrich salutierte und Washington signalisierte ihm bequem zu stehen. „Was für eine Überraschung Sie hier anzutreffen Doktor … Deegen war es, nicht?“, begrüßte Washington den jungen Arzt. Dieser nickte nur, die Kehle war ihm zu sehr zugeschnürt, um zu antworten. Also hatte der Marquis doch vor ihn öffentlich zu melden.„Ihr seid mit dem Doktor bekannt, Exzellenz?“, ergriff nun der Franzose das Wort und klang dabei ebenso verwundert wie Friedrich sich fühlte.„Der Doktor und ich sind uns schon mehrere Male begegnet. Das erste Mal nach der Schlacht von Trenton, er hat zuerst geholfen unsere Verwundeten, darunter auch meinen Cousin, zu behandeln und später auch Colonel Rall, wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht. Aber nein, natürlich nicht, Sie haben sogar noch für mich und den Colonel übersetzt.“ Friedrich nickte nur stumm und knete seine Hände hinter seinem Rücken.„Der Doktor hat preußische Wurzeln und spricht Deutsch daher fließend“, meinte Washington an La Fayette gewandt und fuhr dann fort „Die nächste Begegnung, an die Ihr euch sicherlich auch noch erinnern könnt, Marquis, war dann nach Brandywine.“ La Fayette schnitt bei dieser Bemerkung eine Grimasse.„Den größten Dienst hat Doktor Deegen uns dann aber vor der Schlacht von Germantown erwiesen, indem er wichtige Informationen über die britischen Stellungen ausfindig machte. Gratulation Marquis, eine wirklich gelungene Ergänzung zu Eurem Generalsstab15“, meinte Washington und bemerkte dabei anscheinend nicht, wie sowohl Friedrich als auch dem Franzosen jegliche Gesichtszüge entglitten.„Danke Sir, nach den Ereignissen von Brandywine hielt ich es für die einzig richtige Entscheidung“, brachte La Fayette hervor, der sich am schnellsten von den beiden wieder gefangen hatte. „Ob wir wohl Euer Büro benutzen dürfen, um die Einzelheiten zu besprechen?“Washington hatte nichts dagegen einzuwenden und so stand Joséphine dann auch plötzlich in besagtem Büro, der Marquis trat direkt hinter ihr ein und schloss die Tür – vielleicht etwas geräuschvoller, als unbedingt notwendig gewesen wäre.„Ich verstehe nicht Sir“, gestand Joséphine sobald niemand sie mehr hören konnte und verhehlte ihre Verwirrung nicht.„Ich auch nicht“, erwiderte La Fayette und ließ sich seufzend auf einem der Stühle nieder.„Dann war es nicht Ihre Intention, mich in Ihren Generalsstab aufzunehmen?“„Natürlich nicht! Ich ‘atte Sie rufen lassen um Ihnen ihre Entlassungspapiere zu überreichen. Da ich Ihnen nach Ihrer ‘ilfe bei Brandywine wohl zu Dank verpflichtet bin, wollte ich die ganze Sache unter der ‘and abwickeln – wie man so schön sagt16.“„Dann revidieren Sie Ihre Entscheidung eben wieder und entlassen mich“, drängte Joséphine. So gerne sie auch in der Kontinentalarmee verbleiben würde, wäre dieses Arrangement einfach zu abwegig. Sie könnte niemals unter jemanden dienen, der ihre wahre Identität kannte. Wie sollte ein männlicher Vorgesetzter sie denn ansonsten jemals respektieren? Gerade in ihrem medizinischen Beruf, in dem Menschenleben auf dem Spiel standen, brauchte sie nichtweniger als absoluten Respekt für ihre Entscheidungen und Empfehlungen.„Nach dieser Fürsprache des Général? Wie könnte ich da rechtfertigen den Posten unlängst neu besetzt zu ‘aben?“, riss La Fayettes Stimme die junge Frau wieder aus Ihren Gedanken.„Dann sagen Sie, dass ich um meine Entlassung aus der Armee gebeten habe. Ich wollte nach Hause zu meiner Familie zurückkehren, jetzt nach der Schlacht von Germantown“, bot Joséphine eine Lösung an und der Marquis sah sie unvermittelt an. Sein Kopf war halb gesenkt und er sah sie von unten durch seine dichten, schwarzen Wimpern an. Eine widerspenstige Strähne seines roten Haares17 hing ihm im Gesicht und je länger La Fayette sie so ansah, desto mehr fühlte Joséphine sich an ihren Bruder erinnert. „Ist es denn wahr? Wollen Sie wirklich heimkehren?“, gewann der Marquis erneut die Aufmerksamkeit seiner Gesprächspartnerin zurück. Joséphine war für einen Moment sprachlos, was sollte diese Frage? Halb nahm sie an, dass der Franzose diese Frage nur zum Spaße gestellt hatte, aber der Blick seiner braunen Augen verriet ihr, dass dem nicht so war.„Verstehen Sie mich nicht falsch, ich verurteile Ihr Verhalten und ‘alte an meiner Meinung fest, dass, Ihre Anwesenheit ‘ier in der Armee eine Schande vor Gott und jedem ehrbaren Soldaten ist. Aber – aber, und ich kann kaum glauben, dass ich das wirklich sage, die Armee hat schlechtere Ärzte und ganz bestimmt auch schon schlechtere Soldaten gesehen. Während meiner Rekonvaleszenz ‘abe ich Erkundungen über sie angestellt, Doktor Rush scheint Ihnen recht zugetan zu sein, er redet nur Gutes über Sie. Ist es richtig, dass Sie in der Schlacht von Brandywine, als das Lazarett bei Birmingham umstellt war, auf das Schlachtfeld gelaufen sind, um Verwundete zu bergen?“„Wir sind alle hinausgegangen, Sir. Doktor Rush, Doktor Howell und ich selber“, korrigierte Joséphine auch wenn sie nicht wusste, weshalb sie diese Korrektur machte. Vielleicht einfach nur, um auch etwas zu sagen zu haben.„Da ich also weder an Ihrem Können noch an Ihrem Mut zweifeln kann, werde ich Ihre Präsenz in der Armee dulden – vorerst18. Seien Sie sich jedoch sicher, dass Sie unter Beobachtung stehen. Sollte ich auch nur das Gefühl ‘aben, dass Ihr Verhalten weniger als vorbildlich ist und sollten Sie mir besonders Grund zum Zweifel an Ihrer Tugendhaftigkeit gebe, kann ich Ihnen versprechen, dass ich Sie melden werde. Ich werde mich nicht nur dafür einsetzen, dass man Sie in einer gebührenden Art der Armee verweist, sondern auch, dass man Anklage gegen Sie erhebt.“ Die Worte des Marquis waren nicht als Drohung gemeint, es war vielmehr eine Art Vertrag, der sich dort zwischen ihnen beiden entfaltete. Er schwieg solange sie ein bestimmtes Verhalten an den Tag legte, solange sie ihm nützte – und wenn man ehrlich war, hätte der Franzose deutlich mehr von ihr verlangen können. Genügend Männer hätten sich ihr Schweigen mit Joséphines Zuneigung bezahlen lassen. Die junge Frau hätte gerne gesagt, dass sie bei einem solchen Vorstoß seitens des jungen Generals protestiert hätte und lieber eine Enttarnung riskiert hätte, als sich ihm hinzugeben, aber wenn sie ehrlich mit sich war, dann konnte sie sich in diesem rhetorischen Szenario nicht so widerstandfähig sehen wie sie es gerne getan hätte. Sie war doch eh nun alleine in dieser Welt, auf niemanden würde ihr Verhalten zurückfallen, sollte sie ihre Würde feilbieten. Doch La Fayette forderte nichts derart und daher sollte Joséphine eigentlich glücklich sein, glücklich sein, weil sie Glück gehabt hatte – einmal mehr. Aber ihr Glück schmeckte fade. Ein Teil von ihr hatte sich gewünscht, dass der General sie der Armee verweisen würde, in welcher Art und Weise auch immer. Sie wollte diese Maske nicht mehr tragen, dieses Spiel nicht mehr spielen. Sie war müde, so unendlich müde. Außerdem war es für sie doch nun eh zu ende, ihre Freiheit lag in Scherben zu ihren Füßen. Der Marquis hatte versprochen zu Schweigen, natürlich, aber sein Schweigen nützte ihr nicht viel. Er wusste um ihr Geheimnis und damit war auch ihre Illusion zerstört. Sie war nicht mehr Friedrich Deegen, sie war nunmehr wieder nur Joséphine Deegen die geduldet wurde und deren Zukunft in der Hand eines Mannes lag, den sie kaum kannte und der eigentlich kein Recht hatte solch eine Gewalt über sie zu haben. Doch das war nun einmal die Welt in der sie lebte.General La Fayette erhob sich von seinem Stuhl und durchquerte den Raum in Richtung Tür, meinte etwas davon, dass Joséphine ihm folgen sollte, damit er ihr ihre neue Einheit zeigen konnte. Die junge Frau folgte mehr aus Reflex, denn dass sie wirklich gehört hatte, was der Marquis gesagt hätte. Plötzlich fühlte sie sich angewidert durch diesen jungen Mann. Es war nicht wirklich seine Schuld, es war vielmehr sie selber, auf die sie so wütend war, doch ihre Wut gegen den Franzosen zu richten war wesentlich einfacher. Sie war wütend auf sich, da sie realisiert hatte welche Macht er über sie hatte. Hätte er sie in seinem Bett haben wollen, Joséphine hätte eingewilligt, würde er etwas anderes von ihr verlangen – ja, vermutlich würde sie einwilligen. Der Marquis machte sie schwach und die junge Frau nahm es ihm für einen Moment beinahe übel, dass er sie nicht für immer fortgeschickt hatte. Doch nur für einen Moment, dann hatte sie sich wieder unter Kontrolle. Sie konnte ja jederzeit gehen und sehr wahrscheinlich würde La Fayette so ein Verhalten auch begrüßen – der einzige Punkt war nur, dass sie eben nicht fortgehen konnte. Nicht wirklich, denn es gab nichts und niemanden, an den sie sich dann wenden könnte. Daher machte Friedrich ein fröhliches Gesicht, als er aus dem Büro in den Vorraum trat, doch tief in ihm brodelte eine Mischung aus absurden und gänzlich gegensätzlichen Gefühlen.
23. Dezember 1777
For without arrogance, or the smallest deviation from truth it may be said, that no history, (…) can furnish an instance of an army’s suffering such uncommon hardships as ours have done, and bearing them with the same patience and Fortitude—To see men without Cloat ⟨ hes ⟩ to cover their nakedness—without Blankets to lay on—without Shoes, by which their Marches might be traced by the Blood from their feet—and almost as often without Provisions as with; Marching through frost & Snow, and at Christmas taking up their Winter Quarters within a days March of the enemyGeneral George Washington an John Banister, 21. April 1778 Washingtons Armee bezog am 19. Dezember 1777 ihr Winterlager in Valley Forge, einem Gebiet an der Schnittstelle des Valley Creek und des Schuylkill-Flusses, 29 Kilometer nordwestlich von Philadelphia. Auf dem unweit gelegenen Mount Joy hatten einige Quäker 1742 eine Eisenschmiede gegründet, welche der Region ihren Namen gab. Generell lebten viele Quäker in der Umgebung, die meisten mit walisischen Wurzeln. Dazu kamen vorwiegend noch deutsche und schwedische Emigranten. Die bunte Mischung an Anwohnern passte zu der bunten Mischung an Soldaten und sonstigen Armeeangehörigen, die sich hier in der viertgrößten, wenn auch nicht permanenten, Siedlung in Amerika zusammengefunden hatten. Friedrich schätzte das jeder Dritte hier Englisch nicht als Muttersprache sprach19 und besonders unter den Offizieren gab es eine große Vielfalt an Herkunftsländern. Jede der ehemaligen Kolonien war vertreten, dazu England, Irland, Schottland, Wales, Frankreich, Preußen, Polen, Österreich, Schweden, Ungarn, Spanien und die Niederlande. Manchmal, wenn Friedrich die Zeit hatte, dann beobachtete er die Männer um sich herum. Lauschte den verschiedenen Sprachen. die sie sprachen wenn sie untereinander waren oder den Akzenten, die sie hatten, wenn sie Englisch sprachen. Er sah zu, wie sie miteinander interagierten, wie Bräuche und Kulturen und verschiedenen Traditionen aufeinander stießen. Der junge Arzt machte das, wenn er Zeit hatte, aber die hatte er diese Tage selten.Wie so oft seit seinem Fortgang aus Germantown, musste er sich an eine neue Situation anpassen und diese Umstellung nun, war einen der größten, die er beruflich je hatte bewältigen müssen. Bisher war er als Arzt immer jemanden unterstellt gewesen, hatte dabei mal mehr, mal weniger Verantwortung getragen. Doch nun als Arzt im Generalstab sah er sich in der Verantwortung, die 18 Ärzte und 13 Assistenzärzte der einzelnen Regimente zu koordinieren. Friedrich war sich bei vielen Dingen unsicher und weder der Umstand, dass die meisten der ihm untergeordneten Ärzte älter und erfahrener waren, noch dass er wusste, dass er den Posten eigentlich nie hätte ausfüllen sollen, trugen zu seinem Selbstbewusstsein bei. General La Fayette wachte mit Argusaugen über jede Handlung des jungen Arztes. Er war es auch der verfügt hatte, dass Friedrich nicht mit den anderen Stabsoffizieren, vor allem mit den Aide-de-camps von La Fayette, zusammen in einem Raum in der ersten Etage des Hauses schlief, das der Marquis als sein Hauptquartier ausgewählt hatte20, was übrigens auch dazu geführt hätte, dass Joséphine wohl mehr als nur einmal sich ein Bett mit einem der Männer hätte teilen müssen, sondern in einem Nebenraum, eher einer Abstellkammer, im Erdgeschoss. Der offizielle Grund war, dass Friedrich als Arzt zu ungewöhnlichen Zeiten aufstehen musste oder sich Schlafen legen konnte, je nachdem wie seine Patienten ihn beanspruchten. Dabei sollte er niemand anderen wecken und darüber hinaus die wenigen Stunden, die er schlafen konnte, möglichst ungestört verbringen. Inoffiziell waren Friedrich die Gründe für La Fayettes Handeln nur allzu bewusst.Er musste jedoch ehrlich sagen, dass es ihn nicht störte. Er arbeitete an den meisten Tagen tatsächlich länger als der Rest des Stabes, und dieser Umstand würde sich nun im Winterlager bestimmt nicht ändern, das Wort „Winterlager“ war praktisch mit dem Wort Krankheiten gleichzusetzen und zudem war dieses bisschen Privatsphäre ein wahrer Segen. Auch als Friedrich an diesem Abend in das Haus schlich, darauf bedacht niemanden aufzuwecken, erfreute er sich an dem Gedanken seine abendliche Waschung21 ungestört durchführen zu können. Es war bereits weit nach Mitternacht und er erwartete das Haus still vorzufinden, doch als er eintrat, hörte er schon das Prasseln des Kaminfeuers. Da es jedoch schon weit runtergebrannt war, erhellte das Feuer den Salon des Hauses nur schwach und Joséphine musste zweimal blinzeln, bevor sie den Marquis im Halbschatten erkannte. Dieser stand nahe am Kamin, hatte die Augen geschlossen und den Kopf nach vorne gelehnt, während er mit den Händen den Kaminsims umklammerte. Es schien nicht so, als ob er ihr Eintreten bemerkt hatte, aber eine lose Diele unter ihren Füßen verriet ihre Anwesenheit. Der Marquis fuhr erschrocken herum und sah zu ihr herüber.„Ich wollte mich gerade zur Nacht zurückziehen Sir“, erklärte die junge Frau und fügte dann, etwas leiser hinzu „Geht es Euch gut?“„Formidable. Ich wünsche eine gute Nacht“, brachte La Fayette zwischen zusammengepressten Zähnen hervor. Joséphine fiel nicht nur auf, dass er log, das war offensichtlich, sondern auch eine Besonderheit in seiner Sprache. In Gesellschaft anderer versuchte der junge Franzose sie so selten wie möglich direkt anzusprechen, musste er es dennoch, so nannte er sie meistens „Doktor Deegen“. Wo viele andere den Doktortitel wie ein Kompliment aussprachen, klang es von ihm kommend mehr wie eine Warnung. Doch in Momenten wie jetzt, wenn niemand zuhörte, vermied er es vollkommen sie direkt anzusprechen. Kein Doktor, kein Monsieur oder Mister, kein Mademosielle oder Fräulein (der Marquis wusste natürlich nichts von ihrer Ehe, andernfalls hätte er sie augenblicklich zu ihrem Ehemann zurück geschickt), kein Sir, kein Friedrich oder Joséphine. Es war fast, als sei sie in seinen Augen durch ihre Verkleidung so weit verschandelt, dass sie eine weibliche Bezeichnung nicht verdiente und dennoch konnte er sich nach der Entdeckung ihres wahren Geschlechts nicht dazu verleiten lassen, sie als ein Mann zu bezeichnen. In seinen Augen war sie eine wirre Mischung beider Geschlechter, die er nicht verstand, da er im Grunde genommen Sympathie für ihren Charakter hatte, aber sich stoisch weigerte, einer solchen Frau Sympathie entgegenbringen zu wollen.„Sir, haltet von mir was ihr wollt, aber lasst mich wenigstens helfen. Weshalb hättet Ihr mich sonst hier behalten sollen?“, meinte Joséphine mit sanfter, aber dennoch bestimmter Stimme.„Ich sagte doch bereits, dass es mir gut geht“, erwiderte der Marquis und man konnte nicht sagen, ob durch den Schmerz oder unterdrückte Wut seine Worte so gepresst klangen.„Ihr müsst mir gegenüber nichts beweisen Sir. Ich bin eine einfache Bauerntochter, eine Frau in Verkleidung, eine Gesetzesbrecherin, eine Lügnerin, Ihr seid in jeder Hinsicht über mich erhaben, da könnt Ihr auch ehrlich mit mir sein. Zwei Monate sind recht kurz, um sich von solch einer Verletzung zu erholen und man kann Euch ansehen, dass ihr noch immer Schmerzen habt22“, drängte Joséphine weiter und La Fayette schnaubte frustriert. „Dagegen kann man nun mal nichts machen.“„Setzt Euch nur einfach und lasst mich einen Blick auf Euer Bein werfen“, bat Joséphine und deutete auf einen der nahestehenden Stühle. Der General willigte ein und die junge Frau kniete sich auf den Boden vor den Stuhl, ihre Knie scheuerten auf dem harten Holz hin und her. Sie streckte die Finger aus, besann sich dann jedoch ihrer Stellung und richtete sich an den Marquis. „Könntet Ihr wohl Euren Strumpf für mich entfernen?“ La Fayette kam der Aufforderung zögerlich nach und noch zögerlicher ließ Joséphine ihre Finger dann über den Unterschenkel des Franzosen wandern. Das Gewebe rund um die Einschussstelle war rot und irritiert, die Muskulatur unter ihren Fingern ganz verspannt. Mit wohlüberlegtem Druck begann sie die Wade zu massieren23 und La Fayette zuckte vor Schmerz zusammen.„Ich kann aufhören Sir, wenn Ihr das wünscht.“„Nein …? Nein! Ich denke es ‘ilft vielleicht wirklich.“Seine Augen schimmerten nur ganz schwach im erlöschenden Feuer des Kamins, sie schienen eher die Dunkelheit denn das Licht zu absorbieren. Joséphines eigenen grünen Augen hingegen glänzten in dem Schein, als sie fragend zu dem General hinaufblickte. Dieser signalisierte ihr mit einem Nicken fortzufahren. „Ich kann Euch eine Salbe geben, die sollte gegen die Schwellungen helfen“, meinte sie.„Ich-“„Ich weiß, dass Ihr vor Euren Männer keine Schwäche zeigen dürft. Wie sollten Sie einem Mann vertrauen, der nicht nur jünger ist als sie24, sondern noch nicht einmal richtig gehen kann. Aber seid unbesorgt, keiner wird davon etwas erfahren“, versprach Joséphine und drückte noch einmal zu, bevor sie sich wieder, in einer einzigen, eleganten Bewegung erhob.„Gute Nacht, General.“ Sie wandte sich von La Fayette ab, um zu ihrer Kammer zu gehen und beinahe hätte sie seine nächsten Worte für ein weiteres Knarren der Bodendielen gehalten, so leise sprach er sie aus.„Gute Nacht, Doktor.“
Die „William Penn Charter School“ wurde 1689 auf Drängen William Penns gegründet und ist damit die älteste Quäkerschule der Welt und die fünft älteste Schule in den Vereinigten Staaten. Die Schülerzeitung „The Mirror“ wurde erstmals 1777 veröffentlicht und ist damit ebenfalls die älteste Schülerzeitung in den Vereinigten Staaten. Nennenswerte Absolventen sind u.a. Quarterback Matt Ryan und Schauspieler Robert Picardo
Germantown wurde am 06. Oktober 1683 von 13 deutschen und niederländischen Quäker- und Mennonitenfamilien aus Krefeld und durch das Bestreben William Penns gegründet und war damit die erste dauerhafte deutsche Siedlung in Nordamerika. Das Schiff der Auswanderer, die „Concorde“, wird auch häufig die „deutsche Mayflower“ genannt. 1688 wurde die Antisklavereibewegung in Amerika hier geboren (dazu im weiteren Verlauf der Geschichte noch mehr) und auch darüber hinaus hatte die Gemeinde in der früheren Geschichte der Vereinigten Staaten eine wichtige Rolle gespielt, war sogar zeitweise provisorischer Regierungssitz unter Präsident Washington. Auch als Ort religiöser Zusammenkünfte hat die Gemeinde früh und lange einen hohen Stellenwert gehabt.
Mehrere loyale Einwohner Philadelphias haben Washingtons Spione den Briten gemeldet. Einer von ihnen, Doktor William Smith, war ein Kollege und Bekannter Rushs der eigentlich nicht einmal viel Sympathie für die Briten hatte.
Mennoniten sind eine christliche Gruppe, die zu der Täuferbewegung gehört, welche während der Reformation entstanden ist. Sie gelten als evangelische Freikirche. Ihr Name geht auf den niederländischen Reformator Menno Simons (1496 – 23. oder 31. Januar 1561) zurück.
Während der Revolution war es Gang und Gebe sich mit Papierstücken oder Kokarden am Hut zu identifizieren. Nach dem Eintritt Frankreichs in den Krieg gab es außerdem eine bestimmte Kombination von schwarzen und weißen Kokarden, um die gegenseitige Allianz auszudrücken.
Benjamin Chew (19. November 1722 – 20. Januar 1810) war ein Quäker, auch wenn er bereits 1741 das erste Mal mit dem Glauben brach und sich später völlig abwandte. Er arbeitete als Jurist in Philadelphia und stellte sein juristisches Wissen den Verfassern der amerikanischen Verfassung zur Verfügung. Zudem vertrat er die meisten Nachfahren von William Penn und war auch ein enger und lebenslanger Freund Washingtons. In Germantown hatte er seine Sommerresidenz, Cliveden, die während der Schlacht von Germantown jedoch unbewohnt war.
Henry Knox (25. Juli 1750 – 25. Oktober 1806) war ein Buchhändler, früher Unterstützer und späterer General der Kontinentalarmee. Nach Ausbruch des Krieges stieg er schnell auf, befreundete sich mit Washington und befehligte bald die gesamte Artillerie. Er hatte eine sehr enge Beziehung zu seiner Frau, die nach der Heirat ihrer pro-britisch eingestellten Familie den Rücken kehren musste.
John Sullivan (17. 02.1740 - 23. 01.1795) war ein Abgeordneter im Kontinentalkongress und General-Major. Er wurde mehrmals vom Kongress beanstandet, obwohl er sich häufig sehr heldenhaft verhalten hat. Nach dem Krieg wurde er Attorney General.
Anthony Wayne (01.01.1745 – 15.12.1796), auch „Mad Anthony Wayne” genannt, war ein kontinentaler Generalmajor der später eine recht erfolgslose Politikerkarriere unterhielt.
Adam Stephen (1718 – 16.07.1791) war ein kontinentaler General. Nach dem hier im Kapitel beschriebenen Vorfall des Eigenbeschusses wurde er vor ein Kriegsgericht gestellt, seines Kommandos enthoben und unehrenhaft aus der Armee entlassen. La Fayette übernahm den Großteil seiner Truppen. Später hat er sich für die Ratifizierung der Verfassung stark gemacht
In einer Zeit in der Bakterien und der Übertragungsweg von Infektionskrankheiten unbekannt waren, war es eine gängige Methode, die Verletzten auf Misthaufen zu legen, um sie warm zu halten
Anna Maria Lane (1755 – 1810) ist die einzige dokumentiere weibliche Soldatin aus Virginia. Zusammen mit ihrem Ehemann John Lane diente sie von 1776 bis 1781 in der Armee und wurde bei Germantown verletzt. Da sie die Verletzung nicht behandeln lassen konnte, blieb sie bis zu ihrem Lebensende eingeschränkt. Tatsächlich gibt es jedoch eine Quelle, die andeutet, dass ein Arzt versucht hat ihr zu helfen und dabei ihr wahres Geschlecht erkannt, sie aber nicht verraten hat. Ohne die Bestätigung durch eine weitere Quelle würde ich die Informationen eigentlich nicht verwenden, aber in diesem Fall passt dieser unbekannte Arzt einfach perfekt in den Ablauf.
Die meisten Ärzte machten einen großen Bogen um Prostituierte, Arme und Menschen mit einer dunkleren Hautfarbe. Dabei war es ganz egal ob diese Menschen in Freiheit geboren wurden, befreite oder entlaufende ehemalige Sklaven waren – meistens scherte man alle über den gleichen Kamm. So war Benjamin Rush selbst in dem vergleichsweise toleranten Philadelphia einer der wenigen Ärzte, der sowohl arme als auch dunkelhäutige Menschen behandelte
Alexander Hamilton hatte während seines Militärdienstes viele Spitznamen. Am beliebtesten waren „Hammie“, „Ham“ und „Little Lion“
Nach seinem Einsatz bei Brandywine hat Washington sich sehr dafür eingesetzt, dass La Fayette ein eigenes Kommando erhielt – etwas, dass er bis vor kurzem noch für unmöglich gehalten hatte. La Fayette selber bat um ein Kommando von Truppen aus Virginia (Washingtons Heimatstaat und späterer Namensgeber für seine Tochter) und erhielt dieses auch. Einige der Truppen übernahm er von General Stephen. Während des Winters 1777/78 gab es dann noch einmal viele interne Umstellungen. Leider ist die Quellenlage über die Mitglieder seines Regimentsstab und andere hochrangige Offiziere recht dünn.
Während seiner Genesung war La Fayette zwei Monate praktisch ans Bett gefesselt (was ihm gar nicht gefiel) aber er hat die Zeit genutzt, um Unmengen an Briefen zu schreiben und um seine Englischkenntnisse zu verbessern. Lehrbücher hat er unter anderem von Henry Laurens bekommen.
Rot schien die Farbe der Revolutionäre zu sein. La Fayette, George Washington, Alexander Hamilton und Thomas Jefferson hatten alle unterschiedliche Rottöne als Haarfarbe.
An dieser Stelle sei einmal mehr betont, dass dies Fiktion ist. Der echte La Fayette hätte sehr wahrscheinlich keine Frau akzeptiert – allerdings gibt es solide Beweise, die darauf hinweisen, dass er noch am ehesten eine Frau akzeptiert hätte. In Kürze kann man nämlich sagen, dass er sein ganzes Leben lang von „Powerfrauen“ umgeben war. Da waren zum Beispiel seine Tante und seine Großmutter, die ihn groß gezogen und ihn sehr geprägt haben, und später dann seine Frau Adrienne und seine Töchter. Aus seinen Briefen geht hervor, dass er sich über die Geburt seiner Töchter ebenso gefreut hat, wie über die Geburt seines Sohnes. Generell war er in sozialen Belangen sehr fortschrittlich, war er doch ein, besonders für seine Zeit, sehr engagierter Vater und passionierter Verfechter der Menschenrechte (auch wenn Menschenrechte damals noch nicht viel mit Frauenrechten zu tun hatten). Am überzeugendsten finde ich jedoch seine interessante Beziehung zu Frances „Fanny“ Wright (interessant da sowohl eine Adoption, als auch eine Hochzeit zwischenzeitlich im Raum standen). Wrights war eine Schriftstellerin, Feministin und soziale Reformerin. Besonders einige ihrer feministischen Ansichten wären sogar heute noch radikal und anstößig. Doch schon damals hat La Fayette stets zu ihr gehalten (sehr zum Missfallen seiner restlichen Familie, insbesondere seiner Kinder) und hat sowohl sie als auch ihre Theorien unterstützt, so gut er konnte.
Studien haben ergeben, dass etwa 30% der Anwesenden in Valley Forge Englisch nicht als Muttersprache sprachen. Die meisten dieser Soldaten kamen aus deutschen und niederländischen Familien. Fun Fact: Der erste Präsident, der nach dem 04.07.1776 geboren wurde, also der erste „amerikanische“ Präsident, Martin Van Buren, sprach Niederländisch als erste Sprache.
La Fayettes Hauptquartier war das Brookside Inn. Die historische Stätte kann heute besichtigt werden und liegt an der „Wilson Road“, gleich neben dem „Pennsylvania Turnpike 76“.
Damals galt man als sauber, wenn man regelmäßig (zum Teil zwei Mal am Tag) die Kleidung, besonders die „Unterwäsche“ wechselte und sich morgens (manchmal auch abends) Gesicht, Hals und Hände wusch.
Bei der Darstellung seiner originalen Verletzung können wir uns auf La Fayettes Beschreibung mehr oder weniger stark verlassen, nicht aber bei der Darstellung seiner Genesung. Noch mehrere Wochen nach der Wiederaufnahme seines Dienstes war sein Bein so stark geschwollen, dass er eigentlich keine Stiefel tragen konnte und er humpelte noch deutlich.
Selbst für heutige Verhältnisse ist das schon ein enger Kontakt – in den Augen von Zeitgenossen wäre dieses Verhalten sehr unschicklich gewesen. Besonders wenn man bedenkt, dass die wohlgeformte Wade eines Mannes damals die gleiche Stellung hatte, wie heute eine ausgeprägte Bauchmuskulatur. Die Wade war also sozusagen der Sixpack des 18. Jahrhunderts
La Fayette hatte den Spitznamen „The Boy General“ inne. Während Freunde diese Bezeichnung herzlich meinten, benutzten britische Kommandanten den Namen, um sich über La Fayettes Alter lustig zu machen. Er selber war immer sehr verunsichert, wie er auf andere wirkte, gerade auch wegen seiner Jugend
**Diese Familie hat es wirklich gegeben und auch ihre Verwicklung in die britische Besetzung Germantowns ist so belegbar, der Name Meyer dient hier jedoch mehr als Platzhalter, da mir beim besten Willen der richtige Name der Familie nicht mehr einfallen wollte.
----- CHAPTER BREAK -----
24. Dezember 1777
“These are the times that try men’s souls; the summer soldier and the sunshine patriot will, in this crisis, shrink from the service of his country; but he that stands it now, deserves the love and thanks of man and woman. Tyranny, like hell, is not easily conquered; yet we have this consolation with us, that the harder the conflict, the more glorious the triumph.”
The American Crisis, Band 1 von Thomas Paine „Der Tannenbaum ist wirklich wahnsinnig hässlich“, bemerkte Friedrich und legte den Kopf schief, als würde er dadurch einen besseren Blickwinkel erhalten. „Das ist schon ziemlich frech von dir, bist nicht einmal eine Stunde zu Gast bei uns und beleidigst schon unseren Tannenbaum“, meinte Ludwick Wurtenberger und verschränkte die Arme vor der Brust, seine Stimme war hart und monoton, aber Friedrich kannte seinen ehemaligen Kollegen mittlerweile lange genug, um seine Spielchen zu durchschauen.„Na ja, irgendwie hat Friedrich schon Recht, der Baum ist wirklich hässlich. Da sind auch keine Nadeln mehr dran, insofern …“, argumentiere Louis van Linkensdorf zugunsten des jungen Arztes und legte den Kopf ebenfalls schief. Während er die Geste vollzog, stieß er mit dem Kopf gegen Friedrichs Schulter und ein paar Strähnen Haar, die sich im Laufe des Tages gelöst hatten, strichen Friedrich über die Wange. Er genoss es unwahrscheinlich sich an diesem Abend wieder im Kreise seines alten Regimentsstabes zu befinden. Diese Männer waren ihm ans Herz gewachsen, auch wenn er sie fast ein Jahr nicht mehr gesehen hatte – hatte er doch so viele denkwürdige Augenblicke mit ihnen verlebt und hatten sie ihm doch durch so viele „Erste Male“ zu Beginn seines Armeelebens geholfen.Besonders vermisst hatte er van Linkensdorf, den Adjutanten des Regiments. Er konnte teilweise sehr schroff erscheinen, aber Friedrich war schon lange zu dem tieferen, weicheren Kern vorgestoßen. Auch hatte er immer mehr die Privilegien seiner Verkleidung anerkannt. Denn ohne seine Verkleidung wäre eine Freundschaft, so wie jene mit van Linkensdorf nicht möglich. Eine körperliche Freundschaft in der Louis seinen Kopf auf Friedrichs Schulter legte, oder beide nach einem langen Tag Rücken an Rücken saßen. Es wäre nie zu den klirrend kalten Winternächten gekommen, in dem die Soldaten zueinander in die Bette kamen, um sich gegenseitig zu wärmen, Nächten in denen auch Louis und Friedrich zusammen in einem Bett lagen. Louis war nicht Monroe, Joséphine empfand nicht in der Art für den Adjutanten, aber dennoch genoss sie seine Nähe, seine Präsenz. Doch für Joséphine waren all diese Dinge anfangs kaum einzuordnen gewesen. Bei all der quäkerischen Freigeistigkeit war sie doch erzogen worden, vor der Ehe eine gewisse Distanz gegenüber allen Männern einzunehmen und als verheiratete Frau dann nur ihrem Mann nahe zu sein. Sich dann das Bett mit einem fremdem Mann zu teilen der, auf der Suche nach Wärme, sich auch noch eng an ihren Körper drückte, war nicht nur äußerst irritierend, sondern auch nervenaufreibend. Mehr als einmal war Joséphine sich sicher, dass Louis die Stoffbandagen um ihre Brust bemerkt haben musste.Doch das tat er während all dieser Nächte nie, stattdessen war er einfach nur ein Freund, hegte keine Intentionen. Wie sollte er auch, er wusste ja nichts von Friedrichs wahrer Identität. Ein weiterer Grund, warum sie ihr altes Regiment so vermisst hatte. Niemand ahnte hier von ihrem Schwindel, sie musste sich nicht fürchten. War die Arbeit in La Fayettes Stab auch äußerst erfüllend und beglückend, so war es auch genauso nervenaufreibend zu wissen, dass der Marquis informiert war. Zudem hatten Mueller, Raybold, Wurtenberger, Michael und Van Linkensdorf Zeit – eine Sache die Friedrichs andere Freunde nicht hatten. Doktor Rushs Aufenthaltsort war ihm momentan nicht einmal bekannt, aber wo immer er auch gerade sein mochte, er versank höchstwahrscheinlich in Arbeit, Monroe schaffte es ebenfalls selten sich von seinem Korrespondenzen zu trennen und auch Doktor Scot war mehr als nur gut eingedeckt mit Arbeit. Alles in einem war das aber nicht verwunderlich. Wo die Winterlager für die Soldaten häufig eine freie Zeit von Kampfeinsätzen darstellten, begann die Arbeit für die Aide-de-camps und Ärzte erst richtig. Dennoch vermisste Joséphine die Gesichter ihrer Freunde, vermisste die vertrauten Gespräche und war umso dankbarer für die Gesellschaft die sie nun hatte. So verbrachte man den Abend also zusammen, freute sich, dass Sauerkraut während der Wintermonate offizieller Bestandteil der kontinentalen Rationen war und redete bis einem die Stimme heiser wurde.Friedrich verabschiedete sich erst als die Nacht bereits hereingebrochen war. Zum einen genoss er die Gesellschaft seiner alten Freunde und wünschte sich beinahe, dieser Abend würde nie aufhören. Zum anderen brachte die Nacht Dunkelheit und Dunkelheit brachte Schutz. Sobald die Sonne hinter dem Horizont verschwunden war und wenn die Wolken sich vor den Mond geschoben hatten, wurde es schwerer die Männer in ihren Uniformen voneinander zu unterscheiden. Mit dem Schatten der Nacht auf ihren Gesichtern sahen sie alle irgendwie gleich aus - selbst James, der sie doch gut, so genau kannte, hätte Schwierigkeiten Joséphine unter diesen Bedingungen zu erkennen.Nachdem nun das letzte Glas gelehrt wurde und man sich verabschiedet hatte, Raybold und Mueller hatten ihn in den Arm genommen und Wurtenberger hatte in einem selten starken Ausbruch von Gefühlen ihm sogar kameradschaftlich auf die Schulter geklopft, wandte Friedrich sich zum Gehen. Bevor er jedoch auch in Armeslänge der Tür gekommen war, wurde er am Arm zurück gehalten. „Ich begleite dich“, meinte Louis und drückte auch schon die Tür auf.Kalte Luft strömte in das Zimmer und Friedrich wurde es jetzt bewusst wie warm und stickig es hier drin war, mit dem prasselndem Feuer im Kamin. Dankbar für die Gesellschaft auf dem Weg zurück zu dem Hauptquartier Lafayettes, folgte der junge Arzt seinem Freund hinaus ins Freie. Was eben noch eine angenehme Abkühlung nach einem Abend in einem überhitzten Raum gewesen war, verwandelte sich nach wenigen Schritten schnell in eine eiskalte Unannehmlichkeit. Die Zähne des Deutsch-Amerikaners begannen leise zu klappern und auch Louis neben ihm begann am ganzen Körper zu zittern. „Wenn wir bereits nach wenigen Minuten in der Kälte so frieren, wie sollen dann die einfachen Soldaten den ganzen Winter bloß in Hütten und Zelten überstehen?“, fragte der Adjutant und stellte den Kragen seinem Manteks weiter gegen den Wind auf.„Tun sie nicht“, kommentierte Friedrich trocken. „Verbringe einen Tag in einem der Hospitäler und dir wird bewusst, dass die Männer es eben nicht überstehen. Täglich müssen wir Finger, Zehen, ganze Füße amputieren, da sie erfroren sind. So grausam es auch klingt, diejenigen die wir amputieren haben häufig noch Glück gehabt. Viele Soldaten werden von ihren Kameraden zu uns gebracht, die in der Nacht erfroren sind.“Allein der Gedanke an diese Szenarien reichte, um Friedrichs Stimmung deutlich zu trüben. Er konnte sich daran erinnern, als er zum ersten Mal einen erfrorenen Mann gesehen hatte. Seine Kameraden hatten ihn zu den Ärzten gebracht, die verzweifelte Hoffnung in ihren Augen, dass man ihrem Freund vielleicht noch irgendwie helfen könnte. Doch der Leichnam war bereits ganz steif gewesen, die Lippen blau und das Gesicht seltsam angeschwollen. Den Toten zu sehen war eine Sache, aber seine Kameraden zu sehen, gestandene Männer und Veteranen des Siebenjährigen Krieges, die darauf vorbereitet waren ihren Kameraden in einer Schlacht zu verlieren, nicht aber in der Sicherheit des Lagers, nicht aber in der eigenen Unterkunft, das war noch einmal etwas ganz anderes.„Das glaube ich dir sofort. Der Kontinentalkongress muss einfach mehr Gelder für die Winterquartiere bereitstellen. Wie sollen wir dieses Land gegen die Briten verteidigen, wenn es von Unterkünften, Decken und Kleidung über Versorgungsgüter und Medizin bis hin zu Munition an wirklich allem fehlt?“, fragte Louis und sah zum Himmel hinauf. Es hatte zu schneien begonnen und die weißen Flocken hoben sich deutlich gegen den dunklen Himmel ab. Was hätte Joséphine dafür gegeben, nun in Germantown zu sein, im Kreise ihrer Familie. Zwar war Weihnachten offiziell kein besonderer Tag im Verständnis der Quäker, aber ihr Père hatte sich gerade immer genügend Freiräume genommen um Weihnachten für seine Kinder besonders zu machen und ihre Mère hatte ein Auge immer gerade soweit zugedrückt, als dass sie dafür gesorgt hatte, dass man nie gegen eine offizielle Regel in der kleinen Gemeinde verstoßen hatte.Joséphine wusste noch wie sie auf dem Devils Pool Schlittschuh1 gefahren waren oder wie die Kinder sich auf der Fläche hinter der Schule gleich am Friedhof getroffen und Schneeballschlachten ausgetragen hatten. Generell liebte Joséphine den Winter, die schönsten Erinnerungen an ihre Kindheit sind zu dieser Jahreszeit entstanden. Dazu zählen auch jene Erinnerungen, die auf den ersten Blick eher unschön waren. Sie erinnerte sich an die Winter bevor sie die Farm hatten - Winter in denen sie durchgehend hungrig und kalt war. Häufig konnten weder sie noch ihre Geschwister nachts schlafen, so hungrig waren sie. Joséphine war dann immer auf den Schoß ihres Pères geklettert und dieser hatte sie in den Arm genommen, hatte ihr leise die Melodien von französischen Liedern ins Ohr gesummt, bis sie eingeschlafen war. Ihm selber ging es dabei wahrscheinlich noch viel schlechter, denn immerhin hatte sich Joséphines Père stets beharrlich geweigert, zu essen bevor nicht seine Frau und seine Kinder etwas zu essen bekommen hatten. Doch ihm kam nie, aber auch wirklich nie ein einziges Wort der Klage über die Lippen. Obwohl die Abende und Nächte, die so verbracht wurden, schrecklich gewesen waren, dachte Joséphine inzwischen beinahe wehmütig an sie zurück - ganz besonders nun wo sie und ihr Père sich so fremd geworden waren.Bevor er sich jedoch weiter in der Vergangenheit verlor, richtete Friedrich seine Aufmerksamkeit wieder auf Louis, der an ihn gerichtet sprach. „Weißt du eigentlich, dass ich sehr böse mit dir bin?“Der Angesprochene stutzte zwar kurz, konnte sich den Grund für die Empörung seines Freundes jedoch vorstellen. „Mit jedem Monat der vergangen ist, hast du seltener geschrieben. Seitdem du in den Generalstarb des Marquis versetzt wurdest, schreibst du gar nicht mehr!“, beklagte der Adjutant.„Ich hatte nun mal viel zu tun“, entschuldigte sich Friedrich und verzog das Gesicht. An Louis Stelle wäre er auch enttäuscht gewesen, aber die letzten Wochen hatten einfach zu viel mit sich gebracht, als dass ein Gedanke an einen Brief zu verschwenden war. „Es tut mir leid, aber ich war zu sehr beschäftigt, um oft zu schreiben“, meinte Friedrich dennoch und lauschte auf das leise Knirschen des Schnees unter den Sohlen seiner Stiefel. Die Nacht war still, abgesehen von dem Schnee unter ihren Sohlen und ihren Stimmen, wenn sie sprachen. Ihr Atem kondensierte in der kalten Luft und in der Ferne war das Knistern von Lagerfeuern und das Gelächter von Soldaten zu hören.„Das will ich dir doch alles glauben, aber mehr als ein paar Zeilen verlange ich doch gar nicht.“„Ich weiß, aber ich verspreche dir, dass ich ab sofort häufiger schreibe.“„Nein, wirst du nicht!“„Bitte?“„Unsere Quartiere sind keine viertel Stunde Fußmarsch voneinander entfernt. Ich erwarte, dass du mich besuchst, nicht nur schreibst“, forderte Louis und Friedrich lächelte – er hatte nichts anderes erwartet. Um ehrlich zu sein, war er auch erleichtert, dass Louis ihm den abgebrochenen Kontakt so schnell verziehen hatte. Die Freundschaft zu dem Adjutanten bedeutete Friedrich eben so viel wie Joséphine. Es war für sie nicht leicht Freunde zu finden, da war zum einen der kulturelle Hintergrund, die deutsch-amerikanische Ethnizität und religiöse Zugehörigkeit zu den Quäkern. ließen viele Leute schnell voreilige Schlüssen ziehen und besonders nun in der Zeit des Krieges sahen Amerikaner mit diesem kulturellen Hintergrund sich vielen Vorurteilen ausgesetzt. Doch dazu kam Joséphines persönliche Prägung. Sie konnte schon lange nicht mehr so einfach vertrauen, wie noch vor einigen Jahren. Sie fühlte sich häufig über alle Maße verunsichert und war deshalb beinahe schon darauf angewiesen, Menschen um sich herum zu versammeln, Freunde, die ihr das Gefühl von Sicherheit gaben. Louis, war einer dieser Freunde, Scot und Monroe auch. Wäre Doktor Rush nicht einer ihrer Vorgesetzten, würde er wahrscheinlich auch in diese Kategorie fallen. Diese Menschen waren wichtig für Joséphine und sie hatte schreckliche Angst diese Menschen eines Tages zu verlieren, sei es durch den Krieg oder durch ihr eigenes Verhalten. Wo sie nun darüber nachdachte, kam ihr seltsamer Weise in den Sinn, dass sie La Fayette ebenfalls mit in diese Kategorie zählte. Nicht als Freund natürlich, eine Freundschaft würde zwischen ihnen wohl nie entstehen, aber der Marquis war eine der Personen, die ihr Sicherheit gaben. Es war eigentlich recht ironisch, La Fayette beobachtete jeden ihrer Handgriffe mit Argusaugen und erinnerte sie immer wieder daran, dass sie unter Beobachtung stand – zum Teil alles andere als unauffällig. Dennoch sprach seine Duldung ihr gegenüber doch Bände. Er erlaubte ihre Anwesenheit, obwohl er ihr wahres Geschlecht kannte, dass musste ja bedeuten, dass ihre Arbeit ihn überzeugte, dass er ihr ebenfalls vertraute und zwar mit dem Leben seiner Männer und im Zweifelsfall sogar mit seinem eigenem.„Ich hätte da noch eine Bitte an dich“, brachte Louis Stimme Friedrich wieder in die Gegenwart zurück. Inzwischen waren sie beinahe am Hauptquartier General La Fayettes angelangt. „Ich muss zugeben, dass ich dich nicht nur um deinetwillen begleitet habe. Ich habe dich auch begleitet, da ich gehofft hatte, dass du mich vorstellen könntest, dem Marquis meine ich. Der preußische Hof2 hat großes Interesse in seine Person und ich bin auch ein wenig neugierig, wenn ich das gestehen darf“, erklärte der Adjutant und blieb stehen, um Friedrich direkt anzusehen. Dieser folgte seinem Beispiel. „Ah so, du bist also auch ein wenig neugierig. Ich kenne dich, wenn du es schon zugibst, bist du meistens mehr als nur ein wenig neugierig“, beobachtetet der junge Arzt und erntete dafür ein schiefes Lächeln. „Touché“, gestand Louis.„Ich mache euch beiden gerne bekannt – vorausgesetzt der General hat sich noch nicht für die Nacht zurück gezogen, es ist immerhin schon recht spät“, versprach Friedrich und setzte sich wieder in Bewegung. „Ich hätte da jedoch auch eine Bitte.“„Natürlich, für dich alles“, versprach Louis und Friedrich seufzte einmal. Er mochte nicht was nun kommen würde, aber er wusste, dass es nötig war.„Da ist ein Mann im deutschen Regiment, sein Name ist James Hansen, er kommt auch aus Germantown. Er ist, nun nicht direkt Familie, aber er steht mir nahe genug, dass ich mich um ihn sorge. Du musst verstehen, James hat die schreckliche Angewohnheit nie nach Hause zu schreiben. Deshalb hatte ich gehofft, du könntest ein Auge auf ihn haben. Ich erwarte natürlich nichts Unerhörtes, aber vielleicht könntest du mir mitteilen, falls er versetzt werden oder krank oder verletzt werden sollte. Im Falle das sogar Schlimmeres eintritt, nun ja ich würde dann seiner Familie schreiben, da er es selber nicht tut – ich kann aber nur schreiben, wenn ich Bescheid weiß“, endete Friedrich. „Wirklich, ich kann das Verhalten dieser Männer nicht gutheißen. Diejenigen die Frau und Kinder Zuhause haben, eine Mutter, die sich um sie sorgt und die dennoch nicht schreiben. Ich finde es da sehr lobenswert, dass du dich dieser Aufgabe annimmst. Ich werde meine Augen offenhalten und dir berichten.“ Kaum hatte Louis das gesagt, hatten sie auch schon die Eingangstür erreicht. Friedrich öffnete sie gerade weit genug, damit Louis und er hineinschlüpfen konnten, ohne dabei den ganzen Schnee, der sich auf der Veranda gesammelt hatte, mit hinein zu tragen. Einmal im Inneren des Hauses angekommen, erkannte Friedrich an dem Licht, dass unter der Tür eines benachbarten Raumes hindurch fiel, dass der General wahrscheinlich noch wach war. Immerhin war das der Raum, den er als Büro benutzte. Vorsichtig klopfte der junge Arzt gegen das Holz und hörte auch sogleich die Stimme des jungen Franzosen, der ihm erlaubte einzutreten.Friedrich betrat dicht gefolgt von seinem Freund das Büro und machte sich dann auch gleich daran, die beiden Offiziere miteinander bekannt zu machen. „General La Fayette, darf ich Ihnen Louis Van Linkensdorf vorstellen? Er ist der Adjutant des deutschen Regiments unter der Führung von Colonel Henry Leonard d'Arendt3 und eine Art inoffizieller Beobachter des preußischen Adels in diesem Krieg. Mr. Van Linkensdorf, das ist der Marquis de La Fayette, General-Major der Kontinentalarmee.“ La Fayette war bei dem Eintreten der beiden Personen von seinem Stuhl aufgestanden und hinter dem Schreibtisch hervorgetreten. „Es mir eine Ehre sie kennen zu lernen, Monsieur“, meinte er erfreut und verbeugte sich respektvoll, die Bewegung formvollendet, wie man es von einem Mann erwarten durfte, der für den französischen Hof erzogen war. Van Linkensdorf erwiderte die höfliche Begrüßung. Friedrich merkte sofort, dass die beiden Männer sich verstehen würden und da seine Anwesenheit so wie so nicht länger benötigt wurde, verabschiedete er sich und verließ das Büro, schloss die Tür hinter sich mit einem leisen Knarren. Unschlüssig sah er sich in dem Salon um. Er war müde, aber es gab noch genügend Arbeit zu tun, ganz besonders, da er sich den Abend ja frei genommen hatte. Resigniert griff er nach einem der Stapel an Papieren, den einer der Aide-de-Camps La Fayettes dort für ihn hinterlassen hatte, und setzte sich mit ihnen auf den Boden. Seit der Zeit seines Studiums, hatte er herausgefunden, dass er auf dem Boden sitzend, die Papiere um sich herum verteilt, besser arbeiten konnte als an einem Tisch sitzend. Mit sorgenvoll zusammengezogenen Brauen begann er die Dokumente zu überfliegen. Die Versorgungslage der Armee war bereits jetzt, so kurz nach dem Einzug in das Winterquartier, in einem katastrophalen Zustand. Korruption und Offiziere die ihren Aufgaben nicht gewachsen waren, verschlimmerten die Situation nur noch weiter.Friedrich konnte nicht mehr sagen, wie lange er dort in seine Arbeit vertieft gesessen hatte, bevor die Tür zu dem Nachbarraum sich öffnete und Louis und La Fayette, noch immer im Gespräch miteinander, preisgab. Der Franzose zog fragend die Augenbrauen zusammen, als er Friedrich erblickte. „Doktor Deegen, Sie sind herzlich eingeladen sich zum Arbeiten an den Tisch zu setzen, dass ist Ihnen bewusst?“Friedrich konnte nicht einmal beschreiben, wie unangenehm es ihm war, dass La Fayette ihn so gesehen hatte, doch Louis leises Lachen lenkte ihn von seiner Scham ab. „Lassen Sie nur Marquis, Friedrichs Verhalten ist zwar manchmal ein wenig unkonventionell, aber seien Sie versichert, dass die Ergebnisse seiner Arbeit dies voll und ganz wieder wett machen – und wenn er sich mal wieder die ungewöhnlichsten Orte ausgesucht hat, um zu arbeiten, dann akzeptieren Sie es einfach.“„Wenn dem so ist Mr. Van Linkensdorf, Sie kennen den Arzt länger als ich und Akzeptanz ist wohl generell eine sehr wichtige Komponente in der Beziehung zwischen mir und dem Herrn Doktor“, erklärte La Fayette und führte seinen Gast zur Tür. Friedrich verdrehte nur die Augen, der Marquis könnte zuweilen wirklich etwas subtiler sein. Während der Deutsch-Amerikaner sich überlegte, ob er das Thema ansprechen sollte, letztendlich aber beschloss, dass er zu erschöpft dafür war, sammelte er seine Unterlagen zusammen und setzte sich an den langen Tisch. Der General kam von der Tür zurück, die Wangen gerötet selbst von dieser kurzen Zeit, in der er der Kälte ausgesetzt war, und nahm Joséphine gegenüber Platz. „Bitte Mademosielle, geben Sie ihren Platz nicht meinetwegen auf“, meinte er und sah die junge Frau dabei nicht an, stattdessen fokussierte er sich auf den Brief vor sich. Joséphine starrte ihn ungläubig an. Hatte er sie eben gerade Mademosielle genannt? Sie war sich ziemlich sicher, dass es eines der ersten Male war, dass er sie als Frau angesprochen hatte – auf jeden Fall das erste Mal seitdem sie in seinem Stab diente.Bevor sie sich weiter über seine Wortwahl wundern konnte, reichte der General ihr den bereits erwähnten Brief. „Wären Sie so gut?“ fragte er. Er versuchte selbstbewusst zu klingen, aber Joséphine hörte das Zögern in seiner Stimme. „Natürlich Marquis. Ich habe auch die Divisionsstatistik4 für diesen Monat soweit fertiggestellt. Es können sich bis zum Ende des Jahres noch immer ein paar Zahlen ändern, aber die vorläufigen Daten sehen gut aus“, meinte sie und nahm den Brief entgegen. La Fayette ließ sie häufig über seine Briefe lesen und bat um Korrektur5, obwohl sich seine Englischkenntnisse in den letzten Monaten sehr verbessert hatten, war er immer noch verunsichert. Eine Weile saßen sie schweigend da, jeder in ein anderes Schriftstück vertieft, bevor Joséphine sich räusperte und auf eine Zeile zum Schluss des Briefes deutete. „Was genau wollt Ihr mit diesem Satz ausdrücken?“„Das es Schwierigkeiten gibt, die Armee richtig zu versorgen – lassen Sie mich raten, dass versteht man nicht?“„Nun Sir, jetzt wo Sie es sagen, verstehe ich es, aber-“„Es sind die Präpositionen, nicht?“Joséphine nickte stumm und griff nach einer Feder. „Darf ich?“, fragte sie. „Oh bitte, tuen Sie sich keinen Zwang an“, meinte der Marquis und beobachtete, wie sie Verbesserungen an dem Schreiben vornahm. „Ich hätte allerdings auch eine Frage betreffend Ihres Berichts, die zehn Toten diesen Monat, aus welchen Brigaden kommen sie?“„Jeweils vier Männer aus Scotts und der North Carolina Briegarde und noch einmal zwei aus Woodfords Briegarde.“„Zehn Männer, das sind zu viele“, meinte La Fayette, mehr zu sich selbst, denn zu Joséphine und stützte seinen Kopf mit den Händen ab. Er trug keine Perücke und sah somit noch jugendlich er aus, als er sich mit der Hand durch das Haar fuhr. Joséphine hatte Mitleid mit ihm, er nahm sich selber zu hart dran. Der Division ging es so gut wie kaum einer anderen Einheit und das lag zu sehr großen Teilen an den Investitionen6 des jungen Generals; er hatte alles getan, was in seiner Macht stand und verdiente es nicht, sich für die Ergebnisse nun Vorwürfe zu machen.„Sir, Euren Truppen geht es gut, zumindest so gut wie es ihnen zu dieser Jahreszeit gehen kann. Die Todeszahlen sind so gering wie in keiner anderen Division7. Würden wir Ärzte Wetten über diese monatlichen Statistiken aufstellen, was wir natürlich nicht tun, das wäre unmoralisch, dann würde ich diese Wetten ziemlich sicher gewinnen.“ La Fayette blickte auf, seine Augen glänzten schelmisch. „Sie wetten also nicht, weil das zu unmoralisch wäre. Würden sie dennoch wetten, rein hypothetisch natürlich, würden Sie die Wette gewinnen?“, fragte der General.Joséphine blickte ebenfalls auf, auf ihren Lippen das gleiche Lächeln wie in seinen Augen. „Rein hypothetisch betrachtet, ja, ich würde gewinnen.“ Die beiden jungen Soldaten begannen gleichzeitig zu Lachen, die Situation war einfach zu absurd. Sobald man sich wieder gesammelt hatte, wandte Joséphine sich mit einer eigenen Bitte an den jungen Franzosen. „Marquis, ich würde Sie gerne um einen Gefallen bitten, Sir.“Der Angesprochene setzte sich etwas aufrechter hin und blickte die junge Frau erwartungsvoll an. „Nun denn, wie kann ich Ihnen helfen?“„Können Sie mir zeigen wie man sich, nun ja, verbeugt? Ich habe so etwas nie gelernt, aus offensichtlichen Gründen, aber ich hatte auch nie jemanden von dem ich es mir hätte abgucken können. Meine Geschwister und ich sind unter Quäkern aufgewachsen, da hat man sich nicht verbeugt, sondern nur die Hand gegeben. Mir ist allerdings aufgefallen, dass diese Form der Begrüßung in der Armee nicht sonderlich angesehen ist.“ La Fayette lachte lauthals auf. „Das ist Ihnen jetzt erst aufgefallen? Nun ja, so gerne ich auch helfen würde, halte ich es nicht für schicklich einer Frau so etwas beizubringen“, erklärte der Marquis und verschränkte die Arme. Joséphine nickte mechanisch. Was hatte sie auch erwartet?Sie verabschiedet sich und wollte gerade zu ihrer Kammer gehen, da wandte La Fayette sich noch einmal an sie. „Noch etwas – frohe Weihnachten. Sie und die meisten deutschenstämmigen Soldaten feiern doch bereits heute Weihnachten, nicht?“„Ja Marquis, ich wünsche Ihnen auch frohe Weihnachten – und eine gute Nacht“, antwortete Joséphine und wandte sich nun endgültig zum Gehen. Die vergangenen Stunden schwirrten ihr im Kopf, als die Tür zu ihrem Raum sich hinter ihr schloss.
17. Januar 1778
The Regiments, small in the beginning of the Campaign and much diminished by Service, will not bear a draft without reducing them to mere companies. I expect a Committee of Congress here, in a short time, to confer upon ways and Means of new modelling the Army
George Washington an Ein wahre Weihnachtswunder hatte sich am 24. Dezember in York, einer kleinen Stadt in Pennsylvania ereignet. Dorthin war der Kontinentalkongress nach der Eroberung Philadelphias durch die Briten geflohen und hatte hier eine Resolution zur Gründung eines Camp Committees beschlossen, einer Gruppe bestehend aus vier Männern8, Francis Dana, John Harvie, Nathaniel Folsom, und Joseph Reed, dass die Armee in Valley Forge besuchen sollte, um sich dort aus erster Hand über die Zustände und Probleme im Winterquartier zu informieren. An diesem Tag war ein Treffen aller Generäle mit einer anschließenden Begehung des Lagers anberaumt worden. La Fayette hatte Friedrich gebeten als Stabsarzt dem Treffen beizuwohnen und die Probleme des medizinischen Departments zu schildern. Anscheinend war man der Ansicht, dass er von all den Stabsärzten momentan am wenigsten zu tun hatte, eine Annahme die so vielleicht stimmte, aber nicht bedeutete, dass er nicht dennoch genug zu tun hatte, aber hier war er nun. An der Seite des Marquis schritt er durch das verschneite Lager in Richtung von Washingtons Hautquartier, als ihm etwas, oder besser gesagt jemand, ins Auge fiel.Trotz des dicken Mantels, in den die Person eingehüllt war, und dessen Kapuze das Haar und die obere Stirn der sprechenden Person bedeckte, erkannte Joséphine ihre Schwester Johanna sofort. Vollkommen verwundert blieb sie stehen und starrte zu Johanna herüber, General La Fayette warf ihr nur einen fragenden Blick zu. „Haben Sie Wichtigeres zu tun?“, fragte er, nicht direkt wütend, aber seltsam spitz. „Wenn Sie mich entschuldigen würden, Marquis, dies ist in der Tat eine Angelegenheit von großer Dringlichkeit.“„Nun dann, gehen Sie Ihrer Pflicht nach. Treffen Sie mich im Hauptquartier des Général sobald Sie fertig sind und dann besprechen wir das weitere Vorgehen“, ordnete der junge General an und schritt entschlossen weiter in Richtung des Hauptquartiers. Joséphine seufzte und beeilte sich dann zu ihrer Schwester zu kommen. Was führte Johanna hier her? Warum war sie nicht Zuhause beim Rest der Familie. Nach der Schlacht von Germantown hatte Joséphine selber nichts mehr von ihrem Vater oder ihren Geschwistern gehört und nun beschlich sie die Angst, dass etwas Schlimmes passiert sein könnte.Johanna wollte sich Joséphine in die Arme werfen, sobald diese sie erreicht hatte, doch Friedrich wies sie ab. „Nicht hier“, flüsterte er und packte seine Schwester am Arm, seine Sorgen waren für einen Moment vergessen. General La Fayette war der Überzeugung, dass Joséphine keine lebende Familie mehr hatte, sollte er je erfahren, dass sie tatsächlich doch noch Familie hatte, eine Familie die sie verlassen hatte oder noch besser einen Ehemann, dem sie den Rücken zugekehrt hatte, er würde sie schneller melden und der Armee verweisen, als sie blinzeln konnte. La Fayettes Duldung beruhte in großen Teilen darauf, dass Joséphine ihm dazu gebracht hatte zu glauben, dass sie niemanden sonst mehr hatte, an den sie sich wenden konnte. Dass sie alleine und schutzlos war in dieser Welt.Jeder andere der Friedrich und Johanna so gesehen hätte, hätte Johanna wahrscheinlich für eine Geliebte Friedrichs gehalten, eine Verlobte oder Ehefrau vielleicht sogar, wie doch so viele hinter der Armee herzogen. La Fayette hingegen würde diesem Irrglauben nicht anheimfallen und stattdessen wahrscheinlich die richtigen Schlüsse über ihre Beziehung schließen. Das der General Johanna also schon gesehen hatte, bereitete Friedrich Sorgen und er wollte nicht riskieren, dass sein herzlicher Umgang mit Johanna dem jungen Franzosen zu Ohren kam. Deshalb führte er seine Schwester zurück zu dem Hauptquartier des Generals, hinein durch die Hintertür und in den Salon, von dort aus zu seiner kleinen Schlafkammer. Erst als die Tür hinter den beiden zugefallen war, fiel etwas von der Anspannung von Joséphine ab und während sie ihren eigenen Mantel auszog und aufhängte, wies sie Johanna an entweder auf dem Bett oder auf dem Stuhl an dem kleinen Tisch Platz zu nehmen. Ein Schweigen breitete sich zwischen den Schwestern aus, es war ein seltsames Schweigen, es hatte die Vertrautheit des Schweigens während der Sonntagszeremonien, aber dennoch lag es schwer zwischen ihnen beiden. Joséphine wusste, dass etwas falsch war, doch Johanna wollte nur ungern darüber reden.„Wie ist es Zuhause? Die Briten haben sich bereits vollkommen zurückgezogen, nicht? Wie geht es euch? Seid ihr alle unverletzt geblieben?“, fragte die Ältere der beiden dann schließlich und versuchte auf diese Weise nicht nur ihr Unbehagen zu verdrängen, sondern sich auch ganz langsam dem eigentlichen Thema zu nähern. „Oh ja, uns geht es gut“, murmelte Johanna und starrte dabei auf ihre Hände, die in ihrem Schoß gefaltet waren. Selten hatte Joséphine eine so halbherzige Antwort gehört.„Was ist passiert Hanni, irgendetwas ist doch, das merke ich! Ganz zu schweigen von dem Umstand, dass du plötzlich mitten im kontinentalen Lager auftauchst. Ich habe nicht das Recht zu urteilen, und selbst wenn, du bist meine Schwester, dass würde ich nie tun. Ich liebe dich und mir ist bewusst, dass ich euch damals alleine gelassen habe, dass ich besonders dir als nächstälterer Tochter sehr viel zugemutet habe. Du hast wahrscheinlich nicht das Gefühl, dass du dich auf mich verlassen kannst, aber das kannst du! Irgendetwas hat dich hierher geführt, in der Hoffnung dass ich dir irgendwie helfen kann ... also lass mich helfen, bitte“, drängte Joséphine und setzte sich gegenüber ihrer Schwester auf das Bett, sodass ihre Knie sich berührten.„Ich bin schwanger, Joséphine“, brachte Johanna dann schließlich hervor, ihre Stimme war leise, wie ein Flüstern. Einen Moment lang starrte Joséphine Johanna einfach nur entgeistert an. Blinzelte. Starrte sie weiter an - bis dann schließlich die Erkenntnis dämmerte.„Wer hat dir das angetan?“, fragte Joséphine, ihre Stimme gänzlich tonlos. Ihre Schwester war unverheiratet, natürlich nahm sie das Schlimmste an.„Niemand hat mir etwas angetan-“„Johanna, du musst niemanden schützen, sag mir wer dir das angetan hat.“„Sagte ich doch schon. Niemand“, Johannas Stimme wurde von Mal zu Mal fester, von Mal zu Mal unnachgiebiger, sodass Joséphine sie nur wieder entgeistert anstarrte. Dann seufzte sie einmal, sie wollte für ihre Schwester da sein, wollte die Person sein, auf die sie sich nun verlassen konnte, selbst wenn ihr Johannas Verhalten nicht gefiel. Behutsam streckte sie die Finger aus und schloss Johannas Hände in die ihrigen. „Ich möchte dich nicht drängen Hanni, wenn du nicht darüber sprechen möchtest, dann musst du das nicht. Sag mir nur, wie ich helfen kann! Möchtest du hier schweigend mit mir sitzen, dann tun wir das, wenn du sprechen möchtest, über irgendetwas, dann tun wir das. Du kannst hier bei mir bleiben wenn du magst oder ich kann dir helfen einen anderen Platz zu finden an du bleiben kannst“, erklärte Joséphine und schluckte schwer, die nächsten Worte fielen ihr schwer, aber sie wusste dennoch, dass sie sie ernst meinte. „Wenn du ... das Kind nicht möchtest ... ich kenne Mittel und Wege wie ... wie“, weiter kam sie nicht und schon das hatte sie große Mühe gekostet.Trotz ihres wilden Lebens, trotz ihrer Freiheiten und Unmöglichkeiten hatte sie nie gelernt unangenehme Dinge auszusprechen, sie war immer darum herum getänzelt, hatte jedes Wort abgewogen, als stünde sie auf einem zugefrorenen See und jeder falsche Schritt könnte das Eis zum Brechen bringen. Joséphine kannte viele Synonyme für unschöne Wörter. Johanna nicht, Johanna nannte Dinge beim Namen.„Möchtest du mir damit sagen, dass du dabei behilflich wärst, deine eigene Nichte oder deinen Neffen abzutreiben. Mein Gott Phine, du hast dich verändert, dass ich dich kaum wieder erkenne.“„Eigentlich nicht Hanni, eigentlich habe ich mich kein bisschen verändert. Es ist leicht Prinzipen zu haben, wenn man sie nur auf Außenstehende anwenden muss, Unbekannte, Menschen deren Namen einem fremd auf der Zunge liegen. Aber dann sind da immer die Menschen, die man liebt, diejenigen ohne die sich die eigene Welt nicht mehr drehen würde - glaube mir Hanni, wenn ich dir sage, dass es einem leicht fällt für diese Menschen seine Prinzipien zu verraten. Weißt du was das Lustige daran ist? Es fühlte sich nicht einmal wie Verrat an, sondern wie den loyalsten Akt, den man je vollzogen hat.“„Doch vielleicht ist es die falsche Art von Loyalität, denn ansonsten würden Verrat und Loyalität nicht so weit auseinanderliegen, wie man immer denkt.“„Oh mit Nichten, Loyalität und Verrat liegen direkt nebeneinander, sie stehen Rücken an Rücken und blicken nur in zwei verschiedene Richtungen.“„Rücken an Rücken, weil keiner der beiden ohne den anderen kann.“„Ist das nicht die Ironie unserer Welt, dass das Gute dass wir tun, unsere bösen Taten erst hervorhebt?“„Ich dachte immer, dass es anders herum wäre.“„Wie dem auch sei, ich möchte dass du weißt, dass ich für dich da bin und das was immer auch geschehen ist nicht deine Schuld ist“, verließ Joséphine den philosophischen Pfad und drängte das Gespräch wieder in Richtung des eigentlichen Themas. Sie mochte solche Überlegungen, solche Gespräche, aber wie für alles im Leben musste man auch hierfür den richtigen Ort und noch wichtiger den richtigen Zeitpunkt finden. Keines von beiden war im Moment gegeben.„Es ist meine Schuld“, erwiderte Johanna selbstsicher und Joséphine wollte gerade protestieren, als ihre Schwester ihre Hand hob und sie damit zum Verstummen brachte. „Bevor du jetzt wiedersprichst, lass mich etwas sagen. Seit dem Beginn unserer Unterhaltung hast du sehr viel gesagt, viele liebe Dinge, die mir versichern sollten, wie viel ich dir bedeute, wie hingebungsvoll du als Schwester bist. Glaube mir Phine, daran habe ich nie gezweifelt. Du scheinst dir immer noch Vorwürfe deswegen zu machen, was vor über fünf Jahren passiert ist. Es war nicht deine Schuld, Gott, ich habe dich doch an dem Abend damals gesehen wie du zitternd bei der Tür gekauert hast, ich habe - wir alle haben doch die Blutergüsse gesehen, an deinen Armen, an deinem Hals ... ich dachte unser Wiedersehen würde dir helfen, aber ich habe das Gefühl, dass du dennoch denkst, du müsstest etwas wieder gut machen. Es tut mir weh dich so zu sehen, zu sehen wie meine Gegenwart dein Verhalten beeinflusst. Es war doch früher nicht so zwischen uns, so steif und kompliziert, wir hatten uns doch nie etwas beweisen müssen. Hat diese Nacht denn wirklich so viel kaputt gemacht?“„Diese Nacht hat mich kaputt gemacht“, meinte Joséphine nur und war selber überrascht mit welcher Leichtigkeit sie die Worte fand. Sie war lange Zeit eine Außenstehende in ihrem eigenen Leben gewesen, hatte sich so immer in direkter Relation zu allem um sich herum erkannt, musste aber auf die hässliche Hülle hinab blicken, die sie geworden war. Lebte man auf Distanz zu allem und jeden und konnte nicht einmal in sich selbst das Gute sehen, dann war leben wenig mehr als eine Ausrede. Wie konnte Joséphine erwarten, dass Johanna ihr vertraute, wenn sie sich selbst nicht vertraute und nichts tat, außer sich hinter Ausreden zu verstecken? Deshalb schloss sie an das bisher Gesagte an: „Aber vielleicht hat sie mich auch zu dem stärksten Ich gemacht, das es je geben wird.“Ganz so als hätte sie den inneren Gedankengang ihrer Schwester nachvollziehen können (wer weiß, vielleicht konnte sie es ja tatsächlich), nickte Johanna zufrieden mit dem Kopf.„Ich möchte nur, dass die Dinge wieder so werden wie früher einmal, nenn mich naiv, aber deshalb bin ich hier. Weil ich dir vertraue, voll und ganz und weil ich deine Hilfe brauche.“ Joséphine nickte mechanisch. Die Unterhaltung ermüdete sie. Nicht auf die langweilige Art und Weise wie einer ihrer ehemaligen Professoren es immer getan hatte, sobald er einmal mehr begonnen hatte von Urtica dioica, der großen Brennnessel, zu schwärmen - selbst seine Frau zog im Vergleich mit der Pflanze den Kürzeren. Nein, es war eine Ermüdung die auf tiefe Überlegungen und Selbstreflektion zurückzuführen war. Schwere Gedanken und große Ideen waren durch Joséphines Kopf geschwirrt und die geistige Erschöpfung war so groß geworden, dass sie sich nun auch körperlich zu äußern begann.„Ich brauche deine Hilfe dabei, den Vater meines Kindes zu finden. Es ist nämlich sehr wohl meine Schuld. Ich habe ihn gedrängt, er wollte warten. Warten bis wir verheiratet sind und keine Konsequenzen zu fürchten haben. Ich wollte aber nicht warten und so waren wir zusammen am letzten Abend bevor er gegangen ist.“Joséphine legte nachdenklich den Kopf schief. Es war eine Angewohnheit von ihr (eine ihrer besseren) doch dabei sah sie zum Teil wohl etwas merkwürdig aus. Friedrich hatte sie manchmal ‚petit hibou‘, kleine Eule, genannt. Der jungen Frau wurde in diesem Moment einmal mehr schmerzlich bewusst, wie sehr sie und ihre Familie sich entfremdet hatten. Ihre kleine Schwester hatte einen Mann gefunden, den sie bereit war zu heiraten und sie erfuhr erst jetzt davon. Doch auch wenn sie sich für Johanna freute, war sie, besonders im Anbetracht ihrer eigenen Ehe, vorsichtig. Ein Detail im Besonderen ließ sie hellhörig werden.„Ich helfe dir gerne bei der Suche, aber bist du dir sicher, dass er dich wirklich heiraten wird? Er hat dich anscheinend schon einmal verlassen.“Johanna verzog das Gesicht als hätte ihre Schwester sie gerade beleidigt, antwortete dann jedoch ruhig aber bestimmt. „Ich bin mir sicher, er hat mir sein Wort gegeben. Er ist nur fortgegangen, weil er musste, er hatte keine andere Wahl.“Joséphine wollte erwidern, dass man immer eine Wahl hatte, ganz besonders wenn es um so etwas Wichtiges ging, aber dann dämmerte es ihr. „Ein Mann der vor zwei bis drei Monaten gezwungen war Germantown zu verlassen und dazu dein auffälliges Wissen über das britische Militär im Allgemeinen und im Besonderen in Germantown - sag mir bitte nicht das der Vater deines Kindes ein britischer Soldat ist.“Schweigen.„Johanna, ich erwarte eine Antwort.“„Ich soll dir nicht sagen, dass er ein britischer Soldat ist, aber anlügen soll ich dich doch auch nicht.“ Joséphine schloss für einen Augenblick die Lider, Johanna liebte dieses Spiel. Irgendwie hatte Joséphine doch tatsächlich gehofft, dass sie mit den Jahren dieses Spiel nicht mehr spielen müssten - und dennoch, hier waren sie nun.„Oh Hanni ...“„Spar dir dein Mitleid, Joséphine, ich bereue meine Entscheidungen nicht.“„Das kann ich mir bei dir auch nicht vorstellen. Nun, wie kann ich dir helfen?“„Ich muss irgendwie hinter die britischen Linien kommen und hatte gehofft, dass du mir eine Art offizielles Dokument ausstellen kannst, das mir das ermöglicht, eine Art Passierschein.“„So ein Dokument existiert nicht, oder zumindest existiert kein solches Dokument, das ich dir ausstellen kann.“ Johanna nickte frustriert ob dieser Antwort. Joséphine fuhr sich mit der flachen Hand über das Gesicht, sie wollte ihrer Schwester helfen, aber so angestrengt sie auch darüber nachdachte, eine gute Lösung wollte ihr einfach nicht in den Sinn kommen.„Nun, in den Hospitälern der Armee arbeiten viele Krankenschwestern. Die meisten arbeiten freiwillig dort, sie sind die Angehörigen der Soldaten und folgen der Armee. Einige sind allerdings auch fest angestellt und erhalten einen festen Sold9. Ich denke, dass ich dir so eine Position verschaffen kann. Damit hättest du offizielle Papiere, die es dir zumindest erlauben würden, dich frei in den Lagern der Kontinentalarmee zu bewegen und auch wenn dich Briten aufgreifen sollten, könntest du mit diesen Papieren zumindest belegen, dass du keine Spionin bist“, schlug die Ältere der beiden Schwestern dann schließlich vorsichtig vor.„Kannst du es nicht so aussehen lassen, als ob die Armee mich zu den Briten schicken würde um ... ich weiß auch nicht, mich um amerikanische Kriegsgefangene zu kümmern?“Joséphine schüttelte den Kopf. „Man schickt eigentlich nur Ärzte in die gegnerischen Lager und selbst das kommt nicht allzu häufig vor, meistens nur direkt nach einer Schlacht. Diese Besuche müssen von den Generälen beider Seiten abgesegnet werden, das kann ich unmöglich in die Wege leiten.“„Ist gut. Ich nehme was immer du mir geben kannst und versuche damit so dicht wie möglich an das britische Lager zu gelangen und wenn ich mit den Papieren nicht mehr weiterkomme, dann bin ich eben das Quäkermädchen, die Pazifistin die offiziell zwar unparteiisch ist, König und Vaterland aber doch treu ergeben ist.“„Hilft das alles nicht, dann sagst du ihnen, dass du einen sehr redseligen Bruder im Generalstarb des Marquis de La Fayette hast und auf diesen Wege vielleicht an ein paar nützliche Informationen gelangen kannst, die du den Offizieren seiner Majestät, deines Königs, niemals mit gutem Gewissen vorenthalten könntest“, meinte Joséphine und lächelte schief.„Das würde ich nie tun Phine, ich würde dich nie benutzen“, warf Johanna ein. Joséphines Lächeln wurde breiter, als sie nach Papier und Feder griff, um die benötigten Dokumente auszusetzen. „Sei unbesorgt, ich bin hierbei nicht diejenige die benutzt wird, Hanni. Aber genug davon, erzähle mir von diesem Mann. Er scheint dir sehr viel zu bedeuten, nicht einmal James und ich haben so schnell geheiratet.“„Du warst auch nicht schwanger.“„Das stimmt, aber dennoch, wenn ich dich richtig verstanden habe, beschleunigt dieses Kind eure Pläne nur unwesentlich. Nun erzähl mir also schon, immerhin gehört dieser Mann ja bald zur Familie. Wie ist zum Bespiel sein Name?“Ein andächtiger Glanz hielt in Johannas Augen Einzug. „Edward ist sein Name. Edward Wilson. Er ist Arzt, also werde ich bald die Frau Doktor10 sein.“Joséphine konnte nicht anders als Lachen, nicht das sie besonders amüsiert von der gesamten Situation war, aber bei dieser Enthüllung konnte sie dennoch nicht an sich halten. Wie klein die Welt doch war. Johanna verstand das Verhalten ihrer Schwester natürlich nicht und verzog nur verwirrt das Gesicht.„Doktor Edward Wilson und ich haben uns das erste Mal nach der Schlacht von Princeton getroffen und haben ein sehr langes und wirklich nettes Gespräch geführt. Wir sind beide für einige Tage in Princeton geblieben und haben uns – zusammen mit anderen Ärzten beider Seiten, um die Verwundeten gekümmert. Das zweite Mal haben wir uns dann nach der Schlacht von Brandywine getroffen. Ähnliche Umstände, nur dieses Mal hat er versucht mich für die britische Seite anzuwerben.“Johanna blickte Joséphine mit leicht geöffnetem Mund an, das Erstaunen hatte sie für einen Moment vollkommen gepackt. „Das bedeutet ja, dass du Edward länger kennst als ich. Ganz so wie bei Mère und Père damals. Aber was hältst du von ihm, von Edward meine ich. Ich werde ihn heiraten, mit oder ohne deinen Segen, aber wenn du ihn für einen guten Mann hältst – nun ja, das würde mich freuen zu hören“, besann Johanna sich wieder und lächelte breit,als sie ein Stück näher an ihre Schwester heran rückte und ihre Hand nahm. Joséphine entzog ihr die Hand. „Was meinst du mit ‚ganz so wie bei Mère und Père damals‘?“, fragte sie und überging damit Hannis eigentliche Frage.„Onkel Louis hat unsere Mère vor unserem Père kennengelernt. Mère war in Hamburg bei der Familie als Louis und Père von Berlin in den Norden gezogen sind. So haben sie sich dann ja in Hamburg kennengelernt. Unsere Eltern haben uns ja immer gesagt, sie hätten sich auf einem Fischmarkt an der Elbe zum ersten Mal getroffen. Mère hat eingekauft und Père war auf der Suche nach Arbeit. Doch nach Mères Tod habe ich viel und lange mit Onkel Louis gesprochen und er hat irgendwann einmal erzählt, dass tatsächlich er Mère so kennengelernt hat. Er ist vor seinem Bruder nach Hamburg gegangen, da er ja auch älter ist und dann hat er unsere Eltern später einander vorgestellt“, erklärte Johanna und hängte an „Gut, es ist nicht, was sie uns immer erzählt haben, aber du wirkst dennoch verwundeter als ich nachvollziehen kann.“In Joséphines Kopf wirbelte es. Sie erinnerte sich an die Worte ihres Pères bei ihrem Besuch in Germantown, er hatte davon gesprochen, dass Onkel Louis alles für sie tun würde und bis heute ergaben diese Worte für sie keinen Sinn, ergab der Tonfall, in dem sie gesprochen wurden keinen Sinn. Hatte vielleicht diese Enthüllung etwas damit zu tun, war sie möglicherweise die Antwort auf eine dieser Fragen, die in ihrem Kopf herumgeisterten, die sie aber nicht richtig zu fassen bekam? „Es ist gar nichts, ich … mich verwundert es nur, das ist alles“, meinte Joséphine wenig glaubwürdig und war dankbar, dass ihre Schwester die lausige Ausrede nicht durchschaute. Sie war mehr an einem anderen Thema interessiert. „Edward. Du kennst ihn also. Was ist deine Meinung?“, drängte die Jüngere auch sogleich. Joséphine fühlte ein eigenartiges Pochen hinter ihrer Schläfe, Kopfschmerzen bahnten sich an. Es gab einfach zu viel, als dass sie es auf einmal verkraften konnte. Die Enthüllung ihrer Schwester, die seltsamen Verstrickungen zwischen ihren Eltern und ihrem Onkel – das alles genügte, um einen ganzen Monat darüber nachzudenken und Johannas ungeduldiges Betteln machte die Dinge nicht besser. Ja, was dachte Joséphine denn nun eigentlich von Wilson? Natürlich hatte sie eine Meinung, aber in den Prozess der Meinungsfindung hatte sie nie mit einbezogen, dass Wilson einmal ihr Schwager werden könnte. Das Dichteteste was sie ihm je zugestanden hatte, war der Status als Kollege. Je bemühter sie nach einer Antwort suchte, desto deutlicher wurde ihr, dass sie Wilson eigentlich kein bisschen kannte – ebendies teilte sie dann auch ihrer Schwester mit.„Du hast fast eine Woche mit ihm zusammen in Princeton verbracht, hast du gesagt, da musst du doch zumindest einen ersten Eindruck gewonnen haben, auch wenn ihr vielleicht nicht viel zusammen unternommen habt“, warf Johanna ein und rückte erneut näher. „Nicht viel zusammen unternommen?“, echote Joséphine. „Hanni, er ist britischer Arzt, ich bin amerikanischer, hätten wir nicht so viele Verwundete gehabt, hätten wir wahrscheinlich nicht einmal miteinander gesprochen.“„Aber ihr habt es doch, also, was hältst du von ihm“, beharrte die Jüngere der beiden Deegen-Schwestern.„Ich halte ihn für sehr loyal“, meinte Joséphine dann schließlich.„Ich habe gefragt wie du Edward charakterlich bewerten würdest, nicht seine militärischen Qualitäten.“„Das war eine charakterliche Einschätzung. Ich denke Wilson ist ein Mann, der, wenn er sich erst einmal einer Sache verschrieben hat, loyal für diese Sache eintritt. Ich denke, er wird ein guter Ehemann sein … und ein guter Vater. Immerhin hat er dich über die Verpflichtung gegenüber Vaterland und Krone gestellt oder möchtest du mir etwa erzählen, dass er nicht mitbekommen hat, dass du ihm so kurz vor unserem Angriff auf Germantown über die britischen Streitkräfte befragt hast.“ Johanna wurde rot, es war eine ziemliche Röte, die viele andere Frauen mit Rouge versuchten zu erreichen. „Ich denke er weiß, dass ich Details über die Armee an dich weitergegeben habe. Er hat aber nie ein Wort darüber verloren.“Joséphine war in der Zwischenzeit aufgestanden und hatte nach Papier und Feder gegriffen. Der Federkiel tanzte elegant über die Seite und Joséphine gab sich Mühe einen offiziellen Stil zu imitieren. Johanna blieb in der Zeit still schweigend neben ihrer Schwester sitzen. „Du kannst ruhig weiter reden“, ermutigte diese sie.Schweigen.„Danke. Egal was ich vorhin auch gesagt habe, ich habe trotzdem immer bei mir gedacht, dass du mir deine Hilfe schuldest, dass ich einen Anspruch darauf habe. Aber das habe ich nicht, nicht wirklich. Ich will ehrlich sein, ich war lange Zeit sehr wütend auf dich, aber nun nicht mehr. Ich bin einfach nur dankbar dich zu haben und ich bin froh, dass mein Kind dich haben wird, sollte mir je etwas passieren.“Joséphine blickte zu ihrer Schwester herüber. In den Blicken der beiden Schwestern lag mehr, als tausend Worte ausdrücken konnten und für einen kurzen Moment fühlte die junge Frau sich, als hätte man eine große Last von ihren Schultern genommen.Auch als Joséphine sich zurück zu General Washingtons Hauptquartier begab, blieben ihre Gedanken in ihrer Kammer bei ihrer Schwester. Was, wenn sie Wilson nicht finden konnte, wenn er doch nichts mehr mit ihr zu tun haben wollte? Selbst wenn Johanna sicher das britische Lager erreichen würde und Wilson sie heiraten würde - sie war schwanger. Mères Tod hing dem jungen Arzt noch schwer im Gedächtnis. Er hatte panische Angst, dass sich die Geschichte nun bei der kleinen Schwester wiederholen würde, eine Art Familienfluch. Johanna hatte ihr das Versprechen abgerungen, ihrem Père zu schreiben. Sie hatte ihm selber nichts von ihrer Schwangerschaft oder ihren Heiratsplänen erzählt, er würde sie nicht gehen lassen, Hugo hatte die Angewohnheit, besonders in Zeiten der Krise, die Menschen die er beschützen wollte, einfach sehr nahe an sich zu binden. Auch in der Gefahr das Gerede der gesamten Gemeinde auf sich und seine Familie zu ziehen hätte Hugo seine Tochter niemals gehen lassen, geschwiege denn fortgeschickt wie so viele andere Väter es getan hätten. Joséphine war erfreut nach den Schilderungen ihrer Schwester festzustellen, dass ihr Père den Tod seiner Frau langsam zu verarbeiten begonnen hatte und wieder mehr er selbst war. Die Frage war nur, ob Père einen Brief von Joséphine überhaut lesen würde.Mit einem resoluten Kopfschütteln verdrängte Friedrich die beunruhigenden Gedanken und überquerte die letzten Schritte bis zur Veranda von Washingtons Unterkunft11. An der Seite des Hauses waren Pferde angebunden und auf dem Vorplatz war ein reges Treiben von Soldaten und zivilen Angestellten12, die geschäftig ihren Dienst taten. Mit drei schnellen Schritten war er an der Tür, hatte sie geöffnet und war eingetreten. Im Salon empfing ihn ein gewohnter Anblick. Die Assistenten seiner Exzellenz, Friedrich konnte sich noch immer nicht wirklich dazu durchringen, Washington so zu bezeichnen, aber da La Fayette den General fast nie anders titulierte, schlich sich auch bei dem jungen Arzt diese Bezeichnung langsam ein, saßen zusammen und arbeiteten.Durch die enge Freundschaft zwischen La Fayette und Washington kannten auch die Mitglieder der beiden Generalstäbe sich mittlerweile ziemlich gut. Dementsprechend vertraut war auch die Ansprache Friedrichs durch einen der Assistenten. „Deegen, du bist reichlich spät. Die Generäle und die Mitglieder des Camp Commitee sind bereits in der Besprechung“, meinte John Laurens13, Sohn von Henry Laurens14.„Ich bin aufgehalten worden, aber ganz unter uns, wie läuft es da drin? Besteht überhaupt die Möglichkeit, dass der Kontinentalkongress unsere Probleme von nun an ernst nehmen wird und was ist mit Washington? Mir ist zu Ohren gekommen, dass einige im Kongress fürchten, Washington würde sich zu einem zweiten Cäsar stilisieren wollen und die Armee nach York zum Kontinentalkongress führen“, meinte Friedrich und strich noch einmal seine Uniform glatt, während er auf Laurens Antwort wartete. „Der Gedanke, dass Washington irgendwelche Ambitionen hat, den Kontinentalkongress zu bedrohen, ist mittlerweile wohl vergessen, aber ich bin mir nicht sicher, dass das Komitee die restlichen Ängste, die im Raum stehen ernst nimmt. Ich habe das Gefühl, dass man zufrieden ist, nun da die Gefahr für sie selber gebannt ist“, erklärte Laurens in tiefer Frustration und stützte den Kopf auf die Hände. „Aber wenn wir den werten Herren Abgeordneten einmal unsere Krankenhäuser zeigen, wenn wir ihnen zeigen wie gute Männer in diesem Krieg sterben ... nun ja, vielleicht kann das ja ihre Meinung ändern, denn eines ist sicher, ändern muss sich etwas.“Friedrich nickte nur zur Bestätigung, dem hatte er wenig mehr hinzuzufügen und außerdem wollte er sich beeilen dem Treffen beizuwohnen. Mit einer kleinen Bewegung drückte er die Tür auf und trat ein, er schloss die Tür hinter sich geräuschlos und salutierte. Sein verspätetes Eintreffen sorgte für einige hochgezogenen Augenbrauen. Der junge Arzt salutierte und stellte sich dann nach einem Nicken seitens Washingtons bequem hin. „Verzeihen Sie meine Verspätung, meine Herren, aber es gab einige dringende Angelegenheiten, die umgehend meine Aufmerksamkeit erfordert hatten“.La Fayette, der wohl den Versuchs seines Stabarztes erkannte, die Situation zu entspannen und sehr wahrscheinlich auch eine eigene Agenda hatte, spielte mit. „Sind die Männer alle versorgt, Doktor Deegen, werden wir Tote zu beklagen haben?“Friedrich brauchte zwar einen Moment, um den Plan des Marquis zu durchschauen15 (und war einmal wieder der Meinung das der junge Franzose subtiler an viele Dinge herangehen könnte), begriff dann jedoch schnell und antwortetet dementsprechend.„Alle Verwundeten wurden versorgt. Wir haben Glück gehabt, in der Hütte haben sich nicht viele Soldaten aufgehalten.“„Würden Sie bitte erklären, was vorgefallen ist?“, fragte ein Mann, den Friedrich aufgrund seiner zivilen Kleidung als Mitglied des Camp Committees identifizierte. „Wahrscheinlich ist eine der Unterkünfte der Männer eingestürzt“, kam General Greene dem jungen Arzt zuvor. Greene hatte in Valley Forge äußerst widerwillig dem Drängen Washingtons nachgegeben und den Posten des Quarter Master Generals angenommen. Die Mehrarbeit, die dieser Posten mit sich brachte, gerade in Zeiten wie diesen, zeigte sich bereits jetzt, nach wenigen Wochen, allzu deutlich auf seinem Gesicht.„Eine der Hütten ist eingestürzt? Wie kann so etwas passieren?“, fragte nun ein weiteres der Komiteemitglieder, offensichtlich erschrocken ob Greenes nüchterner Antwort. „Das passiert eben manchmal. Die Hütten sind in Eile errichtet worden. Zu Beginn des Winterlagers schlafen die Männer in Zelten, bis die Holzhütten fertig sind. Aber in den Zelten ist es unwahrscheinlich kalt und meistens haben wir selbst bei einer größeren Belegung als vorgesehen nicht genügend Zelte und einige der Männer müssen draußen schlafen. Sie beeilen sich ihre permanenten Unterkünfte fertig zu stellen und dabei erzielen sie Schnelligkeit auf Kosten der Qualität. Es ist also nicht ungewöhnlich, dass von Zeit zu Zeit einmal eine Hütte zusammenbricht - ganz besonders wenn es geschneit hat und die Schneelast auf den Dächern zu groß geworden ist“, erklärte Greene und die fünf Abgeordneten sahen plötzlich sehr blass aus. Einige der anderen Generäle meldeten sich zu Wort, erklärten Sachverhalte - nicht das die meisten wirklicher Erklärung bedurften, die Probleme der Kontinentalarmee waren schmerzhaft einfach, und setzten das Treffen fort, wie sie es vor Friedrichs Unterbrechung getan hatten. Friedrich selber hielt sich im Hintergrund und wartete bis das Treffen sich seinem Ende näherte. Washington räusperte sich. „Meine Herren, ich glaube Sie haben genug für heute gehört. Ich möchte Ihnen an dieser Stelle gerne Doktor Deegen vorstellen, er ist der Stabsarzt General La Fayettes und wird Ihnen die Krankenhäuser und Hospitäler hier im Lager für eine persönliche Inspektion zeigen, wenn Sie wünschen. Wenden Sie sich mit allen Fragen bezüglich der medizinischen Versorgung unserer Truppen an ihn.“Die Abgeordneten nickten dankend und machten Anstalten sich zu verabschieden, während Friedrich bereits aus dem Konferenzrum hinaus, zurück in den Vorraum trat. Tench Tilghman16 blickte kurz von seiner Schreibarbeit auf. Hamilton neben ihm war zu sehr in seine Arbeit vertieft, um Friedrichs Anwesenheit zu bemerken und der Platz auf dem Laurens vorhin noch gesessen hatte, war leer. Das geöffnete Tintenfass und die dampfende Tasse Tee verrieten dem jungen Arzt jedoch, dass der Aide-de-Camp nicht lange fort sein würde. Tilghmans Lippen formten ein stummes „Viel Glück“ als Friedrich mit dem versammelten Komitee im Schlepptau dann aus dem Hauptquartier hinaus in die Kälte trat.Der Wind hatte aufgefrischt und schnitt wie tausend kleine Messer durch Kleidung und Haut. Nachdem man sich als Gruppe gesammelt hatte, begann Friedrich die Männer zu dem nächstgelegenen Krankenhaus zu führen. Er überlegte, ob er etwas sagen sollte, aber alles was er sagen könnte, kam ihm nur wie leere Worte vor. Das Knirschen des frischen Schnees unter ihren Füßen war das einzige Geräusch. Ein Krankenhaus nach dem anderen wurde angesteuert und jeder Besuch lief nach dem gleichen Schema ab. Friedrich hielt die Tür auf oder schob den Zeltstoff beiseite und trat dann nach den Abgeordneten ein. Er erklärte in wenigen Worten welchem speziellen Zweck das Krankenhaus diente und welche Probleme man hatte. Die Männer sahen sich dann um und stellten den Mitarbeitern der Einrichtung gegebenenfalls Fragen. Friedrich musste sagen, dass das Verhalten der Delegierten ihn positiv überraschte. Sie gaben sich wirklich Mühe, die Sorgen der Soldaten ernst zu nehmen und stellten die richtigen Fragen - ein Umstand, den der junge Arzt sehr schätzte. So verging der Nachmittag und als man das letzte Krankenhaus verließ, war die Sonne bereits am Untergehen.„Erzählen Sie etwas von sich, ja?“, fragte plötzlich einer der Abgeordneten und schloss zu Friedrich auf, der immer ein Stück vor dem Rest der Gruppe ging. Er sah den anderen Mann verwundert an. „Verzeihen Sie Doktor, ich wollte nicht aufdringlich sein, aber seien Sie doch so gut und erzählen uns etwas über sich. Den halben Tag verbringen wir nun schon zusammen und ich habe Sie nichts außer irgendwelchen Informationen für unser Verständnis sagen hören. Sehen Sie, wir im Kongress wissen, dass wir die Armee enttäuschen. Wir schaffen es weder den Sold rechtzeitig zu stellen, noch können wir Versorgungsgüter liefern. Meine Kollegen und ich sind uns sehr wohl dem Unmut bewusst, aber wir tun wirklich unser Möglichstes. Unser Report kann - muss - einiges bewirken, aber nur wenn wir ein überzeugendes Zeugnis der Zustände hier ablegen können. Deshalb bitte ich Sie, uns von ihren persönlichen Erfahrungen zu erzählen.“„Nun gut, Mister Reed, nicht? Ich denke, dass ich für die meisten Ärzte spreche, wenn ich sage, dass viele von uns an unserer absoluten Belastungsgrenze funktionieren. Da ist nicht nur die Arbeit, die wir täglich zu verrichten haben, sondern auch die Arbeit, die nicht verrichtet wird. So vielen Männern können wir nicht helfen und das jeden Tag mitanzusehen, ist entmutigend.“ Joseph Reed kniff für einen Moment die Augen zusammen. „Ich kann mir nicht einmal ansatzweise vorstellen, was sie alle aushalten müssen. Mich werden die Bilder des heutigen Tages wahrscheinlich bis in alle Ewigkeit verfolgen und das nach nur einem Tag in den Krankenhäusern. Die Geräusche, die Gerüche …“„Aber die Männer haben es denke ich wirklich zu schätzen gewusst, dass Sie und ihre Kollegen sich Zeit für sie genommen haben.“„Wenn das nur ausreichen würde. Zeit können wir geben, dieser Krieg scheint ewig anzudauern. Darf ich noch etwas Fragen Doktor?“„Nur zu.“„Ihr Akzent, wo kommen Sie her?“„Aus dem Norden Pennsylvanias. Der Akzent ist wohl allerdings mehr auf meine preußische Mutter und meinen französischen Vater zurück zu führen.“„Ein Deutsch-Amerikaner, sind Sie auch Quäker?“Friedrich nickte langsam und konnte sich ein kleines Lächeln nicht verkneifen. „Bevor Sie fragen, nein, meine Abstammung und mein Glaube machen mich unter den meisten Männer nicht gerade beliebter. Besonders nach der Besetzung von Philadelphia gibt es eine gewisse Abneigung gegen die Soldaten aus Pennsylvania und gegen Quäker sowieso.“Reed nickte bedächtig und kam zum Stehen. Der Rest der Gruppe war inzwischen wieder zu ihnen aufgeschlossen. „Sir, da ist ja doch noch ein Krankenhaus“, meinte einer der anderen Abgeordneten und zeigte hinüber zu einer Scheune über der eine weiße Flagge schlaff im Wind wehte. Friedrich folgte dem Fingerzeig und zog die Stirn kraus. „Ja, meine Herren, da ist noch ein Krankenhaus, aber das werde ich Ihnen nicht zeigen. Die Zustände dort sind zu schlecht.“„Aber ist es dann nicht gerade wichtig, dass wir uns einen Eindruck von der Situation machen?“, fragte ein Komiteemitglied mit einem starken Südstaatenakzent.„Einen Eindruck ja, aber sie sollen sich dabei nicht umbringen. Verstehen sie meine Herren, dies ist eines unserer zentralen Ruhrkrankenhäuser. Hierhin schicken die Regimentsärzte ihre Patienten, wenn sie alleine nicht mehr damit fertig werden.Allein in dieser Einrichtung haben wir diesen und letzten Monat zwei Krankenschwestern und einen Assistenzarzt an die Seuche verloren – was mich übrigens dazu bringt anzumerken, dass die Bezahlung der Krankenschwestern, besonders in Anbetracht der Arbeit die sie leisten, lächerlich ist. Das Infektionsrisiko ist einfach zu hoch, als dass ich befugt bin. Sie in die Nähe zu lassen. Zudem ist da der Geruch …“, wollte Friedrich gerade ausführen, bevor er unterbrochen wurde.„Der Geruch war bisher in keinem der Krankenhäuser die sie uns gezeigt haben wirklich angenehm, wie viel schlimmer kann es denn schon werden?“„So schlimm, dass es selbst erfahrene und langdienende Ärzte an ihre Grenze bringt. Wenn sie die Scheune betreten, werden sie feststellen, dass viele der Männer in ihrem eigenen Erbrochenen und ihren Fäkalien liegen. Sie selber sind zu schwach und schon zu lange krank, als dass es sie noch wirklich kümmert und unsere Ressourcen sind zu begrenzt um ihnen medizinisches Personal zur Seite zu stellen. Aber selbst wenn, gibt es zu wenig Wechselkleidung und das Wasser zum Waschen ist das Gleiche, durch das sie überhaupt krank geworden sind. Also warum sich die Mühe machen?“Ein beinahe schon verstörtes Schweigen machte sich unter den Abgeordneten breit, während sie alle versuchten die Schwere des Gehörten zu erfassen. Sie alle wussten, wie es um die Armee stand, aber das waren nun ganz neue Abgründe, die sich vor ihnen auftaten. Reed räusperte sich vorsichtig. „Die Männer dort neben der Scheune, was machen sie dort?“ An seiner Stimme war zu hören, dass er die Antwort fürchtete. Friedrichs Blick glitt über die vier Männer in abgenutzter Kleidung, die um ein Feuer herumstanden, Im ersten Moment verstand er die Frage nicht, an dem Bild war nun wirklich nichts Ungewöhnliches – leider. Doch dann fiel sein Blick auf die Füße der Männer und er verstand Reeds Verwunderung.„Die Männer stehen auf ihren Hüten. Die Schuhe der meisten Soldaten sind so durchgelaufen, dass sie nicht mehr vor der Kälte – oder sonst einem Element - schützen. Es gibt nicht genügend Schuhe, um für Ersatz zu sorgen. Manche Soldaten haben tatsächlich ihre Schuhsohlen auch gegessen, nicht das diese besonders nahrhaft oder bekömmlich sind, aber die Männer mit denen ich bisher gesprochen habe, versicherten mir, dass das noch immer besser sei als der Hunger den sie sonst hätten.“ Nach Friedrichs Erklärung machte sich wieder ein bedrückendes Schweigen breit und der junge Arzt wollte gerade zur Rückkehr zum Hauptquartier drängen, als Reed die Schultern straffte und sich dann in den Schnee kniete. In seinen Augen hatte ein eigenartiges Glänzen Einzug gehalten, das Friedrich ebenso wenig nachvollziehen konnte wie sein Verhalten – erst recht als einige von Reeds Kollegen es ihm nachtaten und sich ebenfalls hinknieten. „Meine Herren, würden sie mir freundlichst erklären, was sie da tun?“, fragte der Deutsch-Amerikaner dann schließlich, gerade in dem Moment als Reed sich wieder aufrichtete. In seiner rechten Hand hielt er seine Schuhe. „Wir tun, was jeder Mann tun sollte, der sich Patriot nennt“, meinte er und drehte sich dann um, schritt zielstrebig auf die Soldaten zu, die dort immer noch um das Feuer neben der Scheune standen. Die anderen Abgeordneten folgten ihm, auch sie hatten ihre Schuhe ausgezogen.Bei diesem Anblick bekam Friedrich eine Gänsehaut, die nicht mit der Kälte zu tun hatte. Er fühlte sich an seinen ersten Winter in der Armee zurück erinnert, damals bevor man den Delaware überquert hatte. Thomas Paine hatte gerade Common Sense veröffentlicht und die Kommandanten hatten Auszüge ihren Regimentern vorgelesen, um die Moral zu steigern. Friedrich hatte in dieser Nacht Hoffen gelernt, eine neue Art des Hoffens, die sich jedweder Logik entzog. Mit einem Mal hatte er wieder dasselbe Gefühl, das sich in seiner Brust breit machte, als er sah wie die Mitglieder des Komitees den Soldaten ihre Schuhe gaben17. Für wahr, die Kontinentalarmee war noch nicht besiegt, die amerikanische Unabhängigkeit war noch nicht verloren.
Auch wenn man damals schon Schlittschuhe hatte, die unseren heutigen sehr ähnlich sahen, also mit Kufen aus Metall, benutzte gerade die einfache Bevölkerung geschliffene Tierknochen als Kufen. Diese banden sie unter ihre Schuhe. Besonders gut geeignet dafür ist Eisbein.
Louis Van Linkensdorf gehörte als Freiherr zum preußischen Adel und wurde von diesem beauftragt die Geschehnisse in den Kolonien im Auge zu behalten und zu bewerten. Um dieser Aufgabe möglichst pflichtgetreu nachzukommen, bat er schließlich um die Erlaubnis, sich selber der Armee in Amerika anschließen zu dürfen.
Henry Leonard d’Arendt war ein preußischer Offizier und führte das deutsche Regiment vom März 1777 bis zu dessen Auflösung am 1. Januar 1781. Besonders mit Ruhm bekleckert hat er sich dabei jedoch nicht. Er galt als feige, nachdem er bei der Belagerung von Fort Mifflin vom Feld geflohen war. Jedoch war er einer der ersten, der den Posten eines Inspektor Generals propagierte. Später hatte Baron von Steuben eben diesen Posten inne.
Das „Valley Forge Legacy – the Muster Roll Project“ hat wundervolle Aufzeichnungen über fast alle Männer die damals in Valley Forge anwesend waren in einer Datenbank zusammengefasst. Zudem haben sie zu den einzelnen Divisionen und deren einzelnen Regimentern Statistiken, die die Zahlen der diensttauglichen und dienstuntauglichen Desertierten, der neu verpflichteten Männer etc. entworfen. Eine wunderbare Quelle für den Winter 1777/78.
La Fayette hat auch in der Realität seine Briefe häufig Korrektur lesen lassen, dann meistens von Washingtons Aide-de-Camps (von dem viele enge Freunde von ihm waren). Zum Ende des Krieges hin hat er jedoch nur noch sehr wichtige Briefe, zum Beispiel an den Kontinentalkongress, Korrektur lesen lassen
Es ist schwer zu sagen, wie viele persönliche Gelder La Fayette tatsächlich aufgewendet hat, aber der Wert liegt wohl über dem von einer Million heutigen US-Dollar.
Wenn man sich die bereits beschriebenen Statistiken des „Valley Forge Legacy – the Muster Roll Project“ zur Hand nimmt, dann fällt einem auf, dass La Fayettes Division den Winter hindurch tatsächlich immer mit die besten Zahlen vorzuweisen hatte. Dies lag natürlich auch an seinen privaten Investitionen – auch wenn er nicht der einzige Kommandant gewesen war, der so gehandelt hat.
Eigentlich bestand das Komitee aus sieben Männern, zu den vier Kongressabgeordneten kamen noch die drei Mitglieder des „Board of War“, Gates, Thomas Mifflin und Timothy Pickering, die jedoch freigestellt wurden und von zwei weiteren Kongressabgeordneten ersetzt wurden, von denen wiederum nur einer die Komiteearbeit antreten konnte.
Eine festangestellte Krankenschwester erhielt, nach einer allgemeinen Gehaltserhöhung für Krankenschwestern 1776, etwa vier Dollar im Monat. Zum Vergleich, ein Arzt konnte gut und gerne mal 40 Dollar aufwärts im Monat verdienen.
Damals war es sehr üblich eine Frau mit dem Namen ihres Mannes anzusprechen und einfach nur ein „Frau“ davor zu setzen, oder sie auch mit dem Beruf ihres Mannes anzusprechen. So gab es dann zum Beispiel, die Frau Doktor, die Frau Geheimrat, die Frau Polizeiinspektor, …
Washingtons Hauptquartier war vom 24. Dezember 1777 bis zum 18. Juni 1778 das Haus des Quäkers Isaac Potts, welches direkt am Schuylkill River gelegen ist. Heute führt die Pennsylvania Route 23 zu dem Gebäude, in dem sich mittlerweile ein Museum befindet.
Besonders im Bereich der Ressourcenbeschaffung arbeiteten viele zivile Angestellte. Das Zusammentreffen zwischen Zivilisten und Soldaten führte regelmäßig zu handfesten Streitigkeiten zwischen den Mitgliedern beider Gruppen.
John Laurens (28. Oktober 1754 – 27. August 1782) war ein Soldat im Unabhängigkeitskrieg und von Anfang August 1777 ein Aide-de-Camp Washingtons. Trotz dieses Postens fand er sich immer wieder mitten im Kampfgeschehen wieder und wurde insgesamt vier Mal verwundert. Dazu gibt es das wundervolle Zitat von La Fayette, mit dem Laurens eine enge Freundschaft verband: “It was not his fault, that he was not killed or wounded [at Brandywine,] he did everything that was necessary to procure one or t'other." Laurens starb schließlich in der Schlacht von Combahee River, einer der letzten Schlachten des Krieges. Am bekanntesten ist er bis heute für seine Anti-Sklaverei Ansichten und für sein Duell mit Charles Lee.
Henry Laurens (6. März 1724 – 24. Februar 1792), war der Vater von John Laurens und seinen Geschwistern Mary und Martha, Henry und James. Er gehörte zu den reichsten Männern Nord-Amerikas, sein Reichtum verdankte er seiner Tätigkeit als Sklavenhändler. Er brachte sich früh politisch ein und war drei Jahre Abgeordneter im Kontinentalkongress, ein Jahr davon war er dessen Präsident. Als er 1780 in den Niederlanden war, um deren Unterstützung zu sichern, wurde er von britischen Truppen gefangenen genommen und bis zum 31. Dezember 1781 im Tower of London gefangen gehalten. Er war der einzige Amerikaner der je im Tower einsaß und wurde später dann gegen Lord Cornwallis ausgetauscht.
Bei dem Besuch des Komitees mussten die Verantwortlichen der Kontinentalarmee ein bestimmtes Gleichgewicht einhalten. Die Lage musste dringlich aussehen, aber gleichzeitig musste man auch den Eindruck vermitteln, dass man immer noch eine funktionierende Armee war. (Deshalb wurden einige Probleme übertrieben dargestellt und wieder andere wurden gnadenlos herunter gespielt.)
Tench Tilghman (25. Dezember 1744 – 18. April 1786) diente seit dem 8. August 1776 als Washingtons Aide-de-Camp und war neben Laurens und Hamilton einer der Wenigen, der flüssig Französisch sprach. Dies machte ihn in der Kommunikation mit La Fayette, Baron von Steuben und anderen französischen und preußischen Offizieren unerlässlich. Seine Familie bestand fast ausschließlich aus Royalisten und zwei seiner drei Brüder dienten in der königlichen Familie. Er brach mit seiner Familie und starb kurz nach Kriegsende an einer Krankheit, die er sich während seines Dienstes zugezogen hatte.
Diese Geschichte hat sich wirklich so ereignet, auch wenn ich nicht nachvollziehen konnte, ob wirklich alle Komiteemitglieder Kleidungsstücke gespendet haben.
----- CHAPTER BREAK -----
25. Januar 1778
“
I fancy (betwen us) that the actual scheme is to have me out of this part of the continent, and general connway in chief under the immediate direction of general gates—how they will bring it up I do not know—but be certain some thing of that kind will appear—you are nearer than myself, and every honest man in Congress is your friend, therefore you may foresee and prevent if possible the evil hundred times better than I can—I would only give that idea to your excellency”
Der Marquis de La Fayette an George Washington, 23. Februar 1778 „Du siehst nicht gerade begeistert aus, wie lief das Treffen?“„Latrinen, wir haben die gesamte Stunde nur über Latrinen geredet“, beschwerte sich Friedrich und ließ sich auf dem Stuhl an dem Tisch nieder. Louis Saint Ange Morel, chevalier de la Colombe (ebenso wie bei La Fayette versuchten die meisten Amerikaner nicht einmal seinen ganzen Namen auszusprechen) lachte schadenfroh. Friedrich konnte nicht anders als ebenfalls zu schmunzeln. Colombe war als Aide-de-camp nicht gerade sein Kollege im klassischen Sinne, tatsächlich sah der junge Arzt den französischen Adligen recht selten, meist nur bei Besprechungen, beim Essen und sonst manchmal zufällig zwischen den Türen, aber wenn man dann einmal ins Gespräch miteinander kam, waren es immer sehr angenehme Gespräche. Colombe war heiter und man konnte gut mit ihm reden.„Das klingt dann ja wie ein wirklich ... klärendes Gespräch“, kommentierte Colombe und zog seine Mundwinkel zu einem süffisanten Grinsen hoch. Friedrich trat unter dem Tisch blind nach dem Schienbein seines Gegenübers. „Wofür war das denn?“„Dafür, dass du mich auslachst, anstelle mich zu bemitleiden. Ich meine wirklich, die Pläne zur Umorganisation des Lagers sind gut, gar keine Frage, aber wie will man die umsetzen?“„Na ja, man kann es doch einfach befehlen, ist das nicht das Prinzip einer Armee, dass in ihr Offizieren höheren Ranges Soldaten oder Offizieren mit niedrigerem Rang etwas befehlen können?“, fragte der Aide-de-camp und begann mit einem Messer an seinem Federkiel herum zuspielen. „Im Prinzip schon, aber ich habe damals viel mit Doktor Rush zusammengearbeitet. Er hat versucht mehr Hygiene in der Armee einzuführen und ist mit dem Versuch ziemlich kläglich gescheitert. Nehmen wir zum Beispiel die Latrinen, als Arzt besaß Rush keinen Rang durch den er direkte Befehle hätte geben können, aber auch nachdem er sich an ranghohe Offiziere wandte, hat sich nicht viel verändert. Besonders jetzt im Winter ist der Boden zu hart, als dass die Soldaten die Latrinen tief genug ausheben können. Dementsprechend häufig laufen die Latrinen über – besonders in ein paar Monaten bei der Schneeschmelze. Bei der Kälte ist es auch schwer den Männern zu erklären, warum sie die Latrinen nicht unmittelbar neben ihren Unterkünften errichten können. Der Gestank ist ekelerregend, aber für viele immer noch einfacher zu tolerieren als ein Marsch durch die Winternacht.“Colombe strich über das Kinn. „Nun, dass klingt in der Tat schwierig. Aber was ist mit diesem General Inspektor, der bald hier im Lager eintreffen soll. Baron von Steuben, ich glaube das war sein Name, ist Preuße, wenn einer die nötigen Änderungen einführen und für Disziplin sorgen kann, dann doch wohl ein Preuße.“ Friedrich legte den Kopf schief. Der preußische König, Friedrich der Große, hatte einst gesagt, dass der einfache Soldat seinen Offizier mehr fürchten sollte, als den Feind. Dies war die Leitregel für Disziplin in der preußischen Armee … und funktionierte doch nur eingeschränkt.„Nun, wie dem auch sei, ich bin mir noch nicht sicher, in wie weit dieser von Steuben für die Rolle geeignet ist, wir werden uns also überraschen lassen müssen und hoffen, dass er die Männer inspirieren kann“, meinte der junge Arzt und griff nach einigen der Papiere, die vor ihm auf dem Tisch verteilt lagen. „Brauchst du meine Hilfe bei diesen hier?“, fragte er an Colombe gerichtet. Der Angesprochene schüttelte den Kopf und beugte sich wieder über seine eigene Arbeit. Friedrich zuckte erleichtert mit den Schultern. Manchmal griff er den beiden Aide-de-camps unter die Arme, wenn es einfach zu viel zu tun gab, doch momentan war er froh, wenn er sich nur auf seine Arbeit zu konzentrieren hatte. Vom Boden angelte er sich eines seiner Fachbücher und begann darin zu lesen. Einer der Offiziere aus La Fayettes Division war ernsthaft erkrankt und Friedrich hatte nicht die geringste Ahnung was ihm fehlen könnte, ganz zu schweigen, wie er ihm helfen könnte. Die nächste Stunde verging wie im Flug und Friedrich ließ sich gerade frustriert gegen die Lehne seines Stuhls fallen, er hatte vier Hypothesen verwerfen müssen und hatte langsam aber sicher keine gescheite Idee mehr, woran der Mann leiden könnte, als die Tür zum Hauptraum geöffnet wurde.Friedrich und Colombe drehten sich gleichzeitig um, um den Eintretenden in Augenschein zu nehmen. Tatsächlich war es niemand anderes als James Monroe, der dort im Türrahmen stand. Kleine weiße Schneeflocken hatten sich in seinem Haar verfangen und bildeten einen Kontrast zu seinen dunklen, braunen Haaren. „Ich bin ja mittlerweile über jede Möglichkeit froh, die Schreibarbeit einmal ruhen lassen zu können, aber das nächste Mal solltest du wirklich einen überzeugenden Vorwand finden, um mich zu sehen“, meinte der junge Virginier und ließ sich auf dem Stuhl neben Friedrich nieder, ganz so als ob dies seine Wohnstube wäre. Der Deutsch-Amerikaner grinste breit von einem Ohr zu anderen. „Ich freue mich, dass du es einrichten konntest, aber das Thema über dass ich mit dir reden möchte, ist nicht wirklich ein Vorwand.“„Du möchtest mir nicht wirklich erzählen, dass du meine Handschrift nicht lesen kannst, Friedrich1!“„Doch …“ kam die Antwort kleinlaut.„Oh ich bitte dich, du nicht auch noch. Meine Handschrift ist gar nicht so schlimm, weißt du. Du vor allem solltest damit keine Probleme haben, immerhin schreiben wir uns auch privat Briefe.“„Lustig, dass du den Punkt so aufbringst. Ist dir schon einmal aufgefallen, dass ich zum Teil sehr lange für einen Antwortbrief brauche und nicht immer auf alle deine Punkte eingehe?“„Sagst mir nicht, das ist, weil du meine Handschrift nicht richtig lesen kannst. Friedrich, das ist erbärmlich“, meinte Monroe, war dabei aber wohl nicht wirklich verärgert, immerhin konnte er ein Lachen kaum zurückhalten. Friedrich verdrehte die Augen. „Du lässt es so klingen, als ob das alles meine Schuld ist, aber dieser Brief hier zum Beispiel – der Marquis, Colombe, Gimat und ich haben gestern bestimmt eine halbe Stunde zusammen gesessen und versucht ihn zu entziffern. Trotzdem sind wir jetzt nicht schlauer als vorher.“„Zeig mal her“, meinte Monroe und nahm Friedrich den vorgezeigten Brief aus der Hand. „Das kann man wunderbar lesen“, urteilte er und lehnte sich dann zurück. „Gut Friedrich, dann nimm dir was zu schreiben und ich lese dir vor, was ich geschrieben habe.“ Der junge Deutsch-Amerikaner versuchte hinterher zu kommen und musste zwischendurch Monroe doch mehrmals dazu anhalten, langsamer zu lesen. Schließlich gelangten die beiden Freunde zum dritten und letzten Brief, der La Fayettes Generalstab so viel Kopfzerbrechen bereitet hatte. „Also ich bin immer noch der Meinung, dass das alles nur ein Vorwand war, um mich zu sehen. Die Briefe konnte man nämlich problemlos lesen“, meinte Monroe dann schließlich und legte das Schriftstück beiseite. Friedrich schüttelte lachend den Kopf, kam aber nicht dazu tatsächlich zu antworten, bevor hinter ihm sich eine dritte Person in ihr Gespräch einmischte.„Verzeih mir die direkten Worte James, aber nein, das konnte man wirklich nicht lesen.“ Sobald Monroe, Friedrich und Colombe den General La Fayette erkannt hatten, sprangen sie nahezu gleichzeitig auf und salutierten. Der Marquis winkte nur ab und ließ sich auf den letzten freien Stuhl an dem Tisch sinken. Die Ellenbogen stützte er auf den Oberschenkeln ab und legte den Kopf in die Hände – seine Haltung machte es mehr als nur offensichtlich, dass er nicht gerade den besten Tag gehabt hatte.„Ich verstehe es einfach nicht, die Briten sind unserer Feinde und dennoch scheinen wir in den letzten Wochen und Monaten uns gegenseitig mehr zu bekämpfen als die feindlichen Truppen“, erzählte La Fayette seufzend, ganz so als wollte er eine Antwort auf die unausgesprochene Frage geben. „Ist es wieder wegen dieser Expedition nach Kanada“, fragte Monroe sanft, sein Südstaatenakzent ließ seine Worte wie Honig klingen. Der junge Franzose zuckte zusammen, fast hätte man annehmen können, er habe die Anwesenheit von Colombe, Monroe und Friedrich schon wieder vergessen. Als Antwort schüttelte er dann nur langsam den Kopf. „Ich nehme dieses Kommando nur äußerst unwillig an. Ich dachte tatsächlich, dass seine Exzellenz darauf bestehen würde, dass ich ‘ier im Lager bleibe, doch von ihm nun gedrängt zu werden, diese Expedition anzuführen, verwirrt mich immer noch – zumal ich mir nicht sicher bin, dass dieses gesamte Unterfangen nicht ganz anderen Personen in die Hände spielt2.“„Wo wir schon einmal von dieser Expedition sprechen, hier ist die Liste, um die ihr gebeten habt“, meinte Friedrich und zog ein eng beschriebenes Papier unter seinen Büchern hervor. Colombe reckte den Kopf, um das Papier ebenfalls in Augenschein nehmen zu können, erkannte es dann aber schnell wieder und verlor das Interesse. La Fayette hingegen las mit der allergrößten Aufmerksamkeit. „Dies sind also Eure Empfehlungen für medizinische Versorgungsgüter für die Expedition, Doktor Deegen, möchte ich wissen, wie viele davon überhaupt verfügbar sind?“„Nun ja, hier im Lager könnte ich Euch wohl die Hälfte der Liste zusammenstellen. Das Lager in York3, von wo ihr aufbrechen werdet ist allerdings nicht so gut ausgestattet …“„Mit anderen Worten, ich muss die britischen Stellungen in Kanada mit Männern einnehmen, die wahrscheinlich schlecht ausgestattet und unterbezahlt sind und die medizinische Versorgung, die wir während dieser Expedition ‘aben werden, ist mangelhaft, da die Vorräte mal wieder zur Neige gegangen sind?“„Das könnte man so sagen, ja“, meinte Friedrich und nickte mechanisch.Er konnte gut verstehen, warum La Fayette nicht begeistert von seinem neuen Kommando war. Der Kontinentalkongress hatte sich in den Kopf gesetzt Teile des vormals unter französischer und nach dem Siebenjährigen Krieg unter britischer Herrschaft stehenden Kanadas einzunehmen. Als ranghöchster General für diese Mission wurde der junge Marquis ausgewählt und auch wenn er immer mehr Verantwortung und Aufgaben haben wollte – ein Drang, den nun seine eigene Division wohl immer noch nicht vollkommen stillen konnte, schien er nicht begeistert zu sein. Genaugenommen hatte er das Angebot des Kongresses schon ausgeschlagen und geplant in Valley Forge zu bleiben, als George Washington ihn dann schließlich doch dazu bewegen konnte, das Angebot anzunehmen. Wirklich glücklich schien der junge Franzose damit aber nicht zu sein. Ganz so als wollte er Friedrichs Beobachtung unterstützen, stand er plötzlich und unvermittelt auf und begann im Raum unruhig auf und ab zu gehen. „Das kann doch einfach alles nicht wahr sein!“, proklamierte er.Monroes Kopf schoss plötzlich in die Höhe. „Habt ihr gehört, dass General Washington den Bann auf Theaterproduktionen aufgehoben hat? Gegen den Willen des Kontinentalkongresses zwar, aber er war der Überzeugung, dass die Moral der Männer etwas Erheiterung gebrauchen könnte. Jetzt wird im Mai4 „Cato“5 aufgeführt - und, es sind noch Rollen zu vergeben6.“ Wie bemüht der Mann doch war, die Stimmung ein wenig zu heben.„Ist die Rolle der Marcia7 noch unbesetzt, ich könnte mir vorstellen, dass unser Herr Doktor wie geschaffen für diese Rolle wäre“, melde sich plötzlich der Marquis von hinter ihnen. Inzwischen hatte er auch aufgehört durch den Raum zu schreiten. „Ich denke ihr würdet positiv charmant in Röcken aussehen.“ Monroe lachte leise vor sich hin, als ob La Fayette einen besonders guten Witz gemacht hätte.Joséphine verdrehte innerlich die Augen, La Fayettes Verhalten zerrte an ihrer Selbstbeherrschung. Ja, er war ihr Vorgesetzter, ja, er hütete ihr Geheimnis, aber nein, das gab ihm ihrer Meinung nach nicht die Berechtigung so mit ihr zu reden, schlimmer noch, so vor anderen mit ihr zu reden. Sie hatte eine Engelsgeduld, das lag an ihrer Erziehung, ihrem Quäkerhintergrund, ihrem Charakter, aber ab einem bestimmten Punkt konnte selbst sie nicht mehr an sich halten. Das letzte Mal hatte sie ihre Beherrschung verloren, als ihr Vater ihr vorgeworfen hatte, James alleine gelassen zu haben. Damals hatte sie dennoch an sich halten müssen, da es immer noch ihr Vater war, mit dem sie gestritten hatte. Ihrem Vater hatte sie Respekt zu zollen. Hier vor dem Marquis war es ähnlich, auch ihm hatte sie als ihrem vorgesetzten Offizier Respekt zu zollen. Dennoch konnte sie nicht umher, sich eine spitze Bemerkung zu erlauben. „Ich verspreche für die Marcia vorzusprechen, wenn Ihr Euch um die Rolle der Lucia8 bewirbt. Kommt schon, Ihr könnt den englischen Karikaturisten nicht auferlegen, immer ihre Fantasie anzustrengen9. Liefert ihnen eine Vorlage - eine richtige dieses Mal“, setzte Friedrich hinzu und seine Mimik verriet nicht seine wahren Gefühle. La Fayettes Mine hingegen schon. Er zog die Stirn kraus, schüttelte kurz und scharf den Kopf und fuhr dann fort. „Ich fürchte, dass weder Sie noch ich die Zeit für solch einen Zeitvertreib ‘aben, Doktor. Ich bin in meinem Büro, diese vermaledeite Expedition weiter ausarbeiten, sollten sich noch Fragen ergeben. James, es tut mir Leid, nicht mehr Zeit zu ‘aben, aber diese Dinge verlangen nun einmal meine ungeteilte Aufmerksamkeit“, verabschiedete sich der Marquis und zog sich zurück. Friedrich stieß frustriert die Luft aus, das lief ja mal wieder klasse.„Ich sollte dann auch langsam zu meiner Arbeit zurückkehren, so sehr ich die Abwechslung auch genossen habe, die Anfragen beantworten sich dadurch leider nicht von selbst“, meinte Monroe, stand auf und griff nach seinem Mantel. Friedrich tat es ihm gleich. „Ich begleite dich, ich muss eh noch eine Runde durch die Krankenhäuser machen und da können wir ein Stück gemeinsam gehen.“Monroe nickte nur einverstanden und Friedrich hätte an dem Blick seines Freundes bereits auf die Unterhaltung schließen können müssen, die ihm im Kopf herumging. Tatsächlich verhielt James sich aber still, bis die Tür hinter ihnen beiden zugefallen war. „Was war das eben gerade?“, fragte der junge Aide-de-camp und zog sich seinen Schal teilweise über das Gesicht, um sich so vor dem starken Wind besser zu schützen. „Was war was?“, fraget Friedrich einfältig (obwohl er sich denken konnte worauf Monroe abzielte) und versuchte dem Wind ebenfalls möglichst wenig bloße Haut zu präsentieren.„Du und der General eben gerade, ihr habt euch komisch verhalten.“„Nicht wirklich, so ist es meistens zwischen uns.“„Das überrascht mich, ich hatte immer gedacht – ist eigentlich auch egal, was ich gedacht habe.“„Aber nicht doch, ich würde gerne hören, was du denkst“, drängte Friedrich und drehte sich im Gehen halb zu Monroe.„Es war nur so, dass ich immer angenommen habe, dass du und der General euch so hervorragend versteht. Alle denken das tatsächlich. Verstehe mich bitte nicht falsch, General Stirling hat ein sehr gutes Verhältnis mit den Mitgliedern seines Stabes und ich würde mich dort auf jeden meiner Kameraden blind verlassen, aber – aber, ich habe stets deine Beziehung zu dem Marquis bewundert. Ich nenne ihn einen Freund genauso wie du, aber besonders ihr beide habt eine bewundernswerte Dynamik miteinander. Euch, ja beinahe schon streitend zu sehen, ist … nun ja, es mag vielleicht kindisch klingen, aber es regt mich zum Nachdenken an“, erklärte Monroe und Friedrich schwieg für einen Moment. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Wie kamen James, und ja anscheinend auch noch andere Soldaten darauf, er und La Fayette hätten so ein besonders gutes Verhältnis? Ihr Verhältnis war besonders in den letzten Tagen so angespannt wie noch nie. Auch die von Monroe entdeckte vermeintliche Freundschaft war nicht wirklich existent.„Ich will dir damit ja auch nicht zu nahe treten, nur wie gesagt, du und der Marquis schienen immer so vertraut zu sein, euch nun streiten zu sehen … egal wie hart die vergangenen Wochen auch waren, ihr beide wart für mich immer das Sinnbild für all die Dinge, die wir erreichen können, wenn wir nur zusammen halten“, meinte Monroe langsam. Je näher sich die beiden dem Mittelpunkt des Lagers näherten, desto mehr Menschen kamen ihnen entgegen. Einige der Soldaten führten Frauen am Arm, welche sich eng an ihre Männer drückten.„Hast du jemanden, der über den Winter ins Lager kommt“, fragte Friedrich und blickte dem vorbeigehenden Paar einen Moment lang sehnsüchtig nach. „Nein, mich besucht niemand … aber dennoch ist unser Hauptquartier voller Frauen. General Stirlings Frau und seine Tochter sind hier und viele Frauen der anderen Generäle und höheren Offiziere.“„Ist nicht Mrs Washington auch hier im Lager?“„Ja, wie auch während der letzten Winterlager bereits. Mich wundert es, dass du als Arzt ihr noch nicht begegnet bist, sie verbringt viel Zeit in den Krankenhäusern und hilft die Verwundeten und Kranken zu pflegen10“, meinte Monroe und rieb die Hände für etwas Wärme gegeneinander. Friedrich legte den Kopf schief, nein, der Frau Washingtons, Martha Washington, war er ziemlich sicher noch nicht begegnet oder er hatte sie schlichtweg nicht erkannt, ein Umstand den er, so peinlich es auch war, nicht von vorneherein ausschließen wollte. Monroe stupste ihn von der Seite an. „Aber wir brauchen doch auch niemanden, wir haben uns beide, unsere Kameraden aus dem Stab, ich habe meine Freunde aus Virginia, die mit mir in die Armee eingetreten sind und du hast die Ärzte, mit denen du gedient hast. Kommt dann erst der Sommer, bringen wir Amerika seine Freiheit.“
1. März 1778
With regard to military discipline, I may safely say that no such thing existed in the Continental Army
Friedrich Wilhelm, Baron von Steuben Friedrich war durchgefroren, müde und heiser und ziemlich sicher, dass er sich mal wieder irgendeine Krankheit aus den Hospitälern eingefangen hatte. Friedrich war so glücklich wie selten zuvor. General La Fayette war am 17. Februar von York nach Albany aufgebrochen, von wo aus die Expedition nach Kanada starten sollte. Aber wahrscheinlich würde es nicht so weit kommen, immerhin ließen die Briefe, die er an Washingtons schrieb den Schluss zu, dass die Vorbereitungen katastrophal liefen11 und dass es sich tatsächlich mehr um ein Manöver handelte, ihn von Washingtons Seite zu entfernen, als um einen wirklich durchdachten Plan die Briten zu schwächen. Der junge Franzose hatte das Lager jedoch nicht verlassen, ohne nicht vorher noch eine kleine „Überraschung“ für Friedrich zu arrangieren. Anscheinend hatte er General Washington und dessen Stab mitgeteilt, dass Doktor Deegen mehr als nur erfreut wäre, als Übersetzer für den neuen preußischen General Inspektor zu fungieren, sollte dafür je der Bedarf bestehen. Der Baron von Steuben (Friedrich war sich, besonders nach einem Gespräch mit Van Linkensdorf, sehr sicher, dass der Baron nicht wirklich ein Baron war12), war am 23. Februar in Valley Forge angekommen. Wie viele der europäischen Offiziere, sprach er so gut wie kein Wort Englisch, nur Deutsch und Französisch, letzteres dafür aber Form vollendet.An seiner Seite mit nach Valley Forge gekommen, war ein junger Franzose. Sein Name war Pierre-Étienne du Ponceau13, von Steubens persönlicher Sekretär. Ein schmächtiger Mann – Junge, von gerade einmal 17 Jahren. Ponceau sprach Französisch und Deutsch und war bemüht Englisch zu lernen. Er hatte ein Talent für Sprachen und eine noch größere Leidenschaft für selbige, doch auch er brauchte Zeit um eine komplett neue Sprache zu lernen. Dementsprechend verfasste von Steuben seine Befehle und Instruktionen meistens auf Deutsch, Ponceau übersetzte sie ins Französische und aus dem Französischen wurden sie dann ins Englische von den französischsprechenden Aide-de-camps Washingtons … kurz gesagt es war ein langwieriger und mühsamer Prozess der durch die bloße Vielzahl an Briefen, Dokumenten und Befehlen, die vom Steuben schrieb, nur noch verstärkt wurde. Zum Teil schrieb er auch gleich in Französisch, was den Aufwand zwar etwas verringerte, aber immer noch umständlich war. Besonders prekär wurde die Lage immer dann, wenn Ponceau krank war und nicht als Bindeglied fungieren konnte – und verdammt, war Ponceau oft krank. Der junge Mann schien freudig jeden Erreger aufzunehmen, der sich auch nur im Umkreis des amerikanischen Lagers befand. Wirklich, wenn Friedrich eine private Praxis betrieben hätte, alleine durch seine Besuche bei Ponceau könnte er seinen Lebensunterhalt erwirtschaften. So entstand auch der bereits erwähnte Bedarf an einem Übersetzer, denn auch von Steuben und Washington war aufgefallen, wie ungemein praktisch es doch war, Friedrich übersetzten zu lassen und sich damit den Schritt über das Französische zu sparen. Nicht, dass der junge Deutsch-Amerikaner nicht schon genügend zu tun hatte – er wusste vor Arbeit nicht mehr wo ihm der Kopf stand, auch ohne diesen Mehraufwand.Erst heute hatte er sich neben seinen eigenen Patienten noch um die Angelegenheiten des Barons gekümmert. Das bedeutete, dass er mit ihm den Übungen seines Musterregimentes14 beigewohnt und die Befehle des Preußen für die Männer übersetzt – und etwas abgemildert hatte. Von Steuben konnte recht direkt sein, ein Umstand der Friedrich nicht wirklich kümmerte, da er die Direktheit gewohnt war, es war ein typisch deutsches Verhalten. Doch viele der amerikanischen Soldaten, besonders weil solch lebensfeindlichen Umständen wie in Valley Forge ausgesetzt, waren weniger verständnisvoll. Was die anderen Generäle anging, nun Friedrich war froh, dass er bisher nur zwischen von Steuben und anderen Generälen übersetzten musste, die in Briefform kommuniziert hatten. Sollte er sich einmal in solch einer Situation befinden, dass die betreffenden Parteien sich von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen würden, er wäre sich nicht sicher, wie er sich zu verhalten hätte.Anschließend hatte er dann mit Ponceau eine halbe Stunde über angebrachte Behandlungsschritte diskutiert. (Friedrich wusste nicht, warum er sich eigentlich immer wieder auf solche Diskussionen einließ, nötig hatte er sie nicht. Als Arzt stand seine medizinische Autorität im Ernstfall über jeder anderen Autorität, sogar über der Washingtons. Doch solche Diskussionen führte er dennoch häufig genug – meistens mit Van Linkensdorf. Der junge Franzose war mal wieder an das Bett gefesselt, dieses Mal wegen eines üblen Hustens. Friedrich hatte die Erkrankung diesmal für eher störend als bedrohlich befunden, aber das war auch, bevor er entdeckt hatte, dass Ponceau beharrlich sein Fieber vor ihm versteckt gehalten hatte. Das Fieber veränderte die ganze Sache und der junge Arzt sah Ponceau schon halb von einer Lungenentzündung geplagt, weshalb er auf eine spezielle und äußerst üble Medizin beharrt hatte. Ponceau hatte widersprochen und so hatten sie wie gesagt beinahe eine halbe Stunde diskutiert bevor der Jüngere schließlich nachgegeben und die Medizin geschluckt hatte.Tatsächlich war der Arztbesuch bei Ponceau für diesen Tag Friedrichs letzte Pflicht, nicht das er es beschreien wollte, andernfalls würde sich bestimmt noch irgendwo spontan eine Aufgabe auftun, aber damit hatte er den Abend frei und verbrachte ihn mit seiner neuen Lieblingsbeschäftigung. Baron von Steuben hatte, wie alle Generäle, einen Aide-de-Camp zugeteilt bekommen. Benjamin Walker15 war ein fröhlicher junger Mann und Friedrich mochte ihn sehr gerne. Von Steuben hatte ihm Schach spielen beigebracht und nun gab er dieses Wissen an den jungen Arzt weiter16. Die Regeln an sich waren schnell erklärt, aber die wirkliche Übung kam erst Partie um Partie, die Friedrich und Walker zusammen spielten. Mittlerweile waren sie bei der dritten an diesem Abend.„Du musst mehr auf deinen König aufpassen, es gibt einen Grund warum das Spiel beendet ist, wenn der König geschlagen wurde“, meinte Walker und zog seinen Turm auf eine gefährdende Position.„Hier ist der Grund, warum die Königin die stärkste Schachfigur ist“, konterte Friedrich kühl und schlug den Turm mit der eben genannten Schachfigur.„Und hier der Grund warum man manchmal Bauern opfern muss, um den König zu schützen“, meinte Walker und machte einen Zug gegen Friedrichs König. „Schach Matt.“Friedrich ließ sich frustriert auf dem niedrigen Polstermöbel, auf dem er saß, zurückfallen. „Ich verliere immer“, beklagte er sich. Walker erhob sich ihm gegenüber von seinem Stuhl und kam auf ihn zu. „Ich kenne das Gefühl, glaube mir, ich habe den Baron noch nie besiegt und dabei denke ich mir immer, dass seine Züge doch sehr vorhersehbar sind“, meinte der Aide-de-Camp, legte sich auf das Sofa, den Kopf auf Friedrichs Schoß und zog die Beine an.„Weck mich nicht, ja? Auch wenn die Briten angreifen oder die Hölle zufriert, ich möchte einfach nur noch schlafen“, gähnte Walker und wackelte mit dem Kopf. Friedrich war jedes Mal wieder überrascht von der Vertrautheit, die der junge Mann ihm entgegen brachte und wie schnell er dies auch getan hatte. Noch mehr überraschte ihn jedoch, wie leicht es ihm selber fiel, diese Nähe zu akzeptieren. Joséphine sehnte sich nach der Nähe anderer Menschen – immerhin war sie mit neun Geschwistern aufgewachsen, sie kannte es praktisch nicht anders, als anderen Menschen nahe zu sein. Doch in den vergangenen Jahren löste eben diese Nähe Furcht in ihr aus.Louis wäre sie gerne Nahe gewesen, hatte in den Winternächten seine Nähe jedoch gescheut, es war nicht schicklich als verheiratete Frau neben einem fremden Mann zu schlafen. Zwei Körper so dicht beieinander, die nicht den Segen der Kirche hatten, um so dicht beisammen zu sein. Scot hatte ihr nach langen Tagen und Nächten und Tagen, an denen es keinen Unterschied zur Nacht gab, über den Rücken gestrichen, hatte sie in den Arm genommen. Keine dieser Umarmungen, so dringend sie sie doch benötigt hatte, waren willkommen gewesen. Was war, wenn er etwas gemerkt hätte? Oh wie gerne wäre sie doch Monroe nahe gewesen, hätte seine Hände auf ihrer Haut gespürt, wie die Wärme seines Körpers auf ihren Körper überging. Wie gerne hätte sie gehabt, dass dieser eine James ihr dort Liebe zeigte, wo der andere nur Gewalt gekannt hatte. Oft war Joséphine in Gedanken versunken die Schrift in seinen Briefen nachgefahren und hatte sich dann den Finger an die Lippen gelegt. Die Tintenflecke die zurück blieben, waren fast wie ein Kuss, waren Ausdruck einer kindlichen und dummen und über alle Maßen zum Scheitern verurteilten Sehnsucht. Trotz dieser Sehnsucht war es Joséphine, die die Distanz hielt, denn sie wusste, dass wenn sie Monroe zu nahe käme, sie sich irgendwann nicht mehr zurückhalten können würde. Und ihre Zurückhaltung war momentan praktisch das Einzige, das sie am Leben hielt.Warum es mit Walker anders war, das konnte Joséphine nicht beantworten. Natürlich sah sie den Umgang des Barons mit Walker und bekam mit, was man sich hinter vorgehaltener Hand erzählte17. Vielleicht fühlte sie sich dadurch ermutigt, Vertrauen zu fassen, aber was es letztendlich auch war, hier im Hauptquartier von Steubens zu sitzen, fühlte sich wie Heimat an, wie Familie, wie die Heimkehr nach einer langen Reise, wie ein Lächeln, eine Meeresbriese an einem heißen Tag, es fühlte sich geborgen an und sicher, vertraut, nicht korrumpierbar.Friedrich wurde abrupt aus seinen Gedanken gerissen, als General Inspektor von Steuben höchstpersönlich mit langen Schritten den Raum betrat, in seinen Händen drei Schüsseln mit dampfender Suppe (wobei Suppe bei der derzeitigen Verpflegungslage ein relativer und zu definierender Begriff war) balancierte, welche er mit einem Scheppern auf dem hölzernen Tisch abstellte. „Wecken sie Walker und dann kommen sie beide essen“, ordnete er an und es klang nicht minder wie ein Befehl. Friedrich musste jedes Mal etwas grinsen, wenn von Steuben sprach. Zum einen gab er teilweise wirkliche Stilblüten zum Besten, zum anderen faszinierte ihn sein Akzent. Der junge Arzt selber sprach relativ Akzent frei, da er ja nicht in Preußen aufgewachsen war, die Sprache also praktisch aus zweiter Hand gelernt hatte und sich all die Einflüsse seiner Mutter mit denen seines Vaters und seiner restlichen, englisch und deutschsprachigen Umgebung vermischt und aufgehoben hatten. Von Steubens donnernder Bariton klang hingegen durch und durch preußisch.„Benjamin hat gesagt ich soll ihn nicht wecken, auch wenn, und ich zitiere hier ‚die Hölle zufriert‘.“„Gut, dann lassen Sie es eben ,da hat er selber Schuld. Aber sie kommen und essen etwas. Sie sind eh schon zu dürr, eine Armee braucht kräftige Männer und nicht solche Hungerhaken wie Sie.“Friedrich befreite sich von Walker, der tatsächlich trotz der Bewegung nicht aufwachte, und ging zum Tisch herüber. Von Steuben mochte hart und ruppig erscheinen, doch um die Soldaten, die ihm anvertraut waren, sorgte er sich nicht weniger als eine Mutter um ihre Kinder. In ihm hatten die einfachen Gefreiten einen lautstarken und unermüdlichen Fürsprecher gefunden.Was dann, später an diesem Abend, geschah, machte den Tag würdig, von der Geschichtsschreibung erinnert zu werden.Als Friedrich an diesem Abend das Hauptquartier des General Inspektors verließ, bemerkte er auf dem Weg zu dem Haus von Steubens einen jungen Mann, der mit mehr oder weniger viel Erfolg versuchte, von Steubens italienischen Grauhund, Azor, zurückzuhalten. Er konnte ja nicht wissen, dass das Tier ungefähr genauso viel Englisch verstanden wie sein Besitzer. Friedrich nahm sich ein Herz und rief den Hund auf Deutsch zur Ordnung. Der Fremde blickte auf, während der Vierbeiner in Richtung des Arztes lief. „Hey, hey. Bei Fuß! Rein mit dir Azor, sofort!”, kommandierte Friedrich und der Hund blickte ihn kurz mit wedelndem Schwanz an, nur um dann dem Befehl zu folgen.„Ich danke für Ihre Hilfe Doktor Deegen, wer hätte gedacht, dass Hunde genauso eine Sprache haben wie wir Menschen“, meinte der fremde Mann und Friedrich stutze. „Kennen wir uns, Sir?“„Ich kenne Sie. Sie sind der Stabsarzt des Marquis. Mein Name ist Henry Robinson, Colonel im vierten Virginia Regiment unter General La Fayette. Erfreut offiziell Ihre Bekanntschaft zu machen.“Joséphine schüttelte die dargebotene Hand. Oh, wie würde sie diese Begegnung in der Zukunft noch bereuen.
Mai 1778
„The essential and direct End of the present defensive alliance is to maintain effectually the liberty, Sovereignty, and independance absolute and unlimited of the said united States, as well in Matters of Gouvernement as of commerce.”
Artikel II des “Treaty of Alliance” zwischen den Vereinigten Staaten und Frankreich In den nächsten Monaten ging das Leben in Valley Forge weiter seinen Gang. Die Ressourcenknappheit war allzeit präsent und der Unmut der Männer kochte beinahe bis zu einer ausgemachten Meuterei hoch. La Fayette kehrte Anfang April nach Pennsylvania zurück, ermüdet von einer Expedition, die gescheitert war noch bevor sie begonnen hatte. Tatsächlich waren die Truppen so schlecht ausgestattet und die Planung so unzureichend, dass man nie in Richtung der kanadischen Grenze aufgebrochen war. Der Marquis war nun mehr denn je davon überzeugt, dass das gesamte Unterfangen nicht mehr als ein Vorwand war, eine Anschuldigung mit der er nicht hinter den Berg hielt. Obwohl man die Armee im Vorjahr großflächig gegen die Pocken geimpft hatte, brachen diese in diesem Jahr erneut aus. Schnell stellte sich heraus, dass man doch tatsächlich drei bis viertausend Soldaten damals zu impfen vergessen hatte, dazu kamen die Soldaten die sich neu verpflichtet hatten. Friedrich, der damals ja noch im medizinischen Department gewesen und an der Planung der Impfungen beteiligt war, gab sich teilweise die Schuld an diesem absoluten Debakel und war umso emsiger dabei, die Impfung nun erneut durchzuführen.Doch es gab auch positive Dinge zu berichten. Die großangelegte Umstrukturierung brachte Ordnung in die Armee und sorgte für etwas mehr Einheitlichkeit. Von Steubens Training zeigte ebenfalls Wirkung, die Soldaten lernten Taktik und Formationen, lernten in Reihen zu Schießen und im Gleichschritt zu marschieren18. Sehr zu Friedrich Freude, und denen jedes anderen Arztes, schaffte er es ebenfalls eine gewisse Disziplin durchzusetzen, eine Disziplin die miteinbegriff, dass Latrinen beispielsweise am Fuße eines Hangs und nicht mehr am Hang direkt angelegt wurden und dass sie möglichst tief und weit entfernt von den Kochstellen gelegen waren.Auch die Einwohner Philadelphias konnten etwas zu ihrer Ehrenrettung beitragen, als eines Morgens eine kleine Gruppe mit zehn schlachtreifen Rindern und nicht weniger als 2.000 Hemden in das Lager kamen. Die Hemden waren alle von Frauen in Philadelphia, heimlich unter den Augen der britischen Besetzer genäht worden19. Die Fortschritte, die aufkeimende Hoffnung, waren überall zu spüren, manchmal mehr, manchmal weniger, aber da war etwas in der Luft. Die beste Nachricht teile Washington seinem Stab und einigen anderen ausgewählten Soldaten persönlich mit. Frankreich hatte die Vereinigten Staaten von Amerika in einem Allianzvertrag20 offiziell als unabhängig und souverän anerkannt und war bereit nun aus dem Schatten zu treten, um die Kriegsbemühungen der Amerikaner offen zu unterstützen. Frankreich würde England den Krieg erklären und zumindest laut Vertrag nicht eher ruhen, bevor Nordamerika von der britischen Herrschaft befreit war. Washington hatte die Neuigkeit bekannt gemacht, sobald er Wort von den amerikanischen Botschaftern in Frankreich erhalten hatte und dementsprechend galt es noch Stillschweigen gegenüber der restlichen Armee zu wahren, bis die französische Regierung das Abkommen offiziell gemacht hätte. Dennoch war die Freude der Personen, die bereits jetzt eingeweiht wurden, beinahe grenzenlos. Frankreichs Hilfe, seine offene und uneingeschränkte Hilfe konnte unheimlich viel bewirken und verändern. Frankeich hatte eine Navy, damit fing es an, dazu kamen Jahre über Jahre an Erfahrung im Krieg gegen England.Auch wenn es ihm strikt verboten war, zog Friedrich noch am selben Abend Scot mit ins Vertrauen. Der ältere Arzt hätte eigentlich noch nichts davon wissen dürfen, aber Friedrich konnte nicht an sich halten. Am selben Abend erhielt La Fayette unbemerkt vom Großteil seines Stabes einen Brief aus der Heimat, einen Brief von seiner Frau.Die Freude über das Bündnis mit Frankreich trübte sich jedoch bald. Zum einen hatte der französische König die Allianz noch nicht öffentlich bekannt gegeben und zum andren würde es auch noch einmal einige Monate dauern, bis die Soldaten und die Versorgungsgüter aus Frankreich in Amerika eintreffen würden. Wer die Freude besonders schnell zu verloren haben schien, war tatsächlich der Marquis de La Fayette selber. Er sei einfach ein Realist und wisse, dass die Arbeit noch lange nicht getan sei, meinten einige ob seines plötzlichen Stimmungswandels. Er hätte nun endlich einmal einen Moment, um zur Ruhe zu kommen und die Erschöpfung würde ihn nun einholen, immerhin hatte er auch seinen Anteil zu diesem Bündnis beigetragen, indem er in Briefen in die Heimat immer wieder für die amerikanische Sache geworben hatte, sagte ein anderer. Joséphine konnte bei alledem immer nur den Kopf schütteln? Merkten die Männer um sie herum es wirklich nicht, oder wollten sie es nicht merken? Es war so schmerzhaft offensichtlich, was mit dem jungen General los war. Die Art wie er mit gekrümmten Schultern am Tisch über seinen Papieren saß, wie er jedes Mal zusammenzuckte wenn eine Tür zuschlug oder ein Fenster knarrte. La Fayette hatte sich in der letzten Woche immer weiter zurückgezogen, selbst Washingtons Gesellschaft schlug er zuweilen aus. Joséphine wusste, dass es sie nichts anging, dass es nicht an ihr war, sich in die Situation einzumischen, aber als La Fayette wie bereits erwähnt sogar begann Washingtons Gesellschaft zu meiden begann, die beiden aßen zuweilen zusammen oder verbrachten Abende und manchmal auch halbe Nächte im Gespräch miteinander, da wusste sie, dass jemand handeln musste. Sicherlich gab es geeignetere Personen als sie, um zu handeln, aber keine dieser geeigneteren Personen schien die Notwendigkeit zu handeln so sehr erkannt zu haben wie sie.Eines Abends daher, als La Fayette sich einmal wieder früher als üblich in seine Kammer zurück gezogen hatte, folgte Joséphine ihm und klopfte vorsichtig gegen die Tür. Von Innen erklang eine gedämpfte Stimme. „Ich wünsche nicht gestört zu werden.“ Trotz des harten Tonfalls und der mehr als offensichtlichen Abweisung, öffnete Joséphine die Tür und trat ein. Ihr Herz klopfte aufgeregt in ihrer Brust, sie wusste nicht, ob sie die richtige Person dafür war, ob ihr Handeln richtig war, aber sie wusste auch, dass sie nicht einfach tatenlos zusehen konnte. La Fayette stand bei ihrem Eintreten mit dem Rücken zur Tür am Fenster und beobachtete das Schneegestöber. Seine Silhouette wirkte schmal und verwundbar, seine Haltung war gebeugt. „‘abe ich mich nicht klar ausgedrückt? Ich sagte, ich möchte nicht gestört werden“, wiederholte der junge Franzose, die Wut in seiner Stimme war kaum unterdrückt und brodelte direkt unter der Oberfläche. Joséphine zog unbewusst den Kopf ein, antwortete aber dennoch.„Ich werde Euch nicht lange behelligen, Marquis. Ich bin einzig hier, um Euch mein tiefes Beileid auszudrücken. Ich weiß nicht, wen ihr verloren habt, aber man sieht Euch den Schmerz an. Meine Worte mögen vielleicht wie eine leere Farce für Euch klingen, aber ich werde Euch in meine Gebete miteinschließen.“ Die junge Frau hatte sich gerade wieder zum Gehen gewandt, nicht nur die Unsicherheit trieb sie zur Eile, als der Marquis sich zu ihr umdrehte. Obwohl seine Lippen zu einer dünnen Linie zusammen gepresst waren, zittern sie deutlich und in seinen Augen schimmerten Tränen. „Woher wisst ihr?“„Wie bereits gesagt, General, man sieht Euch den Schmerz an. Ihr könnt vielleicht die anderen Männer täuschen, aber wir Frauen sind zugut mit Schmerzen und Leid vertraut, als dass sie uns entgehen könnten.“La Fayettes Brauen zogen sich zusammen und als er dann die Augen zukniff, konnte er nicht mehr verhindern, dass ihm ein paar Tränen die Wange hinunter liefen. „Meine Tochter ist gestorben, meine Älteste21“, brachte er schließlich heiser hervor. Er wusste nicht, warum er dieser Frau das alles erzählte. Es ging sie nichts an, aber irgendwie hatte er das Gefühl, dass er ihr Dinge erzählen konnte, die er sonst niemanden erzählen konnte. Er behielt ihr Geheimnis, da durfte auch er Schwäche zeigen. Überhaupt, sie war eine Frau, die einzige in Amerika, zu der er solch eine Beziehung hatte. Urplötzlich hatte er das vollkommen unerklärliche Gefühl dieser Frau sein Herz anzuvertrauen zu wollen.Joséphine hatte den Türknauf schon in der Hand gehabt, als La Fayette zu sprechen begonnen und sie sich erstaunt wieder zu ihm gedreht hatte. Zögerlich war er einen Schritt auf sie zukommen und im Schein des Kaminfeuers glänzte die Spur, die die Träne auf seiner Wange hinterlassen hatte. „Meine Tochter ist gestorben und ich war nicht bei ihr. Ich hätte bei ihr sein müssen, sie beschützen müssen“, meinte der junge Mann und presste sich die Handballen gegen die Augen, um so die Tränen zu zurückzuhalten. Joséphine sah ihn einen langen Moment mit nachdenklich geneigtem Kopf an, bevor sie sprach. „Ich weiß nicht woran Eure Tochter gestorben ist, aber ich bezweifle, dass Ihr sie hättet beschützen können. Ihr hättet für Sie da sein können, das ist allerdings wahr.“La Fayette sah sie einen Moment verwundet an und fuhr sich dann mit den Händen über das Gesicht, sodass nur noch der untere Teil von seinen Fingern bedeckt wurde.„Ihr habt gerade euer Kind verloren, Marquis, da braucht Ihr keine falsche Freundlichkeit von mir. Zudem bezweifle ich, dass es Euch helfen würde, wenn ich steif und fest behaupten würde, dass es nicht schlimm ist, dass Ihr nicht bei ihr ward. Fest steht, dass Ihr für den Rest eurer Tage damit leben müsst.“ Ob ihrer Worte wurde der junge Mann noch einmal bleicher – bleicher noch als es eigentlich möglich sein sollte. „Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie ich Henriette das erste Mal auf dem Arm gehalten habe. Sie war so klein, so zerbrechlich und als sie mich dann angesehen ‘at, mit ihren großen Kinderaugen … sie ‘at mir vertraut, Mademosielle, sie ‘at mir so bedingungslos vertraut, dass ich sie beschützen würde. Sie ‘at mich angesehen und darauf vertraut, dass ich sie vor all dem Unheil dieser Welt beschützen würde. Ich ‘abe sie enttäuscht. Was ist, wenn sie bemerkt hat, dass ich nicht bei ihr war. Was ist, wenn sie in ihren letzten Stunden gelitten ‘at und sich ihren Vater an ihrer Seite gewünscht ‘at? Wenn erwachsene Männer schon Angst vor dem Tod haben, welche Angst muss sie dann erst gehabt ‘aben, sie, das Kind deren Leben noch gar nicht richtig begonnen ‘atte, sie die nicht einmal weiß, was Sterben ist – und ich? Ich war nicht da. Ich ‘abe meine Tochter verloren und konnte mich nicht einmal richtig verabschieden. Mademosielle, wissen Sie, dass ich noch zu Beginn des Winterlagers mit dem Gedanken gespielt ‘abe, bis zur Wiederaufnahme der Kämpfe nach Hause zurückzukehren?22 ‘ätte ich mich doch bloß dazu durchgerungen, dann ‘ätte ich meine Tochter vielleicht noch einmal im Arm ‘alten können, ich-“„Das habt Ihr aber nicht. Ihr seid hier in Amerika geblieben“, unterbrach ihn Joséphine ruhig. La Fayettes Stimme war zum Ende hin immer substanzloser geworden, immer dünner und seine Worte waren immer schneller gekommen. Er hatte zwischendurch ins Französische gewechselt und Joséphine bezweifelte, dass ihm dies überhaupt aufgefallen war. „Oh Mademosielle, Ihr seid wirklich eine ‘erzlose Kreatur. Ich sollte bei Eurem Verhalten nicht verwundert sein, aber ich ‘abe Euch bisher die Ehre zugestanden, dass der Tod eines Kindes auch Euch noch berühren könnte“, schnappte La Fayette plötzlich. Die Trauer und die Verzweiflung hatten sich in Wut gewandelt. Die junge Frau war nicht wütend, nein, ganz im Gegenteil, sie hatte Mitleid mit dem jungen Mann vor ihr. Sie kannte seinen Schmerz, konnte nachvollziehen, wie er sich fühlen musste. Auch sie war damals wütend gewesen. Ihre Wut hatte zwar schnell Resignation Platz gemacht, besonders unter James kritischem Blick, der es nicht ziemlich für eine Frau hielt, wütend zu sein – ganz besonders nicht für seine Frau, aber ihr Bruder, Friedrich, war wütend gewesen. Auch auf sie, das verstand sie in Retroperspektive. Sein Tod, der Tod des kleinen Maximlien und der Tod ihrer Mère zerrten noch immer an ihr. Mehr als einmal nach ihrem Eintritt in die Armee war sie des Nachts hochgeschreckt, geweckt von den schmerzverzerrten Schreien ihrer Mutter im Traume oder von dem imaginären Druck Friedrichs Händen auf ihrer Haut. Noch heute kribbelte die Haut an ihren Handgelenken seltsam, wenn sie sich daran zurück erinnerte, wie er sie damals gepackt hatte. Mehr als einmal hatte sie des Nachts wachgelegen, unfähig zu schlafen, und hatte sich gefragt, ob sie damals nicht vielleicht doch von James schwanger gewesen war. Sie war sich doch immerhin so sicher gewesen. War nicht auch ihre Blutung damals wesentlich stärker gewesen, als sonst?Doch wenn sie ehrlich war, spielten all diese Dinge momentan keine Rolle. Ihre Trauer fand Zeit und Raum in anderen Situationen, momentan war es an dem Marquis zu trauern. „Ich bin nicht herzlos Marquis, glaubt mir, ich habe selber Menschen verloren, die mir lieb und teuer waren, ich würde daher Euren Schmerz niemals unterschätzen, aber versteht, dass Ihr die Dinge nicht mehr ändern könnt. Wenn Ihr euch weiterhin fragen werdet, was hätte sein können, dann werdet Ihr nie damit lernen zu leben, weil es dann immer noch eine Möglichkeit geben wird, die Dinge richtig zu stellen. Unsere Vergangenheit aber ist in Stein gemeißelt, dort können wir nichts mehr richtig stellen. Aber dennoch habt Ihr Eure Tochter nicht verloren.“Der junge General wollte antworten, da kam Joséphine zuvor und schnitt ihm das Wort ab. „Jeder der Euch von Eurer Tochter sprechen hört, versteht, wie sehr Ihr sie geliebt habt. Wenn man einen Menschen wirklich liebt, dann verliert man ihn auch im Tode nicht. Der Tod ist dann nur eine Art „Auf Wiedersehen“ und man behält die Person immer in seinem Herzen. Außerdem ist Eure Tochter nun bei Gott, Marquis, sie ist immer nur ein Gebet von Euch entfernt.“La Fayette lachte trocken, die Wut war bis zu einem bestimmten Grad aus seiner Stimme gewichen. „Das sind wirklich schöne Worte, Mademosielle, aber ich fürchte mehr als das ist es auch nicht – schöne Worte. Ich teile Euer Vertrauen auf Gott und Eure religiösen Überzeugungen nicht. Jedes Gebet würde sich für mich wie wenig mehr als leere Worte anfühlen23.“„Dann wendet Eure Worte eben nicht an Gott, redet mit Eurer Tochter.“„Bitte?“Statt direkt zu antworten, ließ Joséphine sich auf die Knie nieder und wies La Fayette mit einer Gestik an, es ihr gleich zu tun. Der Marquis kam der Aufforderung mehr als zögerlich nach, seien Augen waren rot gerändert und sein Gesicht ein einziger Ausdruck an Erschöpfung, doch schließlich kniete er sich ihr gegenüber auf den Holzboden. Joséphine faltetet die Hände zum Gebet und schloss die Augen senkte den Kopf. „Mère, ich muss in den letzten Tagen, wo es nun so kalt ist, sehr häufig an dich denken. Weiß du noch, wie du mit uns Kindern im Winter immer zum Devil‘s Pool gegangen bist und wir Schlittschuhlaufen waren. Nicht dass ich nun genügend Zeit für solche Spielereien habe, es erinnert mich trotzdem an dich. Ich habe Johanna wiedergetroffen, weißt du? Sie will heiraten, kannst du dir das vorstellen? Ich kenne den Bräutigam, er wird ihr ein guter Ehemann sein, aber dennoch geht mir der Gedanke nicht aus dem Kopf. Ich fühle mich wahnsinnig alt bei dem Gedanken, dass Johanna nun schon heiraten will. Der Winter ist hart, weißt du? Es ist kalt und so viele der Soldaten sind krank. Gerade jetzt vermisse ich dich, aber ich weiß, dass du nicht wolltest, dass meine Trauer um dich mich zurückhält. Ich kann dich jetzt gerade lächeln sehen, weißt du das? Nimm Friedrich für mich in den Arm, ja?“ Als Joséphine aufgehört hatte zu sprechen, bemerkte sie erst, wie sehr sie zitterte. Diese Gespräche mit ihrer Mutter oder ihrem Bruder waren sehr intim und es fiel ihr schwer vor La Fayette dieses Gespräch zu führen.Sie wollte La Fayette etwas Privatsphäre geben, Joséphine war sich sicher, dass er sie nicht neben sich sitzen haben wollte, doch gerade als sie sich erheben wollte, spürte sie wie der junge Franzose sie am Ärmel packte und wieder hinunter zog. Er sagte kein Wort, aber sie verstand ihn dennoch. So blieb sie also neben ihm knien, als er zu sprechen begann. Joséphine achtete nicht auf seine Worte, das kam ihr falsch vor. Stattdessen konzentrierte sie sich auf die Stimmen, die aus dem Vorraum an die beiden herandrangen, konzentrierte sich auf das Knarren der Dielen der Zwischendecke und auf das Wiehern der Pferde auf dem Platz vor dem Haus. Der Klang seiner Stimme aber blieb ihr in Erinnerung. Wie seine Stimme zuerst leise und schwach war, wie er nicht recht wusste, was zu sagen war, doch wie er dann mit jedem Wort sicherer wurde. Joséphine konnte nicht sagen, wie lange sie dort nebeneinander gesessen hatten, aber als der General schließlich verstummte, da wusste sie, dass es genau lange genug gewesen war. Vorsichtig erhob sie sich, ihre Knie begannen vom langen Hocken auf dem harten Boden weh zu tun, und La Fayette hielt sie dieses Mal nicht zurück. Er blieb dort am Boden, den Kopf gesenkt und die Augen immer noch geschlossen. Die junge Frau wandte sich zur Tür, ein kleines Lächeln auf den Lippen. Sie hatte das Richtige getan.„Warum?“, fragte plötzlich La Fayette hinter ihr.„Ich fürchte ich verstehe nicht, Sir“, entgegnete Joséphine und drehte sich wieder in den Raum hinein. Der Marquis hatte sich noch nicht erhoben, hatte den Kopf noch immer gesenkt. „Ihr seid freundlich, Mademosielle, eine Freundlichkeit, die ich fürchte nicht gänzlich verdient zu ‘aben. Ihr bietet nicht nur Eure ‘ilfe an, Ihr seid auch dann noch beharrlich, wenn ich Sie ablehne. Nicht nur ‘eute, auch in den letzten Wochen in denen Ihr Euch um mein Bein gekümmert ‘abt. Überhaupt ist es mir immer noch nicht begreiflich, dass Ihr mir damals nach Brandywine geholfen ‘abt. Ihr konntet Euch nicht sicher sein, dass ich Euch nicht melden würde und dennoch ‘abt Ihr Euch über Doktor Tat-tat …äh.“„Doktor Tattnell.“„Doktor Tattnell, richtig. Dennoch ‘abt Ihr Euch über Doktor Tattnell hinweg gesetzt. Warum? Ihr ‘attet nichts zu gewinnen, aber alles zu verlieren? Unter Doktor Tattnells Behandlung wäre ich wohl gestorben, ein Umstand der Euch zum Vorteil gekommen wäre.“Joséphine lächelte. Es war ein mildes, nachsichtiges Lächeln, so milde tatsächlich, dass es beinahe schon selbstgefällig wirkte. „Habt Ihr James Monroe je diese Frage gestellt Sir?“„Welche Frage?“„Warum er die ganze Nacht nicht von Eurer Seite gewichen ist, warum er Euch geholfen hat.“„Nein, natürlich nicht, warum sollte ich auch?“„Das ist genau die Frage General. Warum solltet Ihr? Warum hättet Ihr sie einer der Krankenschwestern stellen sollen und warum solltet Ihr mir diese Frage stellen? Ihr geht davon aus, dass nur weil ich ein Geheimnis mit mir trage, jede meiner Handlungen einen höheren Beweggrund hat. Haben sie nicht. Diese Verkleidung ist nicht mehr als das – eine Verkleidung. Ich bin darunter noch immer die gleiche Person. Eine Person die zu christlicher Nächstenliebe erzogen worden ist und die als Arzt einen Eid geleistet hat, Menschen zu helfen. Mehr als das haben Monroe und die Krankenschwestern nicht getan, sie wollten einfach nur helfen, weil sie wussten, dass das das Richtige ist. Mehr habe auch ich nicht getan. Weder damals noch heute.“ La Fayette hatte sich im Laufe ihrer Erklärung erhoben und zu ihr umgewandt. Zwischen ihnen lagen nun einige Meter Abstand und dieser Abstand fühlte sich irgendwie seltsam an.„Sagt Ihnen der Name Jeanne d’Arc24 etwas?“, fragte der junge General dann plötzlich und vollkommen unvermittelt.„Aber natürlich, sie ist die Nationalheldin Frankreichs. Mein Vater hatte eine kleine Miniatur von ihr auf dem Kaminsims stehen – eines der wenigen Relikte aus seiner Vergangenheit.“„Einer meiner Vorfahren, Gilbert Motier de La Fayette III25, ‘at unter Jeanne d’Arc gedient, erst während der Belagerung von Orléans und dann bei der Schlacht von Patay … Sie erinnern mich an sie.“Joséphine sah den Marquis nur verwundert an, sie begriff nicht, in welche Richtung dieses Gespräch gehen sollte.„Die Tochter eines französischen Bauern, die in Männerkleidung in den Krieg gezogen ist, um ihre ‘eimat gegen die Engländer zu verteidigen. Ich ‘abe nicht gescherzt, als ich Monsieur Van Linkensdorf damals sagte, dass Akzeptanz eine wichtige Komponente in unserer Beziehung ist. Verstehen Sie, wenn meine Vorfahren eine Frau als General akzeptieren konnten, dann werde ich, fast 400 Jahre später und als ein Mann der Aufklärung wohl lernen köönnen, eine Frau als Ärztin anerkennen zu können.“Joséphine blinzelte unsicher, die Worte des jungen Mannes machten sie sprachlos. „Sir, ich …“„Sagen Sie nichts, Mademosielle, nehmen Sie es einfach schweigend hin, bitte. Die Worte fallen mir so schon schwer genug.“ Joséphine konnte nicht sagen, was genau dieses Gespräch, dieser intime Moment zwischen ihnen beiden verändert hatte, aber es war offensichtlich, dass er etwas verändert hatte. Der Marquis hielt mit seinen Bemerkungen an sich und zeigte ihr gegenüber mehr Rücksicht und Nachsicht als je zuvor. Zuerst war sie geneigt anzunehmen, dass er aus einem schlechten Gewissen, aus einer Art Pflichtgefühl heraus handelte. Doch schnell wurde deutlich, dass La Fayettes Verhalten deutlich über das hinausging, was bloßes Pflichtgefühl voraussetzte. Sein Verhalten verwirrte Joséphine bis über alle Maßen und mit dieser Verwirrung kam Unsicherheit. Sie hatte zuvor gedacht, ihre Beziehung zu La Fayette verstanden zu haben, verstanden zu haben, dass es ein empfindliches Gleichgewicht zwischen ihnen gab, eine gewisse Distanz und eine gewisse Akzeptanz. Sie hatte das absolute Machtgefälle zwischen ihnen verstanden, doch das Verhalten des jungen Marquis passte nicht mehr in die bisher bekannten Parameter. In ihrer Beziehung hatte es nie Initiative gegeben, doch genau die ergriff La Fayette im Moment. Für Joséphine fühlte es sich wie eine Falle an. Sie spielte mit dem Gedanken, einfach direkt zu Fragen – es war ja nicht so, als ob sie und der Marquis nicht schon wesentlich unangenehmere Unterhaltungen geführt hatten, aber jedes Mal wenn sie nach den passenden Worten suchte, kam nichts. Was wollte sie denn eigentlich genau fragen und sollte sie nicht dankbar sein, anstelle die Situation zu hinterfragen? Es brauchte schon die außergewöhnlichen Ereignisse, des neunten Mai 177826 bevor Joséphine das Gespräch suchte.Der neunte Mai war ein kalter Tag, der Atem der versammelten Soldaten kondensierte in der Luft. Die einfachen Soldaten standen alle in Formation auf dem Platz vor dem Hauptquartier. Sie hatten Amerika bereits ihre Treue geschworen. Die Offiziere standen in einer Reihe nebeneinander – sie würden heute ihre Treue beschwören. Der Kongress hatte Vordrucke anfertigen lassen, in die die Soldaten nur noch ihren Namen, ihren Rang und das Wort „schwören“ oder „bestätigen“ eintragen mussten. Letzteres war dem Umstand geschuldet, dass genügend der Soldaten aus religiösen oder anderen Gründen keine Treue schwören konnten, nur bestätigen. Das Papier wurde dann von ihrem General als Zeuge ebenfalls unterzeichnet. Es war Nachmittag und die Wintersonne begann schon unterzugehen, bis Friedrich an die Reihe kam. Mit seinem ausgefüllten Schreiben in der Hand trat er vor und verkündete mit lauter und fester Stimme für alle zu hören „Ich, Doktor Friedrich Deegen erkenne die Vereinigten Staaten von Amerika als freie, unabhängige und souveräne Staaten an, und das die Bevölkerung dieser Vereinigten Staaten keine Treue oder Gehorsam mehr George dem Dritten, König von Großbritannien schuldet; ich verweigere, verneine und entsage jeder Treue und Gehorsam ihm gegenüber; und ich bestätige, dass ich mit all meiner Kraft die besagten Vereinigten Staaten gegen den besagten George den Dritten, seine Erben und Nachfolger, seine und ihre Helfer, Assistenten und Anhänger unterstützen, erhalten und verteidigen werde, und dass ich den besagten Vereinigten Staaten in der Position des Stabsarztes, welche ich momentan innehabe, mit Treue und im Einklang mit meinem Können und meinem Gewissen, dienen werde.“Seine Stimme zitterte ob dieser großen Worte und auch seine Hände waren nicht ganz ruhig, als er La Fayette das Papier reichte. Dieser setzte schwungvoll die Feder an und verkündete „Vor mir geschworen, an diesem Tag, dem neunten Mai 1778.“Der junge Mann trat wieder in die Reihe zurück. Eigentlich hätte es hier enden sollen, es war ein einfaches Papier, eine einfache Bestätigung seiner Treue an der keine Person zweifeln konnte, die ihn arbeiten sah, seinen Eifer und seinen Einsatz sah. Beinahe wäre es auch nichts Besonderes gewesen, aber spät am Abend, als die meisten Stabsmitglieder sich bereits zurückgezogen hatten und auch Joséphine sich gerade schlafen legen wollte, rief La Fayette sie noch einmal in sein Büro. Der General saß an seinem Schreibtisch (welcher an diesem Abend ungewöhnlich ordentlich aussah), im Kamin brannte ein Feuer und auf dem Tisch lag einer der Vordrucke mit denen Friedrich noch vor Stunden seine Treue bekundet hatte.Joséphine hatte beim Eintreten salutiert und sobald ihr La Fayette einen bequemen Stand erlaubt hatte, schob er das Papier weiter in ihre Richtung.„Bestätigen Sie mir Ihre Treue“, forderte er.„Ich verstehe nicht Sir, das habe ich doch bereits.“„Friedrich Deegen ‘at seine Treue bekundet, nun möchte ich diese Bekundung auch von Ihnen ‘aben.“„Ich versichere Ihnen General, dass der Name mit dem ich unterschrieben habe, keinen Einfluss auf meine Loyalität hat, ich meine, wenn Ihr wünscht, dann kann ich-“„Ihr versteht nicht, dies ist kein Test Eurer Loyalität. Ich habe ‘äufig an Euch gezweifelt, Eurem Verhalten und Eurer Moral, aber ganz sicher nie an Eurer Loyalität. Nein, was ich sagen möchte ist, dass Friedrich Deegen, wer auch immer das ist, nicht sein Studium absolviert, er hat nicht Blut und Schweiß für sein Vaterland gegeben, riskiert nicht jeden Tag sein Leben, indem er in den ‘ospitälern bei all den Kranken seinen Dienst tut. Friedrich Deegen ist nicht bereit, für sein Land zu sterben, Ihr aber schon, das ‘abt Ihr bewiesen. Ich möchte Euch daher die Möglichkeit geben nun noch einmal alleine vor mir Eure Treue zu bekunden. Das ist ausdrücklich kein Befehl, nur ein Angebot.“Der junge Franzose hatte noch nicht ganz geendet, da hatte Joséphine bereits nach der Feder gegriffen. Mit flüssigen Bewegungen füllte sie die Lücken auf dem Blatt aus, hielt dann jedoch mitten in der Bewegung inne. „Was ist?“, fragte La Fayette behutsam. „Nichts, nichts – es ist kindisch. Ich merke nur gerade, dass ich noch nie zuvor Doktor Joséphine Deegen geschrieben habe, das ist alles“, meinte die junge Frau, als sie das Papier wieder entgegennahm. Vorsichtig, so als wäre es ein besonders kostbarer Schatz, faltete sie es und steckte es in ihre Manteltasche. Niemand außer ihnen beiden durfte dieses Dokument je zu Gesicht bekommen! Schon halb zum Gehen gewandt, hielt sie plötzlich in der Bewegung inne und fixierte den jungen General mit ihrem Blick. Das Knarren der Bodendielen unter ihren Füßen klang unangenehm laut.„Warum?“„Warum was?“„Warum tut Ihr all das für mich. Jeder andere Mann hätte mich schon lange gemeldet und hätte mit Sicherheit auch keine Rücksicht auf meine Gefühle genommen. Warum seid Ihr so rücksichtsvoll?“„Ich bin nun rücksichtsvoll, weil ich es vorher nicht war. Versteht, als wir zusammen gebetet ‘aben, da sagtet Ihr, dass nur weil Ihr ein Geheimnis ‘ütet, nicht jede Eurer ‘andlungen einen ‘intergedanken ‘at. Ich ‘abe Euch stets so behandelt, als ‘ätten sie es doch. Als wir und kennenlernten, bei unserem allerersten Treffen, ward Ihr mir sympathisch. Es ‘at mir viel zum Nachdenken gegeben, aber wisst Ihr, ich ‘abe mich ‘ier in Amerika mit vielen Menschen angefreundet, viele von meinen Kameraden sind mir sehr ans ‘erz gewachsen. Auch Zuhause in Frankreich ‘abe ich viele Freunde, männliche … und weibliche Freunde. Euer Verhalten ist in meinen Augen immer noch mehr als nur verwerflich, aber mir ist bewusst geworden, dass Ihr mehr seid als nur Euer Geheimnis. Ihr ‘abt mein Vertrauen, Ihr ‘abt es euch verdient und ich ‘offe, dass es nicht fehlplatziert ist. Ich ‘offe, dass ich auch Euer Vertrauen ‘abe.“
Ich habe mir mal ein paar der originalen Schriftstücke von Monroe durchgelesen und muss sagen, dass ich seine Handschrift nicht sehr problematisch finde. In vielen Projektgruppen, in denen mit den Papieren der Gründungsväter gearbeitet wird, wird häufig gelost, wer Monroes Papiere bearbeiten muss. Als Monroe Jeffersons Farmaufseher während dessen Abwesenheit Anweisungen gegeben hat, kamen die schriftlichen Anweisungen oft mit der Bemerkung zurück, dass der Farmaufseher sie nicht lesen konnte.
Es war ein offenes Geheimnis und La Fayette hat sich in seinen Briefen auch sehr deutlich darüber geäußert, dass die Kanadaexpedition dazu gedacht war, Washington und La Fayette zu trennen, da bekannt war wie wichtig La Fayettes Führsprache für Washingtons Stellung war.
Die Stadt York diente noch bis Juni 1778 als „Hauptstadt“ der vereinigten Staaten und diente als Ausgangsort für die Kanadaexpedition.
Das Theaterstück „Cato“ wurde entweder am 04., 11., oder am 18., Mai 1778 aufgeführt (wobei ich nach der Lektüre einiger Soldaten den 04. für am wahrscheinlichsten halte.)
„Cato“ war eine Tragödie, geschrieben von Joseph Addison über Marcus Porcius Cato Uticensis, einen römischen Staatsmann. Das Stück hatte einen großen Einfluss auf die Gründungsväter, in vielen Briefen aus dieser Zeit gibt es beispielsweise Referenzen zu Cato.
Es galt lange Zeit als äußerst unschicklich für Frauen Theater zu spielen, weshalb auch weibliche Rollen an Männer vergeben wurden, meistens an Jungen vor der Pubertät, also vor Wachstumsschüben, Bart und Stimmbruch. Zu dieser Zeit hatte sich das Denken bereits geändert und Frauen konnten ebenfalls Theaterspielen, aber gerade in der Armee oder in ähnlichen Situationen war es noch immer akzeptiert, Rollen für Frauen mit Männern zu besetzen.
Marcia war Catos Tochter und die Geliebte von Juba, dem Prinzen von Numidia.
Lucia war die Tochter von Lucius, einem Senator. Tatsächlich hat man schon damals verschiedene Personen mit den Charakteren aus dem Stück assoziiert. Washington war Cato und La Fayette war Juba, der im Exil lebende Prinz von Numidia, dem Adoptivsohn Catos ... und der Geliebte Marcias.
Aus irgendeinem Grund hält sich noch immer beharrlich das Gerücht, La Fayette hätte sich als Frau verkleidet, um unbemerkt nach Amerika zu gelangen. Es stimmt, dass er sich während seiner Reise teilweise tarnte, aber dann als spanischer Händler. Englische Karikaturisten haben sich später die Geschichte ausgedacht, dass er sich als Frau verkleidet hätte, um ihn lächerlich zu machen.
Martha Washington besuchte so wie viele Frauen ihren Ehemann in jedem Winterlager, zum Teil auch gegen seine Einwände, und heiterte durch die Organisation geselliger Abende die Offiziere auf und durch ihre Hilfe in den Krankenhäusern gab sie den einfachen Soldaten Hoffnung. Schon bald hatte sie den Spitznamen „the soldiers friend“ inne.
Die Expedition war nur von sehr kurzer Dauer, da die Ausstattung der Truppen so schlecht war, dass die Expedition die reinste Selbstmordmission geworden wäre.
Baron von Steuben war mit ziemlicher Sicherheit kein Baron und auch sonst hat er seinen Lebenslauf wohl hier und da etwas beschönigt. Wobei er diese Beschönigungen wohl wissentlich vorgenommen hatte, kann die fälschliche Zuschreibung des Titels auch auf einen Übersetzungsfehler vom deutschen Titel des Freiherren ins Englische herrühren.
Benjamin Walker (1753 – 13. 01. 1818) war ein amerikanischer Soldat und späteres Mitglied im U.S Repräsentantenhaus für den Staat New York. Zusammen mit William York, von Steubens zweiten Aide-de-camp, wurde Walker von von Steuben nach dem Krieg offiziell adoptiert und so zu einem seiner Erben gemacht.
Baron von Steuben stellte ein Musterregiment von 100 Mann auf, denen er viele Dinge beibrachte. Diese 100 Soldaten sollten dann wiederherum als Multiplikatoren arbeiten und eigene Gruppen an Männern ausbilden. Der Soldat Joseph Plum(b) Martin gehörte zu diesen ursprünglichen 100.
Pierre-Étienne du Ponceau, später Peter Stephen Du Ponceau (03.06.1760 – 01.04.1844) kam mit 17 Jahren als Sekretär von Steubens nach Amerika und blieb dort sein Leben lang. Er interessierte sich sehr für Sprachen und trug, neben seiner Tätigkeit als Anwalt sehr zum Verständnis der asiatischen und indigenen Sprachen Amerikas bei. Obwohl er gerade in seiner Jugend sehr kränklich war, überlebte er alle seine Freunde aus der revolution, darunter Hamilton, Laurens, von Steuben, North, Walker, Monroe und La Fayette.
Tatsächlich lehrte Benjamin Walker in diesem Winter Martha Washington das Schachspielen.
Es gab und gibt immer wieder Gerüchte und Vermutungen über von Steuben, seine sexuelle Orientierung und ob er nun eine Beziehung zu seinen Aide-de-Camps und Sekretären, besonders zu Walker und North gehabt hatte oder nicht. Was man sagen kann, ist, dass er zu diesen und anderen Männern sehr enge und emotionale Beziehungen hatte.
Von Steubens Training zeigte in eigentlich allen Bereichen schnell Wirkung. Die Kontinentalen erreichten zum Beispiel eine Marschgeschwindigkeit von bis zum 60 Schritten die Minute, das war mehr als die Spitzengeschwindigkeiten der Briten.
Der Allianzvertrag zwischen den Vertretern des Kontinentalkongresses und des französischen Königs wurde am 06. Februar 1778 in Paris im Hôtel de Coislin (heute Place de la Concorde 4) unterzeichnet. Parallel wurde auch noch ein Handelsvertrag und ein Vertrag mit dem spanischen König ausgearbeitet. Der allianzvertrag hatte kein definiertes Enddatum und lief daher technisch gesehen bis 1800 und dem „Treaty of Mortefontaine“ mit denen Frankreich und die USA den „Quasi-War“ beendeten. Effektiv endete der Allianzvertrag aber spätestens mit der Rede Washingtons am 22. April 1793, in der er die Neutralität der USA in der französischen Revolution verkündete.
Henriette ist wahrscheinlich am 15. Dezember 1777 an einem Fieber gestorben, es gibt ein paar Diskrepanzen bei dem Datum. La Fayette war zwar in seinen Qualitäten als Ehemann manchmal fragwürdig, aber als Vater sehr hingebungsvoll. Der Tod seiner Tochter hat ihn merklich sehr hart getroffen. Aufgrund der Distanz und des Krieges brauchten seine Briefe häufig sehr lange und so erhielt Adrienne wahrscheinlich noch rund ein halbes Jahr nach Henriettes Tod Briefe, in denen La Fayette sich nach ihr erkundigte.
Aus La Fayettes Briefen an seine Frau Adrienne kann man herauslesen, dass er vorhatte nach Hause zu kommen, sich dann aber dagegen entschied, da er die Angelegenheit nicht, auch nicht nur für den Winter, unvollendet lassen wollte.
La Fayette war, wie viele aufgeklärte Männer seiner Zeit und viele seiner amerikanischen Freunde, ein Deist. Er glaubt nicht an Gott, aber daran, dass es ein höheres Wesen gab. Vielleicht sind seine Worte an dieser Stelle dennoch etwas übertrieben.
Jeanne d’Arc oder auch die Jungfrau von Orléan (wahrscheinlich 1412 - 30. 05. 1431) ist eine französische Nationalheldin und wird in der römisch-katholischen Kirche als Heilige und Jungfrau verehrt. Ab ungefähr ihrem 13. Lebensjahr hatte sie immer wieder Visionen von Heiligen und Erzengeln die sie dazu aufforderten Frankreich, das zu diesem Zeitpunkt von den Engländern besetzt war, zu befreien. Wohl Ende Dezember 1428 verließ sie ihr Elternhaus und durfte nach zwei gescheiterten Versuchen am 22. 02.1429 endlich zum französischen Hof aufbrechen. Dort überzeugte sie den König von sich – unter anderem da sie beweisen konnte, dass sie Jungfrau war und Jungfrauen nicht vom Teufel besessen sein konnten. Nach einigem hin und her kommandierte sie in mehreren Schlachten Truppen und besiegte die Engländer unter andrem in der Schlacht von Burgund. Sie geleitetet anschließend Karl VII. zu seiner Königssalbung im vormals besetzten Reims. In der Schlacht von Compiègne wurde sie am 23. Mai 1430 gefangen genommen, den Engländern ausgeliefert, von ihren französischen „Freunden“ praktisch im Stich gelassen und dann am 30. Mai 1431 auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Das Urteil wurde 1455 aufgehoben und sie zur Märtyrerin erklärt.
Gilbert Motier de La Fayette Seigneur of La Fayette, Pontgibaud, Ayes, Nébouzac, Saint-Romain and Montel-de-Gelat (1380 –22. 02. 1462) war ein französischer Adeliger und hoher Militär. Er kämpfte im Hundertjährigen nicht nur in den zwei Schlachten unter Jeanne d’Arc sondern auch in mindestens fünf anderen großen Schlachten und geriet auch kurz in Kriegsgefangenschaft. Er war bei der Krönung Karl VII. anwesend und war am 21. September 1435 ein Unterzeichner des Vertrages von Arras, der Vertrag der mit zum Ende des Hundertjährigen Krieges beigetragen hat. Danach setzte er sich für Reformen in der Armee ein und zog noch ein paar Mal für Frankreich und seinen König, in dessen Gunst er eigentlich immer stand, in die Schlacht.
Frauen hatten eine essentielle Rolle für den Erfolg der Revolution gespielt. Da sie sich um den Haushalt gekümmert haben, hing von ihnen auch der Boykott britischer Konsumgüter in der Praxis ab. Während des Krieges dann hielten sie die Wirtschaft irgendwie aufrecht, betrieben Farmen und Geschäfte ihrer Männer und versorgten die Armee.
Im Internet findet man tatsächlich viele der ausgefüllten Papiere, auch jene von namenhaften Vertretern der Revolution. Die Daten auf den Dokumenten zeigen, dass die Schwüre den ganzen Mai hindurch getätigt wurden. Für Friedrichs Schwur habe ich das Datum von La Fayettes eigenem Schwur genommen.
----- CHAPTER BREAK -----
01. Juni 1778
“How fearful and faint-hearted are many on sea, when they see a strange vessel, - being afraid it should be a Turk, and they should be taken, and sold for slaves into Turkey. Now what is this better done, as Turks doe? Yea, rather it is worse for them, which say they are Christians; for we hear that ye most part of such negers are brought hither against their will and consent,and that many of them are stolen. Now, tho they are black, we can not conceive there is more liberty to have them slaves, as it is to have other white ones”
Auszug aus der ‚Germantown Quaker Petition Against Slavery’ von 1688 Es war spät in der Nacht und Joséphine hockte auf dem Boden in dem Salon in La Fayettes Hauptquartier und fingerte unruhig an einigen Briefen herum. Sie hatte Pére geschrieben und ihn über Hannis Schwangerschaft und Ehepläne informiert. Eine Antwort hatte sie nicht erhalten. Weiter hatte sie an ihren Onkel Louis geschrieben, der Kontakt zwischen ihnen beiden war in den letzten Monate noch spärlicher geworden als noch zuvor, und ihre letzten beiden Briefe waren sogar vollkommen unbeantwortet geblieben. Nachdenklich umschlang sie ihre angewinkelten Beine mit ihren Armen, sie fühlte sich alleine, verlassen. Sie hatte Freunde hier, ja natürlich, Menschen, denen sie vertraute und die ihr wirklich viel bedeuteten - aber dennoch waren sie nicht Familie, waren nicht die Kindheitserinnerungen aus Germantown. Sie waren neue Erinnerungen, neue Erfahrungen und unter den gegebenen Umständen die besten Erfahrungen, die sie hätte machen können. Auch ihr Verhältnis zu La Fayette wurde von Tag zu Tag besser, es war zwar noch immer seltsam zwischen ihnen, aber man tastete sich langsam vor, lernte die Grenzen des Gegenübers kennen und fand mehr und mehr Gemeinsamkeiten. Seufzend nahm Joséphine die Briefe wieder zur Hand, sie würde ihrem Père und Onkel erneut schreiben, sie würde beten, dieses Mal eine Antwort zu erhalten. Ein kalter Luftzug fuhr durch den Raum und brachte Joséphine zum Schaudern. Mit einer raschen Bewegung legte sie die Briefe beiseite und drehte sich herum. Henry stand in der Tür. „Doktor Deegen, gut, dass Sie noch auf sind. Hier ist eine Angelegenheit bei der ich dringend Ihrer Hilfe bedarf“, meinte der Colonel und machte eine vage Handbewegung durch die geöffnete Tür in Richtung Vorhof.Flink war Friedrich auf den Beinen und hinter Henry hinaus getreten. „Einige der Männer und ich waren noch etwas Trinken und nun ja, Anderson hier schien das nicht so gut bekommen zu sein. Ich dachte mir erst nichts dabei, aber dann ...“Friedrichs Blick fiel auf den jungen Soldaten, Anderson, seinen Epauletten nach wohl ein Major, stand vornübergebeugt gegen die Hauswand gestützt und erbrach Galle und Blut mit schmerzverzehrtem Gesicht in den Schnee. „Ich sehe schon“, meinte der junge Arzt und meinte dann an Henry gewandt, „Helfen Sie mir ihn zu seiner Unterkunft zu bringen, ja?“ Statt zu antworten schob Henry einen starken Arm unter die Schultern seines Kameraden und stützte ihn beim Gehen. Friedrich tat dasselbe an der anderen Seite. Zum Glück war die Unterkunft nicht weit entfernt und dennoch war es ein wahrliches Unterfangen, Anderson schließlich in sein Bett zu schaffen. Mit einem Eimer taktisch klug neben dem Bett platziert, begann Friedrich aus seiner Arzttasche verschiedene Mittelchen zusammen zu mischen. „Hat er etwas anderes getrunken wie die anderen Männer?“, fragte er routiniert und ohne aufzublicken.„Ich war nicht die ganze Zeit dabei, es könnte gut sein“, antwortete Henry und hickste.„Geht es außer Anderson sonst noch jemandem so schlecht?“„Nein, sonst ist bisher keiner krank geworden.“Friedrich legte nachdenklich den Kopf schief. Manchmal kam es vor, dass sich die Männer ihren Alkohol mit zweifelhaften Methoden selber brannten oder ihn aus unseriösen Quellen bezogen und dessen Unbekömmlichkeit stand dann außer Frage. Bei Anderson schien es sich allerdings um einen nicht ganz so schlimmen Fall zu handeln. Das Blut das er erbrach war zwar an sich ein Grund zur Besorgnis, aber die Farbe und Konsistenz des Blutes ließ Friedrich schlussfolgern, dass es nicht aus dem Magen kam und das wäre die größte Schwierigkeit geworden. Insofern war der junge Arzt mehr oder weniger zufrieden, nachdem er Anderson, welcher nicht mehr ganz bei Bewusstsein war, die Medizin eingeflößt hatte. Mit einem langgezogenen Seufzer streckte Friedrich den Rücken durch. Selbst wenn er in diesem Augenblick keinen Grund hatte daran zu zweifeln, dass Anderson wieder vollkommen genesen würde, waren die nächsten Stunden doch entscheidend und Friedrich hatte wohl keine andere Wahl als die Nacht an der Seite des Majors zu verbringen.Nach einigen schnellen Worten der Erklärung war er wieder hinaus ins Freie getreten und zurück zum Hauptquartier geeilt, um sich eine Decke, ein Buch und etwas zum Schreiben zu holen. Wenn er schon die halbe Nacht wach bleiben müsste, dann könnte er die Zeit ja auch sinnvoll nutzen. Henry hatte er gebeten, solange bei Anderson zu bleiben, bis er wieder da war. Das Wetter war kalt und ungemütlich. Der Wind wehte kräftig und der Himmel war wolkenverhangen.Als der junge Arzt zurück zur Unterkunft kam, erwartete ihn eine Überraschung. Colonel Robinson saß noch immer gegen die Wand gelehnt, gegenüber von Andersons Bett. Soweit war an der Situation nichts Ungewöhnliches, darum hatte Friedrich den Soldaten ja gebeten, aber die Art wie er dort saß, die Beine überschlagen, entspannt gegen die Wand gelehnt - ja, er hatte sich sogar eine Decke aus einem der anderen unbenutzten Betten genommen. Es machte ganz den Eindruck, als ob er vorhatte zu bleiben. Verunsichert trat Friedrich weiter in den Raum hinein und räusperte sich verlegen. „Colonel Robinson, Sie können jetzt gehen, ich übernehme ab hier. Vielen Dank für Ihre Hilfe mit Major Anderson.“„Ich bedanke mich Doktor Deegen, aber wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich gerne hier bleiben. Ich bin Major Andersons vorgesetzter Offizier und fühle mich irgendwie verantwortlich für das Geschehene.“Friedrich lag halb auf der Zunge, dass es nicht Henrys Schuld war, aber irgendwie hatte er das Gefühl, dass seine Worte Henry nicht überzeugen würden. Insofern zuckte er nur die Schultern und ließ sich mit seiner Decke ebenfalls auf dem Boden nieder. „Ich freue mich über ein wenig Gesellschaft, bleiben Sie daher gerne Colonel Robinson. Stört es Sie, wenn ich etwas lese, ich muss einen Eingriff bei einem Patienten durchführen und bin mir in einigen Bereichen noch nicht über das beste Vorgehen sicher“, fragte Friedrich und hielt seine Lektüre noch.„Natürlich nicht. Eine Bitte jedoch Doktor, wären Sie damit einverstanden, wenn wir uns beim Vornamen nennen?“ Friedrich nickte bejahend, für ihn war die Benutzung des Vornamen sogar angenehmer als sonst eine Bezeichnung, immerhin war es eine Sitte unter Quäkern sich beim Vornamen zu nennen, egal, ob man Familie oder einander fremd war. Folglich hatte sich Friedrich, wann immer er außerhalb seiner Gemeinde war, stets daran erinnern müssen, gewisse gesellschaftliche Normen zu beherzigen.War dies zwischen den beiden Männern nun also beschlossen, verfielen sie beide in Stille. Während Henry aus dem kleinen Fenster starrte und anscheinend den Sturm draußen beobachtete, vertiefte Friedrich sich wieder in sein Fachbuch.Plötzlich langte Henry nach dem Tintenfass, tauchte einen seiner Finger ein und malte sich mit dem beschmierten Finger kleine Punkte auf die Handknöchel. „Wie tief hast du eigentlich ins Glas geschaut?“, fragte Friedrich und klemmte sich sein Buch zwischen die Beine. „Oh, nicht tief“, versicherte Henry und betrachtete sein Kunstwerk im Schein der Kerze. Friedrich scherte sich nicht weiter darum und setzte seine Lektüre fort. Erst als er blind nach der Feder greifen wollte, um sich eine Notiz zu machen, bemerkte er, dass Henry die Feder in der Hand hielt und begonnen hatte Linien auf seinen Unterarm zu zeichnen.„Darf ich fragen, was du da machst?“„Nichts …“„Du bist betrunken.“„Nein!“, kam die Antwort, beinahe schon beleidigt. „Hier, kannst du diese Blutgefäße benennen?“, fragte Henry und hielt seinen Arm ausgestreckt in die Richtung des jungen Arztes.„Das dient doch keinem Zweck, du bist betrunken.“„Das sagst du nur, weil du es nicht weißt.“„Na schön, zeig her“, ließ Friedrich sich darauf ein und besah sich die Linien auf der Haut des jungen Mannes. „Das hier ist die Vena basilica und das ist die Arteria radialis und das sind die Arteria ulnaris und die Vena cephalica.“„Und hier?“„Da hast du einfach nur irgendwo einen Strich gezeichnet.“„Sie sind wirklich gut Doktor Deegen.“„Danke Colonel Robinson, was hätte ich nur ohne Ihren Zuspruch getan.“ Als Antwort bekam er nur ein leises kindisches Kichern. Anderson stöhnte im Schlaf. In der Hütte war es sehr warm geworden und so begann Friedrich gedankenverloren seine Hemdsärmel bis zu den Ellenbogen hochzukrempeln. Seine Krawatte zu entfernen traute er sich nicht, sein adamsapfeloser Hals blieb besser verborgen.Ein paar Seiten las er so noch und gerade als er sich eine gemütlichere Position suchen wollte, spürte er Henry feingliedrige Finger auf seiner Haut. Erschrocken fuhr er zusammen. „Was ist das?“, fragte der Colonel und fuhr vorsichtig Friedrichs Brandnarben nach. „Das sind die Relikte einer wilden Kindheit. Wir haben an einer Feuerstelle gespielt und ich bin gestürzt, ein kleiner Tollpatsch eben“, meinte der junge Arzt leichthin und versuche den Geschmack der Galle zu ignorieren, der sich in seinem Mund breitmachte. War es wirklich so weit gekommen, dass Joséphine James ihre glücklichen Kindheitserinnerungen opferte?„Warum lügst du?“, sagte Henry sanft, es war kein Vorwurf. Friedrichs Kopf schoss hoch, sein Herzschlag beschleunigte sich. „Tollpatschige Kinder fangen sich mit den Händen ab, wenn sie stürzen, sie stürzen nicht und verbrenne sich dann nur die Unterseite ihrer Arme, gleichmäßig noch dazu“, meinte Henry und blickte nun Friedrich an, sah ihm mitten in die Seele. Für einen schrecklichen, wundervollen, seltsamen, langen Moment blickten sie sich nur an, der Raum um sie herum war jeglicher Geräusche beraubt. „Vielleicht war ja auch jemand der Meinung, mir müsste eine Lehre erteilt werden“, gestand Friedrich dann schließlich ein. Henry rutschte ein Stück zurück. „Verzeih, ich hatte kein Recht dich zu drängen über deine Vergangenheit zu sprechen, das war nicht richtig von mir“, entschuldigte Henry sich, seine Wangen gerötet. „Es ist nur, dass ich bei solch einem Unrecht nicht wegsehen kann. Es erinnert mich an mein Zuhause, meine Kindheit, es ist eine alte Schuld die ich begleichen muss.“Friedrich zog die Augenbrauen zusammen. „Ich fürchte ich verstehe nicht Henry“, entschuldigte er sich.„Ich war bei unserem ersten Treffen nicht ganz ehrlich zu dir. Ich kenne dich nicht nur, da du unser Stabsarzt bist, ich habe mich ganz bewusst über dich informiert. Warum ich so handelte, wirst du allerdings nicht verstehen, bevor ich dir eine Sache über mich erzählt habe, die ich bisher verschwiegen habe. Um ehrlich zu sein, habe ich Angst, dass du mich nach dieser kleinen Enthüllung für einen schlechten Menschen hältst“, fuhr Henry fort und leckte sich mit der Zunge nervös über die Lippen. Der junge Arzt zog die Brauen nur noch weiter zusammen. Bis eben hatte der Colonel für ihn noch einen recht nüchternen Eindruck gemacht, aber sein Gerede machte immer weniger Sinn. Doch bevor er sein Unverständnis kundtun konnte, fuhr sein Gegenüber auch schon fort.„Mein Vater ist Thomas Robinson aus Virginia. Falls du noch nie von ihm gehört hast, er ist einer der größten Händler von Sklaven und das nicht nur in Virginia sondern in ganz Nordamerika.“Friedrich schluckte, plötzlich wurde ihm das Atmen schwer. Natürlich kannte er den Namen Thomas Robinson, die Ausmaße seiner „Geschäfte“ wurden nur von wenigen anderen Männern in Amerika in den Schatten gestellt. Der Name Robinson war allerdings nicht so ungewöhnlich, dass Friedrich sofort eine Verwandtschaft vermutet hatte. Doch für wahr, er kannte Thomas Robinson- Joséphine auch. Denn plötzlich war sie wieder in dieser Enge in der Dunkelheit. Dutzende Körper dicht gedrängt aneinander wie sie schwitzten und stöhnten, wie die Luft immer stickiger wurde. Joséphine fühlte den Hunger, den Durst, fühlte die nass-klamme Kleidung auf ihrer Haut als wäre es erst gestern gewesen. Sie sah das Licht, wenn die kleine Lucke geöffnet wurde. Licht. Luft. Wasser. Joséphine konnte sich an die Hand ihres Bruders erinnern, wie sie ihre Finger ineinander verschlungen hatten, ganz so als würden ihre angsterfüllten Herzen so langsamer schlagen. Joséphine, damals noch ein Kind, hatte sich nach ihrem Père gesehnt, nach seinen starken Armen in denen sie immer Schutz gefunden hatte, doch diesen Schutz spendete er nun ihrer Mére. Sie konnte sich an das Blut erinnern und dass sie damals nicht verstanden hatte, was es bedeutete. Dummes, naives, seliges Kind sie doch war. Sie wusste damals noch nicht welche Opfer ihre Eltern, ihre Mére vor allem, für sie erbracht hatten. Dummes, naives, seliges Kind sie doch war, als sie stark war, stark weil es einfach war, weil sie noch nicht wusste angesichts welches Zukunft sie stark sein musste. Dummes, naives, seliges Kind sie doch war, als sie auf den Holzböden kauerte, die Knie wund, als sie von der alten Frau von Haus zu Haus gezerrt wurde, als sie Bierkrüge wusch und das Blut ihrer rissigen Hände in das Waschwasser tropfte. Dummes, naives, seliges Kind sie doch war, wie geliebt sie doch wurde. Für wahr, sie kannte Thomas Robinson, konnte sich an den Druck seiner Hand auf ihrer Schulter erinnern.Ein weiteres Mal glitt ihr Blick zu Henry. Nein, das würde sie ihm nie erzählen, dafür war er zu herzensgut.So war es dann nun wieder Friedrich der sprach und den Kopf dabei etwas vorschob. „Ich würde dich niemals aufgrund der Taten deines Vaters für einen schlechten Menschen halten. Ganz im Gegenteil, deine Taten, deine Überzeugungen, dein Schuldbewusstsein, macht dich in meinen Augen zu einem jungen Mann mit ausgezeichnetem Charakter“, erklärte Friedrich und drückte Henrys Hand. Dieser blickte zuerst verwundert auf ihre beiden Hände doch dann freudig auf. „Das von dir zu hören bedeutet mir viel und für einen Moment eben gerade schienst du mir so in Gedanken verloren, dass ich schon dachte du würdest anders antworten.“Friedrich lächelte und verbarg seinen Schmerz dahinter. Nein, dieses Kapitel seiner Familie würde er nicht wieder hervorbringen. Es war tief begraben, und das würde es auch bleiben. „Verrate mir nur, warum ausgerechnet meine Meinung dir so wichtig ist. Ich nehme an, es hat etwas damit zu tun, dass du dich über mich informiert hast?“, hakte der Arzt bei dem Colonel nach, mehr aus Wunsch auf andere Gedanken zu kommen, als aus Interesse, dieses hatte schon lange anderen Gefühlsregungen Platz machen müssen. „Da hast du ganz Recht, Friedrich. Nachdem mir zu Ohren gekommen ist, dass du ein deutscher Quäker bist, musste ich einfach herausfinden, ob du vielleicht sogar aus Germantown kommst. Stell dir meine Freude vor, als ich mir diese Frage bejahen konnte“, erklärte der junge Mann aufgeregt. Langsam dämmerte es Friedrich.„Die ‚Germantown Quaker Petition Against Slavery’1 von 1688. Das hat dein Interesse geweckt, nicht wahr?”. Als Antwort erhielt der junge Arzt nur ein eifriges Nicken, dicht gefolgt von einer wahren Lobesrede. „Es ist das erste Mal, dass eine religiöse Gruppe Einspruch gegen die Sklaverei eingelegt hat, nein eigentlich das erste Mal das in Amerika ein Dokument mit solch einer Logik verfasst wurde – und das nur fünf Jahre nach der Gründung Germantowns. Die Verfasser dieses Papiers mussten sich in einem fremden Land mit einer fremden Sprache ein vollkommen neues Leben aufbauen und wurden dazu nicht immer freundlich willkommen geheißen2, dennoch haben sie das Unrecht erkannt und sind dagegen vorgegangen. Meine Bewunderung für die Verfasser und Unterzeichner dieses Dokuments ist kaum in Worte zu fassen.“„Ich kannte den Nachfahren eines der Verfasser3, wir sind zusammen zur Schule gegangen. Ein lieber, netter Junge, aber nichts als Flausen im Kopf.“Henrys Augen strahlten regelrecht. „Was ein Privileg es sein muss. Oh versprich mir, sollte sich einmal die Gelegenheit ergeben, uns bekannt zu machen“, bat Henry und Friedrich warf ob dieser großen Freude lachend den Kopf in den Nacken. „Das verspreche ich dir Henry.“„Lach nicht über mich, ich bitte dich Friedrich, was kann ich schon für meine Begeisterung?“, stimmte nun auch der Offizier in das Lachen mit ein. Im folgenden Lauf der Unterhaltung bat Henry Friedrich mehr von seinen frühen Jahren in Germantown zu erzählen. Wie war es dort, in dieser kleinen Gemeinde zu leben, welchen Einfluss hatte die Religion auf das alltägliche Leben und überhaupt schien Henry ein großes Interesse an den Grundsätzen der Quäker zu haben. Friedrich kannte genügend Leute, die sich an seiner Religion störten und genügend Leute, die sich eben nicht daran störten, doch Henry war wahrscheinlich die erste Person, die tatsächlich Interesse an seiner Religion hatte, die Fragen stellte und diese auch wahrheitsgetreu beantwortet haben wollte.Friedrich und Henry waren noch immer in ihre Unterhaltung vertieft, als plötzlich die Tür zu der kleinen Hütte aufgerissen wurde und unangenehm kalte Luft herein zog. Im Türrahmen stand Colombe, das Gesicht von der Kälte gerötet. „Hier bist du ja, Deegen, ich dachte schon, ich würde dich gar nicht mehr finden.“ Der Angesprochene ließ erschrocken seinen Kopf in die Höhe schnellen. „Was ist passiert?“Nun war es an Colombe, im Unverständnis die Stirn in Falten zu legen. „Nichts ist passiert. Aber wir haben heute Morgen eine Besprechung des Stabes. Hast du das vergessen?“Mit einem Satz war Friedrich auf den Beinen. „Wie spät ist es?“„Mittlerweile bestimmt schon halb acht, die Besprechung sollte um Punkt sieben beginnen, weshalb ich dir mehr als nur verbunden wäre, wenn du mit mir kommen würdest“, drängte Colombe und Friedrich blickte fragend zu Henry, der noch immer am Boden saß. „Haben wir etwa die ganze Nacht hindurch geredet?“„Scheint beinahe so“, antwortete der Colonel und kämpfte sich ebenfalls auf die Beine, welche vom langen Sitzen ganz steif geworden waren. Nach einer hastigen Verabschiedung und der Anweisung Anderson schlafen zu lassen, bis er von selber aufwachen würde, verließ der junge Arzt dicht gefolgt von Colombe die Hütte.Natürlich erhielt Doktor Deegen eine Rüge, sich so dermaßen zu der Besprechung verspätet zu haben, aber das war Friedrich am Ende auch mehr oder weniger egal. Seine Laune (und die aller anderen Anwesenden) war hinüber sobald er die medizinischen Berichte für den vergangenen Monat, Mai, vorlegte. „113 Tote und von den fast 4000 Männern sind keine 2100 diensttauglich“, verkündete der Stabsarzt und ein kollektives Stöhnen ging durch den Raum. Am Ende des Monats März hatte man 111 Tote gehabt und nun stellte der Monat Mai einen neuen traurigen Rekord auf.„Wie kann das sein? Wie können noch immer jeden Monat so viele Soldaten sterben?“, fragte La Fayette und stützte sich mit beiden Armen gegen den Tisch. „Der Winter ist vorüber, es sollte uns doch besser gehen.“ Der Marquis erwartete keine Antwort auf diese Frage, nicht dass er eine erhielt, die Frage war rein hypothetisch gemeint. Er wusste so gut wie alle anderen Anwesenden, dass die Probleme der Kontinentalarmee sich nicht an Jahreszeiten hielten. Die Lebensmittelvorräte waren knapp und die Krankheiten grassierten unter den Soldaten wie nichts Vergleichbares. Er sah wie sehr Joséphine sich bemühte, wie hart sie arbeitete- neben der Arbeit als Stabsarzt praktisch auch die Arbeit eines gewöhnlichen Regimentsarzt verrichtete, und wie sehr es sie frustrierte, dass ihre Arbeit sich nicht auszuzahlen schien. Doch hatte er selber leider genügend eigene Sorgen, als dass er Joséphine in irgendeiner Art und Weise eine große Hilfe sein konnte.La Fayette verstand damals noch nicht, dass er mit seiner Verschwiegenheit, mit seinem Vertrauen, den flüchtigen Blicken, die sie manchmal austauschten, schon eine große Hilfe war, dass sie manchmal das Papier aus der Tasche ihres Mantels zog, auf dem sie, Joséphine Deegen, ihre Treue zu Amerika beteuert hatte. Es half ihr besonders harte Tage zu überstehen, wenn sie sich nur vor Augen führte, wofür sie das alles tat. Gerade jetzt wäre sie zum Beispiel froh gewesen, sich das Dokument erneut durchlesen zu können, doch das war im Moment leider nicht möglich.Friedrich war gerade dabei seine Runde durch die Regimentshospitäler zu machen, wobei er leider feststellen musste, dass es einige Mängel gab, die abgestellt werden mussten. Friedrich war gleichfalls zugegen, als einer der Assistenten beinahe zusammenbrach, da er, man möge es kaum glauben, kein Blut sehen konnte. Friedrich konnte darüber nur die Augen verdrehen. Die gute Nachricht war, das Anderson wieder vollständig genesen war und seinen Dienst wieder aufgenommen hatte. Doch selbst dieser Erfolg konnte Friedrichs Tag nicht aufhellen, nicht wenn er sah wie überfüllt die Krankenhäuser waren. Friedrich wollte sich einfach nur noch irgendwo hinlegen und die Decke über den Kopf ziehen … doch auch dieser Wunsch würde unerfüllt bleiben, da ihn in seiner Kammer noch ein komplettes Kapitel aus von Steubens militärischem Handbuch erwartete, dass vom Deutschen ins Englische übersetzt werden wollte.Nicht das das gesamte Kapitel an diesem Abend noch übersetzt wurde. Joséphine schaffte es vielleicht, ein Drittel der Seiten ins Englische zu übertragen, bevor die Handschrift von Steubens vor ihren Augen zu verschwimmen begann und nach zwei weiteren Seiten war sie mit dem Kopf auf der Schreibarbeit eingeschlafen. An sich war daran nichts Ungewöhnliches, Colombe schlief wahrscheinlich öfter an diesem Tisch als in seinem Bett und auch von Monroe und den Aide-de-camps Washingtons wusste sie, dass nicht selten lange Tage an den Schreibtischen statt in den Schlafkammern endeten.Auch der Marquis de La Fayette war sich dieses Umstandes bewusst und dennoch war er für einen kurzen Moment verwundet, Joséphine schlafend im Salon vorzufinden, als er aus seinem Büro trat. Eigentlich hatte er sie aufwecken und ins Bett schicken wollen, doch als er näher an die junge Frau herangetreten war, erkannte er erst wie friedlich sie im Schlafe aussah. Um nichts in der Welt hätte er die Ruhe in ihren Zügen gestört. Sie sah so jung aus- war sie es nicht auch? Er hatte nie gefragt, aber sie konnte nicht älter sein als er. Dazu sah sie so unschuldig aus, wie konnte man sich nur so viel Unschuld nach so vielen Jahren Kriegsdienst bewahren? Sein Blick wanderte ein weiteres Mal über die Ärztin- war sie das nun nach seiner Ansicht, eine Ärztin? Hatte sie sich diesen Titel in seinen Augen verdient?Der Marquis war lange genug Mitglied des Militärs gewesen, zuerst in Frankreich und nun hier in Amerika, um genügend Geschichten von Frauen gehört zu haben, die sich irgendwie in die Ränge des Militärs geschlichen hatten. Von solchen Frauen wurde immer mit größter Missbilligung, mit Verachtung gesprochen. Sie wurden als Mannsweiber dargestellt, als hässlich, würdelos und simpel im Kopf, als verschlagen und gierig. Eine Schande für ihr ganzes Geschlecht. Doch hier saß sie vor ihm, Joséphine, und war doch nichts von alle dem. Stattdessen war sie klug, herje, sie war Ärztin, und mitfühlend, ihr Beruf bedeutete ihr mehr, als dass er nur ihre Rechnungen bezahlen könnte. Fiel es ihm deshalb so schwer, schlau aus seiner Stabsärztin zu werden? Er wusste ja noch nicht einmal, was er nun wirklich von ihr halten sollte. Natürlich waren die beiden sich in den vergangenen Monaten näher gekommen, dies lag zu großen Teilen auch an seiner Initative, aber der junge Franzose wusste immer noch nicht, ob er sich selber dazu zwang oder ob er der jungen Frau tatsächlich näher sein wollte. Fiel es ihm deshalb so schwer schlau aus seiner Stabsärztin zu werden, weil ihm nun mal immer nur ein Bild von Frauen wie ihr vermittelt wurde und Joséphine mit jeder ihrer Taten diesem Bild widersprach.Mit der Gewissheit seine Gedanken heute Abend nicht mehr geordnet zu bekommen, zog La Fayette sich in seine eigene Kammer zurück, nicht ohne zuvor der schlafenden Joséphine noch eine Decke über die Schultern zu legen.
08. Juni 1778
“Col. Cortland is appointed to tarry in Camp to superintend the sick on the Ground when the Army moves and to send on the recovered men properely officered to join their respective Corps, & Major Grier will repair to the Yellow-Springs and the Hospitals near Camp and superintend the sick there; They will apply tomorrow at the Orderly-Office for written Instructions.”
General Orders vom 01. Juni 1778 Friedrich hatte nicht immer Glück, dass war ihm nur allzu bewusst, aber dieser Tag verlief selbst für seine Verhältnisse miserabel. Wirklich, die Sonne würde erst in einigen Stunden untergehen und bis dahin hatte der heutige Tag noch sehr viel Potenzial sich zu verschlechtern. Dabei hatte alles so harmlos begonnen. Das Ende des Winterlagers näherte sich mit schnellen Schritten und die Vorbereitungen für die nächsten Monate an aktivem Kriegsgeschehen liefen auf Hochtouren. Friedrich war gerade dabei gewesen, seine übliche Runde durch die ihm unterstellen Hospitäler zu machen, als er auf General La Fayette und General Washington gestoßen war. Beide führten Pferde am Zügel und wie sich schnell herausstellte, wollten sie zusammen ausreiten, die Gegend auskundschaften und nach britischen Stellungen Ausschau halten. Nicht dass solche Aufklärungsritte normalerweise von Soldaten deutlich niedrigeren Ranges ausgeführt wurden und das Risiko für die beiden Generäle auch nicht ganz unerheblich war. Der Marquis hatte dann Friedrich gefragt ob er sie nicht begleiten wollte. In seiner Verwunderung über die Situation und, wie sich später herausstellte, zu seinem Unglück, hatte der junge Arzt angenommen. Die medizinischen Vorbereitungen zum Abbruch des Lagers waren soweit abgeschlossen und er konnte wirklich ein wenig Ablenkung nach all der Arbeit gebrauchen. Washington hatte nur stoisch genickt, erst im Nachhinein war Friedrich bewusst geworden, dass der General seine Anwesenheit vielleicht nicht gewünscht hatte, und La Fayette hatte von einem Ohr zum anderen gestrahlt. Seitdem er herausgefunden hatte, dass Friedrich ein miserabler Reiter war, hatte er es sich zum Ziel gesetzt Abhilfe zu schaffen.Der Plan war es eigentlich gewesen, sich in sicherer Entfernung den britischen Stellungen zu nähern, doch stattdessen wäre man um ein Haar in eine große Gruppe britische Aufklärer geritten. Da weder Washington noch La Fayette das Risiko eingehen konnten, von den Briten aufgegriffen zu werden, beschloss man angesichts der starken feindlichen Präsenz zurück zum Lager zu kehren. Auf dem nicht ganz unerheblichen Stück Weg das nun vor ihnen lag, kamen die drei Reiter durch ein Waldstück mit dichtem Gestrüpp. Die dicht beieinander stehenden Bäume alleine schienen Friedrichs Pferd schon unruhig zu machen und als dann auch noch ein Wildschwein, oder sonst ein Tier ähnlicher Größe, durch das Unterholz geschossen kam, war es um Friedrichs scheuen Fuchs geschehen. Der Deutsch-Amerikaner war ein zu unerfahrener Reiter, um das Tier zu beruhigen, oder sich auch nur auf dem Pferderücken zu halten. Glücklicherweise wurde sein Stolz durch den Sturz stärker verletzt als sonst etwas. Auch das Pferd war schnell wieder eingefangen doch anscheinend hatte es sich bei dem Manöver verletzt, denn nun lahmte das schöne Tier. Das verlangsamte die Gruppe natürlich merklich, auch wenn Friedrich darauf beharrte, dass Washington und La Fayette einfach ohne ihn vorreiten sollten.Selbst wenn die beiden Generäle sich dafür entschieden hätten, wären sie wohl nicht weit gekommen, denn binnen kürzester Zeit hatte sich der Himmel verdunkelt und einen Wolkenbruch losgelassen, wie diese Region schon lange keinen mehr gesehen hatte. Zusammen mit den Pferden flüchteten sich Washington, La Fayette und Friedrich in die Scheune einer kleinen Farm, die am äußersten Rand eines Dorfes ganz in der Nähe gelegen war. Was auf den ersten Blick wie ein sicherer Platz für die Nacht aussah - das Unwetter machte nämlich keine Anstalten abzuebben, stellte sich schon bald ein denkbar schlechter Zufluchtsort heraus. An der Nordseite der kleinen Scheune hing eine Gravur mit dem Bildnis George III und darunter war folgende Innschrift zu lesen. „Schütze Gott unseren König George III auf das er lange über uns regiere. Für Krone und Vaterland.“ Friedrich kannte kleine Gemeinden wie diese hier, wenn der Scheunenbesitzer es sich traute, solch eine öffentliche Zurschaustellung seiner politischen Ideale zu praktizieren, dann war der Rest des Dorfes sicherlich ähnlich gesinnt. Mit anderen Worten, man saß in einem pro-britischen eingestelltem Dorf während eines schweren Sturms fest, mit einem verletzten Pferd und keiner anderen Rückzugsmöglichkeit und die britische Patrouille war mit großer Wahrscheinlichkeit auch nicht allzu weit von ihnen entfernt. Wie bereits erwähnt verlief der Tag für Friedrich bis zu diesem Punkt nicht sonderlich gut.Friedrich war gerade im hinteren Teil der Scheune und kümmerte sich so gut es ging, um das verletzte Bein seines Pferdes, als plötzlich die Tür geöffnet wurde und er die Stimme des Scheunenbesitzers hörte. Im ersten Moment war er genauso erschrocken, wie Washington und La Fayette, doch während diese begannen mit dem Mann zu reden, konnte er nicht anderes als ihn einfach nur aus der Entfernung heraus anzustarren. Nein, das konnte nicht sein, oder? So klein war die Welt nicht. Aber andererseits war er sich sicher das Gesicht wiedererkannt zu haben. Der junge Arzt lauschte nun genauer auf die Stimme. Bei ihrer ersten Begegnung hatte man nicht wirklich viel miteinander geredet und insofern war Friedrich sich nicht vollkommen sicher, ob es nun die gleiche Stimme war. Vorsichtig stand er aus seiner gebückten Position auf und trat näher an die drei Männer heran. Der Scheunenbesitzer wiederholte gerade seine Forderung, dass man die Scheune augenblicklich zu verlassen habe. Seine Stimme war fest und bestimmt und die Wut auf die beiden Offiziere, auf die amerikanische Sache im Allgemeinen war unmöglich zu überhören. Wurde nun nichts unternommen, würde der Mann wahrscheinlich schnell das halbe Dorf alarmieren und gemeinsam mit seinen Nachbarn die drei wahrscheinlich ihren britischen Verfolgern übergeben. Friedrich konnte, als er aus dem Halbschatten in den vorderen Teil der Scheune trat, deutlich erkennen wie blass La Fayette geworden war und wie seine Hände leicht zu zittern begonnen hatten.„Sir, ich bitte Sie, es wird nur für diese eine Nacht sein. Ich gebe euch mein Wort, dass wir bis Tageseinbruch schon lange wieder verschwunden sein und Euch keine weiteren Probleme machen werden“, versprach Friedrich, sein Gesicht immer noch halb vom Schatten verdeckt.Der Scheunenbesitzer erstarrte merklich und drehte seinen Kopf in Friedrichs ungefähre Richtung. Dieser trat nun vollends aus dem Schatten heraus und beide Männer sahen einander für einen sehr langen Augenblick an.„Wie heißt das Gedicht, dessen Verse Ihr damals rezitiert habt? Ich kann und kann es einfach nicht vergessen, aber den Titel habt Ihr mir nie verraten“, fragte der Mann unvermittelt.„Es war ein Lied, kein Gedicht. 'Les anges dans nos campagnes', ein französisches Weihnachtslied“, erklärte Friedrich und war, trotz der angespannten Situation, in gewisser Weise amüsiert, dass dies nach all diesen Jahren nun die ersten gewechselten Worte zwischen ihnen beiden waren. Der Mann nickte langsam und setzte dann an „Ich hätte nie gedacht, dass Ihr eines Tages die Seiten wechseln würdet.“„Das habe ich auch nicht.“„Wenn ihr schon immer auf der Seite der Rebellen ward, dann war Euer Handeln damals nur noch bemerkenswerter.“„Nein, war es nicht. Damals war es meine Pflicht gegenüber meiner Zunft, heute ist es die Pflicht gegenüber meines Vaterlandes.“„Die Pflicht gegenüber Eurem Vaterland würdet Ihr erfüllen, in dem Ihr Eurem König treu ergeben seid.“„Ich weiß, dass das Eure Meinung ist und ich akzeptiere das.“Ein unbequemes Schweigen kehrte ein während dem Washington und La Fayette nur dastehen und sich fragen konnten, welche Verbindung zwischen Friedrich und diesem fremden Mann bestand und ob ihre offensichtliche Bekanntschaft ihnen aus dieser misslichen Lage helfen konnte. Die Situation wurde dadurch beendet, dass der Scheunenbesitzer die Schultern hängen ließ und seufzte. „Ich bin Euch etwas schuldig, Doktor. Nach heute sind wir quitt. Ich erlaube Ihnen Dreien die Nacht in meiner Scheune zu verbringen und sollte die britische Patrouille an meine Tür klopfen, so werde ich sie nicht verraten. Sollten die Soldaten jedoch auf Eigeninitiative diese Scheune durchsuchen kann ich Ihnen nicht helfen. Verzeiht mir.“ Der letzte Teil seiner Worte klang aufrichtig betrübt.„Ich würde so etwas nie von Euch verlangen und nein, wir sind nach diesem Abend nicht quitt. Ich habe damals nur meine Pflicht erfüllt und nicht mehr, ich stehe damit von nun an in Eurer Schuld“, beharrte Friedrich und legte den Kopf schief. Einen weiteren langen Moment sahen sich die beiden Männer wieder nur stillschweigend an, bevor abermals der Scheunenbesitzer den Moment unterbrach, indem er sich zum Gehen wandte. „Gott schütze Sie, Doktor“, murmelte er noch beim Hinausgehen.Friedrich stieß den Atem aus, von dem er nicht wusste, dass er ihn gehalten hatte. General Washington drehte sich mit hochgezogenen Augenbrauen zu dem Arzt herum. „Würden Sie uns wohl mitteilen, woher Sie diesen Gentleman kennen?“ Friedrichs Blick war immer noch auf die Tür gerichtet und in seinem Kopf wog er ab, ob er Washington auf seine Frage antworten sollte. Schließlich entschloss er sich dagegen. „Bei allem gebührenden Respekt General, nein, das kann ich nicht. Alles was ich sagen kann, ist, dass ich diesem Mann vertraue, wenn er versprochen hat uns nicht zu verraten, dann wird er das auch nicht tun.“ An Washingtons Gesicht war abzulesen, dass ihm die Antwort missfiel, er bohrte aber auch nicht weiter nach. „Dann bleibt nur zu hoffen, dass Sie mit Ihrer Einschätzung richtig liegen, Doktor Deegen. Ich denke es ist am besten wenn wir Wachschichten für die Nacht einteilen. Selbst wenn wir diesem Herren trauen können, hat er selber deutlich gemacht, dass er uns vor den britischen Truppen nicht schützen kann. Ich hätte dabei gerne immer ein wachsames Auge auf unsere Umgebung.“ Weder La Fayette noch Friedrich hatten diesem Gedanken etwas hinzuzufügen und wurden für den Rest der Nacht in Schichten eingeteilt. Washington bestand darauf als Erster Wache zu halten und nach einigen Worten des Protestes seitens La Fayette schickte der General Friedrich und den Marquis in den hinteren Teil der Scheune, wo ein Haufen Stroh ein vergleichsweise angenehmes Nachtlager zu werden versprach. Er würde einen der beiden schon rechtzeitig genug zum Wachwechsel wecken.„Général Washington bräuchte selber ein paar Stunden Ruhe am dringendsten. Sein Posten verlangt ihm so unglaublich viel ab und er kann das nicht einmal zugeben ohne schwach zu erscheinen“, wandte La Fayette ein und warf einen verstohlen Blick über die Schulter in die Richtung Washingtons. Friedrich folgte seinem Blick. Der Marquis hatte Recht, der Oberbefehlshaber der Kontinentalarmee sah erschöpft, sah gealtert aus – ein Umstand der aber auf fast jeden in der Kontinentalarmee zutraf. „Ihr macht Euch sorgen um Ihn“, bemerkte Friedrich daher und schob das Stroh etwas weiter zusammen. „Natürlich!“, kam die Antwort prompt.„Natürlich?“„Mir wurde bisher das Gefühl gegeben, dass es recht offensichtlich ist, wie nahe der Général und ich uns stehen. Mein eigener Vater ist gestorben da war ich noch ein sehr kleines Kind und in all der Zeit die ich nun hier bin, ist der Général mir beinahe wie ein Vater geworden“, erklärte der Franzose mit einem scheuen Lächeln. Joséphine hielt einen Moment in ihrer Arbeit inne und legte den Kopf schief. „Washington empfindet ähnlich für Euch.“„Seid Ihr Euch da sicher? Vielleicht-“„Kein ‚vielleicht‘ Marquis, Washingtons Zuneigung zu Euch ist nun wirklich kein Geheimnis, auch wenn der General versucht seine Empfindungen nicht allzu offen zu zeigen. La Fayettes Augen begannen bei dieser Aussage zu strahlen, als wäre ihm Washingtons Zuneigung erst jetzt bewusst geworden4. Doch genauso schnell wie es Einzug gehalten hatte, verschwand das Leuchten auch wieder aus seinen Augen und zwar sobald er sein Blick wieder auf das Stroh lenkte.„Auf dem Stroh ist nicht genügend Platz für zwei Personen und ich möchte Euch nicht in Verlegenheit bringen, Mademoiselle. Ich werde auf dem Boden schlafen“, bot der Marquis an und war schon dabei seinen Uniformmantel auszuziehen. Joséphine hielt ihn zurück. „Das werdet Ihr nicht Marquis, in der Scheune wird es schon noch kalt genug werden und das Stroh wird Euch zumindest ein wenig Wärme spenden. Glaubt mir, ich habe oft genug in unserer Scheune geschlafen, um aus Erfahrung sprechen zu können. Darüber hinaus habt Ihr Euch ein paar Stunden Schlaf verdient und ich vertraue Euch, dass Ihr Euch ehrenhaft verhalten werdet. Wir werden Rücken an Rücken schlafen und damit muss der Sittlichkeit in dieser Angelegenheit genüge getan sein“, beharrte Joséphine und blickte zu ihrem Vorgesetzten. Der junge General sah immer noch zweifelnd aus, aber letztendlich überwiegte dann doch seine Müdigkeit.Joséphine war diejenige gewesen, die mit der Situation am Abend zufrieden war- unglücklicherweise war sie weniger zufrieden mit den Umständen, als sie früh am nächsten Morgen aufwachte. Eingeschlafen waren die junge Frau und der Marquis Rücken an Rücken und mit dem größtmöglichen Abstand den sie zueinander einnehmen konnten, doch als Joséphine sich einige Stunden später aus dem Tal des Schlafes kämpfte, bemerkte sie die Schwere der Arme, die um ihre Mitte geschlungen waren, erschrak über den Gegenstand der zwischen ihre Schulterblätter gepresst war. Mit einer möglichst minimalen Bewegung ihres Kopfes, minimal im Angesicht ihres eingeschränkten Bewegungsspielraums und in Anbetracht der Tatsache, dass sie La Fayette noch alles an ungestörtem Schlaf gönnen wollte, den er kriegen konnte, versuchte sie den Grund für diese ungewöhnlichen Umstände herauszufinden.Ihre Observierung in dem schummrigen Raum, der einzig durch das Licht der aufgehenden Sonne, dass durch die Schlitze der Fensterläden drang, erhellt wurde, bestätigte ihre Befürchtung.Ihr junger Bettgefährte hatte sich wohl im Schlaf auf ihre Seite gedreht, hatte den Abstand zwischen ihnen überbrückt, seine Arme um sie geschlungen und schließlich sein Gesicht gegen ihren Rücken gedrückt. Zwar würde Joséphine La Fayette nie böse Absichten unterstellen, vielleicht vermisste er einfach nur das Gefühl jemanden im Arm zu halten- ein Gefühl das Joséphine nur zu gut kannte, der Krieg war kalt und einsam, aber dennoch war diese plötzliche Nähe mehr als nur unangenehm für die junge Frau.Vorsichtig, immer noch mit der Absicht La Fayette nicht zu wecken, drehte sie sich von der Seite auf den Rücken und begann sich langsam aus der Umklammerung zu lösen, begann behutsam von dem Strohhaufen zu gleiten.War das vollbracht, sammelte Joséphine im Halbdunkeln die Kleidungsstücke zusammen, die sie gestern noch ausgezogen hatte, namentlich ihre Stiefel und ihren Uniformmantel. Sie fragte sich, wie lange sie wohl geschlafen hatte, immerhin hatte sie niemand zum Wachdienst geweckt, obwohl die Sonne bereits kurz vorm Aufgehen war. Mit tapsigen Schritten begab sie sich in den fordern Teil der Scheune wo sie Washington, wach und erstaunlich munter vorfand. „Sie haben uns nicht geweckt General“, bemerkte der junge Arzt und zog somit Washingtons Aufmerksamkeit auf sich.„Doktor Deegen, guten Morgen. Nein, ich konnte mich nicht dazu überwinden einen von Ihnen beiden zu wecken, Sie sahen beide aus, als hätten Sie die Ruhe bitternötig“, meine der ältere Mann und lächelte milde als er seinen Blick an Friedrich vorbei und in die Richtung des noch immer schlafenden La Fayettes gleiten ließ. „Er hat Glück jemanden wie Sie zu haben Sir, wenn mir das zu sagen gestattet ist“, bemerkte Friedrich und erst als das Gesagte schon halb ausgesprochen hatte, wurde ihm bewusst wie unglaublich respektlos sein Verhalten war. Es stand ihm nicht zu, sich solche Kommentare zu Washingtons Beziehung mit dem Marquis zu erlauben. Doch der General schien glücklicherweise keinen Anstoß an dem Verhalten des Arztes genommen zu haben, und wenn doch ließ er sich nichts anmerken. Stattdessen vergingen einige Momente der Stille zwischen den beiden, bevor Washington sich langsam erhob. „Wir sollten alsbald aufbrechen. Die Sonne wird bald aufgehen und ich habe kein Interesse die Geduld unseres Gastgebers auf die Probe zu stellen.“Wie auf ein unsichtbares Zeichen hin wurde plötzlich die Tür zur Scheune geräuschvoll aufgerissen und der Besitzer erschien im Tor. „Sie müssen hier weg, eine britische Patrouille ist ins Dorf gekommen und durchsucht die Häuser und Scheunen. Sie vermuten hier eine kleine Gruppe kontinentaler Soldaten, welche ihnen gestern in dieser Gegend entwischt ist“, brachte der Mann keuchend hervor, offensichtlich war das Stück von seinem Haus bis zur Scheune gerannt.Friedrichs Herzschlag wurde bei diesen Worten unangenehm schnell. Sie hatten nur zwei gesunde Pferde und selbst die waren nach den gestrigen Strapazen erschöpft. Nie und nimmer könnte eines der Tiere zwei Reiter in Sicherheit bringen. Es stand also außer Frage, dass Friedrich zurückbleiben müsste. Der Marquis de La Fayette, der von dem plötzlichen Eintreten des Scheunenbesitzers geweckt worden war, schien noch nicht zu diesem Schluss gekommen zu sein. „Was machen wir nun?“, meinte er, während er in seine Stiefel schlüpfte. „Ich bleibe hier und Sie beide nehmen die Pferde“, erwiderte der junge Arzt und zuckte nicht einmal mit der Wimper. Zwar hatte er Angst, zwar wusste er, dass britische Kriegsgefangenschaft eine Gefahr für ihn darstellte, aber er wusste auch, dass Washington und La Fayette für den Kriegserfolg unerlässlich waren, Joséphine hingegen, Joséphine war ersätzlich. Aber sie war nicht dumm. Daher wusste sie auch ganz genau was sie tat, als sie nach dem Uniformmantel neben sich griff und La Fayette diesen in die Hand drückte während sie ihn gleichzeitig zur Hintertür scheuchte. Washington hatte die Pferde bereits ins Freie geführt und war aufgesessen.„Doktor Deegen, ich …“, erhob La Fayette noch ein letztes Mal Einspruch doch Joséphine ließ ihn nicht einmal zu Ende sprechen.„Nun geht schon“, drängte sie und hielt das Pferd des Marquis ruhig während dieser in den Sattel stieg. Für einen letzten Moment trafen sich die Blicke der beiden jungen Menschen und Joséphine konnte so etwas wie tiefe Dankbarkeit in den Augen ausmachen, bevor er sein Pferd wendete und in einen Galopp trieb5.Kaum hatte Joséphine die Hintertür wieder verriegelt und sich im Inneren der Scheune den zweiten Uniformmantel angezogen, da hörte sie auch schon das Hufgetrappel vor dem Vordertor der Scheune.Joséphine versuchte nicht sich zu verstecken, als die britischen Soldaten durch das Tor in die Scheune gelaufen kamen. Nein, ganz im Gegenteil, ihr Plan beruhte auf der Annahme, dass die Briten sie schnell finden würden. Dementsprechend schwer fiel es ihr dieses kleine Lächeln zu verbergen, als die feindlichen Soldaten auf sie zukamen, wie sie dort mit erhobenen Händen stand. Einige der Soldaten gingen an ihr vorbei und zielstrebig in Richtung der Hintertür durch die sie hinaus ins Freie traten, andere umzingelten sie, suchten nach Waffen und fischten schließlich ihre Papiere aus der Manteltasche. Der Kommandant der britischen Truppen, ein mittelalter, ausgemergelter Mann mit zu scharfen Gesichtszügen und zu hellem, dünnem Haar, nahm die Papiere entgegen und las sie mit dem größten Vergnügen. In der Zwischenzeit kamen auch die Soldaten wieder in die Scheune, die eben noch an der Hintertür gewesen waren. „Sir, es sieht aus, als seien zwei Reiter in Richtung Wald entkommen. Sollen wir sie verfolgen, Sir?“, fragte ein junger Gefreiter und zog unbewusst die Nase zusammen.„Nein, nein, das wird nicht nötig sein. Wer auch immer geflohen ist, der Hauptgewinn steht vor uns. Ihr werdet mich zum Hauptquartier begleiten und dort werden wir uns einmal unterhalten, immerhin haben wir schon so lange versucht, Euch zu fassen, nicht wahr, Marquis de La Fayette?“
Die ‘Germantown Quaker Petition Against Slavery’ von 1688 (es gab so ein ähnliches Dokument auch 1790) ist, obwohl recht kurz, ein wirklich interessantes Dokument, sowohl vom Inhalt als auch von der Rhetorik. Es basiert auf der biblischen „Goldenen Regel“ ohne dabei wirkliche Bezüge auf Gott zu nehmen. Die Verfasser haben nicht nur einen Einspruch gegen die Sklaverei verfasst, sondern praktisch auch die erste Erklärung universaler Menschenrechte – ich kann nur jedem empfehlen es einmal zu lesen.
Die Puritaner, eine christliche Glaubensgemeinschaft, die sehr früh nach Amerika kamen, sahen die Quäkern praktisch als Heiden und versuchten alles um die Quäker aus den Kolonien zu vertreiben. Von strengen Einwanderungs- und Glaubensgesetzen bis hin zu semi-öffentlichen Steinigungen in den Straßen von Boston war fast alles vertreten.
Ich bin ziemlich sicher, dass keine Nachfahren der Unterzeichner mehr leben, auch an das Haus, in dem die Petition verfasst und unterzeichnet wurde, erinnert nur noch eine Plakette, aber der Tisch, auf dem das Dokument verfasst und unterzeichnet wurde, ist bis heute zu besichtigen.
La Fayette wirkte wohl häufig als ein sehr optimistischer und fröhlicher junger Mann, aber gerade durch seine Jugend brauchte er immer wieder die Bestätigung von anderen- auch von Washington. In einigen seiner Briefe, besonders während seiner Zeit in Frankreich wird das deutlich. Generell kann aus diesen Briefen auch abgelesen werden, wie sich die Beziehung zwischen den beiden immer weiter entwickelt und schließlich auch bei Formulierungen wie „wie ein Sohn“ oder „wie ein Vater“ ankam.
Obwohl die hier beschriebene Situation fiktiv ist, hat sich eine ähnliche Situation vor der Schlacht von Brandywine zugetragen. Washington und La Fayette waren die Gegend auskundschaften (obwohl ihnen davon abgeraten wurde) und wurden dabei von einem Unwetter überrascht, sodass sie die Nacht in einer Scheune verbrachten. Die Scheune gehörte einem eingefleischten Royalisten, welcher die beiden einzig aus dem Grund nicht entdeckte, weil er wegen dem Unwetter am nächsten Morgen ausschlief.
----- CHAPTER BREAK -----
08. Juni 1778
You will remember that your detachment is a very valuable one, and that any accident happening to it would be a severe blow to this army. You will therefore use every possible precaution for its security, and to guard against a surprise.
George Washington an den Marquis de La Fayette vom 18. Mai 1778 Friedrich war im höchsten Maße zufrieden. Er hatte geplant die britischen Soldaten mit seiner kleinen Verkleidung aufzuhalten, um Washington und La Fayette einen Vorsprung vor ihren Verfolgern zu verschaffen. Dass der Hauptmann der Soldaten Friedrich den Gefallen tun würde, die Verfolgung nach seinem „Fund“ vollends einzustellen, hatte der junge Arzt ja nicht ahnen können. Damit hatte der Brite ihm praktisch in die Hände gespielt. Was für eine überaus erfreuliche Entwicklung.Wie verzweifelt versuchte Joséphine sich an diesen positiven Gedanken festzuklammern, denn andernfalls würde die Angst ihr wohl den Verstand rauben. Doch immerhin hatte sie ihre Aufgabe erfüllt, das war letztendlich doch das Wichtigste und mehr als viele Menschen von sich behaupten konnten. Egal was nun auch passieren mochte, die junge Frau konnte sich mit dem Gedanken trösten, dass ihr Handeln nicht umsonst gewesen war. Diesen Trost hatte sie auch bitter nötig – denn immerhin bildete sie sich nicht ein, dieses Schauspiel lange aufrechterhalten zu können. Die Situationen in denen sie am verwundbarsten war, wenn sie schlief, sich wusch oder die Kleidung wechselte, unterlagen nun nicht mehr einem von ihr bestimmten Rhythmus, nein, sie hatte die Kontrolle vollkommen verloren. Dazu die Wachen, in dessen Aufmerksamkeit sie sich von nun an befinden würde – und selbst wenn sie lange und geschickt über ihr Geschlecht hinweg täuschen könnte, würde den Briten bald auffallen, dass sie nicht der Marquis war. Solange die feindlichen Generäle noch getäuscht waren, würden sie versuchen über Gegenleistungen für die Freilassung des Marquis mit den Amerikanern, als auch mit den Franzosen zu verhandeln. Sie könnten den Austausch von ihren eigenen Männern fordern, eine beträchtliche Anzahl an eigenen Männern und vielleicht würden sie auch versuchen mit Frankreich, dessen Kriegsbemühungen zumindest offiziell noch recht jung waren, einen Friedensvertrag oder zumindest einen Waffenstillstand als Gegenleistung auszuhandeln. Spätestens aber, wenn weder der französische König noch der Kontinentalkongress auf die Forderungen eingehen würden, müssten die britischen Truppen den Schwindel durchschauen.Joséphine wollte sich nicht ausmalen, was dann mit ihr passieren würde. Solange man sie für den Marquis hielt, würde man sie nicht foltern und vernünftig, wenn nicht sogar privilegiert behandeln. Sollte ihre Farce jedoch auffliegen, dann war sie im besten Fall ein Mann, der sich in einer falschen Uniform und unter falschem Namen in das britische Lager geschleust hatte – ein Mann den man wohl für einen Spion halten und dementsprechend anklagen würde. Im schlimmsten Fall war sie eine Frau die sich als Mann verkleidet hatte, sich in das britische Lager eingeschleust hatte und dabei die Offiziere seiner Majestät zum Narren gehalten hatte. Wie die meisten Frauen ihrer Zeit wusste Joséphine, dass Männer nicht gerne von Frauen vorgeführt und zum Narren gehalten werden wollten – wahrscheinlich wäre es dann auch diese Tatsache, die ihr Urteil unterschreiben würde. Doch welches Urteil würde man über eine Frau fällen? Als ein Pfand zum Austausch war sie vollkommen wertlos und eine öffentliche Hinrichtung würde die involvierten Offiziere zwingen einzugestehen, dass diese Frau sie übertölpelt hatte. Nein, diese Szenarien würden nicht eintreten, doch Joséphine wünschte sich beinahe, dass sie es doch tun würden, denn anders blieb ihr nur die Angst, dass einige der Soldaten ihr persönliche eine Lektion erteilen und sie an ihre Stellung als Frau erinnern würden. La Fayettes Worte klangen durch ihren Kopf als sie sich daran erinnerte, wie er sie mit Jean d’Arc verglichen hatte. War sie nicht auch eine Gefangene der Briten gewesen und niemand ihrer Verbündeten, nicht einmal der Mann dem sie den Thron erobert hatte, war zu ihrer Hilfe gekommen, Hatte man ihr nicht versprochen, sie könne dem Flammentod entgehen, so sie nur wieder Frauenkleidung tragen würde. Und waren es nicht gerade die Wachen vor ihrer Zelle gewesen, die sie so sehr bedrängt hatten, dass sie zum Selbstschutz wieder begann Männerkleidung zu tragen, auch wenn das ihren sicheren Tod auf dem Scheiterhaufen bedeuten würde?Doch Joséphine würde es niemals so weit kommen lassen, nein, niemals! Zwar hatte sie keine Möglichkeit an ihre Arzttasche zu kommen, dessen Inhalt aus Mittelchen bestand, die, richtig dosiert und kombiniert, einen schnellen und beinahe schmerzfreien Tod garantieren konnten, aber sie wusste sich auch so zu helfen. Sich zu Tode zu hungern, würde zu lange dauern und dieses Vorhaben würde auch ihren Wachen nicht unbemerkt bleiben. Doch der Tod durch verdursten ließe sich viel schneller realisieren. Ein bisschen Glück und schon nach drei Tagen wären die Qualen vorbei – doch Qualen würden es werden. Sie hatte genügend Männer während ihres Dienstes an Wassermangel sterben sehen, um zu wissen was auf sie zukommen würde. Die Kopfschmerzen, das Herzrasen, ihr Kreislauf der absinken würde, Muskelkrämpfe, ihr Blut würde widerwärtig dick und klebrig in ihren Adern werden, ihre Haut würde austrocknen und jucken und ihre Konzentration schwinden – dennoch, mit ein wenig Willensstärke könnte sie all dies überspielen, bis es kein Zurück mehr gab. Doch die junge Frau wollte noch nicht an das Ende denken, nicht solange sie noch eine Rolle zu spielen hatte. Es galt immer noch Washington und La Fayette so viel Zeit wie möglich zu erkaufen, denn die beiden konnten es unmöglich in der Zwischenzeit bereits zurück zum kontinentalen Lager geschafft haben. Ein gewisser Stolz machte sich in ihrer Brust breit. Sie würde für ihre Taten zwar nicht in die Geschichte eingehen, aber fürwahr hatte sie heute ihrem Land gedient … und die Aussicht ihre Brüder und ihre Mère wiederzusehen, gaben ihr ebenfalls Kraft.Joséphine wurde in das Hauptquartier von General Henry Clinton1 nach Philadelphia gebracht. Für die junge Frau war es ein komisches Gefühl in diese Stadt, die doch solange auch ihre Heimat war, zurückzukehren, nun, unter diesen Umständen. Verändert hatte sich kaum etwas und dennoch war alles anders. Das Gebäude, welches dem britischen Oberbefehlshaber als Hauptquartier diente, war ein hochaufragendes Gebäude mit steinerner Fassade. Im Inneren fühlte er sich beinahe so an, als hätte sie gerade Washingtons Hauptquartier betreten, denn die schiere Menge an Papieren und die emsigen Aide-de-camps ließen schlichtweg keine andere Assoziation zu. Doch schon ward Joséphine von den Soldaten durch einen Flur geführt, bis sie schließlich vor Clintons Büro ankam. Vor Aufregung seinem Vorgesetzten von seinem Gefangene zu berichten, vergaß der Offizier, der den Trupp an Soldaten befehligt hatte, anzuklopfen. Ohne zu Zweifeln malte er sich schon seine Beförderung aus. Dementsprechend enthusiastisch öffnete er auch die Tür und trat ein, stieß Joséphine recht unsanft vor sich durch die Tür.„General Clinton, ich kann Ihnen mit Freude berichten, dass meine Männer und ich heute Morgen den Marquis de La Fayette höchst selbst gefangenen genommen haben.“ Der Mann, der in dem Büro hinter einem Schreibtisch aus massiven Holz saß, aller Logik nach General Clinton, erhob sich augenblicklich, seine wachen Augen glitten von Joséphine zu dem britischen Offizier und wieder zurück. Joséphine mochte die Art nicht, wie der Brite sie musterte, als ob sie ein Stück Vieh auf dem Markt wäre. Minuten vergingen so zwischen den drei Personen, bis Clinton sich räusperte, seine Züge waren kontrolliert und dennoch konnte er nicht verhindern, dass seine Mundwinkel sich ein wenig nach oben zogen.„Colonel Lewis, war der Marquis in Begleitung als Sie und Ihre Männer seiner habhaft geworden sind?“„Ja Sir! Allem Anschein nach waren noch zwei weitere Männer bei ihm.“„Welche Sie ebenfalls festgesetzt haben, wie ich hoffe.“„Nein Sir, unsere Aufmerksamkeit galt dem Marquis, ich hielt die beiden anderen Männer nicht für wichtig.“Joséphine folgte dem Austausch der beiden Offiziere während ihre Finger mit dem Saum von ihrem - La Fayettes - Uniformmantel spielten. Irgendwie mochte sie den Weg nicht, den diese Unterhaltung einschlug. Clinton war nun noch einen Schritt näher an sie heran getreten und starrte ihr direkt in die Augen bevor sein Gesicht sich zu einem breiten Lächeln verzerrte. In einer Geste des spöttischen Beifalls klatschte er langsam in die Hände. „Wirklich gut, ich bin beeindruckt“, erklärte er ohne den Blick von Joséphine zu nehmen.„Danke Sir!“, erwiderte Colonel Lewis und die junge Ärztin konnte den Stolz in seiner Stimme hören. Doch dann kam alles anders.„Ich bin nicht von Ihnen beeindruckt Colonel Lewis – ganz im Gegenteil. Entweder sind Sie eine Schande für alle Soldaten seiner Majestät oder dieser Mann hier vor mir ist eine Zierde für dieses Pack das sich Kontinentalarmee nennt. Aus Rücksicht auf Sie Colonel, bin ich gewillt letzteres anzunehmen“, verkündete Clinton und Joséphine musste den Angesprochenen nicht sehen, um zu wissen, wie ihm alle Gesichtszüge entglitten.„General Clinton, ich verstehe nicht, dieser Mann ist-“„Nicht der Marquis de La Fayette. Um ehrlich zu sein, bin ich nach Ihrer Schilderung der Umstände davon überzeugt, dass Sie den wahren Marquis haben entwischen lassen, als Sie sich mit diesem falschen Marquis aufgehalten haben, nicht wahr Sir“, meinte Clinton und adressierte diesen letzten Teil direkt an Joséphine. Diese blieb still, ein Verhalten was ihr nur eine hochgezogene Augenbraue als Reaktion einbrachte. „Dann eben nicht Sir, aber dennoch, ich stehe zu meinem Wort. Sie haben mich beeindruckt. Sie haben meine Männer ziemlich an der Nase herum geführt und damit einen gewaltigen Rückschlag für die Kolonisten verhindert. Ich muss zugeben, Sie hätten sogar mich um ein Haar getäuscht, immerhin haben Sie nicht nur die gleiche Größe und Statur wie der Marquis, Sie haben auch noch die gleiche Haarfarbe und wenn Sie endlich einmal den Mund aufmachen würden, dann traue ich Ihnen zu, mit demselben französischen Akzent zu sprechen. Doch leider haben Sie nun einmal nicht das Gesicht des Marquis. Wie bereits erwähnt, hätten Sie wohl jeden anderen Mann damit eine Zeit hinters Licht führen können, aber man hat sie nun einmal zu mir gebracht und sie konnten nicht wissen, dass der Marquis und ich uns bei seinem Besuch in London2 begegnet sind. Eine kurze Begegnung zwar, die auch schon einige Jahre zurück liegt, aber dennoch erkenne ich, dass Sie nur vorgeben der Marquis zu sein. Möchten Sie sich dazu äußern?“, fragte Clinton. Wieder schwieg Joséphine.„Sie ziehen es also vor zu Schweigen? Nun gut, soll mir Recht sein, doch wenn wir Sie einem Militärgericht vorführen, werden Sie schon den Mund aufmachen müssen. Es sei denn natürlich, Sie möchten oder können keine Aussage zu Ihren Gunsten machen. Doch unter uns, egal was Sie vielleicht auch vorzubringen haben, nach dieser Scharade und mit falschen Papieren in der Tasche, wird man Sie zweifelsohne als Spion verurteilen und hängen. Schade eigentlich, in der Armee Ihres Königs hätten Sie es mit ihrem scharfen Verstand vielleicht weit bringen können, aber Sie mussten sich ja in den Dienst dieser rebellischen Kolonien stellen.“ Noch während er geredet hatte, hatte Clinton wieder seinen Platz am Schreibtisch eingenommen und nach Papier und Feder gegriffen – wahrscheinlich um einen Haftbefehl für Joséphine aufzusetzen. Diese konnte seine Panik kaum noch unterdrücken. Natürlich hatte sie mit solch einer Entwicklung gerechnet, war vor wenigen Stunden noch ihre Optionen durchgegangen, doch sie hatte gedacht, dass sie etwas mehr Zeit hätte. Nicht, dass es im Großen und Ganzen etwas verändert hätte, La Fayette und Washington waren mittlerweile wieder sicher im kontinentalen Lager, das war das Wichtigste, aber die junge Ärztin hatte gehofft noch etwas mehr Zeit zu haben, um sich mit ihrem Schicksal anzufreunden.Mit einem Mal merkte sie nicht nur wie ihr Herz schmerzhaft heftig gegen ihren Brustkorb schlug, sondern auch wie ihre Hände schwitzig wurden und sie musste tatsächlich bewusst auf ihre Atmung achten, um nicht zu hyperventilieren. Krampfhaft fuhr sie sich mit der Zunge über die Lippen, krampfhaft, da sie das große Bedürfnis hatte, etwas zu sagen, irgendetwas, aber ihr Kopf war vollkommen leergefegt. Ihr Mund war staubtrocken.Das Wunder begann mit einem leisen Klopfen an der Bürotür Clintons und einer Person, die in ihrer Eile eintrat, ohne auf eine Erlaubnis gewartet zu haben.„General Clinton, Sir, ich habe hier die Papiere um die Sie gebeten haben. Die Berechnungen stimmen nun-“ sprudelte es nur so aus Doktor Edward Wilson hervor, als er in das Büro trat. Ein Verhalten das ihm schnell die Aufmerksamkeit aller Anwesenden einbrachte. Doch sobald Wilsons Blick durch den Raum geschweift war und er die Situation erfasst hatte, setzte er sofort zu einer Entschuldigung an, der vorbildliche Soldat, der er war.„Verzeiht General, mir war nicht bewusst, dass Ihr beschäftigt seid, ich werde später widerkommen, wenn – Deegen? Was um alles in der Welt machen Sie hier?“„Sie kennen diesen Mann, diesen Rebellen, Doktor Wilson?“, hakte Clinton nach und zog skeptisch die Augenbrauen zusammen.„Ja, Sir, dieser Mann ist Doktor Deegen, ein Arzt wie ich selber und mir durchaus bekannt.“„Dann haben Sie sehr viel zu erklären, denn dieser Mann steht im Verdacht ein Spion zu sein“, konterte der General harsch, doch Wilson zuckte nicht. In Friedrich keimte die leiseste, die kleinste Hoffnung, dass Wilson ihn vielleicht irgendwie retten würde, was auch immer seine Beweggründe sein mögen.„Natürlich General, ich werde den kompletten Sachverhalt aufklären, allerdings würde ich es vorziehen diese Unterhaltung … privat zu führen“, meinte der britische Arzt und sah dabei zu Colonel Lewis herüber. Dieser verstand das Zeichen und hatte das Zimmer beinahe schon verlassen bevor Clinton es gestattet hatte. Bestimmt war er sehr erleichtert der Situation, diesem Desaster, zu entkommen.Als die Tür hinter dem Colonel wieder geschlossen war, fuhr Wilson fort. „Sie haben ganz Recht Sir, dieser Mann, Doktor Friedrich Deegen, ist ein Spion. Nun ja, Spion ist vielleicht ein sehr hartes Wort, er ist mehr ein Informant“, begann Wilson und Friedrich schoss ein einziger Gedanke durch den Kopf. Zu früh gefreut. Natürlich!„Aber Sie täuschen sich in seinen Absichten Sir, denn Doktor Deegen ist einer unserer Informanten.“„Was soll das heißen“, fragte Clinton und zog seine Stirn nur noch krauser. Friedrich fragte sich das Gleiche, was hatte Wilson vor?„Nun Sir, ich hatte Ihnen doch von dem kontinentalen Arzt berichtet, den ich nach der Schlacht von Princeton kennengelernt hatte, nicht? Der Arzt der im medizinischen Department unter Doktor Rush, einem der Unterzeichner der Unabhängigkeitserklärung, gearbeitet hatte und der dessen Vertrauen genoss.“„Aber natürlich, Sie wollten versuchen Ihm die ‚Augen zu öffnen‘ und für unsere Seite gewinnen, doch er hat sich geweigert, sagten Sie.“„Das ist richtig Sir, das habe ich gesagt, aber da war ich nicht ganz ehrlich mit Ihnen. Doktor Deegen hat mir nicht nur in nahezu all meinen Punkten zugestimmt, er hat auch eingewilligt mir Informationen zu zuspielen, um ein weiteres Blutvergießen zu verhindern.“„Möchten Sie damit andeuten, dass Sie mich, Ihren vorgesetzten Offizier, bewusst getäuscht und belogen haben?“„Ja Sir, mein Verhalten tut mir Leid, aber ich würde es wieder so tun. Sie haben selber gesagt, wie wichtig es für uns ist, Personen innerhalb der Kontinentalarmee für uns zu gewinnen und absolute Verschwiegenheit war die einzige Bedingung die Doktor Deegen für seine Kooperation gefordert hatte. Er hat eine große Familie, welche aufgrund ihrer Religion und ihres ethnischen Hintergrunds schon genügend Repressalien ausgesetzt ist. Er weiß, dass Spione von und für beide Seiten überall lauern und wollte daher kein Risiko eingehen“, erklärte Wilson und Friedrich verlagerte sein Gewicht von einem Bein auf das andere. Wilson hielt doch tatsächlich den Kopf für ihn hin.„Das ist eine wilde Geschichte, die Sie mir da präsentieren, Doktor Wilson, Sie wissen, dass ich große Stücke auf Sie halte, aber ich vertraue in diesem Fall Ihrem bisherigen Urteil noch nicht. Wenn dieser Mann hier wirklich Informationen weitergegeben hat, wie kommt es dann, dass mir diese Informationen nie zu Augen gekommen sind?“, fragte Clinton kritisch und beugte sich etwas vor. Wilson schluckte hörbar, anscheinend hatte diese Frage ihn aus dem Tritt gebracht. Friedrich gab seinem zukünftigen Schwager ein paar Sekunden, bevor er vortrat. Wilson hatte weiß Gott schon genug für ihn getan, nun war es an ihm selbst, etwas zu unternehmen.„Sir, dürfte ich auch etwas sagen?“, wandte sich der junge Arzt daher vorsichtig an Clinton.„Sie können also doch reden. Also bitte, nur zu, erleuchten Sie mich.“„Sir, ich bin kein General oder Offizier, ich bin kein Geheimdienstagent, ich bin bloß Arzt. Die Information die mir in die Hände fallen sind sporadisch und meistens für Sie nicht wirklich hilfreich, oder schon so alt, dass ich annehmen konnte, Sie wurden bereits durch eine andere Quelle informiert. Meistens konnte ich nur Auskunft über Vorräte und Versorgungslieferungen, über die Standorte neuer Hospitäler machen. Allerdings habe ich auch Papiere gefälscht. Sir, sie müssen wissen, dass es zu meinen Aufgaben gehörte, mich um die Kriegsgefangenen zu kümmern. Ich habe sehr akkurate Listen über die Gefangenen und ihre gesundheitliche Verfassung gemacht, ich habe höheren Offizieren die vielleicht im Besitz brisanter Informationen sind, falsche Papiere ausgestellt, die sie zu einfachen Gefreiten gemacht haben, uninteressant für unsere Geheimdienstoffiziere. Von Zeit zu Zeit habe ich dann Gefangene entwischen lassen, habe mich für sie um eine Geschichte, eine Tarnung und die richtigen Papiere gekümmert.“Clinton hatte die gesamte Zeit aufmerksam Friedrichs Ausführungen gelauscht und nun war auf seinen Lippen wieder dasselbe kleine Lächeln, welches es auch war, als er Friedrich das erste Mal gemustert hatte. „Colonel Tramsel, Sie steckten hinter seiner Rückkehr in das Camp. Wenn das so ist, bin ich Ihnen zu Dank verpflichtet“, erklärte Clinton und lächelte nun richtig. Aus einem Instinkt heraus, einer inneren Stimme in seinem Kopf zu folge, schüttelte der amerikanische Arzt ganz langsam den Kopf. „Nein Sir, da müssen Sie sich irren, einem Colonel Tramsel bin ich nie begegnet – ich meine vielleicht hat er mir damals nicht seinen richtigen Namen verraten, aber nein, der Name ist mir nicht bekannt.“„Gut. Hätten Sie bejaht, hätte ich Sie auf der Stelle verhaften lassen, denn den Namen habe ich mir eben gerade ausgedacht. Doch je mehr Sie sagen, desto mehr bin ich gewillt Ihrer Geschichte Glauben zu schenken. Doktor Wilson scheint Ihnen zu vertrauen und ich vertraue Doktor Wilson. Doch erklären Sie mir, was Sie nun veranlasst hat, ins britische Lager zu kommen – noch dazu in dieser Aufmachung.“„Das würde ich allerdings auch gerne wissen, Deegen, die ganze Zeit haben Sie auf Ihre Mittelsmänner und tote Briefkästen bestanden und nun kommen Sie hier einfach hereinspaziert, offensichtlicher hätten Sie es ja wohl kaum machen können“, mischte sich nun auch Wilson wieder in die Unterhaltung ein.„Ich habe Informationen der größten Dringlichkeit, Informationen mit deren Mitteilung ich nicht warten, noch jemand anderen beauftragen konnte. Zudem hat dieses kleine Schauspiel mir das vollkommene Vertrauen Generals La Fayettes eingebracht.“„Und diese Informationen wären?“, fragte Clinton und kniff die Augen zusammen.„Die Informationen die ich habe, betreffen General Washington. Er ist krank.“„Krank?“„Ich spreche nicht von einer Trivialität, wie einer Sommergrippe oder sonst etwas, nein, Washington ist ernsthaft krank und ich bin nicht der Einzige der annimmt, dass diese Krankheit ihn das Leben kosten könnte.“„Woran ist er erkrankt“, fragte Wilson, die ärztlichen Instinkte hatten übernommen.„Nun ja, ich war mir anfangs nicht ganz sicher. Sehen Sie Sir, über Washingtons Gesundheitszustand wurde ein großes Geheimnis gemacht. Er hat sich gerade nur noch so häufig in der Öffentlichkeit gezeigt, als das es die wildesten Gerüchte zurückhielt. Aber hinter den Kulissen hat General Greene schon lange übernommen. Ich bin nicht mehr Teil des medizinischen Departments sondern mittlerweile der Stabsarzt des Marquis de La Fayettes, sodass ich gehofft hatte unauffällig ein paar Fragen stellen zu können, aber da war ich im Irrtum. Washingtons Leibarzt, Doktor Craik, ist kein Wort über die Lippen gekommen und hat somit meinen Eindruck nur noch verstärkt, dass es sich um etwas Ernstes handeln muss. Nicht einmal sein Lehrling, ein junger Mann, der nach seinem Studium zu Doktor Craik gekommen ist, wurde mit ins Vertrauen gezogen. Sehen sie besagter Lehrling ist ein ehemaliger Kommilitone von mir und äußerst redselig – besonders nach einem Glas Wein. Er konnte mir zwar nichts Näheres sagen, hat aber äußerst bereitwillig die Rezeptur für die Arznei mit mir geteilt, die er in Craiks Auftrag für Washington regelmäßig anzusetzen hat: Eine halbe Unze arabisches Gummi, sieben Körner Salpeter, eine Unze Wasser, zwei Dramen Sirup aus Eibischwurzeln und drei Tropfen Laudanum3. Ich denke nach dieser Schilderung kommen Sie zu der gleichen Schlussfolgerung wie ich, Doktor Wilson“, beendete Friedrich seinen Bericht. Tatsächliche starrte Wilson ihm mit weitoffenen Augen an. „Das würde ja heißen …“„Exakt. Auch all die anderen Symptome, die ich beobachten konnte, unterstützen diese Diagnose.“ Friedrichs süffisantes Lächeln war nicht echt, Gott, er war noch immer so angespannt, dass ihm elendig zu Mute war, aber er bildete sich ein, eine gute Vorstellung gegeben zu haben. Wilson und er funktionierten wie zwei Zahnräder die perfekt auf einander abgestimmt waren.„Ich störe Sie in Ihrem Enthusiasmus nur ungern meine Herren, aber würden Sie die Güte haben und Ihre Erkenntnisse so zu schildern, dass auch ein Mann, der nicht Medizin studiert hat, folgen kann“, bat Clinton und klang dabei eine Spur ungehalten. „Natürlich Sir“, fing Wilson sich wieder und senkte respektvoll den Kopf. „Mein Kollege und ich sind der Überzeugung, dass Washington an einer Entzündung des Magens leidet. Eine schmerzvolle und nur schwer zu heilende Krankheit, selbst unter den besten Umständen. Auch wenn Washington aufgrund seines Postens vielleicht eine bevorzugte Behandlung erfährt, ist immer noch Krieg. Bestimmte Güter sind knapp und der Stress seines Postens wird dem Patienten auch nicht zuträglich sein. Dazu kommt, dass Washington auch nicht mehr der Jüngste ist. Mit Verlaub General Clinton, aber wenn diese Berichte stimmen – und ich sehe keinen Grund an ihrer Richtigkeit zu zweifeln, dann wird die Kontinentalarmee schon sehr bald ohne Kommandanten dastehen.“Clinton schlug mit der flachen Hand auf den Tisch bevor er aufstand, den beiden Männern den Rücken kehrte und sich gen Fenster wandte. „Das könnte unsere Chance sein, ein schnelles Ende dieses Konfliktes herbeiführen. Sollte Washington tatsächlich das Zeitliche segnen oder auch nur aufgrund einer längeren Konvaleszenz sein Kommando aufgeben müssen, würde der Kongress sich in ewig langen Debatten über seinen Nachfolger verfangen, das tun sie ja schon die ganze Zeit. Darüber hinaus die Soldaten, es mag einem schon fast so erscheinen, als ob ein Großteil nur noch durch die Treue und den Glauben an Washington in der Armee gehalten wird und durch sonst nichts.“„Wenn man es geschickt anstellt, dann kann ein neuer Oberbefehlshaber eingesetzt werden, der den britischen Verhandlungsgesuchen aufgeschlossener gegenüber steht. Voraussetzung dafür wäre von nun an wahrscheinlich auch die Zustimmung der französischen Allianzpartner und für den französischen König hat das Wort des Marquis de La Fayette momentan sehr viel Gewicht. Wie bereits erwähnt bin ich mittlerweile Mitglied des Stabes und der Marquis vertraut meinem Urteil, ganz besonders wenn es darum geht, die Tauglichkeit von Männern zu beurteilen, deren Namen er vor einem guten Jahr noch nicht einmal vernünftig aussprechen konnte“, erläuterte Friedrich.General Clinton sah ihn einen Moment lang mit zusammengekniffenen Augen an. „Möchten Sie damit andeuten, dass Sie wohlmöglich die Auswahl des künftigen Oberbefehlshabers beeinflussen können?“„Nun ja Sir, innerhalb gewisser Bahnen sicherlich. Ich werde den Marquis von keinem General überzeugen können, der sich vorher öffentlich gegen Washington gestellt hat, dafür ist der junge Marquis zu loyal, aber einen gewissen Einfluss kann ich wohl doch ausüben.“„Ein wirklich interessanter Vorschlag, Doktor Deegen, ich werde mich mit meinen Kollegen beraten und Ihnen dann mitteilen, wie wir uns entschieden haben und wie das weitere Vorgehen aussieht, ja? Solange, werde ich Ihnen ein Zimmer zuweisen, in dem Sie bleiben können“, erklärte Clinton und ließ dabei das ‚und mit einer Wache vor der Tür‘, unausgesprochen.„General Clinton, Sir, dürfte ich einen Vorschlag machen?“, ergriff Wilson erneut das Wort und räusperte sich. „Mit der Evakuierung Philadelphias sehen wir Ärzte uns mit sehr viel Arbeit konfrontiert – ohne, dass wir uns auch noch um die amerikanischen Kriegsgefangenen kümmern müssen. Doktor Deegen ist ein studierter Arzt und diese Rebellen werden ihm gegenüber auch bestimmt gesprächiger und kooperativer sein, als bei unseren Ärzten. Sir, so eine Möglichkeit sollten wir nicht verschenken“, argumentierte der Brite und fügte hinzu, da Clinton immer noch skeptisch schien. „Sir, ich bürge für Doktor Deegen, er empfindet nicht weniger Respekt vor unserem König als Sie Sir.“Schließlich nickte der General mit dem Kopf und wies Wilson ein, Deegen die Quartiere der amerikanischen Gefangenen zu zeigen – dass ließ sich der Arzt nicht zwei Mal sagen und so führte er seinen Kollegen hinaus auf den Flur, an den noch immer wartenden und reichlich verdutzten Soldaten vorbei und dann in eine kleine dunkle Kammer. Erst als die Tür hinter ihnen verriegelt war, wagte man wieder frei zu atmen. Für einen Moment sprach keiner der beiden ein Wort, man war noch zu sehr damit beschäftigt zu verarbeiten, was gerade geschehen war. Schließlich sprach Friedrich zuerst.„Ich kann Ihnen gar nicht genug danken Sir, ohne Ihr schnelles Handeln würde ich wahrscheinlich heute Abend schon am Galgen gehangen haben.“„Ja, ja, wahrscheinlich. Gott, was habe ich nur getan, ich habe meinen General nach Strich und Faden belogen, ich habe mir die tollsten Dinge ausgedacht.“„Es tut mir leid, wenn Sie meinetwegen Probleme bekommen, Sir.“Plötzlich machte Wilson eine abweisende Handbewegung und lächelte schief. „Clinton vertraut mir, ich bin mittlerweile sein Leibarzt, mir wird schon nichts passieren, aber Sie, Sie müssen hier so schnell wie möglich raus, bevor, man Ihre Geschichte durchschaut.“ Als er geendet hatte, blickte er in Friedrichs fragendes Gesicht.„Sie fragen sich sicherlich, warum ich das alles für Sie tue, nicht wahr?“„Ja, Doktor Wilson, der Gedanke ist mir durchaus gekommen.“„Nun Doktor Deegen, es ist so, als ich in Germantown stationiert war, da … da hab ich jemanden kennengelernt und-“„Sie und meine Schwester, ich weiß.“„Sie wissen …und Sie haben nichts dagegen?“„Ich halte Sie für einen guten und loyalen Mann, deshalb nein, ich habe nichts dagegen und das habe ich Hanni auch gesagt. Überhaupt, wo ist Hanni, ich würde sie gerne sehen, wenn ich darf. Meine Nichte oder meinen Neffen natürlich auch, wenn es denn schon so weit ist.“ Wilson starrte sein Gegenüber mit schreckensweiten Augen an. „Was soll das heißen, wo ist sie? Warum nehmen Sie an, dass Hanni bei mir ist und haben Sie gerade etwas von einem Kind gesagt?“ Nun war es an Friedrich zu erbleichen. Nein, nein, dass durfte einfach nicht sein. Nicht Hanni, nicht seine kleine, liebe, gute Hanni.„Hanni hat mich in unserem Winterlager in Valley Forge aufgesucht und mir von ihrer Beziehung zu Ihnen berichtet. Sie sagte sie sei mit Ihrem Kind schwanger und wollte daher einen Weg finden Sie im britischen Lager zu erreichen. Das muss so Mitte Januar gewesen sein, um den Siebzehnten herum.“ Wilson fuhr sich mit der flachen Hand über das Gesicht. „Das ist meine Schuld, wenn ich sie nur sofort geheiratet hätte, wenn ich mich nicht auf diese eine Nacht eingelassen hätte – sollte ihr oder unserem Kind etwas passieren, könnte ich mir das niemals verzeihen.“ Tränen begannen sich in seinen Augen zu sammeln und mehr aus Reflex als aus einer Überlegung heraus zog Friedrich sein gegenüber in eine Umarmung. Als ob diese Geste ihm den Rest gegeben hatte, begann Wilson in Friedrichs Armen nun bitterlich zu schluchzen. Joséphine weinte nicht, sie fühlte sich einfach nur unheimlich leer, aber trotzdem nicht einmal annähernd so verzweifelt wie Wilson. Sie kannte ihre Schwester und nachdem der erste Schock sich gelichtet hatte, klammerte sie sich an die Überzeugung, dass Hanni ebenso eine Kämpferin war wie sie selbst. Außerdem wusste die junge Frau, dass für Hanni ebenso wie für sie selber die Familie an oberster Stelle stand – nie würde sie zulassen, dass ihrem Kind etwas passieren würde.Die nächsten Tage, die Friedrich als Arzt mit den amerikanischen Kriegsgefangenen verbrachte, waren erstaunlich belohnend, auf ihre ganz eigene Art und Weise. Die Arbeit selber war schrecklich – auch wenn die Briten sich im Großen und Ganzen Mühe mit den Gefangenen gegeben hatten, waren die Zustände mitunter erbärmlich. Insbesondere die Gefangenen die von den Gefangenenschiffen4 im Hafen Philadelphias kamen, waren krank und verletzt und häufig genug konnte Friedrich nicht mehr viel für sie tun und nur hoffen, man würde sie bald austauschen und ihnen so die Möglichkeit geben, sich von selber wieder zu erholen. Doch alleine zu sehen, wie die Augen der Männer ein wenig hoffnungsvoller wurden, wenn sie Friedrich sahen, wenn sie mit einem einfachen Kopfnicken wertschätzten, dass sich jemand wirklich um sie kümmerte, dass jemand da war und sie nicht nur als Gefangene, nicht nur als eine Bürde ansah. Des Vertrauens seiner Patienten sicher, fühlte Friedrich sich fast schuldig, schuldig dafür ein falsches Spiel zu spielen und Informationen an General Clinton weiterzugeben. Denn so sah sein Tagesablauf aus. Morgens wurde er von Wilson aus seinem Quartier, vor dem eine Wache postiert wurde, abgeholt und zu den amerikanischen Kriegsgefangenen gebracht. Dort arbeitete er bis zum frühen Nachmittag, um dann mit seinen britischen Kollegen Mittag zu essen, danach arbeitete er weiter bis zum Abend, bis Wilson in abholte und erneut zu seiner Unterkunft zurückgeleitete, dort aß er ein spärliches Abendbrot und wurde dann, gut eine Stunde später, von einer Wache in das Büro von Clinton gebracht, welchem er dann Rede und Antwort zu stehen hatte. Manchmal waren auch noch andere hochrangige Offiziere anwesend. Zwar versuchte Friedrich so wenig heikle Informationen wie möglich weiter zugeben, aber was sollte er tun? Sein eigenes Schicksal war ihm mehr oder weniger egal, aber Wilson hatte den Kopf für ihn hingehalten, hatte für ihn gebürgt und deswegen musste Friedrich die Scharade aufrechterhalten – musste es auch für seine Schwester tun und die Familie hatte eindeutig Priorität vor der Armee.Wilson hatte auf britischer Seite nach ihr oder jemanden auf den ihre Beschreiung passte, Ausschau gehalten. Vergebens. Friedrich würde das Gleiche im amerikanischen Lager und in nahegelegenen Quäkergemeinden tun, sobald er konnte. Doch trotz ihrer gemeinsamen Bemühungen, merkte der junge Arzt, wie Wilson zunehmend verzweifelte, wie die Vorwürfe an ihm nagten. Würden Hanni und ihr Kind nicht bald lebend und wohlauf gefunden werden, so befürchtete Friedrich, dass Wilson vollkommen zusammen brechen würde. Körperlich wie auch mental. Diese Einschätzung konnte der Deutsch-Amerikaner treffen, da sich zwischen den beiden eine außergewöhnlich starke Bindung entwickelt hatte – sie beide stellten Familie über alles und die Aussicht bald einer Familie anzugehören, stellte jede Frage nach Nationalität und Königstreue in den Schatten. Zum anderen sahen sie sich regelmäßig und unterhielten sich bei diesen Gelegenheiten beinahe ungezwungen. Sie waren gerade in ein solches Gespräch vertieft, als sie auf ihrem Weg zu Friedrichs Unterkunft, die der junge Arzt übrigens nur in Begleitung Wilsons oder einer Wache verlassen durfte, an einem Lazarett vorbei kamen, dass bisher nie Friedrichs Aufmerksamkeit erregt hatte. Deshalb fragte er, neugierig an Wilson gewandt, nach dessen Bewandtnis.„Zerbrich dir darüber nicht den Kopf Friedrich, in das Lazarett werden die Männer zum Sterben gebracht. Egal ob Briten, Hessen oder Kolonist, dort wird nicht mehr unterschieden. Zweimal am Tag wird ihnen Essen und Wasser gebracht und die Eimer für ihre Notdurft geleert – obwohl die meisten Patienten zu schwach sind, als dass man sie es noch bis zu einem Eimer schaffen. Jeden Morgen werden außerdem die Toten der vergangenen Nacht abgeholt, gut und gerne einmal zehn Mann. Viele der amerikanischen Patienten kommen direkt von den Gefangenenschiffen, da wundert ihr Zustand dann auch nicht weiter.“„Das heißt man gibt sie einfach auf. Sie alle?“, wollte Friedrich schockiert wissen.„Ach komm mir nicht so, aufgeben, du weißt so gut wie ich, dass man einigen nicht mehr helfen kann. Überzeuge dich gerne selber. Pass nur auf, der Gestank ist bestialisch“, meinte Wilson und folgte Friedrich als dieser wie angedeutet auf das Lazarett zusteuerte.Der Gestank war in der Tat bestialisch. So bestialisch, dass der junge Arzt prompt wieder einen Schritt zurück machte. Er spürte die Galle in seinem Hals hochsteigen, obwohl er an strenge Gerüche in Krankenhäusern gewöhnt war. Entschlossen wagte er sich nach einigen Augenblicken wieder in das Innere, dieses Mal mental gewappnet. Nicht, dass es ihm viel half. Das Licht war schummrig und Friedrich hörte mehr als das er die Männer in ihren Krankenbetten sah, hörte ihr Stöhnen, ihr Jammern, ihre Klagen. Er roch sie auch, roch die eitrigen Wunden, den Wundbrand und das Erbrochene, roch das Blut, den Schweiß und die Fäkalien. Wilson stieß ihn von hinten leicht gegen den Arm, unbeabsichtigt wohl. „Lass uns wieder gehen“, drängte er, doch Friedrich war zu sehr gefesselt. Zaghaft, in der Angst was er noch entdecken und wahrnehmen würde, schritt er noch ein paar Schritte weiter, bevor ihn plötzlich alles überkam. Ganz so als ob Wilson seine Grenze noch vor ihm selber erkannt hatte, packte der Brite Friedrich sanft an den Schultern und führte ihn heraus. Er traf auf keinen Widerstand. Friedrich wollte keine Sekunde länger an solch einem hoffnungslosen Ort verweilen. Doch dann, mit dem Rücken schon zum Raum, hörte er plötzlich die Stimme. „Phine, mein kleines Phinchen, bist du es wirklich?“.Nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, und wenn doch?, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein … Joséphine glaubte für einen Moment zu ersticken, hatte das Gefühl zu verbrennen, hatte das Gefühl auf jede nur erdenkliche Art und Weise gleichzeitig zu sterben. Langsam oder vielleicht auch in großer Eile drehte sie sich in Richtung der Stimme um. Etwas in ihr sträubte sich dagegen, würde sie es nicht sehen, könnte sie sich einreden, dass es alles nur ein böser, böser Traum war, ein Traum aus dem man erwachen konnte. Instinktiv machte sie ein paar weitere Schritte in den Raum hinein. „Onkel Louis?“„Oh mein liebes Kind, du bist es wirklich“, kam die erstickte Antwort. Joséphine ließ sich neben dem behelfsmäßigen Bett nieder, ihre Beine hätten eh keine Minute länger mehr ihren Dienst getan.„Onkel Louis?“, wiederholte sie, ohne zu wissen, warum eigentlich. Sie sah ihn doch klar und deutlich vor sich liegen. Das Gesicht blass und eingefallen, ein tiefer Schnitt auf der Stirn.„Dann hat Gott meine Gebete erhört.“„Was machst du hier an diesem grauenvollen Ort, warum … ich hole dich hier raus, hörst du? Ich lasse dich hier nicht sterben. Ich-“„Phine, für all das ist es nun zu spät. Aber sorge dich nicht, meine Liebe, ich bin recht glücklich, jetzt wo du hier bei mir bist und bald werde ich auch deine Mutter endlich wiedersehen … ah, wie sehr ich mich danach sehne.“Joséphine lenkte ihren Blick auf Louis Brustkorb, spürte die krampfhaften Atemzüge die er nahm. Sie wollte schreien, wollte weinen doch für all das fehlte ihr die Kraft, sie hockte einfach nur dort und flüsterte Nichtigkeiten. Es widerte sie an, wirklich, es war vielleicht das letzte Mal, dass sie mit ihrem Onkel sprechen konnte und sie konnte nichts Ernsthaftes hervorbringen … doch andererseits verloren all die Dinge die sagen könnte ihre Bedeutung in Angesicht der Situation. Onkel Louis hatte seine Hand liebevoll auf ihr Haar gelegt und damit ihrem Verhalten doch auch irgendwie seinen Segen gegeben, nicht? Plötzlich kam Joséphine ein Gedanke und ihr Kopf schnellte hoch. Mit einem sachten Winken, deutete sie Wilson an, welcher bisher einen sehr respektvollen Abstand gewahrt hatte, näher zu treten. Die Tränen rannen der jungen Frau mittlerweile ungehindert über die Wangen und sie nahm daran keinen Anstoß. „Onkel Louis, das hier ist Doktor Edward Wilson, er ist mit Hanni verlobt, sie erwarten ein Kind. Die Umstände ihrer Vereinigung sind etwas … komplizierter und deshalb konnte Vater der Ehe nie seinen Segen geben, magst du an seiner Statt dein Einverständnis geben?“Onkel Louis drehte seinen Kopf ein wenig, um Wilson besser in Augenschein nehmen zu können, um sich aufzusetzen hatte er keine Kraft mehr. „Hat dieser Mann denn deinen Segen, deine Schwester zu heiraten? Ist er ein guter Mann?“. Joséphine nickte stumm. „Ja, ja, das hat er. Er ist ein guter Mann, loyal und wird ihr ein besserer Ehemann sein, als James Joséphine einer war.“„Joséphine …“, meinte Louis und ließ das Wort über seine Zunge rollen, ganz so als wäre ihm nicht bewusst, das Joséphine direkt vor ihm saß, dass er sie mit diesem Namen angesprochen hatte. Auf der anderen Seite, das hohe Fieber hatte seinen Geist verwüstet, vielleicht wusste er es tatsächlich nicht. An Wilson gerichtet fragte er:„Und Sie geloben, junger Mann, meine Nichte zu lieben und zu ehren, ihr ein guter und treuer, ein aufrichtiger Ehemann zu sein?“Wilson trat einen Schritt vorwärts und streckte den Rücken durch, ganz so als würde er zu General Clinton sprechen. „Ja, Sir, das werde ich. Johanna bedeutet mir mehr als mein eigenes Leben.“„Das sagen viele Männer, aber nicht alle handeln auch nach diesen Vorsätzen. Würden Sie für meine Nichte den Briten den Rücken kehren?“Wilson schwieg für einen Moment bevor er dann vorsichtig antwortete. Onkel Louis schien mit der Antwort zufrieden zu sein, denn zumindest nickte er schwach, aber wohlwollend. „Gut junger Mann, Sie und meine Nichte haben meinen Segen, aber eine Bedingung stelle ich noch. Ich denke nicht, dass ich diese Nacht überleben werde und selbst wenn, ich möchte nicht, das Friedrich mich so noch einmal sieht. Aber mittlerweile kennen Sie meinen Neffen sicherlich gut genug, um zu wissen, dass er recht starrsinnig sein kann. Es ist also Ihre Aufgabe dafür zu sorgen, dass er sich von mir fernhält. Wenn Sie diesen Dienst gegenüber der Familie erbracht haben und auch erst dann, haben Sie meinen Segen“, verlangte Louis und hatte dieses Mal zumindest die Geistesgegenwart, Joséphine als Friedrich anzusprechen. Nicht, dass seine Nichte sich darum groß kümmerte, alles was ihr durch den Kopf ging, war der Umstand, dass ihr Onkel ihr verbot hatte, an seinem Sterbebett zu bleiben. Halb hatte sie schon den Mund geöffnet, um zu protestieren, als Wilson nur folgsam den Kopf senkte und Joséphine am Arm packte. Er war stärker als er aussah oder vielleicht war Joséphine auch nur schwächer als sie zugeben wollte. Jedenfalls bedurfte es dem britischen Arzt keine große Anstrengung um, seinen amerikanischen Kollegen aus dem Lazarett zu entfernen. Friedrich leistete nur marginalen Widerstand, er wusste wohl, dass es eh nichts nützen würde und so ließ er sich von Wilson zurück zu seinem Zimmer führen.An der Tür angekommen erklärte Doktor Edward Wilson den Wachen, dass er noch etwas mit dem Arzt bezüglich der amerikanischen Kriegsgefangenen zu besprechen hatte und verschaffte sich somit ebenfalls Zutritt zu dem kleinen Raum. Friedrich starrte einfach nur mit leerem Blick in die Ferne, bekam nur am Rande die Vorgänge um sich herum mit. Er hatte erwartet, dass die britische Kriegsgefangenschaft ein einziger Albtraum werden würde, aber mit dieser Hölle hatte er nicht gerechnet. Es wäre ihm lieber gewesen, hätten die Briten seine wahre Identität aufgedeckt oder ihn einfach als Spion gehängt – so ziemlich alles wäre ihm lieber gewesen. Stattdessen hatte er feststellen müssen, dass seine schwangere Schwester vermisst wurde und sein Onkel dem Tode geweiht war.Die Tür schloss sich mit einem leisen Klicken hinter den beiden Männern und Edward verlor keine Zeit Friedrich in den Arm zu nehmen, Friedrich verlor keine Zeit an Edwards Schulter zu weinen.Onkel Louis starb gegen Mittag des nächsten Tages und Wilson sorgte dafür, dass man ihm ein paar Strähnen Haar abschnitt.5 Mit dem Tod ihres Onkels waren nun vier Engel in Joséphines Besitz und sie betete jeden Abend auf Knien, dass es nicht fünf werden mögen.
28. Juni 1778
I thought then as now I had never beheld so superb a man.
Der Marquis de La Fayette über General Washingtons Verhalten während der Schlacht von Monmouth Doch auch in den kommenden Tagen wendete sich Friedrichs Glück nicht zum Besseren. Die britische Armee schlug ihr Lager in Monmouth, nahe den Städten Trenton und Princeton auf. Einmal mehr in einer kleinen Kammer untergebracht, stand Friedrich nun am Morgen des 28. Juni 1778 in der Mitte des Zimmers und wurde beinahe wahnsinnig. Draußen waren Schreie und Schüsse und Kanonendonner zu hören. Die Schlacht von Monmouth war in vollem Gange, doch Friedrich war hier drinnen eingesperrt, unfähig zu helfen und dieses Gefühl machte ihn wahnsinnig. Doch der wirkliche Wahnsinn begann, als plötzlich die Tür zu seinem Zimmer aufgerissen wurde und Edward im Durchgang erschien. „Beeil dich“, wies er Friedrich an und kaum hatte er die Tür hinter sich geschlossen, begann er seinen roten Uniformmantel auszuziehen. Friedrich war überrascht. Womit sollte er sich beeilen? Ganz so als ob Edward seine Gedanken lesen konnte, hielt er Friedrich seinen Mantel hin. „Eine falsche Uniform hat dich hierherein gebracht, eine falsche Uniform wird dich hier auch wieder heraus bringen. Wegen der Schlacht hat Clinton die Wachen vor deiner Tür abgezogen und mit meiner Uniform wirst du dich ohne Probleme hinaus schleichen können, das rot macht dich praktisch anonym.“„Die Tür war verschlossen, wie willst du rechtfertigen, dass du sie geöffnet hast und ich in deiner Uniform entkommen bin?“, hakte Friedrich nach. Ihm war zwar auch schon die Idee gekommen, das Gewusel der Schlacht zu nutzen, um unbemerkt zu fliehen, aber Edwards Plan war dafür einfach nicht praktikabel.„Ganz einfach“, belehrte der Brite ihn „ich bin zu dir gekommen, um deine Hilfe bei der Versorgung unserer Verletzten zu rekrutieren. Du jedoch hast mein Vertrauen missbraucht, hast mich niedergeschlagen, dich meiner Uniform bemächtigt und bist geflohen … und nun starr mich nicht so an, sondern zieh das hier endlich an.“ Friedrich tat wie ihm geheißen und schon spürte er den festen Stoff an seinen Schultern, der Mantel war ihm ein wenig zu groß und vor Aufregung hielt er sich länger mit den Knöpfen auf, als nötig gewesen wäre. Wilsons Blick wanderte währenddessen unschlüssig durch das Zimmer, bevor er dann an dem Krug mit dem Waschwasser hängen blieb. Prüfend nahm er den Gegenstand hoch und wog ihn in der Tat. „Das sollte es tun“, meinte er dann mit nur dem kleinsten Hauch an Anspannung in der Stimme, als er Friedrich den Krug reichte, sobald dieser sich fertig umgezogen hatte.„Ich werde dich nicht niederschlagen“, protestierte Friedrich, ganz so als habe sich ihm dieser Teil des Plans erst jetzt erschlossen. „Du musst, anders können wir die Geschichte nicht verkaufen. Du schützt mich, indem du es tust“, konterte Edward.„Dann werde ich hierbleiben. Ich sehe dich als Familie an, ich werde dir nicht absichtlich wehtun.“„Ich sehe dich ebenfalls als Familie und darum liegt mir auch so viel daran, dass du dieser Gefangenschaft entkommst. Außerdem brauche ich deine Hilfe bei der Suche nach Hanni, wenn du es schon nicht für dich tun willst, dann wenigstens für sie und ihr Kind. Zudem … ein Deegen ist bereits hier gestorben und ich will verdammt sein, sollten es zwei werden. Du bist Arzt, du weißt, wie und wo du zuschlagen musst, um mich nicht wirklich ernsthaft zu verletzten“, drängte der Brite und drückte Friedrich den Krug in die Hände.Und so schlug Friedrich zu. So wie er es tat, war es kein Gewaltakt, es war Kunst, es war Perfektion. Dennoch beugte der junge Arzt sich vor und kontrollierte Edwards Lebenszeichen, der, ganz wie es der Plan vorgesehen hatte, bewusstlos am Boden lag. Er fand Puls und Atmung stark und gleichmäßig und durch diesen Umstand beruhigt stahl er sich aus seinem Zimmer und aus dem Hauptquartier. Edward hatte Recht gehabt, die Uniform verlieh Friedrich mehr Anonymität, als sonst eine Verkleidung es gekonnt hätte. Dennoch erledigte er sich des Kleidungsstückes, sobald er sich genügend vom britischen Lager entfernt hatte. Ohne Papiere und ohne erkennbare Zugehörigkeit zu einer der beiden verfeindeten Parteien, wanderte der Arzt abseits des Schlachtfeldes solange umher, bis er endlich auf Höhe des amerikanischen Lagers angekommen war. Er hatte damit gerechnet, dass es in seiner Aufmachung und wie bereits erwähnt ohne Papiere, schwer sein würde, in das Lager zu gelangen, aber dieses Mal war das Glück tatsächlich auf seiner Seite. Einer der beiden wachhabenden Soldaten war ihm mehr oder weniger bekannt und daher gelang es ihm ohne größere Probleme zu passieren. Das Treiben der Kontinentalarmee war nicht weniger emsig, denn jenes der britischen Reguläre und bei all den Menschen die auf den Beinen und in Bewegung waren, die zwischen den Lagerstätten hin und her liefen, hatte Friedrich Mühe zu dem Kommandozelt von General Washington zu gelangen.Als er dann doch endlich an seinem Ziel angelangt war und die beiden Wachen aus Washingtons Leibgarde ihm Eintritt gewährt hatten, salutierte er vorschriftsgemäß vor Washington und all den anderen anwesenden Offizieren, darunter auch La Fayette. „General Washington, General La Fayette, ich melde mich zurück im Lager und dienstbereit“, verkündete Friedrich und hatte noch nicht ganz geendet, als der Marquis ihm praktisch um den Hals fiel. „Grâce aux Dieux, tu es en vie. („Gott sei Dank, du lebst“). Ich hätte es mir nicht verzeihen können, wenn dir etwas passiert wäre“, flüsterte der junge Mann vollkommen aufgewühlt und erst ein sanfter Druck gegen die Schultern bewegten ihn dazu, Joséphine aus der Umarmung zu entlassen und einen Schritt Abstand zu nehmen. Plötzlich seiner Zuschauer bewusst, errötetet der junge Marquis6 und räusperte sich. „Ich freue mich Sie wohlbehalten wieder bei uns zu haben“, erklärte er nun sachlicher und trat noch einen Schritt zurück. Friedrich lächelte, ob dieser herzlichen Begrüßung und auch die restlichen Generäle, Greene und Sullivan lächelten. Auch wenn La Fayette sein Gefühlsausbruch vor seinen Kollegen wohl unangenehm war, bestand für diese Scham kein Grund. Der Marquis genoss zu viel Sympathie von seinen Kollegen und überhaupt kannten Greene und Sullivan das Gefühl, gute Männer und gute Freunde in diesem Krieg zu verlieren selbst zu gut, als dass sie sein Verhalten kritisiert hätten. Darüber hinaus war die Jugend des Franzosen immer wieder eine bereitwillig akzeptierte Entschuldigung für seinen eventuellen Übermut.Bevor die Stille, die sich nun ausbreitete, dennoch beginnen konnte für einen der Anwesenden unangenehm zu werden, räusperte sich Washington. „Wir hatten sicherlich nicht damit gerechnet, Sie sobald wieder im Lager begrüßen zu dürfen.“„Ich hatte auch nicht damit gerechnet, den Briten so schnell entkommen zu können“, pflichtete der junge Arzt bei. Washington nickte kurz. „So sehr mich die Geschichte ihrer Rückkehr auch interessiert, muss ich Sie bitten, einen schriftlichen Bericht zu verfassen und dann meinem Stab zukommen zu lassen, denn für den Moment beansprucht die Schlacht unsere vollkommene Aufmerksamkeit.“Friedrich, der mit nichts anderem gerechnet hatte, beugte den Kopf im Verständnis und fügte hinzu, dass er wahrscheinlich auch in den Hospitälern seiner Division gebraucht würde. Kaum war er aus dem Zelt hinaus getreten und hatte begonnen sich einen groben Überblick über die Aufteilung des Lagers zu verschaffen, da bemerkte er den Marquis de La Fayette hinter ihm und beide fielen rasch in einen Gleichschritt. Joséphine hinterfragte die Situation nicht weiter, es war nur allzu offensichtlich, dass dem jungen Franzosen etwas auf dem Herzen lag, doch es war nicht an Joséphine ihn zu drängen.„Während Ihr in Gefangenschaft ward, da habe ich von Général Washington erneut ein eigenes Kommando erhalten, ich sollte die Vorhut der Armee befehligen – ich habe mich gefreut, wollte beweisen, dass sein Vertrauen in mich nach Barren Hill7 nicht fehlplatziert ist. Das Kommando über die Vorhut hatte Washington zuvor General Lee8 angeboten, aber er war der Meinung, dass das Kommando seiner nicht würdig war. Ich dachte das wäre meine Chance mich zu beweisen, aber das war es nicht. Ich war zu eifrig, ich wollte versuchen die britische Armee einzuholen und dabei habe ich meine Männer zu hart rangenommen, ich habe mich zu schnell und zu weit von den Nachschubwegen entfernt. Ich bin letztendlich bis in drei Meilen Entfernung zu Clintons Armee gekommen, aber die Soldaten waren zu müde und hungrig als dass wir hätten angreifen können. Washington hatte mich mehrmals ermahnt, meine Männer nicht so hart ranzunehmen und dann am 26. Juni hat er mich zurück ins Lager beordert, versteht mich nicht falsch, ich respektiere die Entscheidung des Général und es ist war gut wieder in Reichweite von Nachschub und dem Hauptteil der Armee zu sein. Doch zurück im Lager ist General Lee aufgefallen, dass er eigentlich doch Interesse an dem Kommando über die Vorhut hat9“, begann La Fayette schließlich. Joséphine nickte langsam, die Meinungen über General Lee gingen weit auseinander.„Ich verstehe vollkommen, dass es Generäle mit mehr Erfahrung gibt und dass ich mich dementsprechend ihnen unterzuordnen habe, aber warum muss es von allen Menschen ausgerechnet General Lee sein? Hätte General Greene oder General Knox die Vorhut befehligen wollen, ich hätte es ihnen mehr als nur bereitwillig überlassen“, seufzte La Fayette und schüttelte dann den Kopf. „Aber was erzähle ich Ihnen eigentlich, Sie sind gerade erst aus der britischen Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt, eine Gefangenschaft die Sie erdulden mussten, da Sie für mich und den Général den Kopf hingehalten haben und ich jammere Ihnen hier etwas vor.“„Ihr jammert nicht General, das sind durchaus nachvollziehbare Empfindungen, die Ihr dort äußert. Zudem bin ich Euer Stabsarzt, meine Pflicht ist es nach dem Wohlergehen nicht nur Euer Männern sondern auch nach Eurem eigenen zu schauen. Also sorgt Euch nicht, meiner Meinung nach ist Zuhören in dieser Pflicht mit inbegriffen. Wegen den Geschehnissen in der Scheune müsst Ihr Euch keine Vorwürfe machen, das ist meine Entscheidung gewesen und ich hätte es wieder so getan“, beharrte Joséphine und lächelte, ganz so als könnte sie La Fayette so eher überzeugen und es schien als wollte der junge Mann etwas antworten, als hinter den beiden eine Stimme ertönte.„General La Fayette, General La Fayette“, keuchte Colonel Henry Robinson als er von seinem Pferd sprang, dass Gesicht hochrot und schweißüberströmt mit einem tiefen Schnitt auf der Stirn. Friedrich konnte nicht anders als seinen sterbenden Onkel Louis vor dem inneren Auge zu sehen. Er schluckte schwer und zwang sich, sich auf die Stimme des Colonels zu konzentrieren, welcher inzwischen zu den beiden aufgeschlossen war. „General Lee schickt mich, er zieht sich zurück. Ich soll General Washington darüber informieren“, keuchte Henry, noch immer außer Atem. Der Marquis zog die Augenbrauen zusammen, ganz so als könnte er das Gesagte nicht glauben. „Ich muss zu General Washington, entschuldigen Sie mich“, brachte er dann schließlich hervor und eilte davon10. Friedrich blickte ihm sorgenvoll hinterher. Die überbrachte Nachricht klang gar nicht gut.„Ich freue mich wirklich, dich wieder zu sehen Friedrich. Du hast uns allen einen ganz schönen Schrecken eingejagt“, wandte sich dann Henry an den jungen Arzt, seine Stimme klang, obwohl noch deutlich von den Anstrengungen der letzten Stunden gezeichnet, aufrichtig, ehrlich und herzlich, ganz so als gäbe es momentan für Henry nichts Wichtigeres auf der Welt.„Ich bin auch wirklich glücklich wieder zurück zu sein, aber so gerne ich auch mit dir plaudern würde, muss ich ins Lazarett, die ersten Verwundeten sollten bereits eingetroffen sein und es mit meine Pflicht, mich um sie zu kümmern.“„Ich bewundere deine Ausdauer Friedrich, das tue ich wirklich. Ich würde dich gerne begleiten, wenn ich darf. Momentan gibt es für mich nichts anderes zu tun und es liegt mir am Herzen, nach meinen Männern zu sehen und vielleicht kann ich ja sogar irgendwie helfen. Ich bin zwar kein Arzt, aber ich denke ihr Ärzte seid dankbar für jede helfende Hand.“Friedrich hatte dem nichts weiter entgegen zu setzten – und selbst wenn, er genoss Henrys Anwesenheit zu sehr, als dass er den jungen Colonel abgewiesen hätte, und so setzten die beiden stillschweigend ihren Weg zum Lazarett fort, weit war es nicht mehr.Als Friedrich die Zelttür zur Seite zog und eintrat, wich etwas von dem vorsichtigen Optimismus von ihm, mit dem er sich gerüstet hatte. Es waren viele Verletzte – wirklich viele. Geräuschvoll atmete die junge Frau aus und machte einen weiteren Schritt vor, die Situation würde sich ja nicht bessern, wenn sie hier nur rumstand. „Doktor Bush“, rief Friedrich mit bestimmter Stimme und erhielt ein halbherziges „Ja“ aus der hinteren Ecke des Lazaretts. Bush war einer der ihm unterstellten Ärzte, was ein wenig ironisch war, da der Mann nicht nur älter war, sondern auch wesentlich mehr Diensterfahrung hatte als Friedrich. Nun mussten geleistete Dienstjahre nicht unbedingt mit Können gleichgesetzt werden, aber in dem Fall von Doktor Bush war dies so. Der Mann kannte sich mit seinem Handwerk aus, war sich aber auch nicht zu schade von anderen und aus Fehlern zu lernen – wahrscheinlich der Grund warum er sich mit Friedrich so gut verstand.Sich vage an der Stimme orientierend steuerte Friedrich mit Robinson im Schlepptau auf Bush zu und fand den älteren Arzt mitten in bei der Amputation eines Beines. „Können Sie mir einen Überblick über die aktuelle Lage geben, Doktor Bush, sobald sie hier fertig sind?“, bat Friedrich und beäugte den Vorgang. Wie bereits erwähnt war Doktor Bush ein sehr versierter Arzt und dies zeigte er auch bei diesem Eingriff. „Ich kann Sie auch sofort unterrichten, wenn Sie es wünschen. Es passt eigentlich gerade ganz gut, Sie könnten mir eine Hand leihen, wo Sie schon mal hier sind“, antworte Bush und schnitt durch Haut und Fleisch, Sehen und Muskeln, der Patient schrie und Friedrich drückte seine Hand auf die Stelle, die Bush zeigte. „Momentan sieht es für unsere Truppen nicht besonders gut aus, dass Problem unserer Division ist jedoch, dass die Männer immer noch von dem Marsch erschöpft sind. Haben Sie bereits von den Manövern der letzten Tage gehört?“„Ja, General la Fayette hat mich persönlich unterrichtet.“„Hmmm …“, murmelte Bush und war für einige Momente so vertieft in seine Arbeit, dass er nicht sprechen konnte, als er dann jedoch fortfuhr, klang er irgendwie amüsiert. „Der Plan war ja wirklich gut gemeint von dem jungen General, aber die Durchführung hat dann doch irgendwie zu wünschen übrig gelassen. Wie dem auch sei, das steckt unseren Männern noch immer in den Knochen und dazu diese Hitze heute, ich befürchte wir werden durch die einzelnen Divisionen hindurch viele Soldaten an die Hitze verlieren.“Friedrich nickte vage, auch er spürte die Hitze, spürte den Schweiß seine Schläfe und seinen Rücken herunter rinnen, auch wenn er praktisch noch keine Arbeit geleistet hatte. Gerade wollte er Bush für den Bericht danken und dann die anderen Ärzten aufzusuchen, um Rücksprache mit ihnen zu halten, als von Henry, der immer noch hinter ihm stand, ein plötzliches „Sirs, entschuldigen Sie mich, ich denke ich muss-…“ kam. Lange Jahre in Krankenhäusern und an der Front hatten sowohl Friedrichs Instinkte, als auch seine Reflexe geschärft und so hatte er sich umgedreht, noch bevor Henry zu Ende gesprochen hatte – nicht das er dazu noch in der Lage gewesen wäre. Der Arzt packte den Colonel an den Schultern und manövrierte ihn behutsam von dem Behandlungstisch weg. Der gewünschte Effekt wurde erreicht, Henry erbrach sich nicht auf den Tisch oder gar auf den Patienten, doch aufgrund ihrer plötzlichen körperlichen Nähe landete ein nicht unerheblicher Teil von dem was Henry hochwürgte, auf Friedrich. Ganz wunderbar!Sobald er wieder in der Lage war zu sprechen, überstürzte Henry sich beinahe mit seinen Entschuldigen. Friedrich, der den jungen Mann zu einer niedrigen Bank etwas abseits des allgemeinen Trubels geführt hatte, winkte nur ab, während er begann sich so gut wie möglich wieder zu säubern. „Mach dir bloß keine Sorgen Henry, dass passiert hier im Krankenhausbetrieb häufiger mal, das und noch Schlimmeres. Der Angesprochene stöhnte und zog den Eimer, den der junge Arzt neben ihm platziert hatte, nur noch näher an sich heran. „Ich weiß deine Bemühungen zu schätzen Friedrich, aber du machst es nicht wirklich besser, was kann denn schon schlimmer sein, als das gerade eben?“„Oh weißt du, viele Soldaten erkranken mindestens einmal während ihrer Dienstzeit an Ruhr und das ist immerhin eine Durchfallerkrankung.“ Als Antwort bekam er nur ein erneutes Würgen und Friedrich zog die Nase kraus. „Das waren zu viele Details, oder?“„Das waren viel zu viele Details … lass das Friedrich, ich kann das selber machen. Ich bin keiner deiner Patienten“, protestierte Henry sobald Friedrich begonnen hatte mit einem nassen Lappen Reste des Erbrochenen von seinem Kinn zu wischen. Der junge Arzt überließ Henry den Lappen, er hatte gelernt wie wichtig den Patienten jede Art der Selbstständigkeit war, die sie sich erhalten konnten, nur um seine Aufmerksamkeit nun auf den Schnitt an Henrys Stirn zu richten.„Wer hat denn gesagt, dass du nicht mein Patient bist. Du bist jetzt sehr wohl mein Patient. Ich werde deine Wunde reinigen und nähen und dann wirst du dich ausruhen, denn du mein Freund, hast eine Gehirnerschütterung“, postulierte Friedrich und drehte sich suchend nach den benötigten Materialien und Werkzeugen um. Henry stöhnte, als er sich ein weiteres Mal erbrechen musste. „Warum sich die Mühe machen, lass mich doch einfach sterben“, entgegnete Henry und legte genügend Schalk in seine Stimme, sodass Friedrich heraushören konnte, dass er nur scherzte. Auch wenn der Deutsch-Amerikaner diese Art der Scherze immer nur bedingt amüsant fand.„Ich denke Mrs Robinson würde es mir übel nehmen, wenn ich dich sterben lasse.“„Mrs Robinson?“, fragte Henry verwirrt.„Verzeih, ich dachte …“„Du dachtest, dass ich verheiratet bin? Nein, mein Lieber, dem ist weit gefehlt. Wie kommst du denn auf die Idee?“„Für mich schien die Annahme logisch zu sein. Immerhin bist du doch deines Vaters einziger Sohn und damit der alleinige Erbe des Robinson Imperiums, nicht? Dazu bist du ein studierter Mann, ein Anwalt und nun Colonel, das alles müsste dich doch zu einer guten Partie machen.“Henry warf lachend den Kopf in den Nacken, ganz so, als sei er wirklich amüsiert durch die Aussage seines Freundes. Friedrich im Gegenzug vergrub seine Finger in Henrys weichem Haar, um seinen Kopf während der kommenden Behandlung still zu halten. „Eine gute Partie, ha, du klingst wie mein Vater, weißt du das?“, erwiderte Henry dann und biss sich auf die Unterlippe als Friedrich die Nadel durch seine Haut stach. „Ich bin vielleicht eine gute Partie, aber das heißt nicht, dass ich auch heiraten möchte.“„Nicht?“„Nein, denn um ehrlich zu sein, habe ich kein Interesse an Frauen“, gestand Henry und erntete sich damit einen halb schockierten, halb ungläubigen Blick von seinem Freund. „Nein, nein, nicht was du denkst, ich finde Frauen schon attraktiv, aber die meisten sind mir falsch erzogen“, beeilte sich Henry klarzustellen. „Siehst du, die meisten Frauen die standesgemäße Ehepartnerinnen wären, sind in Musik und Tanz, in Kunst unterrichtet worden, vielleicht haben sie auch ein bisschen über Literatur gelernt, aber ihnen wurde immer weiß gemacht, dass sie ihren zukünftigen Ehemann am besten gefallen, wenn sie die perfekten Gastgeberinnen sind, wenn sie schön aussehen und sich am Esstisch bloß von allen heiklen Themen fernhalten. Selbst Mädchen, die von ihren Vätern weitreichender unterrichtet worden sind, die nicht nur einfach intelligent, sondern vielleicht sogar schon brillant sind, halten sich zurück. Ihnen wurde weißgemacht, dass ihre Intelligenz die Männer verschrecken würde. Das wirklich Schlimme ist, dass viele Männer dieses Konzept unterstützen. Sie schätzen zwar die Gesellschaft gebildeter Frauen und Frauen mit Humor, aber das sind dann ihre Mätressen oder einfach ihre Bekannten, selten ihre Ehefrauen11. Ich habe so viele Frauen kennengelernt, die zwar unglaublich gutherzig und offen und witzig und schlau waren, die aber immer nur halb sie selbst waren. So jemanden kann und will ich nicht heiraten. Überhaupt glaube ich, übrigens ganz im Gegenteil zu meinem Vater, daran, dass eine Ehe eine zu heilige Institution ist, um sie nur für politische oder dynastische Vorteile zu schließen. Wenn ich heirate, will ich meine Frau wirklich lieben. Manchmal wünschte ich sogar, mein Vater wäre ein einfacher Bauer, ebenso wie deiner. Es wäre ein hartes Leben gewiss, aber man könnte einfach das Mädchen heiraten, dass man liebt, ohne sich groß Gedanken darüber zu machen, welchen Familiennamen sie trägt oder welche Erbschaften es einmal zu verteilen geben würde.“Friedrich wusste für einen Augenblick nicht recht, was er sagen sollte. Diese Offenbarung seitens Henrys war sicherlich interessant, aber es war auch sehr viel auf einmal gewesen, das aus dem jungen Colonel hervorgesprudelt war. Zudem war der Arzt zu sehr auf seine Wundnaht fokussiert, um eine richtige Diskussion zu führen, obgleich ihm so viel auf der Zunge brannte. Schließlich begnügte sich der junge Arzt mit einem simplen: „Du suchst also eine außergewöhnliche Frau. Eine die nicht nur Esprit hat, sondern auch keine Scheu hat ihn zu zeigen.“„Esprit, das ist das richtige Wort Friedrich. Nur scheint es in meinen Kreisen wenige solcher Frauen zu geben – entweder das oder ich kann sie einfach nicht finden - zumindest nicht, wenn ich nicht bereit bin, für solche Frauen zu bezahlen.“„Du warst schon einmal bei einer Prostituierten?“, fragte Friedrich und stieß die Nadel, vielleicht mit etwas mehr Kraft als unbedingt nötig gewesen wäre, durch Henrys Haut. So verwunderlich war es dann eigentlich auch nicht, aber dennoch begann sich eine dunkle Abscheu tief in seinem Inneren zu regen.„Ein paar Mal, ja. Glaube mir, ich bin nicht stolz drauf, aber diese Frauen, die doch so oft alles verloren haben, die geächtet werden – haben häufig etwas an sich, das mich schrecklich fasziniert“, meinte Henry und fuhr mit seiner Hand über die frische Naht sobald Friedrich die Behandlung für abgeschlossen erklärt hatte.„Die Offenbarung, dass ich schon mal bei einer Prostituierten war, scheint dich mehr erschüttert zu haben, als die Offenbarung, dass mein Vater ein Sklavenbesitzer im großen Stil ist“, bemerkte der Colonel, als er die düsteren Gesichtszüge seines Gegenübers studierte.„Allerdings. Du findest diese Frauen vielleicht faszinierend und behandelst sie mit Respekt, aber genügend Männer behandeln sie wie Dreck. Ich kannte einmal eine Frau, die genauso behandelt worden ist. Sie war keine Prostituierte, sondern eine Ehefrau, aber ich weiß, dass sie irgendwann an einem Punkt angekommen ist, an dem sie die Prostitution ihrer Ehe vorgezogen hätte. Immerhin hätte sie dann zumindest etwas Geld für ihren Schmerz bekommen, immerhin hätte sie dann zumindest die Möglichkeit gehabt, an einen Mann zu geraten der sie, so wie du, mit Respekt behandelt hätte. Ihr Ehemann hätte es sicher nicht getan. Selbst wenn sie so einen Mann nicht getroffen hätte, dann würden doch irgendwann die Gesichter all der Männer, die auf sie heruntergeblickt hatten, ineinander verschwimmen, wären nur noch Schemen, von dem was sie Tag ein Tag aus zu ertragen hätte. Doch so hatte sie nur jede Nacht im Traum das klare Bild ihres Ehemannes vor Augen und das raubte ihr so häufig den Schlaf“, brach es nun aus Friedrich heraus. So schnell und unkontrolliert, dass es nicht einmal für ihn wirklich Sinn ergab. Er wusste einfach nur, dass das Gesagte schmerzhaft wahr war.„Verzeih, dass konnte ich nicht wissen“, entschuldigte sich Henry und sah dabei wirklich betrübt aus. Friedrich wollte erwidern, wollte etwas sagen, um das Gespräch auf ein anderes Thema zu lenken oder gleich zu beenden. Würde er es nicht tun, würde ihm das Gesagte diese Nacht keinen Schlaf lassen. Doch bevor er sich überhaupt zu Recht legen konnte, was er antworten wollte, erklangen plötzlich Schreie aus dem hinteren Teil des Lazarettes. „Geh schon, tu deine Pflicht“, drängte Henry und lächelte schief. „Wir sprechen später weiter, ich verspreche dir auch ganz brav hier zu warten und mich auszuruhen.“ Friedrich glaubte das zwar nicht so ganz, verabschiedete sich aber dennoch, um den Geräuschen nachzugehen. Als Quelle identifizierte er schon sehr schnell einen Behandlungstisch, um den sich eine kleine Gruppe an Ärzten und Soldaten gesammelt hatte.„Verraten Sie mir, was all der Lärm hier soll“, verlangte der junge Arzt zu wissen und wandte sich damit an Doktor Bush, der, wie es der Zufall nun einmal so wollte, ebenfalls in der kleinen Gruppe stand. „Seine Kameraden haben ihn gerade eben zu uns gebracht. Sie sehen ja seine Verletzung, wir müssen amputieren, doch das will er nicht wahrhaben. Obwohl er so schwer verwundet ist, kann er sich noch recht gut wehren und deshalb habe ich seinen Kameraden befohlen ihn zu beruhigen, bevor ich mich noch mal in seine Nähe wage“, erklärte Bush und schnitt eine Grimasse. Friedrich betrachtete den Patienten nun genauer. Zu seinem Schrecken musste er feststellen, dass es sich bei dem jungen Mann nicht einfach um irgendeinen Soldaten handelte, nein, es war einer der Regimentsärzte, die ihm unterstellt waren. Sein linker Unterarm war wenig mehr als ein blutiges, rohes Stück Fleisch, der Knochen war sichtbar und erkennbar gesplittert und die Haut hing in großen Lappen lose herunter.Der Regimentsarzt schien nun auch bemerkt zu haben, dass sein direkter Vorgesetzter anwesend war und richtete seine verzweifelten Bitten nun an ihn. „Doktor Deegen, Sir, sie wollen amputieren, aber dann werde ich nie wieder als Arzt arbeiten können. Sie haben Erfahrung, Sie erkennen sicherlich, dass es nicht so schlimm ist, das heilt wieder, nicht wahr? Sie warnen doch selber immer vor überstürzten Amputationen. Sagen sie ihnen, dass sie falsch liegen, ja?“, bettelte der junge Mann und es kostete die beiden Soldaten an seiner Seite, wahrscheinlich die Kameraden, die ihn in das Lazarett gebracht hatten, doch tatsächlich einiges an Mühe, ihn halbwegs still zu halten. Doktor Bush wandte sich an Friedrich. „Sollen wir es versuchen Sir?“„Was versuchen?“, entgegnete der Angesprochene.„Seinen Arm zu retten, ich wüsste zwar nicht wie, aber wenn Sie es befehlen, will ich es gerne versuchen. Er ist immerhin einer von uns, mehr noch als irgendein Soldat, hat er es verdient, dass wir uns Mühe geben.“Friedrich Blick wanderte noch einmal zu der Verletzung, auch wenn seine Antwort eigentlich schon feststand. „Sehen sie es sich doch nur an, Doktor Bush, da gibt es nichts mehr zu retten. Im Gegenteil, wenn der Ellenbogen auch verletzt ist – und ich befürchte davon müssen wir ausgehen – dann werden wir auch noch ein gutes Stück des Oberarmes entfernen müssen. Nein, amputieren Sie“, befahl Friedrich und wandte sich ab. Diesem Trauerspiel konnte Joséphine keine Minute länger zusehen, andernfalls würde sie ihren Verstand verlieren. Stattdessen beschloss sie, ihre Arzttasche zu holen und hinaus aufs Feld zu gehen. Jemand musste den Regimentsarzt als Ersthelfer auf dem Feld ersetzen und so beschloss sie, diese Aufgabe selber zu erfüllen. Nicht ihre beste Idee, dachte sie manchmal in Retroperspektive, doch manchmal kam sie auch zu dem Schluss, dass sie viel aus diesem Einsatz gewonnen hatte. Wie dem auch sei, hinterher war man immer schlauer und damals hatte Joséphine einfach unwissend das stickige Zelt verlassen, nur um in die unglaubliche Hitze12 des Tages zu treten, immer zielstrebig in Richtung der hauptsächlichen Kampfhandlungen.Später war Joséphine zu dem Schluss gekommen, dass das Schlimmste war, dass sie sich im letzten Moment umgedreht hatte, fast wie aus einem Instinkt heraus. Sie sah, beinahe wie in Zeitlupe, wie die Kugel auf sie zuraste und konnte dennoch sich nicht mehr zur Seite wegducken. Stattdessen spürte sie, wie das Bleigeschoss in ihren Körper einschlug, spürte ihre Haut reißen und das darunter liegende Gewebe verbrennen, sie hörte das Knacken, als die Kugel ihre Rippen traf und spürte wie ihr die Luft aus den Lungen gepresst wurde. Das Gras war feucht, als sie zu Boden ging und alles, aber auch wirklich alles veränderte sich. Das Getöse der Schlacht verstummte, nur noch die Vöglein zwitscherten. Für einen Augenblick schien die Welt so herrlich still, so herrlich friedvoll zu sein. Doch dann holte Joséphine Luft und zwang ihren Oberkörper sich zu heben, sie konnte ihre Rippen knirschen hören, es war ein widerliches, dumpfes Knirschen. Sie spürte ihre Muskulatur brennen, dort wo die Kugel sie zerfetzt hatte. Joséphine hatte noch nie solche Schmerzen gespürt.Mit einem erstickten Wimmern versuchte sie sich ein wenig auf die rechte Seite zu drehen, Weg von der Verletzung, und hustete. Das Rasseln des Hustens schickte Welle um Welle des Schmerzes durch ihren Körper und trieb ihr die Tränen in die Augen. Sie versuchte ruhige, lange Atemzüge zu holen, versuchte den Schmerz zu ignorieren, aber das war ihr nicht möglich. Sie konnte einfach nur da liegen, nach Luft schnappen, wie ein Fisch auf dem Trockenen und ihren Gedanken dabei zusehen wie sie sich überschlugen. Joséphine war bewusst, wie sie immer mehr ihre Konzentration, ihren Fokus verlor, wie ihre Lider immer schwerer wurden und dabei war ihr auch noch so schrecklich kalt.Sie kämpfte, ja wirklich, sie kämpfte und niemand hätte ihr etwas anderes vorwerfen können, aber sie merkte auch wie sie dabei war, diesen Kampf zu verlieren. „So habe ich dich nicht erzogen Mädchen“, hörte Joséphine plötzlich eine Stimme unmittelbar über ihr.„Onkel Louis?“, sie hinterfragte die Situation nicht weiter.„Ganz richtig.“„Bin ich tot, kann ich dich deshalb hören?“„Nein Kind, du bist nicht tot – noch nicht. Liegt dir etwas an deinem Leben,dann musst du jetzt aufstehen, komm schon.“„Ich kann nicht, es geht nicht.“„So habe ich dich nicht erzogen, nicht zum Aufgeben.“„Ich kann nicht, es tut so weh, die Kugel …“„Steckt noch in dir drin, Joséphine du hast Medizin studiert, du weißt, was du tun musst.“„Ich muss die Kugel entfernen, das Knirschen der Rippen bei jedem Atemzug, die Kugel steckt nicht fest, sie bewegt sich immer noch.“„Sehr richtig. Nun mach schon, beeil dich.“Joséphine schlug die Augen wieder auf, nahm ihre Umgebung wieder deutlich wahr. Onkel Louis, nun Onkel Louis war verschwunden als die junge Frau sich aufgerichtet und gegen den Stamm des nächstbesten Baumes gelehnt hatte – wenn er denn überhaupt jemals da gewesen war. Joséphines Finger waren kalt und klamm, als sie ihren Mantel und ihr Hemd aufknöpfte, den Stoff vorsichtig aus der Wunde zog. Ihre Arzttasche war glücklicherweise in Reichweite und so konnte sie zumindest auf einige Hilfsmittel zurückgreifen, während sie versuchte die Kugel aus ihrer Seite zu entfernen. Ihre Hände zitterten jedoch so stark, dass sie es dennoch aufgab, ein Instrument zu halten und schob einfach zwei Fingern in die Wunde. So etwas hatte sie schon hunderte Male gemacht, aber sie hatte noch nie gespürt, wie schmerzhaft es doch eigentlich war. Sie schmeckte Blut, wie es sich in ihrem Mund sammelte, von der Stelle, an der sie ihre Wangeninnenseite wundgebissen hatte, in dem verzweifelten Versuch nicht laut aufzuschreien. Im Gedanken widerholte sie Mal um Mal den Liedtext von 'Les Anges dans nos campagnes' wie ein inneres Mantra. Sie stellte sich vor, ihr Vater wäre neben ihr und würde ihr das Lied vorsingen, so wie er es damals immer getan hatte, wenn sie oder ihre Geschwister sich beim Spielen Knie oder Ellenbogen aufgeschlagen hatten. Wie sehr wünschte sie sich, ihr Vater könnte sie jetzt in den Arm nehmen.Endlich – endlich, bekam sie nicht nur das letzte Stück Stoff zu fassen, das in der Wunde stecken geblieben war, sondern schaffte es auch die blutverschmierte Kugel herauszuziehen. Beinahe angewidert ließ Joséphine das kleine Ding fallen, als sie sah, wie sehr das Geschoss durch den Aufprall doch verformt worden war, so etwas war ihr bisher noch nie aufgefallen. Ihr gesamter Oberkörper war klebrig vor halbgetrocknetem Blut und Joséphine konnte wenig mehr tun, als zu versuchen die Blutung so gut wie möglich zu stillen. Wie praktisch, dass ich mein eigenes Verbandszeug schon bei mir trage, dachte sie sarkastisch, als sie ihre Brustbinden etwas tiefer zog, sodass sie das Blut aufsogen und die Wunde verschließen konnten. Selbst der kleinste Druck gegen ihre Rippen trieb sie beinahe in den Wahnsinn. Doch schließlich war sie vergleichsweise zufrieden mit dem Endresultat. Ihre zittrigen Finger lagen, Blut überströmt, auf ihren Schenkeln und ihre ganze Welt drehte sich. Mit gleichmäßigen Atemzügen versuchte sie gegen den Schwindel anzukommen, auch wenn der Schmerz sie jedes Mal fast verrückt machte. Der Baumstamm fühlte sich angenehm stark in ihrem Rücken an und für einen Moment erlaubte Joséphine sich zu entspannen, erlaubte sich die Situation zu bewerten und über die weiteren Schritte nachzudenken. An die Erscheinung ihres Onkels verschwendete sie in diesem Moment noch keinen Gedanken, doch wenn sie es getan hätte, nun, wahrscheinlich hätte sie die Stimme, die ihren Namen rief als bedrohlicher empfunden. Doch das tat sie nicht. Henry musste tatsächlich dreimal nach Friedrich rufen, jedes Mal verwunderter und entsetzter als noch zuvor, bevor Joséphine ihren Kopf in seine Richtung drehte. Doch dann sah sie Henry dort stehen die Augen weit aufgerissen, ein Ausdruck des Unverständnis und der Wut auf dem Gesicht, und sehr real. „Du hast mich belogen. All die Zeit, ich habe dir vertraut und dich einen Freund genannt und du hast mich belogen!“
General Sir Henry Clinton war ein britischer General, ab 1778 bis 1782 britischer Oberbefehlshaber in Nordamerika, und Politiker, der 23 Jahre im „House of Commons” saß. Sein Vater, ebenfalls ein General, war der letzte königliche Gouverneur von New York. Henry Clinton war auch entfernt mit George Clinton verwandt, dem ersten Gouverneur des Staates New Yorks und späterem Vizepräsident unter Thomas Jefferson und James Madison.
Nachdem La Fayette seine Begeisterung für die amerikanische Unabhängigkeitsbewegung entdeckt hatte, schickte sein Schwiegervater, Jean-Louis-Paul-François de Noailles, 2e Duc d’Ayen, 5e Duc de Noailles, der von La Fayette weniger als gar nichts hielt, nach England an den Hof von George III. um seinen Enthusiasmus etwas einzudämmen. Noailles Bruder war der französische Botschafter am englischen Hof. La Fayette traf George III, den Prinzen von Wales, den späteren George IV und befreundete sich mit Charles James Fox, eine Freundschaft die bis zu Foxs Tod im Jahr 1806 bestehen blieb. Die Briefe die er an seine Frau in Frankreich schrieb sind, nun ja sagen nicht zwangsläufig feinfühlig. Ob er auch General Clinton getroffen hat, kann ich nicht mit Sicherheit sagen, aber es spricht auch nichts dagegen.
So komisch das auch klingen mag, aber das Beschriebene ist wirklich die originale Rezeptur, die so oder so ähnlich in vielen damaligen medizinischen Fachbüchern zu finden war.
Gefangenschiffe wurden besonders von den britischen Truppen verwendet. Es waren alte Schiffe, die häufig nicht mehr seetüchtig waren, die in den Häfen lagen und auf denen grausame Bedingungen herrschten. Die Lebenserwartung eines Gefangenen auf diesen Schiffen betrug etwas drei Monate.
Was für uns heute vielleicht ein wenig verstörend klingt, war damals eine gängige Praxis, Toten, eine Strähne Haar abzuschneiden, um es als Memorandum zu behalten. Doch auch Lebende schenkten sich häufig Haarlocken als Andenken, besonders wenn sie davon ausgingen, sich lange Zeit nicht mehr zu sehen. So hatte zum Beispiel Washington einen Ring mit einer Locke von La Fayettes Haar darin.
Tatsächlich gibt es eine Vielzahl an Quellen, die immer wieder bestätigen, das La Fayette die Art von Mensch war, die sehr schnell rot geworden ist.
Die Schlacht von Barren Hill war La Fayettes erstes richtiges eigenes Kommando – und wäre beinahe in einem Desaster geendet. La Fayette sollte zusammen mit 2100 Mann den britischen Rückzug aus Philadelphia aufhalten und die Nachschubwege der Briten stören. Dabei wurde er jedoch von den Briten überrascht und angegriffen. La Fayette musste sich zurückziehen und besonders seine Miliztruppen beruhigen.
Charles Lee (6. Februar 1732 - 2. Oktober 1782) war ein ehemaliger britischer Offizier, bevor er dann General der Kontinentalarmee wurde. Nach Washington hatte den zweithöchsten Posten inne und wurde zwischenzeitlich auch für dessen Posten gehandelt. Obwohl er zum Teil sehr arrogant war, sich regelmäßig über Washington hinweggesetzte und immer wieder auch Sympathie für die Briten zeigte, war er relativ beliebt und wurde vor allem wegen seiner Erfahrung respektiert, selbst Washington versuchte immer wieder sich mit ihm gut zu stellen. Zu diesem Zeitpunkt kam er gerade aus einer sechszehnmonatigen Kriegsgefangenschaft zurück. Was wirklich spannend ist, ist der Umstand, dass Lee die Tochter des Häuptlings eines Stammes von Mohawk Indianern heiratete und mit ihr Zwillinge hatte. Sein Stammesname war „Ounewaterika“ was so viel wie „kochendes Wasser“ bedeutet.
Die ganze Vorbereitung auf die Schlacht habe ich hier sehr verkürzt und etwas einseitig dargestellt, das war einfach dem Umstand geschuldet, dass das Kapitel sonst zu lang geworden wäre. Aber jedem der daran interessiert ist, kann ich wirklich nur empfehlen etwas darüber zu lesen. Meiner Meinung nach waren die letzten zwei, drei Tage vor der Schlacht tatsächlich spannender und irgendwie auch ereignisreicher, als die Schlacht selber.
In dieser Szene habe ich mir etwas historische Freiheiten genommen, die der Handlung im Allgemeinen gedient haben. Washington hatte zwar früh am Morgen des 28. Juni eine Besprechung mit allen höheren Offizieren der Vorhut, zu erwähnen wären dabei besonders General Lee, General La Fayette, Colonel Grayson und Colonel Wayne, aber danach ist er alleine im Lager zurückgeblieben, wohingegen La Fayette unter Lees Kommando in der Schlacht gekämpft hat. Nachdem ihn dann die Nachricht von Lees Rückzug erreicht hat, ist Washington ebenfalls auf das Feld gekommen. Der Überbringer der Nachricht war tatsächlich Major John Clark, doch noch bevor Clark Washington erreichte, war dieser schon über den Rückzug informiert.
Henrys Aussage hier ist tatsächlich eine, wenn auch etwas paraphrasierte, Aussage von einem jungem Mann, der um diese Zeit gelebt hat und diese Bemerkung in sein Tagebuch nieder schrieb.
Die Region erlebte zu dieser Zeit eine Hitzewelle und das Thermometer kletterte regelmäßig auf Temperaturen von bis zu 32° Celsius
----- CHAPTER BREAK -----
28. Juni 1778
We have heard an astonishing piece of news! – that the English have entirely left the city [Philadelphia] ! It is impossible! Stay, I shall hear further.Sally Wister in ihrem Tagebuch am 19. Juni 1778 Joséphine konnte Henry einfach nur mit schreckensweiten Augen anstarren, unfähig etwas zu sagen. Sie musste etwas sagen, das war ihr bewusst, aber ihr Kopf war vollkommen leer. Sie konnte nur daran denken, wie sie hier an den Baum gelehnt saß, Mantel und Hemd aufgeknöpft, ihre Brust zu Teilen entblößt, da sie ihre Binden herunter gezogen hatte um die Blutung zu stillen. Ihre Lippen zittern und jede Art an Kraft, die sie gerade eben noch glaubte zu haben, jede Art von Ruhe die sie zwischenzeitlich überkommen hatte, hatte sich schlagartig wieder verflüchtigt.„Henry … ich …“„Bemühen Sie sich nicht Miss, die Bezeichnung Miss ist zutreffend nehme ich an? Miss Deegen dann, oder haben Sie in diesem Punkt auch gelogen? Wie dem auch sei, ich benötige, noch wünsche ich Ihre Erklärungen und Ausflüchte zu hören. Ich werde medizinisches Personal anfordern, dass sich dann Ihrer Verletzungen annehmen wird. Im gleichen Schritt ist es meine Pflicht Ihren Kommandanten, in diesem Fall den Marquis de La Fayette über ihre Täuschung zu informieren. Ich fordere Sie nun formell auf, an dieser Stelle zu verweilen, doch ich gehe nicht davon aus, dass sie in ihrem Zustand einen Fluchtversuch unternehmen könnten. Ich kann es Ihnen auch nicht empfehlen, bedenkt man, dass sie vielleicht noch Gnade, nicht nur von der militärischen Justiz, sondern auch von Ihrem Gott erhalten, solange Sie sich nun entsprechend dem Gesetz und dem Recht und der Ordnung verhalten“, meinte Henry, seine Sprache klang seltsam gestelzt und sein Ton zeugte von einer vorgetäuschten Neutralität, die seine anfängliche Verwunderung, seine verletzten Gefühle betrog. Ohne noch ein weiteres Wort zu sagen, ohne Joséphine noch ein paar Worte zu zugestehen und ohne noch einen einzigen Blick in diese bezaubernden, seltsamen, mesmerisierenden grün-blauen Augen zu werfen, von denen er nun wusste, dass sie zu einer Frau gehörten, wandte er sich zum Gehen. Eine frustrierende Faszination ergriff Besitz von ihm. Warum musste so etwas immer ihm passieren? Es war seine Pflicht und diese würde er auch erfüllen, aber ein nicht unbedeutender Teil von ihm sträubte sich dagegen. Es war eine Prüfung, ein Test seiner Loyalität und seines Rechtsempfindens, das verstand er. Es ging darum, das Richtige zu tun, auch wenn es einem dabei schwer ums Herz wurde, das war ihm auch bewusst. Es störte Henry nur, dass es immer er war, der in solch missliche Lagen geriet.Joséphine konnte natürlich nicht ahnen welche, beinahe schon selbstmitleidigen Gedanken dem jungen Colonel durch den Kopf gingen, aber sie wusste für ihren Teil, dass sie wütend war. Nicht darüber, dass er sie entdeckt hatte, das war ihrer eigenen Unvorsichtigkeit und sehr viel Pech geschuldet. Auch der Umstand, dass er sie melden wollte, war nur natürlich, war seine Pflicht und ging wohl mit seiner Empfindung von Recht und Ordnung einher, aber Joséphine fand es selten anmaßend von Henry, ihr vorzuschreiben, was sie zu tun hätte, um die Vergebung ihres Gottes zu erlangen. Nicht, dass Wut die einzige Gefühlsregung in der jungen Frau war, nein. Joséphine hatte neben schrecklichen Schmerzen auch noch schreckliche Angst und besonders der Umstand, dass sie nicht fliehen konnte, dass sie sich ihrem Schicksal ergeben musste, verstärkte ihre Angst nur noch. So hilflos hatte sie sich schon lange nicht mehr gefühlt. Das letzte Mal wahrscheinlich als sie noch mit James zusammen war, nachdem er einmal mehr über sie hergefallen war und sie nur still dalag nachdem er schon eingeschlafen war. Doch daran durfte sie jetzt nicht denken, auch wenn die bloße Erinnerung an diese Zeit sie zu erdrücken schien und ihr die Luft zum Atmen nahm. Daher versuchte Joséphine die Augen zu schließen und die Gedanken an diese längst vergangene Zeit in eine sehr dunkle und sehr versteckte Ecke ihrer Seele zu schieben.„Als wir noch kleiner waren, hätte dich jetzt nichts, aber auch wirklich gar nichts davon abgehalten auf diesen Baum zu klettern. Stattdessen sitzt du hier nur rum und tust nichts.“„Friedrich?“, wisperte Joséphine und schlug, halb verängstigt, halb hoffnungsvoll die Augen auf. Doch sie sah niemanden, sie hörte lediglich die Stimme ihres Zwillingsbruders wie schon die von Onkel Louis.„Ich wünschte ich hätte mehr Zeit, ich wünschte ich könnte dir auch nur einen Bruchteil von den Dingen sagen, die ich dir gerne sagen möchte, aber dafür reicht unsere gemeinsame Zeit nicht aus. Du musst hier weg, verstehst du?“Joséphine schüttelte energisch den Kopf, auch wenn sie sich nicht sicher war, dass irgendwer sie sehen konnte. Das war doch alles was sie gewollt hatte, eine Möglichkeit noch einmal mit Friedrich zu sprechen, alles wäre sie bereit gewesen dafür zu geben und diese Einstellung hatte sich nicht geändert.„Nein, Friedrich, sag mir was du zu sagen hast, wir haben die Zeit, ich kann eh nirgendwo hin und selbst wenn, ich will gar nicht weg, nicht wenn ich andernfalls keine Möglichkeit mehr habe, dir nahe zu sein.“„Wir sind uns nahe Joséphine, in jedem Augenblick, aber nun musst du fort von hier, fort von meiner Stimme, ich bitte dich.“„Nein Friedrich, zwing mich nicht, ich bitte dich.“„Du willst reden Joséphine?“, erklang nun wieder Friedrichs Stimme, dieses Mal irgendwie näher, irgendwie wütender. „Dann lass uns reden, lass uns darüber reden wie du mich belogen hast!“Joséphine schüttelte erneut den Kopf, sie wusste nicht, worauf ihr Bruder hinaus wollte, aber der Vorwurf gelogen zu haben, war heute wohl ein wiederkehrendes Thema.„Wann soll ich dich belogen haben, Friedrich?“„Du hast mich belogen, als du mir versichert hast, dass du in Sicherheit vor James wärest, dass dein Kind in Sicherheit vor seinem Vater wäre.“„Oh wirklich Bruder, möchtest du mir dafür jetzt Vorwürfe machen?“„Ich würde dir nie Vorwürfe machen, Liebste, und das weißt du auch. Aber hättest du nur ein Wort gesagt, mir nur ein Zeichen gegeben, dann wäre ich nicht fortgegangen. Ich wäre in Germantown geblieben und hätte dich beschützt, hätte euch beschützt.“Eine Windböe strich über das erhitzte Gesicht der jungen Frau und sie merkte, dass sie den Tränen nahe war. Tränen die durch einen Schmerz ausgelöst wurden, der nichts mit ihrem schlechten körperlichen Zustand zu tun hatte. „Bin ich ein schlechter Mensch, Friedrich? Ich wollte so unbedingt, dass du diese Möglichkeit zum Studium wahrnehmen kannst und ich war mir so sicher, dass James uns nichts tun würde, aber …“„Dann war es James Schuld damals, nicht?“„Ich … ich weiß es nicht, verstehst du? Ich weiß es nicht. Ich weiß gar nichts mehr von damals, wie es passiert ist und ob überhaupt etwas passiert ist, ja?“„Tue mir den Gefallen und gehe nun Joséphine. Nach all dem, was James dir angetan hast, darfst du ihn nicht gewinnen lassen, hörst du mich?“„Wobei darf ich James nicht gewinnen lassen?“„James wird diesen Tag überleben, also musst du es auch tun. Du darfst ihn dieses Spiel nicht gewinnen lassen. Du musst auch überleben.“Die junge Frau ließ ihren Blick an sich herunter gleiten. Die Blutung hatte inzwischen aufgehört und sie war sich ziemlich sicher die gröbsten Verunreinigungen entfernt zu haben. Ihre Rippen waren zwar gebrochen, aber so etwas heilte meistens ohne großes Zutun. Für wahr, die junge Frau durfte recht optimistisch sein, diesen Tag zu überleben. Ganz so, als hätte ihr Bruder ihre Gedanken lesen können, erklang nach dieser kurzen Stille seine Stimme erneut. „Das nennst du überleben Joséphine? Dieser Mann, Henry oder wie er heißt, will dich melden und dann wird man dich inhaftieren und anklagen. Mit Glück wird man dich nur aus dem Lager verscheuchen, aber wir beide wissen, was passiert, wenn du kein Glück hast, was passiert, wenn du nicht mehr Teil der Armee bist. Ich bitte dich, Phine geh, geh an einen Ort an dem du sicher vor Verfolgung bist und erhol dich dort.“„Wo sollte so ein Ort sein?“, wollte Joséphine wissen und begann langsam aufzustehen, mit den Händen fuhr sie Halt suchend an der Rinde des Baumes entlang. Ein schmerzhaftes Ziehen ging durch ihre rechte Seite als sie sich schließlich zu voller Größe aufgerichtet hatte.„In der Nähe des Waldstückes gibt es bestimmt Siedler, du musst nur eines ihrer Häuser finden, eine nette kleine Familie, die bereit ist, dich für ein paar Tage bei sich aufzunehmen. Versprich mir, dass du ihn nicht gewinnen lässt“, bat Friedrich und seine Stimme wurde wieder leiser, hob sich kaum noch von dem Rascheln des Windes in den Blättern ab. „Das verspreche ich dir kleiner Bruder“, flüsterte Joséphine und genoss den Klang der Wort auf ihrer Zunge.Der Wald und das Dickicht waren üppig, sodass die junge Frau sich sicher fortbewegen konnte, ohne gesehen zu werden. Selbst wenn Henry inzwischen mit Verstärkung zurückgekehrt wäre, bot das Waldstück einen guten Schutz. Joséphine stolperte von Baum zu Baum vorwärts, versuchte hier und dort Halt zu finden um nicht zu Fallen. Das Gestrüpp auf dem Waldboden war dicht und die junge Frau war so unendlich müde, so wahnsinnig ausgelaugt, dass es ihr schwer fiel sich nicht an einer der unzähligen Wurzeln am Boden zu verfangen. Die Sonne war langsam dabei am Horizont unterzugehen und Joséphine wurde nur noch kälter. Ihre Bewegungen wurden fahrig, halbherzig, sie spürte ihr Herz in der Brust schlagen, zu schnell, die Welt drehte sich vor ihren Augen während sie einfach immer weiter stolperte, kopflos und ohne einen wirklichen Plan, wie es nun mit ihr weitergehen sollte. Sie war so erschöpft. Das Einzige, was sie auf den Beinen hielt, was das Versprechen ihrem Bruder gegenüber. Versprechen Brüdern gegenüber bricht man nicht, oder?Joséphine hatte jegliches Gespür für Zeit verloren und war sich infolgedessen nicht sicher, wie lange sie schon so umher gewandert war, als sich schließlich ein deutlicher Weg zwischen den Bäumen abzeichnete, welcher sich dann schließlich in einer Weggabelung aufteilte. Die junge Frau war noch nie in dieser Region gewesen und folglich verschwendete sie keinen Gedanken darauf, ob sie sich links oder rechts halten sollte. Der rechte Pfad schien ihr eine gute Wahl zu sein, es machte aber auch keinen wirklichen Unterschied. Joséphine war einzig froh über den Umstand, dass der Weg nun ebener zu werden schien, dass das Gestrüpp durch die ständige Beanspruchung zurückgegangen war. Alle ihre Sinne waren abgestumpft, waren benebelt, doch etwas erregte Joséphines Aufmerksamkeit. Es war ein Licht, ein Leuchten oder vielleicht auch nur das Licht der Abendsonne, dass sich in einem Gegenstand spiegelte. Da lag ein Geruch in der Luft, ein Geruch den Joséphine beinahe schon vergessen hatte und der eine alte, wundersame Erinnerung in ihr hervorrief.„Mère?“„Oh mein kleines Mädchen, sieh nur wie erwachsen du geworden bist. So selbstbewusst und so entschlossen in all deinen Unterfangen. Aber dieses Mal liegst du falsch, mein Kleines. Nach links musst du dich wenden, nicht nach rechts.“„Wo ist da ein Unterschied zwischen diesen beiden Wegen, Mère, welchen Unterschied macht es denn noch ob ich den einen oder den anderen Weg nehme? Welchen Unterschied macht denn noch irgendetwas?“„Wende dich nach links und du wirst auf anständige Menschen treffen. Unsereins ist gut zu jenen in Not. Was den Unterschied betrifft, den du versuchst zu finden, zwischen den beiden Wegen wirst du ihn nicht finden und auch nicht bei den Siedlungen am Ende der Wege. Den Unterschied machst du meine Tochter.“„Welchen Unterschied könnte ich denn schon machen?“, drängte Joséphine auf eine Antwort, ihre Stimme war, auch wenn sie versuchte ruhig zu sprechen, von einem wütenden Unglauben gezeichnet, von einer tiefen Skepsis.„Vorsichtig, meine Liebe, so haben dein Vater und ich dich nicht erzogen, nicht zu solch einem Ton gegenüber deiner Mutter. Du hast keine Ahnung, was die Zukunft bringen mag, Joséphine, das hat keiner, aber du hast noch Pflichten zu erfüllen. So haben wir dich erzogen, dazu deine Pflicht zu tun, deine Pflicht gegenüber deiner Familie und deinen Kindern.“Joséphine zuckte zusammen und ließ unwillkürlich eine Hand über ihren Unterleib fahren. „Kinder?“, wiederholte die junge Frau stumpfsinnig. Mit wem sollte sie ein Kind – Kinder, haben? „Mit James …?“, fragte sie vorsichtig, unsicher ob sie die Antwort wirklich wissen wollte. Sie konnte nicht zu James zurückkehren, nicht noch einmal mit ihm schlafen, nicht seine Kinder bekommen. Das Licht wurde schwächer je weiter die Sonne unterging und Joséphine dämmerte es, dass sie nicht mehr viel Zeit mit ihrer Mère hatte.„Dein Vater liebt dich sehr, ist dir das eigentlich bewusst?“, ertönte wieder die Stimme Johanna Deegens.„Tief in meinem Herzen weiß ich das, aber manchmal fällt es mir trotzdem schwer es zu glauben“, gestand Joséphine und drückte eine Hand gegen ihre verwundete Seite.„Du tust ihm Unrecht Liebes. Euer Vater hat Dinge für dich und deine Geschwister getan, die kein Mann gezwungen sein sollte durchmachen zu müssen. Ein schwacher Trost für dich vielleicht, aber eines Tages wirst du es verstehen.“Joséphine wollte etwas antworten, wollte ihre Mère bitten, es ihr jetzt zu erklären, denn das Unverständnis für die Handlungen ihres Vaters waren das Schlimmste. Sie wollte wissen, warum ihr Vater nicht zu ihr gehalten hatte und Onkel Louis schon. Doch am aller meisten wollte Joséphine von ihrer Mère in den Arm genommen werden. Sie wollten ihren Kopf an die Brust ihrer Mère legen und sich in ihrer Wärme, ihrer Führsorge verstecken, wie unter einer besonders weichen Decke. Sie wollte die Welt um sich herum vergessen. Zwar konnte sie der Mutter nicht mehr in die Augen schauen, aber vielleicht könnte sie von ihr in den Arm genommen werden und anfangen zu weinen, denn bekanntlich sind die Arme einer Mutter ein vortrefflicher Ort um zu weinen. Vielleicht war noch nichts zerbrochen, das eine Nacht voller Tränen, das eine beruhigende Hand, die einen über den Rücken streicht, nicht wieder gut machen könnte. Doch die Nacht gab es nicht für sie beide, nur für Joséphine. Ein fahriger Blick gen Himmel und der Schleier der roten Abendsonne am Himmel verrieten ihr, wie wenig Zeit ihr noch blieb. Deshalb wollte sie sich beeilen, etwas zu erwidern, etwas bezüglich ihres Vaters oder sonst eine bedeutungsvolle Aussage, Worte, die es wert waren zwischen ihnen gewechselt zu werden, an die sie sich später mit Stolz zurück erinnern könnte. Doch noch ehe sie den Mund öffnen konnte ging die Sonne am Horizont unter und dieses kleine Licht in dem Joséphine ihre Mère gesehen hatte, war verschwunden. Der Wind frischte auf und in dem Rascheln der Blätter und dem Zittern der Äste meinte die junge Frau noch etwas zu hören. Kein Opfer ist einer Mutter zu groß für ihre Kinder. In der Luft war nur noch der Geruch der Kiefernadeln und des Harzes, des lehmigen Erdbodens als Joséphine sich langsam aber sicher den linken Pfad entlang kämpfte.Sie roch den Rauch aus den Schornsteinen der ersten Häuser noch bevor sie die Häuser selber sehen konnte. Die Dunkelheit hatte sich in dem Waldstück ausgebreitet und wirkte so wahnsinnig einladend, so verführerisch. Joséphine könnte sich einfach unter einen Baum setzten und ein wenig schlafen, unentdeckt, unbehelligt. Doch stattdessen schleppte sie sich weiter, ungeachtet ihrer Schmerzen und ihrer Erschöpfung. Als sie dann vor der Tür eines der ersten Gehöfte, die sie erreichte zusammen brach, da hatte sie keine Angst. Sie wusste, dass dort drei Schutzengel waren, die über sie wachten.
1778
-Intermezzo-
Doktor Edward Wilson war müde. Hundemüde. Der Tag der hinter ihm lag, war lang gewesen und zu seiner alltäglichen Arbeit kam nun noch die Versorgung der in der letzten Schlacht verwundeten Soldaten. Dass er General Clinton auch noch hatte erklären müssen, wie Friedrich Deegen entkommen konnte, hatte die letzten Tage auch nicht wirklich leichter gemacht. Der britische Oberbefehlshaber in Nordamerika verdächtigte seinen Leibarzt zwar keiner Verfehlungen, abgesehen von einem, wie hatte Clinton es noch formuliert „generellem Unverständnis der menschlichen Natur und einem an Dummheit grenzendem, übergroßen, fehlplatzierten, treuhundigem und naiven Vertrauen“ das einem studierten Mann wie ihm „gewiss nicht gut zu Gesicht stand.“ Ja, Clinton war alles andere als begeistert gewesen. Fast wie aus einem Instinkt heraus, fasste sich Wilson an den Hinterkopf. Der Schmerz war nur noch dumpf und pochend und die Wunde selber hatte bereits begonnen zu verheilen. Eine Narbe würde wohl dennoch bleiben. Trotzdem war Wilson zufrieden mit der Situation. Seine Verletzung hatte ihren Zweck erfüllt, Friedrich war entkommen und das ohne dass Clinton ihn der Mittäterschaft bezichtigt hatte. Zudem hatte Friedrich wirklich ganze Arbeit geleistet – hätte Wilson die ideale Wunde versucht zu beschreiben, sie sähe aus wie seine eigene.Als der Arzt beinahe über eine Wurzel am Boden gestolpert wäre, schreckte er aus seinen Gedanken hoch. Er hatte heute länger gearbeitet – wirklich, wann schaffte er es schon einmal pünktlich in seinen Feierabend zu starten, und dementsprechend dunkel war es bereits. Der Mond war wolkenverhangen und so spendeten nur die einzelnen Lagerfeuer, die über das ganze Lager verstreut waren und an denen die Soldaten sich wärmten und Geschichten erzählten, ein wenig Licht. Die Hälfte der Strecke zu seiner Unterkunft hatte er bereits absolviert, als er plötzlich herumfuhr. Dort stand doch wer im Schatten? Halb darauf gefasst einen betrunkenen, verirrten Soldaten oder einen Deserteur auf der Flucht erwischt zu haben, rief er dem Mann zu, er solle sich identifizieren. Doch er bekam keine Antwort. Etwas befiel ihn, es war keine Angst, sondern vielmehr eine Vorahnung, als die Person langsam aus dem Schatten trat.Wilson hatte zu laufen begonnen, noch ehe er vollkommen realisiert hatte, wer dort stand. Schon lange hatte er sich nicht mehr so lebendig gefühlt, wie in dem Moment wo er sich seiner Hanni um den Hals warf. Seiner kleinen, lieben, dummen, tapferen, engelsgleichen Hanni. Die Tränen begannen sich in seinen Augen zu sammeln, sobald er sein Gesicht in ihr Haar drückte, ihren Geruch einatmete, ihre Haut auf der seinen spürte. „Gott, ich dachte ich hätte dich verloren, ich dachte ich hätte dich für immer verloren. Ich dachte ich hätte euch beide für immer verloren“, flüsterte er, vollkommen von seinen Gefühlen übermannt und ließ sich auf die Knie nieder, sodass er nun auf Augenhöhe mit seinem ungeborenen Kind war. Ganz vorsichtig streckte er eine Hand in Richtung von Hannas Bauch aus. „Darf ich?“, flüsterte er und blickte hoch, blickte erst jetzt Johanna richtig in die Augen. Ihre Wangen und Nasenspitze waren von der kühlen Abendluft gerötet, doch ansonsten wirkte sie recht blass, ein beinahe schon aufgescheuchter Blick lag in ihren Augen. Wie lange war Wilson der Anblick dieses wunderschönen Gesichts verwehrt gewesen?„Es ist dein Kind, Edward, das verspreche ich dir.“Erschrocken fuhr Wilson zusammen. Dachte Johanna wirklich, er würde an ihrer Treue zweifeln? Für einen Moment schloss er die Augen, er wollte ihr nicht nur mit Worten beteuern, dass er ihr glaubte, er wollte sie mit dem Gefühl erfüllen, wollte sie mit Beweisen seiner Liebe anfüllen so dass sie erschauderte – ganz so wie in der Nacht, in der sie ihr gemeinsames Kind gezeugt hatten. Vorsichtig um Johanna auch nicht nur das kleinste Unwohlsein zu bereiten, lehnte er sich vor und drückte seinen Kopf gegen ihren Bauch. Er konnte die Tritte seines Kindes an seiner Wange spüren „Na mein Kleines? Das hier ist dein Vater, der mit dir spricht und dein Vater kann es kaum erwarten, dich endlich in den Armen zu halten. Du kannst dich sehr glücklich schätzen, weißt du das. Nicht nur, dass du die wunderbarste Frau dieser Welt zur Mutter hast, sondern deine Eltern werden dich mehr lieben, als je ein Kind geliebt geworden ist. Ich werde dich immer beschützen, ja, solange ich lebe musst du dich nicht fürchten.“Als er die Augen wieder öffnete und hochblickte, waren Johannas Augen voll mit Tränen und eine Hand hatte sie sich vor den Mund gepresst. „Ich liebe dich, weißt du das eigentlich?“, flüsterte sie und ließ sich von Wilson erneut in eine Umarmung ziehen, sobald er sich wieder aufgerichtet hatte.„Wenn du mich so sehr liebt wie du beteuerst, dann tue mir einen Gefallen“, flüsterte er in ihr Ohr. Johanna summte nur zum Einverständnis. Es gab in diesem Moment so ziemlich nichts, dass sie nicht für ihn tun würde.„Erlaube mir einen der Regimentskapläne zu wecken, irgendeinen, den ersten, den wir finden. Bitte lass mich dich noch heute Abend zu Mrs. Johanna Wilson machen, ja?“So wurde aus Hanni noch an diesem Abend Mrs Wilson, auch wenn der arme Regimentskaplan, den sie letztendlich zur Durchführung der Zeremonie baten, mehr als nur verwundert war. Mitten in der Nacht von Clintons Leibarzt und einer hochschwangeren Frau aufgeweckt zu werden, um eine Trauung durchzuführen, war dann selbst in den Wirren des Krieges keine Alltäglichkeit. Doch was sollte er auch tun, nichts mochte er an seinem Beruf mehr, als zwei Menschen in den heiligen Stand der Ehe zu schicken. Zudem konnte er ja nicht zulassen, dass das arme Kind unehelich geboren wurde …Hanni störten die etwas missfallenden Blicke des Priesters nicht, es störte sie nicht, dass Edward in seiner Not kurzerhand ein Stück Draht zu einem behelfsmäßigen Ring aufwickelte und noch weniger kümmerte es sie, dass es eine Trauung nach traditionell christlich anglikanischen Bräuchen war und nicht eine Zeremonie nach den Werten der Quäker. Alles was sie kümmerte war Edward an ihrer Seite und ihr Kind unter ihrem Herzen. Sie fragte nicht, woher Edward von ihrer Schwangerschaft und ihrer Reise wusste und Edward fragte nicht, wo sie die letzten Monate gewesen war. Das waren Fragen für eine andere Zeit.
29. Juni 1778
The hungry or benighted traveller is always sure to find a hearty welcome under their roofs.
An Account of the Manners of the German Inhabitants of Pennsylvania, Written 1789 von Doktor Benjamin Rush Joséphine wachte nicht nur durch das ungewohnte Gefühl von frischen Laken an ihrer Haut auf, sondern auch durch all die Dinge, die sie als kleines Kind immer aufgeweckt hatten. Das erste Morgenlicht, das durch die Fenster in den Raum fiel, die Laute der Tiere, die gefüttert und gemolken werden wollten, der allgemeine Tumult, den eine Farm nun einmal mit sich brachte. Ihre Lider fühlten sich unglaublich schwer an und dennoch zwang sie sich, die Augen zu öffnen. Schemenhaft erkannte sie ihre Umgebung. Eine kleine Kammer mit einem Steinboden und einem Fenster dessen Vorhänge zugezogen waren. Es musste bereits spät am Tag sein, denn es fiel genügend Licht durch das Fensterherein, um den Raum genügend zu erhellen. Ein Schrank, der wohl Wäsche beinhaltete, stand in der Ecke und neben dem Bett, in dem sie lag, stand ein Tisch auf dem ein Krug, eine Bibel und eine Kerze standen.„Du bist wach!“, erklang eine freudige Stimme aus der anderen Ecke des Raumes und Joséphine fuhr herum, was sofort mit einem stechenden Schmerz in ihrer Seite bestraft wurde. Doch nun erkannte sie ein kleines Mädchen, das dort auf einem Stuhl in der Ecke saß und freudig mit dem Kopf wippte, so dass ihre geflochtenen Zöpfe fröhlich auf und ab wippten. Mit einem Satz war sie vom Stuhl gesprungen und aus dem Zimmer verschwunden. Joséphine blinzelte verwirrt, sie fühlte sich immer noch reichlich benommen. Doch viel Zeit um zu sich zu kommen hatte sie nicht, denn kurz darauf kam das kleine Mädchen, unmöglich älter als sieben, wieder in das Zimmer gerannt, gefolgt von einer Frau in den Dreißigern. „Siehst du Mammi, ich habe doch gesagt, dass sie wach ist!“„Ja, das hast du mein Schatz. Tust du mir einen Gefallen und gehst hinaus zu deinen Geschwistern spielen?“, fragte die Frau, doch der Tonfall in ihrer Stimme machte es zumindest für Joséphine deutlich, dass es keine Bitte war. Doch dem kleinen Mädchen schien der veränderte Tonfall der Mutter nicht aufzufallen, denn sie verließ, ja beinahe hüpfend, und herrlich unberührt von der Grausamkeit und Falschheit dieser Welt, das Zimmer.„Mein Name ist Sarah und das eben war meine jüngste Tochter Kathrin. Ein wahrer Wirbelwind. Sie sind hier bei meiner Familie untergekommen Miss, mein Mann hat sie auf dem Weg zu unserer Farm gefunden und hereingetragen“, erklärte Sarah Joséphine die Situation in der sie sich befand. Und obwohl dieser Bericht sie wohl irgendwie hätte beruhigen sollen, rief er doch Verunsicherung in ihr hervor. Ihre Kleidung war nach der Verletzung nicht nur schmutzig, sondern auch ziemlich zerrissen gewesen. Ihre hastig durchgeführte Behandlung hatte nicht gerade zum Erhalt der Kleidung beigetragen, ja sie hatte sogar ihre Brustbinden noch herunter gezogen. Ganz so als würde Sarah ihre Unsicherheit erkennen, lächelte sie ein kleines Lächeln. „Seid unbesorgt, mein Mann ist ehrenhaft und hat Sie nicht angesehen Miss. Meine Töchter und ich selbst haben euch ausgezogen, gewaschen und versorgt.“Joséphine rutschte aufgrund dieser Bestätigung ein wenig auf den Laken hin und her. Menschenkenntnis war vielleicht nicht ihre größte Stärke, aber sie konnte deutlich ausmachen, wie angespannt Sarah war, zu welchen schmalen Strichen sie ihre Lippen zusammengepresst hatte. Verübeln konnte Joséphine ihr dieses Verhalten nicht und deshalb beschloss sie in die Offensive überzugehen. „Ich denke Sie haben viele Fragen an mich Sarah, halten Sie sich bitte nicht zurück.“Sarah runzelte für einen Moment die Stirn bevor sie antwortete. „Wissen Sie Miss, ich habe tatsächlich einige Fragen, doch ich werde Ihnen keine dieser Fragen stellen. Meine Familie und ich haben Ihnen geholfen, weil Sie verletzt waren und unsere Hilfe brauchten, es ist unsere Pflicht und unsere Verantwortung Ihnen zu helfen. Aber darüber hinaus wünschen wir nicht in Ihre Machenschaften oder den Konflikt, dem Sie die Verletzung aller Wahrscheinlichkeit nach verdanken, hineingezogen zu werden. Sie können bei uns bleiben, bis Sie sich erholt haben, doch ich verbiete Ihnen mit meinen Töchtern zu sprechen und schlechten Einfluss auf sie zu haben. Ich werde auch nicht wegen Ihrer Aufmachung fragen. Unser Herr hat uns alle mit einem freien Willen und einem inneren Licht beschenkt und es ist nicht an mir zu hinterfragen oder zu verdammen, wie Sie beides verwenden. Denken Sie jedoch nicht, dass ich deshalb Ihr Verhalten gutheiße, mit Nichten tue ich das. Ich weigere mich jedoch, Sie für eine Handlung zu verurteilen deren Hintergründe ich nicht kenne und die mich nichts angeht.“ Ihre Stimme war hart und dennoch musste Joséphine grinsen. Die Liebe einer Mutter für ihre Kinder klang aus Sarahs Stimme heraus. Doch dieser Gedanke musste schon bald einem wesentlich düsterem Gedanken Platz machen. Bleiben hatte Sarah gesagt, aber Joséphine konnte nicht bleiben. Sie musste zurück ins Lager. Auch wenn Henry sie bei seiner Rückkehr zu den Ausläufern des Walstückes nicht gefunden hatte, hieß es nicht, dass er sie nicht dennoch gemeldet hatte. Das machte eine Rückkehr ins Lager natürlich riskant. Solange niemand außer La Fayette von ihrer wahren Identität wusste, hatte das Schweigen des Marquis sie beschützt, doch nun, nachdem Henry sie öffentlich gemeldet hatte, konnte sie nicht mehr auf die Hilfe des jungen Franzosen hoffen. Er hatte schon mehr für sie getan als auch nur im Entferntesten zu erwarten gewesen wäre. Doch La Fayette, ein General, ein Marquis, ein Mann mit Respekt und Verantwortung konnte ja kaum solch eine öffentliche Anschuldigung gegen seinen Stabsarzt ignorieren, noch konnte er Henry in einer privaten Unterhaltung irgendwie von einer Anzeige abbringen. Denn damit hätte er Joséphines Verhalten ja gebilligt, hätte Henry gegenüber offenbart, dass er schon länger von Joséphine wusste, von ihren gefälschten Papieren, von den Lügen gegenüber den Offizieren, die sie rekrutiert haben und gegenüber ihren Vorgesetzten. La Fayette hätte zugeben müssen, dass er eine straffällig gewordene Person gedeckt hatte. Schlimmer noch, er hätte seine Stellung und Autorität als General, als Henrys vorgesetzter Offizier, dazu missbrauchen müssen, um Henry ebenfalls zu befehlen, Joséphines Geheimnis für sich zu behalten. Nein für wahr, von La Fayette würde die junge Frau keine Hilfe erwarten können – weder von ihm noch von jemand anderem.Dennoch konnte sie sich auch nicht von dem Gedanken loslösen in das Lager zurück zu kehren. Sie kümmerte sich nicht um ihre Bücher und sonstige Habseligkeiten, die sie dort noch hatte, nein sie maß den materiellen Dingen kaum Bedeutung bei. Aber – aber, ihre Engel waren noch da, zusammen mit ein paar Briefen, die ihr die Welt bedeuteten. Außerdem war da auch noch ihr letzter Sold, den sie noch nicht heim an die Familie geschickt hatte. Ihre Familie brauchte das Geld und sie brauchte die Erinnerungen an ihre Geschwister, ihre Eltern, ihren Onkel. Die Entscheidung zurück zu kehren stand also fest!Mit diesem Entschluss im Hinterkopf zog sie also die Decke zurück und schwang die Beine über die Bettkante. Augenblicklich verschwamm ihr Sichtfeld und ein Schwindel ergriff Besitz von ihr. Beinahe schon geängstigt von der Situation kniff sie die Augen zusammen und vergrub ihre Hände in den Laken, ganz so als ob sie so Halt finden könnte. Behutsam griff jemand ihre Beine und schob sie wieder unter die Decke, drückte Joséphine vorsichtig zurück in eine liegende Position. „Sachte Miss, Sie sind nicht in der Verfassung aufzustehen. Ihre Verwundung ist nicht binnen weniger Stunden verheilt, auch wenn Sie sich das vielleicht wünschen“, schollt Sarah sie sanft aber ernst und zog die Decken wieder über Joséphines Oberkörper.„Joséphine!“„Wie bitte?“„Mein Name, Joséphine. Lassen Sie das ‚Miss‘, Joséphine reicht vollkommen.“„Gut, Joséphine dann, aber dennoch müssen Sie sich schonen. Ich habe in der Küche noch einen guten Eintopf über dem Feuer. Ich bringe Ihnen eine Schüssel, ja?“Joséphine nickte nur müde und hörte dann auch schon wie sich Sarahs Schritte entfernten. Langsam öffnete sie wieder ihre Augen, ihre Sicht war noch immer verschwommen, aber wenigstens drehte sich nicht mehr alles vor ihren Augen. Nun auch erst fiel ihr die Bibel auf, die auf dem niedrigen Beistelltisch neben dem Bett lag. Joséphine griff nach dem, in Stoff gebundenen, Buch, das Papier der Seiten hatte sich im Laufe der Jahre verfärbt und es war offensichtlich wie häufig das Buch in den Händen gehalten wurde. Noch bevor sie die Möglichkeit hatte die Bibel aufzuschlagen und tatsächlich etwas darin zu lesen, vernahm sie wieder Schritte vor der Tür zu der Kammer und legte daraufhin das Buch hastig zurück. Im selben Moment trat Sarah mit einer dampfenden Holzschüssel in der Hand ein. „Etwas heißer Eintopf wird Ihnen guttun Joséphine. Tun Sie mir nur den Gefallen und versuchen Sie nichts auf die Laken tropfen zu lassen, ja? Auf die Arbeit das wieder herauszuwaschen kann ich wirklich verzichten“, meinte Sarah und klang dabei so trocken und ernst, dass Joséphine beinahe erneut hätte schmunzeln müssen. Ihr waren die Anstrengungen wohl bekannt, die damit verbunden waren die Wäsche für einen Haushalt zu erledigen. Zu ihrem ganz besonderen Leidwesen hatte ihr kleiner Bruder Hugo häufig Nasenbluten gehabt und es ist meistens an ihr gewesen, das Blut irgendwie wieder herauszuwaschen.Dankend nahm Joséphine nun die Schüssel entgegen und genoss sogleich die Wärme, die sie von dem heißen Eintopf empfing. Der Geruch war himmlisch. Ihr Magen gab ein lautes Knurren von sich, wahrscheinlich, um sie dazu zu bewegen nicht nur an dem Gericht zu riechen, sondern auch endlich etwas zu essen. Erst jetzt kam ihr in den Sinn, dass sie das letzte Mal am Vortag der Schlacht von Monmouth gegessen hatte. Hungrig begann sie den Eintopf zu löffeln, immer darauf bedacht dabei nicht gierig zu erscheinen. Sarah stand mit einigen Schritten Abstand neben dem Bett und sah auf sie herab – ein Verhalten, dass Joséphine zunehmend unangenehm wurde, weshalb sie auch fieberhaft nach einem Gesprächsthema suchte.„Das ist eine sehr alte, sehr schöne Bibel“, meinte die junge Frau dann schließlich aus Ermangelung einer besseren Aussage. „Dürfte ich wohl anschließend etwas darin lesen?“Sarah sah sie für einen Moment stirnrunzelnd an. „Sie lesen die Bibel?“ Eigentlich hätte dieser Unglaube Joséphine nicht verwundern dürfen, es war nur verständlich, dass Sarah, die nicht wirklich mehr über sie wusste als der Umstand, dass sie sich in Männerkleidung kleidete, sie nicht für eine gottesfürchtige Frau hielt. Doch auch wenn Joséphine den Gedanken hinter der Aussage nachvollziehen konnte, nahm sie Anstoß daran. Wenn Menschen an ihrer Moral, ihrer Ehre, ihrer Tugend oder sonst etwas zweifelten, dann konnte sie damit umgehen, zweifelte aber jemand an ihrer Gottesfürchtigkeit, nun, damit konnte sie überhaupt nicht umgehen. Dennoch besann sie sich zu einer ruhigen Antwort. „Häufig sogar. Ich bin Quäkerin, meine Eltern sind Quäker und ich bin unter Quäkern großgeworden. Die Lektüre der Bibel ist für mich ein fester Bestandteil meines Tages.“„Eine Quäkerin?“, wiederholte Sarah und klang dabei noch verwundeter als zuvor. Gerade wollte Joséphine zu einer Erklärung ansetzen, als die Ältere der beiden fortfuhr. „Dann war es vielleicht sogar Fügung, dass Sie in unser Dorf gekommen sind, denn wir sind die einzige Quäkergemeinde weit und breit“, erklärte Sarah und ließ sich vorsichtig neben Joséphine auf dem Bett nieder. Die junge Frau nickte nur gedankenverloren. Der Rat ihrer Mutter kam ihr wieder in Gedanken.Nachdem Joséphine ihren Eintopf aufgegessen hatte, auf Nachfrage eine zweite Schüssel ablehnte, den älteren der beiden Schöpfungstexte in der Bibel gelesen hatte und noch einige Stunden gut und fest geschlafen hatte, beschloss sie schließlich am späten Nachmittag, dass sie in das Lager zurück musste. Es gab keine andere Möglichkeit für sie und es musste noch heute geschehen. Eine noch längere Abwesenheit würde alles nur noch komplizierter und schwieriger machen, als es ohne hin schon war. Sarah machte ihr zwar auf ihre typisch trockene Art und Weise deutlich, wie dumm und riskant dieses Vorhaben war, (nicht das Joséphine diese Belehrung gebraucht hätte, sie war sich selber im Klaren über ihren jämmerlichen körperlichen Zustand) doch hielt sie darüber hinaus auch nicht wirklich davon ab. Im Gegenteil, Sarah konnte sich sogar dazu durchringen, Joséphine eines der alten Hemden ihres Mannes zu überlassen, da das Hemd der einzige Teil von Joséphines Kleidung war, der wirklich nicht mehr zu retten gewesen war. Die junge Frau bedankte sich herzlichst, doch hatte sie noch ein ganz anderes Problem zu bewältigen. Das Anlegen ihrer Brustbandagen war unwahrscheinlich schmerzhaft und schließlich war sie gezwungen einen größeren Teil ihres Oberkörpers zu bandagieren, als sie es gewöhnt war. Der Druck auf der frischen Verletzung bereitete ihr unheimliche Schmerzen, aber was sollte sie tun? Sie hatte das Haus als Friedrich betreten – sie musste es auch als Friedrich wieder verlassen.Der Weg zurück ins Lager selbst war beschwerlich – nicht einmal halb so beschwerlich wie der Hinweg gewesen war, aber dennoch eine Strapaze. Joséphine war immer noch kalt, das Atmen war beschwerlich und obwohl die Bandagen die Wunde gut abdeckten und der Schmerz mittlerweile eher stumpf als stechend war, fühlte sich jede Bewegung ihres Oberkörpers unangenehm an. Ihre Haut war irritiert und der Stoff der Kleidung schien rauer und kratziger zu sein als noch am Morgen des Vortages. Immerhin fand sie den Weg zurück zur Armee problemlos und auch ihre anfängliche Befürchtung, die Wachen am Eingang des Lagers würden sie bereits vor den Toren abfangen und in Gewahrsam nehmen, bewahrheitete sich glücklicherweise nicht. Ganz im Gegenteil. Friedrich kam problemlos an den Wachen vorbei und gelangte ohne irgendeine Behelligung in La Fayettes Hauptquartier. Doch richtig beruhigt war er erst, als sich die Tür seiner Kammer hinter ihm geschlossen hatte. Für einen Moment lehnte der Arzt sich gegen das solide Holz und versuchte tief Luft zu holen, etwas von der Anspannung los zu werden, die von ihm in den letzten Tagen Besitz ergriffen hatte. Denn um ehrlich zu sein, hatte er keine Ahnung, was nun mit ihm geschehen sollte. Friedrich wusste nicht, wohin er sich wenden, wo er als nächstes hingehen sollte. Natürlich war ihm das schon vorher bewusst gewesen, aber jetzt wo er hier in seiner Kammer stand und mit fahrigen Fingern seine wichtigsten Habseligkeiten zusammen suchte, brach die ganze Wahrheit der Situation plötzlich mit aller Kraft auf ihn ein. Es kostete ihn beträchtliche Mühe, die verzweifelten Tränen zurück zu halten, obwohl er sich an einer Stelle fragte, warum er sich die Mühe überhaupt machte. Es war nun doch eh alles egal. Alles.Als hinter Friedrich die Tür aufgerissen wurde, drehte dieser sich, schneller als eine Verletzung es eigentlich erlaubt hätte, um. Im Türrahmen stand der Marquis de La Fayette. Ganz wunderbar, schoss es Joséphine durch den Kopf. Auf die nachfolgende Unterhaltung war sie weniger als gar nicht erpicht, doch sah sie sich leider auch nicht in der Lage der Situation irgendwie zu entkommen. Sie hoffte nur, dass La Fayette ihre Begegnung für sich behalten und ihr somit die Möglichkeit geben würde, der Armee ein für alle Mal den Rücken zuzukehren. Doch zuerst stellte der junge Franzose natürlich die alles entscheidende Frage. „Doktor Deegen, da sind Sie ja endlich, wir haben Sie überall gesucht. Niemand hat Sie mehr nach dem Ende der Kampfhandlungen gestern gesehen – einige von uns haben bereits das Schlimmste angenommen. Wo waren Sie?“Joséphine lachte ob dieser Offenbarung trocken auf, eine unbedachte Geste die den Schmerz wieder von neuem durch ihre Seite schießen ließ. Wer auch immer „das Schlimmste“ angenommen hatte, lag mit seiner Annahme sehr richtig.„Ich war bei einer Familie, gut eine Stunde Fußmarsch von hier.“„Und warum waren Sie dort, wenn ich wohl fragen darf?“, meinte La Fayette und sein Tonfall klang so offen und ehrlich verwirrt, dass es beinahe schon komisch war. Doch da war ein Gedanke der sich plötzlich in Joséphine regte. Warum hatte Henry bei seiner Meldung nicht erwähnt, dass sie verwundet war. Hatte er nicht sogar noch davon gesprochen, mit medizinischem Personal zurückkommen zu wollen?„Sie haben doch mit Henry gesprochen, nicht?“, brachte Joséphine zaghaft vor, unschlüssig wie sie mit den neuen Erkenntnissen umgehen sollte.„Mit wem soll ich gesprochen haben?“„Mit Henry … nein, verzeiht, mit Colonel Robinson, viertes Virginia Regiment.“Der junge Franzose legte für einen Moment den Kopf schief, ganz so als müsste er nachdenken, bevor er zu einer Antwort ansetzte. „Mit Colonel Robinson geredet, ja, doch, das habe ich. Ich habe mich nach diesem Debakel von einer Schlacht1 gestern routinemäßig mit allen Stabsoffizieren der Regimenter besprochen. Colonel Robinson war ebenfalls anwesend. Aber wir haben keine private Unterhaltung geführt, wenn Ihr darauf hinauswollt Mademoiselle.“Joséphine wurde schwindelig und das stand dieses Mal nicht im Zusammenhang mit ihrer Verletzung. La Fayettes Worte waren es, die sie schwindelig machten. Hatte Henry doch nicht mit dem französischen General gesprochen? Denn dieser schien der ganzen Situation gegenüber vollkommen ahnungslos zu sein.„Mademoiselle, würdet Ihr mir nun bitte einmal erklären, was hier vor sich geht?“, holte La Fayettes Stimme sie wieder in die Realität zurück. Joséphine konnte einen Moment nichts anderes tun als ihn nur mit großen Augen anzustarren, während ihr Verstand versuchte all das Gehörte zu verarbeiteten. Sie musste mit Henry sprechen. Jetzt sofort!Mit einer fahrigen Entschuldigung drängte sie sich an dem Marquis vorbei und wandte sich zum Gehen. Ein Verhalten das jedem Prinzip der militärischen Disziplin wiedersprach, aber Joséphine würde dieses Verhalten später erklären müssen.Die Nacht hatte sich inzwischen über das Lager der Kontinentalarmee gelegt und die Dunkelheit wurde nur durch einen vollen Mond und die unzähligen Lagerfeuer zwischen den Zeltreihen erhellt. Die junge Frau steuerte in Richtung des vierten Virginia Regimentes und sie musste nicht lange suchen, bis sie auf die ersten Soldaten traf. Die Männer erkannten Friedrich natürlich, er war Arzt und gehörte daher zu der Gruppe an Menschen, mit denen die Soldaten immer versuchten sich gut zu stellen. Folglich hilfsbereit waren die Versammelten auch, als sie von Friedrich auf Colonel Robinson angesprochen wurden. Mit den Anweisungen der Soldaten konnte der junge Arzt dann schließlich Henry inmitten einer weiteren Gruppe von Soldaten an einem anderen Lagerfeuer ausfindig machen. Friedrichs ganzer Körper zitterte vor Anspannung, als er sich langsam der Gruppe von hinten näherte. „Colonel Robinson, ob ich wohl einen Moment Ihrer Zeit haben dürfte?“. Friedrich konnte sehen, wie Henrys Kopf in die Höhe schnellte und seine ganze Haltung plötzlich von Anspannung zeugte. Mit einer sehr langsamen, wohl bedachten Bewegung erhob er sich und schritt auf Friedrich zu. Sein Gesichtsausdruck war gezwungen neutral, aber da war auch eine Spur von Finsternis, als sein Blick auf Friedrich fiel. Eine spannungsgeladene Stille breitete sich zwischen ihnen beiden aus, während sie ein wenig Abstand zu der Gruppe am Lagerfeuer gewannen.„Ich hatte gehofft, Sie würden nicht ins Lager zurückkehren. Ich hatte es wirklich gehofft“, brach dann Henry das Schweigen und blieb unvermittelt stehen. Joséphine tat es ihm gleich. Verzweifelt bemühte sie sich seinen Blick einzufangen, denn der Tonfall des jungen Virginiers war gerade zu ausdruckslos.„Ich habe eben gerade mit General La Fayette gesprochen“, eröffnete Joséphine das Gespräch. Ein mildes Lüftchen wehte zwischen den Reihen aus Zelten hin und her und die Natur um sie herum begann sich zu regen. Sie hörte ein paar letzte Vögel müde zwitschern und Grillen zirpen. Doch Henry entgegnete ihr nur mit Schweigen, sah sie nicht einmal an.„Du hast mich nicht gemeldet“, fuhr Joséphine fort und bediente sich dabei bewusst der vertrauten Form, die Henry bereits abgelegt hatte.Wieder Schweigen.„Warum nicht?“Henry antworte wieder für eine lange Zeit nicht und anscheinend war das Gras zu seinen Füßen immer noch spannender, als seine Gesprächspartnerin. Joséphine war kurz davor die Frage zu wiederholen, als Henry sie plötzlich unvermittelt ansah. Er sah ihr tief in die Augen und je länger sie sich ansahen, desto schutzloser fühlte Joséphine sich – als ob Henrys Blick sie Schicht für Schicht auseinander nehmen, sie sezieren würde. „Ich habe es für den Marquis getan. Er ist ein guter Mann, einen Mann wie ihn brauchen wir in dieser Armee. Ich konnte nicht zulassen, dass die Assoziation mit Ihnen seinen Ruf verstört“, antwortete Henry schließlich, ohne dabei den intensiven Blickkontakt zwischen den beiden abzubrechen.„Dann hast du es also ausschließlich für den General getan?“, hakte Joséphine nach.„Natürlich.“ Henry log. Das wusste er. Das wusste auch Joséphine. Er hatte es nicht nur für La Fayette getan.
Ende Juni 1778
(…) they proceded to elevate Mr. Malcom (…) into the cart, and stripping him to buff breeches, gave him a modern jacket,
[alter Ausdruck für Teeren und Federn] and hurried him away to liberty-tree, where they proposed to him to renounce his present commission, and swear that he would never hold another inconsistent with the liberties of his country; but this he obstinately refusing they then carried him to the gallows (…) as if they intended to hang him: But this manoeuver he sat at defiance. They then (…) threatened to cut his ears off, and on this he complied, and they then, brought him home.
The Boston-Gazette, and Country Journal, 31. Januar 1774 über das (zweite) Teeren und Federn von John Malcom Die nächsten Tage nach der Schlacht hielten so viel Arbeit für Friedrich bereit, dass es gut für drei Stabsärzte gereicht hätte. Doch der junge Arzt beklagte sich nicht, nein, ganz im Gegenteil, er brauchte das Gefühl, brauchte das Gewusel in den Hospitälern und den Geruch von Blut und verkohltem Fleisch, wie es seine Nase kitzelte. Der Krieg hatte ihn verdorben, das wusste Friedrich, aber er wusste auch, dass andere Männer verdorbener waren, waren es auch ohne einen Krieg. Er hatte dem jungen Marquis inzwischen auch widerwillig von seinem Aufenthaltsort in den letzten Tagen und seiner Verletzung erzählt. Doch gerade Letzteres hatte der junge Arzt deutlich herunter gespielt – er war sich nicht wirklich sicher, dass La Fayette ihm die Geschichte so abkaufte.Mit all den Aufgaben auf einer mentalen Liste in seinem Kopf und schon halb aus der Tür hinaus, war Friedrich dementsprechend unglücklich, als er La Fayette seinen Name rufen hörte.„Doktor Deegen, dürfte ich wohl einen Moment Ihrer Zeit haben, wenn es gerade passt.“„Wenn ich ehrlich bin, passt es gerade überhaupt nicht.“„Es dauert auch nur ein paar Minuten, wirklich“, bat der Marquis und Friedrich schnitt eine Grimasse. Der Ausdruck auf dem Gesicht des jungen Franzosen wurde milde. „Sollten Sie jedoch zu sehr anderwärtig verpflichtet sein, möchte ich Sie nicht länger aufhalten. Unser neue Zahlmeister soll heute eintreffen und ich hielt es für angebracht, wenn man sich einander gleich richtig vorstellt – aber das hat gewiss auch bis zum Abendessen Zeit.“Friedrich legte angestrengt den Kopf schief. La Fayette versuchte das Debakel seiner letzten beiden eigenständigen Kommandos mit übereifrigen Perfektionismus zu kompensieren, ein Verhalten das dem jungen Arzt zunehmend auf die Nerven ging – nicht das es momentan viel gab, dass ihm nicht auf die Nerven ging. Doch er verstand woher La Fayettes Bedürfnisse kamen und so ließ er sich bereitwillig auf einem der Stühle am Tisch im Salon nieder. Keine zwei Minuten später trat dann auch der besagte Zahlmeister ein und sobald Friedrich ihn erblickte wünschte er, er wäre zuvor doch einfach seiner Arbeit nachgegangen. Heiße, rote Wut loderte in ihm auf und er gab sich keine große Mühe sie zurückzuhalten. Lange schon war er nicht mehr so außer sich gewesen.La Fayette bekam davon erst einmal sehr wenig mit, als er den neuen Stabsoffizier, Colonel Fredrickson, den anderen Stabsmitgliedern vorstellte. Friedrich war der vorletzte in der Reihe und sobald sein und Fredericks Blick sich trafen, grinste der Neuankömmling breit.„Mr. Deegen, war für eine freudige Überraschung Sie hier zu sehen.“„Doktor Deegen für Sie, Sir, und tuen Sie mir einen Gefallen, sparen Sie sich die leeren Floskeln.“„Doktor Deegen dann, aber Sie sollten wirklich versuchen Ihre streitbare Art abzulegen, immerhin sind wir ab sofort Kollegen, Sie und ich“, meinte Fredrickson und strahlte dabei immer noch von einem Ohr zum anderem.Friedrich schnaubte wenig amüsiert. Soweit würde er es nicht kommen lassen. Mit einer schellen Bewegung stand Friedrich auf, sein Stuhl knatschte unangenehm über den Boden. „Seien Sie versichert, Colonel Fredrickson, wir werden niemals Kollegen sein. Bevor ich mit Ihnen im gleichen Stab diene, lasse ich mich lieber versetzen“, schnappte Friedrich und schritt in Richtung Tür. La Fayette blinzelte ganz verwirrt, war das seine Joséphine, seine kleine Quäkerin? Bisher hatte er sie als äußerst geduldig und aushaltend empfunden. So ein Verhalten war er von ihr nicht gewohnt und als General dieser Division hätte er eigentlich entschieden einschreiten müssen, aber für eine Reaktion war er einfach zu perplex. Fredrickson nicht.„Doktor Deegen, halten Sie sich zurück, ja. Sie sind gefährlich nahe dran beleidigend zu werden.“„Oh, Colonel, seien Sie versichert, ich beleidige Sie nicht, denn um die Ehre eines Mannes zu verletzen, muss der Mann auch Ehre haben und ich kann Ihnen versichern Sir, dass jede Ratte in der Gosse mehr Ehre hat als Sie2.“Ein kollektives Murmeln ging durch den Raum. Der hatte gesessen.„Das muss ich mir nicht bieten lassen Doktor, ich verlange Genugtuung“, donnerte Fredrickson. Nun war es an dem jungen Arzt, breit und seltsam zufrieden zu grinsen. „Sie können verlangen was immer Sie wollen, ich werde es jedes Mal ablehnen3.“„Dann sind Sie ein Feigling – wie sollte man es auch anders von einem Quäker erwarten.“Friedrich lachte laut auf und klang dabei tatsächlich amüsiert. „Mich scheint mein Gedächtnis zu täuschen, hatten Sie sich damals nicht hinter dem wütenden Mob versteckt? Aber wissen Sie was, es ist mir auch ziemlich egal wie Sie mich nennen und was Sie von mir halten. Ich werde jetzt meiner Arbeit als Arzt nachgehen und wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mir nicht wieder künstlich mehr Arbeit machen. Die Kontinentalarmee hat weder die Zeit noch die Ressourcen hinter Ihrem fehlgeleiteten Patriotismus herzuräumen“, konterte Friedrich und schlug die Tür hörbar zu, als er den Raum verließ. La Fayette blinzelte vier Mal in schneller Abfolge … das kam dann doch unerwartet.Friedrich selber konnte sich nur mit äußerster Mühe davon zurückhalten, nicht jeden seiner Assistenten anzuschnauzen. Beinahe zwei Stunden ging es in den Hospitälern dann so, bis ihn irgendwann ein junger Adjutant aufsuchte, um ihm mittzuteilen, dass er sich bei General La Fayette im Hauptquartier melden sollte. Friedrich ließ frustriert die Schultern hängen – ein anderes Vorgehen hätte er auch nicht erwartet.Joséphine fand den jungen Franzosen in seinem Büro. Er saß hinter seinem Schreibtisch und kreuzte die Arme sobald sie eintrat. Die junge Ärztin salutierte und erwartete von La Fayette in den bequemen Stand entlassen zu werden – doch das tat der General nicht. Nicht für eine, nicht für zwei Minuten, erst nachdem mehrere Minuten verstrichen waren und Joséphines Arm langsam zu zittern begann, erlaubte La Fayette den bequemen Stand. „Entschuldigen Sie diesen kleinen Test eben gerade, aber ich wollte überprüfen ob Sie sich überhaupt noch um militärische Disziplin scheren“, erklärte er wütend.Joséphine legte den Kopf schief, das war unnötig gewesen, unnötig und kindisch, aber sie konnte den Marquis auch verstehen, ihr eigenes Verhalten war nicht wirklich besser gewesen.„Ich verstehe, Sir.“„Wunderbar!“ Sarkasmus stand La Fayette nicht wirklich, fand Joséphine.„Hätten Sie wohl nun die Güte mir zu erklären, was Ihr Verhalten vorhin sollte?“„Ich entschuldige mich bei Ihnen für mein Verhalten, Sir.“„Colonel Fredrickson verdient eine Entschuldigung, Sie haben ihn vor dem gesamten Stab lächerlich gemacht und beleidigt. Außerdem verlange ich eine Erklärung von Ihnen.“„Nein, Sir, ich werde mich bei Colonel Fredrickson nicht entschuldigen, denn ich habe ihm kein Unrecht getan. Was den Hintergrund für diesen Streit anbelangt, auch darüber möchte ich schweigen. Ich befürchte, dass, wenn ich meine Vorgeschichte mit Colonel Fredrickson erläutere, das ein schlechtes Licht auf ihn werfen könnte.“Der junge Marquis warf lachend den Kopf in den Nacken, auch wenn er dabei wenig amüsiert klang. „Machen Sie sich keine Sorgen Mademosielle, von dem Colonel habe ich momentan nicht so ein schlechtes Bild wie von Ihnen.“ Joséphine schwieg. Es war ein beharrliches Schweigen, von dem La Fayette wusste, dass er es nur mit härteren Methoden brechen konnte.„Ich bin mehr als nur nachsichtig mit Ihnen gewesen, das können Sie nicht bestreiten, ich habe viele Dinge, Ihr ganzes Verhalten nicht hinterfragt. Aber nun stelle ich Fragen und wenn Sie mir meine Fragen nicht beantworten und sich weiterhin weigern sich bei Colonel Fredrickson zu entschuldigen, werde ich Sie melden.“Joséphines Gesichtsausdruck verriet nicht einmal für den Bruchteil einer Sekunde ihre wahren Emotionen. Ihre Augen jedoch, ja ihre Augen waren eine andere Geschichte und als La Fayette der jungen Frau in die Augen sah, da erkannte er, dass er zu weit gegangen war und beinahe hätte er sich noch in dem Moment bei ihr entschuldigt. Doch Joséphine kam ihm zuvor.„Nun gut General, ich werde Ihnen meine Vorgeschichte mit Colonel Fredrickson erklären, aber ich werde mich bei diesem Mann nicht entschuldigen. Egal womit Sie mir drohen und sei es sogar der Tod, ich werde mich nicht entschuldigen. Also schön, es muss Ende 1774 gewesen sein, in Philadelphia, ich habe noch studiert. In Philadelphia gab es viele Zusammenkünfte der Quäker und ich hatte eine Gruppe gefunden, die ich nach dem Verlassen meiner Heimatgemeinde aufsuchte. Ich kam nicht oft und blieb nie lange, es lag in der Natur meiner Identität, dass ich Angst hatte, Menschen nahe zu kommen. Doch an diesem Abend wohnte ich einer Zeremonie bei und blieb danach sogar noch Recht lange, unterhielt mich mit vielen der anderen Anwesenden. Wir verließen das Gemeindehaus erst spät, wohl gegen zehn Uhr und es war bereits dunkel. Als wir hinaus ins Freie traten, hörten wir laute Geräusche aus einer der angrenzenden Straßen. Wir folgten den Geräuschen, alle zusammen bestimmt fast dreißig Männer und Frauen. Ein wütender Mob aus ebenfalls dreißig, fast vierzig Männern hatte einen jungen Mann, einen Tory4, aus seinem Haus entführt und dann geteert und gefedert. Sie müssen wissen, Marquis, aus medizinischer Sicht macht es einen großen Unterschied wie die Teerung durchgeführt wurde5. In diesem Fall haben sie den Mann mit dem Teer übergossen, nicht ohne ihn vorher zu verprügeln. Der Teer ist in seine Wunden gelaufen. Dieser Brutalität konnten wir natürlich nicht den Rücken kehren und deshalb haben wir uns zwischen diesen Mann und den Mob gestellt – es war keine besonders mutige Tat, wir waren genügend Leute, als das wir davon ausgehen konnten, keiner Gefahr ausgesetzt zu sein. In unserer Gruppe befanden sich neben mir noch zwei weitere Ärzte. In Übereinstimmung beschlossen wir, den armen Mann zur Universität zu bringen. Das Krankenhaus war direkt daneben und Ärzte waren dort auch. Ich lebte damals nicht auf dem Campus, eine Vorsichtsmaßnahme, aber alle meine Kommilitonen. Wir brachten den Mann zu ihrer Unterkunft, nur neun meiner Mitstudenten waren anwesend, die anderen sechs waren wohl noch aus6. Von diesen neun meinten drei, dass die Situation zu heikel sei, als das sie dort mithinein gezogen werden wollten. Die restlichen sechs, einer der beiden Quäker-Ärzte und ich haben uns die gesamte Nacht um diesen armen Mann gekümmert.“Joséphine schluckt, als ihr die Bilder dieser Nacht wieder ins Gedächtnis kamen, La Fayette hätten diese Ausführungen sicherlich genügt, aber einmal begonnen, gab es für sie kein Halten mehr, Tränen stiegen ihr in die Augen, als sie fortfuhr. „Wissen Sie wie schrecklich es ist, einem Mann, dessen gesamter Oberkörper, Brust, Rücken, Arme und Hals verbrannt sind, zu erklären, dass man nun Sand und Kiesel nehmen wird, um dieses Teer irgendwie entfernen zu können. Wissen Sie, wie man sich fühlt, wenn man erkennt, dass es an einigen Stellen gnädiger war, die Haut, dort wo sie eh schon Blasen geschlagen hat, einfach vollkommen zu entfernen? Ich habe mich in dieser Nacht mehr wie ein Schlachter gefühlt, denn wie ein Arzt. Meine Kollegen und ich haben uns abgewechselt, denn die Arbeit war anstrengend, doch dieser Mann konnte sich mit niemanden abwechseln, er musste all das alleine durchstehen. Ich habe noch nie jemanden so schreien hören – vielleicht war es aber auch schlimmer zu sehen, dass er irgendwann aufhörte zu schreien, dass er sich dem Schmerz vollkommen ergeben hatte. Wissen Sie General, ich schmücke mich immer damit, während meines Studiums nie eine einzige Vorlesung verpasst zu haben, das ist nicht ganz richtig. Am Morgen danach bin ich in der Dämmerung aufgewacht und konnte meine Gedanken nicht mehr beisammen halten, weshalb ich an die frische Luft ging. Doch je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr erdrückten mich die Vorkommnisse und ich habe mich schließlich hinter einem der Bäume auf dem Campus versteckt und bestimmt eine Viertelstunde lang übergeben, danach habe ich angefangen zu weinen, weil mir meine Hände so weh taten und sie so wund waren. Sehen Sie, es ging mir nicht wirklich um meine Hände, sondern mehr wofür ihre Geschundenheit stand – in meinen Augen für all die Brutalität zu denen wir Menschen fähig sind. Danach habe ich mich noch einmal übergegeben, bevor ich mich zurück in die Unterkunft begeben und dort bis zum frühen Abend geschlafen habe.“Plötzlich nahm La Fayette Joséphines rechte Hand in die seine und drückte sie vorsichtig gegen seine Lippen, seine Nasenspitze war kalt. Es war nicht die Art wie man bei Hofe einer Dame die Hand geküsst hätte7, nein, es war einfach eine stumme Wertschätzung.„Für was Ihre Hände damals auch standen, sie haben gerecht gegenüber diesem Mann gehandelt – das und ehrenhaft und mutig. Es tut mir Leid, Sie dazu gedrängt zu haben, all diese Erinnerungen erneut zu durchleben“, entschuldigte sich der Marquis und entließ Joséphines Hand wieder.„Ihr konntet es nicht wissen.“„Dennoch, akzeptiert meine Entschuldigung. Beantwortet mir nur noch eine Frage, nun, zwei vielleicht. Colonel Fredrickson, war er in diesem Mob?“„Er war der Wortführer, alles war seiner Initiative zu verdanken. Wahrscheinlich wäre es mir nicht einmal bewusst gewesen, wenn er nicht eine gute Woche später einen offenen Brief in einer Zeitung veröffentlicht hätte, in dem er die beiden Ärzte, die mit mir bei der Quäker-Zeremonie anwesend waren, scharf attackiert hat. Er hat nicht nur ihre Gesinnung, sondern auch ihre Fähigkeiten in Frage gestellt. Außerdem hat er mich bei meinem Dekan angeschwärzt, da meine Kommilitonen und ich ja ohne Zulassung praktiziert hätten8. In Anbetracht der Situation eine lächerliche Anschuldigung und dennoch habe ich spätestens danach jeglichen Respekt vor Fredrickson verloren.“„Der Besitzer der Scheune in der wir untergekommen waren, war das ...“„Ja Marquis, das war der arme Mann. Sein Name ist übrigens Arthur Kirkland … ein wirklich guter Mann, ich habe ihn nicht einmal über Rache nachsinnen hören. Er würde der Uniform mehr Ehre machen als Frederickson.“„Ich verstehe nun ihre Antipathie und würde persönlich zu keiner Disziplinarmaßnahme raten, aber …“„Aber wenn Sie mir solch ein Verhalten durchgehen lassen, wird das nur Insubordination innerhalb der Ränge begünstigen. Ich verstehe. Ich werde stolz jede Strafe annehmen, die Sie für angemessen halten, Marquis.““Ich weiß. Deshalb werde ich Ihnen versprechen so viel Milde wie nur möglich walten zu lassen.“Friedrich verließ das Büro dicht gefolgt von La Fayette und da der junge Arzt so in Gedanken war, fiel ihm nicht der Fremde auf, der dort bei den Aide-de-camps im Salon stand. Aufmerksam wurde er erst, als er den Marquis sprechen hörte. „Mr. Van Linkensdorf, welch eine freudige Überraschung. Was verschafft mir die Ehre Ihres Besuches?“ Nun lenkte auch Friedrich seine Aufmerksamkeit auf seinen ehemaligen Kollegen und verzog seine Lippen zu einem breiten Lächeln. Das war doch nun wirklich einmal eine nette Entwicklung. In Gedanken ging Friedrich schon all die Dinge durch, die er heute noch zu tun hatte, und ob er sich vielleicht mit der Delegation einiger Aufgaben wohl etwas freie Zeit verschaffen könnte. Doch seltsamer Weise war auf Louis Van Linkensdorf Gesicht nicht die gleiche Unbekümmertheit zu sehen, als er sich respektvoll vor dem Marquis verbeugte und diesem antwortete.„Die Freude ist ganz meinerseits, Marquis, aber um ehrlich zu sein, hatte ich gehofft, einen Moment mit Doktor Deegen sprechen zu können – alleine wenn möglich“, erklärte der Adjutant und Friedrich machte einen Schritt auf die beiden zu, das Lächeln war von seinen Zügen verschwunden. „Was ist passiert?“, fragte er, denn irgendetwas musste doch passiert sein. „Können wir irgendwo privat sprechen, Friedrich?“Friedrich nickte langsam und führte, nachdem er durch ein Nicken La Fayettes eine nonverbale Erlaubnis erhalten hatte, seinen Freund in seine Kammer. Kaum war die Tür hinter ihnen geschlossen, veränderte sich Louis Gesichtsausdruck, doch Friedrich wurde immer noch nicht schlau daraus. Er sah immer noch ernst aus, aber auch als könnte er sich nur mit allergrößter Mühe ein triumphales Grinsen unterdrücken. Eine Anspannung war ihm ebenfalls deutlich anzusehen, auch seine Körperhaltung verriet das.„Was ist passiert Louis, sei ehrlich mit mir.“ Doch Louis antwortete nicht direkt, sondern ließ seinen Blick mit kaum verhohlener Neugierde durch den Raum gleiten. Gerade als Friedrich seine Frage wiederholen wollte, wandte Louis sich abrupt herum und starrte dem Arzt in die Augen. „Der Mann, nach dem du mich gefragt hast, James Hansen, ist tot.“ Für einen Moment wusste Joséphine nicht was sie sagen sollte, was sie denken und tun sollte. Für einen Moment schien ihre ganze Welt stehen zu bleiben. Langsam atmete sie aus. „… bist du dir sicher?“„Ja, ich, wir, sind uns sicher. James ist in der Schlacht gefallen. Eine Kanonenkugel hat ihn getroffen, es war wirklich kein schöner Anblick, wir hatten Mühe gehabt ihn zu identifizieren.“ Ein Schweigen breitete sich zwischen den beiden aus während Joséphine irgendwie versuchte das Gesagte zu begreifen. Mit jeder Sekunde die verstrich und in der Louis nichts tat außer sie, ja, fast schon mit einer Mischung aus Neugierde und Misstrauen, aber auch einer gewissen freudigen Antizipation ansah, wurde die Stille für Joséphine immer erdrückender. Schließlich murmelte sie ein kurzes Wort der Entschuldigung und stürmte aus dem Zimmer, hinein in den Salon, wo sie natürlich die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf sich zog. Die junge Frau schluckte schwer, in der Hoffnung wieder etwas an Fassung zurück zu gewinnen, aber es war unmöglich zu beschreiben, was momentan in ihrem Inneren vor sich ging, was sie in diesem Moment fühlte. Sie spürte, wie sie ihre Selbstbeherrschung zu verlieren drohte und entschied sich deshalb die Flucht anzutreten, mit einer hastigen Bewegung drückte sie die Tür auf und trat ins Freie.Draußen regnete es. Der Regen fühlte sich angenehm kühl auf Joséphines erhitztem Gesicht an. Oder war es vielleicht zu kühl? Binnen weniger Augenblicke hatte sich ihr Mantel vollgesogen und der schwere Stoff zog nun heftig an ihr. Weder das Hemd noch Hose hatten den Elementen etwas entgegenzusetzen und schon bald klebte ihre gesamte Kleidung schwer und nass an ihrer Haut. Der Regen lief ihr in dicken Tropfen über das Gesicht. Der Wind hatte aufgefrischt und peitschte wild und kalt auf Joséphine ein. Doch all diese Empfindungen konnten die junge Frau nicht mehr erreichen. Ihr gesamter Körper war taub – hätte die britische Kugel sie in diesem Moment getroffen, es wäre ihr wohl nicht einmal aufgefallen. Um ihren Geist stand es da anders. Wo ihr Körper bereits kapituliert hatte und sich einer süßen Unwissenheit gegenüber all ihrem Leid hingegeben hatte, da rasten ihre Gedanken in ihrem Kopf wie wild gewordene Pferde, unmöglich sie wieder unter Kontrolle zu bringen. Bei allem was zwischen den beiden auch geschehen war, den Tod hatte sie James doch nie gewünscht. Doch nun, wo die Nachricht überbracht worden war, sollte man meinen, dass sie erleichtert wäre. Joséphine war nicht erleichtert. Stattdessen fühlte sie sich einfach nur unglaublich leer und verbraucht. James war, auch wenn sie die letzten Jahre getrennt voneinander verbracht hatten, so lange ein so zentraler Part ihres Lebens gewesen. Als junges Mädchen hatte sie ihn angehimmelt, dann als Ehefrau hatte sie ihn geliebt, hatte lange versucht der Liebe den Vorzug vor der Angst zu geben, nur um nun als junge Frau ständig angsterfüllt über ihre Schulter zu blicken. Wenn man es genau nahm, war James all die Zeit ein Teil von ihr gewesen. Er war Mittelpunkt ihrer schönsten und ihrer schlimmsten Träume, hatte sie so sehr zum Lachen gebracht, dass sie weinen musste und mit dem selbigen Ergebnis hatte er sie auch geängstigt. Er hatte ihr so viel und unaussprechliches Leid zugefügt, aber als Vater ihres Kindes hätte er auch die größte Freude in ihr Leben gebracht. Doch nun war er tot und Joséphine wusste nicht, wie sie damit umzugehen hatte. Die Trauer die sie verspürte war nicht die gleiche hilflose und bodenlose Trauer nach dem Tod ihrer Mère, aber es war dennoch eine vollkommene und einehmende Trauer. Eine die einem die Luft zum Atmen, den festen Stand raubte.Plötzlich hörte Joséphine Schritte von schweren Stiefeln auf dem schlammigen Untergrund hinter sich. Einst hätte sie sich umgedreht, um zu sehen wer sich ihr da näherte, aber dazu hatte sie die Kraft nicht mehr, dafür hätte es sie kümmern müssen, was ab diesem Punkt noch mit ihr geschah. Zwei Hände packten sie von hinten und drehten sie herum. In der Ferne hörte sie wie jemand ihren Namen rief. Obwohl, war es wirklich ihr Name? Eine Hand zwang ihren Kopf hoch und plötzlich starrte Joséphine in zwei braune Augen und ganz plötzlich brach all das, all die Sorgen und Gedanken aus ihr heraus. All das, was die ganzen Jahre so dicht unter der Oberfläche gebrodelt hatte, bahnte sich nun seinen Weg nach draußen.„Was, wenn es doch meine Schuld war, so wie er es gesagt hat. Ich hätte geduldiger sein, hätte mehr Nachsicht haben müssen. Er war doch selbst noch jung, wir hatten doch beide keine Ahnung gehabt. Wenn ich nur stärker gewesen, nicht einfach fortgelaufen wäre. Vielleicht hat er mich ja wirklich vermisst, konnte es nicht ertragen als ich fort war. War ich selbstsüchtig, war ich ein schlechter Mensch?" Joséphine konnte kaum an sich halten doch die Hände die sie hielten, schüttelten sie. Sachte aber bestimmt und als ob sie die Situation erst jetzt wahrhaftig begriff, begann sie unkontrolliert zu zittern. Erst jetzt bemerkte die junge Frau La Fayette, wie er sie festhielt, sie bemerkte den Regen, der sie vollständig durchnässt hatte. Der Wind war schneidend kalt auf ihrer Haut und ihre Schusswunde schmerzte so höllisch, dass sie für einen Moment keine Luft mehr bekam. Alles überkam sie plötzlich. Sie war Witwe, gerade so der Kriegsgefangenschaft entkommen welche ihren Onkel das Leben gekostet hatte, ihre Schwester war schwanger und wurde vermisst. Sie war verwundet, krank und geschwächt, alleine, schutzlos auf dieser Welt. Das alles war zu viel für sie und ihr Körper hielt es für weiser einfach komplett aufzugeben. Ihr fiel noch auf wie die schwarzen Flecken am Rande ihres Sichtfeldes größer und größer wurden, bevor sie es dann vollkommen verschlungen. Joséphine war an ihrem absoluten Tiefpunkt angelangt.La Fayette konnte gerade eben noch so seinen Griff um die Arme seiner Stabsärztin festigen, ehe sie zusammenbrach. Er war überfordert mit der Situation. Zuerst war sie hinaus in den Regem gelaufen, hatte unbeweglich dagestanden und ihn beinahe nicht erkannt, als er sich ihr genähert hatte, nur um dann wie von Sinnen zusammenhangslos zu sprechen und ohnmächtig zu werden. Mit einer fließenden Bewegung nahm er sie auf den Arm. Trotz der nassen Kleidung und ihrer mangelnden Körperspannung bedurfte es ihm keiner Mühe sie zurück zum Haus zu tragen. Mit der jungen Frau so nahe, entging dem Marquis auch ihr Fieber nicht mehr. Wie heiße Geißeln malträtierte es den jungen Körper und fraß sich gierig durch ihren Verstand.Die Hintertür zu dem Haus war nur angelehnt, so dass er leicht und ungesehen in den Flur und von dort in Joséphines Kammer schlüpfen konnte. Er legte ihren zitternden Körper auf das behelfsmäßige Bett, ein kleiner handgeschnitzter Engel baumelte an einem Nagel über dem Bett. Joséphine musste aus diesen nassen Sachen raus oder es wäre ihr Tod, einen Arzt brauchte sie auch-dringend sogar. Er hatte einen lieben Menschen an das Fieber verloren, doch dieses Mal war er zur Stelle, dieses Mal musste er sich nicht hilflos fühlen. Mit zwei langen Schritten war er an der Tür und drehte sich wieder zu Joséphine herum. „Seid unbesorgt Mademoiselle, ich werde Euch einen Arzt holen.“ Die Worte, die die junge Frau beruhigen sollten, schienen jedoch einen gegenteiligen Effekt zu haben. Kaum bei Bewusstsein versuchte sie sich aufzusetzen, scheiterte daran kläglich und auch ihre Stimme war dünn und heiser als sie sprach.„Marquis, ich bitte Euch, ich flehe Euch an, tut das nicht. Wenn ihr mir … ein Arzt würde es doch sofort erkennen, nein General, Gnade, ich flehe Euch an“, jammerte Joséphine, ihre Stimme wenig mehr als ein Kratzen. La Fayette blinzelte. Josephine tat ihm leid, ja natürlich, gerade nach allem was sie für ihn getan hatte, tat es ihm leid, doch was sollte er tun? Er war kein Arzt und konnte der jungen Frau auch sonst nicht helfen-oder? Bisher hatte er ihr Verhalten immer akzeptiert doch sich nie aktiv eingemischt. Würde ihr Geheimnis nun heraus kommen, La Fayette könnte behaupten unwissend gewesen zu sein. Er wäre fein raus, doch Josephine könnte es das Leben kosten. Der Marquis schluckte schwer, war die junge Frau es ihm wert, vertraute er ihr genug, um seine eigene Reputation für sie aufs Spiel zu setzen. Sein Blick tanzte über das junge eingefallene Gesicht vor ihm.Ein heftiges Klopfen an der Tür, riss La Fayette aus seinen Gedanken. Hastig öffnete er die Tür, gerade soweit, dass er seinen Aide-de-camp und langjährigen Freund Colombe vor Friedrichs Kammertür erkennen konnte.„Sir, verzeiht, ich wusste nicht, dass Ihr in bei Doktor Deegen seid. Wärt Ihr so gut Ihm zu mir hinaus zu schicken, sobald Eure Besprechung beendet ist, ja?“, bat Colombe und La Fayette nickte nur einfältig. Sollte er Colombe nach einem Arzt schicken lassen?„Monsieur Colombe, wären Sie so gut jemanden anzuweisen, mein Pferd zu satteln, ja?“„Ihr Pferd satteln, Marquis? Aber es tobt ein Unwetter draußen, wo wollen Sie hin reiten?“„Es ist äußerst dringend, Monsieur“, drängte La Fayette und schloss die Tür schnell wieder, nachdem Colombe folgsam genickt hatte. Der junge Marquis lehnte sich gegen die Tür. Also hatte er seine Entscheidung wohl getroffen. Erneut seufzend stieß er sich von der Tür ab und trat an Joséphine heran. Er musste sie aus dieser nassen Kleidung heraus bekommen, doch ausziehen konnte er sie ja wohl schlecht. Den Mantel konnte er ihr ausziehen und gegen einen trockenen tauschen. Nicht, dass es viel helfen würde, aber es war immer noch besser als nichts zu tun. Seine Augen wanderten suchend durch den winzigen Raum, irgendwomit musste er sie während des Rittes warm halten, aber er wusste noch nicht so recht womit. Schließlich wickelte er sie in die Decke, auf der sie lag. Joséphine selbst bekam von seinen Bemühungen nicht wirklich viel mit und fragte daher zwischendurch dreimal, was er da täte. Jedes Mal ein enormer Kraftakt für sie, so lächerlich es auch klang.„Ich versuche Ihnen das Leben zu retten und zwar auf die Art und Weise wie ein Freund und nicht ein vorgesetzter Offizier es tun würde“, murmelte La Fayette und nahm sie wieder auf die Arme, trat unbemerkt durch die Hintertür in das Unwetter. Es war etwas schwierig mit Joséphine im Arm auf sein Pferd zu steigen, aber letzten Endes war es doch keine zu große Herausforderung, immerhin hatte er Reiten mit dem König gelernt9 und hatte den berittenen Musketieren10 seiner Majestät angehört.Saß er dann erst einmal fest im Sattel, war der Rest auch ein Kinderspiel. Mit seinen Schenkeln und seiner linken Hand führte er sein Pferd – das Tier war vorzüglich abgerichtet und hätte auch mit weniger Anweisungen seines Reiters arbeiten können. Seine rechte Hand hielt den Körper der jungen Frau aufrecht, ihr Kopf war gegen seine Brust gelehnt und er spürte ihre Rippen wann immer sie einatmete. Eine äußerst beruhigende Empfindung. Mit Mühe und Not hatte er ihr eine vage Wegbeschreibung zu der Hütte der Quäkerfamilie, bei der sie auch zuvor untergekommen war, abringen können. Über die offene Fläche hinter seinem Hauptquartier und rechts halten, dann in den Wald hinein bis sich wohl irgendwann eine Weggabelung auftun sollte. Dort musste er rechts abbiegen -unbedingt rechts, in diesem Punkt war Joséphine seltsam nachdrücklich, und dann das erste Haus auf der linken Seite des Weges. La Fayette konnte nur hoffen, dass er die Hütte schnell und ohne Probleme finden würde und dass die Familie erneut bereit wäre Joséphine, wieder in der Kleidung eines Mannes, bei sich aufzunehmen. Selbst wenn all dies gesichert war, hieß das noch lange nicht, dass Joséphine diese Nacht überleben würde. Sorgenvoll trieb der Marquis sein Pferd weiter an.
Beide Seiten erklärten sich zum Sieger in der Schlacht von Monmouth (General Clinton weil er wohl wirklich dieser Meinung war und General Washington weil er dringend eine gute Nachricht brauchte) aber eigentlich war es eher ein Unentschieden und für keine Seite wirklich ruhmreich. Für die Kontinentalarmee spricht der Umstand, dass sie nach der Schlacht das Feld gehalten habe und nur ungefähr 500 Toten und Verwundete hatten – verglichen mit den bis zu 1.134 Toten und Verwundete der Briten.
Fühlte sich ein Mann damals in seiner Ehre verletzt so war häufig sein „einziger Ausweg“ ein Duell. Über die Duellkultur der vergangenen Jahrhunderte kann so unglaublich viel gesagt werden, dass es hier den Rahmen sprengt. Angemerkt sei nur, dass es gewisse „Codewörter“ gab die ein Duell praktisch unausweichlich machten. Lügner, Feigling und Schurke/Halunke waren wohl ganz oben auf dieser Liste. Es ist recht interessant zeitgemäße Briefe oder Reden zu lesen, in denen der Autor eine andere Person zum Beispiel der Lüge bezichtigen möchte, aber krampfhaft dem Ausdruck „Lügner“ ausweicht.
Natürliche konnte man die Aufforderung zu einem Duell ignorieren, obwohl das der eigenen Reputation erheblichen Schaden zufügen konnte. Quäker waren strikt gegen das Austragen von Duellen.
Der Ausdruck den wir heute meistens mit der konservativen Partei im britischen Parlament verbinden, war zur Zeit der Revolution eine (abfällige) Bezeichnung für Loyalisten und königsnahe (Briten).
Die ersten Berichte über das Teeren und Federn stammen aus dem Mittelalter doch erst mit der Amerikanischen Revolution ist diese Art der Bestrafung wieder richtig beliebt geworden. Meistens wurde richteten sich wütende Kolonisten gegen Loyalisten, britische Steuereintreiber oder andere Personen mit offiziellen Posten. Tatsächlich gibt es keine Hinweise darauf, dass zu dieser Zeit jemand durch das Teeren und Federn gestorben ist. Selbst John Malcom, dessen zweites Teeren und Federn als eines der brutalsten dieser Zeit angesehen wurde/wird, brauchte „nur“ neun Wochen um sich wieder vollkommen zu erholen. Viele Faktoren wie unter anderem die Art des Teeres, die Art wie das Teer aufgetragen wird, das Wetter, die Kleidung die das Opfer trägt, haben einen sehr großen Einfluss den anschließenden körperlichen Zustand.
Studiengänge in dieser Zeit waren sehr klein, sodass häufig auch nur ein oder zwei Studenten eines Studiengangs letztendlich graduierte
Goldene Regel bei einem „richtigen höfischen“ Handkuss ist es, mit den Lippen die Hand nicht wirklich zu berühren. Tat man es doch, galt das doch schon als sehr anzüglich.
Zwar konnte sich damals praktisch jeder Arzt nennen und praktizieren, aber einige Städte hatten Regelungen, dass Ärzte die noch im Studium standen noch nicht praktizieren durften, um den ansässigen Ärzten noch keine Konkurrenz zu machen
La Fayette lernte mit Louis-Auguste de France (später Louis XVI.), Louis Stanislas Xavier de France (später Louis XVIII.) und Charles-Philippe de France (später Charles X)
La Fayette diente seitdem er 13 Jahre alt war bei den Mousquetaires de la garde (Musketiere der Garde) in der 2. Kompanie, aufgrund der Farbe ihrer Pferde auch die schwarzen Musketiere genannt. Die Mousquetaires de la garde waren die Haustruppen des französischen Königs und wurden als höfische Garde, Lehreinheit und Kampftruppe eingesetzt.
----- CHAPTER BREAK -----
Ende Juni 1778
Having the most perfect reliance on your activity and Zeal and wishing you all the success—honor and glory that your heart can wish—I am with the most perfect Regard
George Washington an den Marquis de La Fayette, 22. Juli 1778 Joséphine war da und das war alles, was sie zu diesem Zeitpunkt über sich selber sagen konnte. Sie wusste nicht wo sie war, warum sie an dem Ort war, an dem sie war, noch ob es eine gute Sache war, hier zu sein. Wobei, war sie wirklich hier, wenn sie nicht einmal wusste wo hier war? Genau genommen war Joséphine nur noch. Sie atmete, sie lebte. Obwohl, lebte sie wirklich? Atmen war eine Voraussetzung für das Leben oder war es andersherum gewesen? Joséphine wusste, dass sie den Unterscheid einst kannte, doch im Moment machten beide Konzepte gleichermaßen wenig Sinn für sie. Es fühlte sich an, als würde sie schweben, nein, nicht schweben. Schweben war beinahe wie Fliegen und dem Vogel im Flug waren außer dem Himmel keine Grenze gesetzt. Doch Joséphine spürte die Grenzen um sich herum. Vielleicht trieb sie ja im Wasser eines großen Ozeans? Nein, kein Treiben, denn im Wasser zu treiben war beinahe wie schweben. Nein, Joséphine sank, stellte sie fest. Sie sank immer tiefer, während über ihrem Kopf die Wellen hereinbrachen und das Wasser von allen Seiten auf sie eindrückte. Das wäre auch eine Erklärung, warum ihr das Atmen so schwer fiel. Aber abgesehen von dieser Unannehmlichkeit, fühlte sie sich momentan recht wohl. Obwohl sie sank, fühlte sie sich schwerelos im Wasser. Es war schön. Schön, bis sie bemerkte, was noch an ihr vorbei zog. Erinnerungen, Erfahrungen, Gefühle und Eindrücke. Plötzlich sank sie nicht mehr, plötzlich saß sie wieder auf dem kleinen Vordach in Hamburg, saß zusammen gekauert im Bauch des Schiffes, plötzlich hielt der Captain sie empor wie eine Trophäe für jeden, der sie haben wollte. Plötzlich war der kleine Raum über der schäbigen Taverne ihr wieder der liebste Ort auf der Welt. Die nächsten Erinnerungen waren verschwommen, verblasst und liefen in einander über. Die Hände der Wäscherin auf ihrer Schulter, die braunen Augen des kleinen Jungen im Hafenviertel mit dem sie Austern gesammelt hatte, Mutter in ihrer Dienstmädchentracht und dann wieder Hände auf ihren Schultern, dieses Mal von Thomas Robinson. Plötzlich sank sie nicht mehr sondern stand wieder auf Germantowns grünen Wiesen, besah sich die roten Mohnblumen, spielte unter den Apfelbäumen fangen und werkelte mit den anderen Kindern an dem Baumhaus herum. Doch etwas veränderte sich, es waren immer noch Sommerwiesen, grünes Gras und eine Junihitze lag in der Luft – aber Joséphine war so heiß, so schrecklich heiß und die Mohnblumen um sie herum begannen langsam sich aufzulösen, nur die rote Farbe blieb wie Flecken auf der Erde. Sie tollte nicht mehr über die Wiesen wie ein kleines Kind, nein, sie rannte über das Gras, wusste aber nicht wovor sie davon rannte, doch sie traute sich auch nicht sich umzudrehen und nachzusehen. Ein Zischen ertönte hinter ihr und plötzlich fiel es ihr wieder ein, wovor sie wegrannte – vor einer britischen Musketenkugel. Sie rannte schneller und schneller, ihre Lungen brannten vor Anstrengung, ihre Beine schmerzten, aber trotz all ihrer Bemühungen wurde das Zischen immer lauter, bis es nahezu ohrenbetäubend wurde. Joséphine versuchte noch schneller zu laufen, aber es gab für sie kein Entkommen. Die Kugel traf sie mit voller Wucht und warf sie vornüber in das Gras. Stöhnend drehte sie sich auf den Rücken und versuchte wieder auf die Beine zu kommen – irgendwie hatte sie immer noch das Gefühl, als ob sie weglaufen müsste. Ein Schatten viel auf ihr Gesicht und als sie aufsah, konnte sie das Gesicht des Schützen erkennen. James. Doch etwas war falsch. Nein, das waren nicht seine Augen, nicht sein Kinn und nicht seine Nase. Henry. Doch etwas war falsch. Nein, das war nicht Henrys markantes Gesicht. Die Strahlen der untergehenden Sonne schienen beinahe wie ein Heiligenschein auf die Person vor ihr zu fallen, Joséphines Vater stand plötzlich vor ihr, doch er konnte nicht geschossen haben, denn in seinen Händen hielt er nur ein blutiges Messer. Die junge Frau streckte die Hand nach ihm aus, doch hatte nicht genügend Kraft und sackte nur wieder zurück auf den trockenen Feldboden, die verholzten Halme der frisch geernteten Pflanzen stachen ihr unsanft in den Rücken. Gerade versuchte Joséphine noch nachzuvollziehen, wie sie auf dieses Feld gekommen war, da war sie schon wieder am Sinken. Doch statt der angenehmen Erfahrung von vorhin, war das Wasser nun eiskalt und eine große Kraft hatte sie an den Schultern gepackt und zog sie mit sich herunter. Joséphine bekam keiner Luft mehr und wo sie sich vorher noch einfach der Strömung überlassen hatte, begann sie nun dagegen anzukämpfen, schlug mit Armen und Beinen um sich und kam doch nicht näher an die Oberfläche. In der Ferne vernahm sie Stimmen und Schritte.La Fayette ging an diesem Abend viel durch den Kopf und obgleich dieser Vielzahl von Gedanken kehrten sie alle immer wieder zu seiner Tochter Henriette zurück. Wurde ein Kind geboren, so gab es für einen Mann nichts anderes zu tun als zu warten – und zu beten vielleicht. La Fayette war der festen Überzeugung, dass es diese Art des Wartens war, dass Männer noch in jungen Jahren ergrauen ließen. Einerseits war es angenehm zu wissen, dass man nur warten und nicht wie die Frau unter Schmerzen ein Kind gebären musste, aber es war auf eine ganz andere Art und Weise schrecklich. Als seine Tochter geboren wurde, da saß er mit einigen anderen Männern in einem Nebenzimmer, während die Frauen und Hebammen nebenan ihre Arbeit taten. Sie waren eingeweiht, sie waren da – er konnte nur untätig herum sitzen. Als er das Stillsitzen nicht mehr aushielt, (was zugegebener Weise nicht lange dauerte, er war noch nie gut im Stillsitzen gewesen) hatte er begonnen auf und ab zu gehen, solange bis sein Schwiegervater1 ihm angeordnet hatte, sich wieder hinzusetzen. Er würde ja noch ein Schaukelpferd verrückt machen, waren sein Worte. Also hatte er sich wieder hingesetzt und da er sich mit nichts anderem beschäftigen konnte, begann er nachzudenken. Die Idee Vater zu werden, erschien ihm immer noch fremd. Das Konzept der Vaterschaft generell war ihm fremd und wenn er ehrlich war, wusste er nicht genau wie er sich ‚richtig‘ zu verhalten hatte. Natürlich kannte er die Konventionen seiner Zeit und was von ihm erwartet wurde, praktisch nichts, als Adeliger war es für ihn und Adrienne vollkommen akzeptabel ihre Kinder von Geburt an, an Gouvernanten und Ammen weiterzureichen. Doch etwas störte ihn an diesem Konzept. Ja, sein eigener Vater hatte keinen Einfluss auf seine Erziehung, aber sein Vater ist auch gestorben, als er noch keine zwei Jahre alt war. La Fayette selber aber hatte vor noch recht lange zu leben und war es dann nicht verwerflich, wenn seine Kinder ebenso wenig von ihm mitbekommen würden, wie er von seinem eigenen, seinem toten Vater? Doch trotz seiner gefestigten Ansichten in solchen Punkten, schien es für ihn immer noch nicht real zu sein, Vater zu werden. Er war gerade einmal achtzehn Jahre alt, Adrienne war sechzehn und es war bisher immer alles so leicht zwischen ihnen gewesen, fast alles war von Dritten arrangiert worden. Doch das hier, dieses Kind, das war seine Verantwortung und die konnte keiner für ihn delegieren – nicht wirklich. Ob Adrienne ebenso dachte? Natürlich hatten sie darüber gesprochen, über das und noch so vieles anderes, doch irgendwie war es komisch gewesen und dann war er auch noch so lange in Metz in der Militärschule gewesen, dass er nicht wirklich wusste was seine Frau über solche Dinge dachte und in solchen Momenten bemerkte er immer wieder, dass er gleichzeitig alles und doch auch nichts über Adrienne wusste. Ob sie ihn liebte? Absolut! Ob er sie liebte? Gewiss. War er auch verliebt? Nun das war eine vollkommen andere Frage2.Mit diesen Gedanken hatte er sich damals also wieder zum stillen Warten gezwungen und genau das gleiche machte er nun auch hier. Tatsächlich hatte er das Gehöft ohne Probleme gefunden und noch ehe er wirklich erklären konnte, wer er war und warum er bei diesem Unwetter mit Joséphine vor ihrer Tür stand, hatte die Familie ihn schon herein gebeten. Sarah, so hieß die Ehefrau, war mit Joséphine und ihren beiden ältesten Töchtern im Schlepptau in einem kleinen Nebenzimmer, eher einer Kammer, als einem Zimmer, verschwunden. Er blieb einfach nur dort stehen und tropfte, der Ritt hatte auch ihn durchnässt, auf den Steinboden. Nach einem kurzen Moment der Stille – Stille war in dem Fall ein relativer Begriff, der Regen prasselte laut auf das Dach und die Frauen im Nebenzimmer bemühten sich ebenfalls nicht besonders leise zu sein, bot George, der Ehemann, an, ihm trockene Wechselkleidung zu geben. La Fayette nahm dankend an, alleine um dieser unangenehmen Situation zu entkommen, wo ihn George und seine Kinder mit großen Augen anstarrten. Die Familie hatte wohl gerade beim Abendbrot zusammen gesessen und nachdem Sarah und ihre beiden Töchter sich Joséphines angenommen hatten, saßen neben dem Vater noch drei weitere Kinder am Tisch, zwei Jungen dessen Alter La Fayette nur schwer einschätzen konnte und eine kleine Tochter, die ihn mit unverhohlener Neugierde anblickte.Endlich wieder trocken und warm, wurde er von George an den Tisch eingeladen. Ob er auch etwas essen möchte, fragte der ältere Mann. La Fayette hatte zwar nicht wirklich Hunger, knabberte dann aber doch an einem Stück Käse herum, mehr um sich abzulenken als aus irgendeinem anderen Grund. Wie ging es Joséphine? Diese unangenehme Stille war wieder eingekehrt und dasselbe war wohl auch George aufgefallen, denn schließlich drängte er seine Kinder dazu, sich frühzeitig ins Bett zu begeben. Die Buben folgten gehorsam den Anordnungen ihres Vaters, doch das kleine Mädchen wollte die aufregende Gesellschaft nicht so einfach aufgeben. Doch ihr Protest war nutzlos, nachdem einer ihrer größeren Brüder sie packe und einfach mit sich die Leiter zu dem kleinen Verschlag unter dem Dach hinauftrug.„Reizende Kinder haben Sie“, meinte La Fayette schließlich, nachdem die Geräusche über den Köpfen der beiden Männer verklungen waren. George nickte langsam, sein Blick wirkte nachdenklich. „Das habe ich wirklich Marquis, ich danke Gott jeden Tag für sie.“ Der junge General wollte etwas erwidern, merkte aber wie ihm die Stimme versagte. Seine Brust fühlte sich schmerzhaft eng an und für einen Moment war ihm sogar, als müsste er nach Luft ringen. Ganz plötzlich vermisste er seine eigenen Kinder so sehr, dass er es nicht in Worte fassen konnte. George schien seine Gefühlsregung von seinem Gesicht abgelesen zu haben, doch bevor er etwas sagen konnte, wurde eine Tür geöffnet und Sarah trat wieder in den Hauptraum. Während sich ihre beiden Töchter, wie auch schon ihre Geschwister zuvor, ins Bett begaben, setzte sie sich an den Tisch, gegenüber von La Fayette.„Wie geht es Joséphine?“, fragte dieser sogleich, die Augen groß und hoffnungsvoll.„Nicht gut. Ihr Fieber ist hoch und sie ist noch immer nicht wieder bei Bewusstsein. Wir sollten anfangen für sie zu beten“, antworte Sarah trocken und beinahe hätte La Fayette an ihrer Antwort Anstoß genommen, da ihr Tonfall gänzlich unbeeindruckt klang, doch er hatte die Vermutung, dass Sarah zu der Art Menschen gehörte, die immer auf eine Art und Weise sprach, als hätten sie kein Interesse an dem Geschehen um sich herum. Doch bevor er etwas hätte sagen können, fixierte Sarah ihn plötzlich mit einem scharfen Blick.„Sie sind ein schlechter Mensch“, erklärte sie mit einem Tonfall, als wäre es eine simple Feststellung, in ihrer Stimme schwang hingegen tiefe Abneigung mit. Der junge Marquis blinzelte verwirrt. Er war sich bewusst, dass nicht jeder gut auf ihn zu sprechen war, mal wurde er für naiv und unreif, dann für kindisch und egozentrisch gehalten – aber er konnte sich beim besten Willen nicht erklären, warum Sarah plötzlich solch eine Antipathie gegen ihn hegte. Glücklicherweise ersparte ihm die Frau nachfragen zu müssen, denn sie fuhr unaufgefordert fort.„Joséphine ist ein gutes, junges Mädchen und wie ihr sie verführt und missbraucht ist einfach nur schändlich.“La Fayette blinzelte erneut nervös, spätestens jetzt war er vollkommen verwirrt, wusste nicht worauf Sarah sich bezog. Doch hatte er das vage Gefühl, dass es ihm nützen würde, mitzuspielen.„Woran habt Ihr es erkannt?“, fragte der junge Mann deshalb und tastete sich mit dieser, nicht wirklich aussagekräftigen Erwiderung voran.„Wie bereits gesagt Marquis, Joséphine ist ein unschuldiges Mädchen. Sie ist doch niemand, der sich in Männerkleidung hüllt und Ihr, Ihr seid ein General und somit sicherlich niemand, der solch einen Aufwand für einen einzigen Soldaten betreiben würde. Erst recht nicht, wenn ihr wisst, dass dieser Soldat in Wirklichkeit eine Frau ist. Es sei denn natürlich, Ihr habt ein übergeordnetes Interesse an ihr, dass Ihr sie stets nahe bei euch haben wollt und daher zu solch einer schändlichen Verkleidung geraten habt. Sagt mir Marquis, was musstet Ihr tun dass Joséphine einwilligte? Habt Ihr euch als ihr Ritter in strahlender Rüstung aufgespielt, habt ihr ihre Jugend und Naivität ausgenutzt? Habt Ihr ihr Geld angeboten, damit ihre Geschwister im Winter nicht hungern müssen. Ich weiß, dass sie viele Geschwister hat, habt ihr ihre Liebe für ihre Familie ausgenutzt?“, beschuldigte ihn Sarah und La Fayette war mit der gesamten Situation irgendwie überfordert. Doch ihm wurde ganz schnell bewusst, dass seine Antwort ganz profund zu Sarahs Bild über Joséphine beitragen konnte. Er konnte am nächsten Morgen wieder ins Lager reiten und so tun, als ob nichts passiert sei, aber Joséphine war auf die Hilfe dieser Familie angewiesen, wenn sie überleben wollte. Insofern stand es außer Frage, dass er sich als Täter in dieser Geschichte darstellen musste.La Fayette räusperte sich vorsichtig und senkte seinen Blick auf die Tischplatte. „Ich habe Joséphine durch Zufall in einem Dorf kennengelernt in dessen Nähe die Armee ihr Lager bezogen hat. Ich hatte mich ein wenig verlaufen, als ich die Umgebung erkunden wollte und sie hat mir freundlichen den Weg zurück gezeigt. Joséphine war jung und sprach fließend Französisch, ich mochte sie und so haben wir eine … für alle Seiten … akzeptable … Vereinbarung getroffen. Es ist nie bis zum Äußersten gekommen, das schwöre ich vor Gott“, beeilte sich La Fayette zu sagen und spürte wie ihm die Röte ins Gesicht stieg. Er begann ernsthaft all die Entscheidungen zu überdenken, die ihn an diesen Punkt geführt haben. Nicht, dass er seine Entscheidungen soweit bereute, seine Erfahrungen und Erlebnisse in Amerika übertrafen seine kühnsten Erwartungen und machten es auch möglich für ihn, mit Ehre zurück nach Frankreich zu kehren, aber dennoch musste er zugeben, dass gerade die momentane Situation alles überstieg, das er sich auch nur im entferntesten hätte träumen können. Diesem Gedanken hing er dann jedoch nicht lange nach, bevor Sarah ihn wieder allzu deutlich an die Umstände erinnerte.„Selbst wenn dem so ist, dann werdet Ihr sicherlich dafür gesorgt haben, dass Ihr Euren Teil aus dem Handel herausschlagen konntet. Wirklich, was ist Frankreich für ein Land Marquis, dass sich ein Mann wie Ihr nobel nennen kann. Die Regeln der Gastfreundschaft verbieten es mir, Euch bei diesem Wetter und zu solch später Stunde fortzuschicken, deshalb werdet Ihr für heute Nacht unser Gast sein. Ihr werdet in der Scheune schlafen und morgen bei Tagesanbruch verschwunden sein.“ Gesagt, getan und um ehrlich zu sein, war La Fayette sogar ganz froh Sarahs missbilligendem Blick entkommen zu können.George, der Ehemann, leuchtete La Fayette mit einer Laterne den Weg zu der kleinen Scheune, die beinahe direkt an das Haupthaus anschloss. Mit einem Knarren drückte er die Tür auf und der flackernde Schein des Feuers tanzte durch den Innenraum. „Das Dach ist etwas undicht, aber das Heu dort in der Ecke dürfte recht trocken sein. Oh, und lassen Sie sich nicht von Polly und Molly stören, schieben Sie sie einfach ein wenig zur Seite, wenn sie aufdringlich werden. Die beiden tun das manchmal, aufdringlich sein meine ich, aber keine Sorge, ein kleiner Schubs und sie begreifen es meistens“, erklärte George und hing die Laterne an einem Nagel auf. Der junge Marquis wollte sich gerade danach erkundigen, wer denn nun Polly und Molly wären, als ein Muhen aus der hinteren Ecke der Scheune jede Frage überflüssig machte. Die ganze Situation war so absurd, dass sie schon wieder amüsant war. Außerdem hatte La Fayette schon schlechtere Gesellschaft ausgestanden – für wahr, in Versailles gab es genügend Gestalten die sich charakterlich wahrscheinlich deutlich unter Polly und Molly einreihen durften. „Es freut mich, dass Ihr die ganze Sache mit Humor nehmt Marquis“, warf George ein und La Fayette fühlte sich auf seltsame Weise ertappt. George war schnell darin ihn zu beruhigen. „Keine Sorge, ich bin weit weniger fanatisch als meine Frau. Sie ist passioniert, dass liebe ich an ihr, aber ich habe auch manchmal den Drang mich für sie zu entschuldigen. Ihr Mundwerk geht zuweilen mit ihr durch. Der Marquis nickte langsam, seine Kopfbewegung warf lange Schatten die mit der ohnehin vorherrschenden Dunkelheit in der Scheune verschmolzen. Er wusste nicht wirklich, was er von dem vorherigen Austausch halte sollte, aber da George auch augenblicklich den Rückzug in das Haupthaus antrat, war La Fayette zumindest mit seinen Gedanken alleine … und mit Polly und Molly natürlich.Der nächste Morgen brach viel zu früh an und La Fayette fand sich sehr verschlafen in einem Haufen Heu wieder – aber auch nur solange bis eine feuchte Kuhschnauze im Gesicht ihn effektiv aufweckte. Da solle man ihn noch einmal Landei3 nennen. Mit einem Stöhnen drehte der junge Mann sich erst auf den Rücke und kämpfte sich dann in eine aufrechte Position, das Heu raschelte unter ihm. Joséphines Worte kamen ihm wieder in den Sinn. Die Nacht in der Scheune war tatsächlich recht kühl gewesen. An der anderen Wandseite der Scheune wurde knarrend die Tür geöffnet und das viel zu helle Licht der aufgehenden Sonne floss in den Innenraum. La Fayette blinzelte geblendet und machte schließlich George am Tor aus. „Ihr seid bereits wach, wundervoll“, meinte der Farmer und klang dabei irgendwie seltsam sarkastisch. Hinter ihm konnte der Maquis sein Pferd erkennen, welches trotz dieser frühen Stunde schon freudig die Ohren aufgestellt hatte. La Fayette war sich nicht sicher, ob er schon munter genug war, um sich im Sattel halten zu können. Doch es nützte ja alles nichts. Mit einer beiläufigen Bewegung klopfte er das letzte Heu von seiner Kleidung und trat neben George ins Freie. Die Morgenluft war angenehm warm und frisch.„Wie geht es Joséphine?“, fragte La Fayette und nahm die Zügel seines Pferdes aus Georges Hand. Er konnte seine Uniform zusammen geschürt am Sattel befestigt sehen.„Den Umständen entsprechend gut denke ich. Sarah meinte ihr Fieber ist gesunken“, antwortete der Farmer vage.„Kann ich zu ihr?“„Sarah würde das nicht gut heißen.“„Ich bitte Sie Monsieur, Ihr sagtet gestern-“„Ich weiß was ich gestern gesagt habe. Nun gut, Sarah ist momentan im Hof bei den Hühnern, das heißt, Ihr habt zehn Minuten.“La Fayette ließ sich das nicht zweimal sagen und kaum hatte er seinen Hengst an einem Zaunpfahl angebunden, schlich er in Richtung des Haupthauses. Der Weg zu der kleinen Kammer war schnell gefunden, aber noch während er eintrat, beschlichen den jungen Marquis Zweifel. Was machte er hier eigentlich? Bei aller Ehrlichkeit, was tat er hier? Was hatte er nur getan? Er war ein Marquis, ein Mitglied des französischen Schwertadels4 und ein General in der amerikanischen Kontinentalarmee – und doch sein Verhalten in den letzten Stunden zeugte weiß Gott nicht davon. Wie – wann war es nur soweit gekommen? Warum hatte er all die Monate seinen Ruf, seine Ehre, sein Kommando für das er so viel getan hatte, aufs Spiel gesetzt? Die Tür schwang auf und er trat ein, schloss sie hinter sich. Joséphine lag auf dem niedrigen Bett in der Ecke des Raumes. Ihr Gesicht wirkte blass und eingefallen, ihr kurzes Haar war wie eine Krone um ihren Kopf herum ausgebreitet. La Fayette erschien es als würde sie schlafen und deshalb wollte er gerade schon wieder den Raum verlassen, als Joséphine plötzlich die Augen aufschlug und ihm direkt in die Augen blickte. Für einen Moment hielten die beiden jungen Menschen ihren Blickkontakt. Der Marquis fand in dieser Stille zumindest teilweise eine Antwort auf seine frühere Frage. Er war das Risiko eingegangen, weil es nun einmal Joséphine war, weil sie ihm so vertraut war, auf eine ganz merkwürdige Art und Weise, die man wohl nur erlebte, wenn man Geheimnisse mit jemandem teilte und weil er nicht mit dem Gedanken leben konnte, sie zu verlieren. Doch trotz dieser Erkenntnis konnte er sich nicht erklären, wie es so weit gekommen war. Er war sich sicher, würde er heute Abend herausfinden, dass ein weiterer seiner Soldaten in Wirklichkeit eine Frau war, er würde sie melden. Dieses Mal ohne Wenn und Aber. Solch eine Verkleidung anzulegen war wieder jeder Natur und vollkommen verwerflich bis zum Punkt der Perversion … doch Joséphine, nun Joséphine konnte er sich nicht anders vorstellen. Schon sie hier liegend vorzufinden und zu sehen, wie sich unter den Bettlaken ihre Brust ganz sanft abzeichnete war … irgendwie falsch.„Ich danke Euch Marquis, wirklich. Ihr habt mir das Leben gerettet“, brachte Joséphine dann endlich hervor, ihre Stimme klang rau wie Sandpapier und ihr Mund war staubtrocken. La Fayette griff nach der Karaffe mit Wasser, die neben dem Bett stand und füllte ein Glas ein, hielt es Joséphine an die Lippen, sodass sie etwas trinken konnte.„Ich habe nicht weniger getan, als Ihr damals für mich getan habt“, entgegnete der junge Mann und stellte das Glas wieder auf den niedrigen Tisch. Joséphine schüttelte schwach den Kopf. „Nein Marquis, ich habe damals nur meine Pflicht getan, aber Ihr hattet keine Verpflichtung mir gegenüber.“„Gilbert5.“„Wie bitte?“„Mein Name, Gilbert. Ich betrachte dich als Freundin, Joséphine und Freunde reden sich nicht mit Titeln an.“Joséphine sah La Fayette mit großen Augen verwundert an. Ihr Gegenüber legte sorgenvoll die Stirn in Falten. „Ich bin zu forsch vorgegangen, nicht wahr? Ihr seht mich nicht als Freund, ich verstehe, verzeiht“, beeilte La Fayette sich zu entschuldigen und war schon aus dem Zimmer heraus getreten, als Joséphine ihn zurückhielt. „Warte … Gilbert. Ich sehe dich sehr wohl als einen Freund. Ich war nur überrascht, da ich dachte, dass du meine Auffassung nicht teilen würdest. Es ist alles nur ein wenig verwirrend, ich kann mich noch an den Tag erinnern, an dem wir uns kennengelernt haben.“„Ich kann dich gut verstehen, diese Freundschaft ist besonders, sie hat sich irgendwie andersherum entwickelt, als eine Freundschaft das normalerweise tut.“„Andersherum?“„Die meisten Menschen lernen sich kennen, befreunden sich, vertrauen sich dann Geheimnisse an und in den seltensten Fällen retten sich zwei Freunde gegenseitig das Leben. Wir haben uns zuerst mit der größten Selbstverständlichkeit das Leben gerettet, dann haben wir die Geheimnisse des anderen gehütet und nun sind wir Freunde. Ganz nebenbei haben wir uns wohl auch irgendwie kennengelernt, aber seien wir ehrlich, dieser Schritt unsere Freundschaft bedarf wohl noch am meisten Arbeit“, erläuterte Gilbert und lächelte. Joséphine lächelte ebenfalls.Joséphine blieb ungefähr zwei Wochen bei der Familie und kehrte erst dann wieder zur Armee zurück. Sarah unterlag dem falschen Eindruck ihren jungen Gast zurück zu ihrem Vater zu schicken und Joséphine ließ sie gerne in diesem Glauben. La Fayette hatte ihr versprochen, sich für sie um eine Deckgeschichte zu bemühen und das tat er auch. Doktor Friedrich Deegens Wegbleiben erregte natürlich einiges an Aufmerksamkeit und der ein oder andere hatte seine ganz eigne Theorie was der Grund für dieses plötzliche Verschwinden sein konnte, doch La Fayette ging mit all seinem Einfluss, mit all seiner Autorität selbst gegen den leisesten Zweifel vor.
Anfang Juli 1778
(...) those who chiefly undertake the Cure of the Secret Indispositions of the Female Sex, and who are generally, or for the most Part, only advis'd with on those Occasions, are notoriously ignorant of them; I mean Midwives, Nurses, and other good Women, who, however well they may mean, are so little acquainted with the Nature and various Causes of the Weaknesses and Diseases I have treated (…)
Auszug aus dem Buch “A Practical Discourse on Barrenness in Women, and Impotency, Infertility, and Seminal Weakness in Men”, veröffentlicht von einem unbekannten Arzt in London Nach seiner Rückkehr in das Lager wurde Friedrich natürlich auch mit den Fragen seiner Kameraden bedrängt, aber alles in allem hielt sich die Aufregung in Grenzen. Ein ganz anderer Umstand machte den jungen Arzt in den Augen seiner Kollegen plötzlich sehr interessant – und Friedrich sollte schon sehr bald den Grund dafür herausfinden. Es war vielleicht zwei Tage, nachdem er seine Arbeit als Arzt wiederaufgenommen hatte und als er an diesem Abend in das Hauptquartier eintrat, war er mit den Gedanken bei vollkommen anderen Dingen, in der linken Hand hielt er etwas persönliche Korrespondenz und in der rechten einen Apfel, den er mit Genuss verzehrte. Ein wenig des Fruchtsaftes lief ihm am Kinn herunter, als er Stimmen aus dem Salon vernahm. Der junge Arzt erkannte auf Anhieb die Stimmen von La Fayettes aide-de-camp6 Captain Louis Morel Colombe, Leutnant Colonel Alexander Hamilton, General Washingtons aide-de-camp und von Captain Pierre Etienne Duponceau, von Steubens militärischem Sekretär. Da war ihr Hauptquartier mal wieder zu einem geselligen Treffpunkt der Hälfte aller Generalstäbe geworden. Friedrich war schon beinahe am Eingang vorbeigeschritten – nicht, dass er das Zusammensein mit seinen Freunden und Kollegen nicht genossen hätte, aber er war einfach zu müde ein geselliges Beisammensein genießen zu können, als Colombe plötzlich aus der Tür geschossen kam. Die beiden Männer wären um ein Haar zusammen gestoßen und Friedrich ließ vor Schreck gar seinen Brief fallen. Kaum hatte er das Schriftstück wieder aufgehoben, da hatte ihn der französische aide-de-camp auch schon an den Schultern gepackt und in Richtung des Durchgangs zum Salon gedreht. „Wie froh ich bin, dich endlich mal außerhalb der Dienstzeit erwischt zu haben“, erklärte er und schob Friedrich, der keinen sonderlichen Widerstand leistete, in den Salon und bedeutet ihm sich am Tisch Platz zu nehmen. Colombe setzte sich ebenfalls – zur linken von Friedrich. Hamilton saß, zur Rechten und Pierre saß dem jungen Arzt gegenüber. Friedrich lachte leise auf. „Erklärt mir jemand, was das hier wird?“Hamilton lehnte sich vor, stützte sich mit den Ellenbogen auf der Tischplatte ab und legte sein Kinn auf seine gefalteten Hände. „Erzähl. Ich möchte alles wissen.“Friedrich blinzelte verwirrt, doch bevor er nachhaken konnte, meldete sich Colombe zu Wort. „Fredrickson. Du und Colonel Fredrickson. Was war das denn bitte für eine Vorstellung. Ich habe dich noch nie so wütend gesehen – ich denke das hat keiner von uns.“„Das halbe Lager redet schon darüber“, steuerte Pierre noch bei, seine Stimme sanft und leise.Friedrich schlug die Hände vor dem Gesicht zusammen, ganz langsam merkte er, wie ihm die Röte ins Gesicht stieg und seine Ohren warm wurden. „Nein, nein, nein, das darf doch nicht wahr sein. Woher wissen denn alle darüber Bescheid?“Colombe räusperte sich verlegen. „Nun ja, sehr unauffällig wart ihr nicht gerade. Ihr habt euren Streit vor dem gesamten Stab ausgetragen.“„Ja, aber wie du bereits richtig festgestellt hast, nur vor dem Stab. Das heißt irgendeiner von euch muss das rum erzählt haben“, wandte Friedrich sich jetzt vollkommen an Colombe. Dieser hob die Hände zur Abwehr. „Schau mich bloß nicht so an, ich bin niemand der Klatsch und Tratsch verbreitet“, verteidigte er sich.„Nein, gar nicht. Noch nie. Du doch nicht“, erwiderte Hamilton sarkastisch und konnte dabei als einziger ein ernstes Gesicht behalten, alle anderen, Friedrich eingeschlossen, mussten grinsen.„Vielleicht hat Chambre7 ja auch etwas weitererzählt“, versuchte es Colombe und erntete dafür von Friedrich einen skeptischen Blick. „Bestimmt, der gute Mann ist ja auch immer so fürchterlich gesprächig.“„Gut, dann eben nicht. Aber ganz im Ernst, ich habe keine Ahnung wer den Vorfall ausgeplaudert hat-“, begann Colombe bevor Hamilton ihn unterbrach.„Das ist nun doch auch vollkommen egal. Ich möchte einfach nur die Geschichte dazu hören“, drängte Hamilton und rückte noch etwas weiter nach vorne. Friedrich schüttelte verlegen den Kopf. Die ganze Situation war ihm so wahnsinnig unangenehm. Er verlor normalerweise selten die Fassung und dass dieser Vorfall sich nun auch noch so sehr herumgesprochen hatte, machte es alles nur noch schlimmer.„Colonel Fredrickson und ich haben eine Vorgeschichte“, gab Friedrich schließlich kleinlaut zu und widmete übertrieben viel Aufmerksamkeit dem letzten Rest seines Apfels.„Ich denke dieser Umstand ist uns allen bereits bewusst gewesen“, meldete sich Pierre wieder zu Wort. Wenn sogar er nach mehr Informationen drängte, war die Sache schon wirklich ernst. Der junge Arzt seufzte frustriert. „Es ist eine ewig alte Geschichte. Fredrickson und ich haben uns 1774 das erste Mal getroffen, das war noch vor Kriegsbeginn. Er hat an dem Tag etwas getan von dem er dachte, dass es furchtbar patriotisch sei und eine Gruppe von Menschen zu denen auch ich gehörte, haben ihm ganz deutlich widersprochen. Das gefiel ihm eben nicht. An dem Tag haben wir die Möglichkeit verspielt je Freunde zu werden.“„Du wirst nicht mehr erzählen, auch nicht, wenn ich ganz lieb frage, oder?“, bettelte Hamilton. Friedrich schüttelte den Kopf. „Nein Hammy, du kannst mich mit noch so großen Augen angucken, das war bereits mehr als ich eigentlich über dieses Thema verlieren wollte. Aber wo wir gerade dabei sind – wo ist Fredrickson überhaupt? Ich habe ihn seit unserem Streit nicht mehr gesehen.“„Das liegt daran, dass er versetzt worden ist. Der Marquis hat es gleich nach eurem Streit in die Wege geleitet“, erklärte Colombe und streckte sich einmal bevor er hinzufügte: „Nach Fishkill.“„Nach Fishkill? Aber da ist doch nur unser Militärkrankenhaus und ein Versorgungslager. Fishkill ist so ziemlich ….“, Friedrich fehlten die passenden Worte um den Stützpunkt in Fishkill zu beschreiben.„… so ziemlich einer der unbedeutesten Posten auf den man versetzt werden kann? Ganz recht“, beendete Pierre Friedrichs Satz. Gerade wollte Friedrich noch etwas hinzufügen, als La Fayettes Stimme im Durchgang erklang.„Wie ich sehe sind Sie alle sehr fleißig meine Herren. Ich würde es jedoch begrüßen, wenn Sie diesen Fleiß für Ihre Arbeit verwenden würden und nicht um Gerüchte in die Welt zu setzen. Das ist die Aufgabe der Marketenderinnen und der Wäscherinnen.“ Mit einem Satz waren Colombe, Hamilton, Pierre und Friedrich aufgesprungen und hatten Haltung angenommen. Der junge General gab ihnen nur mit einem beiläufigen Handwinken zu verstehen, dass sie sich wieder setzen sollten. Einzig Pierre blieb stehen. „So erfreulich und … erhellend das Gespräch auch war, ich habe noch etwas an Arbeit zu erledigen und würde mich daher verabschieden. Bevor ich es vergesse, Friedrich, General von Steuben fragt ob du am nächsten Donnerstag wieder zum Abendessen kommst?“„Der Baron muss meiner doch auch irgendwann überdrüssig werden“, warf Friedrich ein und Pierre schüttelte nur den Kopf. „Für den Moment zumindest nicht, keiner von ist das. Wenn Walker dann noch gegen dich im Schach gewinnt, ist auch er den ganzen Abend über glücklich.“„Du bist also überzeugt, dass ich verlieren werde“, fragte Friedrich und spielte beleidigt.„Du hast doch bisher immer verloren“, entgegnete Pierre trocken und brachte damit den gesamten Raum zum Lachen. Selbst la Fayette konnte sich ein kleines Lächeln nicht verkneifen. Sobald man sich wieder gefangen hatte, erhob sich auch Hamilton. „Ich sollte auch ganz langsam wieder zurückkehren“, meinte er und wandte sich an La Fayette. „Laurens, Tilghman8 und ich wollten morgen Abend in die Stadt gehen, habt Ihr Interesse und zu begleiten, General?“. Ganz so wie Friedrich verstand Hamilton, das jeder Ausdruck von freundschaftlichen Verhalten während der Dienstzeit unangemessen war. War der junge aide-de-camp auch eng mit La Fayette befreundet, vor Dienstende kam ihm keine andere Bezeichnung als „General“ oder „Marquis“ über die Lippen. Auch Friedrich hielt sich – trotz der neuartigen Freundschaft, an dieses ungeschriebene Gesetz, welches überall in der Armee einhalten wurde.„Ich fürchte, dass ich verneinen muss. Doktor Deegen und ich müssen morgen noch die Berichte über die Krankenhäuser durchgehen und ich fürchtete, dass dies einige Zeit in Anspruch nehmen wird.“Friedrichs Kopf schoss in die Höhe. „Wir wollen das morgen machen?“, platze es aus ihm heraus. La Fayette nickte nur langsam. „Das war das Vorgehen auf das Sie und ich uns vor zwei Tagen geeinigt hatten.“ Friedrich kämpfte gegen den innerlichen Drang an, sich mit der flachen Hand vor den Kopf zu schlagen. Den Bericht hatte er vollkommen vergessen. Um irgendwie aus der Situation wieder heraus zu kommen, setzte er ein schuldbewusstes Grinsen auf. „Mir ist nur gerade der Gedanke gekommen, dass Sie General sich auch einmal eine Auszeit nehmen sollten. Ich habe persönlich kein Problem damit den Bericht erst übermorgen zu besprechen.“ La Fayette zog nur wissend die Augenbrauen hoch. „Übermorgen dann also.“Übermorgen kam und La Fayette fand sich inmitten einer Vielzahl von Papieren am Tisch mit Doktor Deegen sitzend. Mit einer vagen Handbewegung deutete er auf die Unordnung. „Doktor Deegen, diese Besprechung hätte nur halb so lange gedauert, wenn sie nur einmal ihre Papiere alle zusammen hätten. Gerade die Preußen werden doch so für ihre Ordentlichkeit gelobt.“Joséphine schmunzelte schelmisch. „General, Ihr könnt nicht erwarten, dass meine preußischen Wurzeln sich gegen meine französischen Wurzeln durchsetzen können.“„Vorsichtig, Doktor Deegen, Sie begeben sich auf gefährliches Terrain“, scholt La Fayette, doch auch in seiner Stimme war der Schalk deutlich zu erkennen.„Die Hälfte der Papiere sind nicht einmal meine“, setzte Friedrich nach und schob einige Briefe zur Seite, um seinen Punkt zu unterstreichen.„Wunderbar, dann sind also nicht nur Sie, sondern auch der Rest des Stabes unordentlich“, stellte La Fayette fest, als er sich vom Tisch erhob. Doch schnell wurde er wieder ernster. „Ganz im Ernst Doktor Deegen, ich möchte, dass hier bis morgen früh Ordnung herrscht, ist das verstanden?“, befahl der Marquis und Joséphine nickte folgsam. „Natürlich General, solch eine Unordnung wird nicht noch einmal vorkommen“, versprach Joséphine und begann bereits ihre eigenen Papiere zusammen zu sammeln. Der junge Franzose verabschiedete sich in sein Büro und Joséphine ging weiter ihrer Arbeit nach. Nachdem sie alles weggeräumt hatte, von dem sie wusste was es war und wo es hingehörte, lag noch immer eine ganze Menge an Papier auf dem Tisch verstreut. Papiere, die aller Wahrscheinlichkeit nach den beiden aide-de-camps gehörten, besonders Gimat hasste es, wenn jemand seine sogenannte „Ordnung“ durcheinander brachte, aber was sollte Joséphine denn sonst tun?Sie summte ein altes Kinderlied zu dem ihr die Melodie seltsam vertraut war, an dessen Namen und Text sie sich aber nicht mehr erinnern konnte. Zum Aufräumen hatte sie sich einer ihrer liebsten Vorgehensweisen bedient: einfach alles am Boden in kleinen Stapeln zusammen tragen. Über gerade einen dieser Stapel wäre dann auch La Fayette beinahe gestolpert, als er noch einmal in den zum Arbeitsraum umfunktionierten Salon trat. „Ist das Ihre Definition von aufräumen?“, fragte der General und Joséphine kam erschrocken aus der Hocke wieder hoch.„Keine Sorge, ich habe nur mit ihnen gescherzt. Solange bis zum Morgen alles wieder ordentlich ist, werde ich mich nicht beklagen. Nein, mir ist noch eingefallen, dass ich Ihnen das hier noch geben muss“, meinte La Fayette und reichte Joséphine ein gefaltetes Blatt Papier. Es war das Entlassungspapier für eine gewissen Doktor Jonathan Boyer.„Der Arzt, der in der Schlacht von Monmouth seinen Arm verloren hat?“, fragte Joséphine nach der Lektüre des Papieres, obwohl ihr die Antwort eigentlich bewusst war. Sie kannte jeden Mann der ihr unterstellt war.„Eben der. Seine Entlassungspapiere lagen bei mir auf dem Schreibtisch, aber ich habe angenommen, dass sie den Bescheid persönlich überbringen möchten.“ Joséphine nickte nur stumm, obwohl ihr etwas auf der Zunge lag. Konnte sie? Sollte sie? La Fayette hatte sich schon wieder halb zum Gehen umgewandt, als sie sich dann schließlich doch ein Herz fasste.„General? Müssen wir Doktor Boyer wirklich entlassen?“La Fayette drehte sich abermals herum und legte die Stirn in Falten. „Doktor Deegen, ich bin mir bewusst, dass Ihnen das Schicksal dieses Mannes nahe geht und ich kann Ihre Gefühlsregung nur aufs wärmste nachvollziehen, aber Sie müssen der Wahrheit ins Auge blicken.“„Gilbert, warte“, brachte Joséphine hervor und griff ihren Freund beim Ärmel. Diese gesamte freundschaftliche Terminologie und der neue Umgang, den die beiden jungen Menschen nun außerhalb der Dienstzeiten pflegten, war für beide noch neu und häufig genug fühlten sie sich wieder in die ersten Monate nach ihrem Kennenlernen zurückversetzt, in eine Zeit in der sie oft gar nicht wussten, wie sie dem jeweils anderen gegenüber treten sollten. Doch diese Unsicherheit hatten sie hinter sich gelassen, in dem sie einfach immer weiter gemacht hatten. Joséphine war sich sicher, dass ihre Freundschaft es ebenfalls wert war, diese anfängliche Unannehmlichkeit zu überwinden.„Joséphine, ich …“„Lies!“, forderte die junge Frau den General auf und drückte ihm ein dünnes Journal in die Hand, welches sie soeben aus einem der Stapel am Boden gezogen hatte.„Was ist das bitte?“, fragte La Fayette und wandte das Heft in seiner Hand.„Das ist Doktor Boyers medizinisches Journal. Alle Regimentsärzte führen so eins, ich habe in meiner Zeit beim deutschen Regiment ebenfalls so eins führen müssen. Genau genommen hätten ich und Doktor Wurtenberger das zusammen führen müssen, aber da ich ja nur der Assistent war, hatte er keine Skrupel es mich alleine führen zu lassen. Wie dem auch sei. Als Stabsarzt lese ich manchmal in dieses Journalen, manchmal muss ich auch Sachen abzeichnen. Ich geh diesen Pflichten nach, aber wenn wir ehrlich sind, könnte ich im Umgang mit diesen Dokumentationen aufmerksamer sein. Nach Doktor Boyers Verwundung ist mir sein Journal zugestellt worden und ich habe es mir da zum ersten Mal wirklich bewusst, durchgelesen. Zuerst empfand ich seine Aufzeichnungen als kompletter Unsinn. Er reinigt seine Werkzeuge am Ende eines jeden Tages mit Essig und hat festgelegt aus welcher Art von Leinen die Kleidung sein soll9, die die Soldaten seines Regiments tragen. Ich gestehe, ich fand diese Vorgehensweisen zuerst geradezu idiotisch – im Bezug auf sein Essigregiment fand ich sein Verhalten geradezu verschwenderisch. Doch dann habe ich mir, aus reiner Neugierde seine Regimentsstatistik angesehen. Er hat im Durchschnittnach einer Schlacht die gleiche Anzahl von Amputationen wie jedes andere Regiment, aber viel mehr seiner Männer überleben die Prozedur. Ich meine wirklich viel mehr. Das gleiche bei Wechselfieber10 – deutlich weniger Fälle.“„Ich verstehe immer noch nicht worauf du hinaus willst“, meinte La Fayette ungeduldig und runzelte noch immer die Stirn. Joséphine seufzte.„Ich weiß nicht, was Boyer tut, ich weiß nicht wie er auf die Idee kommt, die Dinge zu tun die er tut, ich weiß nicht warum sie funktionieren, ich weiß nicht, ob er eine dieser Fragen beantworten kann, aber ich weiß, dass es funktioniert. Ich weiß, dass es seinem Regiment besser geht als sonst einem Regiment und ich weiß, dass er vielleicht nicht mehr als Arzt im klassischen Sinne arbeiten kann, aber er kann immer noch sehr viel Gutes tun.“Ganz langsam zeichnete sich Verständnis auf den Gesichtszügen des Marquis ab und er begann langsam mit dem Kopf zu nicken. „Gut, das kann ich nachvollziehen. Aber dennoch gibt es keine Möglichkeit ihn in der Armee zu behalten. Er ist kriegsverwundet. Allerdings kann er der Armee als Freiwilliger folgen. In diesem Fall könnte er weiterhin als Arzt für sein Regiment arbeiten und es würde sich wohl keiner im Hauptquartier daran stören“, schlug der Franzose vor.„Das geht nicht!“, platzte es aus Joséphine hervor. „Wenn er als Freiwilliger dient, wird er keinen Sold erhalten. Er hat eine Frau und zwei kleine Kinder, wie soll er für die sorgen, wenn er keinen Sold erhält, wie soll ich ihn so davon überzeugen, weiter zu dienen?“La Fayette ließ seinen Blick durch den Raum gleiten. „Nun, wenn der Sold der einzige Einwand ist, den du gegen meinen Vorschlag zu machen hast, dann kann ich dich beruhigen. Lass den Sold meine Sorge sein.“„Nein Gilbert, das kann ich nicht-“„Das kannst du nicht verlangen? Du hast es ja auch nie verlangt. Ich vertraue deinem Urteil und wer weiß, vielleicht wird Doktor Boyer ja auch gar nicht auf dein Angebot eingehen.“ Ein Moment der Stille schlich sich zwischen den beiden ein.„Danke. Danke für das Vertrauen“, murmelte Joséphine schließlich leise. Der General lächelte ernst, ganz so als würde ihm viel durch den Kopf gehen, bevor es er nicht lassen konnte und noch eine Bemerkung machte. „Das heißt aber nicht, dass ich den Tisch bis morgen früh nicht aufgeräumt haben möchte, ja?“In dieser Nacht kam Joséphine zu einer Feststellung. Es gab eine Sache im Besonderen die sie sich in ihren bisherigen Dienstjahren abgewöhnt hatte – ein fester Schlaf. Schon in den ersten Monaten, vielleicht sogar Wochen hatte sie gelernt immer und überall schlafen zu können, wann immer sich ihr die Möglichkeit bot. Aber sie hatte gleichfalls lernen müssen, auf jedes noch so kleines Geräusch regieren zu müssen und binnen weniger Minuten komplett wach und einsatzbereit zu sein. Als es also mitten in der Nach an ihrer Kammertür klopfte – in einer Lautstärker die wahrscheinlich nicht nur sie aufgeweckt hatte, hatte sie sich aufgesetzt und die Beine über die Bettkante geschwungen, noch bevor sie ihre Augen ganz geöffnet hatte. Es lebe die Macht der Reflexe!Eine leise Panik beschlich Joséphine, sie hatte ihre Brustbandagen für die Nacht abgelegt und trug nun nur noch Strümpfe und Hemd. Es war für die junge Frau, sowie für jeden anderen in der Armee, ein seltener Luxus ein festes Dach über dem Kopf zu haben und ein noch größer Luxus in solchen Fällen häufig auch noch einen eigenen Raum für sich zu haben. Wann immer General La Fayette Quartier in einen Wohnhaus bezog, versuchte er für Joséphine einen eigen Raum zu finden, häufig nicht mehr als ein kleiner Verschlag unter der Treppe, aber immer noch separat. Er begründete diese Maßnahme immer noch mit den unregelmäßigen Arbeits- und Schlafenszeiten seines Stabsarztes, auch wenn diese Begründung zugegeben sehr lausig war. Joséphine kannte keinen anderen Arzt, der solch eine Sonderbehandlung erhielt, auch wenn er sich aufgrund seiner Arbeit in derselben Situation befand. Doch bisher hatte sich auch noch nie jemand an La Fayettes Vorgehen gestört. Häufig genug schliefen sie alle in Zelten. Die Generäle hatten ihre eigenen Zelte, höhere Offiziere mussten sich vielleicht zu zweit ein Zelt teilen, aber alle anderen durften zum Teil zu fünft in kleinen Zelten schlafen und in dieser Situation gab es keine Möglichkeit für La Fayette Joséphine etwas Privatsphäre zu gewährleisten. Dementsprechend genoss sie ihre Privatsphäre, egal wie klein die Kammern auch waren. Unter anderem hatte sie es sich zur Angewohnheit gemacht ihre Brustbinden immer zur Nacht zu entfernen, da sie langsam aber sicher bemerkte wie sich ihre gesamte Körperhaltung durch das ständige Tragen verändert hatte und Joséphine nahm auch stark an, dass ihre ständigen Rückenschmerzen darauf zurück zu führen waren. Alles schön und gut, aber wenn immer sie ihre Brustbinden entfernte, war sie nicht darauf eingestellt, Besuch zu empfangen.Joséphine hatte den Mund schon halb geöffnet um eine hastige Ausrede hervorzubringen, als sie Henrys Stimme von der anderen Seite der Tür her vernahm. „Deegen, Deegen bist du wach?“ Gut, Henry gegenüber konnte Joséphine vielleicht ein wenig nachlässiger sein, aber dennoch nahm sie sich die Zeit ihre Kniehosen anzuziehen und ihren Uniformmantel über ihr Hemd zu ziehen, die Weste ließ sie weg, damit wollte sie sich dann doch nicht rum ärgern. Halbwegs bekleidet öffnete sie dann schließlich die Tür einen kleinen Spalt und erkannte Henry mit einer Laterne in der Hand vor der Tür stehend. Statt einfach sein Anliegen kundzutun drückte er sich an Joséphine vorbei in das Zimmer und schloss die Tür von innen. Die junge Frau selber hatte nicht die Kraft sich ihm entgegen zu stellen und gerade das machte ihr irgendwie Angst. Was wollte er von ihr, wo er doch die vergangen Wochen jeden nur erdenklichen Aufwand unternommen hatte um ihr aus dem Weg zu gehen? Noch viel wichtiger war jedoch die Frage, was wollte Henry von ihr, das nur des Nachts erledigt werden konnte?Henrys und ihr Blick trafen sich, als er fragend an ihr herunter blickte. „Ich habe dich geweckt, nicht?“„Ist schon gut, was gibt es?“, erwiderte Joséphine und war dabei immer noch nervös, fast schon mechanisch zog sie ihren Uniformmantel etwas enger um sich, verschränkte die Arme vor der Brust.„Ich brauche deine Hilfe – in einer medizinischen Angelegenheit. Du weißt, dass den Ärzten verboten ist Camp-Follower zu behandeln?“, begann der junge Virginier.„Natürlich ist mir das bewusst“, erwiderte Friedrich. General Washington duldetet die Camp-Follower, weil er wusste, dass sie für das Funktionieren der Armee praktisch unerlässlich waren, aber das hieß noch lange nicht, dass er ihre Anwesenheit wirklich gut hieß oder befürwortete11, dass medizinische Ressourcen für sie verwendet wurden.„Würdest du dich über die Regel hinweg setzen, wenn es das Leben einer Frau retten könnte?“Joséphine antwortete ohne auch nur eine Sekunde überlegen zu müssen. „Natürlich.“„Gut, dann zieh dich fertig an, ich werde vor der Tür warten und dir dann auf dem Weg zum Lager die Situation erklären.“Gesagt, getan. Binnen zehn Minuten hatte Joséphine sich soweit angezogen, dass sie unter andere Menschen gehen konnte. Mit Henry an ihrer Seite verließ sie La Fayettes Hauptquartier und trat hinaus in die Nacht. Der Mond schien als schmale Sichel vom Himmel und die Luft war noch immer warm. Grillen zirpten und begleiteten damit das allgemeine Geräuschchaos, das so ein großes Lager mit sich brachte. In den Lagern wurde es nie wirklich ganz still. Während die beiden einem der Trampelpfade zu den äußeren Rändern des Lagers folgten, begann Henry die Geschehnisse zu erläutern, die ihn um diese Uhrzeit vor ihre Tür geführt hatten.„Ich bin für die Soldaten, die mir unterstellt sind da, nicht nur in der Schlacht als Offizier sondern auch davor und danach, als jemand an den sie sich wenden können. Die Frau eines Gefreiten erwartet ihr erstes Kind. Zuerst schien alles gut zu verlaufen, ein paar andere Frauen waren bei ihr, keine von ihnen eine ausgebildete Hebamme12 aber die meisten haben selber Kinder und einiges an Erfahrung. Aber dann ging es der armen Frau immer schlechter und keine der anderen Frauen wusste mehr wirklich weiter. Eine Hebamme konnte auf die Schnelle nicht gefunden werden und wir waren uns nicht sicher, ob einer der Ärzte helfen würde – bis mir dann eingefallen ist-“„Das ich nur helfen würde, sondern auch meine ganz eigenen Qualifikationen auf dem Gebiet habe“, unterbrach Joséphine ihn. Sie war angespannt und das nicht nur, weil sie mitten in der Nach ein Kind auf die Welt bringen sollte, sondern auch weil sie Henrys Verhalten störte. Seit ihrem letzten Gespräch hatte Henry alles auch nur Menschen mögliche getan, um Joséphine aus dem Weg zu gehen. Nicht, dass Joséphine das Unrecht war, Henrys Gegenwart machte sie unwahrscheinlich nervös. Doch plötzlich tat Henry so, als sei nie etwas zwischen ihnen beiden vorgefallen.Nach einer knappen Viertelstunde erreichten die beiden dann schließlich den Bereich an dem einige der Camp-Follower sich niedergelassen hatten. Henry führte sie in die Richtung eines behelfsmäßigen Zeltes. Mehrere Männer in Uniform saßen um ein loderndes Lagerfeuer zusammen und ein paar Frauen standen um den Eingang der Unterkunft zusammen. Eine von ihnen steckte immer wieder den Kopf durch die Zelttür und sprach mit gesenkter Stimme. Sobald Henry und Friedrich in Sichtweite kamen, sprang einer der Männer auf und kam ihnen entgegen.„Mr. Armstrong, dass ist Doktor Deegen“, machte Henry die beiden bekannt und der Soldat nickte nur fahrig und deutete auf das Zelt. „Meine Frau ist dort drin“, meinte er und fuhr sich mit der flachen Hand über das blasse Gesicht. Die Sorge und die Anspannung, die Erschöpfung waren ihm deutlich anzusehen. Friedrich nickte nur ernst und wandte sich in Richtung der Zelttür, nicht ohne Henry noch einmal am Arm zu packen. „Sollte ich während der Behandlung etwas benötigen, dann brauche ich es schnell, ist das verstanden? Außerdem muss jemand Mr. Armstrong ernsthaft darauf vorbereiten, dass entweder seine Frau oder sein Kind heute Nacht sterben werden. Ich bin keine ausgebildet Hebamme und gerade wenn die Geburt schon solange andauert, schwinden die Chancen“, meinte Joséphine. Henry zuckte zusammen. Der Befehlston in der Stimme der jungen Frau hatte ihn vollkommen überrumpelt. Im ersten Moment regte sich Wiederstand in ihm, er musste sich von einer Frau nicht befehlen lassen. Doch er fasste sich schnell. Er hatte Joséphine immerhin hier her gebracht und sie war zweifellos diejenige von ihnen beiden, die mit dieser Situation umgehen konnte. Während die junge Ärztin somit also im Zeltinneren verschwand, setzte sich Henry wieder zu den restlichen Männern. Wurde ein Kind geboren, so gab es für einen Mann nichts anderes zu tun, als zu warten – und zu beten vielleicht. Henry war der festen Überzeugung, dass es diese Art des Wartens war, dass Männer noch in jungen Jahren ergrauen ließen. Einerseits war es angenehm zu wissen, dass man nur warten und nicht wie die Frau unter Schmerzen ein Kind gebären musste, aber es war auf eine ganz andere Art und Weise schrecklich.Die Zeit verstrich quälend langsam und irgendwann, als ein weiterer Schrei von Mrs Armstrong gerade abgeklungen war, wandte sich Heinrich an den werdenden Vater.„Meine Worte mögen vielleicht hart klingen, aber Doktor Deegen bat mich darauf hinzuweisen, dass er vielleicht nicht-“„Dass mein Kind sterben könnte, dass ich zum Witwer werde? Oh Colonel, dessen bin ich mir nur allzu schmerzlich bewusst und ich frage mich die ganze Zeit, ob es meine Schuld ist. Hätte ich mich nicht mustern lassen, wäre meine Frau nie in diesem Lager gelandet. Unseren ältesten Sohn haben wir in Valley Forge verloren. Habe ich seinen Tod verschuldet?“, brachte Armstrong barsch hervor. Sein Tonfall war schroff und er klang, als sei er den Tränen nahe. Henry wusste beim besten Willen nicht, was er dazu sagen sollte. Es war eine Sache jemanden seine Hilfe anzubieten, jemanden zu versprechen, man würde einen Arzt finden, der sich über das Behandlungsverbot hinweg setzen würde, aber es war eine ganz andere Sache, bei einer Person zu bleiben während sie einem ihre tiefliegensten Ängste offenbarte. Der junge Virginier wusste, dass er für ersteres bereit war, über letzteres war er sich allerdings nicht so sicher.Währenddessen hatte auch Joséphine ihre Zweifel gegen die sie ankämpfen musste. Die ganze Situation rief in ihr die grausamsten Erinnerungen hoch. In der Frau von Armstrong sah sie ihre eigene Mutter, wie diese die Schwelle zum Tod überschritten hatte, um Maximilien das Leben zu schenken. In der Frau von Armstrong sah sie Hanni, von der sie immer noch nichts gehört hatte. Dazu kam der Zweifel an ihren eigenen Fähigkeiten. Ja, sie hatte Medizin studiert und ja, als Frau hatte sie gegenüber ihren männlichen Kollegen sicherlich einen Vorteil – doch das alles machte sie noch lange zu keiner Hebamme. Sie war bereits bei einigen Geburten dabei gewesen, nicht nur bei denen ihrer jüngeren Geschwister, sondern auch den Geburten anderer Frauen in der Gemeinde. Jetzt hatte Joséphine nur zu hoffen, dass sie diese Erfahrungen und die Beobachtungen, die sie gemacht hatte, auch umsetzen konnte. Bei Mrs. Armstrong, dass stellte Joséphine schnell fest, lag das Kind verkehrt herum im Becken. Nun gut, dass hatte ihre jüngere Schwester Anna auch getan und Joséphine hatte neben der Hebamme gestanden, als diese Anna gedreht hatte. Dazu ihr Wissen über Anatomie und Aufbau des menschlichen Körpers und sie schaffte es tatsächlich das Kind zu drehen. Es war anstrengend, es war schmerzhaft für Mrs. Armstrong und es war erschöpfend für Joséphine. Sie hatte genügend Soldaten sterben sehen, sowohl durch Kriegsverletzungen als auch durch Krankheit, dass sie irgendwie begonnen hatte sich daran zu gewöhnen. Jeder Tote war noch immer ein großer Verlust für sie, aber sie hatte akzeptiert, dass man nicht jeden retten konnte. Nicht, wenn ihm ins Gesicht geschossen wurde und sein Antlitz vollkommen entstellt war. Nicht, wenn ihn eine Kanonenkugel aus kurzer Distanz in den Unterleib getroffen hatte. Nicht, wenn sein Gesuch sich zu ergeben ignoriert wurde und man stattdessen zwei Dutzend Mal auf ihn einstach. Nicht, wenn ein Soldat im Winter keine Schuhe hatte und seine Füße zum Schluss vollkommen schwarz waren. Nicht, wenn ein Soldat seit drei Wochen gegen die Ruhr ankämpfen musste. In solchen Fällen konnten auch die besten Ärzte nichts mehr tun, als tröstende Worte in die Ohren eines Sterbenden zu flüstern. Doch das hier, das war eine Geburt, das war Leben. Plötzlich wurde Joséphine die Kehle eng und sie spürte wie sich Tränen in ihren Augen sammelten. Nein, trotz all der schrecklichen Dinge, die sie als Arzt bereits gesehen hatte, trotz der vielen Toten, auch jener Toten die unter Schmerzen und in ihrem Todeskampf nach ihrer Mutter gerufen oder nach Joséphines Hand, Ärmel, irgendetwas gegriffen hatten – mit dem Gedanken das Mrs Armstrong, ihr Kind oder gar beide sterben könnten, konnte sie nicht fertig werden. Sollte diese Nacht so verlaufen, wusste die junge Frau, dass sie darüber niemals hinweg kommen würde. Das war einfach anders. Als die Tränen sich dann ihren Weg bahnten, da stoppte Joséphine sie nicht. Sie sprach noch immer mit einer klaren, ruhigen Stimme, ihre Bewegungen zeugten noch immer von der Präzision, die sie durch ihr Studium und ihren Dienst erlangt hatte, da war kein Zittern in ihren Händen, aber die Tränen rannen ihr die Wangen hinunter. Eine der Frauen, die zu Beginn noch um das Zelt herum gestanden hatten, war Joséphine bei ihrer Arbeit behilflich. Natürlich fielen ihr die Tränen auf, da war keine Chance, dass sie sie übersehen hätte. Noch Jahre später würde diese Frau sich daran erinnern und feststellen, dass sie nie zuvor noch je danach miterlebt hatte, wie einen männlicher Arzt mit so viel Mitgefühl und Vorsicht eine schwangere Frau behandelte.Die Tränen auf seinen Wangen waren noch immer nicht getrocknet, als Friedrich aus dem Zelt heraus ins Freie trat. Blut war auf seiner Hose, seinem Hemd und an seinen Unterarmen. Armstrong fühlte sich, als sei Friedrich soeben seinem schlimmsten Alptraum entsprungen. Mit schreckensweiten Augen starrte der Soldat den Arzt an, bevor dieser zu Lächeln begann. Es war kein breites Lächeln, dafür war Friedrich zu erschöpft, dafür war er zu müde, aber es war ein Lächeln, das vom Sieg des Lebens über den Tod zeugte. „Ich gratuliere Ihnen Mr. Armstrong. Sie Vater einer gesunden Tochter geworden“, verkündete Friedrich. Armstrong taumelte einen Schritt vorwärts und einer seiner Kameraden streckte vorsorglich seinen Arm aus, anscheinend glaubte er nicht, dass Armstrong sich alleine aufrecht halten konnte. Der Soldat ließ seinen Blick zu Boden gleiten, nur um kurz darauf Friedrich mit neuerlicher Fassung zu fixieren. „Meine Frau? Wie geht es meiner Frau?“„Sie ist erschöpft und hat viel Blut verloren, aber ich bin momentan zuversichtlich, dass sie sich davon schnell erholen wird – zumindest solange sie kein Kindbettfieber entwickelt“, prognostizierte Friedrich und hatte kaum geendet, da hatte Armstrong ihn bereits ihn die Arme geschlossen. Der junge Arzt zuckte zusammen, nicht nur waren ihm Umarmungen aufgrund der Natur seiner wahren Identität unangenehm, nein, seine Rippen waren auch noch weit davon entfernt vollkommen verheilt zu sein.Sobald Armstrong ihn aus der Umarmung entlassen hatte und im Zeltinneren verschwunden war, beugte Friedrich sich vorn über und stützte sich mit den Händen auf seinen Schenkeln ab. Er war unwahrscheinlich müde. Doch obwohl der Gedanke an sein Bett in lockte, da stellte er auch fest, dass er sich vielleicht etwas waschen sollte. Seine Kleidung war blutig und auch seine Arme waren bis zu den Ellenbogen hinauf mit Blut verschmiert – Friedrich kannte sich gut genug um zu wissen, dass wenn er Blut an den Händen hatte, er garantiert auch irgendwo Blut im Gesicht hatte. Er schaffte es nun mal nie sich während einer Behandlung sauber zu halten. Während er also ernüchtert diese Feststellung traf, trat Henry an ihn heran und kniete sich neben ihn. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Er wollte etwas sagen, ganz unbedingt sogar, doch das einzig sinnvolle, das ihm schlussendlich über die Lippen kam, war nur ein „Was ist denn?“, als er Joséphines frustrierten Gesichtsausdruck sah. „Es ist doch alles gut gegangen.“„Natürlich, deswegen mach ich mir auch keine Sorgen, es ist nur das …“„Es ist nur was?“, hakte Henry nach.„Ich muss mich waschen. Das Blut in den Armen kann ich in einer Waschschüssel abwaschen, aber da ist auch Blut in meinem Haar und sonst noch wo, ich werde mich richtig waschen müssen.“„Aber das ist doch kein Problem, gleich da unten ist eine Wasserstelle“, meinte der junge Virginier und deutete in die Ferne, wo sich im schwachen Licht eine Ansammlung aus Büschen befand hinter der die besagte Wasserstelle lag.„Schon, aber ich mag nicht gerne … in solche Situationen kommen, ich mag es mir im Vornherein festlegen zu können, wann und wo und wie ich mich waschen kann. Kann ich das nicht, nun ich habe einfach fürchterliche Angst, dass mich jemand sieht“, gestand Joséphine zähneknirschend und gedanklich fügte sie ein „wie La Fayette damals hinzu.“„Oh“, machte Henry und die Aussage war wahrscheinlich das am wenigsten Eloquente, das Joséphine ihn bisher je hatte sagen hören. Nun ja, vielleicht mit Ausnahme des Gespräches, in dem Henry sich mit Tinte Linien auf den Unterarm gezeichnet hatte. Doch was wirklich überraschend war, war Henrys Folgeaussage.„Ich könnte dich begleiten.“„Bitte?“, fragte Joséphine für einen Moment vollkommen entgeistert und blickte zu Henry auf.„Ich … ich … ich könnte dich begleiten, ich könnte auf dich aufpassen, dafür sorgen, dass sich dir niemand nähert. Ich drehe mich natürlich um, keinen Blick würde ich wagen, aber ich kann dir dennoch helfen. Sieh es einfach als meinen Dank für deine Hilfe in dieser Nacht an“, bemühte Henry sich zu erklären und seine Zunge stolperte beinahe über seine Worte, so schnell sprach er. Joséphine starrte ihn noch immer an, doch der Unglaube war aus ihrem Blick verschwunden. Stattdessen sah sie, wie sich in seinen blauen Augen ihre Zukunft entfaltete. Sie nahm sein Angebot in dieser Nacht an.An der Wasserstelle angelangt warf Joséphine Henry noch einen letzten skeptischen Blick zu, aber das bemerkte dieser nicht mehr, da er, ganz wie versprochen, ihr den Rücken kehrte. Während sie begann sich auszuziehen, realisierte sie, dass sie das erste Mal nicht in der unangenehmen Situation war, sich beeilen zu müssen. Zum ersten Mal seit Jahren wahrscheinlich, konnte sie sich die Zeit zum Waschen nehmen, die sie benötigte. Ein Grinsen schlich sich über ihr blasses Gesicht, vielleicht hatte dieses Arrangement ja doch seine Vorzüge. Ihre Freude fiel allerdings recht kurz aus, sobald sie bemerkte, dass sowohl ihr Hemd als auch ihre Brustbinden blutig waren. Normalerweise bevorzugte sie es eines der beiden Kleidungsstücke während des Waschens am Körper zu behalten, meistens das Hemd, doch dies schien in diesem Fall nicht möglich zu sein. Resigniert zog sie sich also vollkommen aus und schritt ins Wasser. Die Luft war selbst jetzt in der Nacht noch warm, nicht mehr so schwül wie am Tag, sondern einfach nur angenehm warm, und das Gleiche konnte man auch über das Wasser sagen. Es war kühl genug, um die junge Frau im ersten Moment erschaudern zu lassen, aber sobald sie ein paar Schritte weiter vorangeschritten war, stellte sie fest, wie willkommen die Kühle nach solch einem heißen und anstrengenden Tag war. Mit Eleganz beugte sie sich vornüber und neigte ihr Haupt ins Wasser, begann das Blut aus ihrem Haar zu waschen. Das kühle Nass in ihrem Gesicht errötete ihre Wangen und unterstrich so auch ihre Jugend. Nach einigen Minuten und recht zufrieden mit dem Resultat richtete Joséphine sich wieder auf. Kleine Tropfen fielen aus ihrem Haar und liefen ihren Rücken herunter. Nachdem Doktor Scot ihr Haar im vergangenen September kurz nach der Schlacht von Brandywine geschnitten hatte, hatte sie keine Hand mehr daran angelegt und entsprechend war es auch wieder etwas länger geworden – wobei noch nicht einmal annähernd so lang wie vor Brandywine oder gar vor dem Tod ihres Bruders. Doch es war nicht nur das Wasser, das ihren nackten Rücken herunter gleiten spürte.Mit ihren Armen vor der Brust gekreuzt, drehte sie sich ein wenig in Henrys Richtung. Nur ein kleines Stück, so, dass sie ihn gerade eben über die Schulter hinweg ausmachen konnte. „Du hast gesagt du wolltest dich nicht umdrehen“, meinte sie und ihre Stimme verriet weder Empörung noch Gefallen. Joséphine selber empfand weder Empörung noch Gefallen. Henry, den sie nun ja beim Starren erwischt hatte, ließ seinen Blick augenblicklich zu Boden fallen doch auch das verbarg nicht den Umstand, dass er bis zu den Ohrenspitzen hochrot wurde. „Ich habe nicht … also schon, aber … aber … nichts das … verzeih!“, stammelte er und errötete noch weiter, (wenn das denn möglich war) machte aber auch keine Anstalten sich wieder umzudrehen.„Ich war für einen Augenblick nur vollkommen fasziniert. Das ist natürlich keine Entschuldigung für mein Verhalten, ich möchte dir damit nur versichern, dass ich keine unlauteren Absichten hege. Meine Gedanken sind mit mir durchgegangen, ein Moment der Schwäche, sonst nichts“, verlor Henry sich beinahe in seinen Entschuldigungen, bevor Joséphine ihn unterbrach. Ihr war wieder eingefallen, was Henry ihr damals während der Schlacht von Monmouth, als sie seine Wunde an der Stirn versorgt hatte, über Frauen gesagt hatte, die ihn faszinierten. Manchmal verfluchte sie sich im Nachhinein etwas gesagt zu haben und manchmal gratulierte sie sich selber zu ihrem Mut. Doch sie hatte damals nun mal gesagt, was sie gesagt hatte.„Dabei müsstest du nicht einmal für mich bezahlen.“Das war nicht der Anfang gewesen, noch war es das Ende. Es war irgendetwas dazwischen. Es war das Einverständnis den dritten Schritt zu gehen noch bevor man den ersten getan hatte.
Ich habe es glaube ich bereits schon mehrfach erwähnt, aber an dieser Stelle noch einmal: La Fayettes Schwiegervater hielt persönlich sehr wenig von ihm
La Fayettes und Adriennes Beziehung war zwar an sich sehr harmonisch, aber es war auch kompliziert und gerade bei La Fayette kann man während gewissen Lebensabschnitten eine deutliche Verhaltensänderung sehen. Die hier genannte Formulierung habe ich vor einiger Zeit gelesen und fand sie äußerst zutreffend.
Tatsächlich hatte La Fayette gerade in seiner Jugend den Ruf, ein Landei zu sein. Er ist zwar entsprechend seine adeligen Herkunft, aber er kam aus einer vergleichsweise sehr ländlichen Umgebung und war mitunter etwas unbeholfen in seiner Art.
In Frankreich des 18. Jahrhunderts gab es zwei verschiede Arten des Adels. Einmal den „Amtsadel“ (Nobless de robe) und den Geburtsrech- und Schertadel (Nobless d’épée). Die jeweiligen Bezeichnungen beziehen sich auf die Art wie eine Familie oder ein Individuum den Adelstitel erreicht hat bzw. was getan werden muss, um weiterhin einen Adelstitel innezuhaben.
La Fayette hatte viele Vornamen – sechs um genau zu sein – aber „Gilbert“ war sein „Lieblingsvorname“ (ich hätte nie gedacht, dass ich dieses Wort einmal benutzen würde:-)) und auch der Vorname mit dem seine Familie ihn rief. Der Marquis sagte dazu selber: “I was baptized like a Spaniard and with no intention to deny myself the protection of Marie, Paul, Joseph, Roch, and Yves, I have most often called upon St. Gilbert.”
La Fayette hatte während seines Dienstes in Amerika mehrere aide-de-camps. Diese Geschichte wird sich hauptsächlich auf Colombe und Gimant konzentrieren, da diese am längsten in dieser Position gedient haben und wir über sie auch am meisten Informationen haben.
Chambre war La Fayettes Kammerdiener während seiner Zeit in Amerika. An dieser Stelle sollte auch Doktor Jean-Baptiste Elzéar Burel erwähnt sein. Er war nämlich La Fayettes wirklicher Leibarzt.
La Fayette hatte viele Freunde in Washingtons Stab. Seine Freundschaft zu John Laurens und Alexander Hamilton ist, zum Teil auch durch das Musical, bekannt, aber darüber hinaus war er auch sehr eng mit Tench Tilghman befreundet. “(…) with Tighlman and Laurens, I was upon terms the most affectionate, but with Hamilton, my relationships were brotherly.”
Diese Vorschrift hatte damals tatsächlich Doktor Benjamin Rush aufgestellt. Er konnte sich den Grund zwar nicht wirklich erklären, aber er stellte fest, dass Soldaten die dickeres, derberes Leinen trugen, seltener an Malaria erkrankten. Heute wissen wir, dass die Krankheit von Stechmücken übertragen wird.
Obwohl die Bezeichnung „Malaria“ bereits 1706 benutzt wurde, findet man in den meisten Englischen/Amerikanischen Quellen meist die Bezeichnung „Wechselfieber“
Camp-Follower waren für das Überleben der Armee ein wahnsinnig essentieller Part. Anfangs hatte Washington sie verboten, da er sie als störend empfand, doch er musste schnell feststellen, dass die Armee ohne sie nicht funktionieren konnte. Camp-Follower wurden somit zugelassen, aber es gab immer noch
Hebammen waren häufig Frauen die selber viele Kinder hatten und daher auch viel Erfahrung. Es war aber auch ein Beruf, ein Handwerk, was erlernt wurde und so gab es Hebammenschülerinnen, die von erfahrenen Hebammen ausgebildet worden sind. Geburtshilfe war tatsächlich auch die Möglichkeit für Frauen an einer Universität zu studieren. Einige Hebammenschülerinnen durften an einigen Universitäten (hauptsächlich in Europa) an einer beschränkten Anzahl von Kursen teilnehmen, um ihr Handwerk zu erlernen.
----- CHAPTER BREAK -----
Ende Juli 1778
“Freedom is a light for which many men have died in darkness.”
Innschrift auf dem Denkmal des unbekannten Soldaten des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges Friedrich mochte es, sein Tage früh zu beginnen. Der junge Arzt war ein unruhiger Charakter, er konnte nicht lange stillsitzen und auch sein Schlaf wurde regelmäßig von derselben Unruhe gestört. Immer wieder wachte er des Nachts auf, drehte sich von der einen Seite auf die andere ohne wirkliche Erholung zu finden. Zwischendurch schlief er manchmal wieder ein, aber häufig genug studierte er auch die halbe Nacht lang die Beschaffenheit seiner Zimmerdecke. Irgendwann würde er es dann nicht mehr aushalten, aufstehen und eines der Lazarette aufsuchen. Es war alles in einem keine dienliche Angelegenheit, es hinderte ihn nicht daran auf einem Stuhl im Lazarett einzuschlafen oder den gesamten Vormittag ein Gähnen nur mit Mühe unterdrücken zu können. Doch dieser Morgen war anders, an diesem Morgen hatte er ein festes Ziel im Kopf, als er auf das Zelt, welches eines der Lazarette behauste, zusteuerte. Die schlaflose Nacht war dieses Mal nicht auf Friedrichs Unruhe zurück zu führen, sondern die zahllosen Überlegungen, die er angestellt hatte. Friedrich hatte vor an diesem Morgen Doktor Jonathan Boyer einen Freiwilligendienst in der Armee vorzuschlagen – seine Reaktion allerdings konnte der Deutsch-Amerikaner sich nicht wirklich ausmalen. Aber er sollte sich schon ernsthaft darauf einstellen, dass Boyer ablehnen würde. Friedrich selber hätte kein großes Interesse daran gehabt, in der Armee zu bleiben, wenn Zuhause eine Familie auf ihn wartete und er gerade erst seinen Arm verloren hatte.Bei seinem Eintreffen in dem behelfsmäßigen Krankenhaus erkundigte sich Friedrich bei einer der Krankenschwestern nach Boyers Aufenthaltsort und wurde von dieser auch sogleich in die richtige Richtung gewiesen.Boyer lag auf seinem Feldbett mit dem Gesicht zur Wand und dem Rücken zu Friedrich oder jeder anderen sich nähernden Person.„Doktor Boyer?“, fragte Friedrich dann, doch erhielt keine Antwort. Boyer drehte sich nicht einmal herum. Unsicher verlagerte der junge Deutsch-Amerikaner sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Er hatte eine Vorahnung, wie er sein Gegenüber am besten erreichen würde, doch schreckte letztendlich davor zurück nach seiner Intuition zu handeln. Immerhin war er nicht gerade für seine hervorragenden Menschenkenntnisse bekannt – ganz im Gegenteil sogar. Nachdem dann jedoch bestimmt eine ganze Minute in Stille verstrichen war, räusperte Friedrich sich.„Doktor Boyer, mir wurde berichtet, dass Sie soweit genesen sind, dass wir Sie aus dem Krankenhaus entlassen werden können. Ich habe hier Ihre Papiere, die Ihre Entlassung aus der Armee attestieren.“„Legen Sie sie dort hin“, kam es schließlich von Boyer. Seine Stimme war gedämpft von dem Kissen gegen das er sprach und darüber hinaus klang er heiser, ganz so als hätte er in den letzten Tagen und Wochen wenig gesprochen und viel geweint.„Ich lege Ihnen ihren Zeitplan mit dazu, ja? Ich bin gerne früh wach und inspiziere die Hospitäler, eine ähnliche Affinität für den Morgen würde ich von Ihnen auch verlangen, aber keine Sorge, ich werde Sie im Gegenzug dafür am Abend pünktlich entlassen“, erklärte Friedrich, ganz so als sei Boyers Zusage in Bezug auf seinen neuen Posten bereits eine ausgemachte Sache. Auch wenn dem nicht der Fall war, brachte dieses Vorgehen den gewünschten Effekt. Doktor Boyer drehte sich herum und blickte Friedrich mit einem verständnislosen Blick an. Friedrich fielen nun auch die eingefallen Wangen und der erschöpften Blick in den Augen seines Kollegens auf.„Bitte?“, fragte dieser dann auch.„Ihren Zeitplan. Ich möchte Sie gerne als meinen Assistenten einstellen“, erwiderte Friedrich nüchtern.„Es besteht kein Grund mich zu verhöhnen Doktor Deegen“, konterte Boyer erbost und die Wut war ganz deutlich zu hören, als der Arzt durch zusammengebissene Zähne sprach.„Glauben Sie mir Doktor Boyer, ich habe kein Bedürfnis sie zu verhöhnen und ich müsste auch nicht zu solchen Längen gehen, um Sie zu verhöhnen, wenn ich es wirklich wollen würde“, antwortete Friedrich, immer noch ruhig und kontrolliert. Boyer schnappte nach Luft, um zu kontern, als Friedrich ihm zuvor kam.„Ich habe Ihr Regimentsjournal gelesen, habe mir Ihre Statistik angesehen und muss sagen, dass ich mehr als nur beeindruckt bin. Können Sie solche Ergebnisse reproduzieren, nicht nur für die paar Männer die ein Regiment ausmachen sondern für eine ganze Division?“, wollte Friedrich wissen. Für einen Moment hing die Frage in der Luft, ganz so als wäre Boyer von der Frage überrumpelt worden. Doch als er dann schließlich antwortete, tat er das mit mehr Selbstvertrauen in der Stimme als Friedrich solch einem gebrochenen und wütenden Mann zugetraut hätte. „Ja. Ja, das kann ich!“„Dann nehmen Sie den Posten an?“, vergewisserte Friedrich sich und war dann einmal mehr von Boyers Antwort verwundert.„Nein. Nein, ich werde den Posten nicht annehmen. Ich habe eine Familie zu versorgen und da Sie mir mit dem Angebot, welches ich zu schätzen weiß, auch meine Entlassungspapiere überreicht haben, kann ich nur davon ausgehen, dass die Position die Sie mir anbieten die eines Freiwilligen ist.“„Diese Annahme ist korrekt. Sie werden dennoch einen Sold erhalten, dafür habe ich mich eingesetzt.“ Kaum hatte Friedrich ausgesprochen, da verfinsterte sich Boyers Blick erneut und der Deutsch-Amerikaner begann sich zu fragen, was er denn dieses Mal Falsches gesagt hatte.„Ich will keine Almosen.“Friedrich nickte, auch wenn Boyer sich zu sträuben schien, hatte er das Gefühl, dass er eigentlich doch gerne annehmen wollte. Er wusste nicht, wann er die Grenze zwischen Anbieten und Drängen überschreiten würde, aber noch war es nicht so weit - und noch war Friedrich noch nicht bereit aufzugeben.„Glauben Sie mir Doktor Boyer, Sie werden für Ihren Sold arbeiten müssen, Sie werden feststellen, dass ich anspruchsvoll bin und am Ende des Monats werden Sie sich wünschen, man würde Ihnen mehr bezahlen.“„Nein. Nein!“„Warum nicht?“Boyer schloss für einen Moment die Augen und als er sie wieder öffnete, lag in ihnen ein Blick dem man vielleicht einem Kind gegeben hätte, das besonders schwer von Begriff war, mit dem man es aber eigentlich gut meinte. „Doktor Deegen, ich bin mir Ihres guten Willens bewusst, aber ich fürchte Sie zwingen mich, es auszubuchstabieren. Ich habe nur noch einen Arm, ich bin ein Krüppel. Nehmen wir an, dass ich lernen kann einige medizinische Verfahren an meine … jetzigen Umstände anzupassen, lassen wir ebenfalls außer Acht, dass ich dennoch einige Verfahren nie wieder durchführen kann - was denken Sie was für ein Arzt bin ich dann noch? Bestimmt kein guter. Denken Sie wirklich man wird mir den Respekt und das Vertrauen entgegen bringen, das man einem anderen Arzt entgegenbringt? Einem Krüppel.“ Boyer hatte sich aufgesetzt während er gesprochen hatte und Friedrich konnte sehen, wie die Unterlippe seines Zunftgenossen vor kaum zurückgehaltenen Gefühlen zitterte.„Ich habe nie gesagt, dass es einfach werden würde. Aber ich denke, dass Sie den Charakter haben, dagegen anzukämpfen, belehren Sie die Leute eines Besseren, gehen Sie mit gutem Beispiel voran, seien Sie ein Pionier, machen Sie aus der Not eine Tugend.“„Aus der Not eine Tugend machen? Mein Gott, Sir, so etwas kann nur von einem Mann kommen, der keine Ahnung von wirklicher Not hat. Was fällt Ihnen ein mir zu sagen, wie ich mich zu verhalten habe? Sie wissen nicht einmal im Geringsten, was für Hindernisse sich mir in den Weg stellen“, brach es aus Boyer heraus und dieses Mal war seine Stimme lauter als zuvor, er war nicht mehr daran interessiert, sich zurück zu halten. Eine Krankenschwester kam, durch den Lärm angezogen, herbei geeilt, doch Friedrich gab ihr mit einer Geste zu verstehen, dass er die Situation unter Kontrolle hatte. Während er dies tat, spürte er, wie sich heiße Tränen in seinen Augen sammelten. Es war keine bewusste Reaktion, einfach nur etwas das passierte. Boyers letzten Worte hatten ihn hart getroffen. Richtig wär es gewesen, sich von Boyer zu verabschieden und dann seine Seite zu verlassen, doch in diesem Moment scherte es Friedrich nicht, was richtig war, nicht wenn Joséphine James Atem auf ihrer Haut spüren konnte, als er ihr Hass ins Ohr flüsterte.„Ich sehe ich verschwende meine Zeit mit Ihnen Doktor Boyer. Ich akzeptiere Ihre Ablehnung und werde Sie nicht mehr weiter behelligen. Eine Sache nur noch, wagen Sie es nicht mir zu sagen, dass ich keine Not kenne, Sie haben keine Ahnung von meinem Leben, also haben Sie auch kein Recht solche Urteile zu fällen. Ich habe mehr Hindernisse überwunden, als Sie sich vorstellen können und wenn ich ehrlich mit Ihnen bin, dann habe ich wahrscheinlich mehr Hindernisse überwunden, als Sie es je werden müssen“. Friedrich wurde nicht laut als er sprach, seine Stimme war nur gänzlich tonlos, fast schon gespenstisch. Sobald er geendet hatte, hatte er sich umgedreht, um den Rückweg anzutreten, ohne die Absicht noch einmal zurück zu blicken. Er fühlte sich ein wenig selbstgerecht. Doch Plötzlich ertönte Boyers Stimme hinter ihm. Leise, verletzlich, wie die Stimme eines verängstigten Kindes.„Würden Sie zu mir halten? Mich verteidigen, wenn es dazu kommen würde?“Friedrich drehte sich langsam wieder herum, selbst die kleinste Bewegung seiner Muskeln war bedacht. Sobald er wieder Angesicht zu Angesicht mit Boyer war, nahm er sich einem Moment, um seinem Gegenüber tief in die Augen zu blicken. Boyer hatte sich nun vollkommen aufgerichtet und die Decke zurückgezogen, die Beine über die Bettkante geschwungen. Sein linker Hemdsärmel hing leer und schlaff und traurig an seiner Körperseite herunter.„Machen Sie Ihre Arbeit und machen Sie sie gut und ich werde Ihnen versprechen, dass niemand Kritik an Ihnen äußern wird.“Friedrich wusste zu Beginn nicht, ob er vielleicht einen Fehler gemacht hatte. Boyer war ihm als ein gebrochener, von seinem Gefühlen gesteuerter Mann erschienen und der junge Arzt fragte sich, ob dieser Umstand vielleicht seine weitere Arbeit als Arzt erschweren könnte, nicht seine körperliche Beeinträchtigung. Doch es schien Boyers ausgemachtes Ziel zu sein, Friedrich Mal um Mal zu verwundern und zum Staunen zu bringen. Sobald Boyer sich angezogen, rasiert und das Krankenhaus verlassen hatte, schien er wie ausgewechselt zu sein. Es war für Joséphine nicht schwer zu erkennen, dass ein großer Teil seiner neuen Lebensfreude und Gelassenheit gespielt war, eine Maske die er geschickt aufgetragen hatte, aber in den dunkleren Stunden konnte sie Schatten über das Gesicht ihres Kollegen wandern sehen, doch Boyer arbeitete an sich, er brauchte eben Zeit und Friedrich hielt ihm den Rücken frei, sich nicht nur diese Zeit zu nehmen, sondern auch sonst seine Arbeit als Arzt wieder auszuführen. Wie bereits vermutet musste Boyer viele Dinge neu lernen, musste lernen sie anders zu machen, als er sie bisher machen konnte. Die restlichen Ärzte kommentierten die Verletzung ihres neuen Kollegen nicht, zumindest nicht öffentlich und frei heraus, Friedrich hatte alle ihm unterstellten Ärzte wunderbar unter Kontrolle.Boyer hingegen musste lernen Hilfe anzunehmen, etwas, was er nicht sonderlich gerne tat, stellte er fest. Eigentlich simple Dinge wie sich zu rasieren wurden in den ersten Wochen zu einer Herausforderung, von seinen Pflichten und Aufgaben als Arzt einmal ganz abgesehen. Doktor Deegen bot ihm immer wieder seine Hilfe an und dabei hatte er so eine angenehme Art, die richtigen Dinge zu tun ohne zu Fragen, damit Boyer nicht seine Hilflosigkeit eingestehen musste. Er hatte eine angenehme Art hinzusehen wenn er gebraucht wurde und wegzusehen wenn Boyer etwas zu viel wurde. Generell hatte Friedrich eine angenehme Art stellte Boyer fest und obwohl ihres anfänglich schlechten Startes, entwickelte sich bald eine warme Freundschaft zwischen ihnen beiden. Sie entwickelte sich größtenteils in den späten Abendstunden wenn er mit Deegen zusammen saß, um unkonventionelle Methoden zu besprechen, mit denen man die Soldaten am Leben und gesund halten konnte. Da er sich aufgrund seines Sonderstatus eh nicht in der direkten Kommandohierarchie befand, nahm er sich dann auch bald die Freiheit heraus Doktor Deegen beim Vornamen zu nennen und ohne einen Wimpernschlag der Überlegung tat Doktor Deegen es ihm nach - begann ihn dann sogar bei seinem Spitznamen, Jonny, zu rufen.Doch Friedrichs neuer Kollege war nicht die einzige Neuerung in Joséphines Leben. Henry brauchte nicht einmal eine Nacht, bevor er verstand, warum man nur mit der Person intim werden sollte, die man zuvor geehelicht hatte. Die Regularien der Kirche und die Moralvorstellungen der Gesellschaft waren die eine Sache, doch wann immer ihm als Kind, als junger Mann eingebläut wurde, wie er sich zu verhalten hatte, war ein entschiedenes Detail weggelassen worden. Die Person mit der man den Bund der Ehe eingegangen war, hatte man sich vertraut gemacht. Es war keine geistige Vertrautheit, nicht zwangsläufig. Zwei Menschen, die einander praktisch vollkommen fremd waren, wurde einander durch die Ehe ebenso vertraut, wie alte Kindheitsfreunde. Das Wort „Vertrautheit“ suggeriert Gefühle, suggerierte Intimität, doch dieses Gefühl war falsch. Die Vertrautheit die man zu Beginn der Ehe erlangt, war vielmehr gleichzusetzen mit Sicherheit. War der Bund geschlossen, dann hatte das Zusammensein Bestätigung erfahren. Nicht zwangsläufig die Bestätigung eines Herzens, aber die des Gesetzes, die der Kirche, die der Gesellschaft. War eine Ehe geschlossen, so wurden gewisse Erwartungen an ein Paar gestellt, einen eigenen Haushalt zu etablieren zum Beispiel, oder eine Familie zu gründen.Mit Joséphine gab es diese Vertrautheit nicht. Es gab keine Sicherheit. Niemand erwartete von ihnen beiden eine Familie zu gründen - ganz im Gegenteil, ein Kind außerhalb der Ehe wäre eine große Scham, noch wurde erwartet, dass sie einen gemeinsamen Haushalt etablieren würden. Erneut das vollkommene Gegenteile, Joséphine war niemand, den man zur Frau nahm, niemand mit dem man sesshaft wurde. Es gab dieses Vertrauen nicht, dass eigentlich kein Vertrauen war, es gab keine Sicherheit, keine Erlaubnis. Es gab einzige sie beide, wie sie auf Heinrichs Feldbett lagen. Doch genau das machte den gesamten Reiz ihrer Zweisamkeit aus.Die Nacht war schon vorgedrungen und beide lagen dort, nebeneinander, aufeinander, ineinander verschlungen, immer mit dem Bedenken, dass einer von Henrichs Offizierskollegen in das gemeinsame Zelt kommen könnte. Doch gerade diese Furcht, dieses Risiko machte den Reiz aus. Joséphine strahlte ein Feuer aus, das unvergleichbar war. Sie war ein wunderbares Wesen, wenn sie dort lag, wie ihr Gott sie geschaffen hatte. Auf Henry wirkte sie so eigenartig real. Vorher war sie immer nur ein Konzept gewesen, eine Art von Frau, die ihn faszinierte. Doch hier, auf den Laken neben ihm, da war sie mehr als ein Konzept. Sie war ein realer, lebender, atmender Mensch, der Henry über alle Maße hinaus verzaubert hatte. Verzaubert zu sein, war nicht damit gleichzusetzen, verliebt zu sein. Henry hatte keine Intention sich in Joséphine zu verlieben und zwar aus zweierlei Gründen. Zum einen war Joséphine nicht die Art von Frau, in die man sich verliebte. Wie konnte man sich in eine Frau verlieben, mit der man sich keine gemeinsame Zukunft vorstellen konnte? Sich in Joséphine zu verlieben war gleichzusetzen damit sich in eine Idee, ein Abenteuer, ein Gefühl, eine unnahbare antike Statur zu verlieben. Zum anderen war es schwer sich in jemanden zu verlieben, den man praktisch nicht kannte.Joséphine brauchte nicht einmal eine Nacht, bevor sie verstand, warum man nur mit der Person intim werden sollte, die man zuvor geehelicht hatte. Den Mann, den man geheiratet hatte, dem war man treu. Es gab keinen Mann davor, keinen Mann daneben und nur für eine Witwe gab es die Möglichkeit auf einen Mann danach. Der Mann selber hatte allgemein mehr Freiheiten, auch wenn an ihn im Prinzip die gleichen Ansprüche wie an sie gestellt wurden. Joséphine verstand erst in ihrer ersten Nacht mit Henry wie leicht Tugend und Treue einen doch zum Verstummen bringen konnten. Joséphine kannte nur James und wie konnte sie da wissen, ob er gut zu ihr war? Wie konnte sie wissen, ob jeder Mann sich so verhielt? James Augen hatten immer mit einer unbändigen Leidenschaft gefunkelt, eine Leidenschaft, die Joséphine nie in sich finden konnte. Aber zwischen den beiden hatte sich bald ein gewisser Rhythmus eingespielt und die junge Frau hatte sich während der ganzen Prozedur nur immer wieder gefragt, wie ihre Eltern am Beischlaf genügend Freude gefunden hatten, um elf Kinder zu zeugen.Die Antwort auf diese Frage kam ihr erst mit Henry. Die beiden waren an diesem ersten Abend nicht intim geworden, aber beide wussten, dass es ab diesem Abend nur noch eine Frage der Zeit war. Wo sich in Henry immer mehr Begehren anstaute, da sah sich Joséphine gegen etwas anderes ankämpfen. Sie wollte Henry nahe sein, näher als es außerhalb des Bettes möglich gewesen wäre, und seine Haut spüren, von ihm gehalten werden. Sie wollte seine Nähe, seine Hingabe, seine Zuneigung, selbst wenn diese nicht über rein körperliche Zuwendungen hinausgehen würde. Hätte James noch gelebt, sie hätte diesen Drang weiter unterdrückt – sie war keine Ehebrecherin. Doch nun da ihr Ehemann verstorben und sie zur Witwe geworden war, ertappte sie sich, wie sie gewissen Gedanken nachjagte. Wäre es denn wirklich so falsch? Sie malte sich die Nächte mit Henry aus, schon lange bevor es dazu kam. Seine Hände auf ihren Schenkeln, wenn er ihr Hemd hochschob, seine Körperwärme, die auf sie abstrahlte wie ein Lagerfeuer in kalter Nacht, seine Beine, die ihre streiften. Ein Schauer fuhr ihr über den Rücken und sie fühlte sich im gleichen Maße erregt wie angeekelt.Sie wäre Henry eine gute Gefährtin, hielt sie gedanklich fest ohne zu wissen, welche Seite ihres gespaltenen Gewissens von diesem Argument profitierte. Dennoch war der Gedanke an sich wahr. Für all die Zeit ihres Zusammenlebens war Joséphine James immer eine gute Ehefrau gewesen. Sie hatte sich ihm nie verwehrt, selbst wenn sie es gerne getan hätte. Früh hatte sie gelernt, dass es besser war, James nicht zu verärgern. Folglich hatte Joséphine meist nur still dagelegen und versucht ihre eigenen kleinen Freuden zu finden. Nicht das ihre Freude wirklich wichtig war, als gute Ehefrau hatte sie eine Pflicht gegenüber ihrem Mann und Kinder zeugten sich nun einmal auch nicht von alleine. Wie gerne sie doch Kinder gehabt hätte …Im Ganzen präsentierte sich Joséphine die Sachlage wie folgt: Henry begehrte sie und sie begehrte Henry. Zwar war sein Begehren ein anderes als ihres, aber dennoch könnte sie in seiner bloßen Nähe, in dem bloßen Kontakt wohl genug Freude finden, um auch sein Begehren zu befriedigen. Zumindest dachte sie so …An dem Abend dann, diesem verhängnisvollem Abend gut zwei Wochen nach ihrer stummen Bekundung an der Wasserstelle, wusste Joséphine nicht mehr, was sie denken sollte. Sie war durch Zufall Henry begegnet und hatte eigentlich noch zu viel Arbeit zu tun gehabt, als dass sie eine Ablenkung hätte tolerieren dürfen. Doch dann waren da die leuchtenden Augen des jungen Virginiers und sie wusste, dass in ihren Augen ein ähnlicher Ausdruck war. Keiner hatte etwas gesagt und dennoch hatten sie beide verstanden.Henrys Zelt war leer, als er Joséphine mehr oder weniger durch den Eingang stieß, seine Finger waren getrieben von einer unmenschlichen Eile, die nur Verlangen hervorrufen konnte, als er hektisch seine Weste aufknüpfte. „Meine beiden Kameraden drehen noch ihre Runden, wir haben mindestens eine halbe Stunde“, flüsterte Henry und seine Stimme zitterte vor schlecht verschleierter Lust. Joséphine hätte aufschreien können, so sehr spannte sie dieses kurze, vage definierte Zeitfenster an. War sie jedoch ehrlich mit sich, so befriedigte die Angst entdeckt zu werden ein dunkles, perfides und geradezu selbstzerstörerisches Verlangen in ihr. Henrys Bett, mehr eine Ansammlungen aus Decken als ein Bett, war eng bemessen, doch das war kein Hindernis. Joséphines und Henrys Körper passten zueinander als hätte irgendeine höhere Macht sie einzig für diesen Zweck geschaffen. Joséphine war sogar kurz davor zu sagen, dass sie Gefallen gefunden hatte, doch dann tat Henry etwas mit ihr.Die junge Frau wusste nicht was Henry tat, er tat ihr nicht weh, aber es erschreckte sie dennoch. Sie hatte plötzlich das Gefühl, dass ihr ganzer Körper in Flammen stand, als würde sich jeder Muskel in ihrem Körper zusammen ziehen und im selben Moment entspannen. Ein Kribbeln begann sich in ihr breit zu machen, es ging von Joséphines Mitte aus und pulsierte wie eine Schockwelle durch ihren ganzen Körper. Ein Stöhnen entwich ihren Lippen als sie es nicht mehr aushalten konnte. Was war das nur für ein verwirrendes Gefühl? In ihrer Unsicherheit, in ihrer Überraschung stieß sie Henry mit beiden Händen von sich fort. Was hatte er getan? Wie ein kleines Mädchen zog sie die Beine an ihren Körper und sehnte sich inständig nach einer Decke, einem Hemd, irgendetwas um sich zu bedecken. In dem Moment wo die Magie, die Anziehung zwischen ihnen gebrochen war, fühlte sie sich plötzlich so unendlich entblößt und schmutzig. Sie schämte sich, hier in dem Bett eines fremden Mannes zu liegen und mit ihm solche unsittlichen Dinge getan zu haben. Sie war nicht solch ein Mädchen. Zumindest war sie es nicht immer gewesen. Gott, was war nur aus ihr geworden, wie weit war sie nur vom rechten Weg abgekommen?In ihrem Unglück bedeckte sie mit ihren Händen ihr Gesicht, alles was sie sah machte sie nur noch unglücklicher. Erst als sie merkte, wie ihr jemand die ersehnte Decke über die Schultern legte, ließ sie ihre Hände wieder sinken. Henry war an das äußerste Ende des Lakens gerückt, hatte Abstand zwischen ihnen geschaffen, und sah sie mit großen Augen an. Für einen Moment hatte Joséphine Sorge, er könnte böse mit ihr sein, weil sie ihn zurück gewiesen hatte. Doch seine Worte zerstreuten schnell solche Befürchtungen.„Du bist noch Jungfrau“, stellte der junge Virginier mehr fest als das er fragte. Joséphines Kopf schoss in die Höhe. Henrys Annahme war ganz offensichtlich falsch und sie hatte schon halb den Mund geöffnet, um ihn zu korrigieren, da schloss sie ihn wieder. Sie wollte, dass Henry gut von ihr dachte, sie wollte James keinen Raum zwischen ihnen beiden geben. Deshalb nickte sie nur langsam. Es war eine Lüge und zu Lügen war eine Sünde, doch Joséphine hatte bereits genug Lügen erzählt, auch Henry, um sich über diese eine spezielle Lüge noch Sorgen zu machen.„Warum hast du das nicht gesagt? Ich wäre vorsichtiger gewesen, hätte mir mehr Zeit gelassen. Ich habe dir doch so bestimmt weh getan“, fragte Henry und nun war es Joséphine ihn mit großen Augen anzustarren. James hatte nie, aber auch wirklich gar nie einen Gedanken daran verschwendet, ob er ihr wehtun könnte.Da Joséphine ihm nicht antwortete, erhob Henry sich und begann sich anzuziehen. Erst diese Geste riss die junge Frau aus ihrer Starre und sie griff Henry am Arm. „Geh nicht“, bat sie und wusste auch nicht, was in sie gefahren war.„Wir holen das hier bald nach. Aber richtig dieses Mal, mit mehr Vorsicht, das verspreche ich dir, ich möchte dir nicht wehtun. Außerdem sollten wir uns eh beeilen, meine Kameraden könnten jeden Augenblick zurückkehren.“ Nun, das war ein schlagkräftiges Argument.Henry hielt sein Wort und sie kamen nicht nur ein zweites Mal zusammen, er war auch äußerst vorsichtig, positionierte sich unter Joséphine und gab jegliche Kontrolle an sie ab, er sprach sanft und sagte ihr, was er tun würde.
20. Juli 1778
„Not …. a German or the son of a German”
Nach zunehmenden Verlusten auf dem Schlachtfeld musste das German Regiment schließlich von seinen ethnischen Einstellungskriterien ansehen. Friedrich hatte Doktor Ludwick Wurtenberger zahllose Patienten behandeln sehen, er hatte ihn gesehen, wie er Tode festgestellt hatte, er hatte ihn während und unmittelbar nach Schlachten erlebt. Was er nie gesehen hatte, war, dass Wurtenberger weinte. Friedrichs ehemaliger Regimentskamerad war ein barscher Mann, der zwar einen sehr weichen Kern hatte, sich dies aber meist nicht anmerken ließ. Ihn weinen zu sehen, wäre Friedrich vollkommen unnatürlich vorgekommen, gegen jede Natur. Doch nun standen sie hier zusammen und Wurtenberger weinte nicht nur, nein, er schluchzte regelrecht. Sein Kopf war gegen Friedrichs Schulter gepresst und seine beiden Hände hatte er zur Fäuste geballt in Friedrichs Mantelstoff vergraben. Ludwick erinnerte Friedrich an seinen Père unmittelbar nach dem Tod seiner Frau. Gebrochen von der Trauer, gebrochen von dem Gefühl versagt zu haben. Versagt darin einen geliebten Menschen zu retten und gebrochen von den Schuldgefühlen. Bei seinem Père waren es die Schuldgefühle der Vaters des Kindes zu sein, dessen Geburt seine Frau umgebracht hat. Bei Ludwick waren es die Schuldgefühle eines Arztes der seinen Kameraden nicht retten konnte. Friedrich kannte dieses zweite Gefühl, es war höllisch. Wie ein Feuer loderte es als Frage in der hintersten Ecke des Verstandes. Hätte man nicht mehr tun können? Warum hatte man nicht mehr tun können? Hätten andere Ärzte vielleicht mehr tun können? Hätte irgendjemand mehr tun können? Es war ein Feuer das abwechselnd Zweifel, Wut, Trauer und Hass anfachte. Ein schwer zu brechender Zirkel, wenn man sich diesem erst einmal vollkommen hingegeben hatte. Doch Wurtenberger war ein erfahrener Arzt, er trauerte um einen gefallenen Kollegen, doch ganz egal wie niedergeschlagen er momentan auch erschien, er würde sich am Ende wieder fangen, er würde wieder er selbst werden. Doch das brauchte Zeit und Friedrich hoffte nur inständig, dass Wurtenberger sich diese Zeit zugestand.Der Regimentskaplan Henry Mueller trat von hinten an die beiden heran und zog Wurtenberger von Friedrich fort, sprach mit etwas Abstand in gedämpfter Stimme zu dem trauernden Arzt. An seine Stelle trat der Quartiermeister Jacob Raybold, der Friedrich von hinten eine Hand auf die Schulter legte. „Ich freue mich wirklich, dich einmal wieder zu sehen Friedrich, aber ich hatte mir erhofft, dich unter glücklicheren Umständen zu treffen“, meinte Raybold dann schließlich nach langem Schweigen. Friedrich nickt resigniert, auch er hatte sich nicht vorgestellt, seine ehemaligen Kameraden auf einer Beerdigung wiederzusehen. Doch hier standen sie nun, auf dem Lutheran Cementary in Lancaster, Pennsylvania, wo ebengerade Eberhard Michael, der ehemalige Zahlmeister des Deutschen Regiments zu seiner letzten Ruhe geleitet worden war1. Allein schon diese Worte zu denken, kam Friedrich unwirklich vor. In seinen Erinnerungen war Michael noch so unendlich lebendig. Er konnte sich an angeregte Diskussionen, lange Nächte und angenehmes Schweigen erinnern, an den Tannenbaum, den sie gefällt hatten.„Drei Buben und zwei Mädchen, nicht?“, fragte der junge Arzt.„Seine Kinder meinst du? Ja, genau, zwei Buben und drei Mädchen. Gott, die Armen, ohne Vater aufwachsen zu müssen, und Magdalena2 erst“, antwortete Raybold und in seiner sonst so kecken und beschwingten Stimme schwang ehrliches Beileid mit.„Aber ich finde es schön, dass wir noch einmal alle zusammen gekommen sind. Das ist das mindeste was wir hätten tun können“, ergänzte Raybold sich selber.Bei seinen Worten musste Friedrich ganz plötzlich stutzen. Wo war eigentlich Louis? Der junge Arzt konnte sich das Fernbleiben seines Freundes nicht wirklich erklären.„Wo ist Louis?“, fragte er daher.„Wie, Wo ist Louis?“, echote Raybold und klang dabei ehrlich verwirrt.„Na ja, warum ist er nicht hier und wo genau ist er momentan, wenn er nicht hier ist?“„Versuchst du zu scherzen, oder weißt du es wirklich nicht, Friedrich?“„Was weiß ich nicht?“, versicherte Friedrich und seine Kehle wurde enger. Fürwahr, er hasste es, solche Fragen stellen zu müssen.„Louis ist nach Preußen zurückgekehrt. Im Juni hat er Amerika verlassen3 … aber nein, es ist unmöglich, dass er sich nicht von dir verabschiedet hat, geschweige denn dir überhaupt von seiner Heimreise erzählt hat. Vollkommen ausgeschlossen … ihr beide habt euch doch immer so nahe gestanden. Du scherzt mit mir“, meinte Raybold und klang dabei empört genug, als dass Friedrich sich gezwungen sah, seinen ehemaligen Kameraden am Arm zu packen und ihm mitten in die Augen zu sehen.„Ich erlaube mir keinen Scherz mit dir Jacob. Ich hatte wirklich keine Ahnung, dass Louis nach Preußen zurückkehren würde. Ich meine, dass er nicht für ewig in Amerika bleiben würde, war mir schon klar, aber ….“, an dieser Stelle verlor sich der junge Arzt selber in Gedanken. Warum hatte Louis nichts gesagt? Warum nur nicht? Hatten die beiden sich gestritten, ohne dass Friedrich es mitbekommen hatte? Hatte er vielleicht etwas gesagt oder getan, dass Louis verletzt hatte? Beide Szenarien erschienen sehr unwahrscheinlich in den Augen des Deutsch-Amerikaners. Fieberhaft versuchte er sich an das letzte Treffen von sich und Louis zu erinnern. Das war wenige Tage nach der Schlacht von Monmouth gewesen. Damals hatte Louis Friedrich eröffnet, dass …. James verstorben sei. Die Erinnerungen, die mit diesen simplen Worten verbunden waren, brachten Joséphine noch immer ins Wanken. An dem Abend dann war er zusammengebrochen und im Allgemeinen waren seine Erinnerungen an dieses letzte Treffen recht vage. Hatte Louis sich anders verhalten?Friedrichs Ratlosigkeit musste sich deutlich auf seinem Gesicht widergespiegelt haben, denn Raybolds Tonfall war nun ein anderer als er sprach. „Das tut mir wirklich leid Friedrich, ich war fest davon ausgegangen, dass Louis mit dir gesprochen hätte.“„Das hätte ich auch gedacht.“„Ich möchte dir ja nicht zu nahetreten, aber habt ihr euch gestritten oder etwas der Gleichen? Es sieht Louis nur einfach so überhaupt nicht ähnlich“, bohrte Jacob weiter.Friedrich verneinte nur stumm. Er fühlte sich wie vor den Kopf gestoßen. Louis war für immer seiner engsten Freunde gewesen, aber das nun …„Vielleicht hat er es einfach nicht über das Herz gebracht sich von dir zu verabschieden“, schlug Raybold dann vor, ganz so als fühlte er sich gezwungen eine plausible Erklärung zu finden, nachdem er nun auch dieses unangenehme Thema aufgebracht hatte.„Das halte ich für höchst unwahrscheinlich“, meinte Friedrich und legte seine Stirn in Falten. Raybold neben ihm pflichtete ihm nur stumm bei. Louis Verhalten, die ganze Situation beschäftigten ihn noch lange über das Wiedersehen mit seinen ehemaligen Kollegen hinaus.
24. Oktober 1778
“1778 IN CONGRESS OCTOBER 21st RESOLVED, -- That the Marquis de Lafayette, Major General in the service of the United States,, have leave to go to France and that he return at such time as shall be most convenient to him.”
Auszug aus der Resolution des Kontinental Kongresses, Friedrich konnte sich vor Lachen kaum noch halten. Er saß im Hauptquartier des Baron von Steuben am Esstisch, wie so häufig in den letzten Wochen und Monaten, und im Laufe des Abends war das Thema „Zungenbrecher“ aufgekommen. Pierre-Étienne du Ponceau, das Sprachtalent das er war, hatte sich tatsächlich ganz beträchtlich geschlagen, aber Benjamin Walkers Versuche einen bekannten deutsche Zungenbrecher zu rezitieren, waren einfach nur absurd gewesen.„Das ist kein Wort. Nie und nimmer ist das ein gescheites Wort in einer zivilisierten Sprache“, gab Walker schließlich frustriet auf und ließ sich gegen die Lehne seines Stuhles fallen. Der Baron lachte schallend auf und auch die restlichen Gäste schienen reichlich amüsiert. Walker, die gute Seele, die er war, störte sich nicht daran, dass alle Anwesenden sich auf seine Kosten amüsierten. Ganz im Gegenteil, er stimmte fröhlich mit ein. Sobald das allgemeine Gelächter sich wieder gelegt hatte, wandte Walker sich an Friedrich.„Dass du über mich lachst Friedrich, du bist nicht besser“, warf der Aide-de-camp ein. Der Angesprochene schüttelte amüsiert den Kopf. „Oh Walker, ich möchte doch behaupten, dass mir deutsche Zungenbrecher ganz leicht von der Zunge gehen“, konterte Friedrich und schmunzelte.„Deutsche Zungenbrecher vielleicht, aber wie war noch gleich der Name dieser süßen kleinen Hunderasse über die wir und letztens noch unterhalten haben? Chihuahua4?“„Nein, Walker, der Name kommt mir nicht noch einmal über die Lippen“, warnte Friedrich und sein Schmunzeln wurde nur noch breiter.Nachdem der Essenstisch abgeräumt war, spaltete die Gesellschaft sich auf. Die meisten der Gäste, der Baron eingeschlossen, zogen sich zu Brandy und Pfeife zurück, während Walker und Friedrich sich im Salon um das Schachbrett scharrten, um ihre obligatorische Partie zu spielen. Du Ponceau hatte sich anfangs in sein Quartier zurückgezogen, nur um wenig später mit einigen Blättern in der Hand wieder zum Vorscheine zu kommen und sich schließlich neben Friedrich auf das Sofa zu setzten - nicht ohne sich dabei an Friedrich als Stütze anzulehnen. Man verbrachte die Dreisamkeit in Schweigen, so lang bis Friedrich sich schließlich zu Wort meldete.„Ich denke dieses Mal gewinne ich“, verkündete der junge Arzt glücklich.„Das bezweifle ich ganz stark“, meinte du Ponceau trocken ohne dabei von seinen Papieren aufzublicken.„Vielen Dank für dein ungebrochenes Vertrauen in mich“, erwiderte Friedrich mit gespielter Enttäuschung. „Was liest du da eigentlich, du weißt schon, dass man seinen Feierabend auch als solchen verbringen darf.“„Oh, das ist keine Arbeit, das ist eine chinesische Ballade5“, korrigierte du Ponceau und blickte zu Friedrich auf.„Chinesisch“, echote dieser stumpf.„Ja, ich versuche mein Verständnis für die asiatischen Sprachen zu erweitern.“„Aha“, machte Friedrich nur.„Was soll das denn nun heißen?“, fragte du Ponceau und drehte sich halb zu Friedrich herum.„Das soll heißen, dass ich vollkommen fasziniert davon bin, dass du freiwillig eine neue Sprache lernst. Ich hätte dafür nicht die Muße und bestimmt auch nicht das Können.“„Kommt von der Person, die seit frühester Kindheit fließend drei Sprachen spricht“, kommentierte Walker trocken und setzte eine Figur auf dem Schachbrett um.„Ich bin wirklich nicht gut mit Sprachen und der Umstand, dass ich drei Sprachen sprechen kann, ist einzig meiner Umgebung geschuldet. Dabei hört man auch ganz deutlich, dass mein Französisch mit Abstand am schlechtesten ist. Meine Grammatik ist mitunter grausig. Ich weiß noch, als ich für mein Studium Latein gelernt habe, dass ich die Prüfungen damals bestanden habe, wundert mich immer noch“, erklärte der junge Arzt und konzentrierte sich wieder auf das Spielbrett vor ihm.„So viel übrigens zu dem Thema ‚dies Mal gewinne ich‘ Friedrich“, merkte Walker nach seinem nächsten Zug an.Auf seine bevorstehende Niederlage angesprochen, weiteten sich Friedrichs Augen in Frustration. „Nein Walker, nein, bitte nicht schon wieder.“ Der angesprochene Aide-de-camp lachte mit Schadenfreude auf und Friedrich ließ sich resigniert auf dem Sofa nach hinten fallen, die Arme vor der Brust verschränkt.„Ich würde dir eine zweite Chance geben Friedrich, aber um ehrlich zu sein siehst du aus, als ob du im Stehen einschlafen könntest.“Ganz so als würde Friedrich den Punkt seines Freundes unterstreichen wollen, gähnte er herzhaft. „Eigentlich wollte ich dir gerade widersprechen, aber du scheinst Recht zu haben, ich bin wirklich hundemüde“, gestand der junge Arzt ein und reckte die Arme in die Höhe, wobei sein Rücken geräuschvoll knackte und er beinahe du Ponceau mit dem Elenbogen am Kopf getroffen hätte. Der junge Sekretär schien dies jedoch nicht wirklich bemerkt zu haben und nahm nur begierig den frei gewordenen Platz ein, nachdem Friedrich sich erhoben hatte. „Weiß jemand wo ich meinen Mantel hingehängt habe?“, fragte dieser.Walker drehte sich einmal auf seinem Platz herum und zeigte dann auf eine kleine Garderobe mit Kleiderhaken im vorderen Teil des Raumes, gleich neben der Tür. „Da, das müsste deiner sein“, kommentierte er seine Geste. Sein Blick blieb an dem jungen Arzt hängen, als dieser in Richtung der Garderobe schritt.„Hast du zugenommen?“, fragte Walker und kniff die Augen etwas weiter zusammen. Friedrich blieb unvermittelt stehen und drehte sich wieder zu Walker herum. „Wie bitte?“„Hier werden wir gerade Zeuge einer Meisterklasse von Mister Benjamin Walker zu der Thematik ‚Was macht einen Gentleman aus?‘“, kommentierte du Ponceau den Austausch und legte sogar seine Lektüre beiseite und setzte sich wieder auf. Ein Zeichen, dass das Interesse des jungen Mannes geweckt worden war.„Nein, ich meine das ganz ernst“, bestätigte Walker seine ursprüngliche Aussage und klang dabei sehr gemessen. „Friedrich ist immer kaum mehr als ein Strich in der Landschaft gewesen. Ist er immer noch, aber ich finde er sieht irgendwie … besser aus“, erklärte der Aide-de-camp seine Gedanken und richtete sich dabei wohl besonders an du Ponceau - dieser begann nun ebenfalls Friedrich über die Sofalehne hinüber zu mustern. „Du hast Recht, Friedrich sieht besser aus“, bestätigte dieser und fügte hinzu, während Friedrich rot um die Ohren wurde, „den Baron wird es freuen, wenn es ihm auffällt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er es sich irgendwann mal zu seinem persönlichen Ziel gemacht hat, dich ein wenig aufzupäppeln.“Joséphine spürte nur wie ihr Mund staubtrocken wurde, als sie sich ihren Mantel anzog und eine schnelle Verabschiedung murmelte, nur um dann rückwärts praktisch aus dem Haus zu stürzen. Sie hoffte inständig, dass weder Walker noch du Ponceau ihr merkwürdiges Verhalten aufgefallen war oder dass sie zumindest nicht wussten, worauf es in Wahrheit zurückzuführen war. Denn in Wahrheit fühlte sich Joséphine aufgrund der Anmerkung ihrer Freunde nicht beleidigt, nein, sie fühlte sich panisch und verzweifelt. Konnte es sein, dass - nein! Nein, nein, nein, das konnte nicht sein, Ausgeschlossen. Völlig unmöglich. Nein.Ihre Gedanken rasten, als sie in der Dunkelheit wieder zurück zu General La Fayettes Lagerstätte stolperte. Der volle Mond spiegelte sich auf den glatten Kanten der Steine auf dem Schotterweg wieder. Sie war schon fast bei ihrer eigenen Unterkunft angekommen, als sie plötzlich jemanden nach sich Rufen hörte.„Deegen, hier drüben.“ In dem schwachen Licht, welches jedoch an dieser Stelle des Lagers durch die zahlreichen Lagerfeuer verstärkt wurde, konnte Friedrich nur schlecht ausmachen, aus welcher Richtung die Stimme kam, doch als er sich einmal um die eigene Achse gedreht hatte, bemerkte er schließlich La Fayettes roten Haarschopf. Der Marquis saß in einiger Entfernung an einen Baumstamm gelehnt. Neben ihm machte Friedrich zwei weitere Personen aus, die er aber erst beim Näherkommen als Alexander Hamilton und John Laurens erkannte. Während Laurens neben La Fayette gegen den Baum gelehnt saß, hatte Hamilton sich zwischen ihnen beiden zusammengerollt und den Kopf in Laurens Schoß vergraben. Es schien ganz so als ob er schlafen würde.„Setz dich zu uns“, forderte La Fayette Friedrich auf und streckte eine Hand aus, ganz so als wollte er ihn so zu sich herunter ziehen.Friedrich verschrenckte unbewusst die Arme vor der Brust. „Ich kann nicht, leider. Ich bin hundemüde und muss morgen früh wieder auf den Beinen sein. Ich berate mich mit einigen anderen Stabärzten über die neuen Vorgaben des medizinischen Departments - und dann gibt es noch genügend für das bevorstehende Winterlager vorzubereiten.“„Wir sind auch alle müde und morgen früh werden wir wieder von hohen Stapeln unbeantworteter Korrespondenz geweckt, die alleine vom Ansehen höher zu werden scheinen - also beschwer dich nicht und setzt dich zu uns“, murmelte plötzlich Hamilton, die Augen noch immer geschlossen aber ganz offensichtlich wach.„Ich könnte es dir rein theoretisch auch befehlen, nicht?“, überlegte La Fayette laut und Friedrich begann daran zu zweifeln, dass die drei noch vollkommen nüchtern waren. Aber andererseits versprach es Spaß und Joséphine konnte eine Ablenkung wirklich gut gebrauchen.„Also einem Befehl kann ich mich natürlich nicht widersetzen“, entgegnete Friedrich mit gespielter Beflissenheit und ließ sich zwischen dem Marquis und Laurens auf dem Boden nieder. Hamilton rückte ein wenig näher an Laurens heran, um dem Arzt Platz zu machen. Ein paar Momente saßen die vier dort schweigsam zusammen und lauschten dem Lärm des Lagers um sich herum. Plötzlich richtete Hamilton sich auf und blickte Friedrich direkt an. „Vielleicht kannst du uns ja weiterhelfen. Wir haben vorhin die Sterne beobachtet, aber da war dieses Rechteck mit so einem Kreis-Ding darin und keiner von uns wusste, zu welchem Sternbild das gehören sollte“, erklärte der junge Aide-de-camp und Friedrich zog, ob dieser ausführlichen Beschreibung, die Brauen hoch. Durch eine Geste Hamiltons in Richtung des Nachthimmels wusste Friedrich dann zumindest, welche Formation genau gemeint war, aber dennoch konnte er nur den Kopf schütteln. „Ich habe wirklich keine Ahnung“, gestand der junge Arzt und wäre beinahe zusammen gezuckt, als er La Fayettes Kopf plötzlich auf seiner Schulter ruhen spürte. Dies war dann wohl der endgültige Beweis, dass heute Abend schon etwas Alkohol geflossen war, denn andernfalls wäre der Marquis Joséphine niemals so nahe gekommen. Für gewöhnlich hielt er sich in ihrer Gegenwart immer sehr zurück.„Ich dachte, du wärst mit deinem kleinen Bruder immer Sternegucken gewesen. Hast du das nicht einmal erzählt?“, hakte der Franzose nach und Friedrich konnte nicht anders als zu lächeln, als die Worte seines Freundes die Erinnerungen an seinen kleinen Bruder Hugo wieder wachrissen.„Wenn die Nächte im Sommer klar waren, da haben mein Bruder und ich häufig über Wochen fast jede Nacht draußen gesessen. Er hat immer auf Sterne und Sternbilder gezeigt und sie dann benannt, aber da steckte kein System dahinter. Am nächsten Abend hat er die gleichen Formationen vollkommen anders benannt. Er war sehr interessiert, hatte aber eigentlich keine Ahnung was er da wirklich tat“, erklärte Friedrich und schloss die Augen für einen kurzen Moment. Vor Joséphines innerem Auge breitete sich die elterliche Farm im fahlen Mondschein aus. Kühle Nachtluft strich über ihr Gesicht und Hugo drückte ihre Hand, sagte ihr, wie lieb er sie hatte. In der Ferne blökten ein paar Schafe.„Interessiert, aber ohne eine wirkliche Ahnung was sie eigentlich tun, klingt eher als würdest du einige Offiziere unsere Armee beschrieben und nicht deinen Bruder“, riss Laurens Kommentar Friedrich aus seinen Träumereien heraus. Ein Kommentar der ihn augenblicklich böse Blicke von Hamilton und La Fayette einbrachte. Der Mann aus South Carolina hob beschwichtigend die Hände. „Ist ja gut, ich weiß wir hatten gesagt für den Rest des Abends kein Wort mehr über Politik, aber bei der Vorlage konnte ich nicht anders.“Friedrich lachte laut auf. „Das erinnert mich an mein Zuhause in Germantown. Wir waren keine politische Gemeinde, aber wann immer sich mal mehrere Familien und Gemeindemitglieder versammelt hatten, zu einem gemeinsamen Abendessen beispielsweise, kam doch von Zeit zu Zeit das Thema Politik auf. Die Männer diskutierten und die jüngeren Frauen erhoben keinen Einspruch, aber irgendwann dann würden die älteren Frauen, die Mütter der diskutierenden Männer sich einmischen und ganz einfach sagen, dass man heute nicht mehr über Politik sprechen würde. Glaubt nicht, dass einer der Söhne sich danach getraut hätte auch nur noch an Politik zu denken“, kicherte Friedrich.„Da habt ihr es, ihr habt über mich die gleiche Macht, wie ein altes Mütterchen über ihren Sohn“, merkte Laurens an.„Apropos alt, eine weitere Sache über die wir vorhin gesprochen haben, Friedrich wie alt bist du eigentlich?“, meldete Hamilton sich wieder zu Wort. „Der Krieg geht jetzt bald in sein viertes Jahr und noch ist kein Ende in Sicht. Dieser Konflikt könnte sich noch Jahre hinziehen und naja, wir alle sind noch jung - viele der Soldaten sind bloß Knaben, ihrer Jugend noch lange nicht entwachsen und dennoch muss man sich fragen, ob sie nicht vielleicht ihre ganze Jugend diesem Krieg opfern werden.“„Bald vier Jahre, fast eine halbe Dekade und zusammen mit Hamilton6 hast du am längsten von uns vieren gedient“, fügte La Fayette hinzu und machte keine Anstalten seinen Kopf zu heben.„Steinbock. Mein Sternzeichen ist Steinbock“, antwortete Friedrich. Laurens lachte auf. „Das ist ja schön und gut, aber das war auch nicht wirklich die Frage. Wie alt du bist war die Frage.“„Ich weiß nicht wie alt ich bin“, gestand der junge Arzt dann nach einer kurzen Pause kleinlaut.„Was soll das heißen, du weißt nicht wie alt du bist?“, mischte Hamilton sich wieder ein.„Nun ja, ich weiß schon wie alt ich bin, aber weiß nicht wann ich geboren worden bin - nicht einmal in welchem Jahr. Mein Zwilling und ich waren die erste Geburt unserer Mutter. Eine Zwillingsgeburt ist immer ein Risiko und meine Mutter war jung, es gab wohl Komplikationen - letztendlich hat niemand darauf geachtet, ob wir nun sehr spät am Abend des 31. Dezembers 1757 oder sehr früh am ersten Januar 1758 geboren worden sind. Meine Mutter beharrt, dass wir nach Mitternacht, also schon 1758 geboren worden sind, während mein Onkel und mein Vater darauf pochen, dass es noch vor Mitternacht, also noch in 1757 war. Wie dem auch sei, in meinen Papieren steht: Geboren am 31. Dezember 1757 und dagegen habe ich nichts einzuwenden - ich bin mir nur eben nicht sicher, ob es so wirklich gewesen ist“, führte Friedrich aus.Hamilton starrte ihn für einen Moment sprachlos mit geöffnetem Mund an, legte seinen Kopf dann jedoch wieder auf Laurens Schenkeln ab, ohne etwas zu sagen. Die nun folgende Stille begann Friedrich schnell unangenehm zu werden, doch bevor er die Initiative ergreifen konnte, um etwas zu sagen, gähnte der Marquis neben ihm hörbar.„Wenn ich nicht bald in mein Quartier komme, dann schlafe ich hier unter diesem Baum ein und ich bin definitiv noch nicht betrunken genug, um von jemandem ins Bett gebracht zu werden“, scherzte La Fayette und richtete sich auf und klopfte Blätter von seiner Uniform. „Ihr beide wollt noch bleiben nehme ich an?“, fragte er an Laurens und Hamilton gewandt. Der Mann aus South Carolina nickte und daraufhin wandte der Marquis sich an Friedrich. „Du?“„Ich wollte mich schon vor einer halben Stunde schlafen legen, aber ich bin ja überredet worden zu bleiben“, entgegnete Friedrich und knuffte Hamilton in die Seite.„Dann komm“, drängte La Fayette und streckte seinem Stabsarzt eine Hand entgegen, um ihm hoch zu helfen. Friedrich ergriff die dargebotene Hand und ließ sich auf die Füße ziehen. Nachdem man sich von Laurens und Hamilton verabschiedete hatte, ging man gemeinsam durch die Dunkelheit in Richtung der Lagerstätte von La Fayette und seiner Division. In der Ferne schrie irgendein Tier. „Macht es dir etwas aus, einen kleinen Umweg zu nehmen“, fragte La Fayette dann plötzlich unvermittelt und Friedrich schüttelte den Kopf. Es schien, als ob der junge Franzose etwas auf dem Herzen hatte, aber er ließ sich noch etwas Zeit, bevor er schließlich zu sprechen begann.„Du weißt, dass ich nach meinem Aufenthalt in Neu England noch in Philadelphia war7? Beim Kontinentalkongress?“, tastete La Fayette sich vor. Erneut erhielt er nur eine nonverbale Antwort.„Ich habe um die Erlaubnis gebeten, die Armee auf unbegrenzte Zeit zu verlassen, um in Frankreich für mehr Unterstützung zu werben8. Der Kongress hat zugestimmt. Ich werde noch vor dem Ende der Woche wieder nach Boston reiten, um von dort aus nach Frankreich zu segeln. Außer Washington weißt sonst eigentlich nur du davon“, eröffnete La Fayette dann und obwohl er ja versucht hatte, sich dem Thema vorsichtig zu nähern, traf er Joséphine vollkommen unvorbereitet.„Du kehrst nach Frankreich zurück Gilbert?“, echote die junge Frau nur stumpf und starrte ihren Freund mit großen Augen an. Plötzlich fühlte sie sich unsagbar einsam.„Ich komme wieder, das verspreche ich dir Joséphine. Aber gerade mit dem Ende der aktiven Kriegshandlugen und dem Beginn des Winterlagers kann ich in Frankreich mehr erreichen. Ich kann mich für eine stärkere Beteiligung Frankreichs an diesem Krieg einsetzten, Außerdem will ich-“„Deine Familie wiedersehen. Fast zwei Jahre sind es mittlerweile her, dass du deine Familie das letzte Mal gesehen hast und deine Tochter hast du noch nie gesehen, bei ihrer Taufe stand ein Stellvertreter an deiner statt9 und du hast sie noch nie auf dem Arm halten können. Glaube mir, ich verstehe das“, beendete Joséphine La Fayettes Satz.„Ich hatte gehofft, dass du das sagen würdest.“ Statt einer ausführlichen Antwort erhielt der Marquis dieses Mal nur einen gemurmelten Laut der Zustimmung.„Ich prophezeie, dass du meine Abwesenheit auch kaum bemerken wirst. Du hast so viele Freunde hier im Lager, dass-“„Freunde lügt man nicht an, nicht so wie ich es tue. Man lügt Freunde an und sagt ihnen, dass ihre neue Weste ihnen steht, dabei tut sie das ganz und gar nicht. Das kann man tun, aber ich tue etwas anderes. Das Schlimme ist nicht einmal das Lügen an sich, nicht die Vielzahl der Lügen, nein, was wirklich schlimm ist, ist die Art der Lügen. Was denkst du Gilbert, wie viele „Freunde“ hätte ich wohl noch, wenn sie die Wahrheit über mich wüssten? Zum einen wäre der Charakter der Freundschaften, die ich unterhalte anders. Monroe und ich könnten Freunde sein, wenn ich ihm von Anfang an als Frau gegenüber getreten wäre, wenn ich mich nie verkleidet hätte. Unsere Freundschaft wäre weniger intensiv, wir wären vorsichtiger im Umgang miteinander … aber wir hätten trotzdem Freunde sein können. Doch sollte Monroe jetzt die Wahrheit heraus finden, nun dann ich bin ich nicht einfach nur eine junge Frau, die seine Freundschaft sucht, sondern eine junge Frau in Männerkleidung, mit falschen Papieren, einem schlechtem Charakter und die ihn angelogen hat, all die Zeit, nach Strich und Faden - nicht einmal ich selber würde mit mir befreundet sein wollen. Weißt du was das Schlimmste an diesem Leben ist? Das Schlimmste ist, dass ich nicht einfach aufhören kann. Mal abgesehen davon, dass ich nicht wüsste wo ich hin sollte, ist dieses Leben so wahnsinnig verführerisch. Ich bekomme Respekt und Achtung entgegen gebracht, die ich in diesem Umfang und in dieser Art und Weise anders nie erhalten hätte. Doch wie viel von diesem Respekt und dieser Achtung würde noch übrig bleiben, wenn jemand meine wahre Identität aufdeckt? Nichts! Nichts würde übrig bleiben! Also genau genommen habe ich einen Freund in diesem Lager und der hat mir gerade eröffnet, dass er auf unbestimmte Zeit den Kontinent verlassen wird.“La Fayette blickte Joséphine für einen langen Moment an bevor er schließlich einen Schritt nach vorne machte und die junge Frau in den Arm nahm. Joséphine leistete keinen Widerstand und begann an seiner Schulter zu weinen. Dem jungen Franzosen lag ein Gedanken auf der Zunge, von dem er sich jedoch nicht sicher war, ob er ihn aussprechen sollte - immerhin erschien Joséphine schon niedergeschlagen genug. Doch andererseits basierte ihre Freundschaft nicht darauf, dass man sich immer nur mit Samthandschuhen anfasste. Die beiden stritten, die beiden waren unterschiedlicher Meinung und konnten damit umgehen.„Es geht nicht wirklich darum, dass du alleine bist, oder?“, brachte La Fayette hervor und verknotete seine Finger in Joséphines rotem Haar „All diese Männer, Monroe, Walker, du Ponceau sind deine Freunde. Vielleicht hast du Recht - sicherlich hast du Recht, dass sie es nicht mehr wären, wenn sie die Wahrheit kennen. Aber in ihren Augen gibt es nur Friedrich und dem bringen sie die wärmste und liebevollste Freundschaft entgegen. Ich glaube das wirkliche Problem bist du. Du hast ein schlechtes Gewissen deine Freunde anzulügen, aber du kannst in deinen Augen auch nicht wirklich etwas dagegen tun. In dem du ehrlich mir gegenüber bist, willst du dein Gewissen erleichtern. Es geht nicht darum einsam zu sein, niemanden zu haben, es geht darum, dein Gewissen zu erleichtern.“ Sobald er ausgesprochen hatte, drückte Joséphine sich von ihm fort, machte einen Schritt nach hinten und fixierte ihn.„Es tut mir Leid, wenn ich dir zu Nahe getreten bin Joséphine, aber ich bin nur ehrlich.“„Ich weiß, ich weiß. Es ist nur nicht immer einfach, mit den eigenen Fehlern konfrontiert zu werden“, gestand Joséphine und rieb mit ihren Ärmeln über ihr nasses Gesicht. Sie fühlte sich ausgelaugt, fühlte sich ohnmächtig, gelähmt im Angesicht der Herausforderungen, die vor ihr lagen - sie wusste aber auch, dass sie diese Herausforderungen bewältigen konnte.„Das musst du mir nicht sagen Joséphine, du erinnerst mich immer wieder selber daran“, konterte La Fayette in einem Versuch die Stimmung zu heben und erntete sich einen Hieb mit dem Ellenbogen von Joséphine. Sie wollte nicht, diesen Abend, wohl einer der letzten, die die beiden Freunde in der nahen Zukunft haben würden, mit Tränen zubringen. Doch trotz dieses Entschlusses wusste sie, wie wehmütig der Abschied werden würde – und wehmütig wurde er. La Fayette brach wenige Tage nach seiner Unterhaltung mit Joséphine auf. Die Sonne schien noch einmal warm vom Himmel an dem besagten Oktobermorgen und Washingtons halber Stab ebenso wie einige andere Offiziere und Mitglieder von La Fayettes Stab hatten sich vor dem Hauptquartier versammelt. Joséphine war die Letzte, von der der Marquis sich noch verabschieden musste. Mit einer schnellen Bewegung schloss er sie in die Arme und so aufgeregt war er, dass er sie beinahe wie ein kleines Mädchen herumgewirbelt hätte - aber auch nur beinahe10.„Auf Wiedersehen, Friedrich.“„Auf Wiedersehen, Gilbert.“„Du schreibt mir jeden Tag, nicht?11“Joséphine lachte gegen seine Schulter. „Wenn du Glück hast, dann schreibe ich dir einmal die Woche“, scherzte sie.La Fayette wollte nicht gehen, er wollte Washington, Joséphine, Hamilton, seine neue, seine amerikanische Familie nicht verlassen, aber die Zeit drängte für ihn und so stieg er auf sein Pferd auf. Mit etwas Druck seiner Schenkel trieb er das Tier in einen leichten Trab, eine angenehme Art die unebenen Feldwege zu bereisen. In der Ferne sah er noch seine Freunde winken, er meinte Joséphine lächeln zu sehen.Es war ein passender Abschied für einen jungen Mann, der schon fest vorhatte nach Amerika zurück zu kehren, noch bevor er den Kontinent überhaupt verlassen hatte. Es war jedoch kein passender Abschied für zwei Freunde, die sich vielleicht nie wieder sehen würden.Joséphine blickte La Fayette nur hinterher, sah seine Gestalt in der Ferne immer kleiner werden - und je weiter La Fayette sich entfernte, desto mulmiger wurde es Joséphine. Der Abschied erinnerte sie an den Abschied ihres Zwillingsbruders und Friedrich hatte sie - nein! Friedrichs Tod war schrecklich gewesen, der Gedanke an ihren Verlust allein tat ihr noch immer weh, es zerriss sie innerlich, noch immer verbrachte sie zum Teil Stunden auf den Knien im Gebet, sofern sie die Zeit dafür fand, einfach nur um sich Friedrich näher zu fühlen. Doch La Fayette war nicht Friedrich. Es würde ihm gut gehen, natürlich würde es ihm gut gehen. Joséphine war paranoid, sonst nichts … oder?Es war ja auch nicht so, dass es neben La Fayettes Aufbrechen keine anderen Angelegenheiten gab, die die junge Frau des Nachts wach hielten und sie tagsüber prüften. Eine andere Entwicklung fand zeitgleich mit dem Aufbrechen des Marquis statt, eine Angelegenheit, die Joséphine viel abverlangte und ihr das Herz zuweilen schwer machte.Trotz seines firmen Entschlusses nur körperlich für Joséphine zu empfinden, merkte Henry wie diese Absicht mit jeder Nacht mehr und mehr ins Wanken geriet. Es wäre so leicht gewesen sich zu verlieben– doch auch so hoffnungslos. Joséphine zu lieben war so leicht wie klares Wasser zu lieben, die Sonne im Gesicht und den blauen Himmel über sich. Männer wie er konnten Mädchen wie Joséphine lieben, der Sohn eines reichen Plantagenbesitzers und ein Bauernmädchen, sie beide waren kein unbekanntes Paar. Aber solche Liebschaften waren immer nur Ablenkungen von unglücklichen Ehen, waren Abenteuer, waren wilde Sommermärchen, waren keine Beziehungen die anhielten oder einen von beiden langfristig glücklich machen würden. Dennoch, es wäre so leicht sich in Joséphine zu verlieben.Trotz ihres firmen Entschlusses nur körperlich für Henry zu empfinden, merkte Joséphine wie diese Absicht mit jeder Nacht mehr und mehr ins Wanken kam. Es wäre so leicht gewesen sich zu verlieben – doch auch so hoffnungslos. Sich zu verlieben war einfach, jemanden zu lieben nicht. Besonders ein Mann wie Henry, der es nicht nötig hatte, sich in Frauen wie sie zu verlieben, besonders in einen Mann wie Henry, mit dem man nie eine Zukunft haben würde. Es war nicht einfach Henry zu lieben, gerade wenn diese Liebe und ihre Zusammenkünfte Joséphine so schnell alles nehmen konnten, dass sie sich aufgebaut hatte. Schlimmer sogar, nicht nur ihre Gegenwart sondern auch ihre Zukunft war in Gefahr, da sie länger dieser Liebschaft nachhing, als vernünftig gewesen wäre. Dennoch, es wäre so leicht, sich in Henry zu verliebenVielleicht hätten die beiden bis ans Ende des Krieges so weiter gemacht. Gemeinsame Nächte, aber keine gemeinsame Zukunft, zum Schluss dann getrennte Wege, obwohl man doch aneinander hing. Doch das Leben folgte keinen Vorsätzen oder Plänen, es gab keinen stringenten Ablauf, nein, das Leben tat was es nun einmal gerne tun wollte und Joséphine machte diese Entdeckung zeitgleich mit noch einer weiteren Entdeckung.
02. November 1778
“I burst the tyrant bands, which held my sex in awe (…) I threw of the soft habiliments of my sex and assumed those of the warrior.”
Auszug einer Ansprache von Deborah Sampson „Die Frau hat gestanden Doktor Deegen, das sind ernsthafte Anschuldigungen, die können Sie nicht abstreiten“, donnerte General Greene.„Ich streite ja auch gar nichts ab General, ich sage lediglich, dass ich keine Notwendigkeit sehe mich zu verteidigen. Eine Person, die keine Straftat begangen hat, muss sich auch nicht verteidigen“, erwiderte Friedrich, seine Stimme war angespannt aber immer noch klar. Neben ihm schnappte Greene nach Luft, um zu einer Antwort anzusetzen, doch bevor er den Mund öffnen konnte, unterbrach General Washington ihn.„Diese kindischen Streitereien bringen uns nicht weiter meine Herren. General Greene, wenn Sie bitte noch einmal die Einzelheiten dieses Falles für mich zusammenfassen könnten, damit ich mir ein besseres Bild machen kann.“„Natürlich General Washington. Ein Arzt unter meinem Kommando machte mich auf Miss Abnell aufmerksam. Sie hatte die Identität eines Mannes angenommen und sich als solcher verkleidet in die Armee gemogelt. Während einer Übung brach sie ohnmächtig zusammen. Sie wurde von ihrem Kameraden zu dem Regimentsarzt gebracht, welcher sie untersuchte und dabei unweigerlich auch ihre wahre Natur aufdeckte. In anschließenden Gesprächen hat sie dann schnell die ganze Wahrheit zugegeben. An sich hätte die Sache damit ad acta gelegt werden können, doch der Regimentsarzt machte mich noch auf eine Sache aufmerksam. Miss Abnell war zuvor schon einmal behandelt worden. Nicht von einem Stümper oder gar von sich selbst, nein, der Arzt machte mich darauf aufmerksam, dass die Behandlung von einer Person vorgenommen wurde, die Ahnung von ihrem Handwerk hatte. Einem richtigen Arzt und diesem Arzt hätte ihr wahres Geschlecht unmöglich entgehen können. Miss Abnell wurde abermals befragt, dieses Mal nach der Identität des Arztes und sie teilte uns seinen Namen ohne langes Zögern mit. Doktor Friedrich Deegen. Sie sagte, sie habe Marketenderinnen über Doktor Deegen sprechen hören, darüber, dass er ihnen immer wieder geholfen hatte. Da ich nicht aufgrund einiger Gerüchte solch ernsthafte Anschuldigungen erheben wollte, habe ich die Geschichte prüfen lassen. Die befragten Marketenderinnen haben Miss Abnells Schilderung bestätigt. Ihr Name ist immer und immer wieder gefallen Doktor Deegen“, schloss General Greene seinen Bericht ab. Friedrich atmete angespannt durch die Nase aus. Er hatte gewusst, dass so ein Tag irgendwann kommen würde.Washington hatte stillschweigend zugehört und nun nachdenklich die Hände wie zum Gebet gefaltet. „Was ist Ihre Sicht der Dinge, Doktor Deegen“, wandte sich der Oberbefehlshaber an den jungen Arzt. Aus Washingtons Stimme sprach ein beherrschter, ausgeglichener Kalkül. Friedrich schluckte schwer, bevor er zu sprechen begann.„Ich schließe mich General Greenes Schilderungen vollkommen an. Zumindest was meinen Anteil an den Ereignissen betrifft – über Geschehnisse bei denen ich nicht anwesend war, kann ich natürlich keine Auskunft geben. Miss Abnell hat mich vor vier Tagen mit einer Schussverletzung an der Schulter aufgesucht, ein Unfall bei einer Trainingseinheit wie sie es beschrieb. Ich habe ihre Wunde so gut es ging verarztet und sie dann wieder ihrer Wege ziehen lassen.“„Dabei hielten sie es nicht für nötig diesen Vorfall zu melden, Doktor Deegen. Ich nehme doch einmal an, dass sie Miss Abnells wahres Geschlecht erkannt haben?“, befragte Washington Friedrich weiter. Dieser schüttelte nur stoisch den Kopf. „Es wäre unmöglich gewesen Miss Abnell zu behandeln ohne dabei zu der Erkenntnis zu gelangen.“Neben Friedrich schüttelte General Greene nur sprachlos den Kopf. „Und sie hielten es wirklich nicht für nötig den Vorfall zu melden …“„General Greene, ich hätte Miss Abnell nicht melden können, selbst wenn ich es gewollt hätte.“Greene kniff die Augen zusammen und blickte Friedrich nun direkt an. Sein Gesichtsausdruck war Frage genug, und so begann der junge Arzt zu erklären. „Ich bin Quäker, wir legen keine Schwüre ab. Ich habe meine Treue zu Amerika nicht geschworen, nur bekundet. Doch einmal habe ich eine Ausnahme gemacht, ich habe nach meinem Studium den Eid des Hippokrates geschworen12. Ich gehe nicht davon aus, dass Sie den exakten Wortlaut des Eides auswendig rezitieren können und ich möchte Sie auch nicht über Medizinethik belehren, aber dennoch hat ein Abschnitt dieses Eides große Bedeutung für diesen Sachverhalt: ‚Was ich bei der Behandlung sehe oder höre oder auch außerhalb der Behandlung im Leben der Menschen, werde ich, soweit man es nicht ausplaudern darf, verschweigen und solches als ein Geheimnis betrachten.‘“„Doktor Deegen, Ihnen ist bewusst, dass ein von Ihnen im zivilen Leben abgelegter Schwur keinen Einfluss auf Ihre Meldepflicht hier in der Armee hat?“, hakte Washington nach, nachdem er den Ausführungen Friedrichs mit respektvoller Stille gelauscht hatte.„Dessen bin ich mir durchaus bewusst General. Dies war auch kein Versuch mich zu verteidigen oder mich einer Strafe zu entziehen, ich wollte lediglich verdeutlichen, warum ich gehandelt habe, wie ich gehandelt habe.“ Innerlich hängte Friedrich noch an, dass es durchaus weitere Gründe für sein Handeln gegeben hatte. Miss Abnell war für Joséphine wie eine Schwester und auch wenn Miss Abnell sie verraten hatten, so würde Joséphine doch niemals Miss Abnell verraten. Nein, Joséphine stand zu den Versprechen, die sie machte und in diesem Fall hatte sie versprochen ein Geheimnis zu hüten. Niemand würde ihr je vorwerfen können ein Versprechen gebrochen zu haben.Washington nickte andächtig. „Ihre Prinzipientreue ehrt sie Sir, aber ich komme dennoch nicht darüber hinweg, Ihnen mitzuteilen, dass ich sehr enttäuscht von Ihrem Verhalten bin.“„Das verstehe ich Sir“, erklärte Friedrich und trat von einem Bein auf das andere.„Das heißt, obwohl Sie sich denken konnten, dass Ihr Tun Unrecht ist, haben Sie es dennoch getan?“Friedrich wählte seine nächsten Worte mit Bedacht. „Bei allem Respekt General, ich habe meine Treue gegenüber Amerika bekundet, nicht Ihnen gegenüber. Ich habe nichts als den größten Respekt für Sie General Washington, aber ich versicherte, dass ich Amerika mit Treue und im Einklang mit meinem Können und meinem Gewissen, dienen werde. Genau das habe ich getan.“Eine unangenehme Still machte sich im Raum breit und Friedrich hatte für einen Moment die Befürchtung zu weit gegangen zu sein, jedoch, was änderte das noch? Die Stille, die nur von kurzer Weile war, wurde von dem sich räusperndem Washington, unterbrochen.„Gut. Nun, da beide Seiten ihre Sicht der Dinge offengelegt haben, muss entschieden werden, wie weiter verfahren werden soll“, meinte der Oberbefehlshaber der Kontinentalarmee.„Ein Kriegsgerichtprozess wäre die natürliche Konsequenz“, brachte General Greene zum Ausdruck. Washington nickte wissend. Da war noch mehr zu sagen. „Aber Sie werden mir sicherlich auch zustimmen, wenn ich sage, dass dieses Vorgehen im Moment nicht zu empfehlen ist“, fuhr Greene fort. Wieder nickte Washington. Obwohl allen im Raum bewusst war, was er ausdrücken wollte, fühlte er wohl den Zwang, es noch einmal aus zu formulieren.„Sollte ein Prozess stattfinden, müssten wir als Armee auch dazustehen, dass Frauen es in unsere Ränge geschafft haben und dabei solch prominente Hilfe erfahren haben. Weiter scheint Doktor Deegen viel Unterstützung und Zuspruch seitens der Marketenderinnen zu haben. Das ist eh schon ein sehr launisches Völkchen und wir sollten versuchen weitere Spannungen zu vermeiden. Überhaupt würde ein Kriegsgerichtprozess gegen einen weiteren Arzt einiges an Gerede geben13. Die Situation wird noch prekärer, da der Marquis nach Frankreich zurückkehrt. Solch ein Vorfall in seinem Stab könnte schlecht auf ihn zurückfallen und damit auch seine Bemühungen am Hofe sabotieren.“Washington nickte noch einmal und auch Friedrich verlagerte sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Das Schweigen des Generals machte ihn irgendwie nervös. Doch dann drückte Washington den Rücken durch und richtete sich zu voller Größe14 auf. „Nun gut Doktor Deegen. Ich werde Sie nun vor die Wahl stellen. Entweder Sie reichen jetzt und sofort bei mir Ihren Rücktritt ein, welchen ich selbstverständlich akzeptieren werde oder sie werden vor ein Kriegsgericht gestellt. Ich überlasse Ihnen die Entscheidung.“Friedrich senkte seinen Blick für einen Augenblick. Ein seltsames Gefühl begann sich in ihm zu regen. Es war nicht Wut, es war vielmehr Versuchung. Joséphines Starrsinn begann sich zu regen. Ein Starrsinn den Friedrich nie gehabt hatte, den er nie benötigt hatte. Doch all das musste verborgen bleiben, all das musste hinuntergeschluckt werde und so war es wieder Friedrich, der fügsam den Kopf hob.„Ich sehe mich zwar moralisch noch immer im Recht, aber ich erkenne auch an, dass ich juristisch nicht im Recht bin. Ich möchte einzig zum Wohle Amerikas handeln und deswegen General Washington, möchte ich hiermit gerne meine Entlassung aus der Armee erbitten.“„Ihr Entlassungsgesuch ist hiermit von mir akzeptiert worden, Doktor. Packen Sie Ihre Sachen und bereiten sich auf Ihr Abreise vor. Jemand wird Ihnen später noch Ihre offiziellen Entlassungspapiere übereichen“, teilte Washington in einer festen Stimme mit. Friedrich blinzelte für einen Moment, ganz so als ob er die Situation erst jetzt wirklich vollkommen begriffen hatte. War nun wirklich alles vorbei? Einfach so?Plötzlich begann sich doch Wut in Joséphine breit zu machen, heiße Wut, die sie zu benebeln drohte, doch sie versuchte dagegen anzukommen. Sie wollte nicht, dass es endete, nicht so zumindest. Sie wollte, dass Washington, Greene, dass eigentlich alle wussten, dass kein Mann sein Studium absolviert hatte, dass kein Mann pflichtbewusst seinen Dienst unter den zum Teil widrigsten Bedingungen geleistet hatte. Es war kein Mann, der zwei Mal im Dienste für sein Land angeschossen worden war. Es war nicht der Mut eines Mannes gewesen, der General Washington und General La Fayette vor der Kriegsgefangenschaft bewahrt hatte. Nein, das war alles sie gewesen. Joséphine. Eine Frau. Für einen Moment lag ihr die Wahrheit auf der Zungenspitze, so wie eine überreife Frucht, die zu süß war, um sie zu schlucken. Es wäre so einfach. Sie bräuchte bloß die Worte zu sagen, einzig ihr Hemd aufknöpfen und schon hätte sie einen Beweis liefern können. Das Blut rauschte in ihren Ohren und schien jedes andere Geräusch der Welt zu übertönen, als sie den Mund öffnete … und dann auch wieder schloss. Ein kurzes Nicken und ein letzter Salut, damit verabschiedete Friedrich sich. Als er sich zum Gehen wandte, spürte er, wie Tränen in seinen Augen brannten. Waren es Tränen der Wut, Tränen der Verzweiflung, Tränen des Abschiedes? Er wusste es nicht, wohl aber wusste er, dass er momentan Wichtigeres zu tun hatte, als zu weinen.Friedrich braucht bei seiner Rückkehr ins Lazarett nicht einmal den Mund auf zu machen, da bemerkte Johnny schon, dass etwas ganz Gewaltiges im Argen war. Der direkte Typ von Mensch, der er war, sprach er seinen Kollegen auch ohne großes Umschweifen darauf an. „Du siehst nicht begeistert aus. Was ist passiert?“„Nichts“, presste der junge Arzt zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Da war so viel Wut und Ärger, der unmittelbar unter der Oberfläche brodelte, sodass Friedrich nicht mehr sagen wollte, aus Angst alles würde aus ihm heraus platzen.„Aha …“, meine Johnny langgezogen. „So sieht also „nichts“ bei dir aus. Interessant. Ich glaube ich möchte dich dann auch gar nicht erleben, wenn du einmal wirklich wegen eines Sachverhaltes verärgert bist. Wenn das schon „nichts“ ist bei dir.“„Verdammt noch einmal Johnny, sei bitte einfach einen Moment still, ja?“, meinte Friedrich harsch und sammelte ein paar Bücher zusammen, die auf nahezu jeder freien Oberfläche im Lazarett verteilt lagen. „Erst wenn du mir erzählst, was vorgefallen ist“, beharrte Johnny und trat einen Schritt zurück, als Friedrich sich an ihm vorbei an drängte, um an eines der Regale zu gelangen.„Ich bin entlassen worden“, antwortete er dann schließlich und auch wenn ihn die Worte alleine wütend und verzweifelt und glücklich machten, klang seine Stimme während er sprach vollkommen emotionslos.„Du bist was?“, hakte Johnny verblüfft nach.„Ich bin entlassen worden.“„Aber warum?“„Weil ich meine Arbeit getan habe, deshalb“, konterte Friedrich flapsig.„Unwahrscheinlich, dass das der Grund war, weshalb du entlassen worden bist“, zweifelte Johnny und hatte sich offenbar wieder gefasst.„Ich habe Marketenderinnen behandelt … und Frauen die sich unter dem Deckmantel einer männlichen Identität haben mustern lassen. Ich habe diese Frauen nicht gemeldet“, erläuterte Friedrich.„Bist du denn von allen guten Geistern verlassen worden Friedrich, was ist dir denn bloß in den Sinn gekommen, diese … Personen nicht zu melden? Dass du Marketenderinnen behandelt hast, kann ich ja noch verstehen, aber Frauen in Männerkleidungen sind doch wirklich gegen jegliche Natur, eine Perversion. Von solchen Weibsbildern ist noch nie etwas Gutes erwachsen, sie untergraben lediglich die Disziplin innerhalb der Armee.“„Ach wirklich, ist das deine Meinung?“, schnappte Friedrich und er war sich sehr wohl bewusst, dass er kurz davor war die Beherrschung zu verlieren. Johnny konnte es natürlich nicht wissen, aber solche Bemerkungen von ihm zu hören, erzürnten Joséphine bestimmt doppelt so sehr als würden sie von sonst jemandem kommen. Der Umstand, weswegen Doktor Boyer noch in Lohn und Brot stand, war einzig dem Umstand geschuldet, dass sie, „solch ein Weibsbild“, sich für ihn eingesetzt hatte. Doch bevor sie beiden sich in irgendwelchen Diskussionen verstricken würden, nahm Friedrich seinem Kollegen glücklicherweise die Möglichkeit zu antworten.„Weißt du, ich bin eigentlich nicht einmal wütend, dass ich entlassen worden bin, ich habe mich über geltende Regeln hinweggesetzt und verdiene es daher bestraft zu werden, das ist eine vollkommen vertretbare Politik, die Washington da fährt, um ehrlich zu sein, hat er sogar mehr Milde walten lassen, als angebracht wäre. Meine Strafe hätte unter normalen Umständen viel härter ausfallen müssen. Nein, was mich wirklich wütend macht ist die Regel selbst. Es macht mich wütend, dass Menschen für dieses Land bluten, dass sie sterben, dass sie Unaussprechliches auf sich nehmen, um diesem Land zu dienen. Doch ich prophezeie dir, dass all diese Opfer umsonst sein werden. Selbst wenn wir diesen Krieg gewinnen, dann werden wir nicht mehr unserem König hörig sein, doch wir werden immer Knechte bleiben.“„Jetzt beruhige dich Friedrich, das sind nicht wirklich deine politischen Ansichten und das wissen wir beide.“„Du hast recht Johnny, das ist nicht wirklich meine Meinung, aber möchtest du hören, was wirklich meine Meinung ist? Ich bin königstreu erzogen worden, die Loyalität zu meinem König ist mir zusammen mit dem Alphabet und meinen ersten Bibelversen eingebläut worden. Meine Eltern sind beide in Monarchien, in absoluten Monarchien aufgewachsen. Ich habe nichts gegen den König auszusetzen, ich habe nichts gegen die erhobenen Steuern auszusetzen gehabt. Ich bin aus Verzweiflung der Kontinentalarmee beigetreten, aber dann bin ich geblieben, da ich an unsere Sache glaube. Ich habe nichts an England auszusetzen, nicht wirklich, nichts wofür ich in eine Rebellion gegen meinen König mit eingestiegen wäre. Nein, ich bin geblieben, da ich dachte, dass wir in Amerika es besser machen können. Ich war tatsächlich so naiv zu glauben, dass wir uns in Amerika eine Utopie erschaffen können. Ich war wirklich so blauäugig zu hoffen, dass wir ein Land erschaffen können, das Freiheit für alle Menschen bietet, alle Menschen. Das haben wir noch in unserer Unabhängigkeitserklärung geschrieben, ‚Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, daß alle Menschen gleich erschaffen worden, daß sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt worden, worunter sind Leben, Freyheit und das Bestreben nach Glückseligkeit‘15 Ja, diese Rechte scheinen nur zu bestehen, wenn man ein Mann und weiß ist. Was für eine Farce, weißt du wie viele von den Männern, die diese Erklärung unterschrieben haben, Sklaven halten? Möchtest du wissen, wie viele? Dazu die Frauen, die ich hätte denunzieren sollen. Sie haben genauso gekämpft wie ihren männlichen Kameraden, sie haben genauso geblutet, genauso viel Patriotismus bewiesen – doch was erhalten sie dafür? Nichts“, wettere Friedrich und warf seine Bücher mittlerweile praktisch nur noch in seine Tasche. Er hatte sich regelrecht in Rage geredet.„Beruhig dich erst einmal Friedrich, beruhig dich erstmal“, meinte Johnny dann und griff seinem Kollegen an die Schulter. Die plötzliche Berührung war ungemein beruhigend für Friedrich und tatsächlich nahm er zwei drei tiefe Atemzüge. Es war nicht gut, wenn er sich aufregte. Dementsprechend frustrierte warf Friedrich schließlich ergeben den Kopf in den Nacken. „Du hast Recht, es tut mir leid“, murmelte Friedrich dann schließlich und seufzte.„Es muss dir nicht leidtun. Sag mir nur, wie du jetzt weiter machen möchtest. Kehrst du nach Hause zurück?“, fragte Johnny und ließ sich neben Friedrich auf eines der Feldlazarettbetten fallen. „Ich habe keine Ahnung“, gestand der Deutsch-Amerikaner dann schließlich nach einigen Momenten des Schweigens.Joséphine hatte tatsächlich keine Ahnung wohin sie sich jetzt wenden sollte. Sie hatte mit dem Gedanken gespielt, auf ihre elterliche Farm zurückzukehren. Jetzt nach James Tod sollte sie sicher sein und auch wenn es Gerede geben würde, und das nicht zu knapp, würde sie sich eine halbwegs plausible Geschichte ausdenken können. Immerhin lebte sie seit Jahren eine extravagante Lüge, was war da schon eine Unwahrheit mehr? Ihr Vater, nun ihr Vater war bei ihrem letzten Zusammentreffen alles andere als erfreut gewesen, doch auch das war nun schon lange Zeit her. Letztendlich waren viele der Worte ihres Péres aus dem Affekt heraus gesagt worden und letztendlich kam für ihn Familie immer zuerst, immer. Gedankenverloren faltete Joséphine die Hände vor ihrem Unterleib. Sie könnte auch nach Philadelphia gehen oder vielleicht sogar nach Vermont. Vermont wäre sicherlich ein Ort der ihr gefallen würde, die Sklaverei war in diesem Territorium bereits abgeschafft worden16. Nun als Witwe hatte sie auch eine gewisse Anerkennung und konnte erneut heiraten. Heiraten müsste sie auch bald, um einen Versorger zu haben. Doch wo all diese Erwägungen berechtigt waren und geprüft werden wollten, konnte Joséphine sich noch nicht auf ihren weiteren Lebensweg festlegen.Gerade als Friedrich seine Pläne oder besser gesagt das Fehlen seiner Pläne Johnny mitteilen wollte, ertönte hinter ihnen am Eingang des Lazarettes ein Tumult. Die beiden Ärzte, die momentan mit dem Rücken zur der Szenerie saßen, wandten sich herum und Friedrich erkannte augenblicklich Hamilton, wie er mit hochrotem Kopf und außer Atem auf eine der Krankenschwestern einredete. Die Worte die gewechselt wurden, waren aus der Entfernung nicht zu verstehen, aber die Krankenschwester hob schließlich den Arm und deutete in die Richtung von Johnny und Friedrich. Hamilton verlor keine Zeit zu ihnen herüber zu kommen und als er schließlich vor ihnen stand, da ging sein Atem immer noch schnell. War er etwa gerannt?„Du musst mitkommen Friedrich, sofort!“, drängte der Aide-de-camp. Friedrich verstand nicht, warum und vor allem wohin sollte er mitkommen? Folglich blieb er sitzen und sah Hamilton nur fragend an.„General Washington hat mich gebeten dich zu holen. Bitte Friedrich, es ist dringend“, führte Hamilton schließlich aus und langsam kam er auch wieder zu Atem. Der junge Arzt verzog nur das Gesicht, die gesamte Situation war einfach zu absurd. „Ich werde ganz bestimmt nicht mitkommen. Ich bin nicht mehr Teil dieser Armee und daher auch nicht an die Weisungen General Washingtons gebunden. Ich habe immer noch großen Respekt für ihn, aber er hat kein Recht mehr mir Befehle zu geben.“„Ich weiß, dass du entlassen worden bist Friedrich, aber trotzdem … bitte.“„Nein!“„Es geht um La Fayette.“„Was?“„General Washington hat einen Brief aus Fishkill erhalten. Er hat mir nicht gesagt, was genau der Brief enthielt, nur das es dringend war, mein Gott Friedrich, sein Blick.“„Was war mit seinem Blick?“, bohrte der junge Arzt nach, denn plötzlich hatte ihm die Angst gepackt. La Fayette wollte nach Philadelphia, warum sollte er dann aus Fishkill schreiben?„Ich habe seine Exzellenz schon lange nicht mehr so düster drein blicken sehen. Das letzte Mal, dass letzte Mal war es während der Schlacht von Brandywine als er benachrichtigt wurde, dass La Fayette angeschossen wurde, zu dem Zeitpunkt da er noch dachte La Fayette sei tödlich verwundet worden. Friedrich, das letzte Mal habe ich ihn so gesehen, als er dachte La Fayette sei gestorben, also bitte, bitte, bitte, was immer es auch ist, komm jetzt endlich mit und beeil dich.“
Eberhard Michael ist am 16 Juli 1778 im Alter von 42 Jahren gestorben und im German Lutheran Cementary in Lancaster, Pennsylvania beigesetzt worden. Zu den Umständen seines Todes oder seiner Beerdigung konnte ich nicht viel finden. Der Pastor war ein Rev. Helmuth. Die Papiere von Henry Mueller deuten an, dass er zu diesem Zeitpunkt bereist versetzt worden war und nicht mehr (nur) für das deutsche Regiment zuständig war - andernfalls hätte er wohl die Beerdigung betreut.
Michel heirate Mary Magdalena Henneberg (sie bevorzugte Magdalena) am 24. Oktober 1764 in Pennsylvania. Zusammen hatten sie fünf Kinder, zwei Jungen und drei Mädchen, die das Erwachsenenalter erreichten.
Ich habe es in diesem Kapitel mit den zeitlichen Zusammenhängen nicht immer so ganz ernst genommen. So verließ van Linkensdorf die Armee eigentlich erst im Juni 1779 - also knapp ein Jahr später. Ich habe mich trotzdem zu dieser Szene entschieden da ich a) Louis irgendwie aus dem Weg haben wollte/musste und b) der gute Mann mich zunehmend verwirrt. Je mehr ich über ihn recherchiere, desto mehr widersprüchliche Informationen erhalte ich aus eigentlich vertrauenswürdigen Quellen. Deshalb erkläre ich an dieser Stelle „meinen“ Louis van Linkensdorf zu einer fiktiven Person die an den „echten“ Louis van Linkensdorf angelehnt ist und sich Namen und Lebensdaten mit ihm teilt.
. Chihuahua sind eine Hunderasse die eigentlich aus Mexiko stammt und erst in den frühen 1800 begann, sich in der restlichen Welt zu verbreiten. Dennoch dürfte Friedrich von den Tieren gewusst haben, da sie in der medizinischen Literatur immer wieder auftauchen - und zwar als lebende Heizkissen bei Krankheit … ja, warum nicht?
Du Ponceau hatte schon immer ein ausgeprägtes Interesse an Sprachen gehabt und sich neben seiner späteren Tätigkeit als Anwalt dieser auch sehr verschrieben. So hat er nicht nur das heutige Verständnis von asiatischen Sprachen (besonders Chinesisch) geprägt. Tatsächlich war der erste westliche Linguist der argumentiert hat, dass geschriebenes Chinesisch Wörter und nicht nur „Ideen“ darstellt. Er hat außerdem auch die Sprachen der indigenen Völker Nordamerikas studiert und sich für ihr Verständnis engagiert.
Alexander Hamilton hat sich bereits 1775 einer freiwilligen Miliz angeschlossen, doch wurde er erst 1776 ein Teil der „richtigen“ Armee.
La Fayette hatte sich in den vorherigen Monaten lange in den Neu England Staaten, besonders in Connecticut und Rhode Island aufgehalten. Das war eher eine diplomatische Mission als eine militärische. Auf einigen Abschnitten seiner Reise ist er auch von John Hancock begleitet worden.
Es gab zuvor immer wieder Anträge an La Fayette nach Frankreich zurückzukehren, um für die amerikanische Sache zu werben, doch der Marquis lehnte diese Gesuche immer ab. Der Entschluss in 1778 nach Frankreich zu segeln war dann auch kein Nachgeben sondern sein eigener Wunsch.
Im 18. Jahrhundert konnte man so ziemlich alles „by proxy“ machen. Taufen, Verträge, Ehen … wann immer eine bestimmt Person nicht persönlich anwesend sein konnte, wurde ein Stellvertreter geschickt. Gerade bei europäischen royalen Hochzeiten ist es recht häufig vorgekommen, dass der Bräutigam einen Gesandten in das Heimatland der Braut geschickt hat, dort heiratete die Braut dann den Bräutigam (wobei der Gesandte als Stellvertreter diente) und anschließend begleitete der Gesandte die Braut dann auch sicher ihr neues Heimatland.
An dieser Stelle habe ich einmal mehr mein Unwesen mit der zeitlichen Abfolge getrieben. Nachdem La Fayette Neu England verlassen hat, ist er nach Philadelphia zurückgekehrt. Am 13. Oktober hat er den Kongress um eine Freistellung gebeten, diese wurde am 21. Oktober bewilligt. Am 24. Oktober schreibt La Fayette Washington, dass er noch in Philadelphia ist, aber am 25. Oktober gegen Mittag aufbrechen möchte, letztendlich ist er am 27. Oktober aufgebrochen. Er hat sich länger in Philadelphia aufgehalten, da der Kongress eine erneute Invasion Canadas (oder besser den Versuch einer erneuten Invasion) diskutiert hat und diese von La Fayette hätte kommandiert werden sollen. Von Philadelphia ist er dann nach Boston aufgebrochen von wo er nach Frankreich segeln wollte. Washington war zu diesem Zeitpunkt gerade mit der Armee in verschiedenen Lagern im Staate New York. La Fayettes Weg führte ihn dicht an diesen Lagern vorbei und ich kann es mir auch nicht vorstellen, dass La Fayette nach Frankreich aufgebrochen wäre, ohne sich vernünftig von Washington zu verabschieden. Nun ist das Zeitfenster relativ klein, da er am 30. Oktober Washington schon wieder verlassen hatte. Ich bin also wirklich unsicher wann La Fayette sich mit Washington getroffen hat und wie lange er geblieben ist. In dem Brief vom 24. Oktober prognostiziert La Fayette Washington zwei Tage nach der Zustellung des Briefes zu treffen …
La Fayette hat sich tatsächlich das ein oder eine Mal beschwert, dass seine amerikanischen Freunde ihm nicht häufig genug schreiben würden. Eine von diesen „Beschwerden“ ist einfach nur zu süß und wird bestimmt auch in dieser Geschichte noch einmal zitiert werden :-)
Der Eid des Hippokrates ist noch immer eine der Grundfesten der Medizinethik aber zumindest in Deutschland legen Medizinstudenten den Eid nicht mehr länger ab. Ich bin keine Medizinhistorikern, aber nach meinen Recherchen was das im 18. Jahrhundert zumindest in/an einigen Ländern/Universitäten durchaus noch eine gängige Praxis.
Insgesamt haben sich sehr wenige Ärzte vor einem Kriegsgericht wiedergefunden. Auffällig ist jedoch, dass viele der Ärzte die letztendlich angeklagt wurden, sehr hohe Positionen im medizinischen Department innehatten. Alleine zwei der Direktoren wurden angeklagt. Dabei waren die Anklagepunkte immer sehr ernst, zum Teil wurde sogar wegen Hochverrats angeklagt.
George Washington ist nach seinem Tod vermessen wurde und kam auf 188/189 cm. In einer Zeit in der der durchschnittliche Mann ungefähr 170 cm groß war, ganz beachtlich.
Die erste deutsche Übersetzung der Unabhängigkeitserklärung erschien am 05. Juli 1776 in dem Pennsylvanischen Staatsboten. Die markierte Stelle ist direkt auf der Zeitung entnommen und daher ist die Rechtschreibung mitunter auch … interessant.
Vermont fiel nach dem French and Indian War 1763 England zu und Teile des heutigen Vermonts gehörten teilweise zu New York und auch New Hampshire. Um die Zeit gab es dann einige interne Konflikte während denen sich auch die legendären Green Mountain Boys gründeten. Vermont rebellierte im Unabhängigkeitskrieg gegen die Briten und etablierte sich dann am 15. Januar 1777 als freie Republik mit eigener Verfassung. Zu diesem Zeitpunkt wurde auch der Name Vermont erst offiziell festgelegt. Die Verfassung verbot die Sklaverei (Männer über 21 und Frauen über 18 erhielten ihre Freiheit zurück, neue versklavte Individuen durften nicht eingeführt werden), darüber hinaus gab es ein universales Wahlrecht für alle Männer über 21 Jahren und staatlich geförderte Schulen. Am 4. März 1791 wurde Vermont dann offiziell ein Teil der Vereinigten Staaten von Amerika und damit der erste der „neuen“ Staaten und darüber hinaus der erste Staat, der der Union mit einem bestehenden Verbot der Sklaverei beitrat.
----- CHAPTER BREAK -----
02. November 1778
(…) but at Fishkill, eight miles from head-quarters, he was obliged to yield to the violence of an inflammatory fever. He was soon reduced to the last extremity, and the report of his approaching death distressed the army, by whom he was called the soldier’s friend, and the whole nation were unanimous in expressing their good wishes and regrets for the marquis (…)Auszüge aus der Autobiografie des Marquis de La FayetteFriedrich starrte auf den Brief in seiner Hand. Er konnte nicht glauben, was er da las. Das durfte nicht wahr sein, es durfte einfach nicht wahr sein. Seine Hand zitterte, als er überlegte, ob er den Brief niederlegen sollte oder ihn noch einmal, ein viertes Mal lesen sollte. Vielleicht würde er dieses Mal erkennen, etwas zwischen den Zeilen ausmachen, dass die Lage doch nicht ganz so schlimm war, wie sie erschien.Doktor John Cochrane1 hatte General Washington aus dem Lazarett in Fishkill geschrieben. La Fayette hatte den Außenposten in Fishkill erreicht, mehr tot als lebendig. Auf seiner Reise hatte er sich ein hohes Fieber eingefangen, das ihn nun bei Fishkill endgültig übermannt hatte. Die Wortwahl in dem Brief war mit Bedacht gewählt worden, es waren die vagen Aussagen eines Arztes der über den Gesundheitszustand seines, doch recht prominenten Patienten, keine allzu genauen Angaben machen konnte und wollte.„Doktor Deegen, mir ist bewusst, dass ich nach Ihrer Entlassung nicht mehr länger in der Situation bin, Ihnen Befehle zu geben - doch ich würde Sie bitten, dennoch -“„Natürlich“, fiel Friedrich dem General ins Wort. Wäre die Zeit auf ihrer Seite, hätte der junge Arzt vielleicht daran Anstoß genommen, dass Washington es überhaupt für nötig hielt, ihn zu fragen, ihn zu bitten - doch Zeit gehörte nun einmal eben zu den Dingen, die man momentan nicht hatte. Nicht, wenn La Fayettes Leben auf Messers Schneide stand.„Natürlich?“, wiederholte Washington.„General Washington, Sie müssen mich nicht bitten. Entlassung hin oder her, General La Fayette ist mir ein teurer Freund. Ich würde alles für ihn tun.“Erleichterung spiegelte sich auf Washingtons Gesicht wieder. Nicht, dass er wirklich an Doktor Deegen gezweifelt hatte, aber nun diese Worte von ihm zu hören, beruhigte ihn dann doch ein wenig. Dem Virginier war bewusst wie bedingungslos, ja, dieses Wort beschrieb es ganz gut, La Fayette seinem Stabsarzt vertraute, wie nahe sich beide standen. Er hatte miterlebt, wie diese Beziehung gewachsen war. Er war sich sicher, wenn es in La Fayettes Macht gelegen hätte, Doktor Deegen wäre der Arzt gewesen, in dessen Hände der junge Marquis am ehesten sein Leben gelegt hätte. Zudem hatte er sich über Doktor Deegen erkundigt, natürlich hatte er das. Der Oberbefehlshaber der amerikanischen Truppen wusste gerne etwas über die Männer, die in den höchsten Kreisen arbeiteten. Doktor Deegen gehörte zu keiner von den großen und prominenten Familien in New York, Pennsylvania oder Virginia - gehörte zu keiner Familie von Bedeutung. Es schien sogar so zu sein, dass der junge Mann keine Familie mehr hatte. Doch das war zu großen Teilen nur Gerüchte und Hörensagen, nichts dem Washington viel Wert beimaß. Selbst wenn er verlässliche Quellen gehabt hätte, die Herkunft dieses Arztes interessierten Washington relativ wenig, nicht wenn der selbige Können und Mut für sich sprechen lassen konnte, wie andere Männer nur ihren Namen. Nein, was Washington viel mehr interessiert hatte, war der Umstand, dass Doktor Deegen sich in seiner Abschlussarbeit tatsächlich auf Fieber spezialisiert hatte.„Wie weit ist es bis nach Fishkill? 20 Meilen?“, nahm Friedrich das Gespräch wieder auf. Washington schien ihm für einen Augenblick recht weggetreten zu sein, doch andererseits war dies nach solch einer Botschaft auch nur verständlich.„Nein, weniger. 16 Meilen vielleicht - ja, das kommt gut hin“, mischte sich Alexander Hamilton, der an der Tür gewartet hatte, nun aber ein paar Schritte in den Raum gemacht hatte, in das Gespräch ein. Friedrich drehte sich zu dem Aide-de-camp herum.„16 Meilen, gut, dann kann ich in etwas unter vier Stunden in Fishkill sein.“„Du willst bei diesem Wetter losreiten? Friedrich, draußen tobt ein Unwetter das seines Gleichen sucht und schon unter den besten Bedingungen bist du ein, entschuldige meine Offenheit, miserabler Reiter. Die Pferde werden unruhig sein. Nicht einmal ich würde bei so einem Wetter reiten wollen. Du musst bis morgen warten“, warf Hamilton ein und kratze sich am Hinterkopf. Er schien bei all der Aufregung ganz vergessen zu haben, dass es sich hierbei noch immer um ein offizielles Gespräch während der Dienstzeit handelte, denn andernfalls hätte er sich einer weniger informellen Sprache bedient.„Das kann ich nicht. Lies dir den Brief doch durch, die vier Stunden sind vielleicht schon zu lange. Wenn Doktor Cochrane mit seiner Einschätzung richtig liegt, dann können wir nicht bis morgen warten. Ich gehe zu Fuß, wenn es sein muss!“„Zu Fuß? 16 Meilen?“, fragte Hamilton ungläubig.„Ich bin als Kind an einem Tag nach Philadelphia und wieder zurück gegangen. 16 Meilen sind kein Problem für mich.“„Bei dem Unwetter? Du bist selber halb tot bevor du Fishkill erreichst.“„Hast du eine bessere Idee? Nur her damit, ich bin für jeden Vorschlag offen.“ Der junge Arzt klang zunehmend ungehalten.„Nelson2 “, nahm Washington wieder an der Unterhaltung teil. Immerhin musste man doch endlich ein Ergebnis erreichen.„Wie bitte?“, hakte Friedrich nach.„Ich geben Ihnen eines meiner Pferde. Nelson ist hervorragend abgerichtet und kann auch mit einem unerfahrenen Reiter arbeiten. Dazu ist er es gewohnt mit mir auf dem Schlachtfeld zu sein. Die Kanonen, die Schreie, der Rauch. Das Unwetter wird ihn nicht zu sehr verschrecken. Mit Nelson können Sie nach Fishkill reiten. Heute noch.“So kam es dann, dass Friedrich keine Stunde später auf dem Pferd Washingtons in Richtung Fishkill ritt. Entgegen seiner sonstigen Präferenz hatte er dieses Mal auf einen Sattel bestanden. Zwar fühlte sich das Reiten so fremd und ungemütlich an, noch ungemütlicher als es das ohnehin schon tat, aber Friedrich war dankbar für den zusätzlichen Halt. Der Regen war bitterlich kalt, der Wind schneidend und die Dunkelheit so weit vorgeschritten, dass er häufig den Weg nur wenige Meter weit sehen konnte. Der Boden war schlammig und aufgeweicht, mehr als einmal wäre dem jungen Arzt beinahe das Herz stehen geblieben, als Nelson unter ihm den Halt zu verlieren drohte. Zumindest hatte er das Gefühl, dass das Tier ihn etwas warmhielt - dennoch, schon nach einer Stunde merkte Friedrich wie die großen Muskeln in seinen Beinen sich zu verkrampfen begannen. Wie dankbar er plötzlich doch über den Sattel war, mit seinen Fingern hatte er die Zügel fest gegriffen, aber seine Finger waren mittlerweile so starr, dass jede Bewegung wehtat. Hamilton hatte ihm eine vage Wegbeschreibung gegeben, so vage, dass sie aus wenig mehr als einem „folge einfach immer dem Weg“ bestanden hatte. Es stellte sich heraus, dass diese Beschreibung dennoch gar nicht schlecht war - es war ja auch nicht gerade so, dass er besonders viel erkannte. Mehr als einmal während seines Rittes verdammte Friedrich sich, er hätte bis zum Morgen warten sollen, solch ein Unterfangen zu solch später Stunde und unter solch schlechten Bedingungen war vollkommener Wahnsinn. Doch wann immer sich dieser Gedanke bei ihm einschlich, erinnerte Friedrich sich wieder daran, was eigentlich auf dem Spielt stand - nicht, dass er es wirklich vergessen könnte.Die Problematik war, dass Friedrich Zeit hatte um nachzudenken. Was für eine grausame Sache das doch war. Joséphine sah ihren Bruder sterben, vor ihrem inneren Auge, sie stand erneut in der kleinen Kammer in ihrem Elternhaus, doch plötzlich sah der Mann in dem Bett La Fayette ähnlicher als ihrem Bruder. Sie erinnerte sich an das Totenbett ihrer Mutter, blass und ausgezehrt und doch hatte sie gelächelt, als ihr kleiner Maximilian an ihrer Brust lag. Louis hatte nicht gelächelt, als er gestorben war, oder zumindest konnte sich Joséphine nicht sicher sein, sie war ja nicht beim ihm gewesen. Die einzige Erinnerung die ihr blieb, war sein schmerzverzerrtes Gesicht, als Wilson sie hinaus gedrängt hatte. Mit Louis wanderten ihre Gedanken wieder zu ihrem Zwilling und von dem Punkt an wiederholte sich der gesamte grausame Kreislauf wieder. Zwischendurch fand sie noch die Zeit sich vor Augen zu halten, dass sie immer noch kein Wort von ihrer Hanni gehört hatte - nach allem was Joséphine wusste, konnte ihre Schwester auch genauso gut tot sein. Die junge Frau fühlte sich unendlich kraftlos, besonders in Anbetracht der Tatsache, dass sie nichts tun konnte, um ihrer kleinen Schwester zu helfen. Ganz im Gegenteil. Wäre sie ehrlich gewesen, dann hätte Joséphines Bruder Friedrich sich nie auf diesen verhängnisvollen Ritt nach Philadelphia begeben, sondern wäre bei ihr in Germantown geblieben um sie zu beschützen. Wäre sie selber in Germantown geblieben, wer weiß, vielleicht hätte sie Louis dann davon abhalten können sich der Armee anzuschließen und damit seinen Tod in britischer Kriegsgefangenschaft verhindern können. Hätte sie Hanni nicht die Position als Krankenschwester verschafft, wäre diese ganz sicher bei ihr im amerikanischen Lager geblieben. Das wäre bei weitem keine ideale Lösung gewesen, aber eine, die zumindest die Sicherheit ihrer Schwester garantiert hätte.Unvermittelt brachte sie Nelson zum Stehen. Das Pferd schnaubte, es war mittlerweile ebenso erschöpft wie sein Reiter und bestimmt nicht erfreut so abrupt (und grob) kommandiert worden zu sein. Doch Joséphine war ein Gedanken gekommen, mit dessen Abwägung sie weder auf ihre Empfindungen noch die des Pferdes Rücksicht nehmen konnte. Was, wenn sie erneut einen Fehler machte? Was, wenn sie La Fayette nicht helfen konnte, was, wenn sich sein Gesundheitszustand unter ihrer Führsorge sogar noch weiter verschlechtern sollte? Das könnte sie nicht überstehen, das würde sie nicht überstehen. Für den Bruchteil eines Momentes entfaltete sich in ihrem Kopf das tollste Szenario. Sie war kein Teil der Armee mehr, sie war frei und wen würde es schon ehrlich wundern, wenn Dr. Deegen während eines solchen Ritts verschwinden würde? Der Regen prasselte auf Joséphine hinab und obwohl sie schon vollkommen durchnässt war, nahm sie es erst in diesem Moment so deutlich wahr. Ein Schauer fuhr ihr über den Rücken. Nein, nein, das konnte sie nicht. Sie konnte La Fayette nicht einfach den Rücken kehren, nicht einfach so tun, als würde man sie nicht brauchen. Entkräftet schloss sie die Augen. Aber es war auch so verlockend. Nicht zu helfen, dem Risiko zu entgehen ihren Freund sterben zu sehen. Joséphine holte tief Luft und flehte zu Gott, er möge ihre Wege leiten und ihr die Kraft geben, das Richtige zu tun. Als sie die Augen wieder öffnete, hatte der Wind gerade aufgefrischt und einige der Wolkenberge waren auseinander gestoben. Der Mond schien vom Himmel hinab und plötzlich konnte Joséphine in der Ferne Licht ausmachen und mit dem Licht eine Siedlung. Das musste Fishkill sein. Der Blick der jungen Frau fuhr gen Himmel. Ihr Gott hatte sie erhöht und ihre Wege auf deutlichere Art und Weise geleitet, als sie sich hätte wünschen können. Mit neuer Hoffnung im Herzen trieb sie Nelson ein letztes Mal an.Aus dem Brief, den Doktor Cochrane geschickt hatte, ließ sich heraus lesen, dass La Fayette im Haus der Familie Brinckerhoff untergekommen war3. Das beindruckende Anwesen war recht leicht zu finden und so erreichte Friedrich das Anwesen nur kurze Zeit, nachdem er zuerst Fiskill ins Auge gefasst hatte. Der junge Arzt sprang von dem Pferderücken - und genau das war der Fehler. Seine Beine waren von dem langen Ritt und von der Kälte dermaßen mitgenommen, dass seine Knie nachgaben und er wohl eine unangenehme Bekanntschaft mit dem Boden gemacht hätte, hätte er mit einer Hand nicht noch den Sattelknauf zu fassen bekommen. Nach einem kurzen Moment des Schreckens war wieder genügend Gefühl in seine Beine gekehrt, so dass er sich von alleine aufrecht halten konnte. Schon war er dabei sich nach einer Wache oder einem Soldaten umzusehen, irgendwem, in dessen Obhut er den reichlich erschöpften Nelson geben konnte, da verlor er beinahe erneut den Halt.Ein heißer Schmerz schoss krampfartig durch Joséphines Unterleib, ein Schmerz von solch einer Intensität, dass es ihr für einen Moment sogar unmöglich war zu atmen. Joséphine presste ihren Kopf gegen die Flanke des Pferdes, um ihren Aufschrei in ein dumpfes Wimmern zu verwandeln. Solch ein Schmerz war ihr nicht gänzlich fremd, sie hatte so etwas schon einmal gespürt, dachte sie, doch bevor sie diesen Gedanken weiter verfolgen konnte, war der Schmerz auch schon verschwunden. Dafür wurde ihre Aufmerksamkeit nun von eiligen Schritten hinter sich in Anspruch genommen.„Sir?“, rief jemand hinter Friedrich und dieser drehte sich in Richtung der Stimme. Sie gehörte einem jungen Mann, der eilig auf ihn zugeeilt kam.„Sir?“, wiederholte er sich als er näher kam.„Doktor Deegen, General Washington hat mich aus seinem Hauptquartier hierher geschickt, die anwesenden Ärzte zu unterstützen“, erklärte der junge Arzt und hielt dem Soldaten die Zügel des Pferdes entgegen, denn in dem Licht, das aus den hell erleuchteten Fenstern des Hauses drang, hatte Friedrich das Gebäude ausgemacht, von dem der Soldat sich ihm genähert hatte … und das sah doch nun einmal verdächtig wie ein Stall aus.Der Soldat widersprach auch nicht, sondern griff nur nach den Zügeln. Friedrich war sich für einen Moment unsicher, ob er sich ohne Nelson überhaupt auf den Beinen halten könnte, doch diese Sorge wurde ihm schnell genommen, als der Soldat das Tier begann weg zu führen und Friedrich immer noch aufrecht da stand.Mit einem Handzeichen bedeutete der Soldat Friedrich ihm zu folgen und mit Nelson im Schlepptau näherten sie sich dem Gebäude das Friedrich, korrekter Weise, für einen Stall gehalten hatte. Die Stallungen boten zumindest etwas Schutz vor den Elementen, nicht das es in Friedrichs Fall noch einen großen Unterschied machte.„Das Pferd gehört General Washington, ich empfehle Ihnen also, sich bei seiner Versorgung besondere Mühe zu geben“, meinte Friedrich und kippte das Wasser, welches sich während des Ritts in seinem Hut gesammelt hatte, auf den Boden. Der Soldat nickte nur mit großen Augen. „Wen Sie aus dem Hauptquartier geschickt worden sind, dann haben Sie doch bestimmt Befehl, sich hier zu melden, nicht?“, meinte der Mann und führte Nelson in eine Box.„Das habe ich. Ich soll mich bei Doktor Cochrane melden“, erklärte Friedrich.„Doktor Cochrane befindet sich meines Wissens momentan im Haupthaus. Möchten Sie, dass ich Sie hinführe?“„Nein danke, kümmern Sie sich um das Pferd und führen dann Ihren regulären Dienst weiter. Ich werde das Haus schon selber finden“, meinte Friedrich und trat wieder in den strömenden Regen hinaus.Am Haupthaus angelangt, erklomm er schnell die wenigen Stufen bis zur Eingangstür und pochte drei Mal resolut mit dem Türklopfer aus Messing gegen das Holz. Nur wenige Augenblicke später öffnete eine Magd ihm die Tür und ließ ihn eintreten. „Ich bin auf der Suche nach Doktor Cochrane. General Washington schickt mich“, meinte Friedrich, als das schüchtere Ding ihm den nassen Übermantel abnahm. Noch bevor die Magd Friedrich versichern konnte, dass sie den Arzt holen würde, erklangen bereits Schritte auf den Dielen über ihnen und ein Mann erschien auf den Treppen. Er war soeben aus einem der oberen Zimmer getreten und hatte die Tür behutsam hinter sich geschlossen, nun eilte er die Treppe herunter in die Eingangshalle. „Doktor Deegen?“, fragte der Unbekannte noch bevor er Friedrich ganz erreicht hatte. Dieser nickte nur den Kopf und erwiderte die Frage dann mit einer eigenen Frage.„Doktor Cochrane?“„Ganz richtig, Sir.“„Sie sind über meine Befehle informiert worden?“, wollte Friedrich wissen, auch wenn das eigentlich nicht sein konnte. Doch Cochrane schien sich recht sicher gewesen zu sein, wer der nächtliche Besucher war.„Nein Sir, das wurde ich nicht. Nachdem ich jedoch meinen Brief an General Washington geschrieben habe, hatte ich die Hoffnung, dass man Sie schicken würde. Sie sind immerhin der Stabsarzt des Marquis - und auch sein persönlicher Arzt, wenn ich richtig informiert bin. Ich bin mehr als nur erfreut ihre Expertise für meinen Patienten zu hören.“Friedrich nickte nur, ohne unhöflich zu erscheinen, wollte er die Begrüßung einfach nur so schnell wie möglich hinter sich bringen und endlich La Fayette sehen. Cochrane schien seine Ungeduld zu spüren und deutete die Treppe hinauf zu der Tür, aus der er eben erst hinaus getreten war. „Der Marquis ist dort oben untergebracht“, erklärte er und schaute an Friedrich herunter „doch vielleicht ist es angemessen, wenn Sie sich erst einmal trockene Kleidung anziehen - ansonsten sind sie vor Ende des morgigen Tages selber ein Patient“. Friedrich wollte gerade zustimmen - trockene Kleidung klang himmlisch, als es ihm plötzlich kalt über den Rücken lief. In seiner Eile aufzubrechen, hatte er zwar seine Arzttasche und ein paar Bücher zusammen gepackt, aber nicht einen Gedanken an Wechselkleidung oder dergleichen verschwendet. Er merkte wie er rot wurde. Cochrane schien seine Bedrängnis zu erahnen.„Sie haben keine Wechselkleidung dabei?“, fragte er daher mit einer erhobenen Braue.„Nein, Sir. Es scheint das … das in meiner Eile ich es vollkommen vergessen habe mir Kleidung mitzunehmen.“ Jetzt, wo er es aussprach, wurde der junge Deutsch-Amerikaner noch röter. Der ältere Arzt lächelte ob dieses Geständnisses breit. „Ihr Engagement ehrt Sie Sir. Nun gut, ich werde Ihnen fürs Erste etwas von mir leihen, das wird Ihnen bestimmt ein gutes Stück zu groß sein, aber sollte dennoch für diesen Abend seinen Zweck erfüllen. Morgen werde ich mich dann nach etwas Kleidung umsehen, die eher Ihrer Größe entspricht“, versprach er und führte Friedrich in das Zimmer, dass er in dem Haus bezogen hatte. Dort angekommen, trug er auch schnell die versprochenen Kleidungsstücke zusammen und legte sie auf das Bett - auf dem er sich dann ebenfalls niederließ. „Während Sie sich umkleiden, kann ich Ihnen schon einmal über den Zustand des Marquis in Kenntnis setzten und Ihnen erläutern welche Behandlungsschritte bereits unternommen worden sind.“Friedrich schluckte einmal schwer. Das klang nach gar keiner guten Idee.„Mit Verlaub Sir,“ begann er daher vorsichtig „ich würde mich gerne privat umkleiden, wenn das möglich ist.“Cochrane blickte verblüfft zu seinem Kollegen auf. „Aber was ist denn schon dabei? Mein Vorschlag ist wesentlich effizienter und-““Ich wünsche es so Sir“, unterbrach Friedrich ihn resolut und fügte hinzu „Ich bin Quäker … wir empfinden es als … Sünde, wenn Männer sich in Gegenwart anderer Männer umkleiden.“ Er konnte nur hoffen, dass Cochrane diese offensichtliche Lüge nicht erkennen würde. Das tat er auch nicht, stattdessen verdrehte er nur die Augen (eine Geste von der Friedrich sich sicher war, dass er sie eigentlich nicht hätte sehen sollen) und verließ den Raum. Friedrich atmete erleichtert auf und begann sofort sich zu entkleiden. Die nasse Kleidung klebte unangenehme an seiner Haut. Auch Joséphines Brustbinden waren vollständig durchnässt, aber da musste sie wohl durch, die konnte sie nicht mal eben so wechseln.Sobald Friedrich den letzten Knopf an seiner Weste geschlossen und seinen Mantel übergestreift hatte, trat er wieder aus dem Zimmer hinaus und ließ sich von Cochrane zu La Fayette führen. Auf dem kurzen Weg zwischen den beiden Zimmern, versuchte der junge Arzt sich für das Schlimmste zu wappnen. Doch als Cochrane dann die Tür öffnete und Friedrich hinter ihm eintrat, da merkte er, dass es umsonst gewesen war. La Fayette lag dort in dem Bett, die Augen geschlossen, das Gesicht blass und eingefallen, das rote Haar klebte an seiner schweißnassen Stirn. Es war ein schrecklich kümmerlicher Anblick, der Joséphine mitten ins Herz traf. Auch wenn La Fayette nicht schlechter aussah, als sonst ein Patient den Friedrich behandelt hatte, so machte die Freundschaft zwischen den beiden den Anblick doch wirklich erst unerträglich.„Sie haben ihn geblutet?“, fragte Friedrich nachdem ihm das Tuch unter La Fayettes Nase aufgefallen war.„Ja, wir haben den Marquis durch die Nase geblutet4, ich hielt das für am effektivsten“, bestätigte Cochrane und sein jüngerer Kollege nickte nur still. Friedrich selber war, wie viele Ärzte seiner Generation, kein großer Verfechter des Blutens - er sah einfach nicht den heilungsbringenden Effekt.Zwei Stunden später kniete Joséphine auf dem Teppich vor dem Krankenbett ihres Freundes, ins Gebet vertieft. Es war ein wenig Ruhe eingekehrt. Doktor Cochrane hatte die Behandlung La Fayettes vertrauensvoll in die Hände Doktor Deegens gegeben, nicht ohne zu bestärken, dass er selber seinem Kollegen jederzeit mit Rat und Tat zur Seite stehen würde, sollte dieser es wünschen. Joséphine hatte das Angebot dankend zur Kenntnis genommen und Cochrane dann eine gute Nacht gewünscht. Sie selber hatte ihr Schlafquartier in dem Zimmer des Marquis aufgeschlagen, ein Umstand der vielleicht keinen langen und tiefen Schlaf garantierte, da jede kleinste Regung des jungen Franzosen sie ganz ohne Zweifel aufwecken würde, doch zumindest war diese Vorkehrung ihrem inneren Frieden dienlich. Man hatte ihr auch eines der Gästezimmer am Ende des Ganges angeboten, aber Doktor Deegen hatte dankend abgelehnt. Der Platz eines guten Arztes war an der Seite seines Patienten5.So kauerte sie nun da und erst als sie ihr Gebet beendet hatte, erhob Joséphine sich wieder und setzte sich auf den Schaukelstuhl, den sie sich neben La Fayettes Bett gezogen hatte. Sie schlüpfte aus ihren Stiefeln und zog die Beine an den Oberkörper heran. Die junge Frau war müde, hundemüde, doch der Schlaf wollte nicht kommen. Wollte nicht kommen, da sie immer noch zu erregt von den Aufregungen und Anstrengungen der letzten Stunden war, wollte nicht kommen, da sie immer noch große Angst hatte, Gilbert nicht mehr unter den Lebenden anzutreffen, sollte sie nun einschlafen. Das Fieber des jungen Mannes war hoch, so hoch, dass es ihn leicht töten konnte. Joséphines Lippen zitterten, nein, das durfte nicht sein. Nicht Gilbert.„Ich verbiete dir zu sterben, hast du das verstanden? Ich habe einen Bruder an das Fieber verloren, ich werde nicht noch einen weiteren verlieren. Du hast eine Frau, du hast ein Kind und du musst leben, ist das verstanden?“, flüsterte die junge Frau in das Halbdunkel des Zimmers hinein, wissend dass ihr Freund sie nicht hören konnte. Aber darum ging es auch nicht, es ging viel mehr darum, dass sie es einmal laut ausgesprochen hatte. Der Umstand, dass sie La Fayette nun mit ihrem toten Bruder gleichstellte, fiel ihr nicht einmal auf. Cochranes Methoden hatten wenig dazu beigetragen, das Fieber zu senken. Der Arzt hatte es lediglich am Steigen hindern können. Doch als es dann, kurz nach Friedrichs Eintreffen, erneut begonnen hatte zu klettern, hatte Friedrich weniger invasive Behandlungsmethoden verordnet - nun hielten kalte Wickel das Fieber im Zaum und bisher war dieser Versuch auch noch von relativen Erfolg gekrönt - dennoch, es stand schlecht um den jungen General.Joséphine seufzte und lehnte sich weiter in den Stuhl zurück. Ihr Blick geisterte ziellos durch den Raum, als die Tür plötzlich geöffnet wurde und eine junge Frau eintrat. Einfach gekleidet wie sie war, hielt Joséphine sie für eine der Bediensteten des Hauses. Es war aber nicht die gleiche Magd, die sie an der Tür in Empfang genommen hatte.„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte Joséphine höflich und erregte damit das Interesse des Mädchens. Diese fuhr herum, ganz so als hätte sie Joséphine erst jetzt bemerkt. Doch statt einer Antwort starrte sie Joséphine nur sehr lange an - so lange, dass es der jungen Frau begann unangenehm zu werden.„Nein, kannst du nicht“, gab sie dann schließlich als Antwort und Joséphine entging nicht die unformelle Anrede.„Darf ich fragen wer Sie sind?“, wollte sie daher wissen. Ihre Neugierde wurde durch dieses merkwürdige Verhalten geweckt.„Wenn unser Gott gnädig gewesen wäre, dann wäre ich eine von Vielen. Aber so war ich doch alleine“, kam die Erwiderung, dieses Mal prompt.Joséphine zog die Augenbrauen zusammen. Wer war diese Frau und viel wichtiger noch, was wollte sie mit ihrem scheinbar sinnfreien Gerede ausdrücken? Doch bevor sie eine dieser Fragen formulieren konnte - oder jemanden finden konnte, der ihr mit dieser, offensichtlich verwirrten, Magd half, hatte diese sie auch schon wieder mit ihrem Blick fixiert.„Der Marquis wird nicht sterben, nicht heute Nacht zumindest und auch nicht in den kommenden Nächten, diese Krankheit wird er überleben. Denn unser Gott ist gnädig, er weiß, dass er noch einen großen Dienst gegenüber vielen Menschen zu erbringen hat - auch gegen mich.“„Wer bist du?“, presste Joséphine, Höflichkeit hin oder her, langsam machte die Fremde ihr Angst.„Ich bin deine Tochter“, lächelte die Angesprochene und Joséphines erste Reaktion war es auf die Füße zu springen vor Verwunderung, die zweite war es eine Hand schützend auf ihren Unterleib zu legen - es war keine ihrer initialen Reaktion der gemachten Aussage zu misstrauen, auch wenn das wahrscheinlich die natürlichste Reaktion hätte sein sollen.„Es tut mir leid Maman, wirklich leid“, meinte die Tochter dann zur Mutter und tat einen Schritt zurück, wieder in Richtung Tür.„Nein“, entgegnete Joséphine erschrocken und machte einen Satz nach vorne, nur um von einer Geste ihrer Tochter zurück gehalten zu werden. „Unsere Zeit ist noch nicht gekommen“, meinte diese und trat einen weiteren Schritt zurück. „Eines Tages wird sie kommen, doch dieser Tag ist nicht heute. Ich möchte nur, dass du weißt, dass es mir leid tut. Das was kommen wird, das was kommen wird, das hast du nicht verdient, mich, so wie ich in diese Welt gekommen bin, hast du nicht verdient. Ich habe nie verstanden, was für Opfer ich dir abverlangt habe und als ich es dann doch endlich verstanden habe, nun wie konnte ich dir da noch richtig danken?“Das waren die letzten Worte, die zwischen ihnen beiden an diesem Abend gewechselt wurden, denn unmittelbar nachdem sie gesprochen hatte, öffnete Joséphines Tochter die Tür und trat auf den Flur hinaus. Joséphine war nur allzu sehr bewusst, dass wenn sie ebenfalls auf den Flur treten würde, sie diesen verwaist vorfinden würde. Also ließ sie sich nur wieder in den Schaukelstuhl sinken, ihr Kopf übervoll an Gedanken und ihr Herz übervoll mit Gefühlen. Solch ein Wirrwarr war ihr Seelenleben in diesem Moment, dass es unmöglich gewesen wäre, es mit Worten zu beschreiben. Doch ein Gedanke stach heraus, einer der sich trotz seiner Gewichtigkeit noch immer nicht ganz in ihrem Bewusstsein hatte verankern können. Joséphine würde in einigen Monaten Mutter werden. Sie hatte dann ein Kind, auf das sie Acht geben müsste - und seit heute war sie auch frei die Armee zu verlassen, ohne bei jedem Schritt über ihre Schulter blicken zu müssen. Sie war frei einen Ort zu wählen, an dem sie ihr Kind gebären und groß ziehen wollte. Sie war frei, weder an einen Ehemann noch an einen General gebunden. Der Gedanke brachte sie zum Grinsen, als sie ihre Hand erneut auf ihrem Bauch ruhen ließ. Ihr Kind. Ihr Kind. Ihr kleines Kind in ihren Armen, an ihrer Brust. Ihr Herz schlug vor Freude schneller als es möglich sein sollte. Ihr Kind. Ihr Kind. Für einen Moment schien sie von dieser späten Erkenntnis so überwältigt zu sein, dass sie eines anderen Gedanken gar nicht mehr fähig war. Denn um ehrlich zu sein, hatte sie es bereits länger gewusst. Joséphine kannte ihren Körper, sie wusste, dass etwas anders war, sich verändert hatte. Dazu hatten ihre Eltern genügend Kinder gehabt, als das es der Tochter nicht unbekannt war, wie Kinder entstanden. Einige ihrer Freude, Walker und du Ponceau hatten ja auch etwas in die Richtung kommentiert, nicht das einem von ihnen beiden der wahre Grund für Friedrichs körperlichen Veränderungen bekannt gewesen wäre. So sehr verändert hatte sich Joséphines nun auch noch nicht, sie war um die Hüften und ihre Leibesmitte herum vielleicht etwas runder und fülliger geworden, soweit, dass es jemanden auffallen konnte der sie kannte und darauf ein Auge hatte, aber lange nicht so weit, als das es auffällig wäre. Tatsächlich war es ihr Gesicht, welches sich ihrer Meinung nach am meisten verändert hatte, es war irgendwie weicher geworden. Es war eines der Risiken gewesen, die sie eingegangen war, als sie sich Henry hingegeben hatte, immer und immer und immer und immer wieder. Sie fragte sich, wann sie ihr Kind wohl das erste Mal würde spüren können, wann es treten und sich zu bewegen beginnen würde. Ob es sich wohl um einen Jungen oder ein Mädchen handeln würde? Auch egal! Was für einen Unterschied konnte das schon in ihrem Herzen machen?Friedrich war sich nicht ganz sicher, wann genau er eingeschlafen war, aber irgendwann in den frühen Morgenstunden, die Sonne hatte sich gerade eben müde hinter einigen Wolken hervor gekämpft, wachte er auf, als Doktor Cochrane das Zimmer betrat. Friedrich schreckte hoch.„Verzeihen Sie Doktor Deegen, es war wirklich nicht meine Absicht, sie zu wecken oder gar zu erschrecken“, entschuldigte sich der Ankömmling und trat näher an das Bett heran. „Wie geht es unserem Patienten heute Morgen?“„Unverändert eigentlich. Das Fieber ist nicht weiter gestiegen, ist aber auch nicht gesunken.“„Hm, dass Bewusstsein scheint der General auch noch nicht wiederlangt zu haben?“Friedrich schüttelte den Kopf, nein, das hatte La Fayette leider noch nicht.„Wir müssen uns überlegen, wie wir ihn bei Kräften halten, ansonsten wird er dem Fieber wenig entgegen zu setzen haben. Den gestrigen Tag über haben wir ihm Wasser eingeflößt, aber wir sollten uns bei Zeiten Gedanken über etwas substanziellere Alternativen machen“, brachte Cochrane zum Ausdruck. Wieder gab Friedrich nur eine nonverbale Antwort und rieb sich die Augen.„Ich hatte vielleicht an eine Brühe gedacht. Möchten Sie das übernehmen, dann würde ich Ihnen jemanden mit der Suppe herauf schicken“, bot Cochrane an.Gesagt getan, keine halbe Stunde später saß Joséphine neben La Fayette auf dessen Bett, sein Oberkörper war mit Kissen ein wenig aufgerichtet worden und die junge Frau war bemüht mittels eines Lappens dem Marquis die dünne und abgekühlte Brühe in kleinen Mengen einzuflößen, so, dass er sich daran nicht verschlucken konnte. Es war ein langsam voranschreitender Dienst am Krankenbett, den die junge Frau leistete und bestimmt hätte Doktor Deegen eine Magd oder besser noch eine Krankenschwester aus dem Krankenhaus hier in Fishkill anfordern können, diesen Dienst zu übernehmen, aber der Gedanke kam Joséphine kein einziges Mal. Sie hätte es nicht anders gewollt und war sich auch sicher, dass La Fayette es nicht anders gewollt hätte. Der Franzose war mitunter furchtbar leicht zu beschämen und von jemand gänzlich Fremden solch eine Hilfe zu erfahren, hätte ihn, so glaubte Joséphine, sicherlich erröten lassen. Doch wie sie da so saß und ein patriotisches Lied summte, von dem sie wusste, das La Fayette es sehr schätzte6, ging es plötzlich ganz schnell. Mehr aus einem Reflex heraus ließ Joséphine den Lappen fallen, glitt von ihrem Platz auf dem Bett auf den Boden und erbrach sich dort auf allen Vieren. Sie schaffte es bis zum Nachttopf und ersparte sich damit zumindest die Arbeit ihr Erbrochenes später vom Boden aufwischen zu müssen, doch der strenge Geruch, der ihr aus dem Nachttopf entgegen stieg, ließ sie nur noch heftiger Würgen. Am liebsten hätte sie sich einfach für einem Moment auf dem kühlen Boden zusammengerollt und ihrem Elend hingegeben, doch ein Geräusch, dass durch die halbgeöffnete Tür aus dem Flur zu ihr in das Zimmer drang, ließ Friedrich hochschrecken. Noch ein wenig unsicher auf den Beinen fuhr Friedrich herum und salutierte. General Washington stand dort im Durchgang und seine Schritte waren es auch, die Friedrich hatten aufhorchen lassen.„Guter Mann, stehen Sie bequem. Sie müssen nicht salutieren, wenn Sie sich kaum auf den Beinen halten können“, meinte der General und runzelte die Stirn. Friedrich griff nach einem der Bettpfosten, um Halt zu haben, war jedoch ansonsten bemüht, Washingtons Sorgen zu zerstreuen.„Mir geht es gut Sir, ich bin lediglich etwas müde, ich habe diese Nacht so gut wie nicht geschlafen. Die Sorgen setzen mir zu.“Washington legte seine Stirn nur noch weiter in Falten, doch schien seine Sorge dieses Mal nicht an Friedrich gerichtet zu sein. Der Blick des Generals geisterte an ihm vorbei - und blieb zielsicher an La Fayettes Krankenbett hinter Friedrich hängen. „Wie geht es ihm? Seien Sie ehrlich mit mir, Doktor Deegen“, fragte Washington, seine Stimme schwer und gespannt. Zwischen den beiden Männer war noch einiges an Abstand, aber Friedrich hätte schwören können, dass er sah wie Washington ein paar Tränen wegblinzelten musste.„Nicht gut“, antwortete Friedrich wahrheitsgemäß und senkte seinen Blick auf den Boden. Gott, er wünschte sich, er könnte etwas anderes sagen, einen hoffnungsvolleren Ton anschlagen. Der General nickte nur langsam und ballte die Hände zu Fäusten, entspannte sie dann wieder. Auch wenn er solch eine Antwort eigentlich erwartet hatte - die Worte trafen ihn dennoch wie ein Schlag.Friedrich streckte die Hand aus, um mit seiner Geste Washington näher zu bitten, doch dieser schüttelte nur vorsichtig den Kopf. „Ich ziehe es vor draußen zu bleiben. Der Marquis braucht seine Ruhe und ich möchte nicht riskieren ihn zu erregen7“, erklärte Washington und machte sogar noch einen Schritt weiter von der Tür weg. „Überhaupt, ich kann nicht lange bleiben. Ich wollte diesen Besuch machen, aber meine Pflicht drängt mich schon bald wieder aufzubrechen. Ich wollte nur … ich wollte ihn nur sehen.“Friedrich nickte wieder und schritt dann entschlossen auf die Tür zu. „Ich werde Euch zu den Stallungen begleiten.“„Solltet Ihr nicht lieber …“„Nein. Momentan kann ich eh nicht viel tun und etwas frische Luft klingt tatsächlich nach einer sehr dienlichen Idee.“Washington brachte keinen erneuten Einwand vor und so schritten die beiden schließlich über den Platz vor dem Hof auf die Stallungen zu. Die Luft war kühl und roch wunderbar frisch. Friedrich nahm sich fest vor, bei seiner Rückkehr auch in La Fayettes Zimmer etwas zu lüften. Washington hatte, auch wenn seine Worte vorher noch anders anmuteten, anscheinend keine besondere Eile, sein Schritttempo war sehr gemächlich - bis er dann sogar stehen blieb.„Ich möchte, dass Sie ehrlich mit mir sind Doktor Deegen, wie steht es um den Marquis? Muss ich mich darauf einstellen, bald der Marquise zu schreiben, dass sie eine Witwe ist und ihr Kind eine Halbwaise?“Friedrich schluckte schwer, sammelte sich, bevor er zu sprechen begann. „Das kann ich nicht sagen. Das Fieber des Marquis ist hoch, aber so weit unter Kontrolle. Natürlich würde ich es gerne sinken sehen, aber momentan macht mir tatsächlich der Umstand, dass der Marquis nicht bei vollem Bewusstsein ist, mehr Kummer. Solch eine tiefe Besinnungslosigkeit ist ein besorgniserregendes Symptom. Gerade auch, da er so nur wenig an Substanz zu sich nehmen und seinem Körper damit wenig geben kann, gegen das Fieber anzukämpfen.“„Wie lange hat er noch? Ich meine, wenn er nicht bald wieder sein volles Bewusstsein wiedererlangt, wie lange hat er dann dem Fieber noch etwas entgegen zu setzen?“Friedrich atmete hörbar aus. Er hatte beinahe gehofft, Washington würde diese Fragen nicht stellen. „Drei Tage höchstens“, antwortete der Arzt dann. Der Virginier versuchte ob dieser Eröffnung gefasst zu wirken, scheiterte jedoch kläglich.„Sir, ich würde Sie bitten mir umgehend zu schreiben, sobald sich der Zustand des Marquis verändert - sowohl zum Guten als auch zum … als auch zum Schlechten. Schreiben Sie mir bitte nur. Ich werde meinen Stab anweisen alle möglichen Boten aus Fishkill unverzüglich zu mir durch zu lassen“, bat Washington und streckte den Rücken durch, als die beiden sich wieder in Bewegung setzten und dann auch die Stallungen erreichten.„Ich werde Sie umgehend informieren Sir“, versprach Friedrich.Der restliche Morgen verlief im Wesentlich wie der vorherige Abend. Friedrich saß an La Fayettes Krankenbett und hielt Wache. Er hatte den Raum gelüftet und ein wenig Platz geschaffen, um seine medizinischen Werkzeuge und Fachbücher auszubreiten. Gegen Mittag begann La Fayette Laute von sich zu geben, die Doktor Deegen als auch Doktor Cochrane, der sich gegen Abend zu seinem Kollegen gesellte, Grund zur Hoffnung gaben, er würde bald das Bewusstsein wiedererlangen.„Das wäre ein großer Schritt in die richtige Richtung“, meinte Cochrane und zog sich einen Stuhl neben Friedrich. Dieser nickte hoffnungsvoll und legte das Buch beiseite, welches er bis zu dem Eintreten seines Kollegen noch studiert hatte. Cochrane schielte auf den Einband. „Anatomie?“„Ja. Ich habe in der Theorie doch noch einige Lücken zu schließen“, gestand Friedrich und erinnerte sich an seine Unterhaltung mit Doktor Craik, damals direkt nach der Schlacht von Brandywine.„Anatomie ist auch wirklich ein leidiges Thema, ich habe es während meines Studiums selbst gemieden wo ich nur konnte.“Friedrich schmunzelte, wenigstens war er dann mit seiner Meinung nicht ganz alleine. Wobei er doch sagen musste, je mehr Zeit er damit verbrachte Anatomische Atlanten zu wälzen, desto stärker nahm auch sein Interesse an der Thematik zu. Erst neulich hatte er eine sehr interessante Abhandlung eines Londoner Arztes über den anatomischen Aufbau des weiblichen Unterleibes gelesen und wie diese neuen anatomischen Erkenntnisse möglicherweise den Geburtsvorgang sicherer und die Verwendung von Geburtszangen effektiver machen könnten8. Faszinierende Ideen. Doch bevor Friedrich sich weiter in seinen Gedanken verlieren konnte, beanspruchte Cochrane wieder seine Aufmerksamkeit.„Was halten Sie davon, wenn ich von hier an übernehme und Sie etwas zu Abend essen. Sie sehen aus, als könnten Sie eine Pause vertragen und ich bin momentan nicht weiter eingebunden“, schlug der Ältere vor und Friedrich nickte langsam. Der Vorschlag sagte ihm sehr zu, fiel ihm doch gerade auf, dass er seit gestern Morgen nichts mehr gegessen und tatsächlich ziemlichen Hunger hatte. Ein paar Worte des Dankes und schon war Friedrich aus dem Zimmer heraus und die Treppe hinunter in das Erdgeschosse. Von der Eingangshalle ging ein relativ schmaler Gang ab, der zur Küche führte. Dort waren gerade zwei Angestellte fleißig am Arbeiten, beide sahen aber auf, als der junge Arzt antrat. Friedrich wollte gerade fragen, ob es wohl zu viele Umstände machen würde, für ihn etwas Essbares zu finden - nicht das seine Ansprüche sonderlich hoch wären, als ihn ein Duft in die Nase stieg. Der Geruch erinnerte ihn an etwas, was seine Mutter immer gekocht hatte. Doch das war nicht der Umstand, der ihn so plötzlich verstummen ließ, vielmehr war es das seltsame Gefühl, dass ihn beschlich.„Sir?“, fragte eine der beiden Frauen, doch das hörte Friedrich schon kaum noch als er den Gang wieder entlang eilte, den Haupteingang öffnete und sich in einen der Büsche neben dem Eingang erbrach.Ganz wunderbar, dachte Joséphine und stützte sich mit einer Hand an der Außenmauer ab. So sehr sie sich auch auf ihr Kind freute, auf diese Symptomatik in den kommenden Monaten war sie alles andere als erpicht. Einen Moment lang lehnte sie gegen die kühle Steinfassade, bevor sie sich wieder aufraffte und ins Innere des Hauses trat. Den Gedanken an ein Abendessen hatte sie abgeschrieben und so erklomm sie wieder die Stufen zum oberen Stockwerk.Bei seinem Eintreten wurde Friedrich von einem erstaunen Doktor Cochrane begrüßt. „Sie haben sich ja beeilt Sir“, kommentierte dieser und Friedrich zuckte nur mit den Schultern und ließ sich wieder auf seinem Platz nieder.„Ich hatte mir überlegt die Nacht zu bleiben. Wie ich vermute haben Sie in der letzten Nacht nur sehr wenig geschlafen und mir persönlich würde es nichts ausmachen, diese Nacht Wache zu halten. Schlafen Sie ein wenig“, bot Cochrane an und Friedrich legte den Kopf schief. Das Angebot klang verlockend, aber er wusste zu gut, dass er in diesem Raum keinen Schlaf finden würde und solange La Fayettes Zustand noch so weit in der Waage hing, würde er seinen Freund aber auch nicht für längere Zeit verlassen. Bis zu dessen, zumindest teilweiser Genesung, war Schlaf eine Vorstellung von der der junge Arzt Abschied genommen hatte. Folglich schüttelte er an seinen Kollegen gewandt den Kopf und erklärte „Ich danke Ihnen Doktor Cochrane, aber ich werde eh auch diese Nacht kein Auge zu tun können. An der Seite des Generals zu sein ist meine Pflicht … und mein Privileg. Ich könnte es mir nie verzeihen, wenn er … und ich dann nicht …“„Ich verstehe schon“, versicherte Cochrane als Friedrich angespannt nach den richtigen Worten suchte, die ihm zwar auf der Zunge lagen, ihm aber nicht über die Lippen wollten, und legte ihm eine beruhigende Hand auf den Arm.„Aber leisten Sie mir gerne noch etwas Gesellschaft, wenn es Ihnen nichts ausmacht. Trotz seiner noblen Erziehung hat der Marquis sich heute als ein furchtbar schlechter Gesprächspartner entpuppt“, versuchte Friedrich mit einem kleinen Scherz die Stimmung zu lockern und tatsächlich, er erntete ein Kichern seines Zunftgenossen. Die beiden Ärzte leisteten sich noch mehrere Stunden gegenseitig Gesellschaft und tauschten die ein oder andere amüsant-verrückte Geschichte aus ihrer jeweiligen dienstlichen Erfahrung aus. Es war bereits kurz vor Mitternacht, als Doktor Cochrane sich schließlich erhob, um in seine eigenen Kammer zu gehen. Nun wo er keine Nachtwache am Krankenbett des Marquis zu halten hatte, wollte er früh am nächsten Morgen seine Runde durch das Militärkrankenhaus in Fishkill drehen. Auch Friedrich erhob sich mit der Intention sich zumindest soweit zu entkleiden, dass er über Nacht nach belieben - und Bedarf - zwischen dem Stuhl an La Fayettes Bett und seinem eigenen Nachtlager wechseln könnte.Die stockfinstere Nacht fand Joséphine wach auf ihrer Pritsche liegend, den Blick an die Decke gerichtet. Sie lag ganz reglos da, die Schenkel ein wenig gespreizt und beide Hände zwischen ihre Beine gepresst - ein verzweifeltes und nutzloses Unterfangen. Sie wusste nicht, wie viel Zeit sie schon so zugebracht hatte, denn sich zu bewegen traute sie sich nicht. Jede Bewegung würde ihre kleine Illusion zerstören. Als sie dann doch begann, die Finger ein wenig zu beugen und zu krümmen, merkte sie wie das Blut an ihren Händen und zwischen ihren Beinen bereits zu trocken begonnen hatte und klebrig war. Ihr Körper fühlte sich leer an, keine mentale Leere die sie bereits häufiger in diesem Krieg erlebt hatte, nein, es war eine ganz bestimmte, körperliche Leere. Die Leere eines Leibes der eigentlich ein neues Leben behausen sollte. Joséphines Körper fühlte sich leer an, Joséphines Körper war leer.So benebelt machte sie die Leere, die Erkenntnis die dahinter stand, dass sie nicht einmal die Kraft zum Weinen hatte. Sie wollte gerne weinen, aber das konnte sie einfach nicht. Sie konnte einfach nur daliegen, an die Decke starren und sich fragen, wann sie aus diesem Traum erwachen würde. Es musste doch ein Traum sein. Sie konnte ja nicht, nicht schon wieder …Mit einem Ruck setzte Joséphine sich dann auf ihrer Lagerstätte auf, es war keine bewusste Entscheidung gewesen, über die sie Kontrolle gehabt hätte, es war ein eigenständiger Reflex ihres Körpers, Muskeln die ohne ihre Zustimmung agierten. Für meinen Moment fragte sie sich, was sie nun tun sollte, sie war vollkommen antriebslos. Atmen wäre ein guter Anfang. Ein und aus, ganz langsam und gleichmäßig. Ihr Blick wanderte zu dem Kamin in dem noch immer ein Feuer brannte. Für einen Moment war sie vollkommen gebannt von dem Feuer, erlaubte den Flammen in ihrem Verstand aufzulodern und sie ganz einzunehmen, jeden anderen Gedanken zu verjagen. Innerlich wusste sie, dass sie etwas tun musste, dass sie nicht einfach hier sitzen konnte - aber sie hatte auch nicht den Antrieb sich aufzuraffen. Joséphine war müde, es war eine bleierne und vollkommen einnehmende Müdigkeit, die sie gnädiger Weise davon abhielt, viel über ihre derzeitige Situation nachzudenken. Ihre Gedanken drehten sich nur um das Feuer und darum, wie müde sie doch war. Doch plötzlich stand die junge Frau von ihrer Pritsche aus, seltsam wackelig auf den Beinen. Ihr Blick glitt an ihr herunter und noch immer konnte sie es noch nicht ganz begreifen, da war noch immer das Feuer in ihrem Kopf. Es war nicht allzu viel Blut auf der Pritsche, sie könnte die Laken einfach umdrehen und keiner würde etwas merken. Doch da war Blut an ihren Beinen und an ihrem Hemd. Für einen Moment starrte sie das Blut an, das dort wie kleine Sommerblumen auf ihren fahlen Beinen erblühte. Der Kontrast faszinierte sie irgendwie und sie behielt ihren Blick für einen Moment bei. Da war ein Gedanke, der sich in ihrem Kopf formte, doch bevor er wirklich Gestalt annehmen konnte, wurde auch er von den Flammen verschlungen.Fast schon mechanisch ging Joséphine auf den Schrank zu und nahm von einem der Regalböden frische Kleidung. Sie würde sich etwas waschen müssen, bevor sie sich neu ankleidete.Mit der Wäsche unter dem Arm schlich sie sich auf Zehnspitzen aus dem Zimmer, die Treppe hinunter und durch die Küchentür heraus. In der Nähe des Anwesens war ein kleiner See, ein Teich, das hatte sie entdeckt. Noch immer war sie keines vernünftigen, rationalen Gedankens fähig, andernfalls wäre sie nicht so leichtsinnig einfach in dem Aufzug, in dem sie nun einmal war, vor die Tür getreten. Doch Joséphine verschwendete keinen Gedanken daran, wer sie sehen könnte, dass sie überhaupt jemand sehen könnte. Trotz des Feuers in ihrem Kopf, trotz ihrer Müdigkeit spürte sie doch einen ganz deutlichen Schmerz in ihrem Herzen und dieser Schmerz brachte eine Kälte, brachte ein Gefühl von Einsamkeit mit sich. Wie sollte sie schon damit rechnen, gesehen zu werden, wenn sie sich fühlte, als sei sie ganz alleine auf dieser großen weiten Welt. Ohne ein nettes Gesicht, eine in Freundschaft ausgestreckte Hand, Lippen die tröstende Worte formten.Die kühle Nachtluft ließ Joséphine für einen Moment innehalten und erschaudern. Doch nach diesem kurzen Augenblick der Klarheit setzte sie unbeirrt ihren Weg fort.Am Wasser angekommen legte sie die Wechselkleidung zur Seite und zog sich aus, ohne einen weiteren Blick über ihre Schulter zu werfen. Sie war stumpf für jede Gefahr geworden. Wackelig watete sie ins dunkle Wasser vor, das Wasser war eiskalt. Ihre Atmung beschleunigte sich, als das kalte Wasser auf sie eindrang. Mit einem Mal war sie wieder vollkommen bei sich, vollkommen wach und bei klarem Verstand. Joséphine blinzelte gegen die nächtliche Dunkelheit, als sie darum kämpfte sich auf den Beinen zu halten. Sie zitterte am ganzen Körper und machte unsicher wieder ein paar Schritte in Richtung Ufer. Mit klammen Fingern griff sie nach dem Laken, das sie sich als Handtuch mitgebracht hatte und warf es sich über die Schultern. Sie setzte sich ans Ufer, zog die Beine an den Körper heran. Tränen begannen sich in ihren Augen zu sammeln, sammelten sich in ihren Augen und liefen ihr dann die Wange herunter. Ein Schluchzen entwich ihr, als ihr Körper es ihr dann endlich erlaubte zu weinen. Die Erkenntnis, was gerade geschehen war, begann sich in ihrem Kopf fest zu setzen. Nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein. Nein. Nein. Nein. Nein! Nein! Nein! Nein! Joséphine wollte schreien, wollte all ihren Schmerz in die Welt heraus schreien, doch stattdessen entwichen nur langgezogene Schluchzer ihrer Kehle. Erschöpft beugte sie sich vor, berührte mit ihrem Kopf beinahe ihre Beine und schlug mit einer Hand gleichzeitig auf den feuchten Boden ein. Noch nie hatte sie sich in ihrem Leben so ohnmächtig, gleichzeitig so wütend, so verletzt und verzweifelt gefühlt.Während ihres Studiums war Joséphine niemand gewesen, der häufig das Theater frequentiert hatte. Einige ihrer Kommilitonen hatten es getan, aber ihr hatte stets das Geld dafür gefehlt, mehr sogar noch die Zeit und überhaupt fand Joséphine, dass Theater eine ziemlich gewöhnliche und vulgäre Sache war - zumindest in den Theatern, die ihre Mitstudenten immer aufgesucht hatten. Sie war der Meinung gewesen, dass die Schauspielerei nichts für eine Frau war. Eine Frau gehörte nicht auf die Bühne. So etwas ziemte sich nicht. (Die Ironie, nämlich dass ihr eigenes Verhalten noch tausendmal unziemlicher, ja sogar kriminell war, war ihr dabei nicht entgangen.) Nur einmal hatte sie sich eine Aufführung angesehen, ein Mitstudent den man schon beinahe als einen Freund Friedrichs hätte bezeichnen können, hatte solange nicht nachgegeben, bis sie zusammen ein Stück besucht hatten. An die Handlung selber konnte Joséphine sich nicht mehr erinnern, aber sie wusste, dass zu Beginn des zweiten Aktes eine Mutter eine Nachricht überbracht bekam, die berichtete wie ihr Sohn, einer der Protagonisten des Stückes, im Kampf gegen die römischen Legionen gefallen sei. Die Reaktion war von Trauer nicht weniger geprägt als von Eleganz, daran erinnerte Joséphine sich. Würdevoll war sie auf die Knie gesunken, hatten den Kopf auf einen Stuhl gelegt und leise geweint. Diese alte, eigentlich längst vergessene Erinnerung nahm die junge Frau plötzlich ein. Ein Schauspiel, natürlich war es ein Schauspiel, denn wie konnte man andernfalls so würdevoll trauern? Um sein eigenes Kind noch dazu?Der Wind frischte erneut auf. Joséphine zog das Laken enger um die Schulter doch wusste sie auch, dass sie hier nicht einfach sitzenbleiben könnte. Sie musste etwas tun, musste sich waschen, ankleiden, zurück in ihr Zimmer gehen … musste weitermachen, ganz so als sei nichts gewesen. Joséphine war immer jemand gewesen, der gut darin war weiterzumachen, einfach weiterzumachen, ganz so als ob nichts geschehen war. Doch in dieser Nacht war sie sich nicht sicher, ob sie diese Kraft noch immer hatte. Sie konnte sich auch nicht so recht aufraffen, ihre Beine wollten ihr nicht mehr gehorchen und so blieb sie da am Ufer sitzen, obwohl sie wusste, dass die Zeit gegen sie war, dass jeder weitere Moment hier draußen eine potenzielle Gefahr für sie war, obwohl ihr kalt war.Als sie dann doch endlich wieder auf die Füße kam und ins Wasser ging, da konnte sie die Kälte dieses Mal besser aushalten. Das Wasser reichte ihr bis zur Hüfte und so musste sie nicht hinsehen, als sie sich mit einer Hand das Blut von den Schenkeln wusch. Sie sah einfach nicht, hätte beinahe noch die Augen geschlossen, nur um es nicht sehen zu müssen. Durchgefroren und zitternd wie Espenlaub kam sie wieder zum Ufer und streifte sich ein frisches Hemd über. Ihre Haut war vor Kälte ganz rot.Sie stand noch immer knöcheltief im Wasser, als sie sich wiederherum drehte. Ihr Blick fiel auf das dunkle, beinahe schon schwarz wirkende Gewässer. Es war nicht allzu groß, aber die dunklen Farbtöne der Nacht verliehen ihm eine surreale Tiefe. Ein paar kleine Wellen kräuselten die Oberfläche noch von Joséphines vorherigen Bewegungen. Sie atmete tief ein und aus. Trotz der Kälte wirkte das Wasser irgendwie einladend. Es schien plötzlich so ruhig und stetig, eine Lösung für alle von Joséphines Problemen. Kein gottgerechter Weg, aber dafür ein menschlicher.Wahrscheinlich hätte Joséphine noch lange so auf das Wasser gestarrt, hätte die sanften Verwirbelungen an der Oberfläche beobachtet - vielleicht hätte sie auch mehr getan. Doch bevor eines dieser Szenarien sich hätte verwirklichen können, streifte etwas Joséphines Beine. Im ersten Moment hielt sie es für den auffrischen Wind oder vielleicht sogar ein wildes Tier, welches ihr ob ihrer stillen Haltung so nahe gekommen war. Sie drehte sich herum und was sie sah war kein Tier, nein, da stand ein Kind. Ein kleines Kind, fünf, im besten Fall sechs Jahre alt. Der kleine Junge stand einfach nur da und sah zu wie Joséphine vor Schreck einen Schritt zurück machte und dabei beinahe rückwärts in den Teich gestolpert wäre.„Wer bist du?“, fragte sie vorsichtig in die Nacht hinein, sobald sie ihren festen Stand wiedererlangt hatte.„Du erinnerst dich nicht?“, fragte der Junge und zog einen Schmollmund wie wirklich nur ein kleines Kind es konnte.Joséphine legte die Stirn in Falten. Müsste sie diesen Jungen denn irgendwoher kennen? Gehörte er vielleicht zur der Familie Brinckerhoff in dessen Haus La Fayette und sie untergekommen waren? Oder war er der Sohn eines Kameraden mit dem Friedrich gedient hatte? Aber würde er sie dann überhaut erkennen? Während die junge Frau in Gedanken noch einer Antwort nachjagte, setzte sich ihr Gegenüber plötzlich unvermittelt auf den Hosenboden und verschränkte die Arme - ein bockiges Kind wie es im Buche stand. Joséphine beschloss zu improvisieren, denn ihr war kalt und sie war müde und wollte nur noch heim, hielt es aber auch für unverantwortlich ein kleines Kind des Nachts alleine um einen See streunen zu lassen. „Was hältst du davon, wenn ich dich jetzt zurück zu deiner Mutter und deinem Vater bringe, ja?“, meinte Joséphine und streckte die Hand einladend aus. Für einen kurzen Moment dachte sie sogar, dass Kind würde sich darauf einlassen. Der Knabe hatte sich wieder erhoben und war auf sie zugegangen, doch statt ihre Hand zu nehmen schlug er diese aus und trat an ihr vorbei an dem Rand des Teiches. Joséphine hatte zu viele kleine Geschwister gehabt, um nicht bei solch einem Verhalten aus dem Instinkt heraus zu reagieren. Sie ging hinter dem fremden Kind in die Knie und legte sanft ihre Arme um seinen Körper, damit es ja nicht vorn herüber in den Teich fallen konnte. „Wir sollten jetzt wirklich gehen“, meinte sie.„Es war so kalt“, erklärte das Kind plötzlich, seine Stimme von einer Furch verzerrt die ein Kind eigentlich nicht kennen sollte, nicht kennen dürfte. Wut machte sich in Joséphine breit, Wut gegenüber der Person, die diesem Kind so etwas angetan hatte. Ein paar Tränen rannen über sein kleines Kindergesicht als er sich umdrehte und gegen Joséphines Brust drückte. „Es war so kalt und ich war ganz alleine … ich hatte solche Angst“, schluchzte der Junge weiter. Joséphine fühlte sich vollkommen überfordert, fühlte sich hilflos und fühlte wie ihr ebenfalls die Tränen in die Augen stiegen.Bevor sie jedoch gezwungen war zu handeln, stieß der Junge sich wieder von ihr ab und wischte sich mit einem Ärmel über das nasse Gesicht. Er zog hörbar die Nase hoch. „Kannst du dich jetzt an mich erinnern?“, frage das Kind.Joséphine schüttelte den Kopf. Sie konnte auch einfach ehrlich sein.Der Junge nickte. „Das ist nicht schlimm, du warst ja auch noch ziemlich klein“, meinte er mit einer neunmalklugen Art. „Aber tust du mir einen Gefallen?“„Ja …“, antworte Joséphine unsicher und richtete sich wieder auf. Den größten gefallen würde sie dem Kind wohl tun, wenn sie seine Eltern finden würde.„Sagst du Hanni, dass sie keine Schuld trifft? Ich weiß sie gibt sich die Schuld, aber das muss sie nicht. Sie hat mir verboten mich von der Farm zu entfernen und ich habe nicht auf sie gehört. Sie trifft keine Schuld - nun ja, vielleicht ein bisschen, immerhin hätte sie auf mich aufpassen sollen - aber ich gebe ihr keine Schuld. Ich verzeihe ihr.“Joséphine stockte der Atem als ihr plötzlich die Erkenntnis dämmerte. Mit leichenblassem Gesicht drehte sie sich zu ihrem Bruder um.„Maximilien?“„Du erinnerst dich“, kam die freudige Antwort und sein kleines Gesicht hellte sich auf.Seine Schwester nickte nur stumm und schluckte schwer. Das war nicht gerecht, das war auf so viele verschiedene Arten und Weisen nicht gerecht, dachte sie, als sie wieder in die Knie ging. Sie breitete einladend die Arme aus. „Komm her“, flüsterte sie und Maximilien schmiegte sich wieder an sie.„Du erinnerst dich!“„Ja, ich erinnere mich … was du da erzählt hast, Maximilien, heißt das, dass du … ertrunken bist?“„Ja.“„Oh mein armer Junge.“„Du musst nicht um mich weinen Phine, ich bin jetzt jeden Tag bei Mére und bei Friedrich“, erklärte Maximilien und sein Tonfall war eine seltene Mischung aus Fröhlichkeit und Traurigkeit.„Maximilien? Sind dort noch andere aus meiner, unserer Familie? Noch andere Kinder vielleicht?“, fragte Josephine und spürte wie ihr heiße Tränen die Wange herunterkullerten. Ihr Bruder war für eine lange Zeit still bevor er meinte „es tut mir Leid für dich Phine.“„Ja, mir tut es auch Leid.“„Gibst du mir ein Versprechen Phine?“„Ich verspreche dir alles Maximilien“, beteuerte die junge Frau und ihre Stimme klang dabei tränenrauer als sie es beabsichtigt hatte. Eigentlich hätte sie als Ältere für ihren kleinen Bruder stark sein müssen, aber sie hatte das Gefühl, dass eher er für sie stark war.„Ich weiß, was du gedacht hast, ich meine vorhin. Versprich so was nicht mehr zu denken. Das ist nicht schön. So kalt und es macht einem Angst und tut einem auch weh. Denk so was nicht mehr.“„Ich verspreche es dir Maximilien“, meinte Joséphine und es fiel ihr nicht im Geringsten schwer diese Worte zu sagen.„Mach die Augen zu Phine.“„Du wirst weg sein, wenn ich sie öffne, habe ich Recht?“„Warum stellst du mir auch Fragen, auf die du die Antwort schon kennst?“Das Aufgehen der Sonne ließ sich bereits am Horizont erahnen, als Joséphine sich wieder in das Zimmer schlich. Sie war müde - nein, müde traf es nicht. Sie war ausgelaugt, verbraucht, wie ein Streichholz, das niedergebrannt war. Was sie darüber hinaus fühlte? Sie fühlte so viel und gleichzeitig so wenig. Da war ein Sturm, ein Brodeln tief in ihr. So heftig waren ihre Emotionen, dass sie sich beinahe schon wieder gegenseitig aufhoben. Ihr war, als fühlte sie zu viel, als ob es nicht möglich wäre all das, was sie empfand, auf einmal zu empfinden. Sie fühlte sich, als würde sie in einem Licht stehen, beinahe schon selig. Sie fühlte sich, als ob sie in einem Tal wanderte, hohe Wände aus Schatten bauten sich links und rechts und vor ihr und hinter ihr auf, als kenne diese Welt kein Licht mehr. Joséphine fühlte alles zwischen diesen beiden Extremen zur gleichen Zeit. Sie fühlte sich, als ob sie verbluten würde, und ersticken, und verbrennen, als ob sie tausend Tode auf einmal erleiden würde. Nur ohne die Gnade wirklich zu sterben. Doch ihr Körper fühlte sich tot an und matt und leer und taub. Es war eine Sache eine Mutter, einen Bruder oder einen Ehemann zu verlieren, aber ein Kind? Es gab Wörter für das was sie war. Eine Halbwaise, eine Witwe, aber es ihr fiel in keiner der Sprachen die sie sprach ein Wort ein, um zu beschrieben, was sie auch war - eine Mutter die ein Kind verloren hatte. Als ob hinter dieser Tatsache ein Schmerz steckte, dem kein Wort je gerecht werden könnte. Als ob hinter dieser Tatsache eine Realität steckte, die so grausam war, dass mein kein Wort dafür haben wollte. Man wollte nicht darüber reden, es nicht sagen müssen, dieses gewichtige Wort was man andernfalls hätte. Man wollte den Schmerz wegsperren, verschließen, verdammen und kein Wort finden, das ihn wieder hervorlocken könnte. Wenn es doch bloß so einfach wäre, wenn es doch bloß nur um Worte ginge. Sie fühlte sich verraten und benutzt, sie fühlte sich wie die Verräterin, war aber doch unsicher, ob sie sich selbst verraten hatte, oder ob der Verrat und das Gefühl eine Verräterin zu sein sich auf zwei unterschiedliche Aspekte bezogen. Joséphine schlief diese Nacht ein und träumte nicht.Als Doktor Cochrane am neuen Morgen in das Krankenzimmer des Marquis de La Fayette kam, da hatte sich Doktor Deegen bereits für den kommenden Tag fertig gemacht. Mit dem Rücken zur Tür stand er am Fenster, die Hände hinter sich verschränkt und den Blick seltsam in die Ferne gerichtet. Erst das Knarren der Türscharniere erweckte Friedrichs Aufmerksamkeit und er drehte sich zu seinem Kollegen um.„Guten Morgen“, meinte der Jüngere der beiden Ärzte schlicht aber höflich.„Guten Morgen Sir. Irgendwelche Neuigkeiten?“, fragte Cochrane und sein Blick wich von seinem Zunftgenossen zu seinem Patienten.„Seinen Zustand ist leider immer noch unverändert“, berichtete Doktor Deegen, sein Ton noch immer ungewöhnlich flach.„Hmmm, ich hatte heute Morgen wirklich mit guten Nachrichten gerechnet, gerade nach dem gestrigen Tag war ich wirklich optimistisch - ich scheine mich geirrt zu haben“, meinte Cochrane und sah wieder zu Friedrich. Dieser nickte nachdenklich.„Geht es Ihnen gut? Sie sehen ja fürchterlich aus“, kommentierte Cochrane nach näherer Betrachtung seines Kollegen. Friedrich zuckte mit den Schultern. Er sah wahrscheinlich wirklich fürchterlich aus, die Nacht hatte ihn gezeichnet. Sein Vater hatte immer gesagt, dass selbst die dunkelste Nacht enden würde und die Sonne sich über einem Tag erheben würde. Dieser neue Tag war nun angebrochen und es tat immer noch weh - nur war die Art des Schmerzes anders geworden. Joséphine hatte Menschen mit den schrecklichsten Verbrennungen gesehen, die Wunden selber bereiteten den Verletzten keine Schmerzen, das Gefühl, jegliche Empfindung war aus den betreffenden Körperpartien gewichen. Doch das Gewebe drum herum schmerzte und brannte und juckte und war irritiert.Joséphine hatte das Gefühl als sei der gestrige Schmerz durch einen anderen ersetzt worden, nicht mehr so akut, nicht mehr so lodernd, aber dafür ein Schmerz der den ganzen Körper benebelte. Wie ein Gift, das sich langsam seinen Weg durch ihre Adern bahnte. Joséphine hatte in ihren jungen Jahren bereits so viele geliebte Menschen verloren, sie wusste, dass der Schmerz nicht aufhören würde. Aber er würde seinen Platz finden. Er würde durch ihren Körper wandern, Tage, Wochen, Monate, vielleicht sogar jahrelang, bevor er dann einen Ort finden würde, an dem er verbleiben würde. Oh, Joséphine und der Schmerz würden miteinander um diesen Ort ringen, würden sich gegenseitig nicht den kleinsten Vorsprung gönnen. Doch irgendwann würde man sich einigen, würde einen Waffenstillstand erringen. Nicht mehr und nicht weniger.„Ich bin erschöpft und habe diese Nacht sehr schlecht geschlafen“, log Friedrich und rieb sich mit den Händen über das Gesicht.„Ich verstehe Sir, ich kann mein Angebot nur erneuern, dass ich Ihnen etwas Arbeit abnehmen kann. Nachtwachen, Tagwachen, ich bin gerne behilflich, wo ich nur kann“, beteuerte der andere Arzt.Friedrich schüttelte langsam den Kopf. „Ich denke, das wird nicht nötig sein. Viel Arbeit fällt tatsächlich nicht an. Eine Bitte hätte ich jedoch, bei der Sie mir wohl weiterhelfen könnten.“„Immer heraus damit.“„Wie gesagt, wirklich viel Arbeit fällt nicht an. Die meiste Zeit sitze ich nur hier und drehe Däumchen … dieses Nichtstun treibt mich noch in den Wahnsinn. Ich werde mich natürlich auch weiterhin um jeden Belang in Verbindung mit der Behandlung des Marquis kümmern, aber ich hatte gedacht ob ich, gerade tagsüber, vielleicht ein paar Stunden in dem Hospital hier aushelfen kann - und wenn ich auch nur die Arbeit einer Krankenschwester zugeteilt bekomme, ich brauche etwas zu tun“, meinte Friedrich und lehnte sich gegen die Fensterbank. Cochrane runzelte verwirrt die Stirn.„Nur damit ich das richtig verstehe, ich biete Ihnen an Sie zu entlasten, aber sie fragen nach mehr Arbeit?“„Ich brauche etwas zu tun Sir, oder ich verliere den Verstand“, meinet Friedrich und umklammerte mit den Händen so fest die Fensterbank, dass seine Knöchel weiß hervor traten. Seine Stimme klang beinahe schon flehentlich. Wo die langen Stunden an dem Krankenbett ihres Freundes Joséphine zu Beginn noch Ruhe und Zeit versprochen hatten, gaben sie ihr nun die Gelegenheit über so vieles Nachzudenken. Sie wollte nicht nachdenken, sie wollte einfach nur wieder weiter machen, so wie sie es immer getan hatte. Ihre Arbeit hatte sie immer gerettet, hatte ihr immer einen sicheren Hafen geboten, in dem sie nicht nur all ihre Gefühle ablegen konnte, sondern sogar musste, um professionell und erfolgreich arbeiten zu können. Ihre Arbeit würde sie auch dieses Mal retten.„Ich denke nicht, dass das wirklich solch eine gute Idee ist, Doktor Deegen. Sie werden sich übernehmen“, wandte Cochrane erneut ein. Friedrich schüttelte erneut energisch den Kopf, schloss die Augen und bemühte sich seine Stimme nicht allzu zittrig klingen zu lassen.„Na gut dann … wenn Sie es unbedingt so wollen … von mir aus können Sie in unserem Krankenhaus aus- und eingehen wie es Ihnen beliebt. Über zu wenig Arbeit können wir uns nicht beklagen, aber das muss ich Ihnen wahrscheinlich nicht sagen. Sagen Sie nur dem diensthabenden Oberarzt Bescheid und dieser kann sie dann einweisen.“Friedrich kam noch am selben Tag auf das Angebot seines Kollegen zurück und leistete am Abend für ein paar Stunden Dienst in dem Militärkrankenhaus in Fishkill. Er war gegangen, nachdem er sichergestellt hatte, dass La Fayette in seiner Abwesenheit gut versorgt war und er blieb auch nur halb so lange wie er es gerne getan hätte. Zu groß war noch immer die Sorge des Arztes, den Marquis lange alleine zu lassen. Zwar hatte er die Versicherung von Joséphines Tochter, aber das hätte genauso gut auch einfach ein Fiebertraum sein können.So betrat Friedrich am frühen Abend, die letzten Strahlen der Sonne versanken gerade hinter dem Horizont, wieder das Krankenzimmer des jungen adeligen Generals. Er zog die Schuhe aus und warf ein weiteres Holzscheit in das prasselnde Feuer. Die Wärme war angenehm. La Fayette lag regungslos in seinem Bett, sein rotes Haar wie ein feuriger Heiligenschein um seinen Kopf verteilt. Friedrich machte sich die mentale Notiz am kommenden Morgen die Angestellten nach neuen Laken für den Marquis zu fragen. Gedankenverloren griff er nach der Wasserkaraffe und füllte Wasser in die Waschschüssel. Sobald er sich seiner Krawatte entledigt hatte, wusch er sich Gesicht und Hals, Hände und Unterarme. Dabei sprach er zu La Fayette, nicht das der junge Arzt eine Antwort erwartet hätte, aber er fand es war eine nette Geste.„Ich habe heute ein wenig in dem Krankenhaus hier in Fishkill gearbeitet. Ich brauchte erst einmal ein wenig Zeit, um mich daran zu gewöhnen. Diese großen Krankenhäuser sind doch anders strukturiert als die Regimentshospitäler. Was für ein elendiges Bild die Kranken doch immer wieder abgeben. Diesen Anblick werde ich ganz bestimmt nicht vermissen.“ Friedrich griff nach einem Handtuch und trocknete sich das Gesicht. Mit einer Hand griff er nach einem Buch, was er auf die Kommode gelegt hatte und ließ sich mit seiner Lektüre wieder auf seinem Stuhl neben La Fayettes Bett nieder. Der Deutsch-Amerikaner öffnete das Buch auf der markierten Seite und begann zu lesen. Noch bevor er wirklich weit gekommen war, schloss er das Buch wieder und schaute seinen Freund sehr ernst an.„Weiß du, was mich heute am meisten erschrocken hat? Nicht das Elend der Kranken, das bin ich mittlerweile gewöhnt, nein, mich hat es schockiert zu beobachten, wie gut ich mich gefühlt habe. Als ob all dieses fremde Elend um mich herum zu haben, es mir ein wenig leichter machen würde mit meinem eigenen Kummer umzugehen.“ Joséphiene lachte trocken. „Wie verkommen ich doch bin. Wie furchtbar verkommen ich doch bin, ich erbaue mich an dem Leid anderer Menschen. Noch etwas, ich musste heute die ganze Zeit über Kindernamen nachdenken, wie ich mein Kind wohl genannt hätte.“ Joséphines Stimme versagte ihr für einen Augenblick. „Wir hatten bei uns in der Familie eine Tradition, meine Eltern haben uns französische und deutsche Namen gegeben, immer im Wechsel. Ich bin die älteste, Joséphine, dann mein Zwilling, einige Minuten jünger, Friedrich, Dann kommt mein nächstjüngerer Bruder, Hugo, dann kommt Johanna … die Reihe hat dann mit Kind Nummer elf geendet. Maximilien. Habe ich dir je von meinem kleinen Maximilian erzählt, dem süßesten kleinen Jungen, den du je gesehen hast - du hättest mir zugestimmt, gerade da du auch selber keinen Sohn hast. Der eigene Sohn ist für einen Vater natürlich immer der süßeste Knabe auf der Welt. Aber wer weiß, du un-“„… Adrienne.“Joséphine wäre vor Schreck beinahe ihr Buch aus der Hand gefallen.„Adrienne“, murmelte La Fayette wieder. Mit einem Satz hatte Joséphine sich erhoben und neben das Bett gekniet, in dem ihr Freund nun endlich langsam das Bewusstsein wiedererlangte. Der Marquis blinzelte ein paar Mal, bevor er dann endlich die Augen aufschlug. Der Blick seiner braunen Augen fiel auf Joséphine.„Joséph-“, viel weiter kam La Fayette nicht, bevor ihn ein Husten schüttelte. Joséphine griff nach dem Wasserglas, das auf dem Nachttisch stand und half La Fayette einen Schluck zu nehmen. Erschöpft sank dieser wieder in die Kissen zurück.„Wo sind wir?“, fragte er, die Augen wieder geschlossen.„In Fishkill, in dem Anwesen der Familie Brinckerhoff“, erklärte die junge Frau und umschloss mit ihren beiden Händen La Fayettes rechte Hand.„Fishkill …ich erinnere mich“, meinte der Marquis, seine Stimme noch immer rau. „Was ist passiert?“„Du hattest ein sehr hohes Fieber. Die Soldaten hier auf dem Stützpunkt haben dich aufgegriffen. Du warst mehrere Tage nicht bei Bewusstsein.“„Wie lange?“„Drei Tage.“„Warum bist du hier?“„Na weil ich dein Arzt bin, Dummkopf“, meinte die junge Frau gutmütig und drückte La Fayettes Hand etwas fester. Etwas ernster fügte sie hinzu „Doktor Cochrane hat General Washington über deinen Zustand informiert und er hat dann wiederum mich gebeten, deine Behandlung zu übernehmen.“ Bei der Nennung des Generals schlich sich ein kleines Lächeln auf das fahle Gesicht des Marquis. Sein Blick glitt durch den Raum und blieb schließlich an dem Stuhl hängen, der Joséphine bis eben noch als Sitzgelegenheit gedient hatte.„Hast du die ganze Zeit hier gesessen?“, wollte La Fayette wissen. Die junge Frau zuckte mit den Schultern. „Nicht die ganze Zeit“, meinte sie und bevor ihr Freund etwas sagen konnte, fragte sie „wie geht es dir, Gilbert?“„Ich fühlte mich, als ob mich ein Ochsenkarren überrollt hätte … und diese Kopfschmerzen9, das kannst du dir nicht vorstellen.“„Du bist dehydriert, daher könnten die Kopfschmerzen kommen. Gib mir einen Moment, dann werde ich dir etwas zu trinken holen. Ich werde außerdem einen Reiter in General Washingtons Hauptquartier schicken, er bat mich ihn sofort zu benachrichtigen, sollte sich dein Zustand in irgendeiner Weise verändern.“Gesagt getan, sobald er sich von La Fayette gelöst hatte, trat Friedrich auf den Flur hinaus. Gerade wollte er Doktor Cochrane suchen, um mit diesem die gute Nachricht zu teilen, da sah er den älteren Arzt in der Eingangshalle unter sich mit einem Mann Konversation führen. Der Fremde, etwa Ende fünfzig, trug die Uniform eines General-Major10. Beinahe wie aus einem Instinkt heraus sah Cochrane zu seinem Kollegen hinauf. „Wären Sie wohl so gut einen Reiter zu General Washington zu schicken, es gibt wichtige Neuigkeiten zu überbringen“, erklärte Friedrich und es schien ganz so, als würde seine Mine nicht seine Freude über die jüngsten Geschehnisse ausdrücken, denn Cochranes initiale Reaktion war es die Augen im Schreck zu weiten und die Lippen zu einer dünnen Linie zusammen zu drücken. Friedrich bemühte sich schnell die Annahmen des anderen Arztes zu korrigieren. „Der Marquis ist wieder bei Bewusstsein.“„Gott sei Dank“, entfuhr es Cochrane, als dieser sichtlich erleichtert ausatmete.„Erlauben Sie mir die Nachricht persönlich zu überbringen. Ich werde sofort aufbrechen“, mischte sich nun der Fremde ein und mit einem Mal hatte Friedrich das Gefühl, den Mann schon einmal gesehen zu haben, nur konnte er das Gesicht niemanden bestimmten zuordnen.Washington traf spät am Nachmittag des nächsten Tages in Fishkill ein. La Fayette hatte den Großteil des Morgens verschlafen, auch wenn er, sehr zu Friedrichs Freude, zuvor getrunken und sogar etwas richtige Suppe gegessen hatte. Friedrich selber hatte, nachdem La Fayette wieder eingeschlafen war, das Krankenzimmer etwas aufgeräumt und gelüftet, anschließend hatte er sich wieder einige Stunden in das Militärkrankenhaus geflüchtet. Bei Washingtons Ankunft allerdings, saß der junge Arzt bereits wieder neben seinem Patienten. Der General blieb, wie schon bei seinem vorherigen Besuch, im Flur stehen, sah nur durch die geöffnete Tür herein. Doktor Deegen kommentierte dieses Verhalten dieses Mal nicht.„Wie geht es ihm Doktor?“, fragte der General dann schließlich nach einigen Momenten des Stillschweigens. Friedrich machte ein paar Schritte auf die Tür zu bevor er sprach. Zum Teil tat er dies aus Höflichkeit, zum anderen Teil, um nicht so laut sprechen zu müssen und damit La Fayette auf zu wecken.„Den Umständen entsprechend gut. Er hat immer noch ein Fieber, aber die Temperatur ist stark gesunken und er ist wieder bei Bewusstsein. Das ist am Wichtigsten. Etwas Zeit zur Rekonvaleszenz wird er allerdings noch brauchen.“Washington nickte nachsinnlich. Sein Blick und seine Mimik, wann immer er den Marquis ansah, waren so warm, so weich, dass es Friedrich das Herz aufgehen ließ. Doch plötzlich sah Washington nicht mehr den jungen Franzosen an, sondern fixierte Friedrich mit seinem Bick. Der junge Arzt legte den Kopf etwas schief, das Verhalten Washingtons machte ihn irgendweshalb nervös.„Ob Sie wohl ein Stück mit mir gehen würden? Es gibt ein paar Angelegenheiten, die ich gerne mit Ihnen besprechen würde“, meinte der Oberbefehlshaber der amerikanischen Truppen dann auch und Friedrich legte die Stirn kraus als er seinen Mantel griff und Washington nach draußen folgte.Die Luft war klar und kühl, das Laub an den Bäumen hatte sich lange schon verfärbt oder war vollkommen zu Boden gefallen. Der Herbst hatte in der Natur Einzug gehalten. Trotz seiner Nervosität wartete Friedrich geduldig bis Washington das Wort ergriff.„Ich habe vorhin noch kurz mit Doktor Cochrane gesprochen. Sie haben begonnen in dem Krankenhaus zu arbeiten … sind aber kein Teil der Armee mehr.“Friedrich biss sich auf die Unterlippe, er war gar nicht auf den Gedanken gekommen, dass das vielleicht ein Problem sein könnte. Sofort setzte er zu einer Entschuldigung an. „Verzeiht General Washington, ich erkenne meine neue Stellung an und wollte bestimmt nicht-“Washington hob abweisend die Hand, um Friedrich zu unterbrechen. Der junge Arzt verstummte und blickte nur fragend zu Washington auf.„Ich hatte nicht vor, Sie für Ihr Handeln maß zu regeln. Eher das Gegenteil - Ihr Abschied aus dem aktiven Dienst verlief nicht wirklich zufriedenstellend und die allermeisten Männer würden wohl eher eine Antipathie hegen, als freiwillig weiter für die Armee zu arbeiten.“„Wie bereits gesagt General, ich bin mir bewusst, dass das Recht nicht auf meiner Seite war. Zudem, die Kranken und Verletzten trifft keine Schuld an unser letzten Unterhaltung.“Washington brummte zustimmend und die beiden gingen eine Weile schweigend weiter, ein Schweigen, dass Friedrich nicht genau einordnenn konnte und ihm unangenehm war. Schließlich blieb Washington stehen und sah Friedrich direkt an.„Sie sind ein interessanter Mann, Doktor Deegen, wirklich interessant. Sie haben Talent und arbeiten hart. Die meisten Ihrer Kollegen und Vorgesetzen haben nur Gutes über Sie zu sagen.“Friedrich schnaubte. „Die meisten?“Washington lächelte ebenfalls. „Einigen Männern sind Sie mit Ihrer Art wohl auch ziemlich auf die Füße getreten - aber zu Ihrem Glück wohl nie den Falschen“.Der junge Arzt lächelte, richtig dieses Mal. Ihm fielen die Namen von ein paar Männern ein, die nicht nur Gutes über ihn zu sagen hätten.„Sie haben einige Freunde in hohen Positionen. Doktor Rush und nicht zu vergessen unser lieber Marquis. La Fayette ist fest von Ihren Fähigkeiten und Ihrer Hingabe überzeugt - und ich bin fest vom Marquis überzeugt. Ihr Verhalten in Bezug auf Miss Abnell ist nicht zu entschuldigen, aber ich muss auch eingestehen, dass Sie sich ansonsten nie etwas haben zu Schulden kommen lassen. Was ich Ihnen erklären möchte, Ihre Entlassungspapiere liegen bei mir im Schreibtisch - nur meine Unterschrift fehlt noch.“ Friedrich stutze. Washington hatte ihn also noch nicht offiziell entlassen?„Ich bin bereit Ihnen eine zweite Chance zu geben. Eine zweite Chance, da ich Ihr Können und Ihren Dienst anerkenne, auch jenen Dienst den Sie mir gegenüber erbracht haben. Ich biete Ihnen ebenfalls diese Chance, da ich weiß wie viel Ihre Anwesenheit dem Marquis bedeutet und ich mich auf sein Urteil verlasse, wenn er sagt, Sie sind praktisch unentbehrlich. Dennoch darf sich so ein Vorfall auf keinen Fall wiederholen. Ich bin also bereit Ihnen ihren alten Posten wiederzugeben, unter der Voraussetzung, dass Sie mir schwören, dass Sie mir versprechen sich von nun an die Regeln zu halten, was auch immer Ihre moralischen Einwände sind.“ Washingtons Stimme klang hart und verschlossen, ganz so als ob er sich zu diesem Angebot hätte durchringen müssen - wer weiß, vielleicht war das ja auch der Fall. Friedrich schloss für einen Moment die Augen um nachzudenken. Sein Plan war es nie gewesen die Armee zu verlassen, nicht jetzt, nicht unter diesen Umständen zumindest. Joséphine war über die Entlassung froh gewesen, nicht über die Umstände, aber über die Tatsache an sich. Ihr Ziel war es gewesen ihr Kind irgendwo weit entfernt von den Schrecken des Krieges groß zu ziehen. Doch nun … nun wusste sie nicht mehr was sie wollte, ob sie der Armee trotzdem den Rücken kehren und versuchen sollte, irgendwo ein neues Leben zu beginnen oder ob sie zurückkehren sollte zu dem Leben, das sie die letzten Jahre geführt hatte. Doch bevor sie wirklich über diesen Sachverhalt nachdenken konnte, fiel ihr wieder Washingtons Bedingung an. Das Versprechen, welches er haben wollte, konnte sie ihm nicht geben, nicht mit gutem Gewissen.„Ich bitte um Verzeihung General, aber dieses Versprechen kann ich Ihnen nicht geben.“Der ältere Mann nickte bedacht bevor er sich dann wieder zu Friedrich drehte. „Ich hatte gehofft, dass Sie das sagen würden“, gestand er. Die beiden Gesprächspartner hatten mittlerweile ihren Spaziergang wieder aufgenommen, doch nun war es an Friedrich stehen zu bleiben. „Wie meinen Sie das Sir, Sie haben mir ein Angebot gemacht, von dem Sie nie wollten, dass ich es annehme?“, wollte der Arzt wissen und legte die Stirn in Falten. Solch ein Verhalten war nun doch wirklich unsinnig.„Nicht direkt Doktor Deegen, Ihr Verhalten hat mich erzürnt, aber mein Angebot war dennoch ehrlich gemeint, wenn Sie mir Ihr Wort gegeben hätten, hätte ich Sie wieder als Stabsarzt eingesetzt. Sie haben aber abgelehnt und daher kann ich Ihnen ein anderes Angebot unterbreiten.“„Welches Angebot?“, stutzte Friedrich. Was konnte Washington nur von ihm wollen? Noch ehe er nachfragen musste, begann der General zu erläutern.„Ich würde Sie gerne nach Europa schicken. Begleiten Sie den Marquis, sobald er wieder vollkommen genesen ist nach Frankreich und reisen Sie von dort aus weiter an den Preußischen Hof. Ich mache mir Sorgen um La Fayette, seine Erkrankung jetzt und direkt danach eine Ozeanüberquerung? La Fayette ist nicht wirklich seefest, wie Sie vielleicht wissen. Mir wäre wohler, wenn ich einen Arzt bei ihm wüsste, der sowohl mein als auch sein Vertrauen hat11. Doch ich würde Sie nicht den Atlantik überqueren lassen, nur um meine Sorgen zu mildern. Der Kongress überlegt schon länger einen Botschafter nach Preußen zu entsenden. König Friedrich II12 hat sich bisher noch nicht klar zu diesem Krieg positioniert und Sie wissen wie dringend wir auf jegliche Hilfe angewiesen sind. Nicht nur Hilfe, es sollte auch gesichert sein, dass Preußen nicht auf Seiten der Engländer in diesen Krieg eingreifen wird. Immerhin besteht zwischen beiden königlichen Häusern eine Personalunion13. Preußen ist ein Land, das stark durch das Militär geprägt ist. Sie sind nicht nur ein Kriegsveteran und genießen daher ein gewisses Ansehen, Sie sprechen darüber hinaus die Landessprache fließend und dürften Ihrer Herkunft nach auch eine gewisse Vertrautheit zu den preußischen Sitten haben. Der ehemalige Beobachter des preußischen Adels, Mister Louis van Linkensdorf, ist auch einer Ihrer engen Freunde, so ist es mir zumindest zugetragen worden. Doktor Deegen, ich würde sie gerne als Botschafter Amerikas nach Europa schicken.“Friedrich starrte Washington einen Moment lang mit großen Augen an. Mit solch einem Vorschlag hatte er nun wirklich nicht gerechnet. „General ich … verzeihen Sie, aber ich fühle mich gerade ein wenig überrumpelt, ich …“„Ich erwarte keine sofortige Antwort von Ihnen. Nehmen Sie sich ein paar Tage Zeit, aber dann muss Ihr Entschluss feststehen, damit ich den Kongress in Kenntnis setzen und dieser meinen Vorschlag bestätigen kann.Friedrich schluckte schwer. Konnte es wohl sein, dass Europa die Antwort auf seine Frage war, auf die Frage wie seine Zukunft aussehen sollte?
John Cochrane (ich habe verschiedene Schreibweisen seines Namens gesehen) (1. September 1730 – 6. April 1807) war der vierte „Surgeon General of the United States Army“ während des Unabhängigkeitskrieges. Alleine durch den Umstand, dass seine Vorgänger sich durch Ränkespiele und Rangeleien häufig selber im Weg standen, wird er oft als einer der besten, wenn nicht sogar der beste „Surgeon General“ genannt. Er heirate eine verwitwete Schwester von General Phillip Schuyler und hatte einen Sohn mit ihr. Dieser heiratete später eine von Philip Schulyers Töchtern.
Nelson war eines der Pferde Washingtons und nicht nur eines der liebsten „Kriegspferde“ des Generals, sondern ein allgemein sehr geliebtes Tier. Seine Ruhe während Schlachten wurde häufig angemerkt. Zusammen mit dem anderen Pferd, welches Washington ebenfalls im Krieg geritten ist, Blueskin, ist Nelson auch auf einigen Gemälden aus jeder Zeit dargestellt. So ritt Washington Nelson unter anderem, als die amerikanischen Truppen Lord Cornwallis Kapitulation nach der Schlacht von Yorktown entgegennahmen. Nelson starb 1790 in Mount Vernon.
La Fayette ist in dem Anwesen der Familie Brinkerhoff untergekommen. Derick Brinkerhoff, der Enkel des ursprünglichen Erbauers, hat das Anwesen baulich erweitert. Er war ein Colonel in der Miliz und ein Abgeordneter der New Yorker State Assembly. Seine Rolle in der Amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung führte zu vielen prominenten Besuchern, darunter Alexander Hamilton, Baron von Steuben, die Generäle Greene, Arnold, McDougall, Washington, Knox, Putnam und Gates. Das Gebäude ist heute ein „Luxury Historic Inn“ und La Fayettes ehemaliges Zimmer ist als „The Marquis de Lafayette Room“ zu buchen - kostet dann aber auch 299 Dollar die Nacht …
Das Bluten wurde traditionell an der Armbeuge durchgeführt. Ich habe selten gelesen, dass ein Patient durch die Nase geblutet wurde, aber Louis R. Gottschalk hat in einem seiner Bücher über La Fayette diesen Umstand ganz bewusst hervorgehoben. Normalerweise würde ich noch eine zweite Quelle hinzuziehen, aber da Gottschalk der Biograf La Fayettes war, vertraue ich ihm einfach mal :-)
Gerade im Militär und mit Bezug auf hochrangige Generäle schien es eine gängige Handhabung zu sein, dass der Leibarzt des besagten Generals im gleichen Raum, teilweise sogar am Fußende wie sein (potenzieller) Patient schlief. Allerdings schien dies auch eher ein europäischer Brauch zu sein.
Unser lieber Marquis war ein großer Liebhaber des Liedes „Yankee Doodle“ und hat nach der Schlacht von Yorktown sogar seine Band angewiesen, das Lied zum Auszug der britischen Truppen zu spielen.
Aus La Fayettes Memoiren wissen wir, dass Washington ihn jeden Tag besucht hat, aber stets an der Tür gewartet hat. Nun bin ich nicht die Einzige die es für sehr fragwürdig (wenn nicht sogar unmöglich) hält, das Washington La Fayette wirklich jeden Tag besucht hat. An seinem Verhalten an der Tür zu warten, kann ich aber per se nichts Merkwürdiges finden.
Die Geburtszange ist ein medizinisches Instrument, das bis heute zur Entbindung genutzt wird (seit 2005 werden weniger als 1% aller Geburten in Deutschland mit einer Geburtszwange ausgeführt). Auch wenn ihre Form aufgrund verschiedener Faktoren immer etwas variiert hat, ist das zugrundeliegende Prinzip immer dasselbe. Erstmalig verwendet wurden Geburtszangen irgendwann im 17. Jahrhundert. Es gibt mehrere Ärzte und männliche Geburtshelfer die zur gleichen Zeit ähnliche Instrumente entwickelt haben - die erste „moderne Geburtszange“ wird heute meistens wird Peter Chamberlen zugesprochen. Der Eingriff ist sehr invasiv und kann zu großen Komplikationen führen - doch gerade im 18. Jahrhundert konnten Geburtszangen manchmal den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten. Für eine sichere Anwendung war allerdings auch ein umfassendes Wissen über die weibliche Anatomie von Nöten. Ein Wissen was leider nicht immer gegeben war.
La Fayette hat sich relativ bald von seinem Fieber erholt, hatte aber noch lange mit den heftigsten Kopfschmerzen zu kämpfen.
Johann von Robais, Baron de Kalb (19 Juni 1721 – 19. August 1780) war ein deutschstämmiger Soldat der nach Frankreich emigrierte und später zusammen mit dem Marquis de La Fayette nach Amerika kam. Dort starb er dann auch, nachdem er in der Schlacht von Camden verwundet wurde. Der gute Mann hatte eine wahnsinnig interessante Lebensgeschichte und eine enge Beziehung zu La Fayette. Bisher habe ich ihn leider fast schon sträflich vernachlässigt. Ich werde das versuchen in der Zeit „die er noch hat“ nachzuholen. Eine kurze Bemerkung zu seinem Auftritt in diesem Kapitel - er war zur gleichen Zeit wie La Fayette in Fishkill und wusste natürlich auch über seine Erkrankung Bescheid. Kalb war aber sehr optimistisch und glaubte den Marquis zu keiner Zeit in ernster Gefahr.
Tatsächlich hat Doktor Cochrane La Fayette auf Washingtons Weisung hin bis zum Hafen begleitet, dort trennten sich ihre Wege dann jedoch wieder. Es zeigt jedoch deutlich, wie besorgt Washington um La Fayettes Gesundheit war.
Friedrich II, besser bekannt als Friedrich der Große was der König Preußens von 1740 bis zu seinem Tod 1786.
Die Personalunion zwischen dem Haus Hannover (England) und dem Haus Hohenzollern (Preußen) wurde geschlossen durch die Heirat von Sophia Dorothea von Hannover (Tochter von George I von England und Schwester von George II von England) und Fredrick William I, König von Preußen. Die beiden waren die Eltern von Friedrich dem Großen.
----- CHAPTER BREAK -----
05. November 1778
„just recovering from a fever … in his chair of convalescence”
Bericht von Doktor James Thatcher, Arzt des First Virginia Regiment, als er den Marquis de La Fayette am 27. November besuchte Friedrich blickte Washington nach, wie dieser ein immer kleinerer Punkt am Horizont wurde. Auch als die Silhouette des Generals dann endgültig in der Ferne verschwunden war, verharrte Friedrich noch. Sein Kopf schwirrte. Europa? Konnte Europa die Lösung sein? Ein neuer Kontinent, Meilen über Meilen entfernt von dem Leben hier? Ein Kontinent auf dem niemand Joséphine kannte, auf dem sie von neuem beginnen konnte? Vollkommen neu? Alles hinter sich lassen? Ihre falsche Identität, die Verkleidung, die Lügen, die Angst entdeckt zu werden, der Schmerz. All das einfach hinter sich lassen? Frustriert drückte der junge Arzt seine Ferse in den sandigen Boden - Washingtons Angebot hatte ihn vollkommen aus der Bahn geworfen, all seine Pläne auf den Kopf gestellt. Nicht das besondere Pläne existiert hätten. Wenn Friedrich ehrlich war, dann hatte er seit langem schon nur noch ins Blaue hineingelebt. Hatte jeden Tag weiter gemacht wie am Tag zuvor, manchmal hatte er Entschlüsse getroffen, diese aber auch meistens schnell wieder verworfen und weiter gemacht wie am Tag zuvor. Das wievielte Mal war es denn nun, dass er sich vorgenommen hatte die Armee zu verlassen und sich irgendwo anders ein neues Leben aufzubauen? Generell war der Eintritt in die Armee von Beginn an immer nur als ein verzweifelter Ausweg gedacht. Nach dem Joséphine graduiert war und James wieder gesehen hatte, wollte sie einfach nur einen Ort finden, an dem man sie nie, aber auch wirklich nie finden können würde, an dem man sie nicht einmal vermuten würde. In der Hinsicht war die Kontinentalarmee perfekt gewesen. Wer vermutete schon eine Frau unter den studierten Ärzten von Washingtons Truppen. Doch das war mittlerweile ziemlich genau zwei Jahre her. In diesen zwei Jahren war sie geblieben, obwohl La Fayette ihre wahre Identität aufgedeckt hatte, obwohl sie häufig genug in sehr gefährliche Situationen hineingeraten war, obwohl James sich selber hatte mustern lassen und ihr Versteck sich damit eigentlich in eine Falle verwandelt hatte. Sie war geblieben, obwohl sie angeschossen worden wurde, obwohl Henry ihre wahre Identität aufgedeckt hatte und obwohl James in der Schlacht gefallen war - und es damit eigentlich keinen Grund mehr gab, sich in der Armee zu verstecken. Genau genommen fehlte mit James Tod jeglicher Anlass für Joséphines Scharade. Das Studium der Medizin hatte sie absolviert, um Germantown verlassen und untertauchen zu können, um weit weg von James zu sein, dort wo er sie nie vermuten würde und um etwas zu haben, mit dem sie sich versorgen könnte. Denn eine erneute Heirat war ausgeschlossen solange James noch am Leben war.Die Joséphine von vor sechs Jahren hätte mit James Tod die Armee verlassen, ihre Männerkleidung abgelegt, einen Mann gefunden und geheiratet und mit ihm eine Familie großgezogen - sie hätte für immer vergessen welches Leben sie einst geführt hatte. Doch all das war nie eingetreten und, als ob sie es vor Augen führen müsste, erkannte Joséphine plötzlich, dass sie all die Zeit geblieben war, all den Widrigkeiten zum Trotz, weil sie es genoss. In den letzten Jahren, mehr als eine halbe Dekade, die sie nun schon so lebte, da hatte sie Gefallen an diesem Leben gefunden. Selbst wenn sie nun die Armee verlassen und nach Europa gehen würde, wäre das nicht konsequent. Denn auf die eine oder andere Weise würde sie ihr Spiel weiter spielen, würde dieses falsche Leben leben. All die Jahre hatte Joséphine ihr Verhalten vor sich damit gerechtfertigt, dass sie keine andere Wahl hatte - aber das war schon lange nicht mehr wahr. Die Frage war also, warum war sie überhaupt noch hier? Die Antwort kannte die junge Frau, wollte sie sich aber nicht eingestehen. Es war nämlich so, dass sie es genoss. Sie genoss das Leben, welches sie führte.Sie genoss ihre Freiheit.Joséphine schüttelte entschieden den Kopf. Nein! Nein, so eine Frau war sie nicht. Sie war besser erzogen worden als das, sie war tugendhafter als das. Dennoch - hier stand Joséphine und blickte noch immer auf den Horizont, an dem General Washington schon lange nicht mehr zu sehen war und spielte mit dem Gedanken sein Angebot anzunehmen. Frustriert seufzte sie und wandte sich wieder dem Haus zu. Immerhin hatte sie noch immer einen Patienten, um den sie sich kümmern musste - doch auch das war eine Ausrede, wenn sie ehrlich war. Sie hatte selbst festgestellt, dass La Fayettes Leben außer Gefahr war und das gerade war ein jämmerlicher Versuch, sich eine weiter Ausrede zu schaffen, um sich nicht mit ihrer Zukunft, oder schlimmer noch, ihren Verfehlungen auseinander setzen zu müssen.Joséphine hing noch immer so sehr ihren eigenen Gedanken nach, dass die Stimme, sie beim Eintreten in La Fayettes Zimmer vernahm, gehörig zusammen zucken ließ.„Hey“, kam es verschlafen von der Ecke des Raumes in der das Bett stand.„Gott Gilbert, hast du mich erschreckt“, quickte Joséphine und schloss die Tür hinter sich. Sie lehnte sich mit dem Rücken gegen die kleine Kommode mit der Waschschüssel darauf.„Ich habe doch gar nichts gemacht“, lachte La Fayette müde und arrangierte seine Decke neu.„Ich muss mich aber erst daran gewöhnen, dass ich in diesem Zimmer nicht nur von Stille empfangen werde“, schmunzelte Joséphine und trommelte mit den Fingern gegen das Holz.„Möchtest du damit etwa andeuten, dass ich dir in den letzten Tagen ein schlechter Zimmergenosse war?“Die junge Frau antwortete darauf nicht sondern schüttelte nur wohlwollend den Kopf. Eine angenehme Stille breitete sich zwischen ihnen aus. Ein paar Minuten vergingen wohl so in denen man nur die Gegenwart des jeweils anderen genoss. Joséphine freute sich La Fayette soweit erholt zu sehen, dass er, wenn auch noch immer erschöpft, doch schon wieder Witze machte. Der Marquis hingegen war voller stummer Dankbarkeit für die liebe Freundin, die er in Joséphine gefunden hatte. Doch je länger er zu ihr herüber sah, desto deutlicher wurde ihm, wie mitgenommen die junge Frau doch aussah. Das Gesicht blass, blasser noch als sonst, die Augen eingesunken und von dunklen Ringen geschmückt - und dieser Ausdruck von tausend Trümmern in ihren Augen.„Du siehst müde aus“, bemerkt der Franzose daher und brach das Schweigen.Joséphine seufzte, natürlich sah sie müde aus. Sie war müde, ausgelaugt auch und wenn sie voller Freude über La Fayettes zusehende Genesung war, tröstete sie das doch nicht darüber hinweg, was sie verloren hatte. Ihre Hand wanderte unbemerkt zu ihrem Bauch. Für einen Moment spielte sie mit dem Gedanken, Gilbert einfach alles zu erzählen, sich neben ihn auf die Bettkante zu setzen und an seiner Schulter zu weinen, einfach jemanden zu haben, vor dem sie nicht behaupten musste, das alles gut sei. Doch sie hielt sich zurück. Er würde es nicht verstehen. Sie war nicht verheiratet und eine Sache hatte La Fayette von Beginn an sehr deutlich gemacht - er erwartete absolute Tugendhaftigkeit von Joséphine. Nein, egal wie nahe sie sich auch standen, das würde La Fayette nicht verstehen, das würde er nicht gutheißen und nicht dulden. Mit ihm konnte Joséphine nicht sprechen, nicht heute zumindest.„Ich bin auch müde. Wie du dir vielleicht vorstellen kannst, habe ich die letzten Nächte nicht gerade viel geschlafen“, meinte die junge Frau daher und ließ sich auf ihrem Stuhl nieder, der noch immer neben dem Bett stand.„Das meine ich nicht - ich meine ja, das auch, aber ich meine eigentlich ein anderes müde“, drängte Gilbert und sah Joséphine dabei so unvermittelt und direkt an, dass die junge Frau ob der Intensität seines Blickes erschauderte - doch sie wandte sich auch nicht ab.„Ich bin es leid zu kämpfen. Ich will einfach nicht mehr. Ich will auch niemanden mehr sterben sehen. Ich habe genug Tod gesehen“, sagte sie schließlich, ihre Stimme wenig mehr als ein Flüstern. Sie war sich der doppelten Bedeutung ihrer Worte wohl bewusst. La Fayette nicht.„Dieser Krieg währt nun schon so lange und ein Ende ist noch nicht abzusehen. Aber es ist eine gerechte Sache für die wir ins Feld ziehen. Amerika verdient seine Freiheit und seine Einwohner ihre Unabhängigkeit.“Dieses Mal war es an Joséphine müde zu lächeln. Ob sie diesen Tag noch miterleben würde?„Was hältst du davon, wenn ich eine der Angestellten bitte, dein Bett mit frischen Laken zu beziehen? Ich denke, das wäre vielleicht angebracht - und du solltest ein Bad nehmen“, wechselte Joséphine das Thema.„Möchtest du mir etwa sagen, dass ich stinke?“, fragte La Fayette und hob provokativ einen Arm, konnte aber nicht lange ein ernstes Gesicht beibehalten, erst recht nicht, als Joséphine lachen musste.„Ja, genau das möchte ich sagen.“„Unverschämt“, beschwerte der Marquis sich im Spaß, bevor er von einem Klopfen an der Tür unterbrochen wurde.„Herein“, rief Friedrich und die Tür öffnete sich, um den Mann, den der junge Arzt am Abend zuvor mit Cochrane gesehen hatte, einzulassen. Wo bei Friedrich nur das vage Gefühl war, den Mann bereits einmal gesehen zu haben, hellten sich die Züge des Marquis sichtbar auf.„De Kalb“, verkündete er freudig.„Marquis“, kam eine etwas weniger überschwänglichere aber dennoch sehr herzliche Erwiderung. „Ihr habt einigen hier einen ganz schönen Schrecken eingejagt.“ Dann sprach er zu Friedrich gewandt. „Ich hoffe doch, dass ich nicht ungelegen komme, Doktor Deegen.“Der Arzt beeilte sich den Kopf zu schütteln. „Mit nichten Monsieur, Sie kommen nicht ungelegen. Ich werde sie beide alleine lassen, ich wollte eh eben gehen und dann können sie beide sich in Ruhe unterhalten.“„Du wolltest gerade gehen?“, hakte La Fayette nach und klang dabei, als hätte er andere Pläne gehabt.„Ja ... darüber haben wir eben doch noch gesprochen. Die Laken und das Wasser?“, half er seinem Freund auf die Sprünge. Dieser nickte nur wissentlich.Als Joséphine vielleicht eine halbe Stunde später ihren Kopf wieder in das Zimmer steckte, war La Fayette erneut alleine.„Ist De Kalb schon gegangen?“„Ja, er hatte noch zu tun und konnte nicht so lange bleiben. Aber es war schön ihn überhaupt einmal wiederzusehen. Er ist mit mir zusammen nach Amerika gekommen, wusstest du das? Er ist mir ein wirklich guter Freund, aber in den letzten Monaten hatten wir nicht viel Kontakt - leider. Ich glaube, dass auch ihr beide euch gut verstehen würdet, er ist in Preußen geboren und aufgewachsen, weißt du. Er hat im Österreichischen Erbfolgekrieg und im Siebenjährigen Krieg gekämpft.“Joséphine überlegte einen Moment, ob sie nun La Fayette in einem Nebensatz mitteilen sollte, dass sie vielleicht selber für einige Zeit nach Preußen zurückkehren würde - verwarf die Idee dann aber wieder. Das hatte auch für später Zeit - vielleicht,wenn sie sich auch ein paar Gedanken dazu gemacht hatte.„Kannst du aufstehen? Du kannst auf dem Stuhl hier warten, während dein Bett frisch bezogen wird“, riet der junge Arzt stattdessen und zog die Decke des Marquis zur Seite.„Natürlich, kann ich aufstehen“, beschwerte sich La Fayette und schwang die Beine über die Bettkante. Doch statt sicher auf den Stuhl zuzugehen, taumelte er eher und schließlich gaben seine Beine nach und Joséphine griff beherzt zu, um ihren Freund aufrecht zu halten. „Dachte ich es mir doch“, kommentierte Friedrich sein schnelles Eingreifen und half La Fayette, den Stuhl zu erreichen. Dieser verdrehte ob dieser nun wirklich nicht sehr subtilen Anmerkung die Augen.„Hier. Decke“, reichte Joséphine La Fayette eine ihrer eigenen Decken. Kurz nachdem der Marquis es sich auf dem Stuhl bequem gemacht hatte, traten auch schon zwei der Angestellten des Hauses ein, zogen frische Laken auf das Bett auf, stellten einen Zuber auf und füllten ihn mit warmen Wasser.„Waschen kann ich mich nun aber wirklich alleine“, verkündete La Fayette, sobald er und Joséphine wieder alleine waren. Diese zweifelte zwar an der getätigten Aussage, widersprach aber nicht. Sie half nur ihrem Freund zu der Wanne, an dessen Rand er sich abstützte, und verlies dann das Zimmer. Die deutliche nonverbale Aufforderung dazu, hätte La Fayette sich sogar sparen können. „Wenn du mich brauchst, rufst du einfach“, instruierte Joséphine noch beim Verlassen des Zimmers und hatte die Tür schon geschlossen, als dass sie die grummelige Antwort noch gehört hätte. Wirklich wahr, La Fayette ließ sich nicht hören, aber Joséphine hatte so eine Intuition, als sie nach einer viertel Stunde wieder in den Raum trat.La Fayette saß übergebeugt in dem Zuber, hatte die Ellenbogen auf den angezogenen Knien abgestützt und hielt mit seinen beiden zittrigen Händen den Waschlappen.„Komm her“, meinte Joséphine sanft und nahm ihm den Lappen aus der Hand. Sie ließ sich hinter den Zuber nieder. „Du musst nicht … du solltest nicht … ich bin nicht angezogen und-“, setze La Fayette an, doch kam nicht weiter, bevor Joséphine ihn unterbrach und nach der Seife griff.„Hasch“, murmelte die junge Frau und begann das Seifenstück an dem Waschlappen aufzureiben. „Nimm Hilfe an Gilbert, ja?“Eine verbale Antwort bekam sie nicht, aber Gilbert wehrte sich auch nicht dagegen, dass Joséphine mit dem Waschlappen seinen Rücken und seine Schultern wusch. Die nächsten Minuten vergingen in Stille, doch Joséphine merkte, wie sich La Fayettes Muskeln unter ihren Fingern entspannten. Gut.„Joséphine?“, unterbrach der junge Marquis dann unvermittelt die Stille. In seiner Stimme lag ein neugieriger Unterton.„Ja?“„Was ist Glück für dich?“„Heimat!“„Heimat?“„Ja, Heimat ist für mich Glück. Nirgendswo war ich glücklicher als Daheim in Germantown. Im Kreise meiner Familie, neben meinem Père und meiner Mère, mit meinen kleinen Geschwistern um mich herum. Sonntagszeremonien sind für mich Glück, mit meinen Spielfreunden als kleines Kind über die Weiden zu jagen. Kennst du dieses Gefühl, wenn du so schnell gerannt bist und deine Lungen brennen? Das ist für mich Glück. Wenn das ganze Dorf zusammen die Ernte einbringt und die Bäume abpflückt, wenn wir unserem Gott danken, dass er uns mit Gaben segnet, damit wir nicht hungern müssen. Das ist Glück für mich. Im Winter auf dem kleinen See bei uns in der Gemeinde Schlittschuh zu laufen oder mir mit den anderen Kindern eine Schneeballschlacht zu leisten. Die neugeborenen Lämmer die noch nicht laufen könne und ständig auf die Nase fallen, das ist Glück für mich“, schwärmte Joséphine und hatte sich so in ihren Erinnerungen verloren, dass sie den Lappen sinken ließ. Wie glücklich sie doch einst gewesen war, wie unbeschwert, wie sehr sie einst Kind gewesen war. Man hörte das Lächeln auf ihren Lippen, als sie die Frage zurückgab.„Was bedeutet Glück für dich, Gilbert?“„Meine Kinder, Adrienne, Freiheit - und mit Freiheit meine ich nicht nur die Abwesenheit von Unfreiheit. Ich meine echte, wirkliche Freiheit“, antwortete La Fayette und auch er schien einen Moment von seinen Gedanken übermannt zu werden, denn sein Blick war plötzlich seltsam leer.„Vermisst du deine Heimat nicht?“, meinte er dann und drehte sich ein Stück zu Joséphine herum, welche ihn mit etwas Druck gegen die Schulter prompt wieder zurückwies.„Natürlich vermisse ich mein Zuhause - jeden Tag. Es gibt so vieles das ich vermisse, mein Zuhause, Freunde, Familie, geliebte Menschen … ich vermisse sogar Dinge, die ich nie gekannt habe.“„Wie meinst du das?“„Kennst du nicht das Gefühl etwas zu vermissen, dass man nie gehabt hat, von dem man aber weiß, dass man es hätte haben können? Vermisst du es nicht zum Beispiel deine Tochter, deine älteste Tochter die Kirche entlang, ihrem Ehemann entgegen zu führen, mit ihren Kindern im Garten zu spielen? Deine Tochter ist tot, aber dennoch vermisst du es, oder? Verstehst du was ich meine?“La Fayette schluckte schwer, seine Knöchel traten weiß hervor als er den Rand des Zubers umklammerte. Seine Tochter ins Spiel zu bringen war eine dumme Sache gewesen und Joséphine bereute das gewählte Beispiel sofort. Doch der junge Marquis ging nicht darauf ein, schluckte nur noch einmal und nickte. „Ja, ich denke ich weiß was du meinst.“Unsicher was sie nun erwidern sollte, griff die junge Frau nach dem roten Schopf ihres Freundes und begann sein Haar zu waschen. „Darf ich dich noch etwas fragen?“, begann La Fayette und seine Stimme klang ein wenig verzerrt, da er den Kopf weit nach hinten übergebeugt hatte, um Joséphine ihre Arbeit zu erleichtern.„Immer“, bekam er als Antwort. Joséphine war für einen Moment ganz in dem Anblick der roten Haare zwischen ihren Händen gefangen - sie fühlte sich plötzlich schmerzhaft an ihren Zwillingsbruder erinnert.„Wie würdest du dir dein Leben wünschen?“„Wie meinst du das?“„Wenn du alles vergisst, den Krieg, Geld, Standesunterschiede, Ländergrenzen, einfach alles – wie würde dein Leben aussehen, wenn du es dir wünschen könntest.“Joséphine entließ La Fayettes Haare, woraufhin sich dieser wieder aufrichtete, und trocknete sich die Finger an ihrer Hose ab. Für einen Moment hielt sie inne, diese Frage war nicht so einfach zu beantworten wie die vorherige.„Ich wäre verheiratet mit einem Mann der mich liebt. Er ist ein Angestellter irgendwo, vielleicht für eine Reederei oder bei einem Anwalt, vielleicht sogar im Staatsdienst. Ich kümmere mich nicht um Reichtum, solange er seine Familie ernähren kann. Aber ich möchte keinen Farmer zum Mann haben, denn die meisten Familien, die ein Feld haben, sind irgendwann darauf angewiesen, dass die Kinder auf den Feldern mit aushelfen. Das will ich nicht. Denn Kinder hätten wir, mindestens schon zehn Stück“, meinte sie dann schließlich und ihre Stimme wurde mit jedem gesprochenen Wort kräftiger und sicherer.„Zehn?“, fragte La Fayette ungläubig.„Na gut, meinet wegen, vielleicht hätten wir jetzt auch erst fünf Kinder. Aber eines Tages hätten wir zehn Kinder – ach was sage ich da? Wir hätten sechzehn, siebzehn, achtzehn Kinder1“, korrigierte Joséphine sich.„Achtzehn?“, wollte der Franzose wissen und klang dabei noch eine gute Spur ungläubiger als zuvor.„Warum? Ich wäre nicht die Erste“, meinte Joséphine achselzuckend. In dem Tonfall hätte sie auch die Vorzüge von Roggen- und Dinkelbrot vergleichen können.„Nein, das nicht, aber … weißt du was? Hör einfach nicht auf mich, erzähl weiter“, winkte ihr Freund ab.„Ich wünsche mir ein einfaches Leben. Morgens aufzustehen und meine Kinder zu wecken, meinem Ehemann einen Abschiedskuss zu geben, bevor er zur Arbeit geht, für meine Kinder einen Abschiedskuss, bevor sie zur Schule gehen. Ich kümmere mich um den Haushalt und gehe am Sonntag zu Quäkerzeremonien. Irgendwann, wenn ich dann älter bin, dann habe ich alle meine 100 Enkelkinder um mich“, fuhr Joséphine fort und warf einen warnenden Blick in La Fayettes Richtung.„Ich habe nichts gesagt“, stellte dieser, beinahe lachend, fest.„Ich würde so gerne nahe Philadelphia leben, aber nicht unmittelbar in der Stadt, ein paar Meilen außerhalb wo die Luft frischer ist und die Straßen nicht ganz so überfüllt. Das würde ich mir alles wünschen, wenn ich könnte.“ Nein, ihre Kinder in Philadelphia großzuziehen würde für Joséphine viel, viel zu viele Erinnerungen wieder hervorholen„Dein Leben momentan hat nichts mit dem Leben gemein, das du gerne führen würdest“, machte La Fayette die Beobachtung, ganz so als müsste man das Offensichtliche noch einmal aussprechen.„Ich weiß“, meinte Joséphine und beobachtete die kleinen Seifenwirbel im Waschwasser. „Danke“, murmelte sie leise, so leise dass sie fast dachte, fast hoffte, dass La Fayette es nicht hören würde. Doch das tat er.„Wofür?“„Das du nicht fragst – ich weiß, du würdest gerne. Es wäre für dich immer noch schwer genug mein Verhalten zu akzeptieren, wenn du das ‚wie‘ und ‚warum‘ kennen würdest, aber das tust du nicht. Ich verlange viel, das ist mir bewusst.“„Ich würde es nur so gerne verstehen … aber das tue ich nicht. So sehr ich mich auch bemühe, ich kann dein Verhalten einfach nicht verstehen. Du hast deine Familie verloren, das verstehe ich … aber damit bist du leider nicht alleine. Es gibt viele verlassene Mädchen dort draußen … doch die wenigsten fangen daraufhin an, wie ein Mann zu leben.“Ich weiß … ich … verspreche dir, eines Tages erzähle ich es dir, ja?“, bot Joséphine an und wusste noch ehe sie geendet hatte, dass sie gelogen hatte. Sie konnte sich kein Szenario erdenken, in dem sie La Fayette je die volle Wahrheit erzählen würde, erzählen konnte, erzählen wollte. Das war ihr Geheimnis und sie wollte dieses widerliche Geheimnis so weit wie möglich von dieser Freundschaft entfernt halten.„Möchte ich es wissen? Möchte ich es wirklich wissen? Ich habe mich mittlerweile damit arrangiert, aber wer weiß, was du mir eröffnen wirst? In meinem Kopf lege ich mir Ausreden zurecht, Gründe für dein Handeln die ich irgendwie noch nachvollziehen kann - doch was passiert, wenn ich die Wahrheit erfahre und deine Gründe mir nicht reichen? Wo stehen wir dann? Dann müsste ich dich verurteilen.“ Eine Stille kehrte ein, die beiden unangenehm war und da sie wusste, dass keiner noch etwas zu dem Thema verlieren wollte, oder konnte, beschloss Joséphine sehr deutlich das Thema zu wechseln.„Du solltest dich vielleicht auch mal rasieren“, meinte sie und beobachtete wie sich La Fayette mit der Hand über sein Kinn und seine Wangen fuhr.„Oh ja“Die junge Frau sprang von ihrer knienden Position auf die Füße und ließ ihren Blick durch den Raum wandern. Irgendwo hatte sie doch Rasierutensilien gesehen. Schließlich fand sie die gesuchten Gerätschaften auf der Kommode nach hinten an die Wand geschoben und trug sie zu La Fayette herüber. Routiniert rührte sie den Rasierschaum an und reichte La Fayette die kleine Schale und den Pinsel herüber - andernfalls würde er sich ja wohl nur wieder beschweren. Doch zu ihrer Überraschung wies der junge Marquis die dargebotenen Gegenstände zurück und sah stattdessen Joséphine nur mit großen Augen an.„Ach, plötzlich möchtest du meine Hilfe“, interpretierte die junge Frau richtig, ihre Stimme klang neckisch.„Ich kann mich ja eh nicht dagegen wehren“, meinte La Fayette, seine Stimme eine eigenwillige Mischung aus Frustration und Amüsement. Er hob den Kopf an, sodass seine Kehle ungeschützt bloßlag.„Ihr scheint mir zu vertrauen, Marquis“, meinte Joséphine schelmisch, als sie dann endlich soweit war, die Klinge an Gilberts Hals anzusetzen.„Ich würde dir das Leben meiner Kinder anvertrauen, ohne zu zögern“, bekam sie als Antwort in einem Tonfall der wesentlich ernster war, als ihr eigener. Für einen Moment hielt sie inne. Eigentlich dürfte diese Aussage sie nicht überraschen, nicht wirklich - dennoch tat sie es irgendwie. Auch wusste die junge Frau, dass sie etwas antworten müsste, am besten diesen Ausdruck des Vertrauens zurückgeben müsste. Sie hatte schon halb den Mund geöffnet, um eben dies zu tun, denn natürlich vertraute sie La Fayette - da schloss sie ihn auch schon wieder. Sie konnte einfach nicht. Für all das Vertrauen, all die Freundschaft die zwischen ihnen war, da war doch auch immer noch die Angst, dass Gilbert sie eines Tages verraten könnte. Dass, wie er es ja selber gesagt hatte, die Gründe für ihr Handeln ihm nicht ausreichten. Dieser Angst war Joséphine sich bis zu diesem Zeitpunkt nicht einmal wirklich bewusst gewesen, doch dafür traf die Erkenntnis sie nun umso härter. Nein, nicht einmal La Fayette, dem Menschen, dem sie mehr Einblicke in ihr Seelenleben gegeben hatte als sonst jemanden, vertraute sie vollkommen. Letztendlich konnte sie sich so etwas auch nicht leisten, vollkommenes Vertrauen. Ihre Lage war dafür zu gefährlich und ihr Vertrauen bereits einmal zu oft missbraucht worden.„Danke“, murmelte Joséphine daher nur leise, denn dankbar war sie wirklich. Es war vielleicht keine angemessene Antwort, eine Antwort, die solch einer Offenbarung gerecht wurde, aber es war das Ehrlichste was ihr über die Lippen kommen wollte.„Bald wirst du deine Tochter zum ersten Mal in den Armen halten können“, wechselte die junge Frau dann auch sogleich das Thema.„Wenn ich es bis dahin schaffe ...“, meinte La Fayette und klang dabei abwesend.„Was soll das denn nun heißen? Du bist über den Berg, noch paar Tage und du bist wieder ganz auf den Beinen“, versicherte Joséphine und zwang sich dabei optimistischer zu klingen, als sie sich generell fühlte Die Angst zu sterben konnte sie ihrem Freund nun wirklich nehmen.„Das ist es nicht, nur das ... in Frankreich wartet noch ein offener Haftbefehl2 auf mich und generell hat meine Abreise für einiges an ... Wirbel gesorgt. Ich weiß noch nicht wirklich, wie meine Rückkehr aufgenommen wird.“ Die junge Frau blickte den Franzosen für einen Moment entgeistert an. „Meinst du das jetzt Ernst? Es könnte sein, dass man dich bei deiner Ankunft in Frankreich verhaftet?3“„Ich weiß es nicht. Vielleicht … ich meine, ich weiß durch all die Briefe meiner Familie und Freunde, dass die allgemeine Meinung in Frankreich auf meiner Seite ist. Das ich angeschossen wurde und nun das Kommando über meine eigene Division habe, das alles spricht sicherlich für mich, aber ich habe mich über den ausdrücklichen Befehl meines Königs hinweggesetzt. Frankreich ist eine absolute Monarchie, das Wort des Königs ist Gesetz. Du weißt, wie wir hier in der Armee mit Deserteuren umgehen …“Joséphine legte die Stirn in Falten. „Vielleicht ist das der wahre Grund warum ich mit soll, nicht wegen der Überfahrt, sondern wegen deiner Begrüßung in-“, meinte sie, bevor sie sich selbst stoppte. Sie presste die Augen zusammen, als ihr bewusst wurde, was sie da gerade eben gesagt hatte.„Warte, warte, warte, was hast du gerade gesagt?“ Auch dem Marquis war ihr Ausrutscher aufgefallen.„Nichts“, winkte Joséphine ab und wollte sich gerade erheben, als La Fayettes Arm hervorschnellte, sie packte und zurückhielt. Für einen Mann, der vor nicht allzu langer Zeit nicht einmal einen Lappen halten konnte, war sein Griff nun erstaunlich stark.„Nicht so schnell Joséphine. Lüg mich nicht an! Was hast du gerade gesagt?“Die junge Frau stöhnte frustriert auf. Nun gut, also würden sie das Thema jetzt besprechen.„Washington hat mich gebeten, dich nach Frankreich zu begleiten. Er hat sich während deiner Krankheit große Sorgen um dich gemacht und möchte einen Arzt an deiner Seite haben - außerdem möchte er mich als Botschafter nach Preußen schicken. Er ist der Meinung, dass ich in dieser Position vielleicht etwas bewirken könnte.“La Fayette starrte die junge Frau mit weit geöffneten Augen an. „Wann genau hattest du vor, mir das zu sagen, wenn ich fragen darf?“Joséphine rieb sich mit den Händen übers Gesicht. „Ich hätte es dir schon noch erzählt, aber ich brauchte noch etwas Zeit, um mir selber über einige Dinge klar zu werden - ist aber auch egal. Ich werde die Stellung nicht annehmen und damit ist die Geschichte auch beendet.“„Warum willst du die Stellung nicht annehmen?“„Was soll die Frage denn nun? Du weißt es genauso gut wie ich!“„Tue ich das?“Joséphine ließ ihre Hände sinken, um einen besseren Blick auf ihren Freund zu haben. „Ja, das tust du. Ich bin eine Bauerntochter. Schlicht und einfach.“La Fayette zog nur eine Augenbraue hoch, ganz so als bestünde er auf eine Erläuterung des Gesagten. „Ich bin auch mehr als nur einmal als Landei verschrien worden - dennoch habe ich meinen Weg gefunden.“Joséphine lachte wenig amüsiert. „‘meinen Weg gefunden‘ im Sinne von ‚vielleicht erwartet mich daheim in Frankreich eine Gefängniszelle‘? Ganz davon abgesehen, dein Vater war ein Marquis und angesehener Offizier - mein Vater war ein Bauer und, drei Mal darfst du raten, nur ein Bauer. Deine Mutter4 stammt aus den höchsten Kreisen, die der französische Adel zu bieten hat, meine Mutter stammt aus den geringsten Kreisen, die die preußische Gesellschaftshierarchie zu bieten hat. Uns verbindet in dieser Hinsicht weniger als gar nichts. Mal ganz davon abgesehen kann eine Frau nicht als offizieller Botschafter fungieren. Ganz einfach.“„Eine Frau kann eigentlich auch keine Männerkleidung tragen, kein Medizin studieren, promovieren und einen Rang in der Kontinentalarmee einnehmen. Aber all das hat dich bisher ja auch nicht sonderlich gestört“, konterte der junge Franzose. Joséphine begann langsam an Gilberts Geisteszustand zu zweifeln. Was wollte er denn mit dem Gesagten erreichen?„Du bist doch derjenige, der mir immer wieder vor Augen hält, wie schlecht er mein Verhalten findet. Das es falsch ist. Es ist noch keine halbe Stunde her, da hast du mir zu verstehen gegeben, dass du meine Beweggründe nicht verstehen könntest - doch nun scheinst du fast schon darauf zu drängen, dass ich etwas noch schlimmeres mache. Du willst, dass ich mich als Diplomat ausgebe.“ Die Stimme der jungen Frau klang ihrer Gefühlslage entsprechend ungehalten.„Nein, das will ich ganz bestimmt nicht. Ich möchte lediglich, dass du konsequent bist. Du hast dieses Spiel, diese Scharade begonnen, du hast Menschen Einblicke in all die Dinge gegeben, zu denen du fähig bist, die du bereit bist zu tun. Ich verlange lediglich, dass du diese Menschen jetzt nicht enttäuscht und zu deinem Wort stehst. Du bist feige, Joséphine!“„Bitte? Ich soll feige sein? Wundervoll, erzähl das den britischen Soldaten die mich statt dich und Washington aufgegriffen haben.“ Joséphine war nun richtig erbost. So etwas musste sie sich nun wirklich nicht bieten lassen.„Ich spreche nicht von deinen Verdiensten im Krieg, Joséphine, da hast du mehr als nur eine mutige Tat zu deiner Gutschrift. Aber du hast mir vorhin erzählt, nein, du hast davon geschwärmt, wie dein Leben aussehen soll. Ein Leben, das du haben kannst, es liegt ganz an dir, aber stattdessen bist du hier. Die Armee, dieses Doppelleben, das alles beglückt dich nicht so sehr, dass du dafür deine Träume für die Zukunft opfern würdest. Du läufst vor irgendetwas davon, dem du dich nicht stellen willst. Das ist feige.“Für einen furchtbaren Moment blieb Joséphine still. La Fayette hatte mit seinen Worten einen sehr wunden Punkt getroffen - es war aber auch viel Wahres an seinen Worten gewesen, etwas dass sie zu ihrer Schande feststellen musste. Mit dem Kopf in den Händen machte sie eine dringende, doch fürchterlich unpassende Bemerkung.„Du solltest aus dem Bad kommen. Das Wasser wird zu kalt.“Nun war es an dem Marquis wenig amüsiert zu lachen. „Das ist gerade nicht das Thema.“„Doch, das ist jetzt das Thema. Mein Thema. Steh auf, trockne dich ab und zieh dich an und wenn du dann wieder im Bett bist, dann können wir von mir aus wieder über dein Thema reden.“Gesagt, getan. Kurze Zeit später saß Joséphine neben La Fayettes Bett. Dieser genoss sichtlich den Geruch der frischen Laken, doch es fiel jetzt auch auf, wie blass er noch immer war. Seine Gesichtsfarbe unterschied sich nur wenig von dem weißen Kissen, auf dem sein Kopf ruhte. Joséphine wusste, dass La Fayette sich eigentlich ausruhen und seine Kraft nicht in solche Streitgespräche mit ihr investieren sollte. Doch noch ehe sie etwas Entsprechendes feststellen konnte, hatte ihr Freund schon das Wort ergriffen.„Also?“Die junge Frau atmete gequält aus. „Eigentlich spielt mein Geschlecht keine Rolle. Ich bin in keiner Position in der ich Amerika würdig an einem europäischen Königshof vertreten kann. Wenn meine Aufgabe darin bestünde, deutschstämmige Siedler in Pennsylvania und Maryland für unsere Sache zu begeistern - das könnte ich. Ich spreche die Sprache dieser Menschen, im wahrsten Sinne des Wortes, ich weiß, was sie bewegt, was sie fürchten - ich verstehe sie, weil ich wie sie bin.“„Aber Général Washington denkt, dass du dieser Aufgabe gewachsen bist“, warf La Fayette ein und Joséphine verdrehte angestrengt die Augen.„Ich weiß wie wichtig dir Washington ist, wie sehr du seine Meinung schätzt, aber in dieser Angelegenheit scheint er sich wohl geirrt zu haben.“„Oder er hat das Gleiche in dir gesehen, was ich in dir gesehen habe.“„Wohl kaum, denn ansonsten hätte er mich entweder vor ein Kriegsgericht gestellt oder aus dem Lager gejagt. Ich kann dir also versichern, Washington hat nichts gesehen“, kommentierte Joséphine trocken.„Es besteht kein Grund für dich, das ins Lächerliche zu ziehen, ich meine das ganz ernst. Ich rede nicht über deine wahre Identität. Ich rede darüber, dass du Dinge geschafft hast, die eigentlich unmöglich sind. Du bist ausdauernd, stark und widerstandsfähig. Du hast Dinge fertig gebracht, die kaum eine Frau, wenn überhaupt eine, je fertig gebracht hat. Du bist intelligent und dennoch dickköpfig und starrsinnig für zwei. Sag mir also, warum du am Hof scheitern solltest?“Joséphine seufzte - gefühlt zum hundertsten Mal im Verlauf dieser Unterhaltung. La Fayettes Worte machten es ihr so verdammt schwer, vernünftig zu bleiben. Denn wenn sie ehrlich war, Europa klang wundervoll. Ein neuer Kontinent, das Land ihrer Eltern, eine Möglichkeit alles hinter sich zu lassen, eine Aufgabe, ein Abenteuer …„Ich überlege es mir noch einmal, ja? Aber ich kann nichts versprechen“, gab Joséphine schließlich nach und La Fayette lächelte breit.„Mehr verlange ich auch gar nicht.“Es war drei Tage später, dass Friedrich vor der Tür zum Zimmer des Marquis aus seinen Stiefeln schlüpfte, die Tür nur soweit wie eben nötig öffnete und auf Zehnspitzen in den vollkommen abgedunkelten Raum hinein schlich. Geübt wich er einer knarrenden Diele aus und griff nach seinem Mantel. Er war schon beinahe wieder zur Tür hinaus, als hinter ihm la Fayettes krächzende Stimme ertönte.„Friedrich?“„Ja, ich bin es, schlaf weiter“, flüsterte der Angesprochene.„Wie geht es Madame Brinkerhoff und dem Kind5?“„Ich denke es geht beiden den Umständen entsprechend gut, ich meine, ich war nicht anwesend bei der Geburt, aber wenn es anders wäre, hätte ich wohl etwas gehört. Wie geht es dir? Sind die Kopfschmerzen besser geworden?“„Nein“, kam die Antwort, die nun schon eher wie ein Wimmern, als wie ein Krächzen klang. Der junge Arzt machte eine mitleidige Mine. „Du weißt, nur ein Wort von dir, und ich bleibe hier.“„Du kannst doch eh nicht viel machen - und das ist kein Vorwurf. Reite zum Lager zurück, kümmere dich um deine Angelegenheiten und komm dann wieder. Damit ist mir schon am meisten geholfen.“„Wie du meinst. Ich werde mich auch beeilen … und nicht vergessen immer schön zu trinken.“Friedrich befand, dass er für seinen Geschmack nun wirklich erst einmal genug Zeit auf dem Rücken von Pferden verbracht hatte, sobald er vor dem Anwesen der Familie Brinkerhoff auf dem Hof auf das Pferd aufstieg. Wenn es sich hätte umgehen lassen, würde er jetzt bestimmt auch nicht schon wieder auf einem Pferd sitzen. Doch es war an der Zeit für den jungen Arzt ins Lager zurück zu kehren, einige seiner privaten und professionellen Besitztümer einzupacken und mit Washington die Einzelheiten seiner Aufgabe am preußischen Hof zu besprechen - denn Friedrich hatte sich dafür entschieden, die Stellung als Botschafter anzunehmen. Schlussendlich hatte er seinem neugierigen Verlangen nachgegeben und er war sich bereits jetzt sicher, dass er es bereuen würde - und wie er es noch bereuen würde.Ein Blick gen Himmel verriet ihm, dass zumindest das Wetter auf diesem Ritt mitspielen würde. Für einen Mann mit solch einer Abneigung gegen das Reiten wie Friedrich, war das dann aber auch nur ein kleiner Trost. Mit einem tiefen Seufzer trieb er das Tier an und wurde erst wieder wirklich glücklich, als er dann irgendwann das kontinentale Lager in der Ferne ausmachen konnte.Friedrich war gerade dabei seine Bücher im Lager zusammen zu packen, als es an der Tür zu seiner ehemaligen Kammer klopfte. Ohne zu zögern, forderte er den Besucher auf einzutreten, doch bereute diese Erlaubnis sogleich wieder.„Joséphine“, meinte Colonel Robinson als er eintrat.„Henry“, kam die wenig erfreute Erwiderung. Die junge Frau hatte weder die Nerven, noch die Kraft, noch die Lust, mit Henry zu sprechen … nicht, nicht nach dem was in Fishkill passiert war.„Im Camp wird gemunkelt, dass du für einige Zeit nach Europa gehst“, platzte es aus Henry heraus. Joséphine rechnete es ihm an, dass er wenigstens sofort zum Punkt kam - das war wirklich eine unterschätzte Qualität in Menschen, wie sie immer wieder feststellte.„Dann munkelt man richtig“, antwortete sie deswegen ebenso direkt. Was für einen Sinn hatte es denn schon, um den heißen Brei herum zu reden?„Und wann genau wolltest du mir davon erzählen? Hättest du es mir überhaupt erzählt, wenn ich nicht zu dir gekommen wäre?“ Henrys Tonfall war erbost, aufgebracht. Ja, der junge Mann war richtig wütend.„Wohl nicht“, kam die Antwort. Joséphine tat ihr Möglichstes, um gleichgültig zu klingen, ganz so als ob sie die Situation nicht berührte. Doch in ihrem Inneren war ihr Herz in Flammen. Sie hatte gerade ihr Kind verloren, Henrys Kind, sie konnte ihm kaum in die Augen schauen, wie hätte sie ihm da lang und breit erklären können, warum sie sich zu dem Schritt nach Europa zu gehen entschieden hatte?Mit einer sehr bedachten Bewegung legte sie eines der Bücher in ihre Tasche. Wenn sie sich nur ganz auf die Bücher konzentrierte, auf die Inschrift auf den Buchrücken, die Flecken auf den Seiten, das Gefühl der Stoffeinbände zwischen ihren Fingern …„Wohl nicht?“, echote der Virginier ungläubig und machte damit ihre Bemühung augenblicklich zunichte. Henry klang wütend, vor allen Dingen wütend - aber er klang auch irgendwie verletzt.„Ich bin dir keine Rechenschaft schuldig Henry, uns verbindet nichts!“ Das Zittern in ihrer Stimme konnte Joséphine nun nicht mehr verbergen, doch immerhin drehte sie sich nun zu Henry um, hatte sie ihm vorher doch die ganze Zeit den Rücken zugewandt.„Uns verbindet nichts? Bitte? Was ist denn plötzlich los mit dir Joséphine? Was ist den bitteschön in dich gefahren?“ Henry schüttelte den Kopf. Er hatte gedacht, nein, er wusste, dass Joséphine genauso in ihren Gefühlen gefangen war, wie er selber. Das sie Dinge wollte, die nicht sein konnten, dass Vernunft und Leidenschaft erbittert miteinander fochten. Er wusste, dass es für sie ebenso leicht war, sich in ihn zu verlieben, wie es für ihn war sich in Joséphine zu verlieben.„Lass mich einfach in Ruhe Henry“, meinte die junge Frau schroff und drehte sich wieder herum und das war alles was Henry noch gefehlt hatte.„Nicht bevor du mir nicht sagst, was du hast!“, zischte er und packte ihre Arme, zog sie zu sich heran und zwang sie ihn wieder anzusehen.„Lass mich los!“„Nein!“„Lass mich los!“, wiederholte Joséphine und versuchte sich selber zu befreien, doch gegen Henrys Griff hatte sie nicht die geringste Chance.„Nein! Joséphine, du erklärst mir erst was mit dir los ist!“, zischte Henry, seine Stimme gefährlich leise. Er schüttelte Joséphine ein wenig, ganz so als wollte er ihr so eine Antwort entlocken. Joséphine spürte die Tränen in ihren Augen brennen, für einen Moment versuchte sie noch dagegen anzukämpfen.„Bitte, lass mich einfach in Ruhe Henry“, setzte sie ein letztes Mal an, ihre Stimme schwach.„Nein“, bestand Henry, doch aus seiner Stimme war alle Härte, aller Zorn gewichen.„Du willst wissen, was los ist mit mir?“, schluchzte Joséphine. „Ich will das nicht mehr, das alles nicht mehr. Es ist Sünde was wir tun, es ist falsch und unmoralisch. Ich kann einfach nicht mehr ...“ Schließlich überbrückte sie den letzten Abstand zwischen ihnen beiden und ließ ihren Kopf erschöpft gegen Henrys Brust fallen. Eine Weile herrschte Stille, nur unterbrochen von dem leisen Schniefen der jungen Frau, bevor Henry dann erst zu summen und schließlich leise zu singen begann.„Les anges dans nos campagnes ont entonné l'hymne des cieux et l'écho de nos montagnes redit ce chant mélodieux. Gloria in excelsis Deo! ...“ Es war kein richtiges Singen, eher ein melodisches Sprechen und dennoch hatte es den gleichen Effekt auf Joséphine.„Was machst du da?“, schniefte Joséphine verwirrt und versuchte aufzusehen, doch Henry drückte ihren Kopf wieder gegen seine Brust.„Psst“, flüsterte er. Ihre Handgelenke hatte er losgelassen und eine Hand um ihren Oberkörper gelegt, mit der anderen fuhr er ihr durch das Haar, ganz so als ob sie ein kleines Kind sei. „Das ist dein Lied, welches was du immer für deine Patienten singst, das Lied, dessen Text du selbst dann noch zusammen bekommst, wenn um dich herum der Krieg wütend. Dieses Lied muss dir viel bedeuten und deshalb singe ich es nun für dich“, erklärte Henry. Stille folgte in der sie nur so zusammen dastanden.„Danke“, meinte Joséphine dann schließlich und schaffte es dieses Mal dann auch aufzuschauen. Gott, waren Henrys Augen schon immer so blau gewesen?„Erzählst du mir nun, was los ist?“, bat der Virginier und ließ etwas Abstand zwischen ihnen zu.„Das habe ich doch bereits“, antwortete Joséphine etwas zu schnell und zog sich damit wieder in das Versteck, aus dem Henry sie eben erst hervor gelockt hatte.„Wir beide wissen, dass das gelogen war, oder zumindest nicht die ganze Wahrheit“, drängte der Colonel daher. Wenn er sich vorher dieses Umstandes noch nicht sicher gewesen wäre, dann war es doch jetzt umso mehr.„Es tut mir leid, so unendlich leid“, schluchzte die junge Frau, die sich eigentlich wieder etwas beruhigt hatte. Ihre Trauer war Verzweiflung, war Wut. Mit den Fäusten umklammerte sie den Stoff von Henrys Weste, hielt ihn so fest, dass ihre Hände und Arme zitterten. Da war so viel in ihr, dass sich seinen Weg nach draußen bahnen wollte, so viel, dass Joséphine nicht wusste, was sie als erstes frei lassen sollte und so behielt sie schließlich doch alles für sich.„Was tut dir leid?“ Henrys Stimme war noch immer leise und sanft, doch Joséphine hörte die Verwirrung deutlich heraus.„Alles Henry, einfach alles, es tut mir so leid. Gott, ob mir vergeben wird.“ Sie müsste es Henry erzählen, das wäre nur gerecht. Es war auch sein Kind gewesen. Doch andererseits … was, wenn er ihr Vorwürfe machte, ihr die Schuld gab, wie James es damals gemacht hatte. Vielleicht war es ja aber auch ihre Schuld? Es war ihr Körper gewesen, vielleicht hätte sie mehr Acht geben können - bestimmt hätte sie mehr Acht geben können! Was, wenn Henry ihr nicht glaubt, es für einen billigen Trick hielt, mit dem sie ihn zu einer Ehe bewegen wollte. Ein Versuch, die soziale Hierarchie hinauf zu klettern. Was, wenn er ihr nicht glauben würde? Was, wenn er sie hassen würde. Nicht, dass sie noch einmal mit Henry intim werden wollte, sie könnte es nicht ertragen vielleicht noch ein Kind zu verlieren, aber - aber - sie wollte auch nicht, dass Henry sie hasste. Auch das könnte sie nicht ertragen. Was, wenn nichts sagen einfach das leichteste wäre? Was, wenn sie einfach feige und schwach war und lieber log und alles für sich behielt, Henry den Rücken kehrte, als über das Kind zu sprechen, was nicht mehr in ihrem Körper wuchs. Sie könnte sich eben einreden, dass es ein selbstloser Akt wäre. Was geschehen ist, ist geschehen. Henry konnte daran nichts mehr ändern, sie würde ihn nur vor vollendete Tatsachen stellen und warum ihm dann diesen Schmerz bereiten, wenn sie ihn auch alleine ertragen könnte?„Liebste-“, riss Henrys Stimme sie aus ihren Gedanken, doch sie unterbrach ihn, ehe er weiter sprechen konnte.„Nicht. Bitte nenn mich nicht so Henry, das ertrage ich nicht.“ Joséphine stieß Henry entschlossen von sich fort und bedeckte ihr Gesicht mir ihren Händen. Wollte sie die Welt nicht mehr sehen oder sollte die Welt sie nicht mehr sehen? Die folgende Stille war unerträglich.„Europa also“, durchbrach der Virginier schlussendlich die Stille und wechselte damit gnädiger Weise auch das Thema.„Europa also!“, antwortete die junge Frau und stieß die Luft aus.„Wirst du zurückkommen?“ Das war eigentlich gar keine so schlechte Frage. Würde sie zurückkommen?„Ich weiß es noch nicht“, antwortete Joséphine daher ehrlich und stemmte die Hände in die Hüfte. Henry nickte und griff sich dann nach einem Moment an den Hinterkopf. Mit Bestimmtheit in jeder seiner Bewegungen löste er das schwarze Seidenband, das seine Haare am Hinterkopf zusammenhielt. „Was soll das?“, fragte Joséphine als er das Band in ihre Hand legte und diese mit seiner schloss.„Ein Andenken, damit du mich nie vergisst.“ Stille.„Danke“, meinte sie dann schließlich. Die junge Frau war sich nicht sicher, ob das das richtige Wort war, aber Henrys Geste hatte sie auf eine simple Weise sprachlos gemacht. Sie fühlte noch den weichen Stoff in ihrer Hand, da drehte sie sich herum und sah ihr Nähset auf ihrer Pritsche am Boden liegen. Mit einer schnellen Bewegung hatte die die Schere hervorgezogen, eine Strähne ihres roten Haares um ihren Finger gewickelt und diese abgeschnitten.„Was soll das?“, wollte Henry wissen, als sie die Haarsträhne in seine Hand legte und diese mit ihrer schloss.„Damit du mich nicht vergisst.“„Das hätte ich nicht. Niemals würde ich dich vergessen Miss Doktor Joséphine Deegen“, versicherte Henry, hätte dieses Andenken aber dennoch für nichts in der Welt wieder hergegeben. Einen Moment sahen die beiden sich so an, sahen sich in die Augen. Wo standen sie? Wer wusste das schon? Was empfanden sie? Das wussten nur die beiden. Doch unabhängig davon war beiden klar, dass sie vor Joséphines Abreise keine Antworten mehr finden würden - vielleicht würden sie das auch nie, sollte Joséphine nicht zurückkommen. Dieser Moment, die Blicke die sie austauschten waren ihr gegenseitiger stummer Abschied.Henry war es schließlich, der den Moment löste und die Schultern straffte. Mit einer fahrigen Bewegung tippte er sich an den Hut. „Ich empfehle mich.“ Ohne eine weiteres Wort wandte er sich ab und ging auf die Tür zu, hatte den Knauf schon in der Hand, als er sich noch ein letztes Mal umdrehte.„Darf ich dir schreiben Joséphine?“ Denn für Henry hatte sich die Sache plötzlich entschieden. All die Wochen in denen er sich selbst ermahnt hatte, dass es töricht wäre, sich in eine Frau wie Joséphine zu verlieben, da hatte er Recht gehabt. Es war töricht, furchtbar töricht und dumm und hoffnungslos …. Und doch hatte er sich verliebt, dass verstand er nun. Er hatte sich eingeredet, dass er wirklich nur körperlich für sie fühlte, doch hier zu stehen, zu wissen seine Joséphine bald auf einem vollkommen fremden Kontinent wäre, nun das führte ihm vor Augen, dass er sich nicht wirklich um ihren Körper scherte, dass er nie nur körperlich für sie empfunden hatte. Nein, wahrscheinlich hatte er sich in diesen rebellischen Wildfang an Frau verliebt. Eine ältere Version von ihm bemitleidete ihn und eine sehr viel ältere Version von sich selbst beglückwünschte ihn.
10. Januar. 1778
“farewell, my most beloved General, it is not without emotion I tell you this last adieu before So long a Seperation. do’nt forget an absent friend and believe me for ever and ever with the highest Respect and tenderest affection der General Your most obed. Serv. and affectionate friend.”
Brief La Fayettes an Washington vom 5. Januar 1778 „Fair ist das nicht gerade“, beschwerte sich Friedrich, als er von seinem Pferd stieg, eine Bewegung der jegliche Eleganz fehlte.„Was ist nicht fair?“, fragte der Marquis de La Fayette an seinen Weggefährten gewandt und stieg ebenfalls von seinem Reittier - in einer wesentlich formvollendeteren Bewegung.„Du warst so lange krank, hast wochenlang praktisch nur im Bett gelegen und dennoch fällt dir jeder Tag im Sattel so viel leichter als mir. Das ist nicht fair.“„Aber überraschen tut dich der Umstand nicht wirklich, oder?“, meinte La Fayette hämisch und die beiden Männer führten ihre Pferde am Zügel durch das dicht besiedelte Boston. Statt eine Antwort zu geben, streckte Friedrich nur frech die Zunge hervor. Der Marquis verzog in gespielter Erschütterung die Stirn. „Aber, guter Sir, wo sind nur Ihre Manieren geblieben.“„Die liegen irgendwo am Wegesrand.“„Genauso wie du vorhin?“„Hey - ich wäre nur beinahe vom Pferd gefallen, mit einer Betonung auf ‚beinahe‘.“„Wenn du es sagst … aber richtig auf dem Pferd gesessen hast du auch nicht mehr“, lachte La Fayette und wandte sich dann seinem Weggefährten zu6.Aus Rücksicht auf La Fayettes Gesundheitszustand hatte man die Abreise weit nach hinten verschoben. Friedrich war das nur Recht gewesen. Zudem sah er seinen Patienten eine solch lange und beschwerliche Ozeanüberquerung gerne vollkommen genesen antreten, und das hatten La Fayettes heftige Kopfschmerzen längere Zeit nicht permittiert, und zum andere hatte es ihm etwas Zeit gegeben, sich auf das Bevorstehende vorzubereiten.Ganz nebenbei hatte sich dem jungen Arzt durch die veränderten Reisepläne auch einmal mehr die Möglichkeit geboten, Weihnachten mit den Angehörigen ihres alten Regimentsstabes zu feiern. Es war merkwürdig dieses Jahr, nach dem Tod von Eberhard Michael, der Rückkehr von Louis van Linkensdorf nach Preußen und der Versetzung von Kaplan Henry Mueller. Doch obwohl es ein merkwürdiges Ende für ein merkwürdiges Jahr war, so war es doch nicht weniger herzlich und vertraut wie all die Jahre zuvor.„Du siehst glücklich aus“, meinte La Fayette plötzlich und lächelte milde. Friedrich erwiderte das Lächeln. Seine Nasenspitze und Wangen waren von der Kälte gerötet, einzelne Schneeflocken hoben sich in seinem Haar hervor und all das ließ ihn sonderbar jugendlich, sonderbar unbeschwert aussehen.„Ich habe wirklichen Respekt vor meiner neuen Aufgabe … aber den Krieg werde ich nicht vermissen. Wenn das Schiff morgen den Hafen verlässt7, dann segeln wir dem Frieden entgegen, natürlich bin ich bei solchen Aussichten glücklich.“Der junge Franzose setzte zu einer Antwort an, verstummte dann jedoch noch bevor er wirklich begonnen hatte, als etwas in der Ferne seine Aufmerksamkeit erregte und er unvermittelt stehen blieb.Boston war an diesem kalten Wintermorgen laut und die Straßen überfüllt. Menschen aller Klassen und jeden Alters drängten sich aneinander vorbei und Schneeflocken fielen leise vom Himmel. Der frische Wind, der vom Hafenviertel herüberwehte, peitsche und brauste - Friedrich wäre es nicht aufgefallen, wenn La Fayette nicht darauf gezeigt hätte. Eine Ansammlung von Menschen. Frauen, Kinder und viele Männer in einer dichten Menschtraube am Kai von Bostons Hafen.„Was geht dort vor sich?“, fragte La Fayette, ehrlich verwundert und ließ den Arm wieder sinken. Friedrich folgte seiner Geste und lenkte seine Aufmerksamkeit auf die Menschengruppe. Einen Moment beobachtete er, bevor sich sein Blick verhärtete und er sich abwandte. „Das sind Vertragsknechte“, erklärte er und setzte sich wieder in Bewegung. Der Marquis packte ihn an der Schulter und hielt ihn zurück.„Was heißt das? Was sind Vertragsknechte8?“Friedrich atmete geräuschvoll aus. Sein Bedürfnis dieses Thema nun zu behandeln war gering.„Das sind Menschen die für ihre Überfahrt nach Amerika nicht bezahlen können. Die Kapitäne und Reeder nehmen sie unentgeltlich mit - unentgeltlich im Sinne, dass sie ihren Platz auf dem Schiff nicht mit Geld bezahlen müssen, sondern den Schiffsbesitzern in Amerika dann für eine festgelegte Anzahl an Jahren als Arbeitskraft zur Verfügung stehen. Doch die meisten Reeder verkaufen sie weiter. Siehst du dort, die Männer mit den Ochsenkarren? Sie kaufen alle die Vertragsknechte die in ihren Augen gesund und tüchtig sind und fahren mit ihnen dann durch das ganze Land, um auch Kunden beliefern zu können, die nicht in der Nähe eines Hafens leben. Letztendlich arbeiten die meisten Vertragsknechte dann nicht für den Kapitän oder Reeder, der sie nach Amerika gebracht hat, sondern für jemand ganz anderen.“La Fayette starrte den jungen Arzt mit großen Augen an. „So etwas ist erlaubt?9“, wollte er ungläubig wissen.„Natürlich - zumindest solange sich alle Parteien an die Abmachungen halten. Vor der Überfahrt wird ein Vertrag aufgesetzt und dann mit einem individuellen Schnitt in der Mitte in zwei Hälften geteilt. So soll sichergestellt werden, dass weder die Reeder noch die Überfahrer den jeweils anderen betrügen können, indem sie die Einzelheiten des Vertrages abändern. Da aber sehr, sehr viele der Überfahrer nicht lesen und schreiben, gerade einmal so ihren eigene Namen aufs Papier bringen können, wissen sie häufig gar nicht genau, was sie da unterzeichnen und wenn man sie betrügt, dann sind sie auch so gut wie machtlos. Viele der Käufer halten sich auch nicht an die Abmachungen.“Der Marquis blickte zurück zu der Gruppe dort am Kai, seine Stirn lag in Falten als er sich eine Strähne Haar aus dem Gesicht strich, die der Wind dorthin getrieben hatte.„Warum stehen einige der Kinder dort so separiert an der Seite?“, wollte er weiter wissen und dieses Mal musste Friedrich nicht einmal hinsehen, um ihm eine Antwort geben zu können.„Das sind die unter fünfjährigen“, meinte er, wurde sich dann aber bewusst, dass er seine Aussage wohl noch etwas erläutern müsste.„Das Gesetzt verbietet es, Vertragsknechte die noch keine fünf Jahre alt sind, für sich arbeiten zu lassen. Das heißt die Personen in dessen Obhut sie gelangen, müssen die Kinder erst einmal durchbringen bis sie fünf sind und sie gehen das Risiko ein, dass die Kinder sterben. Als Gegenleistung dafür muss man für diese Kinder nichts bezahlen und man darf sie behalten, bis sie 21 Jahre alt sind. Jeder der sie will, kann eines haben“, meinte Friedrich und zuckte mit den Achseln.La Fayette hatte sich während seiner Erklärung wieder zu ihm herum gedreht und die Abscheu, das Entsetzen, der Ekel waren deutlich in seinen Augen zuerkennen - auf eine seltsame Art du Weise stand ihm dieser Ausdruck, befand der junge Deutsch-Amerikaner.„Wie häufig passiert es, dass ein Käufer eine ganze Familie nimmt, den Vater, die Mutter und alle Kinder der Familie?“Friedrich zuckte wieder mit den Schultern. „Selten.“„Das heißt die Familien werden auseinander gerissen?“„Meistens schon.“„Wenn man seine Zeit abgearbeitet hat, wie groß ist die Wahrscheinlichkeit seine Familie wiederzufinden?“„Ich weiß es nicht wirklich - ich meine, dadurch, dass viele von ihnen wie gesagt nicht lesen und schreiben können und praktisch mittellos sind, denke ich nicht, dass es wahrscheinlich ist.“„Aber warum tut man das? Wenn man weiß, welches Leid einen erwartet, warum macht man überhaupt diese Überfahrt? Warum erlegt man seinen Kindern solch ein Schicksal auf?“, wollte der Marquis wissen und Friedrich merkte, wie er zusammen zuckte. Ihm war bewusst, dass La Fayette aus Neugier gefragt hatte und sich dahinter kein persönlicher Angriff verbarg, doch für einen kurzen Moment ebbte in dem jungen Mann dennoch Wut auf.„Diese Menschen kommen nicht nach Amerika, weil sie hier ein Offizierspatent erwartet oder weil sie hoffen sich hier ihre Sporen in einem Krieg zu verdienen, diese Menschen kommen hier nach Amerika, weil sie in ihrer Heimat ihre Kinder nicht mehr ernähren können. Es gibt also nur dies hier oder Verhungern“, meinte er bitter. Der erste Part seiner Antwort war ganz eindeutig gegen den Franzosen an seiner Seite gerichtet und an dem verdutzten Blick seines Freundes erkannte Friedrich auch, dass es diesem nicht entgangen war.„Komm nun“, meinte Friedrich und drängte zum Weitergehen, bevor der Marquis weitere Fragen stellen konnte. Dieser kam der Aufforderung seines Freundes nun auch ohne ein Wiederwort nach und setzte sich wieder in Bewegung. Obwohl Friedrich selber zum Gehen gedrängt hatte, war er es, der sich noch einmal umdrehte und zu der Gruppe herüber sah. Er sah das kleine Mädchen, keine fünf Jahre alt, dort stehen. Ihre Schwester hielt sie im Arm und ein weiterer Bruder hatte die Hand ihres Zwillingsbruders gefasst. Der Blick der grünen Augen bohrte sich tief in Friedrichs Herz, als der Kapitän das Kind plötzlich von hinten packte und empor hob - wie eine Trophäe für jeden, der sie haben wollte.Das Schiff, das Doktor Friedrich Deegen und den Marquis de La Fayette nach Frankreich bringen sollte, die Alliance10, verließ den Hafen von Boston am nächsten Tag.
18 Kinder klingt für unsere modernen Ohren nach unglaublich viel, aber für Frauen (die früh sexuell aktiv sind) sind 15 bis 18 Schwangerschaften im Laufe ihres Leben vollkommen im Bereich des Möglichen. Gerade in früheren Jahrhunderten endeten viele Schwangerschaften in Fehlgeburten und viele Kinder starben sehr früh - insofern hatten die meisten Frauen auch bei 18 Schwangerschaften leider nicht 18 Kinder.
La Fayettes Reise nach Amerika war ein ziemliches Hin und Her und der französische König hat dann letztendlich einen Haftbefehl gegen La Fayette erlassen, den er erst nach dessen Rückkehr nach Frankreich wieder zurückgenommen hatte.
Viele Minister des Königs rieten diesem tatsächlich, La Fayette in die Bastille (ja, genau die Bastille) zu sperren, zumindest für einige Zeit - aber dazu im kommenden Kapitel noch mehr.
La Fayettes Mutter war Marie Louise Jolie de La Rivière. Wo die Familie von La Fayettes Vater mit einer langen Ahnenlinie und Reichtum (wenn auch über die ganze Familie und mehrere Nebenzweige verteilt) aufwarten konnte, war die Riviére Familie wahnsinnig gut gestellt, einflussreich und bekannt.
Es gibt mehrere Berichte, dass in dem Anwesen der Familie ein Kind geboren wurde, während La Fayette zu Gast war. Der Marquis hat das Kind sogar getroffen und ihm einen Kuss gegeben. Leider konnte ich aber nicht herausfinden wie Kind oder Mutter hießen. Es ist eigentlich nur logisch, dass die Mutter auch eine Brinkerhoff war, da sie ja in dem Anwesen wohnte, sie könnte aber auch einen anderen Familiennamen gehabt haben.
La Fayette hatte noch mehr Weggefährten auf seinem Weg nach Boston. So war neben Doktor Cochrane auch sein Aide-de-Camp Gimat bei ihm. Aus Gründen der Einfachheit habe ich die Reisegesellschaft etwas verkleinert.
An dieser Stelle habe ich ein wenig mit den zeitlichen Abläufen gespielt. La Fayette ist von Fishkill zunächst nach Philadelphia gereist, blieb dort ein paar Tage, ritt dann nach Boston, wo er ebenfalls ein paar Tage wartete, da er eigentlich noch Abgesandte des Kontinental Kongresses erwartete. Als diese nicht eintrafen, beschloss er dann schließlich am 11. Januar in See zu stechen.
Die Schilderung des Systems der Vertragsknechtschaft ist hier nur sehr oberflächlich geschildert, aber da die Thematik sehr interessant ist, kann ich nur jedem Interessierten empfehlen sich dort einmal etwas einzulesen.
Es ist unwahrscheinlich, dass La Fayette so unwissend war, da das System der Vertragsknechte wirklich weit verbreitet war.
10. Der Name des Schiffes war natürlich kein Zufall. Die amerikanischen Offiziellen haben dieses Schiff ganz bewusst gewählt, als Symbol für die Allianz mit Frankreich, die man stärken wollte.
----- CHAPTER BREAK -----
13. Januar 1779
“There was a period, she said a few months ago, when, after one of your returns from America, I felt myself so forcibly attracted to you, that I thought I should faint every time you came into the room. I was possessed with the fear of annoying you, and tried to moderate my feelings. You can scarcely be dissatisfied with what remains.”
Adriennes Worte (mit Bezug auf seine zweite Rückkehr nach Frankreich) auf ihrem Totenbett an La Fayette Es war kalt am Oberdeck. Der raue Seewind strich Friedrich über das Gesicht, als er sich gegen die Reling der Alliance lehnte. Er spürte das solide Holz im Rücken und hörte über sich die Möwen kreischen. Als er sich mit der Zunge über seine Lippen strich, schmeckte er das Salz des Meeres. Obwohl sie erst ein paar Tage auf See waren, fühlten Friedrichs Lippen sich trocken und rissig von der salzigen Luft an. Plötzlich frischte der Wind noch einmal auf und man spürte den Ruck, der durch das Schiff ging, als die imposanten Segel die steife Brise einfingen und der Rumpf des Schiffes noch schneller durch die Wellen schnitt. Eine Böe ließ einige von Friedrichs roten Haarsträhnen im Wind tanzen, so wie kleine Vögel die sich gen Himmel hinaufschwangen. Für einen Moment schloss der junge Arzt seine Augen. Vollkommen in diesem wunderbaren Augenblick gefangen, öffnete er die Augen erst, als ein Geräusch neben ihm ihn wieder etwas ins Bewusstsein rief.„Du weißt, dass keine Notwendigkeit dafür besteht, die Fische zu füttern, richtig?“, scherzte er.„Wie bitte? Fische füttern?“, presste La Fayette neben ihm mühsam hervor. Der Marquis hing würgend und spuckend über der Reling und gab ein selten jämmerliches Bild ab - dennoch konnte Friedrich nicht an sich halten und musste lachen.„Das, was du da gerade machst, dazu sagen Seefahrer ‚Fische füttern‘.“„Oh, wie unheimlich witzig du doch heute Morgen wieder-“ Weiter kam La Fayette dann auch nicht mehr.„Ich meine, ich wusste, dass du schnell Seekrank wirst1, aber ich hatte ja keine Ahnung, dass du so in den Seilen hängen würdest. Dagegen habe ich mich während meiner ersten Ozeanüberquerung ja sogar noch wacker gehalten.“Der Franzose ignorierte die letzte Aussage seines Freundes und ließ sich stattdessen mit einem leisen Stöhnen erschöpft neben Friedrich nieder. „Ich hasse die See und die See hasst mich. Wir ergänzen und in dieser Hinsicht wunderbar2“, meinte er und fügte noch hinzu „ich bin aber wirklich froh, dass du dich so amüsierst.“ Friedrich hatte zumindest den Anstand schuldbewusst zu schauen, konnte sich sein breites Grinsen aber auch nicht wirklich verkneifen.„Wollen wir in die Kabine zurückgehen?“, fragte Friedrich und kämpfte sich wieder auf die Füße. La Fayette streckte nur wortlos eine Hand aus und sah dabei selten miserabel aus. Wieder musste der junge Arzt grinsen, wer hätte denn ahnen können, das es nur ein paar kleine Wellen brauchte, um La Fayettes beinahe schon grenzenlos erscheinenden Energievorrat aufzuzehren?Auf dem Weg zurück in die Kabine, die sie sich beide teilten3, kamen sie an einigen der Matrosen vorbei. Friedrich blieb stehen, während der Marquis weiterging. Mit gesenkter Stimme wandte sich Friedrich an einen der Matrosen. Der Mann sah wie ein richtiger Seemann aus, die Haut Wetter gegerbt und das Gesicht schlecht rasiert.„Ich werde ein Auge auf den Marquis haben, aber dennoch wäre ich Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mich zeitnah wieder benachrichtigen, sollte so etwas sich wiederholen.“„Ja Sir!“, kam die knappe Antwort und Friedrich setzte sich wieder in Bewegung, nur um sich fast augenblicklich wieder umzudrehen. „Die Mannschaft lacht sich gerade bestimmt ins Fäustchen, nicht wahr?“Der Angesprochene wurde hochrot. „Ich weiß nicht, was Sie meinen Sir.“Friedrich grinste, um dem Matrosen etwas von der Anspannung zu nehmen. Er selber hatte sich ja nicht weniger an dem Anblick erfreut. „Ach kommen Sie, das halbe Schiff hat das gesehen, Sie wollen mir doch nicht etwa weiß machen, dass sich keiner Ihrer Männer daran amüsiert.“„Nun Sir, es war, wie soll ich es sagen, schon ein reichlich ungewöhnlicher Anblick. War das ihr medizinischer Rat, Doktor?“Aus Friedrichs Grinsen wurde ein breites und lautes Lachen. „Oh nein, nein, mit Nichten. Ich gebe gerne taugliche Ratschläge - nicht, was auch immer das gewesen war.“ Dann fügte er noch hinzu „wie dem auch sei, ich denke wir tun beide gut daran, wenn wir Sorge tragen, dass sich so ein Vorfall nicht noch einmal wiederholt.“„Ja Sir“, kam die schnittige Antwort und Friedrich verließ mit einem Kopfnicken das Oberdeck. Er war gerade in eine der Lektüren vertieft gewesen, die er sich für die lange Reise angeschafft hatte, als der Matrose mit dem er eben die Unterhaltung geführt hatte, in seine Kabine eingetreten kam. Der Mann berichtete dem Arzt, etwas unangenehm berührt, dass der Marquis ein doch recht … seltsames Mittel zur Bekämpfung seiner Seekrankheit gewählt hatte. Verwundert war Friedrich dem Matrosen gefolgt und konnte am Oberdeck bei dem sich ihm präsentierenden Blick nur die Stirn runzeln. La Fayette stand doch wirklich da und umarmte den Hauptmast des Schiffes, ganz so als ob dieser ein alter Freund sei4.Als Friedrich nun in die Kabine zurückkehrte, saß La Fayette missmutig auf dem Stuhl bei dem Tisch. „Mir ist langweilig“, beklagte er sich.„Lern Spanisch.“„Ich soll was machen?“„Spanisch lernen. Auf der Hinfahrt hast du Englisch gelernt, warum dieses Mal nicht ein wenig Spanisch lernen. Oder Deutsch. Russisch vielleicht?“„Die Frage war eigentlich ernst gemeint. Ich habe nichts zu tun und könnte etwas Ablenkung gut gebrauchen.“„Meine Antwort war auch ernst gemeint. Ich meine hier auf dem Schiff gibt es eben nur ein begrenztes Maß an wünschenswerter Ablenkung und ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich bei deiner Laune und Unruhe nicht wirklich auf die nächsten Wochen erpicht bin.“ Friedrich hatte sich nun ebenfalls gesetzt und die Knie zusammen gedrückt. Dem Drang die Beine zu überschlagen kam er nicht nach, das machte man als Dame nicht, hatte Joséphines Mutter immer wieder gepredigt.„Es tut mir ja leid, es ist nur das - ach, das ist doch einfach alles Mist!“, fluchte der Marquis schon beinahe und ließ sich auf dem Stuhl nach hinten fallen. „Was liest du da?“, fragte er und deutete mit seinem Finger auf das Buch, das noch immer aufgeschlagen vor Friedrich auf dem Tisch lag.„Das hier?“, fragte der junge Arzt und hielt den Einband hoch, sodass sein Freund das Buch besser sehen konnte. „Das ist das Chemiebuch, das Doktor Benjamin Rush geschrieben hat. Ich wollte es schon seit langer Zeit lesen, habe aber nie die Zeit dafür gefunden.“„Chemie also? Mein Schwiegervater wird das sehr gefallen“, prophezeite der junge General.„Was bringt dich auf solche Gedanken?“„Nun ja, mein Papa5 ist 1777 ein Mitglied der Académie des scienes6 geworden für seine Arbeit im Feld der Chemie. Er ist Chemiker.“„Das hast du mir nie erzählt“, meinte Joséphine überrascht und beugte sich etwas vor. „Aber das hier kommt jetzt erst mal wieder in die Kiste“, meinte sie während sie sich erhob, das wissenschaftliche Buch weggepackte und stattdessen ihre Bibel hervor holte. Das Schiff machte ein Ruck und Joséphine stolperte einen Schritt nach vorne und die Bibel in ihrer Hand fiel zu Boden, die Seiten aufgeschlagen. Gerade als sie sich bücken wollte, um die Heilige Schrift wieder aufzuheben, schien sie wie vom Blitz getroffen erstarrt zu sein, nur, um sich dann mit umso mehr Eile auf die Knie nieder zu lassen und das Buch zu greifen. Mit beiden Händen schüttelte sie das Buch aus, ganz so, als ob sie etwas zwischen den Seiten vermutete.„Ist alles in Ordnung?“, fragte La Fayette, den Joséphines Aufregung verwirrte - andererseits war er momentan auch generell etwas begriffsstutzig.„Nein, nein, ganz und gar nicht“, kam dann jedoch die Bestätigung, dass es wirklich ein Problem gab und jegliche Farbe verließ das Gesicht der jungen Frau.„Meine Papiere Gilbert. Du weißt nicht zufällig wo meine Papiere sind?“, frage Joséphine langsam und ließ sich auf ihre Fersen nieder.„Welche Papiere meinst du?“„Mein Eid, mein Treueeid gegenüber Amerika - den, den ich mit meinen richtigen Namen unterschrieben habe. Wenn ich ihn nicht an meiner Person hatte, lag er immer hier zwischen den Seiten meiner Bibel, weil die niemand außer mir anrührt … aber er ist nicht mehr dar.“ Die Verzweiflung verlieh der Stimme der jungen Frau eine gewisse Schrille. Ihre Sorge war ganz beträchtlich. La Fayette bemerkte ebenfalls wie sein Herz schneller zu schlagen begann, seine Unterschrift war ebenfalls auf diesem Papier.„Wann hast du die Papiere das letzte Mal gesehen?“, drängte der Marquis.„Ich weiß es nicht!“, erklärte Joséphine und es war schwer zu sagen, ob diese Aussage der Wahrheit entsprach oder ob die panische Angst, die sie hatte und die sich jetzt auch in ihren Augen manifestiert hatte, einfach nur ihren Verstand vernebelt hatte. Jedenfalls wurde La Fayette bewusst, dass er einschreiten musste, wenn man zu einem Ergebnis kommen wollte.„Gut -ich meine nicht gut, aber - wie dem auch sei. Ich habe deine Papiere das letzte Mal nach der Schlacht von Monmouth gesehen.“„Richtig, ich hatte sie an dem Morgen bei mir, weil wir das Lager abgebrochen haben und ich sie lieber bei mir haben wollte, falls irgendjemand auf die Idee kommt an meine Sachen zu gehen. Das heißt nach dem wir in die britische Patrouille gestolpert sind-“„War ich im Besitz deiner Papiere, ganz richtig. Nachdem du am Tag danach wieder in das Lager zurückgekehrt bist, wollte ich sie dir wiedergeben, habe es dann aber immer wieder vergessen und hinausgezögert bis …“„Bis wann?“, drängte Joséphine und starrte ihren Freund an. Dieser kratzte sich nachdenklich am Kopf.„Stevenson, ich habe sie dir an dem Morgen zurückgegeben, an dem du deine Auseinandersetzung mit Stevenson hattest und später zusammen gebrochen bist.“„Du hast sie mir aber nicht persönlich gegeben?“, wollte die Ärztin wissen, auch wenn sie die Antwort kannte. Viele Erinnerungen an diesen Tag waren verschwommen, es war ebenfalls der Tag, an dem Louis van Linkensdorf ihr eröffnet hatte, das James in der Schlacht gefallen sei, aber an den Morgen des Tages konnte sie sich noch sehr klar erinnern.„Nein, das habe ich nicht. Ich habe dir das Papier zu den anderen Schriftstücken auf deinem Tisch gelegt“, bestätigte La Fayette Joséphines Vermutung.„Verdammt, wie konntest du so etwas Wichtiges einfach auf den Tisch legen?“, zischte die junge Frau.„Wie konnte dir über all die Monate nicht auffallen, dass so ein wichtiges Papier nicht mehr in deinem Besitz ist. Die Schlacht von Monmouth war im Juni des vergangenen Jahres“, konterte der Marquis nicht weniger erregt. Für einen Augenblick herrschte Stille, in der sich die beiden jungen Menschen über ihre eigene Unachtsamkeit und die des jeweils anderen ärgerten. Schließlich sprach La Fayette wieder.„Nachdem ich dich aus dem Regen wieder hinein in deine Kammer gebracht, mich entschlossen hatte, dich zu dieser Familie zu bringen, da habe ich nach dem Papier auf deinem Tisch gesucht, damit ich es wieder an mich nehmen kann, aber da lag es dort bereits nicht mehr und ich bin davon ausgegangen, dass du es weggeräumt hättest.“„Das habe ich aber nicht.“„Das sehe ich jetzt auch. Danach hast du die Papiere also nicht wieder gesehen?“„Ich denke nicht.“„Du denkst nicht? Joséphine, das ist ernst, ich würde mich freuen, wenn du mehr beizutragen hättest, als ein ‚ich denke nicht‘!“„Nein, seit dem Tag habe ich das Dokument nicht mehr gesehen“, antwortete die junge Frau und begann angespannt ihre Hände abwechselnd zu Fäusten zu ballen und wieder zu öffnen. „Es kann sich ja auch nicht einfach in Luft aufgelöst haben. Irgendwo muss es ja sein.“„Hattest du an dem Tag nicht Besuch von Monsieur van Linkensdorf?“, fiel es La Fayette plötzlich wieder ein.Die junge Frau nickte zustimmend, fügte aber hinzu „Er kann es nicht genommen haben. Unmöglich, ich war die ganze Zeit bei ihm, das hätte ich bemerkt.“Der Marquis hätte beinahe angefügt, dass er sich ziemlich sicher war, dass Joséphine das Zimmer einige Minuten vor Van Linkensdorf verlassen hatte, war sich in diesem Punkt aber nicht sicher - immerhin hatte er damals keinen Grund gehabt, explizit auf das Kommen und Gehen von den Besuchern seines Stabsarztes zu achten.„Könnte es vielleicht einfach hinter einen Schrank gefallen sein, unter eine Bodendiele vielleicht?“, meinte er stattdessen und wusste selber, wie unwahrscheinlich das war.„Ich glaube nicht - ich meine, wie sollte es? Andererseits, wenn jemand das Papier gefunden hätte, dann hätte er mich gemeldet. Juni letzten Jahres, das ist eine lange Zeit, sollte jemand das Papier in seinem Besitz haben, warum sollte er so lange warten, bis er handelt?“ Die Aussage stammte in gleichen Teilen aus Überlegung als aus purer Verzweiflung. La Fayette war das durchaus bewusst und deshalb brachte er nicht mehr als ein vages Nicken zustande. Dieser Gedankengang ergab schon Sinn, Joséphine war nicht gemeldet, noch war er von jemandem auf seine Unterschrift angesprochen worden - dennoch, sicher über den Verbleib der Papiere konnte sich keiner der beiden sein. Wenn ihm nicht vorher schon schlecht gewesen wäre, nach dieser Entdeckung wäre dies bestimmt der Fall.„Ich brauche etwas frische Luft“, verkündete Joséphine und kam wieder auf die Füße, ihr Gesicht noch immer fahl wie ein Laken. Als Antwort bekam sie wieder nur ein Nicken. Der junge Franzose schien ebenso in seinen Gedanken vertieft zu sein, wie sie selber.Joséphine stahl sich ein paar Stunden später wieder in die Kabine und brachte mit sich eine Schüssel mit Suppe. Obwohl ihm ihr Eintreten unmöglich entgangen sein konnte, hob der Marquis erst den Kopf, als die junge Frau die Schüssel neben ihm abstellte. Sein skeptischer Blick wanderte von Joséphine zur der Schüssel und wieder zurück, bevor er die Schüssel mit einer Hand von sich fortschob.Doch zu seinem Pech war Joséphine nicht in der Stimmung zu diskutieren und schob die Schale nur mit folgenden Worten wieder dichter an ihn heran. „Du musst wieder zu Kräften kommen. Das Fieber steckt dir noch in den Knochen und bisher scheint dir die Überfahrt auch noch nicht wirklich zu bekommen.“La Fayette schüttelte müde mit dem Kopf. „Das ist es ja. Ich werde die Suppe in meinem momentanen Zustand nicht bei mir behalten können.“„Wir werden es aber trotzdem versuchen. Hier“, meinte die junge Frau und reichte La Fayette den Löffel, welchen dieser nur äußerst unwillig akzeptierte. Doch sein Blick alleine verriet, dass sie noch etwas Überzeugungsarbeit leisten müsste. Daher setzte sie ein breites Grinsen auf und lehnte sich nach vorne, wobei sie ihren Kopf auf den Händen abstützte. „Wir spielen ein Spiel“, schlug Joséphine vor.„Ein Spiel?“, wiederholte La Fayette vorsichtig.„Genau. Das haben meine Eltern mit mir und meinen Geschwistern immer gespielt, wenn wir krank waren. Für jeden Löffel Suppe den du isst, darfst du mir eine Frage stellen. Irgendeine - und ich muss dir ehrlich antworten.“„Deine Eltern haben das mit euch gespielt?“Joséphine verdrehte die Augen. „Ja, nicht genau so … aber beinahe.“„Meinetwegen“, lenkte La Fayette schließlich ein, nahm die Schüssel in beide Hände und musterte ihren Inhalt für einen Moment, als ob dies sein persönlicher Erzfeind war. Schließlich nahm er einen Löffel, musste dabei aber schwer Schlucken.„Was ist deine Lieblingsfarbe?“Joséphine kicherte. „Von all den Dingen die du mich fragen könntest, ist das deine erste Frage. Gut, mir soll das recht sein. Meine Lieblingsfarbe ist grün … oder blau, rot ist auch schön.“„Mit anderen Worten: Du hast keine Lieblingsfarbe.“Wieder kicherte Joséphine. „Das würde ich so jetzt nicht sagen. Nein, meine Lieblingsfarbe ist schon grün.“„Deine Lieblingsjahreszeit?“Dieses Mal verzichtete die junge Frau auf das Kichern, verdrehte aber wohlwollend-amüsiert die Augen. „Herbst. Ich finde der Herbst ist so eine schöne Jahreszeit, aber wirklich genießen kann ich nur den Spätherbst, dann, wenn die Ernte eingebracht, die meiste Arbeit getan ist und man weiß, wie hart der Winter für seine Familie wird.“ Der junge Franzose nickte stumm und nachdenklich. In solchen Momenten wurde ihm wieder bewusst, wie grundverschieden er und Joséphine doch waren. Er hatte Jahreszeiten nie nach der Vielzahl der Arbeitsstunden oder der Not, die der Winter bringen würde, bewertet. Doch für Joséphine war dieser Maßstab der natürlichste der Welt.La Fayette führte gerade den dritten Löffel Suppe zu seinen Lippen, als ihm eine weitere Frage in den Sinn kam. „Vorhin, da hast du doch gesagt, nicht einmal dir ging es auf deiner ersten Ozeansüberquerung so schlecht. Was hast du damit gemeint?“Joséphines Gesicht, dass bis zu diesem Moment noch Heiterkeit und Freude ausgestrahlt hatte, verfinsterte sich plötzlich, ganz so, als würden sich Wolken vor den Mond in dunkler Nacht schieben. Unvermittelt erhob sie sich und wandte La Fayette den Rücken zu, ganz so, als wollte sie gehen. Doch sie verharrte in dieser Position. Ihre Schultern begannen sachte zu beben, als ob sie weinen würde. Der junge Mann wollte gerade nach dem Grund für ihre offensichtliche Gemütsveränderung fragen, da drehte sich die junge Frau wieder zu ihm herum.„Fein. Gut. Ich habe gesagt, dass du mich alles fragen darfst. Es ist meine Schuld, ich hätte es besser wissen müssen.“Joséphine setzte sich wieder und widmete plötzlich große Aufmerksamkeit einer Falte in ihrer Weste. „Ich erzähle es dir und du wirst mich nicht unterbrechen. Wenn du mich unterbrichst, kann ich dir nicht versprechen, dass ich die Geschichte zu Ende erzählen kann … und diese Frage zählt für mehr als nur einen Löffel Suppe.“La Fayette nickte folgsam.„Gut. Schön. Ich bin nicht in Amerika geboren worden, tatsächlich war ich beinahe schon fünf Jahre alt, als ich die Kolonien erreicht habe.“„Wie bitte?“, hustete La Fayette, bei solch einer Eröffnung hatte er sich doch glatt an seiner Suppe verschluckt.„Worum habe ich dich gerade gebeten?“, wollte Joséphine wissen und klang dabei beinahe schon ungehalten.„Verzeih, ich, es war nur, das hat mich sehr überrascht“, entschuldigte der General und verfiel wieder in Schweigen.„Ich bin in Preußen geboren worden, in einem kleinen Dorf am Meer. Die Familie meiner Mutter kam von dort und meine Eltern haben dort gelebt. Ich kann mich noch daran erinnern, wie es sich anfühlt am Strand zu stehen. Den Sand zwischen den Zehen zu spüren, das Meersalz in der Luft zu schmecken. In der Ferne kreischen die Möwen und das Dünengras raschelt im Wind. Man kann das Meer schon von weitem riechen, dieser Geruch der einem die unendliche Weite dieser maritimen Welt verspricht - tatsächlich denke ich während der Überfahrt an viele meiner frühsten Kindheitserinnerungen zurück. Mein Vater hat mit meinem Großvater zusammen als Fischer gearbeitet. Des Nachts waren sie Fischen und sind erst am frühen Morgen heimgekommen. Manchmal war ich schon sehr früh wach und habe an der Tür auf meinen Vater gewartet. Meine Mutter sagte immer, ich müsste warten bis die Sonne aufginge, mein Vater würde die Sonne mit sich heimbringen - und wirklich das tat er, mein Vater kam jeden Morgen zum Sonnenaufgang heim. Ich war keines der armen Kinder, das seinen Vater an das Meer verloren hat. Doch mit den Jahren brachte er neben der Sonne immer weniger Fisch mit nach Hause, die Fänge waren schlecht und wenige Fänge bedeuteten wenig Geld. Er und mein Großvater konnten ihr kleines Boot und die Netzte nicht mehr richtig in Stand halten und das führte dann zu noch schlechteren Fängen. Ein Teufelskreislauf. Du kennst das nicht, das Gefühl hungrig zu sein, nicht so wie ich es kenne.“ Joséphine hielt für einen Augenblick inne und ihr Blick wirkte seltsam entrückt. Man konnte ihr regelrecht ansehen, wie die alten Erinnerungen durch ihren Geist tanzten.„Meine Eltern hatten erst beschlossen, irgendwo in Preußen eine neue Existenz aufzubauen, doch das war nicht wirklich eine Möglichkeit. Ich weiß, dass meine Eltern lange überlegt und abgewogen haben, bevor sie mit uns nach Amerika aufgebrochen sind - letztendlich hat aber nur dieser Schritt uns eine Zukunft garantiert.Meine Eltern haben alles Geld zusammen genommen, ihre Familien haben alles Geld zusammen genommen, das sie hatten und das hat dann für eine einzige Überfahrt gereicht. Mein Onkel, der ältere Bruder meines Vaters ist damit nach Amerika gesegelt. Er war ausgebildeter Arzt und Apotheker, er konnte leichter Geld verdienen als mein Vater - und er konnte somit auch rechtzeitig da sein, um uns kleine Kinder zu sich zu nehmen.“La Fayettes Augen weiteten sich, als würde ihm erst jetzt bewusst werden, welche Wendung Joséphines Erzählung einschlagen würde. Doch trotz seines Erstaunens, trotz seiner Bestürzung kam ihm dieses Mal kein Wort über die Lippen. Der jungen Frau entging die Reaktion ihres Freundes natürlich dennoch nicht.„Es waren zwei amerikanische Geschäftsmänner, bei denen meine Eltern die Passage gebucht hatten. Der eine war eigentlich Händler und hatte damit die maritime Logistik, um die Vertragsknechte nach Amerika zu bringen. Sein Partner in Amerika war Sklavenhändler und hatte damit das nötige Netzwerk, um die Menschen dann zu verteilen, sobald sie Amerika erreicht hatten. Die Überfahrt war … hart. Wir waren zu sechst, meine Mère, mein Père, meine jüngere Schwester Johanna, meiner jüngerer Bruder Hugo, mein Zwillingsbruder und ich. Wir Kinder waren allesamt unter fünf, deshalb war es ja so wichtig, dass unser Onkel als freier Mann in Amerika lebte, damit er uns zu sich holen könnte … andernfalls würde ich mich noch immer in der Vertragsknechtschaft befinden, ich bin 21. Das Problem ist nur, wenn man an uns nichts verdient, warum sollte man uns dann während der Überfahrt ordentlich versorgen, das waren doch verschenkte Mühen. Nur unsere Eltern bekamen Essensrationen. Wir haben geteilt, irgendwie haben wir es geschafft, aber viele andere schafften es leider nicht. Viele Kleinkinder überleben solche Überfahrten nicht, Mütter die gerade erst entbunden haben auch nicht.“Das Rauschen der Wellen gegen den Bug des Schiffes erschien Joséphine plötzlich ungehörig laut vor und die Geräusche riefen auch laute Erinnerungen wach.„Ich kann mich nicht an wirklich viel von der Überfahrt erinnern. Die endlosen Tage unter Deck, die Menschen, das Meer, alles ist irgendwie verschwommen, als hätte die Überfahrt in nur einem einzigen, aber unendlich langen Moment angedauert. Für uns gab es keine wirkliche Nacht und keinen wirklichen Tag. Aber dann die Aufregung, als wir den Hafen von Philadelphia erreicht haben, die Anspannung die plötzlich die Lethargie abgelöst hat. Mein Vater hat Friedrich und mich bei der Hand genommen, als wir das Schiff verlassen hatten. Sein Griff war viel zu fest, es tat mir weh, aber ich hielt einen Einspruch für belanglos. Meine Mère hat geweint, als sie uns Kinder separiert haben, daran kann ich mich noch genau erinnern. Ich wollte ihr so gerne sagen, dass sie keine Angst haben musste, dass ich ja auch keine Angst hatte, aber das wäre gelogen gewesen. Ich hatte fürchterliche Angst. Ich hatte nicht Angst vor dem, was passieren würde, denn ich war noch so klein, ich habe kaum verstanden, was dort vor sich ging. Mein Père hat mit Friedrich und mir gesprochen, hat uns versucht all das zu erklären, aber wir waren zu klein. Wir haben es nicht wirklich verstanden und genau das hat uns ja solche Angst gemacht.Während Mère geweint hat, hat Père nur auf die Menschenmenge am Kai geblickt und nach unserem Onkel Ausschau gehalten.“Joséphine unterbrach sich selber für einen Moment und faltete die Hände, stand dann auf und trat an eines der kleinen Bullaugen. Meerwasser schwappte gegen das Glas und hinterließ einen dreckigen Film. Sie konnte nicht mehr still sitzen, konnte nicht mehr ruhig erscheinen.„Mein Onkel stand dort am Kai, ganz so wie er es meinen Eltern versprochen hatte“, fuhr Joséphine fort, den Rücken immer noch La Fayette zugewandt. „Ich weiß nicht, ob noch jemand anderes Interesse an mir oder meinen Geschwistern gehabt hätte, aber mein Onkel hätte das nie zugelassen. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, was er dem Mann angetan hätte, der uns ihm hätte wegnehmen wollen.“ Ihre Worte brachten ein kleines Lächeln auf ihre Lippen, so erinnerte sie sich am liebsten an Onkel Louis, einen Mann der kein Blatt vor den Mund nahm und dessen entschlossene Art manchmal seinen weichen Kern betrügen konnte. Gedankenverloren leckte die junge Frau sich die Lippen. „Eigentlich kann ich mich nicht beschweren. Wir haben Glück gehabt, so unendlich viel Glück gehabt. Nicht nur wir Kinder mit unserem Onkel, auch unsere Eltern haben großes Glück gehabt. Mein Père ist von einer Gesellschaft im Hafen genommen worden, er sollte die ankernden Schiffe mit Gütern beladen, Kisten und Fässer, eine knochenbrechende Arbeit, aber eine die ihn in Philadelphia behielt. Meine Mère hatte noch mehr Glück, der amerikanische Geschäftsmann, der Handelsmann, der, dessen Schiffe uns nach Amerika gebracht haben, weißt du? Seine Frau war Österreicherin und hat sich nie wirklich bemüht die englische Sprache zu lernen - vielleicht konnte sie auch einfach nicht. Wie dem auch sei, sie bestand darauf, immer eine Anzahl an deutschsprachigen Dienstmädchen im Haushalt angestellt haben. Kurz vor unserer Ankunft hat eine der Bediensteten ihren Dienst aufgegeben und Mère, mit ihren Sprachkenntnissen und ihrer Erfahrung in diesem Bereich, ist für die Stelle ausgewählt worden. Damit konnte auch sie bei uns in Philadelphia bleiben. Wir habe wirklich Glück gehabt, so großes Glück.“La Fayette legte die Stirn in Falten. Wie konnte man bei solchen Umständen von Glück sprechen? Er verstand schon, dass die Geschichte von Joséphines Familie eine wesentlich dunklere Wendung hätte nehmen können, dennoch war ‚Glück‘ nicht das Wort, welches er gewählt hätte.„Wie lange?“, fragte der Marquis, als er sich sicher war mit seinen Worten die junge Frau nicht zu unterbrechen.„Ein paar Jahre“, meinte Joséphine und zuckte unbewusst mit den Schultern, als sie sich wieder herumdrehte. „Aber auch da haben wir Glück gehabt. Beide Arbeitsgeber haben sich darauf eingelassen, die Zeit meiner Eltern gegen Geldzahlungen zu verkürzen. Das hätten sie nicht tun müssen und ich weiß, dass der Arbeitgeber meiner Mutter sich zuerst auch beharrlich dagegen gesträubt hatte.“Der französische General stellte seine leere Schüssel wieder auf den Tisch. „Was hat ihn umgestimmt?“, wollte er wissen.„Ich“, kam die schlichte Antwort als Joséphine wieder ihren Platz einnahm und dieses Mal dem Drang nachgab die Beine zu überschlagen und anzuziehen. Als Antwort bekam sie einen verwirrten Blick, der sie zum Seufzen brachte. „Mein Onkel hat mich zu dem Anwesen des Kaufmanns gebracht. Er hat mir an dem Morgen noch extra selber das Haar gekämmt, damit ich ordentlich aussehe. Ich war ein süßes kleines Kind, ich hatte große grüne Augen und eine kleine Stupsnase. Der Geschäftspartner des Kaufmanns, der Sklavenhändler, war an dem Tag zu Besuch. Ihn hat mein Aufgebot mehr gerührt und er hat sich hinter mich gestellt, mir die Hände auf die Schultern gelegt und seinen Partner gefragt, ob er mir wirklich meine Bitte ausschlagen kann. Geld oder Arbeitskraft, am Ende hätte er doch seine Kompensation für die Überfahrt - so willigte er schließlich ein.“„Aber wie konntet ihr das Geld dafür aufbringen?“, harkte a Fayette nach und stützte seinen Kopf mit seinen Händen.„Wir haben gearbeitet. Unser Onkel hat gearbeitet. Diese wenigen Jahre damals in Philadelphia haben ihn um zwei Dekaden altern lassen und davon hat er sich nie wieder ganz erholt. Er war unser Vater, unser Versorger, er hat uns geweckt und uns geholfen uns fertig zu machen, er hat gearbeitet so viel er konnte, hat uns Essen gemacht und sobald wir alt genug waren, hat er begonnen uns zu unterrichten, er hat mit uns gebetet und uns ins Bett gebracht - am nächsten Morgen begann dann alles wieder von neuem. Wir lebten damals in einer Dachkammer über einer Taverne, im Sommer war es schrecklich stickig und im Winter klamm. Wir mussten keine Miete bezahlen, als Gegenleistung für medizinische Dienste meines Onkels den Inhabern gegenüber. Wir Geschwister haben mit der Zeit angefangen in der Taverne zu arbeiten, putzen, kochen, abwaschen, was eben so anfiel. Manchmal sind Friedrich und ich auch Austernsammeln7 am Kai gewesen. Da war ein kleiner Junge mit uns, mit großen braunen Augen. Ich habe nie seinen Namen erfahren, aber diese Augen werde ich nie vergessen!“„Weißt du, was aus ihm geworden ist?“, fragte der Marquis.„Nein, das weiß ich nicht. Ich stelle mir aber gerne vor, dass seine Eltern irgendwann das große Los gezogen haben. Jetzt leben sie alle zusammen in einem hübschen Haus auf dem Land und müssen sich nie mehr um Geld sorgen.“ Gedankenverloren rieb die junge Frau sich über eine kleine, blasse Narbe an ihren rechten Zeigefinger, die sie sich zugezogen hatte, als sie sich beim Austernsammeln an etwas herumliegendem Glas geschnitten hatte. „Ich bin eine Zeit mit einer alternden Wäscherin mitgegangen, eine große Hilfe war ich nicht, das hat sie immer gesagt. Aber sie hat ihren Kunden immer eine furchtbar traurige Geschichte erzählt, wie meine Mutter, ihre Tochter, bei meiner Geburt gestorben wäre und nun müsste sie arme alte Frau mich alleine großziehen - es hat ihr immer ein paar Aufträge mehr eingebracht“, erzählte Joséphine und grinste etwas gezwungen.Eine lange Weile verging in Stille und Joséphine war beinahe schon davon überzeugt, dass man das Thema abgeschlossen hatte, dass sie ihre Erinnerungen wieder zusammennehmen und in eine finstere Ecke ihre Verstandes schieben konnte, da sah La Fayette sie plötzlich mit einem unheimlich durchdringenden Blick an. Ein Schauer fuhr der jungen Frau über den Rücken als sie sich abwandte, unfähig den Kontakt länger zu halten. Stattdessen stand sie wieder auf, doch ohne ein wirkliches Ziel blieb sie unschlüssig in der Kabine stehen, als der Marquis sich an sie wandte.„Ich denke, nun verstehe ich es.“„Was verstehst du?“„Diese Verbitterung, die ich manchmal in deinen Augen sehe, diese Abneigung.“Die junge Frau fuhr herum, überrascht von den gesprochenen Worten. „Abneigung?“, wiederholte sie deshalb und lehnte sich von hinten gegen die Stuhllehne.„Ja, Abneigung. Du kannst es gut verstecken - wobei, wahrscheinlich musst du es nicht einmal verstecken, wahrscheinlich ist es so eine flüchtige, unbewusste Empfindung, dass du dir selber nicht einmal darüber bewusst bist. Manchmal jedoch, manchmal, wenn du erzürnt oder erschöpft wird, wenn wir wegen einer Meinungsverschiedenheit aneinander geraten sind … manchmal ist dann dieser Ausdruck in deinen Augen. Zuerst dachte ich, dass sich dies gegen mich richten würde - aber das ist nicht wahr. Es richtet sich nicht gegen mich persönlich, sondern mehr gegen das, wofür ich stehe. Menschen wie ich, die nie in der Not waren, in der deine Familie war, denen jede Tür und jedes Tor offen standen und die in ihrem Leben jedes nur erdenkliche Privileg genießen konnten.“Joséphine verschränkte die Arme vor der Brust. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte und legte daher nur ihren Kopf schief, ganz so als ob sie über das Gesagte nachdenken müsste. Friedrich saß auf der vordersten Kante eines Stuhles, der wahrscheinlich mehr kostete, als er je in seinem Leben besitzen würde und tippte mit seiner Fußspitze einen nervösen Rhythmus auf den blank polierten Marmorboden. Von der gegenüberliegenden Seite des Raums blickte ihn ein älterer Herr in Rüstung ernst aus einem Gemälde heraus an. Das Himmelsblau hinter dem besagten Mann (Friedrich war sich mäßig sicher, dass es sich dabei um den jüngeren Sohn eines vergangenen französischen Königs handelte), komplementierte sich wunderbar mit der blauen Seidentapete, die den gesamten Raum auskleidete. Die in Stoff eingelassenen Muster schimmerten edel im Licht der Sonne, die durch die beinahe deckenhohen Fenster einfiel. Selbige Fenster erlaubten auch einen Blick auf die weitläufigen Gartenanlagen des Schlosses, so weitläufig in der Tat, dass Friedrich nach einem Blick aus dem Fenster ihr Ende nicht ausmachen konnte. Doch dieser Umstand war nicht alleine wundersam, fast mehr imponierte es dem jungen Arzt, wie gradlinig die Rasenkanten getrimmt, wie kunstvoll Bäume und Büsche beschnitten waren. Die Gärten hier in Versailles hatten keine Ähnlichkeit mit den Gärten und der wilden Natur, die er aus seiner amerikanischen Heimat gewohnt war. Fast schon machte es den Anschein, als wollten die französischen Könige sich in ihrem Absolutismus sogar die Natur gefügig machen.Friedrich ging davon aus, dass dieser Reichtum, dieser Prunk und Glanz, welche sogar in dem Vorzimmer, in dem er saß schon nicht zu übersehen waren, ihn beeindrucken sollten - doch er fühlte sich nicht beeindruck. Vielmehr fühlte er sich eingeschüchtert und eingeengt. Eigentlich unmöglich in solch einem weitläufigen Palast, doch der gesamte Ort war dem Arzt in jedem Maße zu wider. Selbst wenn seine Religion ihn nicht zu einer gewissen Frugalität und Einfachheit erzogen hätte, konnte er sich nicht vorstellen an solch einer Zurschaustellung gefallen zu finden. Der Gedanke daran nun längere Zeit hier in Frankreich, aber besonders in Preußen an solchen Orten verbringen zu müssen, ließen ihn einmal mehr daran zweifeln die richtige Entscheidung getroffen zu haben - nicht, dass er jetzt noch etwas den Umständen zu ändern vermochte. Was ihm ebenfalls zusetze, war die Tatsache, dass La Fayette vor nun mittlerweile einer Stunde8 in Gesellschaft einiger Ministers des Königs, darunter auch der Außenminister Vergennes9 und der erste Minister des Staates, Maurepas10, in einem der Nebenräume verschwunden war, um wichtige Gespräche bezüglich seiner Rückkehr zu führen.Man hatte den Hafen von Brest am sechsten Februar erreicht und sobald man wieder festen Boden unter den Füßen hatte, hatte La Fayette darauf gedrängt nach Versailles, zu der königlichen Residenzen zu reiten. Wo Friedrich die Überfahrt mit dem Schiff wenig ausgemacht hatte11, da hatte er innerlich gestöhnt bei dem Gedanken die nächsten zwei oder drei Tage auf dem Rücken eines Pferdes Meile um Meile auf staubigen Wegen zurück zulegen. Der Marquis schien eine genau gegengesetzte Empfindung zu haben. Doch auch er schien bei ihrer Ankunft am Schloss erfreut gewesen zu sein, das Ziel endlich erreicht zu haben. Es war zwei Uhr am Morgen gewesen und damit keine Tageszeit mehr, zu der man erwarten durfte von einem französischen Minister empfangen zu werden. Doch statt, wie der Arzt heimlich gehofft hatte, nach einer Unterkunft für den Rest der Nacht Ausschau zu halten und am kommenden Morgen sich um die dringenden Geschäfte zu kümmern, erfuhr La Fayette das sein Cousin, der Prince von Roix12, einen Ball veranstaltete. Der junge Marquis hatte darauf bestanden die Festivitäten zu besuchen, erpicht darauf den Hof und seine Familie, von der er nun schon seit beinahe acht Monaten nicht mehr gehört hatte, wissen zu lassen, dass er wieder in Frankreich war.Friedrich war weniger erpicht gewesen, einem Bett hätte der junge Arzt ohne jeden Zweifel den Vorzug gegeben, aber er verstand die Aufregung seines Reisegefährten. Da Friedrich ohne La Fayettes Führung und Anwesenheit an einem Ort wie Versailles darüber hinaus eh vollkommen verloren gewesen wäre, erhob er keinen Einspruch und folgte stillschweigend - immer darauf bedacht sein Gähnen zu unterdrücken. Die Ankunft der beiden Männer auf dem Ball war eine seltsame Angelegenheit. Niemand erkannte La Fayette auf den ersten Blick. Zur Verteidigung der Anwesenden, es war spät in der Nacht, niemand konnte mit seinem Erscheinen rechnen und seine Aufmachung, eine von der Reise nach Versailles beschmutzte Major-General Uniform der amerikanischen Kontinentalarmee, war wohl auch eher verwirrend. Dennoch, hatte La Fayette sich in den letzten Monaten so sehr verändert? Jahre, korrigierte Friedrich sich mental selber. Es waren nicht nur ein paar Monate, die er fort war, sondern beinahe zwei Jahre. Joséphine hatte in den letzten zwei Jahren so viel Zeit an seiner Seite verbracht, sie hatte ihm dabei zusehen können, wie er jeden Tag ein wenig reifer geworden war, wie er mehr Verantwortung übernommen hatte und in diese hineingewachsen war. Die junge Frau wusste wie sehr auch sie sich in den vergangen zwei Jahren verändert hatte. Doch all die Gäste des Balls hatten nicht die Möglichkeit gehabt, diese Veränderungen von Tag zu Tag mitzuerleben, sie konnten nur das Bild des Mannes den sie vor zwei Jahren gekannt hatten, mit dem Bild des Mannes vergleichen, der nun vor ihnen stand13.Nachdem die Erkenntnis dann eingesetzt hatte, war der junge Marquis mit Komplimenten und Fragen bedrängt worden und die Nacht hatte sich für Friedrichs Geschmack noch viel zu lange hingezogen.Nun, nach vielleicht der Hälfte an Stunden Schlaf die er benötigt hätte, saß er im Königsschloss Versailles in einem Vorzimmer und wartete ungeduldig und unruhig darauf, das La Fayette aus seinen Gesprächen zurückkehren würde. Sollten die französischen Minister auf die Durchsetzung des Haftbefehles pochen, nun Friedrich könnte wenig tun, um seinem Freund zu helfen, schon bei der Begrüßung hatte sich schmerzhaft offensichtlich gezeigt, wie wenig beindruckt die französischen Offiziellen mit dem Botschafter aus Amerika waren.Der Blick des Arztes wanderte gedankenverloren gen Decke. Selbst diese war mit vergoldeten Stuckelementen und aufwendigen Malereien verziert, ein imposanter Kronleuchter hing von der Decke herab. Friedrich gab einen Laut von sich der halb Schnauben, halb Lachen war. In seiner elterlichen Farm in Germantown hatte auch öfters etwas von der Decke gehangen, Pflanzen die getrocknet werden sollen, Fleisch das abtropfte und manchmal auch Wäsche auf einer Leine - aber bestimmt nie ein Kronleuchter. Je länger er nach oben blickte, desto überzeugter war er, das zumindest einige der Ornamente dort biblische Szenen darstellen sollten und so fand der junge Arzt eine exzellente Beschäftigung darin eben diese Szenen zu analysieren und sich zu überlegen welche Begebenheiten sie wohl darstellen sollten.Plötzlich, Friedrich war sich nicht sicher wie viel Zeit vergangen war, öffnete sich eine der Türen und der Marquis de La Fayette in Begleitung der Minister kam zum Vorschein. Der Arzt sprang auf die Füße während der General sich mit einer eleganten Verneigung gebührend verabschiedete. Ohne auf Friedrich zu warten, verließ er das Vorzimmer und schritt mit eilendem Schritt durch die langen Gänge Versailles. Der junge Arzt bemühte sich aufzuschließen.„Was haben die Minister gesagt?“, wollte Friedrich aufgeregt wissen.„Ich bin befragt, beglückwünscht und verbannt worden14“, antwortete La Fayette starr.„Wie bitte?“„Aber in die gute Stadt Paris; und das Hôtel de Noailles ist als meine Residenz ausgewählt worden, anstelle das man mich mit dem Horror der Bastille bekannt macht, was zuerst vorgeschlagen worden war15. Dieses Mal lächelte der junge Franzose schelmisch und sein Begleiter knuffte ihn in den Arm. „Erschrick mich nie wieder so, hast du gehört? Das ist nicht lustig!“„Verzeih“, bat La Fayette und bog um eine Ecke.„Hat man dir gesagt, wie lange dein ‚Exil‘ andauern soll?“, wollte Friedrich nun wissen.„Acht Tage - und ich darf neben meiner Familie keinen Besuch empfangen16“, kam die Antwort.Nach noch einigen weiteren Minuten in den La Fayette sie beide sicher durch diesen Irrgarten an Gängen und Räumen führte, traten sie dann endlich wieder ins Freie hinaus. Der Vorplatz auf dem sie standen gehörte zu dem Nebenflügeln des Schlosses und imponierte Friedrich jedoch in keinem Maße weniger, als der große Hauptvorplatz es getan hätte. Sein wundernder Blick schweifte von den Fassaden zu den Fenstern und Balkonen während er und der Marquis auf die Kutsche warteten, die sie nach Paris zum Hôtel de Noailles bringen sollte.Der Anblick Versailles war für La Fayette selber nichts wirklich beeindruckendes mehr, er hatte eindeutig zu viel Zeit an diesem Ort verbracht, um noch mit geweiteten Augen und leicht offenem Mund das Schloss und die Gärten zu mustern. Jedoch hatte es für ihn einen gewissen Reiz, Joséphines Erstaunen zu sehen. Der Blick der jungen Frau war nichts als reines Wundern, als Überraschung und Faszination. Es hatte eine gewisse Unschuld an sich doch lange konnte er sie nicht gewähren lassen, stattdessen drängte er zum Aufbruch sobald die Kutsche vorgefahren kam.„Du siehst angespannt aus“, bemerkte der junge Franzose sobald sie sich beide gegenüber in der Kutsche saßen und die Pferde sich in Bewegung gesetzt hatten. Die junge Frau fuhr abwesend mit den Fingern über das weiche Material der Sitzbänke bevor sie antwortete. „Ich bin nicht angespannt … nur einfach noch nie in einer Kutsche gefahren. Ein Karren, das schon, aber noch nie in einer richtigen Kutsche.“ La Fayette nickte schweigend. Ihre Worte sollten ihn eigentlich nicht überraschen, taten sie auch nicht direkt, aber es erinnerte ihn wieder an eines der Gespräch die sie auf der Alliance geführt hatten, es führte ihn einmal mehr vor Augen, wie unterschiedlich sie beide doch waren. In Amerika, war es zwar auch deutlich gewesen, aber die steifen Regularien der Armee hatten einem geholfen darüber hinweg gesehen, doch hier in Frankreich traten die Klüfte vollends ans Tageslicht.„Was denkst du, wie lange wird es dauern, bis wir Paris erreichen“, riss Joséphines Stimme ihn aus seinen Observationen.„Ich schätze zwei Stunden“, meinte er und erhielt als Antwort nur ein schwerlich unterdrücktes Gähnen. „Wäre es sehr unhöflich, wenn ich noch ein wenig schlafe? Die letzte Nacht hat mir nicht wirklich Erholung gebracht.“Der General lächelte warm. „Nur zu, ich werde daran bestimmt keinen Anstoß“ nehmen.Joséphine erwachte einige Zeit später, als eine Hand sie sanft an der Schulter schüttelte. „Joséphine? Joséphine? Wir haben gerade die Stadttore von Paris passiert.“ Verschlafen blinzelte die junge Frau ein paar Mal ob dieser Ankündigung seitens La Fayettes und richtete sich dann auf, um die Vorhänge an den Kutschenfenstern zur Seite zu ziehen. Vor ihren Augen entfaltete sich die Stadt, die sie sich bereits hunderte Male in ihren Fantasien ausgemalt hatte. Auf eine merkwürdige Art und Weise enttäuschte und übertraf Paris ihre Erwartungen zur gleichen Zeit. Die hohen Häuserfassaden, die engen und dicht bevölkerten Straßen, der Dreck und die Händler mit ihren Karren und Waren am Wegesrand, die Bettler und die Kutschen die sich zusammen mit ihrer eigenen einen Weg durch das Getümmel suchten - Paris hatte Ähnlichkeiten mit Philadelphia, doch nur augenscheinlich. Paris war noch größer und überbevölkerter als die Stadt ihrer Jugend, die Häuser erschienen ihr imposanter und aufragender, selbst das Fußvolk in den Straßen versprach interessanter und lebendiger zu sein. Ihr gegenüber lachte der Marquis auf. „Du erinnerst mich an mich selbst, als ich das erste Mal nach Paris gekommen bin.“Joséphine erwiderte den Blick und in ihren Augen lag eine stumme Aufforderung mehr zu erzählen.„Du weißt, dass die Familie meines Vaters ursprünglich aus der Auvergne kommt, aber meine Mutter stammte aus Paris, aus dem Herzen Frankreichs. Nach dem Tod meines Vaters ist sie nach Paris zurückgekehrt, zu ihrer Familie. Die Auvergne war kein Ort für eine Frau wie sie. Es war zu ländlich, zu ruhig, sie kannte dort niemanden und in der Region in der ich geboren wurde, sprach man einen besonderen Dialekt, den sie nicht verstand17. Meine Mutter kam in den Sommermonaten zu Besuch, aber die meiste Zeit meiner frühen Jugendjahre habe ich in der Obhut meiner Großmutter18, meiner Tanten19 und meiner Cousine20 verbracht. Louise war nur ein Jahr älter als ich. Nie haben sich ein Bruder und eine Schwester mehr geliebt als wir beide21.“ Für einen Moment huschte ein Schatten über La Fayettes Augen und er senkte den Blick22 - so schnell wie die Traurigkeit Einzug gehalten hatte, so schnell war sie auch wieder verschwunden und das Glänzen war in die Augen des jungen Marquis zurückgekehrt. „Als ich dann elf Jahre alt war, beschloss meine Mutter mich mit sich nach Paris zu nehmen, sie wollte mich am Hof vorstellen, meine Stellung voranbringen. Ich war zuvor nie weit von Zuhause fort, 20 Meilen, höchstens“, der junge Franzose unterbrach sich selbst in seiner Erzählung mit einem Lachen. „Weißt du, wo ich aufgewachsen bin, kannte man meine Familie und mich, die Leute auf der Straße haben den Hut vor mir gezogen, doch je weiter wir uns von Chavaniac23 entfernt haben, desto weniger Menschen erkannten mich natürlich und ich habe das damals alles noch nicht richtig verstanden und mich gefragt, warum niemand mehr den Hut vor mir zieht.“ Joséphine stimmte in das Lachen mit ein, doch war schon alsbald wieder damit beschäftigt die vorbeiziehende Szenerie aus dem Fenster heraus zu beobachten.Je näher man ihrem Ziel kam, desto breiter und sauberer wurden die Straßen, Bäume säumten die langgezogenen Alleen und die Häuser wurden von Querstraße zu Querstraße imposanter und opulenter. Schließlich kam die Kutsche vor einem Haus zum Stehen und Friedrich stieg nach La Fayette aus. Der Anblick verschlug ihm den Atem.„Nun komm schon“, drängte La Fayette und gab sich nicht einmal mehr Mühe seine Aufregung und Ungeduld zu verbergen, als sein Weggefährte einen Schritt zurück machte.„Nun komm schon“, wiederholte der Marquis und streckte die Hand auffordernd aus. „Nach Versailles sollte dich das doch nun nicht mehr überraschen.“„Aber Versailles war auch ein Schloss, die Unterkunft eines Königs und seines Hofes … aber das ist eine private Residenz einer einzigen Familie“, staunte Friedrich und gab sich dennoch Mühe zu seinem Freund aufzuschließen, der bereits begonnen hatte die 17 Stufen zu der großen Eingangstür hinauf zu steigen. Die Treppen führten zu einem schmalen Komplex, welcher wiederum von zwei imposanten Flügeln gesäumt wurde. Das Hôtel verfügte über zwei Stockwerke und ein Untergeschoss, 14 Fenster im Erdgeschoss, 15 im Obergeschoss und zwölf Fenster im Untergeschoss wiesen zur Straße hin. Zwischen den Fenstern im Obergeschoss thronte jeweils eine lebensgroße Statue24.Die zweiflügelige Tür wurde von einem Angestellten geöffnet und Friedrich hielt sich bedeckt im Hintergrund während La Fayette sich vorstellte und dem sichtlich verwirrten Herren begrifflich machte, das, ja, er wirklich wieder zurückgekehrt sei. Eine gewisse Aufregung entstand und nur wenige Minuten später hatten sich alle Bewohner dieses ehrenwerten Hauses in der Eingangshalle zusammengefunden und Friedrich fühlte sich so unaussprechlich fehl am Platz, als La Fayette zuerst dem Duc d’Ayen25 und dessen Frau seine Aufwartung machte und seinen Blick schließlich auf der jungen Frau hängen blieb, die bis eben noch etwas im Hintergrund gewartet hatte, nun aber vortrat. Der Marquis errötete augenblicklich und verneigte sich respektvoll. „Marquise.“„Marquis“, erhielt er als Antwort. Die junge Frau musste nun wohl also Madame Marie-Adrienne Françoise, Marquise de La Fayette sein. Friedrich musste zugeben, dass er beeindruckt war … aber im gleichen Zuge auch überrascht. Die Marquise war ihrer Jugend noch lange nicht entwachsen. Ihre dunklen Haare waren zu einer modischen Frisur angeordnet und diese unterstrich nur noch ihr puppenhaftes Gesicht. Wirklich faszinierend waren allerdings ihre riesigen, dunklen Augen26 - Friedrich hatte noch nie solche Augen gesehen. Darüber hinaus war die Marquise von einer sehr kleinen, zierlichen Statur und Joséphine wollte sich nicht einmal vorstellen, welche Mühe es ihr bereiten musste Kinder auszutragen und in diese Welt zu bringen27.Kinder war dann auch das passende Stichwort, denn plötzlich wurde die Aufmerksamkeit aller Anwesenden (besonders aber die von La Fayette) von dem Kleinkind beansprucht, das nun an der Hand seiner Gouvernante in die Eingangshalle getapst kam. Die Augen des jungen Vaters weiteten sich und nahmen einen so seligen Glanz an, dass es Friedrich augenblicklich warm ums Herz wurde. „Ist das …?“, fragte La Fayette an seine Frau gewandt, deren Blick zischen dem Kind und ihrem Ehemann immer wieder hin und her glitten.„Ja.“La Fayette ging in die Knie und streckte die Arme nach seiner Tochter aus, diese allerdings schien von der Geste des für sie vollkommen fremden Mannes erschrocken zu sein und versteckte sich furchtvoll hinter den Röcken ihrer Gouvernante28. Der Schmerz dieser deutlichen Zurückweisung war dem jungen General deutlich anzusehen. Andächtig erhob er sich wieder und befand, dass nun vielleicht ein guter Zeitpunkt wäre, Friedrich vorzustellen. Mit einer Geste bedeutete er dem Arzt vorzutreten. „Darf ich vorstellen? Doktor Friedrich Deegen, mein Stabsarzt und frisch ernannter Botschafter Amerikas an den preußischen Hof.“Friedrich verbeugte sich, La Fayette hatte sich während ihrer Seereise endlich dazu durchringen können, ihm die Methodik einer gelungenen und anständigen Verbeugung beizubringen, einer die auch an einem königlichen Hof Bestand hätte. Der junge Arzt merkte schnell, dass ihm etwa zwei Dekaden an Erfahrung und Praxis fehlten, aber dennoch erzielte er schließlich ein Ergebnis mit dem er zufrieden war. Es war nicht gut, aber gut genug, bedachte man seine Herkunft.Friedrich wurde freundlich ein Gästezimmer in dem Anwesen angeboten, La Fayette führte ihn persönlich zu seinem Raum. Beim Eintreten lagen dem jungen Arzt eine Vielzahl von Kommentaren auf der Zunge, er schluckte sie letztendlich jedoch alle herunter, als er bemerkte wie angespannt sein Freund erschien.„Ich denke ich werde ein wenig Spazierengehen“, verkündete Friedrich und verschränkte die Arme vor der Brust. Den Marquis schien er offensichtlich aus tiefen Gedanken gerissen zu haben. „Warum das?“, bekam er nämlich nur als wenig eloquente Antwort.„Ich möchte Paris gerne ein wenig erkunden, aber vor allem denke ich, dass du und deine Familie sehr viel zu besprechen und aufzuarbeiten haben - da würde ich nur stören.“„Friedrich, denk bitte nicht, dass-“„Bitte Gilbert, du hast deine Familie seit zwei Jahren nicht mehr gesehen, deine kleine Tochter hat sich gerade eben ängstlich vor dir versteckt. Ich bin wirklich die letzte, um die du dir Sorgen machen musst“, fiel Friedrich ihm ins Wort.„Du wirst dich verirren, Paris ist eine große Stadt“, warf La Fayette ein.„Paris mag eine große Stadt sein, aber du vergisst, dass ich große Teile meiner Jugend in Philadelphia verbracht habe, der größten Stadt in Amerika, ich finde mich schon zurecht.“„Philadelphia ist nicht einmal in Ansätzen mit Paris zu vergleichen, bitte Joséphine, mir wäre es lieber, wenn du nicht alleine gehst.“Mit der Verwendung ihres Geburtsnamen hatte der Marquis dann auch zu verstehen gegeben, dass er nicht nur Angst hatte sie könne sich verlaufen, sondern dass mehr hinter seiner Bitte steckte. Doch seine Sorgen und Einwände konnten Joséphine nicht mehr von ihrem Vorhaben abbringen.Da La Fayette Friedrich ja schlecht dazu zwingen konnte, in dem Hôtel de Noailles zu verweilen, stand der junge Arzt dann auch kurze Zeit später in einer der überfüllten Pariser Straßen. Um ihn herum drückte sich das Leben in einer pulsierenden Emsigkeit und Geschäftigkeit, einer Enge und einem Getümmel aus. Die Lebendigkeit der Stadt war eine willkommene Abwechslung für Friedrich, dem nur noch allzu klar die Toten und Verwundeten nach einer jeden Schlacht im Gedächtnis waren. Gierig sog er all die fremden Geräusche und Gerüche und Empfindungen in sich auf. Die Stadt übte eine unheimliche Anziehung auf ihn aus, eine Anziehung die Friedrich über all das negative, den Gestank und das Gedränge, die Armut und die Bettler hinweg sehen ließ. Vielleicht rührte diese Anziehung in Teilen auch daher, dass der junge Arzt aus einen Kriegsgebiet kam und daher jede Abwechslung als einen Segen auf Erden ansah. Lange würde Paris seinen Charme in den Augen des Deutsch-Amerikaners jedoch nicht behalten können und schon bei seinem zweiten Besuch in dieser Stadt fand er Paris ganz und gar zu wider und abstoßend.Doch an diesem Tag zog ihn seine Neugierde immer tiefer und weiter in die Straßen, Gassen und Alleen. Noch ehe er sich versah, hatte sich La Fayettes Prophezeiung erfüllt, Friedrich hatte sich vollkommen verlaufen.Um ein wenig Übersicht bemüht, war Friedrich gerade auf der Suche nach einem angeschlagenen Straßenschild, als seine Schulter in dem Gedränge hart mit einem anderen Körper zusammenstieß. Erschrocken wirbelte Friedrich herum, sah dass er einen Herren von ungefähr Mitte dreißig angerempelt hatte und diesem darauf seine Tasche aus den Händen gefallen war und deren Inhalt hatte sich auf dem Boden verteilt. „Ich bitte vielmals um Verzeihung Monsieur, ich war unvorsichtig“, bemühte sich Friedrich, als er in die Knie ging und half den Inhalt der Tasche wieder zusammen zu sammeln. Wie ganz selbstverständlich hatte er in Französisch gesprochen.„Machen Sie sich keine Sorgen Monsieur, es ist ja weiter nichts passiert“, winkte der Fremde ab und kniete ebenfalls nieder. Friedrich stutze plötzlich, als er einige der Gegenstände vom Boden aufhob. „Sie sind Arzt?“, stellte er mehr fest als dass er wirklich fragte, als er dem Fremden die offensichtlich medizinischen Instrumente zurückgab, die aus seiner Tasche gefallen waren.„Ganz Recht“, bestätigte dieser und erhob sich, Friedrich tat es ihm gleich. „Mein Name ist Marat29, Doktor Marat.“„Deegen. Doktor Friedrich Deegen.“Marat lächelte überrascht. „Da sind wir beide augenscheinlich an einen Kollegen geraten.“„In der Tat, dem scheint so zu sein“, meinte Friedrich und gab Marat die letzten Instrumente zurück.„Nun dann, guten Tag Monsieur“, meinet Marat und klopfte Friedrich einmal kameradschaftlich auf die Schulter, als er an ihm vorbei trat, um seinen Weg fortzusetzen. Bevor der Franzose jedoch zu viel Abstand zwischen sich und Friedrich bringen konnte, fasste letzterer sich ein Herz und drehte sich herum. „Doktor Marat?“„Ja?“, antwortete Marat und drehte sich ebenfalls herum.„Nachdem ich mich schon so umwerfend vorgestellt, habe, erlauben Sie mir vielleicht einen Gefallen zu äußern.“ Marat zog die Mundwinkel etwas nach oben, ganz offensichtlich schien er Friedrichs Anspielung amüsant zu finden. Stumm forderte er den Jüngeren auf, weiter zu sprechen.„Ich bin das erste Mal in Paris und ich muss zu meiner Scham gestehen, dass ich mich ganz fürchterlich verlaufen habe. Sie könnten mir nicht zufällig den richtigen Weg weisen?“„Verzeihen Sie meine direkten Worte, aber dass Sie nicht aus Paris kommen, merkt man Ihnen an. Kein Pariser lässt sich noch so von dieser Stadt begeistern. Wo müssen Sie denn hin?“Friedrich haderte einen Moment mit seiner Antwort, aus irgendeinem Grund hielt er es nicht für dienlich, die Adresse des Hôtel de Noailles zu nennen, auch wenn diese Herangehensweise sicherlich am zielführendsten gewesen wäre. Er hatte einfach ein ungutes Gefühl dabei. In dem Moment schrieb er es dem Umstand zu, dass Marat ein Fremder war - viele Jahre später war er einfach nur froh es nicht getan zu haben, was ihn nun auch immer dazu bewegt hatte. Fieberhaft überlegte er also, welcher Landmarker nahe der Rue Saint-Honoré30 gelegen war und schließlich entschied sich der junge Arzt den Jardin des Tuileries31 zu nennen.Marat zog eine Augenbraue hoch. „Das ist eine vornehme Gegend Monsieur - aber Sie haben Glück, wie es der Zufall so will habe ich einen Termin mit einem Patienten32 in der Gegend. Gehen wir zusammen, ja?“Friedrich nahm das Angebot mehr als nur dankbar an und begann sich an der Seite Marats einen Weg durch das Gedränge zu bahnen. Eine Weile gingen sie schweigend, bevor der Franzose das Wort an ihn richtete. „Was führt Sie in diese Gegend. Ich nehme nicht an, dass Sie dort bei Ihrer Ankunft in Paris ein Haus bezogen haben.“ Friedrich biss sich auf die Unterlippe, wenn Marat nur wüsste, oh, wenn er nur wüsste. Doch statt diesen Gedanken zu verlautbaren, wählte der junge Arzt eine … diplomatischere Antwort, die, auch wenn sie recht stark von einem gewissen Blickwinkel geprägt war, nicht gelogen war.„Meine Arbeit führt mich in diese Gegend, ich habe dort beruflich zu tun.“„Oh, die Oberschicht von Paris gibt hervorragende Patienten ab, lassen Sie sich das gesagt sein. Halten Sie sich solche Verbindungen offen, wenn Sie hier in Paris als Arzt Fuß fassen wollen“, riet der Ältere. Friedrich nickte. „Wo haben Sie das Handwerk gelernt?“, fragte Marat weiter.„An der Perelman School of Medicine der Universität von Pennsylvania. Aber mein wirklicher Lehrmeister waren die Schlachtfelder des Unabhängigkeitskrieges.“Marat blieb abrupt stehen und wandte sich an Friedrich. „Sie sind Kolonist?“„Vereinigte Staaten von Amerika, so nennen wir uns nun“, korrigierte Friedrich und wunderte sich im selben Moment, seit wann er so kleinlich war, was die Bezeichnung seines Heimatlandes anging. Vielleicht seitdem er Männer und Frauen für Amerika hatte bluten und sterben sehen, vielleicht seitdem er selber angeschossen wurde. Der Tod rückt viele Dinge in ein neues Licht. Wenn Menschen für etwas sterben, dann ist es real, kein Spiel, keine Idee - es ist bitterer Ernst für den viele bereit sind das zweithöchste zu geben, das ein Mensch geben kann, sein Leben.„Verzeihen Sie“, meinte Marat, klang aber nicht ganz aufrichtig dabei. „Der Krieg in Amerika ist ein großes Thema, auch, wenn nicht sogar gerade, hier in Paris. Denken Sie wirklich sie könnten Großbritannien bezwingen?“Friedrich stieß die Luft durch die Nase aus. Das war die allesentscheidende Frage, war es nicht so? „Bisher haben wir uns als würdige Gegner erwiesen“, bot der Jüngere an.„Man hört hier nicht viel Gutes, die Armee kann nicht bezahlt und ausgestattet werden, der Kongress musste aus der Hauptstadt fliehen - die die Briten eingenommen haben und der Oberbefehlshaber verliert mehr Schlachten als er gewinnt33.“Friedrich atmete erneut schwer, Marat hatte mit seinen Beobachtungen nicht vollkommen Unrecht … doch vielleicht war das genau der richtige Augenblick, um sich etwas mehr der Wahrheit anzunähern.„Wir werden England in seine Schranken weisen können, wenn wir starke Allianzen formen. König George III und sein Land scheinen hier in Europa verhasst genug zu sein, sodass dieses Unterfangen gelingen könnte34. Das ist tatsächlich der eigentliche Grund für meinen Aufenthalt in Europa, obwohl ich hier in Frankreich momentan nur als Arzt, und vielleicht noch als Bote von Nachrichten aus Amerika fungiere, ist es am Ende doch eine vorwiegend diplomatische Mission.“„Wollen Sie den König davon überzeugen, sich ganz dem amerikanischen Kampf zu verschreiben und England den Krieg zu erklären? Unser Staat ist jetzt schon hoch verschuldet, die Menschen hungern und ackern unter absurden Steuern und Abgaben35. Wenn der König nicht vollkommen desillusioniert ist, dann lässt er sich nicht in einen weiteren Krieg verstricken - nicht wo zwischen unseren beiden Ländern nun gerade einmal so etwas wie Frieden herrscht“, meinet Marat, sichtlich erregt.„Nein Monsieur, die Arbeit für mich liegt in Preußen“, erklärte Friedrich und fügte hinzu. „Ich soll unseren Gesandten dort behilflich sein“, da er sich aus irgendeinem Grund nicht wohl dabei fühlte, Marat den vollen Umfang seines Postens wissen zu lassen. Sollte der Franzose ihn doch in einer untergeordneten Rolle sehen.„Nun, die Angelegenheiten Preußens gehen mich nichts an - obwohl ich bezweifle das es den Menschen mit ihrem König dort besser geht als uns mit Louis XVI36. Schade eigentlich, dass Ihre Stellung Sie nicht an den französischen Hof bringt. Sie scheinen Verstand zu haben und üben ein ehrliches Handwerk aus, stattdessen wird dieser junge blauäugige und übermütige Marquis, der sich selber für einen General hält, des Königs Ohr bestürmen. Die Zeitungen sind heute ja voll davon.“Friedrich musste sich sehr zusammen nehmen, um nicht zu lachen. Das war eine sehr harte … und erstaunlich akkurate Beschreibung La Fayettes.„Sie scheinen nicht besonders viel von General La Fayette zu halten37“, kommentierte Friedrich, sobald er sich wieder unter Kontrolle hatte. „Gegen den Mann persönlich habe ich ja nichts, ich finde es nur lächerlich wie halb Paris ihm zu Füßen liegt38. Mein Gott, da lässt er sich von den Briten anschießen und mit einem Mal ist er ein Held. Kennen Sie ihn? Diesen La Fayette meine ich.“„Fast jeder in der Armee kennt den General, er ist sehr beliebt bei den Truppen, sehr enthusiastisch. Ich selber bin ihm auch schon das ein oder andere Mal über den Weg gelaufen.“ Oh, Friedrich amüsierte sich königlich!Marat nickte nachdenklich. „Verzeihen Sie meine Neugierde Monsieur, aber man bekommt nicht jeden Tag die Gelegenheit mit einem Mann ihres Wissensstandes über den Krieg in Amerika zu sprechen.“„Es besteht kein Grund sich zu entschuldigen Monsieur“, versicherte Friedrich und lenkte das erste Mal seit längerer Zeit wieder mehr Aufmerksamkeit auf seine Umgebung. Die Straßen waren breiter und sauberer geworden, die Häuser immer ansehnlicher - die Menschen übrigens auch. Weit konnte man nicht mehr von ihrem Ziel, dem Jardin des Tuileries, entfernt sein.„Sagen Sie Monsieur, sind Sie in Frankreich nun als Arzt oder als Diplomat? Müssten Sie nicht dann den Marquis besser kennen?“„Frankreich dient für mich nur als Durchreise, die Arbeit als Arzt, die ich hier in Paris zu erledigen habe, ist tatsächlich ein persönlicher Gefallen für einen kontinentalen General. Er bat mich nach einem sehr guten Freund zu schauen, um dessen Gesundheit es die letzten Monate nicht zum Besten stand. Meine wirkliche Arbeit beginnt und endet in Preußen.“Als dann Friedrich dann endlich in das Hôtel de Noailles zurückkehrte, war es bereits dunkel geworden. Er hatte ein ganz komisches Gefühl dabei, abends alleine durch ein großes, unbekanntes Haus zu streunen. Ein Haus ist kein dunkler, gruseliger Wald, Friedrich hatte keine Angst, er fühlte sich einfach nur unwohl, gänzlich fehl am Platz. Eine der Angestellten ließ ihn ein, doch von den eigentlichen Bewohnern fehlte jede Spur. Das Abendessen hatte er verpasst, da war Friedrich sich ziemlich sicher. Sogleich kam er sich noch schlechter vor, er war immerhin zu Gast, doch sein Verhalten zeugte nicht von dem Respekt den er in dieser Funktion seinen Gastgebern zollen sollte.Auf leisen Sohlen schlich er die Gänge entlang, in der Hoffnung unbemerkt wieder in sein Zimmer zu gelangen. Er hatte gerade eine der unzähligen Türen passiert, als eine Stimme aus der Dunkelheit ihn erschreckte und heftig zusammen zucken ließ.„Du bist spät“, meinte die Stimme und Friedrich fuhr herum, versuchte in der Dunkelheit etwas zu erkennen.„Gilbert?“, fragte der junge Arzt und wandte sich in die Richtung der halboffenen Tür, aus der die Stimme zu vernehmen gewesen war.„Ja. Komm herein“, forderte der Marquis Friedrich auf und dieser trat ein. Die Fensterläden des Zimmers waren nicht geschlossen und so fiel das silberne Mondlicht hinein. La Fayette saß mit dem Rücken zum Fenster, der Blick auf seine schlafende Tochter in seinem Schoß gerichtet. Sobald Friedrich eingetreten war sprach La Fayette weiter, ohne den Blick dabei von seinem Kind abzuwenden.„Du bist spät“, wiederholte der junge Franzose.„Es tut mir leid“, meinte Joséphine aufrichtig.„Du kannst mir nicht sagen, dass du dich nicht verirrt hast.“„Ich habe es doch wieder zurück geschafft.“„Aber ich hatte Recht, hatte ich das nicht?“„Doch, doch du hattest Recht“, musste die junge Frau beipflichten. „Aber dafür habe ich eine Freundschaft geknüpft“, fügte sie halb im Spaß an. Als Antwort bekam sie nur ein abwertendes Schnauben. Stille setzte ein.„Sag mir, hast du je so ein süßes, wundervolles, perfektes, engelsgleiches Wesen gesehen?“, fragte der Marquis und Joséphine musste lächeln. Noch bevor sie antworten konnte, setzte der stolze Vater wieder an. „Ich weiß, du wirst ‚nein‘ sagen, denn ich weiß auch wie du die Gebote des Herren befolgst. Du würdest nicht lügen.“ Joséphines Lächeln wurde nur noch breiter. La Fayette in solch einer häuslichen Szene zu sehen, so ruhig, berührte sie zutiefst. „Oh, bevor ich es vergesse, der Duc d’Ayen möchte dich in seinem Studierzimmer sprechen“, informierte La Fayette die junge Frau und Joséphine kniff die Augen zusammen. „Möchte er das?“„Du bist der neue Botschafter am preußischen Hof, ich empfehle dir dich daran zu gewöhnen, dass viele Menschen mit dir sprechen wollen - und bisher hast du dich ja noch ziemlich rar gemacht.“„Dein Schwiegervater ist momentan nicht besonders gut auf mich zu sprechen, nehme ich an?“„Nun ja, ich hätte eine weniger harte Formulierung gewählt, aber es stimmt auch, dass deine Abwesenheit aufgefallen ist.“La Fayette wies Friedrich den Weg in das Studierzimmer des Ducs (was alleine schon ein Unding war, das Wohnhaus einer einzigen Familie sollte definitiv nicht erfordern, dass man einem den Weg weisen musste). Sobald er den Raum erreicht hatte, klopfte er an und wartete, bis eine tiefe Männerstimme aus dem Inneren ihn aufforderte einzutreten. Friedrich ging ohne besondere Erwartungen in dieses Gespräch hinein und gute anderthalb Stunden später war er sich nicht wirklich sicher, was er von dem Nobelmann halten sollte. Der Duc hatte begonnen ihm Fragen über seinen Hintergrund zu stellen, seine Familie, seine Verbindung zur Armee. Es stellte sich heraus, das La Fayette in seinen Briefen nach Hause Doktor Deegens wohlbedachtes Handeln nach der Schlacht von Brandywine erwähnt hatte und d’Ayen sprach dem jungen Arzt seinen Dank aus. Weiter erkundigte sich der Ältere der beiden, wie es um La Fayettes Reputation in Amerika stand. Schlussendlich lenkte er das Gespräch auf Friedrichs bevorstehende Reise nach Preußen und seine dortige Position am Hofe - dabei schaffte er es nicht völlig zurückzuhalten, wie gänzlich ungeeignet er Friedrich aufgrund seiner, wie hatte er es noch umschrieben, „provinzialen Herkunft“, doch für die ihm anvertraute Rolle war. Seine Ausdrucksweise war sehr diplomatisch und dennoch nicht weniger entmutigend - dennoch konnte Friedrich an den gefallenen Worten nur schwer Anstoß nehmen. d’Ayen hatte nicht Unrecht. Leider.Alles in allem erschien der Franzose dem Deutsch-Amerikaner als höflich, aber nicht freundlich. Er wirkte distanziert und sich seiner ein wenig zu sicher - doch dann versuchte Friedrich das Gesprächsthema unauffällig auf die Chemie zu lenken, ihm war das dickte Buch aufgefallen, was aufgeschlagen neben einem Blatt mit Aufzeichnungen, auf dem Schreibtisch des Aristokraten lag. d’Ayens Augen leuchteten auf, als er sich nach Friedrichs Verbindung zu der besagten Thematik erkundigte. Die beiden begannen eine angeregte Diskussion über verschiedene chemiekalische Sachverhalte zu führen und schon bald bereute Friedrich seine Gesprächsführung - er war dem Franzosen und seinem Wissen in keinem Maße gewachsen. Doch dieses Mal nahm der Ältere an der eindeutigen Unterlegenheit des jüngeren keinen Anstoß, kommentierte es nicht, sondern teilte nur bereitwillig sein Wissen.Als Friedrich sich dann schließlich für die Nacht verabschiedete und das Studierzimmer wieder verließ, existierten in seinem Kopf zwei grundlegen verschiedene Charaktere des Ducs, die er beim besten Willen nicht zu einem vollkommenen Bild zusammenfügen konnte.Auf seinem Weg zurück in sein Gästezimmer kam Friedrich erneut an der Kinderstube der kleinen Anastatsie vorbei. La Fayette schien seinen Platz aufgegeben zu haben, zumindest konnte der junge Arzt ihn nicht mehr durch den Türspalt ausmachen. Durch die Abwesenheit des Freundes bestärkt und von dem kleinen Kind seltsam angezogen, trat Joséphine in den Raum ein und stellte sich neben die Krippe, in der das kleine Mädchen friedlich schlief.Joséphine ballte ihre Hände unbewusst zu Fäusten, als sie daran denken musste wie in ein paar Monaten ihr eigenes Kind ebenfalls in solch einer Krippe hätte liegen können. Schmerzlich strich sie mit der linken Hand über ihren Unterleib, als sie plötzlich die Tür knarren hörte. Erschrocken fuhr sie herum und erkannte Adrienne, die Marquise, La Fayettes Ehefrau, ihm Türrahmen.„Verzeiht, ich wollte euch nicht erschrecken Monsieur“, meinte sie und trat einen Schritt näher.„Mit Nichten Madame, es liegt an mir mich zu entschuldigen“, erwiderte Friedrich.„Wofür?“„Nun, es muss euch sicherlich sonderbar, wenn nicht sogar fragwürdig vorkommen, mitten in der Nacht einen fremden Mann an der Krippe eures Kindes stehen zu sehen.“Die Marquise verzog das Gesicht, aber in dem schlechten Licht konnte Friedrich den Ausdruck nicht genau ausmachen, auch nicht, als sie einen Schritt weiter in den Raum hinein machte. „Wenn Ihr mir meine Offenheit gestattet, Monsieur, aber Ihr seid für mich kein Fremder. Mein Ehemann hat in seinen Briefen viel von euch erzählt - er vertraut euch und das ist alles, was ich wissen muss. Von einem Mann der solch eine Loyalität meinem Mann gegenüber hat, von dem geht keine Gefahr für mein Kind aus.“Friedrich lächelte ob dieser warmen Worte, doch das Lächeln verschwand ebenso plötzlich wie es gekommen war, als Friedrichs Blick den von Madame de La Fayette traf. Nun wo die junge Frau noch etwas näher getreten war, konnte der Arzt ihre Züge deutlich im Mondlicht erkennen. Ihr Ausdruck wirkte … sonderlich hart, sonderlich entrückt.„Madame?“, setzte Friedrich bevor La Fayette ihn unterbrach.„Wie alt?“„Wie bitte?“„Wie alt war Euer Kind als es gestorben ist?“, fragte die Marquise und nun war es an ihrem Gegenüber zu erstarren. Die Frage riss ihm den Boden unter den Füßen weg. Sein Mund war staubtrocken und so brachte er nur ein sinnbefreites Stammeln zustande. Die Marquise schlug die Hände zusammen. „Ich bitte vielmals um Entschuldigung Monsieur, verzeiht mir meine Worte. Ich weiß nicht was über mich gekommen ist - es war nur euer Blick, euer Blick wie ihr meine Anastasie angesehen habt, ich habe sie auf ähnliche Art angesehen nachdem ihre Schwester nicht mehr war. Ich - ich bitte erneut um Verzeihung, ich sollte darüber nicht reden“, meinte die Marquise und errötete. Friedrich wusste nicht, was er sagen sollte, wohl aber, dass er etwas sagen musste.„Ihr habt es an meinem Blick erkannt?“, fragte er deshalb erstaunt und versuchte ihren Blick zu halten.„Man sieht Euch den Schmerz an. Ihr könnt vielleicht die Männer in eurer Armee täuschen, aber wir Frauen sind zu gut mit Schmerzen und Leid vertraut, als dass sie uns entgehen könnten“, meinte die junge Adelige und Friedrich hätte beinahe gegrinst. Waren das nicht Joséphines Worte zu General La Fayette damals gewesen? Für einen Moment kehrte Stille ein, bevor Friedrich dann endlich eine Antwort zustande brachte. Die schuldete er der Marquise, die schuldete er sich selbst.„Ungeboren. Das Kind war noch ungeboren.“„Mein Beileid Monsieur, mein Herz fühlt mit Euch.“„Ich danke Euch. Ich tröste mich einzig mit dem Gedanken, dass mein Kind nun bei unserem Herren ist.“„Sehr wahr Monsieur, denn den Kindern steht der Weg in das Himmelsreich offen“, pflichtete Adrienne bei und räusperte sich39. Ihre Züge hatten sich noch nicht entspannt„Monsieur, ich muss Euch um einen Gefallen bitten. Einen großen Gefallen den die Etiquette eigentlich verbietet, da wir uns einander wenig bekannt sind und ich daher kein Recht habe einen Gefallen zu verlangen. Jedoch bitte ich Euch, mich dennoch anzuhören, mein Verstand und mein Herzen werden anders keinen Frieden finden.“ Friedrich zog die Augenbrauen zusammen, die Worte beunruhigten ihn sogleich, doch er würde La Fayettes Frau keinen Gefallen abschlagen.„Sorgt euch nicht Madame, Ihr dürft von mir alles verlangen, das ich in der Lage bin auszuführen. Ich stehe Euch jederzeit zu Diensten.“„Das weiß ich zu schätzen Monsieur, danke. Der Gefalle betrifft den Marquis. Es ist mittlerweile beinahe schon eine Redensart geworden, das die Halter des Titels ‚Marquis de La Fayette‘ dazu verdammt sind jung in einem Krieg zu sterben. Tatsächlich kann mein Mann auf eine lange Ahnenreihe von Waisen zurückblicken. Nun ist er selber in das Feld ausgezogen. Es ist nicht mein Recht meinen Mann zurückzuhalten, noch ist es meine Absicht. Er hat mir versprochen auf sich Acht zu geben, für mich und unsere Kinder und ich würde mir niemals anmaßen sein Wort zu hinterfragen. Dennoch habe ich neulich in der Gazette einen Report gelesen, der mich erschreckte. Es gibt dort nämlich einen Mann, von dem ich befürchte, dass er den Marquis aus der Reserve locken, ihn zu einem unüberlegten und leichtsinnigen Verhalten verleiten kann.“„Von welchem Mann sprecht Ihr?“, fragte der Arzt während die junge Frau Atem fasste.„Es handelt sich um einen britischen Artillerie-Offizier, ich habe gehört, man hat ihn mittlerweile zum General befördert, aber dessen bin ich mir nicht sicher. Sein Name ist William Phillips40.“Friedrich verzog das Gesicht, den Namen kannte er. „General-Major Phillips, natürlich. Ein äußerst fähiger Soldat, ich habe General Knox, einer unserer besten Artilleristen, ihn das ein ums andere Mal verfluchen gehört. Doch noch verstehe ich nicht, welchen Einfluss dieser Herr auf den Marquis haben könnte.“„General Phillips ist ein Veteran des Siebenjährigen Krieges“, erläuterte die Marquise und noch bevor sie weiter ausführen konnte, fiel es Friedrich wie Schuppen von den Augen.„Der Vater des Marquis ist im Siebenjährigen Krieg gefallen? Er ist in der Schlacht von Minden von einer Kanonenkugel getroffen worden, nicht wahr?“Madame de La Fayette nickte. „General Phillips hat die Artillerieeinheit kommandiert die meinen Schwiegervater getötet hat. Nun ist er mit meinem Mann in Amerika und ich will verdammt sein, wenn er sich damit rühmen kann, noch einen La Fayette auf dem Gewissen zu haben. Vielleicht werden die beiden sich nie auf dem Feld begegnen, aber sollten sie es doch eines Tages, dann bitte ich Euch, den Marquis vor sich selbst zu beschützen. Es schmerzt mich als seine Frau so über ihn zu sprechen, aber die Gefühle gegenüber meiner Familie kommen vor jeglichem Anstand.“Der junge Arzt sprach ohne auch nur einen Moment nachzudenken. „Ihr habt mein Wort, Madame. Solange es in meinen Möglichkeiten liegt, wird Eurem Mann kein Schaden zukommen. Weder im Krieg noch im Frieden, weder durch General Phillips, noch durch irgendjemand anderen41.“Die kommenden Jahrzehnte, eine andere Zeit, ein vertrautes und ein fremdes Land, würden Friedrichs Worte auf eine harte Prüfung stellen. Doch nie würde sich jemand damit rühmen können, dass der Freund dem Freunde gebrochen die Pflicht.
La Fayette war extrem Seekrank und das während jeder seiner Atlantiküberquerungen - und während seiner Überquerung des Ärmelkanals. Berichte variieren zwischen „einigen Wochen Seekrankheit“ oder „beinahe die gesamte Dauer der Überfahrt“. (Meistens haben seine Überfahrten ungefähr acht Wochen gedauert.)
Diese Aussage von La Fayette basiert lose auf einer Passage aus einem Brief von ihm an seine Freu Adrienne „I believe we sadden each other, she [the sea] and I.”
In der Realität hatte La Fayette eine Kabine alleine und aus seiner Überfahrt und seiner Anwesenheit an Bord des Schiffes wurde versucht so wenig Aufsehen wie möglich zu machen. Während der Atlantiküberquerung waren Schiffe häufig sehr vulnerabel und die Anwesenheit solch eines prominenten Gastes verschräfte die Lage nur noch.
Ja, diese Szenerie hat sich genauso zugetragen … La Fayette war der festen Überzeugung, dass das helfen würde.
Tatsächlich hat La Fayette seinen Schwiegervater häufig „Papa“ genannt (in seinen Briefen zumindest) und seine Schwiegermutter „Mama“, auch wenn er dies meiner Einschätzung nach etwas seltener getan hat.
Die Académie des sciences war eine 1666 von König Ludwig XIV gegründete Gesellschaft die der wissenschaftlichen Forschung gewidmet war und diese voran bringen solle. Sie existiert bis heute und ihr und ihren Mitgliedern könne viele wissenschaftliche Errungenschaften des 17. Und 18. Jahrhunderts zugesprochen werden.
Austern gelten heute als edle Delikatesse, wurden damals aber als wertloser Beifang für Witwen und Waisen im Hafen abgeladen, damit diese sich durch den Verkauf der Austern ein wenig Geld dazu verdienen konnten.
Tatsächlich dauerten die Gespräche etwas mehr als zwei Stunden an.
Charles Gravier, Count of Vergennes (29. Dezember 1719 – 13. Februar 1787) war ein französischer Politiker und von 1774 bis zu seinem Tod französischer Außenminister.
Jean-Frédéric Phélypeaux, Count of Maurepas (9. Juli 1701 – 21. November 1781) war ein französischer Politiker und von 1776 bis 1781 erster Minister Frankreichs. Abgelöst wurde er in seinem Amt von vergennes.
Ganz so glücklich wird Joséphine mit der Überfahrt dann auch nicht gewesen sein, denn unweit der französischen Küste wäre es beinahe zu einer Meuterei gekommen - aber davon an anderer Stelle mehr.
Philippe-Louis-Marc-Antoine, comte de Noailles, prince-duc de Poix.
Der Umstand, dass La Fayette zuerst nicht erkannt worden ist (auch wenn es in dem Moment mehr auf Äußerlichkeiten zurückzuführen war) spricht für mich immer wieder Bände über den Wandel, den er in Amerika durchlaufen hat.
Aus der englischen Übersetzung von La Fayettes Memoiren: „I was interrogated complimented and exiled (…)“.
Aus der englischen Übersetzung von La Fayettes Memoiren: „(…) but to the good city of Paris and residence of the Hôtel de Noailles was selected instead of according me the horrors of the Bastille which had been at first proposed.”
Die Einschränkung, dass La Fayette nur von Familie besucht werden durfte, war wenig effektiv, da La Fayette über die eine oder andere Ecke praktisch mit dem gesamten Hof verwandt war - er hatte während seines „Exils“ also regen Besuch.
Ich konnte nicht mit Sicherheit feststellen, ob La Fayette selber den Dialekt sprechen und/oder verstehen konnte. Sein Vater konnte es und unter dem Umstand, dass La Fayette in seiner frühen Jugend die Gegend praktisch nie verlassen hat und von Menschen unterrichtet und aufgezogen wurde, die entweder in der Region geboren waren oder schon sehr, sehr lange dort lebten, kann ich mir gut vorstellen, dass er zumindest über Grundkenntnisse verfügte.
La Fayettes Großmutter väterlicherseits war Marie Catherine de Suat, dame de Chavaniac. Nach allen erhaltenen Beschreibungen eine sehr willensstarke, intelligente und beeindruckende Frau
Die beiden Schwestern von La Fayettes Vater, La Fayettes Tanten, lebten mit ihrer Mutter in Chavaniac. Die ältere Schwester, Marguerite Madeleine du Motier, hatte nie geheiratet und die Jüngere, Louise Charlotte de Chavaniac, hatte geheiratet, war aber früh verwitwet.
Die Cousine war die Tochter von La Fayettes Tante, Louise Charlotte de Chavaniac, und hieß Louise Jeanne.
Originalzitat von La Fayette: “Never did a brother and sister love each other more tenderly than we.”
Seine Cousine starb im Kindbett als La Fayette in Amerika war und später schrieb er, dass es eines seiner größten Bedauern der Umstand war, dass er nicht bei ihr sein konnte, als sie starb.
La Fayettes Geburtshaus(-schloss?) ist heute ein Museum ihm zu Ehren.
Ich konnte nur eine zeitgenössische Darstellung des Hôtels finden, auf der die hier gegebene Beschreibung basiert. Die erwähnte Darstellung stammt jedoch aus der Zeit um 1690-1700 und es wurden in der Zeit danach noch Umgestaltungen an dem Gebäude vorgenommen.
Jean-Louis-Paul-François de Noailles, Duc d’Ayen (ab 1793 auch Duc de Noailles) gehörte zu einer der einflussreichsten Familie in Frankreich zu der Zeit des Ancien Régieme. Er hatte acht Kinder mit seiner Frau Henriette-Anne-Louise d'Aguesseau, von denen allerdings nur fünf Töchter überlebten. Er war Soldat, später im Leben Politiker und Chemiker, von 1780 bis 1780 sogar der Präsident der Académie des sciences.
Ich bin mir nicht ganz sicher, was unter einem „puppenhaften Gesicht“ zu verstehen ist, aber dieses Merkmal wird, neben Adriennes Augen, immer wieder betont und aufgegriffen.
Von Adriennes Tochter Virginie wissen wir, dass zumindest ihre letzten beiden Schwangerschaften und Geburten, also die von Georges Washington und Virginie selber, sehr anstrengend und schmerzhaft für Adrienne waren. Außerdem kamen ihre Kinder häufig zu früh auf die Welt und vermutlich hatte Adrienne auch eine Fehlgeburt früh zu Beginn in ihrer Ehe.
Ja, auch diese Geschichte soll sich wohl so zugetragen haben - und ganz nüchtern betrachtet ist das geschilderte Verhalten seitens des Kindes auch nicht wirklich verwunderlich.
Jean-Paul Marat ist heute wohl am bekanntesten durch seine Zeitung „L’Ami du Peuple“ und durch den Umstand, dass er, recht spektakulär, in seiner Badewanne ermordet wurde. Er war überdies aber auch Arzt und Forscher (er erforschte unter anderem, ob es sich bei Feuer nicht um eine Art Flüssigkeit handelte), Politiker und Autor/Philosoph. Während der Französischen Revolution entwickelte er einen geradezu schon obsessiven Hass auf La Fayette.
Die Adresse des Hôtel de Noailles war Nummer 235, Rue St. Honoré (und ich habe verboten lange nach der korrekten Adresse gesucht …).
Der Jardin des Tuileries wurde 1564 von der damaligen französischen Königin Catherine de‘ Medici als Schlossgarten für den Tuileries-Palast erdacht. Im Zuge der französischen Revolution wurde der Garten dann zu einem öffentlichen Platz umgeformt und ist bis heute ein beliebter Treffpunkt für Pariser.
In seiner Zeit als Arzt, vor der französischen Revolution, hat Marat tatsächlich viele Adelige Patienten gehabt (und zu einigen auch ein sehr gutes Verhältnis gehabt). Es ist irgendwie ironisch sich zu überlegen, dass Marat den Menschen geholfen hat, die er später in seinen Schriften verteufelt hat.
Die meisten Allianzen die Amerika schmieden konnte, kamen nicht durch Europas Wohlwollen für die Amerikanische Revolution zustande, sondern eher durch eine Abneigung gegen Großbritannien. Der Krieg in Amerika war für andere Nationen eine vergleichsweise billige Methode, um England zu schwächen.
Tatsächlich war George Washington, nach konventionellen Maßstäben, kein zu erfolgreicher General und verlor, je nach Einschätzung, bis zu 70% seiner Schlachten.
Die hohen (und zum Teil gänzlich unsinnigen) Steuern und Abgaben waren in späteren Jahren mit einer Auslöser für die Französische Revolution. Ein vielzitiertes Beispiel ist beispielsweise die Salzsteuer, die 1794 abgeschafft wurde, von Napoléon aber wenig später wieder eingeführt wurde.
Ludwig XVI (23. August 1754 - 21. Januar 1793) folgte seinem Großvater 1774 auf den französischen Königsthron und war damit der letzte französische König des Ancien Régieme. Er gehört überdies zu den wohl bekanntesten Königen, nicht wegen seiner Regierungszeit sondern mehr durch seinen Fall während der Französischen Revolution und seine Exekution durch die Guillotine. Seine Ehefrau war die ebenso bekannte Königin Marie Antoinette.
Vor der französischen Revolution hatten Marat und La Fayette wenige bis keine Berühungspunkte und ich bezweifle das sie sich des anderen wirklich bewusst waren - nimmt man aber Marats intensiven Hass auf La Fayette später während der Revolution als Maß, kann ich mir nicht vorstellen, dass er je begeisterter für La Fayette gejubelt hat.
… und wie Paris ihm zu Füßen lag. La Fayette erinnerte sich später: „I had the honor of being consulted by all the ministers, and, what is much more worth while, of being kissed by all the ladies.”
Adrienne war eine sehr religiöse Person. Religion war in schwierigen Situationen immer ihr Anker. Ihre Mutter hatte sie aber auch dazu erzogen die Institution hinter der Religion zu hinterfragen und nicht allem blind zu folgen.
William Phillips (früh 1731 - 13. Mai 1781) war ein britischer Offizier der Artillerie und später Brigadier-General, der besonders während des Siebenjährigen Krieges mit seinem Können auf sich aufmerksam machte. Er war mit vielen wichtigen und bekannten Personen seiner Zweit befreundet und ist in dem Gemälde „Surrender of General Burgoyne“ direkt neben General John Burgone dargestellt.
Natürlich haben sich La Fayette und Phillips später noch einmal auf dem Schlachtfeld wiedergetroffen - wo würde sonst auch der Spaß bleiben?
----- CHAPTER BREAK -----
Februar 1779
«There was a period (…) when, after one of your returns from America, I felt myself so forcibly attracted to you, that I thought I should faint every time you came into the room. I was possessed with the fear of annoying you, and tried to moderate my feelings.
You can scarcely be dissatisfied with what remains.”
Adrienne, Marquise de La Fayette auf ihrem Sterbebett zu ihrem Ehemann, Auszug aus einem Brief La Fayettes an seinen Freund Das Gefühl fehl am Platz zu sein, wich die nächsten Tage nicht wirklich von Friedrichs Seite. Dieses Gefühl war auch einer der Gründe warum er versuchte so wenig Zeit wie möglich im Hôtel de Noailles zu verbringen, ohne dabei vollkommen unhöflich zu erscheinen. Die meiste Zeit hatte er damit verbracht Paris weiter zu erkunden - ohne sich dabei noch ein weiteres Mal zu verlaufen, wohl gemerkt. Weiter hatte er sich an einem Tag mit den amerikanischen Botschaftern in Frankreich, Mister John Adams und Doktor Benjamin Franklin getroffen, um die politische Linie Amerikas abzustimmen. Viele Menschen hatten ihn ihm Vorhinein angesprochen und sogar beglückwünscht, dass er die Möglichkeit hatte den großen Benjamin Franklin kennen zu lernen. Doch was sollte Friedrich sagen? Doktor Franklin war sicherlich eine überragende Persönlichkeit, eloquent und schlagfertig, angesehen und bewundert, halb Paris lag ihm zu Füßen - aber die wirkliche Begeisterung hatte Adams in dem jungen Arzt hervor gerufen. Für Friedrich bestand nach ihren ersten Treffen nicht mehr die Spur eines Zweifels, dass Adams seinem Namen als „Mister Independence“ verdient hatte, dass er solch eine dominante Partei im Kontinental Kongress war. Herje, Friedrich hätte dem guten Mann zwei Stunden zuhören können, wie dieser sich über die Feinheiten von nasser Wäsche ausließ und wäre dabei immer noch fasziniert und beeindruckt gewesen. Inständig hoffte Friedrich, dass Adams der Politik und dem Landesdienst nicht so schnell den Rücken kehren würde. Amerika brauchte Männer wie Adams, wenn es seine Unabhängigkeit nicht nur erlangen sondern auch dauerhaft behalten wollte, wenn es eine starke Demokratie aufbauen wollte.Doch Friedrich hatte noch einen anderen Antrieb, seinem temporären Wohnort möglichst fern zu sein. La Fayette war nach zwei Jahren Abwesenheit zurück zu seiner Ehefrau und seiner Familie gekehrt, Friedrich war wirklich der Letzte, der nun Anspruch auf die Zeit und Aufmerksamkeit des jungen Generals hatte. Es war nicht schwer zu bemerken, wie fixiert die Marquise auf ihren Ehemann war, wie unbedingt sie ihn nahe bei sich haben wollte - wohl wissend das nichts was sie tun könnte, La Fayette für allzu lange Zeit an sich binden könnte, er scharrte jetzt schon mit den Füßen sich an die Arbeit in Amerikas Namen zu machen. Friedrich hatte den Verdacht, dass Adrienne sehr glücklich über den verhängten Hausarrest war. So war es auch ihr Recht. Der junge Arzt war nur sehr froh, dass die Wände in dem Hôtel de Noailles nicht allzu dünn waren, die Befürchtung war im flüchtig während seiner ersten Nacht gekommen, als er realisiert hatte, dass man ihm, wohl als ein Zeichen der Freundschaft, ein Zimmer nahe denen von La Fayette und Adrienne gegeben hatte. Solche Gedanken sollte Friedrich als gottesfürchtiger Mensch nicht haben, und über einen Freund schon gar nicht - dennoch bildete er sich ein, mit seiner Vermutung nicht ganz falsch zu liegen. Es würde ihn darüber hinaus wundern, wenn La Fayettes Familie bis zum Ende des Jahres nicht noch um ein weiteres Mitglied wachsen würde.Die Zeit die er dann jedoch in seiner Unterkunft und folglich auch im Kreise der Familie verbrachte, war wirklich erfreulich. Die Herzogin, Adriennes Mutter, war eine herzensgute, liebliche und gebildete Frau deren Gesellschaft Friedrich sehr schätzte. Mit dem Herzog hatte Friedrich bereits mehrere lange Diskurse über die Chemie gehalten, wobei Diskurse ein falsches Bild vermittelten. ‚Diskurs‘ suggerierte, dass beide Gesprächspartner gleichermaßen zu der Unterhaltung beitrugen. Der junge Arzt hingegen hörte die meiste Zeit nur zu, lauschte und beobachtete, nickte von Zeit zu Zeit, wenn er mit seinem doch recht spärlichem Wissen Sinn aus d’Ayens Worten machen konnte. Sein Kopf rauchte jedes Mal nach diesen Unterhaltungen - nicht, dass Friedrich etwas dagegen einzuwenden hatte. Dem alternden Adeligen schien es seinerseits ganz ähnlich zu gehen, er schien recht zufrieden damit zu sein, Monologe zu geben und Friedrich vermutete, dass er schlicht froh war in seinem eigenen Haus einen Gesprächspartner gefunden zu haben, der zumindest einen groben Einblick in die behandelte Materie genommen hatte und der darüber hinaus willens war, dem Gesagten zu zuhören und davon zu lernen.Manchmal stolperte er auch in sehr häusliche Szenen hinein, ganz so wie gerade. Auf dem Weg in sein Zimmer war der junge Arzt von Kinderlachen abgelenkt worden und dem Geräusch den Flur hinunter gefolgt. Nachdem er die Tür etwas weiter aufgedrückt hatte, konnte er La Fayette vornübergebeugt auf dem Boden sitzen sehen, seine kleine Tochter saß vor ihm. Zwischen ihnen lagen Bauklötze aus Holz in einem unordentlichen Haufen und Anastasie hielt jeweils einen Klotz in einer Hand und schlug die beiden zusammen, während sie lachte. Joséphine musste ebenfalls schmunzeln und entweder war es das oder ein sechster Sinn, der Anastasie plötzlich auf den Besuch aufmerksam machte und in die Richtung der jungen Frau tapsen ließ. Durch seine Tochter animiert, bemerkte dann auch La Fayette Joséphine. Ein Lächeln umspielte seine Lippen, doch im nächsten Moment beugte er sich auch schon vor, um seine Tochter wieder einzufangen, die mittlerweile Joséphine erreicht hatte und mit ihren Klötzen gegen das Schienbein der jungen Frau klopfte. Doch bevor der Marquis seine Tochter erreichen konnte, hatte Joséphine das Mädchen bereits auf den Arm genommen, eine eingespielte Bewegung die Zeugnis ihrer vielen Geschwister war. Anastasie gab ein kindliches Kichern von sich und schlug die Klötze in ihrer kleinen Hand wieder gegeneinander. Es schien ihr auf Joséphines Arm ganz vorzüglich zu gefallen. Für einen Moment breitete sich Eifersucht in La Fayettes Herzen aus. Joséphine war für seine Tochter doch ebenso fremd wie er es gewesen war, doch warum zeigte seine Tochter ihr wie natürlich das Vertrauen, dass er sich erst hatte erarbeiten müssen? Doch ebenso schnell wie dieser Gedanke aufgekommen war, genauso schnell verflog der Gedanke auch wieder, als Joséphine sich mit Anastasie neben ihm auf den Boden kniete und das kleine Kind absetzte.„Was baut ihr?“, fragte sie, den Blick auf die verteilten Holzstücke gerichtet.„Bauen ist das falsche Wort, Anastasie scheint es mehr Freude zu bereiten, alles wieder einstürzen zu lassen.“„Oh“, machte Joséphine, es war ein seltsam unschuldiges kleines Geräusch während sie begann einige der Klötze übereinander zu stapeln. Prompt streckte Anastasie ihre kleine Hand aus und stieß den Turm um. Irgendetwas an dieser Reaktion, sie konnte selber nicht sagen was es war, brachte Joséphine dazu schallend zu lachen. La Fayette neben ihr zuckte im ersten Moment beinahe erschrocken zusammen, ihr Verhalten hatte ihn überrascht. Die Überraschung war jedoch keine unangenehme, ganz im Gegenteil. Joséphines Lachen klang so befreit, so offen, so ehrlich, war so ansteckend - natürlich hatte der Marquis seine Freundin schon häufiger lachen hören, hatte sie scherzen und rumalbern hören und sich auch schon selber den ein oder anderen Unfug mit ihr erlaubt, aber das nun, das war ihm neu. Denn mit Sicherheit hatte er die junge Frau noch nie so unbeschwert, so frei lachen gehört. Das alleine machte den Moment so besonders, die Art wie Joséphine vollkommen schamlos den Kopf in den Nacken legte und wie La Fayette Tränen in ihren Augen funkeln sehen konnte, als sie sich wieder nach vorbeugte. Bei aller geschwisterlichen Liebe die La Fayette für Joséphine empfand, ihr Lachen war nicht anmutig, klang nicht schön. Obgleich es aus voller Brust kam, klang es heiser und ein wenig so, als würde sie wie ein Ertrinkender um Luft ringen, aber ihr Selbstvertrauen das dahinter lag und ihre vollkommene Ungeniertheit machten ihr Lachen so bezaubernd, dass La Fayette schließlich nicht anders konnte als mit einzustimmen - nicht das er wirklich wusste warum er lachte noch warum Joséphine so lachte.Es dauerte bestimmt noch einmal eine Minute, bevor die beiden sich wieder gefasst hatten. Anastasie starrte sie mit großen Kinderaugen an.„Was ist?“, fragte La Fayette als er bemerkte wie Joséphines Blick länger als gewohnt an ihm hängen blieb.„Nichts. Es ist nichts, nur … ich weiß auch nicht, aber dich hier mit deinem Kind sitzen zu sehen, vielmehr noch, dich in ziviler Kleidung zu sehen, daran muss ich mich erst einmal gewöhnen“, gestand Joséphine und beobachtete wie Anastasie selbstsicher in den Schoß ihres Vaters kletterte.La Fayette blickte nachdenklich an sich herunter und lächelte dann. „Ich muss sagen, es ist ganz erfrischend, mal wieder etwas anderes als meine Uniform zu tragen.“„Nun tu nicht so, ich bitte dich. Du liebst deine Uniform.“„Das habe ich auch nicht bestritten - aber du musst schon gestehen, dass sie nicht gerade ein Zeichen persönlichen Ausdrucks ist.“Joséphine grinste breit. „Nein, deshalb nennt sie sich ja auch Uniform.“Jahre später in ihrer Küche in Philadelphia dachte Joséphine zurück an die Tage in Paris. Damals hatte sie sich gefragt, warum sie sich so zu diesen familiären Szenen hingezogen fühlte. War es eine natürliche Affinität gegenüber Familienangelegenheiten, eine freundliche Disposition gegenüber Kindern - oder war es ihre eigene verdorbene, verdrehte, morbide, Art und Weise sich vor Augen zu führen, was sie verloren hatte. Was sie verloren hatte und von dem sie den Glauben aufgegeben hatte es je zu haben; eigene Kinder. In ihrem Herzen hatte Joséphine damals eine Antwort für sich gefunden, eine Antwort die so weit in ihr selber verwurzelt war, dass ihrem Kopf keine Worte eingefallen wären, diese Antwort auszusprechen, selbst wenn ihr Leben davon abhängig gewesen war. Später dann in Philadelphia, nun ihre Antwort war immer noch dieselbe, auch ihre Unfähigkeit diese auszusprechen, aber mit einem Blick auf ihren damaligen Gast fragte sie sich, ob hinter all dem nicht vielleicht eine höhere Intention gesteckt hatte, ob das, was ihr verwehrt geblieben war, wohl ein Teil eines höheren Plans gewesen war, sie auf eine andere Aufgabe vorzubereiten.Doch neben diesen häuslichen Szenerien im Hôtel de Noailles machte Friedrich auch andere Erfahrungen, Erfahrungen die ihn eher weniger erfreuten … eine davon ereignete sich keine drei Tage später.„Würdest du jetzt bitte einmal still halten. Ich weiß dir missfällt das hier, aber dein Gezappel macht die Situation auch nicht besser“, meinte La Fayette an eben diesem Tag während er Hand an Friedrichs Krawatte anlegte.„Ich kann das wunderbar alleine“, kam Friedrichs Antwort in einem bissigen Tonfall, ein Tonfall der nicht ganz zu Geltung kam, da er seinen Kopf weit in den Nacken gelegt hatte.„Nein, kannst du eben nicht“, kam die knappe Antwort und man begann zu hören, wie genervt La Fayette war - dabei war Friedrichs Verhalten mehr das Ventil als der eigentliche Grund für seine Anspannung. In dem Wissen versuchte der junge Mann auch seinen Freund zu beruhigen. „Es besteht kein Grund so angespannt zu sein, du bist der Held Frankreich, Versailles wird die zu Füßen liegen“, meinte Friedrich in einem sanften Tonfall, den er für gewöhnlich für seine Patienten reserviert hielt. Er nahm doch ganz stark an, dass der Grund für La Fayettes erregten Gemütszustand der königliche Ball in Versailles war, zu dem der Marquis und seine Familie ebenso wie Friedrich geladen waren. Es war das erste solcher sozialen Ereignisse nach dem Ende von La Fayettes Hausarrest. Doch Friedrichs sanfte Worte stießen auf taube Ohren als der Marquis ihn nur von oben bis unten musterte. „Du machst ein Gesicht …“, kommentierte er. Friedrich schnaubte und fuhr mit einem Finger zwischen den Krawattenstoff und seinem Hals. Sein Gesichtsausdruck speigelte höchstwahrscheinlich seine Empfindung über seine Aufmachung wieder.„Ich fühle mich, als ob ich mich verkleidet hätte“, gestand Friedrich und fuhr dabei geistesabwesend mit den Fingern über die Stickereien auf dem feinen Seidenstoff seines Überrockes. Die Kleidung die er trug gehörte La Fayette, denn dieser hatte darauf beharrt, dass Friedrich den Ball in Versailles nicht in seiner Uniform besuchen könnte. Friedrich hatte zuerst widersprochen, immerhin war er vor seiner Abreise auf Washingtons Anweisung hin mit einigen Uniformen ausgestattet worden, Uniformen die besser gearbeitet und aus hochwertigeren Materialien gemacht worden waren als all seine bisherigen Uniformen. In seinem Privatbesitz hatte Friedrich nämlich kein einziges Kleidungsstück das ihn präsentabel für den Hof gemacht hätte. La Fayette hatte jedoch darauf beharrt, dass Friedrichs neu erstandenen Gesellschaftsanzüge zwar den Geschmack des preußischen Hofes und der preußischen Gesellschaft treffen würden, nicht aber den Anforderungen eines Balls in Versailles gerecht werden würden. Friedrich hätte gerne vehement protestiert, hatte letztendlich aber schnell kleinlaut nachgeben. Dies war immerhin La Fayettes Heimatland, seine Gesellschaft, in der sie sich bewegten. Er vertraute dem Urteil seines Freundes - aber deshalb musste er es noch nicht mögen.La Fayette hatte schließlich angeboten, ihm Kleidung zu leihen (nicht das es eine wirkliche andere Möglichkeit gab.) Es hatte dann jedoch einiges an Zeit gekostet, bis sich etwas gefunden hatte, das Friedrich auch wirklich passte1 - um es mit La Fayettes Worten an dem Nachmittag zu sagen: Friedrich war zu dürr. Sobald Friedrich sich dann umgezogen hatte, hatte der Marquis darauf bestanden, selbst Hand an seiner Krawatte anzulegen. Der bevorstehende Ball in Versailles schien den jungen General nervös zu machen.„Aber du verkleidest dich doch immer, was ist nun anders?“, riss La Fayette den jungen Arzt aus seinen Gedanken.„Das stimmt schon, aber wenn ich mich sonst verkleide betrüge ich nur mein wahres Geschlecht, nicht meine Herkunft. Ja, ich kleide mich wie ein Mann, aber wie ein der der Sohn eines Bauern ist. Ich kleide mich wie der Niemand der ich bin. Das hier“, meinte Friedrich und zeigte an sich herunter, „ist anders. Nun kleide ich mich wie ein Mann und wie ein Marquis.“La Fayette antwortete bevor er seine Worte reflektieren konnte. „Ich finde du siehst wundervoll aus.“Stille kehrte ein als Joséphine sich langsam zu ihm herum drehte. Beide begannen rot zu werden, als La Fayette versuchte die Situation zu retten. „Wir sollten gehen, Adrienne wartet bestimmt schon.“„Ja, ich möchte nicht unhöflich erscheinen, es ist freundlich genug von euch, mich mitzunehmen“, pflichtetet Friedrich bei und folgte La Fayette aus dem Raum.Die Kutschfahrt nach Versailles verlief zu großen Teilen in Stille. La Fayette war bemüht nicht angespannt mit dem Fuß zu wippen, Friedrich hing seinen ganz eigenen Gedanken nach, ein Umstand der im deutlich anzusehen war und Adrienne für ihren Teil versuchte schlau aus ihrem Gast zu werden. Die junge Ehefrau kannte das Leben am Hof und in der feinen Gesellschaft, sie wusste auch, dass in solchen Kreisen die Menschen häufig nicht ihr wahres Gesicht zur Schau trugen und mit den Jahren rühmte sie sich damit, ganz geschickt darin geworden zu sein, zu erkennen wenn jemand nur vorgab etwas zu sein. Sie war sich ziemlich sicher, dass Doktor Deegen nicht ganz der war, für den er sich ausgab - das Problem war nur, dass sie sich aus dieser Beobachtung nicht recht einen Reim machen konnte. Der junge Doktor war ein Mann von exzellentem Charakter, seine Art hatte eine Einfachheit und Schlichtheit an sich, die auf ihre ganz eigene Weise elegant war. Dazu verfügte er über eine warme und offene Herzlichkeit, die jede Person in seinem Umkreis unweigerlich miteinschloss. Des Weiteren hatte er eine Natürlichkeit und Ehrlichkeit die beinahe schon als Affront gewertet werden könnte, wenn sie nicht von einer geradezu entwaffnenden Selbsteinschätzung begleitet worden wäre. Der Arzt gab sich keinen Illusionen bezüglich seines Namens und Ranges hin, er wusste wohl wo seine Stärken lagen und überließ in allen anderen Angelegenheiten den Leuten über ihm die Entscheidungsgewalt ohne sich gegen jene Ordnung zu sträuben. Er war mit sich selber ebenso ehrlich wie mit anderen und demonstrierte somit, dass Ehrlichkeit für ihn ein tief verwurzeltes Charaktermerkmal war, keine Farce und bestimmt nicht das gewählte Mittel, um schlecht kaschierte Beleidigungen weiterzugeben. Doch etwas störte Adrienne ganz entschieden, sie konnte es nur nicht recht benennen. Zuerst war sie recht resigniert, einen Gast im Haus zu haben. Sie hatte ihren Ehemann schließlich so viele lange und schmerzvolle Monate missen müssen, hatte mehr als nur einmal in den Zeitungen lesen müssen, dass er angeblich in der Schlacht gefallen sei, dass sie nicht wirklich bereit war, ihn nun zu teilen. Doch auch in dieser Hinsicht konnte Monsieur Deegen die junge Frau freudig überraschen, ob es nun an seinem Bewusstsein seiner eigenen Position gegenüber oder einer generellen Vertrautheit mit den Vorkommnissen in einer Familie lag - der Arzt machte schnell deutlich, dass er nicht die Absicht hatte, die Zeit des Marquis mehr in Anspruch zu nehmen, als unbedingt von Nöten war.Wie vertraut ihr Mann und Doktor Deegen doch waren. Es war keine der lauten und ungestümen Jugendfreundschaften, die der Marquis noch vor seiner Abreise nach Amerika gepflegt hatte, sondern mehr die Art von Freundschaft, in der alles mit einem einzelnen Blick gesagt werden konnte. Auch war Adrienne nicht entgangen wie fürsorglich die beiden Männer in ihrem Umgang miteinander waren. Von Doktor Deegen war solch ein Verhalten als Arzt ja noch zu verstehen, immerhin konnte man bei seinem Beruf von einer gewissen guttätigen Milde und Fürsorglichkeit in seinem Charakter ausgehen, doch das Verhalten ihres Mannes machte sie stutzig. Nicht die Fürsorge an sich, er war häufig fürsorglich, mit ihr, mit ihren Kindern, doch die Art und Weise wie er Doktor Deegen gegenüber diese Fürsorglichkeit zur Schau stellte, die Subtilität und gleichzeitig die Firmnis dieses Ausdrucks verwunderten sie. Erst heute hatte der Marquis dies wieder unter Beweis gestellt, indem er so vehement darauf bestanden hatte Doktor Deegen zu helfen, sich her zu richten, anstatt die Aufgabe an einen der Angestellten zu delegieren. Doch wenn Adrienne recht darüber nachdachte, war vehement nicht einmal das richtige Wort - vehement implizierte dass man bereit war entschlossen gegen Widerstand vorzugehen, doch dieses Verhalten hatte ihr Ehemann nicht zur Schau gestellt, vielmehr schien es eher, dass sein Verhalten ihm selber als das Natürlichste der Welt vorkam. Gerne wäre Adrienne dem Mysterium Friedrich Deegen ein wenig weiter gefolgt, doch der Herr sagte ja so furchtbar wenig, immer darauf bedacht nicht aufzufallen und keine Last zu sein, dass sie wohl die Initiative ergreifen müsste, wollte sie ein wenig mehr über den jungen Mann erfahren.„Doktor Deegen, verratet Ihr mir, wie Ihr meinen Mann kennengelernt habt? Er hat Euch häufig genug und in großem Detail in seinen Briefen erwähnt, sodass ich mich fühle als würde ich Euch besser kennen als ich es eigentlich tue, aber er hat mir nie erzählt, wie ihr einander vorgestellt worden seid.“Deegen lächelte bedächtig. „Das liegt daran Madam, dass der Marquis und ich uns tatsächlich erst reichlich lange nach unserem ersten Treffen offiziell einander vorgestellt worden sind“, setzte Friedrich an.„Brandywine, wir sind uns in der Schlacht von Brandywine das erste Mal begegnet“, führte La Fayette weiter aus, doch Deegen widersprach.„Ha. Das stimmt nicht, wir sind uns an dem Tag zuvor begegnet, weißt du nicht mehr?“La Fayette kniff für einen Moment die Augen zusammen, ganz so als müsste er angestrengt nachdenken. „Aber natürlich, Recht hast du. Wir sind uns auf dem Weg zum Hauptquartier von Général Washington begegnet.“„Ihr habt meinen Mann nach der Schlacht behandelt, habt Ihr nicht?“, wollte Adrienne nun wissen und lehnte sich etwas vor.„Das habe ich Madam, obgleich ich Euch nicht mehr als das sagen kann. In den Krankenhäusern herrschte reines Chaos an diesem Tag - und den folgenden Tagen, wenn ich offen sein darf, und der Marquis hatte nur eine einfache Fleischwunde, nichts was einem in solch einem Durcheinander lange im Gedächtnis bleibt.“ Adrienne nickte andächtig und La Fayette schenkte seinem Freund einen dankenden Blick, dafür, dass er das Kapitel Doktor Tatnell gänzlich außenvorgelassen hatte. Adrienne machte sich so schon genügend Sorgen, ohne dass sie auch noch übereifrige und unqualifizierte Ärzte mit in ihre Ängste miteinbezog.„War es euer Treffen an diesem Tag, das dann meinen Mann dazu bewegt hat, Euch in seinen Stab zu berufen?“, verfolgte die junge Adelige ihre Fährte weiter. Sie würde schon noch hinter Doktors Deegens Geheimnis kommen - und die gestellte Frage schien in die richtige Richtung gegangen zu sein. Der Doktor erröte etwas als er seinen Blick auf den Boden der Kutsche sinken ließ und lächelte.„Général Washington hat den Doktor als Ergänzung für meinen Stab empfohlen“, sprang der Marquis ein, ebenfalls mit so einem kleinen, unleserlichen Lächeln auf den Lippen. Adrienne wollte eben ihre diskreten Nachforschungen weiterführen, da kam die Kutsche zum Stehen und der Kutscher verkündete, dass man Versailles erreicht hatte. Gut, dann eben später, dachte sie bei sich.Friedrich stellte schnell fest, das Versailles ihm zu viel war, zu viele Menschen, und zu viele neue Eindrücke, neue Gerüche und Farben, die Musik zu laut und die Lichter zu hell - doch anscheinend schien es nur ihm so zu gehen, oder aber, die restlichen Gäste konnten ihre Abneigung nur besser verbergen. Dabei hatte der Abend noch so vielversprechend begonnen. La Fayette hatte ihn einer Reihe von Leuten vorgestellt, mit sehr langen Namen, in sehr wichtigen Positionen und Mitglieder sehr wichtiger Orden - nicht das Friedrich sich daran gestört hätte. Er hatte das Wohl Amerikas im Sinne und Amerika brauchte jeden Freund den es haben konnte. Zudem bot sich somit für Friedrich die Möglichkeit, unter La Fayettes subtiler Anleitung, seine höfische Etiquette zu erproben. Zu seinem Erstaunen wurde er recht begeistert empfangen. Ein Umstand der zum einen auf seine Neuheit am Hofe zurückzuführen war, aber auch auf die Arbeit, die Mister Adams und Benjamin Franklin bereits verrichtet hatten. Woran Friedrich sich jedoch störte, war der Umstand, wie häufig er sich hatte verbeugen müssen. Einem Mann wie Friedrich, der mit den strengen, gleichfalls einfachen Moralvorstellungen der Quäker erzogen wurde, war dieses Verhalten höchst zu wieder. Er hatte fälschlicherweise angenommen, dass seine Zeit in der Armee ihn in der Hinsicht vorbereitet hätte, aber kein Einfluss hätte groß genug sein können, um ihn auf Versailles vorzubereiten.So stand er nun hier, etwas am Rande der vielen Gäste, eher in der Rolle des Beobachters anstelle des Partizipateurs - und was er beobachtete, machte ihn eifersüchtig. Nicht, dass es ihm anzusehen war, nein, nach außen behielt er eine freundliche, dennoch bedacht kühle Mine, doch in seinem Inneren machte sich ein dumpfes Gefühl breit. Wie durch die Augen eines kleinen Kindes blieb Joséphine immer wieder an den aufwendigen Kleidern der weiblichen Gäste hängen. Es war Dekadenz wie man es nicht weiter hätte auf den Höhepunkt treiben konnte - aber es war gleichsam auch so wunderschön. Joséphine schaute sehnsüchtig zu einer Dame mit aufwendigen Stickereien an ihrem Dekolleté herüber, ihr Blick hing an einer älteren Frau deren Seidenkleid im Licht der Kronleuchter so weich schimmerte, dass Joséphine es am liebsten mit den Fingern berührt hätte. Sie sah all die Frauen, alle so hübsch und so perfekt hergemacht - sie sehnte sich auch danach. Mit den Jahren hatte Joséphine gelernt ihre neue Garderobe zu akzeptieren, aber sie würde sie wohl niemals lieben, sich niemals frei darin fühlen können. Als Quäkerin, als Bauernmädchen, hatte sie sich nie den Launen der Mode verschrieben, hätte es nicht gekonnt, selbst wenn ihr danach gewesen wäre, aber sie hatte als junges Mädchen ja wohl träumen dürfen, so wie es wohl jedes junge Mädchen einmal tat. Es waren auch nicht Versailles modische Schnitte, kostbaren Stoffe und royalen Entwürfe, nach denen sie sich sehnte, die Einfachheit ihrer eigenen alten Kleidung wäre Joséphine schon mehr als genug gewesen. Sie vermisste die gleichmäßige Form die ihr Mieder ihrem Torso gab, die Stütze den ihre Brust erhielt (alles nur nicht diese schrecklichen Bandagen die sie derzeit trug), die Sittlichkeit mit der ihre Röcke ihre Beine verbargen und das Volumen, das selbige ihrer Hüfte verliehen. Sie hegte eine sehr subjektive Abneigung gegen Krawatten und stieß sich immer noch an der Unsittlichkeit die das Tragen von Hosen mit sich brachte. Generell bestand für die junge Frau kein Zweifel, dass die Kleidung eines Mannes eben auch nur einem männlichen Körper zum Vorteil gereicht werden konnte.La Fayette war irgendwann im Laufe des Abends in der Menschenmenge verschwunden und Friedrich hatte nach einigen kurzen Augenblicken den Versuch aufgegeben ihn wieder zu finden - mit etwas Glück würde er irgendwann wieder auftauchen.„Man sagt, dass es am preußischen Hof wesentlich ruhiger zugeht. Nicht ganz so extravagant“, wurde Friedrich plötzlich von der Seite angesprochen. Überraschte drehte der junge Arzt sich in die Richtung der Stimme und erkannte Mister Adams.„Verzeiht, ich hoffe ich habe Sie nicht erschrocken?“, wollte Adams nun wissen und Friedrich schüttelte nur den Kopf. „Nein, nein, ganz und gar nicht. Ich hatte nur nicht damit gerechnet heute Abend noch jemanden zu finden, der den Festivitäten etwas … weniger enthusiastisch gegenübersteht.“„Sie amüsieren sich nicht?“„Wenn ich offen sprechen darf, dies ist nicht ganz meine Welt.“Adams nickte schmunzelnd. „Ich kann Sie gut nachvollziehen Doktor, es bedarf sicherlich einiges an Gewöhnung - oh, bevor ich es vergesse, ich habe noch einen Brief, der an Sie gerichtet ist. Nicht hier meine ich, aber in meiner Unterkunft. Sie planen Ende der Woche nach Preußen aufzubrechen, nicht wahr? Dann werde ich dafür Sorge tragen, dass der Brief Ihnen noch rechtzeitig zugestellt wird.“Nun war es an Friedrich andächtig zu nicken. Solche Momente führten ihm immer wieder deutlich vor Augen, welche Aufgaben doch in Kürze auf ihn zukommen würden. Er schluckte schwer, bevor er sich wieder dem Gespräch zuwandte. „Ist der Brief von General Washington oder vom Kontinental Kongress?“Diese Frage schien Adams für einen Augenblick aus der Fassung zu bringen, denn er blinzelte ein paar Mal, bevor er zu einer Antwort ansetzte. „Es handelt sich dabei nicht um eine offizielle diplomatische Korrespondenz, der Brief ist privater Natur.“ Diese Eröffnung brachte nun Friedrich aus der Fassung.„Doktor Benjamin Rush ist mir ein guter Freund und wir korrespondieren regelmäßig - nun, so regelmäßig wie es unsere jeweiligen Verpflichtungen eben zulassen. Er hat die Neuigkeit Ihrer Berufung sehr erfreut aufgefasst und mich gebeten Ihnen dies auszurichten. Er hätte Ihnen gerne persönlich gratuliert und geschrieben, war aber so in seiner Arbeit verstrickt, dass er befürchtete, der Brief würde Sie nicht mehr rechtzeitig erreichen und so hat er den Brief seinem Brief an mich beigefügt und mich gebeten ihn Ihnen zu überbringen.“Friedrich entspannte sich augenblicklich ob dieser Worte und merkte wie sich ein warmes Gefühl in ihm ausbreitete. Er hatte leider schon lange keinen regelmäßigen Kontakt mehr zu Rush gehabt, dabei verdankte er dem guten Mann doch so viel. Die Aussicht nun wieder von ihm zu hören, brachte ihn zum Lächeln.Der junge Arzt und Mister Adams verfielen in eine angenehme Unterhaltung, die Themen waren auf den ersten Blick recht banal, auf den zweiten dann jedoch umso persönlicherer Natur. Keiner von beiden konnte sagen, wie viel Zeit exakt vergangen war, als La Fayette sich wieder zu ihnen gesellte. Respektvoll grüßte er den amerikanischen Botschafter, bevor er sich neben Friedrich stellte und die Szenerie observierte.„Ich würde zu gerne wissen, was du gerade denkst“, meinte La Fayette.„Dann frag ich mich doch einfach.“„Was hältst du von dem Abend?“„Ich habe noch nie so viel Schönheit an einem Ort versammelt gesehen - ich verabscheue es auf ganzer Linie.“La Fayette neben ihm lachte laut auf und warf den Kopf recht unzeremoniell in den Nacken. „Oh wirklich Friedrich, solch eine Aussage konnte auch wirklich nur von dir kommen.“„Wie, Marquis, lacht Ihr mich etwas gerade aus?“„Nie würde mir so etwas in den Sinn kommen, Doktor Deegen.“„Und dennoch lacht Ihr, wie unhöflich von Euch“, meinte Friedrich mit gespielter Bestürzung.„Oh mit Nichten, es würde mir nie in den Sinn kommen unhöflich Ihnen gegenüber zu sein.“„Also wollt Ihr mir weißmachen, dass Euer schamloses Lachen nicht unhöflich war.“„Es ist eine Angewohnheit des Marquis mitunter sehr unhöflich zu sein“, fiel plötzlich eine dritte Stimme in ihre Unterhaltung ein. Friedrich kannte den Mann nicht, der sich nun eben zu ihnen gesellt hatte, aber an der Eile, mit der sowohl La Fayette als auch Adams sich sehr tief verbeugten, schloss er, dass es sich um einen Mann von Bedeutung handeln musste. Glücklicherweise konnte der junge Arzt schnell in die Verbeugung mit einstimmen. „Eure Hoheit“, sprach La Fayette als er sich wieder aufrichtete „darf ich Euch den amerikanischen Botschafter an den preußischen Hof vorstellen? Doktor Friedrich Deegen.“Der Fremde musterte Friedrich einmal eingehend von oben bis unten, bevor er sich an die Beistehenden wandte. „Monsieur le Marquis, Monsieur Adams, würden Sie uns wohl entschuldigen, ich wünsche einen Augenblick alleine mit dem Doktor zu sprechen.“ Von einer Person seines Ranges (auch wenn Friedrich sich noch nicht sicher war, welchen Ranges genau) kommend, war das Gesagte nicht als Frage, sondern als direkte Aufforderung zu verstehen, die befolgt werden musste - und so traten Adams und La Fayette folgsam ihren Rückzug an, nicht bevor letzter noch einen Blick Friedrichs einfing der wörtlich mit einem „Wie kannst du mich in so einer Situation nur alleine lassen?“ zu übersetzen war.An das folgende Gespräch selber hatte Friedrich später kaum noch eine Erinnerung, es war kein Gespräch von wirklicher Substanz, eher ein belangloses Geplänkel. Dennoch war der junge Arzt recht nervös und der Umstand dass er immer noch nicht wusste, mit wem genau er gerade sprach, trug nicht zu seiner Entspannung bei. Jedoch fand er Trost in der Tatsache, dass der Fremde Adelige während ihrer gesamten Unterhaltung durchgängig breit lächelte - irgendetwas schien Friedrich dann ja wohl richtig zu machen. Nach einer Viertelstunde vielleicht entließ der Fremde Friedrich aus der Unterhaltung und dieser suchte ohne großes Umschweifen La Fayette auf, der in eine Unterhaltung mit dem Prinzen de Poix vertieft war. Sobald er Friedrich jedoch bemerkte, gab er ihm zu verstehen, dass er ruhig näher treten sollte.„Phillipe, du kannst dich bestimmt noch an meinen Weggefährten erinnern, Doktor Friedrich Deegen?“„Aber natürlich, es ist mir eine Freude Sie wiederzutreffen Doktor“, meinte der Prinz.„Die Freude ist ganz meinerseits“, entgegnete Friedrich und wandte sich dann La Fayette zu.„Mit wem habe ich da gerade gesprochen?“„Mit dem Comte de Provence, dem jüngeren Bruder des Königs“, erklärte der Marquis. Friedrich sah mit großen Augen zu ihm herüber - doch bevor er seine Verwunderung in Worte fassen konnte, kam ihm ein ganz anderer Gedanke.„Warum hat der Count gemeint, dass es deine Angewohnheit ist, unhöflich zu sein?“Während de Poix wohl nur mit Mühe ein Lachen unterdrücken konnte, zog La Fayette missfallend die Brauen zusammen. „Es gab in der Vergangenheit einen Vorfall zwischen mir und dem Count, nichts von wirklichem Interesse.“La Fayettes Cousin unterbrach diesen offensichtlichen Versuch das Thema unter den Tisch zu kehren. „Nicht von wirklichem Interesse, ich bitte dich mein Lieber, der Hof kannte in der Zeit kein anderes Gesprächsthema.“„Wenn dem so ist, dann bestehe ich darauf, dass du mich mit ins Vertrauen ziehst“, forderte Friedrich an La Fayette gewandt.„Das werde ich ganz bestimmt nicht tun“, entgegnete dieser knapp.„Dafür besteht auch keine Notwendigkeit, wirklich Doktor, fragen Sie einen seiner Freunde, die Marquise, den Duc d’Ayen, fragen Sie mich, jeder kann Ihnen die Gesichte erzählen“, versicherte de Poix immer noch schmunzelnd.„Ich warne dich Friedrich, das wirst du nicht tun“, fiel La Fayette ein.„Woher die plötzliche Abneigung ‘Fayette, ich kann mich daran erinnern, dass du zu dem Zeitpunkt noch sehr zufrieden mit dir warst“, versuchte der Prinz nun den Marquis zu beschwichtigen.„Das war ich auch, ich würde es heute wieder so machen.“„Da hast du es, nun erzähl dem Doktor doch die Geschichte, ich denke kaum, dass es seine freundschaftlichen Gefühle mindern wird“, versuchte de Roix und Friedrich nickte eifrig wie zur Bestätigung. Nach dem ganzen hin und her war er nun tatsächlich recht neugierig.„Meinetwegen“, seufzte La Fayette gequält. „Es war kurz nach meiner Heirat in die Noailles Familie, mein Schwiegervater, der Duc d’Ayen hat sich bemüht für mich eine dauerhafte Stellung am Hofe zu sichern. Er ist an den Count herangetreten, ob es in seinem Hofstaat nicht noch eine Position für mich gäbe - zu meinem Bedauern war das der Fall. Sieh, meine Begeisterung lag mit dem Militär, nicht mit dem Leben eines Höflings. Kurz nachdem mein Schwiegervater mich über seine Vorkehrungen in Kenntnis gesetzt hatte, fand hier in Versailles ein Maskenball statt. Die Wahrheit, auch wenn alle Gäste Masken tragen, ist es doch recht einfach zu erraten, wer sich hinter den Masken verbirgt, besonders die Masken der Mitglieder der königlichen Familie sind meistens sehr durchsichtig. Wie du dir vorstellen kannst, steche ich auch meistens aus der Masse hervor2, das heißt, als ich an diesem Abend den Count angesprochen habe, wussten wir also beide mit wem wir Konversation führten. Der Count ist sehr stolz auf sein gutes Gedächtnis und ich habe ihm gesagt, dass ‚jeder weiß, dass das Gedächtnis dem Dummkopf den Verstand ersetzt3‘. Den Count hat das nicht gerade erfreut, doch einige meiner wohlwollenden Freunde“, dabei viel sein Blick auf de Poix, „und meiner Familienmitglieder-“„Genauer gesagt dein Schwiegervater, der außer sich war vor Wut“, wurde La Fayette von seinem Cousin unterbrochen.„Der Duc war sicherlich nicht erfreut. Wie dem auch sei, diese Personen haben den Count davon überzeugt, dass ich keine Ahnung hatte, mit wem ich da gesprochen habe und das ich darüber hinaus an dem Abend nicht mehr ganz nüchtern war. Der Count war gnädig genug mir meinen Fauxpas zu verzeihen, sollte ich mich nur anständig beim ihm entschuldigen.“Friedrich atmete auf, nun wo die Geschichte doch noch einen versöhnlichen Ausgang genommen hatte. „Aber die Stelle am Hof hast du dennoch nie angetreten, oder?“, hakte er verwundert nach.„Nein, das habe ich nicht. Das konnte ich auch nicht. Es wurde ein Treffen für die Entschuldigung arrangiert und als es dann soweit war, fragte der Count mich, ob mir denn bewusst gewesen war, mit wem ich an dem Abend gesprochen hatte. Er trug an diesem Tag einen grünen Überrock und ich antworte ihm wahrheitsgemäß das ‚die Person die damals die Maske trug heute einen grünen Überrock trägt.4‘ Ihm hat meine Antwort nicht wirklich erfreut und so habe ich die Stelle nie erhalten.5“Friedrich lachte, wie konnte er auch anders als lachen? „Das glaube ich dir nicht Gilbert, das hast du nicht wirklich getan“, brachte Friedrich schließlich hervor.„Genau deshalb wollte ich es dir nicht erzählen“, konterte der Marquis und verdrehte, äußerst wohlwollend, die Augen.„Nein, nein, ich danke dir, dass du die Geschichte mit mir geteilt hast - ich blicke meiner kommenden Aufgabe am preußischen Hof nun viel gelassener entgegen.“„Warum das?“„Nun ja, ich bin vielleicht nicht für den Hof erzogen worden, es mangelt mir an Namen und Manieren - aber immerhin gehe ich nicht umher und beleidige die Mitglieder der königlichen Familie, in der Hinsicht scheine ich dir einiges Voraus zu haben.“„Nun, wenn dem so ist, dann habe ich diese unangenehme Geschichte doch bereitwillig wieder hervorgeholt. Alles um dir Mut zu zusprechen-Friedrich?“Der junge Arzt hatte unvermittelt La Fayettes Arm gepackt und sich vorn über gebeugt, so dass sein Kopf gegen die Schulter des Freundes drückte. „Mir ist plötzlich so schwindelig“, presste Friedrich hervor, die Augen zusammengekniffen. Er spürte wie jemand ihn an der Schulter packte und behutsam zu einer der geöffneten Türen lotste, die es den Gästen erlaubten aus dem Ballsaal hinaus auf die Terrasse zu treten. Jemand dirigierte den jungen Arzt zu einer der niedrigen Steinbänke und beinahe schon im nächsten Moment nahm La Fayette mit einem Glas Wasser neben ihm Platz. „Hier, trink“, meinte er und führte das Glas an Friedrichs Lippen als dieser nicht fähig genug war, um das Glas aus eigener Kraft stet zu halten.„Ich weiß wirklich nicht, was über mich gekommen ist“, entschuldigte sich Friedrich und sackte weiter in sich zusammen.„Es ist so heiß und stickig in den Ballsälen, du bist bei weitem nicht die erste, die mit Schwindel zu kämpfen hat“, winkte La Fayette ab. „Geht es wieder besser?“ fragte er und fuhr mit seiner freien Hand über Joséphines Arm.„Ja, ja, schon viel besser“, versicherte diese fahrig. Die Situation war ihr sehr unangenehm. „Ich werde trotzdem noch etwas hier sitzen bleiben, die Luft ist so schön frisch. Dich will ich aber nicht länger von dem Ball fernhalten, mische dich nur wieder unter die Leute, mir geht es gut.“„Ha, als ob ich dich hier alleine lassen würde - unter keinen Umständen.“ La Fayette fühlte sich beinahe beleidigt von Joséphines Andeutung. Diese lächelte ob seiner Antwort nur, es war ein kleines, unscheinbares Lächeln, aber ein glückliches Lächeln. So saßen die beiden jungen Menschen nebeneinander. Die Nachtluft kühlte ihre erhitzten Gesichter und der Wind trug die Melodien zu ihnen herüber, die im Ballsaal gespielt wurden. Der Himmel hatte schon vor Stunden die Farbe von Tinte angenommen und die Sterne am Firmament spannten eine unendliche Weite auf. In der Ferne strahlten Versailles Gärten im Mondschein. Für einen Moment schien die Welt friedlich und perfekt zu sein.Der Wind frischte auf und Joséphine erschauderte ungewollt. La Fayette streckte einen Arm aus und schlang ihn um Joséphine, zog sie näher an sich heran. Die junge Frau protestierte nicht. Tief im Inneren wunderte sie sich über La Fayettes Bereitwilligkeit ihr körperlich so nahe zu sein, aber sie fragte nicht nach, sprach kein Wort. Für einen Moment war die Welt perfekt. Eine selige Ruhe breitete sich in Joséphine aus, eine Ruhe die im gänzlichen Gegensatz zu ihrem Bedürfnis stand aufzuspringen und zu singen und zu tanzen und aus voller Kehle zu rufen. Joséphine fühlte sich mutig an diesem Abend, als sie ihren Kopf auf La Fayettes Schulter legte. Es fühlte sich ein Stückchen wie Zuhause an. Zuhause an einem anderen Ort und mit einem anderen Namen, ein Gefühl von dem sie fast schon geglaubt hatte es für immer verloren zu haben. Es fühlte sich so richtig und warm an, so brausend und schäumend und so wahrhaftig. Joséphine vergaß in diese Nacht für einen Moment, dass Menschen trauern konnten und Schmerz empfinden konnten, so stark dass man ihn auf der Seele spürte - vielleicht war es diese Nacht in der La Fayette für sie endgültig Familie geworden war.„Die Gärten sind so wunderschön“, staunte sie plötzlich, dann als die Stille zwischen ihr und La Fayette sich nicht mehr ganz so heilig anfühlte. Der Marquis nickte nur6.„Joséphine? Versprichst du mir etwas?“„Alles.“„Versprich mir, dass ich dir eines Tages die Rosengärten in Chavaniac zeigen darf - im Sommer, wenn sie in voller Blüte stehen und die Schmetterlinge den Garten bevölkern.“„Versprich mir dann, dass ich dir eines Tages die Apfelhaine in Germantown zeigen darf, im Spätherbst, wenn die Bäume Früchte tragen und die letzten Sonnenstrahlen Muster auf den Boden malen.“La Fayette antwortete nicht, das musste er auch gar nicht. Joséphine und er verstanden auch so, dass er sein Wort gegeben hatte. Stattdessen sah er nur herunter, Joséphine blickte hinauf. Als sich die Blicke der beiden trafen, war La Fayette für einen Moment überwältigt von dem Strahlen in Joséphines Augen - als wolle sie die Sterne am Himmelszelt selber neidisch machen. Jahrzehnte später, lange sogar noch nachdem dieses revolutionäre Jahrhundert ausgegangen war, musste La Fayette an dieses Strahlen zurückdenken. Er stand zwischen den Apfelbäumen in Germantown, begleitet von der Person, von der er es am wenigsten erwartet hätte, von seiner unwahrscheinlichsten Bekanntschaft und alles an das er denken konnte, war das Strahlen in Joséphines Augen in dieser Nacht.Die Nacht endete bald und der nächste Morgen kam schnell. Noch bevor die Abendröte den Himmel am folgenden Tag erstrahlen ließ, war man wieder in Paris und Friedrich fand sich wieder in den Gassen dieser faszinierenden Stadt wieder. Seine Erkundung der Hauptstadt hatte er noch lange nicht beendet und La Fayette hatte dieses Mal nicht gegen sein Vorhaben spazieren zu gehen protestiert - sein Gesichtsausdruck hatte sein Missfallen aber deutlich genug gemacht. Doch seit der vergangenen Nacht fühlte Friedrich sich so seltsam lebendig, so kraftvoll, so voller Ausdruck. Fast war ihm, als müsste jeder in seinem Umkreis das Licht sehen können, das in seiner Brust brannte wie tausend Leuchtfeuer. Sein Geist, erleuchtet mit Seligkeit. Er ertrug es nicht, die beschränkenden Wände des Hôtel de Noailles und so zog ihn der Puls der Straßen an. Ohne einen wirklichen Plan, ganz ohne Ziel ließ Friedrich sich treiben in den Massen der Pariser, solange bis er schließlich einen Marktplatz erreichte. Das Geschrei der Händler drang an sein Ohr und die Gerüche der dargebotenen Güter kitzelten seine Nase. Es roch nach Fisch und Brot und Dingen die der junge Arzt nicht benenn konnte, die ihm gleichfalls fremd und doch vertraut vorkamen. Wie alte Erinnerungen die schemenhaft wieder hervortraten und wieder Formen annahmen. Aus einem Instinkt heraus folgte Friedrich dem Geruch des Fisches. Mit zwei Generationen an Fischern unter einem Dach hatte es in dem Haus von Joséphines frühsten Jugendjahren immer nach Fisch gerochen und schon seitdem sie ein kleines Mädchen gewesen war, konnte Joséphine einen frischen Fisch von einem schlechten Fisch unterscheiden.Friedrichs Augen wanderten interessiert über die Auslagen, als er plötzlich von hinten angerempelt wurde. Eine Entschuldigung in Französisch wurde ihm entgegen gebracht als Friedrich sich herumdrehte um zu sehen, mit wem er da zusammen gestoßen war. Seine Augen weiteten sich voller Erstaunen.„Doktor Marat. Erst bin ich in Sie hineingelaufen und nun Sie in mich, ich denke wir sind quitt.“Nun erkannte auch sein Gegenüber ihn. „Doktor Deegen, was für eine Überraschung. Das kann beinahe schon kein Zufall sein. Ich dachte Sie wollten nach Preußen?“„Bald. Ich breche Ende der Woche auf.“„Soso, und davor wollten Sie noch ein letztes Mal den Zauber von Paris Märkten erleben“, jede Silbe Marats tropfte vor Sarkasmus. Friedrich hätte beinahe gelacht. „Seien sie bloß vorsichtig, die Fischweiber verkaufen Ihnen hier alles als frischen Fisch, selbst das was im Meer schon an der Oberfläche schwimmt“, warnte der Ältere. Nun konnte Friedrich sein Lachen nicht mehr zurückhalten.„Ich denke auf einem Fischmarkt kann ich mich schon noch behaupten, ich danke aber für die Fürsorge.“Die beiden Ärzte waren, fast wie ganz natürlich, in einen Gleichschritt verfallen und waren gemeinsamen Weges gegangen.„Sie haben dort noch etwas am Ärmel Monsieur“, kommentierte Friedrich.„Oh verdammt“, fluchte Marat, als sein Blick nach Friedrichs Anregen auf seinen Ärmel fiel, an dessen Ende ein doch recht prominenter Blutfleck in sattem Rot blühte. „Wirklich, an manchen Tagen fühle ich mich wie ein Schlachter eher wie ein Arzt“, seufzte Marat. Friedrich schnaubte.„Sie haben mich noch nie nach einer Schlacht gesehen. Es ist doch immer wieder ganz erstaunlich, an welche Stellen fremdes Blut doch gelangen kann und fast noch erstaunlicher wie hartnäckig es sich dort halten kann.“„Natürlich, verzeihen Sie, ich wollte nicht anmaßend wirken. Ich habe große Hochachtung vor dem Dienst den Sie leisten - Sie und alle meine anderen Kollegen, die ihren Dienst in der Armee tun. Meine Hochachtung.“ Friedrich nickte nur andächtig, er hatte nicht das Gefühl, dass ein einfaches Wort des Dankes der Situation angemessen wäre.„Wohin müssen Sie eigentlich Monsieur - oder haben Sie sich erneut verlaufen?“Friedrich lachte, ein echtes Lachen, auch wenn ihm ein wenig die Heiterkeit fehlte. „Nein Monsieur, das habe ich dieses Mal nicht. Tatsächlich habe ich mich heute Nachmittag ein wenig treiben lassen, ohne wirkliches Ziel. Ich möchte Paris noch ein letztes Mal in mich aufnehmen.“„Paris scheint es Ihnen wirklich angetan zu haben, nicht wahr?“„Die Stadt ist, im Gegensatz zu all den Städten die ich in Amerika kennengelernt habe, erfrischend europäisch und mehr noch, erfrischend frei von britischem Einfluss.“Marat zog nur die Augenbrauen hoch und die beiden verfielen wieder in Stille. Friedrich war sich unsicher, wie er sich verhalten sollte. Er war mit Marat mitgegangen, mehr aus Gelegenheit und Instinkt heraus, denn aus irgendeinem anderen Grund, doch der französische Arzt hatte sicherlich eigene Pläne für den Tag und so hatte Friedrich sich gerade vorgenommen sich zu verabschieden und einen anderen Weg einzuschlagen, als Marat sich wieder an ihn wendete.„Sie haben also kein konkretes Ziel vor Augen?“„Nein Monsieur.“„Sie haben also auch noch keine Pläne für den Nachmittag?“„Nein Monsieur - es hört sich aber fast so an, als ob Sie einen Vorschlag machen wollen.“„Das würde ich in der Tat. Sehen Sie, ein Kollege von mir hat mich und einen gemeinsamen Freund eingeladen das anatomische Theater7 und die anatomische Sammlung seines Institutes zu besichtigen. Der Freund ist nun leider verhindert - aufgrund Krankheit auch noch, wie ironisch, und ich habe mich gefragt ob Sie mich nicht vielleicht begleiten wollen?“Friedrich war ein wenig überrascht von der gradlinigen Art Marat - aber andererseits versprach der Besuch des besagten Institutes sehr interessant zu werden. So sagte er dann auch zu.Es war noch ein gutes Stück Fußweg zu dem Institut. Die beiden Vertrieben sich die Zeit mit Gesprächen. Marat fragte viel über die Schlachten deren Veteran Friedrich war und der Deutsch-Amerikaner seinerseits bekannte großes Interesse an der, durch Stände strikt getrennten, Gesellschaft Frankreichs. Schließlich erreichte man sein Ziel, ein imposantes Steingemäuer im Stil des Frühklassizismus. Marat führte sie beide einmal um das Gebäude herum, zu einer, hinter Büschen beinahe versteckten Holztür, und klopfte. Ein älterer Herr mit natürlich weißem Haar öffnete ihnen und sein Antlitz leuchtete auf, als er Marat erkannte.„Jean-Paul, wie schön, dass du es einrichten konntest.“ Der Blick des Mannes fiel auf Friedrich. „Ich glaube nicht, dass wir uns bekannt sind Monsieur.“„Das ist Doktor Friedrich Deegen aus Amerika. Ich hoffe es stört dich nicht, dass ich ihn mitgebracht habe, Tellay ist krank und hütet das Bett.“„Der Arme - er nimmt sich aber auch nie die Zeit wieder vollkommen zu genesen. Stets ist er wieder auf den Beinen noch bevor es ratsam ist - wie dem auch sei, Doktor Deegen, es ist mir eine Freude Sie kennenzulernen. Seien Sie mein Gast. Mein Name ist Doktor Louis Fauchelevent.“ Friedrich ergriff die dargebotene Hand und Fauchelevent führte seine Gäste ins Innere.Im Inneren führte Fauchlevent seine beiden Gäste in einen geräumigen Raum mit einer Reihe an kleinen Fenstern unter der hohen Decke. Trotz ihrer geringen Größe spendeten die Fenster aufgrund ihrer überragenden Anzahl viel Licht. In der Mitte des Raumes stand ein großer steinender Behandlungstisch und in einem Kreis darum herum war eine Tribüne aus Holz gebaut. Friedrich schätzte, dass wohl etwa 200 Menschen in den Rängen Platz finden könnten, wenn man es denn darauf anlegen würde. Doch an diesem Nachmittag war der Raum bis auf sie drei vollkommen verwaist.„Ich dachte heute sollte operiert werden?“, fragte Marat an Fauchelevent gerichtet.„Das war eigentlich auch der Plan, aber das arme Ding, dass wir eigentlich für die Operation vorgesehen haben, ist heute Nacht verstorben - nicht das es groß etwas ausmacht, wir hätten der Frau eh nicht mehr helfen können, aber für die Studenten tut es mir natürlich leid, für sie wäre es sicherlich sehr anschaulich gewesen. Wie dem auch sei, am Ende der Woche werden wir hier wohl das nächste Mal operieren. Es tut mir leid, gerade für Sie Doktor Deegen, aber ich kann euch momentan nur die anatomische Sammlung zur Erkundung anbieten“, meinte Fauchelevent stirnrunzelnd und deutete auf eine Tür am hinteren Ende des Raumes.„Oh nicht doch“, winkte Friedrich ab „die Sammlung alleine ist schon von aller größtem Interesse für mich.“„Dem kann ich mich nur anschließen. Ich kann es kaum erwarten mir all die neuen Exponate anzusehen, die du seit meinem letzten Besuch dazugewonnen hast“, fiel Marat mit ein.„Wenn dem so ist - die Sammlung steht euch offen. Ich werde euch nicht begleiten, da ich mich noch um ein paar Formalitäten kümmern muss, aber Marat kennt sich ja bestens aus.“So war es dann auch Marat der vorging und Friedrich in den angrenzenden Raum führte. Vor lauter Staunen blieb dieser beim Eintreten mit geöffnetem Mund stehen. Vor seinen Augen erstreckte sich Regal um Regal, angefüllt mit Gläsern und Behältnissen in denen, präpariert und in Formaldehyd eingelegt, jede mögliche Art an Gewebe aufbewahrt wurde.„Beeindruckend, nicht wahr?“, fragte Marat und grinste schief. Friedrichs Staunen schien ihn zu amüsieren.„Absolut. An meiner Universität existierte eine ähnliche Sammlung - diese umfasste aber vielleicht ein Viertel der hier ausgestellten Exponate. Faszinierend.“„Es freut mich, Sie so begeistert zu sehen - gerade da ich Ihnen ja eigentlich auch die Möglichkeit versprochene haben, das anatomische Theater in Betrieb zu sehen.“„Ich habe das eben gerade ernst gemeint, dass es mir nichts ausmacht meine ich. Ich habe im Krieg genügend geöffnete Körper gesehen, mich gelüstet es nicht nach mehr“, erklärte Friedrich, den Blick dabei auf ein Paar Augen gerichtet, dass ihm aus einem der Gefäße anblickte. Er wollte um ehrlich zu sein nicht über seine eigenen Worte nachdenken. Doch Marat schien das nicht zu bemerken - vielleicht war es ihm auch egal.„Wie ist es, eine Schlacht zu erleben, wie fühlt sich das an, aus medizinsicher Perspektive meine ich.“Friedrich atmete schwer aus und lehnte sich gegen eines der Regale. „Es ist schwer zu beschreiben und jede Schlacht ist anders. Nehmen wir nur einmal die Schlacht von Trenton - ein hoch gefeierter Sieg ohne den dieser Krieg wohl schon lange verloren gewesen wäre, eine Schlacht, die uns nur zwei Verwundete gekostet hat. Beide Männer sind schnell wieder genesen und am Ende haben wir Trenton nur mit ein paar Narben bezahlen müssen. Die Schlacht von Monmouth war anders - ein vollkommenes Desaster, eine bittere Niederlage für die wir einen noch bittereren Preis bezahlt haben.“ Friedrich schloss für einen Moment die Augen und schon war er wieder in den Feldlazaretten von Monmouth. Um ihn herum drängten sich die Soldaten, brachten stetig neue Verletzte. Die Kleidung der Ärzte war blutig und ihre Gesichter sprachen Bände von der totalen Erschöpfung, gegen die die meisten mittlerweile anzukämpfen hatten. Die Luft war heiß und stickig, es roch nach Schweiß, nach Blut und nach Erbrochenen. Gegen Abend trug der Wind den Gestank des Todes vom Feld herein. Friedrich erschauderte als er fast meinte, die Heerscharen an Fliegen hören zu können, wie sie sich summend und surrend auf den Körpern der Gefallenen niederließen. Fast meinte Friedrich, er könnte die kleinen Tiere auf seiner Haut spüren, wenn sie im Schwarm aufstoben, sobald man sich ihnen auf der Suche nach Überlebenden näherte.Als Friedrich die Augen wieder öffnete fiel im erst auf wie schnell sein Atem ging. Er fing Marats Blick ein, in dem etwas lag, dass der Franzose, aus Anstand und Rücksicht wohl, nicht auszusprechen wagte. „Warum kämpfen Sie in diesem Krieg?“, fragte er dann, ganz so, als ob die Frage leichter zu beantworten sei, als die, die er verschwiegen hatte. Sie war nicht leichter zu beantworten, aber es war die Frage, die an diesem Punkt der Unterhaltung ihren Platz hatte. Friedrich rief sich für einen Moment ins Bewusstsein, wie viel über sich selbst er Marat doch im Gespräch bereits preisgegeben hatte und wohl auch noch preisgeben würde.„Ich bin zehn Tag nach dem ich graduiert bin der Armee beigetreten, ich habe meinen Beruf nie anders ausgeübt. Damals, als ich dem deutschen Regiment beigetreten bin, habe ich Zuflucht gesucht. Wir alle haben eine Vergangenheit und ich war nicht bereit mich meiner zu stellen. Mit anderen Worten, ich habe mich blindlings in einen Krieg gestürzt, von dem ich dachte, er sei die beste Entscheidung, die ich treffen könnte, ich dachte ich hätte jedes Für und Wider abgewogen, aber das hatte ich nicht. Die eigentliche Frage ist also nicht, warum ich der Armee beigetreten, sondern warum ich geblieben bin.“ Friedrich konnte nur ahnen, dass sich in seinen Augen all der Horror wiederspiegelte, den er bisher in seinem jungen Leben gesehen hatte. All die Toten und Kranken, all die Verzweiflung in den Winterlagern und all das Leid, dass seine Diagnosen sowohl in ihm als auch in seinen Patienten hervorgerufen hatten. Denn Friedrich war ein mitfühlender Mensch, er nahm an jeder schlechten Nachricht, die er zu überbringen hatte Anteil. Es war auch dieser Blick, der etwas in Marat auslöste. Seine Züge, bis eben noch sein gewohnt jovialer Ausdruck wurde plötzlich milde und besonnen.„Warum sind Sie in der Armee geblieben.“„Wir müssen siegen, wir müssen diesen Krieg gewinnen, unsere Revolution muss gelingen. Sie hat schon so viele Leben gefordert, so viele absolut sinnlose Tode, viel Leid, Gott, wenn wir jetzt scheitern, dann war das alles umsonst. Dann haben gute Männer und Frauen die Erde Amerikas mit ihrem Blut getränkt, und glauben Sie mir Marat, die Felder nach einer Schlacht sind nur allzu häufig buchstäblich mit Blut getränkt, und es war absolut umsonst. Dann bevölkern Witwen und Waisen unsere Straßen mit ihrem Leid, einem Leid, das keine Grenzen kennen wird, das in Form von Armut und Einsamkeit von Generation zu Generation weitergegeben wird und es wird absolut umsonst sein.“ Friedrich merkte, wie ihm eine Träne über die Wange ran und er wischte sie gedankenverloren weg, auch wenn es ihm eigentlich egal war. Nicht das er erpicht darauf war, vor Marat zu weinen, aber die Träne hatte ihre Berechtigung, so viele Tränen hätten ihre Berechtigung gehabt und Joséphine hätte persönlich eine lange Reihe an Dingen anführen können für die ihrer Meinung nach noch nicht einmal annähernd alle berechtigten Tränen vergossen worden waren.Einen Moment kehrte Still ein, bevor Marat in die Hände klatschte. „Meine Fragen scheinen Sie in eine unglückliche Situation gebracht zu haben Doktor Deegen, ich entschuldige mich.“„Nicht doch, ich habe aus freien Stücken erzählt“, lenkte Friedrich ein sobald er sich wieder vollkommen gefasst hatte. Was vergangen war, ist vergangen. Er konnte weitermachen, so als ob nichts passiert wäre. Darin war er schon immer gut gewesen. „Vielmehr entschuldige ich mich, dass unsere Unternehmung durch meine Kriegsgeschichten so trübsinnig geworden ist.“„Nun, dem kann immer noch Abhilfe geschafft werden und da ich denke das uns beiden nach etwas Heiterkeit ist, möchte ich Ihnen unbedingt etwas zeigen. Folgen Sie mir“, wies Marat an und wanderte zwischen den Regalreihen umher, bis er wohl gefunden hatte, wonach er gesucht hatte. „Hier. Sehen Sie, dies ist das Herz eines Patienten das von situs inversus8 betroffen war.“Im Laufe des Nachmittages stellten die beiden Ärzte fest, dass Anatomie und anatomische Kuriositäten tatsächlich eine Sache war, die beiden Heiterkeit bringen konnte.Vier Tage später warte Joséphine in der Eingangshalle des Hôtels de Noailles darauf, dass die Kutsche die sie nach Berlin bringen sollte, bereit war. Langsam aber sicher machte sich die Angst in ihr breit. Sie war dieser Aufgabe nicht gewachsen, doch ein Zurück gab es nun auch nicht mehr. Oder doch? Wenn sie heute an Washington oder besser noch den Kontinental Kongress schreiben würde, wenn sie gestehen würde, dass Friedrich sich vollkommen übernommen hatte, vielleicht könnte man dann noch rechtzeitig einen Ersatz für sie finden. Doch andererseits hatte sie diese Pflicht angenommen und seine Pflichten musste man erfüllen, das hatte ihr Vater ihr beigebracht. Doch in diesem Fall präsentierte sich der Sachverhalt etwas anders. Es war nicht nur sie selbst, die von ihrem Scheitern betroffen wäre, nein, ihre ganze heranreifende Nation könnte unter ihrem Scheitern leiden und wäre es dann nicht eher ihre Pflicht einzulenken?„Lass das Nachdenken Friedrich, oder sollte ich lieber das Zweifeln sagen?“, ertönte La Fayettes Stimme hinter dem jungen Arzt und dieser fuhr herum, gerade noch rechtzeitig, um zu sehen wie der Marquis von der untersten Treppenstufe herunter in die Eingangshalle trat. „Ich kann es dir von hier ansehen. Du zweifelst an dir. Niemand hat gesagt, dass es einfach werden würde … aber das heißt nicht, dass es unmöglich ist.“„Ich bewundere manchmal deinen Optimismus.“„Lüge.“„Bitte?“„Du bist zu höflich, um es mir ins Gesicht zu sagen, aber ich weiß, dass ich dir manchmal zu, sagen wir, enthusiastisch bin. Gib es zu.“Trotz der angespannten Situation musste Joséphine verlegen lächeln. „Ich habe dich so kennen und schätzen gelernt.“„Sieh, der geborene Diplomat“, meinte La Fayette aufmunternd. Die junge Frau schnaubte abfällig. „Wenn ein paar nette Worte nur reichen würden …“„Nun, wenn dir nicht nach netten Worten ist, dann kann ich ja auch ein wenig mit mir schimpfen. Von meiner ganzen Familie hast du dich bereits verabschiedet, nur von mir noch nicht, dabei bist du schon halb abgereist“, erklang La Fayette vorwurfsvoll.„Ich wusste doch, dass du noch einmal zu mir kommen würdest“, versicherte Joséphine und kaschierte damit, dass sie den Abschied von La Fayette mit voller Absicht so lange herausgezögert hatte. Eine der vielen Herausforderungen die ihre Reise nach Preußen für sie bereithielt, sich von ihrem besten, ihrem einzigen wahren Freund zu verabschieden. Statt einer Antwort zog der Franzose seine Freundin in eine seiner typischen kräftigen Umarmungen. „Ich werde dich sehr vermissen“, murmelte er in ihr Haar.„Ich dich auch“, bestätigte Joséphine und fühlte sich dabei noch miserabler als noch einen Augenblick zuvor.„Schreib mir, ich werde dir auf jeden Fall schreiben“, meinte der Marquis und entließ die junge Frau, als der Kutscher die Stufen zu dem Eingang des Hôtel de Noailles hinaufkam und verkündete, dass man nun bereit wäre abzureisen. Ein letztes Mal noch blickten die beiden jungen Menschen sich tief in die Augen - in diesem Blick lag ihre wahre Verabschiedung, bevor La Fayette, in ihrer beider Interesse, zu drängen begann. „Nun komm, der Weg ist weit genug, ihr solltet kein Tageslicht verlieren.“ Joséphine nickte nur resigniert und drehte sich dann abrupt um, um die Stufen zu der Straße herunter zu gehen. Etwas fühlte sich falsch an, etwas hatte sie noch vergessen, doch was es war, darauf wollte sie nicht kommen. Erst als sie den Knauf der Kutschentür schon in der Hand hatte, fiel es ihr plötzlich wie Schuppen von den Augen, was sie noch zu tun hatte. Mit einer resoluten Bewegung drehte sie sich herum und eilte die Stufen zum Eingang wieder hinauf. La Fayette hatte dort in der Tür verharrt und sah sie nun fragend, aber auch bittend an.„Friedrich, du solltest-“„Hier“, unterbrach Joséphine ihren Freund und griff mit einer Hand in ihre Tasche, ihre andere Hand griff nach La Fayettes Hand. Der Marquis blickte verwundert auf den kleinen Gegenstand den die Ärztin ihm soeben in die Hand gedrückt hatte. „Was ist das?“, fragte er und blickte staunend auf den kleinen Holzengel in seiner Hand, ein Engel, von dem er sicher war, ihn schon einmal gesehen zu haben.„Mein Bruder hat die für uns gemacht. Je ein Engel für meine Mutter, meinen Vater, meinen Onkel und für jeden von uns Geschwistern. Es sind ‚Glück-im-Unglück-Engel‘. Sie können dich nicht vor dem Unglück beschützen, dass jeden Menschen wie ganz natürlich einmal befällt, aber sie beschützen dich im Unglück. Der hier gehörte meinem Zwilling, Friedrich. Nachdem er nicht mehr … nun, jetzt gebe ich ihn dir. Es ist eine Leihgabe, irgendwann, wenn wir alt und grau sind, dann musst du ihn mir wieder geben, damit ich ihn an meine Kinder weitergeben kann. Dann müssen wir uns wiedersehen - doch bis dahin ist er deiner.“La Fayettes Blick schweifte gerührt von Joséphine zu dem Engel und wieder zurück. „Ich danke dir von Herzen - ich hoffe aber doch, dich noch häufig zu sehen, bevor wir beide alt und grau sind.“Joséphine lächelte scheu. La Fayette würde ihr den Engel nie zurückgeben.Nach dieser rührenden Geste des Abschiedes stieg Joséphine in die wartende Kutsche und machte sich auf den Weg nach Preußen. Sie fuhr einem Abenteuer entgegen, einer Verantwortung, Ehre und Ruhm, sie fuhr ihrer gebürtigen Kultur entgegen, die ihr aber schon lange fremd geworden war. Joséphine fuhr einem unaussprechlichen Leid entgegen.
Moderne Darstellungen zeigen La Fayette häufig als sehr dünn in dieser Zeit. Bis zu einem gewissen Grad ist das korrekt, La Fayette war (zu diesem Zeitpunkt) nicht dick, aber zeitgenössische Malereien als auch schriftliche Quellen zeigen deutlich, dass er nicht so dünn war, wie er heutzutage gern porträtiert wird.
La Fayette war für seine Zeit überdurchschnittlich groß, stach aber auch besonders mit seinem roten Haar aus Menschenmengen hervor - ein Umstand den er nicht selten bereute.
Es gibt verschiedene Wiedergaben/Übersetzungen von La Fayettes Aussage. In den meisten Quellen ist die Aussage wie folgt beschrieben: „Everyone knows the memory is a fools substitute for wit.“ Andere Quellen zitieren La Fayette mit: „It was unnecessary to take so much trouble to prove that memory is the sense of fools.“
Auch hier gibt es wieder verschiedene Zitierweisen. Am häufigsten ist zu lesen: „Yes, he who wore the mask now wears a green coat.“
Fall es bisher noch nicht offensichtlich genug war - die Geschichte habe ich mir nicht ausgedacht, das hat La Fayette tatsächlich so durchgezogen. Mehr noch, dank dieser kleinen Anekdote aus seinem Leben gibt es „Und dennoch hoffe ich auf morgen“ überhaupt erst. Es war diese Geschichte die La Fayette so interessant für mich gemacht hat und dank der ich bei ihm „hängen geblieben“ bin. Der Duc ist später als Louis XVIII zum König Frankreichs gekrönt worden und seine Beziehung mit La Fayette war an sich ganz passabel. Die Beziehung war definitiv besser als jene, die La Fayette mit seinem Bruder, Charles X, hatte. Die Beziehung der beiden war so schlecht, dass La Fayette einen sehr aktiven Part in der Julirevolution gespielt hat, welche zum Ende von Charles X Herrschaft führte - aber das alles nur am Rande.
La Fayette muss es wissen, er hat in den Gärten als Junge/Jugendlicher (mit anderen Mitgliedern des Hofes) gespielt und viel Zeit verbracht.
Anatomische Theater waren seit dem späten 16. Jahrhundert (meine frühsten Quellen stammen aus dem Jahr 1579) ein fester Bestandteil des anatomischen Unterrichts. Gerade im 18. und 19. Jahrhundert waren sie sehr populär und in dieser Zeit sind sie auch immer komplexer und moderner geworden - sowohl von ihrem rein architektonischen Aufbau, als auch von den sozialen und kulturellen Entwicklungen und Hierarchien die diese Einrichtungen begünstigten und anregten.
Situs inversus beschreibt einen seltenen aber an sich nicht bedrohlichen Zustand bei dem ein Organ (oder mehrere Organe) spiegelverkehrt im Körper angeordnet ist. Dies tritt besonders „häufig“ bei Leber, Milz und Herz auch. Aufgrund dieser Erkrankung wird bei Schmerzen im linken Unterbauch auch routinemäßig der Verdacht einer Blinddarmentzündung untersucht.
----- CHAPTER BREAK -----
März 17791
There were three leading objects to be gained at present, by the mission of Mr. Lee to Berlin; the establishment of commercial intercourse between Prussia and the American states; the prevention of any assistance from Prussia to Great Britain, in procuring German auxiliaries, and the passage of such as she might obtain from the petty princes of Germany, through the dominions of Prussia; and permission to purchase warlike stores from Prussian subjects.
Auszug aus den Memoiren von Arthur Lee.Friedrich hätte gerne gesagt, dass Preußen immer noch so war, wie er es in Erinnerung hatte. Doch die Wahrheit war, er hatte so gut wie keine Erinnerungen mehr an sein Geburtsland. Zudem - die Erinnerungen die er hatte waren geprägt von Möwen und Dünen und Wellen und Sand zwischen den Zehen, von einer Sonne die über dem Meer unterging und trockenen salzigen Lippen. Die großen Städte der aufsteigenden Nation hatte er nie gesehen und die Erzählungen seines Vaters über dessen Kindheit und Jugend in Berlin reichte nicht aus, um ein solides Bild von der Metropole zu erzeugen. Es war absurd, aber als seine Kutsche durch die Straßen rollte, da hätte Friedrich doch schwören können, dass ihm die Stadt, dass ihm die Leute an denen er vorbei kam, doch irgendwie bekannt erschienen. Nicht, dass man es falsch verstünde - Friedrich staunte über den Anblick ebenso sehr wie er es in Paris getan hatte - doch irgendetwas war anders. Vielleicht lag es daran, dass er mit Paris nun schon eine große und pulsierende europäische Hauptstadt besichtigt hatte und ihm daher alles etwas vertrauter erschien. Friedrich war nicht in der Lage diese Theorie vollkommen beizulegen, aber es fühlte sich beinahe mehr an, als er hätte er eine ganz intuitive Verbindung zu dieser Stadt gehabt, etwas Ursprüngliches und Natürliches. Durch das geöffnete Kutschenfenster drangen immer wieder Worte und Satzfetzen an Friedrichs Ohr, ebenso wie in Paris und genauso wie in Paris, war er auch nun in der Lage sie zu verstehen, aber mehr noch. Er identifizierte sich mit dem Gehörten, mit der Sprache, in einer Art und Weise in der er es nie im Französischen getan hätte. Es war faszinierend. Als die Kutsche vor der Unterkunft Halt machte, in der Friedrich Zimmer bezogen hatte, da kam es ihm beinahe wie eine kleine Heimkehr vor. Doch schnell schob er diesen Gedanken beiseite, es gab nun wirklich Wichtigeres zu tun.Der junge Arzt trat mit Bestimmtheit in die Gaststätte ein und fand sich in einem ordentlichen Vorzimmer wieder. Links und rechts gingen Türen ab, die wohl zu kleineren, privaten Räumlichkeiten führten, die die Gäste in Anspruch nehmen konnten. Auf der rechten Seite führte eine Treppe hinauf in ein Obergeschoss, wahrscheinlich befanden sich dort auch die Zimmer. Direkt vor ihm öffnete sich eine Tür ein kleines Büro, in welches Friedrich nun eintrat.„Guten Tag“, richtete er sich freundlich an die Dame, die gerade ein paar Papiere zu sortieren versuchte. Sie blickte fragend zu ihm hoch.„Doktor Deegen, ich hatte ein Zimmer in Ihrem Etablissement reserviert.“„Doktor Deegen? Oh ja, natürlich. Ihr Zimmer ist sofort bezugsbereit“, meinte die Dame und sah von ihren Papieren auf. „Ich bin Frau Eller und führe mit meinem Mann zusammen diese Herberge. Benötigen Sie Hilfe mit Ihrem Gepäck? Ich kann einen der Jungs raus schicken, wenn Sie das wünschen.“ Friedrich hielt für einen Moment inne, es war zwar eigentlich die Aufgabe des Kutschers sich um das Gepäck zu kümmern, aber er hätte bestimmt nichts gegen ein zusätzliches Paar Arme einzuwenden (nicht das Friedrich Unmengen an Gepäck mit sich führte). Er nickte somit dankbar und Frau Eller lächelte warm aber routiniert. „Bevor ich es vergesse Sir, hier ist ein Brief für Sie abgegeben worden“, meinte sie weiter und griff in eines der vielen Fächer, die sich hinter ihr an der Wand des Büros befanden. Prompt brachte sie einen bündigen, gesiegelten Brief zum Vorschein. Friedrich nahm das Schriftstück dankend entgegen und steckte es ein, nicht ohne sich vorher zu fragen, von wem der Brief wohl kommen könnte.Eine halbe Stunde später saß Friedrich auf einem Stuhl am Fenster, die warme Wintersonne schien ihm aufs Gesicht. Von seinem Sitzplatz aus hatte er einen hervorragenden Ausblick auf das rege Treiben auf der Promenade unter ihm. Sein Zimmer war geräumig genug für seine Ansprüche und - was ihm noch viel lieber war, sehr sauber und ordentlich. Einen Teil seiner Habseligkeiten hatte er ebenfalls schon eingeräumt, um den anderen Teil würde er sich später kümmern. Denn, als er gerade dabei war seine Kleidung in den Schrak zu hängen, war ihm aufgefallen, dass er noch immer den Brief ungeöffnet in der Tasche hatte. Die Lektüre des besagten Briefes hatte ihn schließlich auf seinen Fensterplatz geführt. Schon die vertraute Handschrift, in der sein Name auf den Brief geschrieben worden war, verriet ihm den Absender - der Absenderadresse hätte er gar nicht bedurft. Louis Van Linkensdorf Handschrift war einfach zu markant und dem jungen Deutsch-Amerikaner zu vertraut. Der ehemalige Adjutant des Deutschen Regiments musste wohl Wind davon bekommen haben, wo Friedrich logierte und hatte seinen Brief noch vor dessen Ankunft abgegeben. Das Schreiben war kurz und informell - Louis hoffte, dass Friedrich sich guter Gesundheit erfreute und bat diesen, sobald er diesen Brief erhalten hatte, sofort nach ihm zu schicken. Immerhin war die enge Freundschaft (wobei Louis überstürzte Abreise eigentlich Bände über ihre Freundschaft sprach) zwischen den ehemaligen Stabsmitgliedern einer der Gründe, warum Friedrich nach Preußen geschickt wurde. Er würde gut mir Van Linkensdorf zusammen arbeiten können und Van Linkensdorf wiederum war ein einflussreiches Mitglied beider Gruppen, die die preußische Gesellschaftsordnung damals ausmachten - dem Militär und dem Adel. Friedrich beeilte sich also seinerseits einen Brief aufzusetzen, nicht länger, als jener den er erhalten hatte und Frau Eller zu bitten, besagten Brief durch einen Botenjungen zustellen zu lassen. Anschließend begann der junge Arzt weiter Ordnung in seiner Unterkunft zu schaffen, er kannte Louis und seinen Enthusiasmus gut genug, um annehmen zu können, dass Louis noch heute Abend bei ihm an die Tür klopfen würde.So war es dann auch. In der Ferne schlug eine Uhr gerade sechs Uhr am Abend, als Friedrich ein Klopfen an seiner Zimmertür vernahm. Er öffnete mit Schwung und erblickte sogleich einen breit grinsenden Van Linkensdorf. „Friedrich, wie sehr ich mich freue dich endlich wiederzusehen“, verkündete der Gast und packte seinen Freund an den Oberarmen. Kaum hatte Louis ihn aus seiner quasi-Umarmung entlassen, trat Friedrich zur Seite, um Louis einzulassen - was sie zu besprechen hatten, war nichts, was der ganze Flur mit anhören musste.Der preußische Adelige ließ einen interessierten Blick durch das Apartment schweifen, während der Arzt die Tür schloss. Friedrich überlegte noch, ob er mit der herzlichen Begrüßung mitgehen sollte oder, ob er ansprechen sollte, was in seinen Augen zwischen den beiden Freunden stand. Er entschied sich für letzteres.„Ich freue mich auch, dich endlich wiederzusehen Louis - aber ich muss auch gestehen, dass deine plötzliche Heimreise mich verwundert hat. Gekränkt sogar, du hast dich nicht von mir verabschiedet, nicht einmal einen Brief hast du geschrieben.“Louis fuhr ob dieser Worte herum und verzog sein Gesicht, Friedrich konnte den neuen Ausdruck nicht beschrieben - es erinnerte ihn aber auf seltsame Weise an den Kater, der auf der elterlichen Farm in Germantown gelebt hatte und dessen Angewohnheit es war, immer erst mit den gefangenen Mäusen zu spielen, bevor er sie verschlang. Doch ebenso schnell wie Louis Gesicht diesen merkwürdigen Ausdruck angenommen hatte, ebenso schnell wich er auch scheinbar aufrichtigem Bedauern.„Es tut mir leid, Friedrich und du hast jedes Recht verärgert mit mir zu sein. Zum Zeitpunkt meiner Abreise sind mir ein paar Dinge bewusst geworden, ich habe mir viele Gedanken gemacht und konnte dir einfach nicht unter die Augen treten, um mich zu verabschieden - es mag wie eine billige Ausrede klingen, aber es ist die Wahrheit. Ich bitte dich um Verzeihung.“Joséphine war einer der Menschen dem ein ‚Vergeben und vergessen‘ schnell von den Lippen kam - sie meinte es auch, vielmehr wollte sie es auch wirklich so meinen, aber scheiterte doch immer wieder an diesen beiden Worten. Joséphine vergab leicht. Sie hatte vielen Menschen schon viele Dinge vergeben, doch vergessen konnte sie nur schwer - eigentlich konnte sie gar nicht vergessen.„Ich wollte dir kein schlechtes Gewissen einreden - ich, ich war nur ziemlich ratlos.“„Wie gesagt, es tut mir wirklich leid.“„Danke“, erwiderte Friedrich und straffte die Schultern. Genug geplaudert, immerhin gab es genug Arbeit, die sie beide erwartete. „Also, dem Umstand, dass du so bemüht warst mich sofort nach meiner Ankunft zu kontaktieren, entnehme ich, dass du bereits ein paar Vorschläge hast, wie ich die Dinge hier in Preußen am besten anpacke - ich habe übrigens auch ein paar Ideen. Ich hatte Tage über Tage holprige Feldwege und viele Nächte in heruntergekommene Gasstätten Zeit, um diese Ideen auszuarbeiten“, erklärte der junge Arzt und setzte sich. Er bedeute Louis sich ebenfalls zu setzen.„Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für dich“, eröffnete Louis und zog sich dann ebenfalls einen Stuhl heran. Friedrich stöhnte unüberhörbar, so wollte man doch empfangen werden. „Die schlechte zuerst“, meinte er und verschränkte die Arme vor der Brust.„Der preußische Hof erkennt dich in deiner Position nicht offiziell an2.“„Wie bitte?“, meinte Friedrich und sprang wieder auf die Füße. Er begann unruhig im Raum auf und ab zugehen. Seine ganze Mission in Preußen kam ihm plötzlich wie ein schlechter Witz vor.„Der König kann und will es sich nicht erlauben, Großbritannien gegen sich aufzubringen. Du bist am Hof in offizieller Position weder anerkannt noch erwünscht.“Friedrich stöhnte wieder und griff mit beiden Händen nach der Lehne seines Stuhls. „Also kann ich genauso gut wieder abreisen.“„Aber nein, ich habe dir ja noch gar nicht die gute Nachricht mitgeteilt.“„Ich bin ganz Ohr.“ Der junge Arzt hatte sich wieder hingesetzt und blickte sein Gegenüber skeptisch an.„Ich sagte in offizieller Position bist du am Hof nicht anerkannt - das ändert aber nichts daran, dass Amerika allgemein ein gutes Ansehen genießt, wenn auch hinter vorgehaltener Hand versteht sich.“„Also besteht für mich dennoch die Möglichkeit etwas zu erreichen?“„Unbedingt, du hast jede Freiheit mit dem ersten Minister des Königs zu kommunizieren, dem Baron von Schulenburg3, und wenn du ihm von deinen, von Amerikas Anliegen überzeugen kannst, wird er sie an den König weiterleiten, der dann handeln kann.“„Das sind viele ‚wenn’s‘“, warf der junge Arzt ein und man hörte an seiner Stimme deutlich wie frustriert er war.„Ich habe nie gesagt, dass es einfach werden würde - aber hat man dich nicht genau deswegen für die Position ausgewählt?“, machte Louis den versuch seinen Freund aufzubauen.Friedrich schnaubte zynisch. „Ich bin mir mittlerweile nicht mehr sicher, warum man mich ausgewählt hat - dabei sind mir eine wahre Fülle an Gründen und vermeintlichen Gründen zugetragen worden. Doch nach all dem, was du gerade berichtet hast, glaube ich, dass man mich ausgewählt hat, da kein Mann von Rang und Namen sich so behandeln lassen würde.“„Du siehst das zu ernst Friedrich, der Umstand, dass du keiner bedeutenden Familie entstammst, kann unserem Vorhaben sogar zum Vorteil gereicht werden“, meinte der ehemalige Adjutant enthusiastisch.„Da bin ich ja jetzt gespannt“, kommentierte Friedrich so trocken und kaltschnäuzig, dass Louis sich ein Lachen nicht verkneifen konnte. „Wenn der Kongress einen Shippen, oder Lee, oder Franklin nach Preußen geschickt hätte, nun deren Namen hätten Aufsehen erregt - aber Deegen, niemand wird sich daran stoßen, wenn du hier in Preußen etwas die Werbetrommel für Amerika rührst, wenn du auf der, sagen wir Gartenfeier eines Barons, von Amerikas frisch erlangter Unabhängigkeit schwärmst. Dein Name verleiht dir ein gewisses Maß an Anonymität und das sollten wir geschickt ausnutzen.“Nun grinste auch Friedrich breit, die Sachlage war zu skurril, um vollkommen ernst zu bleiben. „Du weiß schon Louis, wenn ich dich nicht so gern haben würde und wissen würde, dass du nur in meinem und Amerikas besten Interesse handelst, müsste ich an deinen Worten Anstoß nehmen. Immerhin lässt sich deine Ansprache eben darauf zusammenfassen, dass meine Familie so unendlich unbedeutend ist, dass sich niemand für mich und mein Handeln interessiert - andere Männer hätten sich von dir beleidigt gefühlt.“„Aber du bist nicht wie andere Männer“, konterte Louis triumphal und lehnte sich zurück. Friedrich schüttelte nur wohlwollend den Kopf. Louis plötzliche Abreise aus Amerika und die langen Monate der Trennung hatten doch wenig getan, um ihre Beziehung zueinander zu beeinflussen - so dachte er in dem Moment zumindest.„Was ist nun also unser Plan?“, fragte Friedrich dann schließlich und streckte die Beine durch. Ein Plan war jetzt genau das, was sie brauchten. „Der Plan, mein Lieber, sieht wie folgt aus. Das hier“, während er sprach zog Louis einen Brief aus seiner Tasche. Friedrich erkannte auf einen Blick, dass das Papier sehr hochwertig und teuer war „ist ein Brief von Schulenburg. Du wirst den Brief lesen und dann so schnell es geht eine Antwort verfassen.“Friedrich nahm den Brief neugierig entgegen, das Sigel knackte leise unter seinen Fingern. Seine Augen flogen über die ersten Worte des Schreibens als er stutze. „Der Baron von Schulenburg hat mir auf Französisch geschrieben?“, fragte er, obwohl die Antwort schwarz auf weiß vor ihm zu lesen war.„Zeig mal her“, meinte Louis und stand auf, umrundete den Tisch und trat von hinten an Friedrich heran. Er legte seine Hände auf Friedrichs Schultern, um sich abzustützen während er sich über seinen Kopf hinweg nach vorne beugte, um den Brief in Friedrichs Händen besser lesen zu können. So hatten die beiden in ihrer Zeit im Deutschen Regiment schon unzählige Male zusammen gestanden - doch etwas war anders heute. Friedrich schob es auf die lange Pause dieses vertrauten Verhaltens, doch in Wirklichkeit hatte sich Louis verändert. Seine Hände lagen nicht nur sanft auf, sie krallten sich beinahe in Friedrichs Schultern, sein Griff sollte nicht mehr nur ihn stützen, nein, die Art wie er seinen Freund anfasste war besitzergreifend.„Hm, wahrscheinlich hat Schulenburg nicht angenommen, dass du Deutsch sprichst. Für ihn scheint ein Botschafter aus Amerika nur Englisch und hoffentlich Französisch zu sprechen.“„Denkst du, dass ich einen guten ersten Eindruck hinterlasse, wenn ich ihm in bestem Hochdeutsch antworte?4“, fragte Friedrich schelmisch und blickte zu Louis auf. Ein Schatten huschte über dessen Gesicht bevor er grinste und wieder zu seinem Stuhl zurückkehrte. „Du kleiner Fuchs - aber ja, das hinterlässt ganz bestimmt einen guten Eindruck.“„Dann wollen wir mal“, meinte Friedrich, langsam wieder etwas optimistischer gestimmt und reichte Louis den Brief damit dieser ihn lesen konnte, während Friedrich Papier und Feder suchte. Eine gute Stunde verbrachten die beiden Freunde wohl dann damit, Friedrichs Antwort aufzusetzen. Es war ein Hin und Her, jedes einzelne Wort wurde auf die Goldwaage gelegt - und schlussendlich war Friedrich doch nicht zufrieden mit dem Resultat.„Das kann ich nicht schreiben, Louis. Das geht nicht. Ich kann keinen Brief mit den Worten ‚Die einzigartige Weisheit mit der Eure Majestät Euer Königreich zur Blüte gebracht hat, die weisen Schritte, mit denen Ihr Euer Reich zu einem Wohlstand erstaunlichen Ausmaßes gebracht habt …5‘ beginnen. Das erscheint doch vollkommen überzogen!“, protestierte Friedrich und hatte schon halb die Feder zur Revision angesetzt, als Louis ihm die selbige schlicht aus der Hand nahm.„Für deine Ohren mag das überzogen klingen Friedrich, aber vertrau mir bitte, dass das genau der Ton ist, den du anschlagen musst. Nun, was hältst du davon, wenn wir für heute die Arbeit ruhen lassen? Es ist schon reichlich spät und ich kann dir ansehen, wie erschöpft du bist.“Der junge Arzt ließ seinen Blick ein letztes Mal über den Entwurf vor sich wandern und ließ dann die Schultern hängen. „Du hast wahrscheinlich Recht. Die lange Reise war wirklich sehr ermüdend für mich.“„Einsicht ist der erste Weg zur Besserung“, grinste Louis und etwas an dem Grinsen ließ Joséphine erschaudern. Nein, das war nicht mehr ihr Louis.Dieser ungewohnte, argwöhnisch tief in ihrem Kopf lauernde Gedanke ließ Joséphine auch in den kommenden Wochen nicht los - im Gegenteil, er wurde sogar immer drängender. Louis hatte eine launenhafte Art, die die junge Frau so nicht von ihm kannte. Es war nicht bloß nur ein stetiger Umschwung der Gemütsstimmung bei ihm festzustellen, sondern auch ein fließender Übergang in Louis Verhalten ihr gegenüber. Einige ihrer glücklichsten Stunden verlebte Joséphine in diesen kommenden Wochen. Wie sie und Louis sich über Briefe beugten und versuchten absichtlich vage gehaltenem politischen Kauderwelsch Sinn und Inhalt zu gegeben, wie sie zusammen vor dem prasselnden Kaminfeuer saßen, spät in der Nacht, und Geschichten aus ihrer Kindheit austauschten. Wie Louis sie immer wieder auf privaten Zusammenkünften einflussreichen Persönlichkeiten vorstellte und wie diese Abende dann nicht selten damit endeten, dass Louis und Joséphine des Nachts durch Berlin zurück zu Friedrichs Unterkunft schlenderten, nicht ohne dabei allerhand lustige Geschichten auszutauschen (eine nicht zu vernachlässigende Anzahl dieser Geschichten beinhalteten tatsächlich den Baron von Steuben). In all den langen Jahren in denen sie nun schon als Mann lebte, hatte Joséphine ein paar Dinge über die Nacht gelernt. Die Nacht war nichts konsequent Schlechtes und für einen Mann, oder eine Person in Männerkleidung, war es eine wesentlich angenehmere Sache durch die dunklen Gassen zu wandern. Dennoch war es ein ihr, wenn nicht sogar angeborener, dann doch zumindest anerzogener Reflex, nach dem Schutz eines Mannes zu suchen. Es war nicht nur eine Frage des Schutzes, sondern auch eine Frage der Schicklichkeit. Auch wenn niemand in Friedrich eine Frau erkannte, war es doch eine schlechte Angewohnheit für eine Frau von Erziehung alleine durch die Stadt zu wandern. Doch trotz des offensichtlichen Wissens um Louis Anwesenheit, spürte sie doch keinen wirklichen Schutz durch seine Präsenz - es war merkwürdig. Doch noch bevor sie lange über dieses seltsame Gefühl nachdenken konnte, kamen jedes Mal wieder neue Begebenheiten, die sie ihr Misstrauen schnell vergessen ließen. Das Gelächter und die Erkundungstouren durch Berlin (denn wie schon La Fayette zweifelte Louis an Friedrichs Orientierungsvermögen), dieses Mal im Tageslicht, die wissenden Blicke die man Austauschte - diese Wochen gehörten immerhin zu den glücklichsten ihres Lebens, würde Joséphine später zugeben - bis zu dem Tag, ab dem sie es nicht mehr taten. Da waren auch die Tage, an denen Louis kurz angebunden und ruppig war, indem er Friedrich mit seinem Blick geradezu durchbohren schien, Tage an denen Louis so ein fürchterliches Funkeln in seinen Augen aufblitzen ließ, dass Joséphine ganz anders wurde.Eines Tages dann, nach einigem an politischen Schriftverkehr, erhielt Friedrich schließlich den Brief, auf den er und Louis schon so lange spekuliert hatten.Als Louis an diesem Abend mit federndem Schritt die Treppen zu Friedrichs Unterkunft erklomm, da stand sein Freund schon in der geöffneten Tür, die Strahlen der untergehenden Abendsonne fielen in das Zimmer und badeten ihn von hinten in einem goldenen Licht, setzten sein rotes Haar in Flammen.„Ich habe einen Brief bekommen!“, verkündete Friedrich sobald sich die Tür hinter Louis geschlossen hatte.„Gute oder schlechte Nachrichten“, wollte dieser wissen und Friedrich stieß unschlüssig die Luft aus. „Ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher. Er ist vom britischen Botschafter Elliot6, er möchte sich mit mir Treffen.“„Hmmm …“, meinte der Adelige langgezogen, „mit so etwas hatten wir ja bereits schon gerechnet.“„Das schon, aber mich beunruhigt der Moment, den er für das Treffen gewählt hat. Es hat eigentlich keinen Grund sich mit mir zu treffen, also warum besteht er auf ein Treffen und warum gerade jetzt?“, warf Friedrich ein.„Der Baron von Schulenburg hat sich in seinen letzten Briefen unseren Anfragen gegenüber sehr wohlwollend geäußert, nicht? Vielleicht möchte Elliot sicherstellen, dass du nicht zu viel Einfluss gewinnst. Nachdem der Hof dich nicht als Botschafter anerkannt hat, hat er sicherlich nicht damit gerechnet, sich mit dir beschäftigen zu müssen“, bot Louis an und legte die Stirn in Falten, als er Elliots Brief überflog.„Denkst du wirklich, dass er weiß, welche Zusagen Schulenburg mir erteilt hat? Unsere Korrespondenz ist, eben aus den Gründen meines Status, streng vertraulich.“„Schulenburg macht seine Arbeit gewissenhaft und ist bestimmt kein Schwätzer, aber Elliot würde sein Amt nicht richtig erfüllen, wenn er nicht seine Quellen hätte. Sekretäre und andere Minister, Freunde Schulenburgs - du kannst dir sicherlich gut genug vorstellen wie viel Angestellte mitbekommen und wie geschwätzig sie sein können.“Friedrich nickte nachdenklich. Das wusste er allerdings. Es war die einzigartige Machtposition der Dienenden überall mitzuhören, ohne je anwesend zu sein - auf keinem Weg verbreiteten sich Neuigkeiten und Gerüchte schneller über die ganze Stadt hinweg, als von den Angestellten eines Haushaltes zum nächsten.„Was soll ich ihm sagen? Ich würde ungerne mit offenen Karten spielen müssen, aber ich halte es auch für unklug ihn glauben zu machen, dass ich mehr Einfluss habe, als ich wirklich habe. Es wäre mir lieber unterschätzt, als überschätzt zu werden“, meinte der junge Arzt, der gerade dabei war für sich und Louis Tee zu kochen.„Ich denke nicht, dass Elliot viele inhaltliche Fragen für dich hat. Ich denke vielmehr, dass er sich ein Bild von dir machen möchte, versuchen möchte dich einzuschätzen, aus welchem Holz du geschnitzt bist.“Friedrich stellte Louis Tasse auf den Tisch, seine eigene führte er schon an seine Lippen. Doch bevor er einen Schluck nahm, fixierte er Louis über den Tassenrand hinweg. „Aus deutscher Eiche“, meinte Friedrich, vollkommen ernst, schaffte es aber nicht den Schalk in seinen Augen zu zügeln. Die gewünschte Wirkung ging an Louis nicht verloren und der ehemalige Adjutant musste herzlich lachen - für wahr, Preußen war lange sehr schön gewesen.
01. Juli 1779
The very first official despatch
[9th May, 1777]
, addressed by Lord Suffolk to Mr. Elliot at Berlin desires him to watch the conduct to these „rebel agents“ (…)
Auszug aus dem Memoiren von Hugh Elliot, geschrieben von seiner Enkelin, der Herzogin von Minto Was dann allerdings weniger schön war, das war Friedrichs Zusammenkunft mit dem britischen Botschafter Hugh Elliot. Man hatte ausgemacht sich an einem neutralen Ort zu treffen, die Wahl fiel letzten Endes auf ein kleines Lokal an Spree. Elliot, der bereits wesentlich länger in Preußen seinen Dienst tat, hatte es vorgeschlagen und Friedrich war nicht so kleinlich gewesen, als dass er nur aus Protest einen Gegenvorschlag vorgebracht hätte.Es regnete an dem Tag, regnete und stürmte. Friedrich hatte sich, entgegen Frau Ellers eindringlichen Rat, gegen eine Kutsche entschieden. Der junge Deutsch-Amerikaner konnten diesen Gefährten, die so furchtbar wenig mit seiner Lebenswirklichkeit zu tun hatten, einfach wenig abgewinnen. Selbst als er bereits nach wenigen Minuten merkte, wie die Kälte in seine Glieder kroch und wie seine Strümpfe heute Abend ganz gewiss in den Wäschekorb gehören würden, so bereute er seine Entscheidung doch nicht. Der Weg, den er zurückzulegen hatte, war auch nicht arg lang, eine halbe Stunde, länger brauchte er wohl nicht, obwohl er an einer Gabelung doch einen Moment inne hielt und einen Passanten nach dem Weg fragen musste. Eine unerwartete neue Bekanntschaft entwickelte sich aus diesem kurzen Austausch nicht, anders als in Paris. Endlich in dem Lokal angekommen, genoss Friedrich dann doch die angenehme Wärme, die ihm entgegenschlug, sobald er eintrat. Es war ein gepflegtes kleines Etablissement und der junge Arzt beschloss sich die Adresse zu merken.Sein Blick wanderte aufmerksam durch den Raum auf der Suche nach Elliot. Zu seiner eigenen Verwunderung war Friedrich kein bisschen nervös seinem Kollegen unter die Augen zu treten. Unter der Annahme dass Elliot alleine sitzen würde, konnte Friedrich den Großteil der Gäste an diesem Abend ausschließen. Schließlich entschied er sich für einen Herren, der etwas abseits des allgemeinen Treibens saß, halb hinter einer Zeitung verborgen.„Mister Elliot?“, erkundigte Friedrich sich höflich als er sich dem Tisch näherte. Der Angesprochene ließ die Zeitung sinken und sah auf. Sein Blick schweifte einmal über Friedrich hinweg, bevor er zu einer Antwort ansetzte.„Ganz Recht. Doktor Deegen, wie ich annehme?“, erwiderte der Brite, der Akzent seines Englisch verriet seine gehobene Kinderstube.„Sehr erfreut Sir, darf ich mich setzen?“„Bitte.“, meinte Elliot und winkte beifällig, so als ob er mit den Gedanken nur halb bei der Sache war. Nun war es an Friedrich seinen Tischgesellen zu mustern. Elliot wirkte entspannt in seiner Umgebung, er wirkte entschlossen und selbstsicher. Er war hatte die Ausstrahlung eines Mannes dem die Welt zu Füßen lag. Dieses Gebaren stand in einem deutlichen Gegensatz zu Friedrich und seiner Selbstwahrnehmung. Der junge Arzt für seinen Teil war nämlich … angespannt. Angespannt traf es ganz gut. Er hatte keine Angst, er hatte weit aus gefährlichere und furchteinflößendere Situationen durchgestanden, als sich mit einem Diplomaten in einem kleinen Lokal zu treffen, aber dennoch hatte er Respekt vor seiner Unterredung mit Elliot. Der Botschafter war bestimmt kein dummer Mann und noch dazu hatte er den Zugang zum Hofe und zum König, der Friedrich bisher verweigert worden war.Der Schankwirt trat an den Tisch heran und erkundigte sich nach Friedrichs Bestellung. Der gebürtige Preuße, der bisher in Englisch gesprochen hatte, wechselte ohne mit der Wimper zu zucken in seine Muttersprache und teilte sich dem Wirt mit. Elliot beobachtete den kurzen Austausch mit zusammen gekniffenen Augen.„Sie stammen von hier?“, fragte er, bemüht desinteressiert zu klingen, doch die beiden Botschafter wussten es besser. Elliot war an jedem noch so kleinen Detail interessiert. Es war eine Hingabe zum Detail die Friedrich dem Briten tatsächlich hoch anrechnete. Der junge Arzt konnte Menschen respektieren, die ihr Bestes für ihr Land und ihre Sache gaben, die versuchten ihre Versprechen zu halten, auch, wenn diese Bemühungen gegen Friedrich gerichtet waren.„Ich bin in Preußen geboren worden, wenn Sie das meinen“, bot Friedrich als Antwort an. Elliot nickte. Stille. „Warum haben Sie um dieses Treffen gebeten?“„Sie kommen direkt auf den Punkt, Doktor Deegen. Eine Eigenschaft die ich während meiner Zeit hier in Preußen durchaus zu schätzen gelernt habe.“„Nun denn Sir, handeln Sie im Geiste der Direktheit.“„Sie versuchen eine Handelsbeziehung zwischen Preußen und den Kolonien zu etablieren, ist dem nicht so?“„Sir, ich werde Ihnen ganz bestimmt nicht meine Gesuche an den Hof erläutern - außerdem, wir beide wissen, dass Sie sich in diesem Falle Ihre Frage selber beantworten können.“„Nun gut, lassen Sie es mich anders formulieren. Was beabsichtigen Sie mit Ihrem Aufenthalt hier. Denken Sie wirklich das Preußen sich auf die Seite Ihrer rebellischen Kolonien schlagen würde?“„Preußen wäre nicht das erste Land, das sich den Vereinigten Staaten von Amerika symphytisch gegenüber ausgesprochen hätte“, konterte Friedrich, nicht erbost, nicht laut, aber vielleicht mit etwas zu viel Nachdruck auf dem Vereinigte Staaten von Amerika.Elliot schnaubte abwertend. „Ich bitte Sie, keines der Länder auf die Sie anspielen, unterstützt die Kolonien aus Sympathie für Ihre Ideen - die Unterstützung wird Ihnen ausschließlich aufgrund der Antipathie der entsprechenden Länger gegen England zuteil. Aber Preußen ist nicht Frankreich. König Friedrich II ist ein absoluter Monarch, noch dazu in einer Personalunion mit dem Haus Hannover - Ihre Mühen sind vergebens guter Mann. Man erkennt Sie ja noch nicht einmal als Gesandten der Kolonien an.“„Und Sie erzählen mir das alles aus reiner christlicher Nächstenliebe, oder …?“, fragte Friedrich und nahm einen Schluck von seinem Getränk, dass in der Zwischenzeit an den Tisch gebracht worden war. Der Brite sah ihn nur verständnislos an.„Ich wiederhole meine Frage von vorhin. Warum haben Sie mich zu diesem Treffen gebeten? Bisher haben Sie mir gegenüber nur zum Ausdruck gebracht, wie gering Sie die Erfolgschancen meiner Arbeit hier ansehen - eine Einschätzung die ich mir auch so hätte denken können. Die beiden einzigen logischen Schlussfolgerungen die sich mir also bieten, wäre zum einen, dass Sie mir Ihre Einschätzung mitteilen, um mich vor, sagen wir, einer Enttäuschung zu bewahren - in dem Fall applaudiere ich Ihrer Fürsorge, oder aber, Sie wollen mich einschüchtern und ernüchtern“, führte Friedrich aus und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Nun war es an Elliot, sich unwohl zu fühlen, auch wenn er sich jede Mühe gab, es sich nicht anmerken zu lassen.„So etwas habe ich nicht nötig. Sie sind ziemlich aufmüpfig Doktor Deegen, aber etwas Anderes hätte ich von einem rebellischen Kolonisten, der weder König noch Vaterland ehrt, wohl auch nicht erwarten können“, gab Elliot als patzige Antwort und wollte sich schon erheben, um ihre kleine Konferenz zu beenden, als Friedrich ihn zurückhielt.„Es überrascht Sie vielleicht, aber ich würde mich im Großen und Ganzen als königstreu bezeichnen“, meinte er„Oh natürlich - Sie sind gewiss ebenso königstreu wie Oliver Cromwell es war“, lachte der Brite und setzte sich wieder.„Spotten Sie nur, es ändert nichts an der Tatsache. Ich bin der Revolution nicht beigetreten, weil es mir grundsätzlich an Hingabe zu meinem König mangelt. Ich habe mich nie gegen den König ausgesprochen - ich glaube nur, dass wir es als freie Amerikaner besser machen können als jeder König.“„Eine Utopie? Ich bitte Sie, Utopien finden sich auf kleinen mysteriösen Inseln und sonst nirgendwo, nicht in einem funktionierendem Staat. Zudem, England ist das Geburtsland der Utopie7.“„England ist auch das Land, das die Utopie gerichtet hat - ist dem nicht so.“„Sie werden sehr dramatisch. Doch was soll eigentlich aus den Kolonien werden, wenn der Krieg beendet ist, meine ich. Selbst eine Utopie braucht eine Regierungsform.“„Eine Republik!“, erklärte Friedrich mit Inbrunst und Leidenschaft.„Eine Republik? Sie denken wirklich, dass ihre Republik sich wird halten können?“„Rom war eine Republik und zugleich eines der mächtigsten Reiche, das die Welt je gesehen hat.“„Dennoch ist Rom am Ende gefallen.“ Elliots Lächeln war im gleichen Maße süffisant und triumphal, ganz so, als hätte er einen besonders schlauen Einfall gehabt.„Rom konnte auch nicht von Rom lernen.“Elliott blinzelte, es war ein ungehaltenes, verächtliches Blinzeln. Für einen Moment kehrte Stille zwischen den beiden ein und Friedrich verbuchte diese Stille als einen kleinen Triumph. „Wie dem auch sei Sir, ich denke unsere Geschäfte sind hiermit beendet“, meinte Eliott und erhob sich nun endgültig. Friedrich tat es ihm gleich. Die beiden Botschafter sahen sich einen Moment an, in ihren Augen zeichnete sich ein Verständnis ab - man würde bestimmt nicht den Fehler machen sein Gegenüber in der Zukunft je zu unterschätzen8.Friedrich trank seinen Tee noch aus, bevor er sich dann ebenfalls auf den Heimweg machte, eine gute halbe Stunde nach Elliots Aufbrechen.In der Herberge von Frau Eller wartete bereits Louis van Linkensdorf auf seinen Freund. Friedrich allerdings musste sich ein Seufzen verkneifen, als er den ehemaligen Adjutanten erblickte. Gestern war wieder einer dieser Abende, einer dieser Abende, an denen Louis sich so merkwürdig verhalten hatte. Er hatte Friedrich beinahe erschreckt, so erratisch hatte er sich verhalten. Doch anscheinend war von Louis Seite aus bereits alles wieder vergessen - er lächelte breit sobald er Friedrich erkannte und kam sogleich auf ihn zu.„Wie ist euer Treffen verlaufen“, fragte er überschwänglich und erklomm neben dem jungen Arzt die Treppenstufen.„Die Einzelheiten sollten wir in meinem Zimmer besprechen, doch lass mich dir so viel sagen: es war ein wirklich … aufschlussreiches Treffen“, meinte Friedrich und massierte sich die Wurzel seiner Nase, er würde heute definitiv noch Kopfschmerzen bekommen.Mit flinken Fingern kramte er seine Schlüssel aus der Tasche und schloss die Tür auf. Louis machte gerade Anstalten in den Raum einzutreten, als Friederich ihn plötzlich zurückhielt.“Warte”, meinte Friedrich und streckte seinen Arm aus, um Louis am Weitergehen zu hindern. “Was hast du?”, fragte dieser, offensichtlich irritiert.„Der Stuhl dort, er ist nicht an den Tisch herangeschoben.“„Darauf weißt du hin, weil …?“„Weil das eine Marode meines Vaters war. Wenn eines von uns Kindern vom Tisch aufgestanden ist und seinen Stuhl nicht wieder an den Tisch geschoben hat, hat er mit uns geschimpft. Das ist mir in Fleisch und Blut übergegangen. Ich habe diesen Raum heute Morgen so nicht verlassen!“„Du meinst es war jemand hier? Kann nicht einfach eines der Mädchen hier gewesen sein?“, fragte Louis, Anspannung hatte sich in seine Stimme geschlichen.„Und dann hat sie, statt mir meine Wäsche oder dergleichen zu bringen, meine Stühle verschoben? Das wage ich doch stark anzuzweifeln“, meinte Friedrich und stieß die Tür weiter auf, trat in das Innere des Zimmers. Halb erwartete er, aus dem Halbschatten heraus attackiert zu werden, doch das passierte natürlich nicht. Außer ihm und Louis war das Zimmer vollkommen verlassen. Keine Menschenseele war dort.„Falls jemand hier war, dann ist er mittlerweile längst über alle Berge“, stellte Louis das Offensichtliche fest. Friedrich nickte einfältig und ließ seinen Blick wandern. Nebst dem Stuhl war der Raum ordentlich und sauber, es war kaum vorstellbar, dass jemand sich Zutritt verschafft hatte, geschweige denn, dass dieser jemand durch Friedrichs Sachen gewühlt hatte. Beinahe hätte der junge Arzt den Gedanken seiner Paranoia zugeschrieben und die Sache mit dem Stuhl abgetan, da fiel ihm doch noch etwas ein. Mit eilendem Schritt und einer dunklen Vorahnung, hastete er zu einem der Schränke, öffnete die Türen und zog eine Kiste aus dem untersten Fach hervor. Der Deckel des handlichen Behältnisses lag lose oben auf und ein Schloss baumelte locker in der Schließöse.„Merde“, fluchte Friedrich als er die Kiste auf den Tisch stellte und den Deckel anhob. Louis war neben ihn getreten und starrte nun mit seinem Freund zusammen in eine leere Truhe.„Friedrich, bitte sag mir nicht, dass es das ist, was ich denke.“„Doch, ist es. Das ist die Kiste in der ich meine diplomatische Korrespondenz aufbewahrt habe. Alles ist weg!“Für einen Moment sahen sich die beiden ehemaligen Stabsoffiziere an, bevor ihnen dann zur gleichen Zeit derselbe Gedanke kam und sie beide hastig aus dem Zimmer eilten, die Treppe hinunter bis sie dann in den Schankraum stolperten, in dem Frau Eller gerade ein paar Trinkkrüge abwusch und wegräumte.„Doktor Deegen, meine Güte haben Sie mich erschrocken. Was hat denn all der Lärm zu bedeuten?“ Frau Eller mochte Doktor Deegen. Er war ein höflicher und unkomplizierter junger Mann - und es beruhigte sie immer ungemein ein paar Ärzte bei sich im Hause zu haben (dabei schien Doktor Deegen sogar ein recht guter Arzt zu sein, nicht so ein Stümper wie es sie zuhauf gab). Doch manchmal fand sie es schwer mit der zuweilen übermütigen Art ihres Gastes fertig zu werden - und solch ein Eingeständnis sollte von ihr, der Betreiberin eines Gasthauses mit angeschlossener Taverne und Mutter von sieben Kindern schon wirklich etwas heißen.„Verzeihen Sie meine schlechten Manieren Frau Eller, doch ich habe eine dringende Frage an Sie. Heute Vormittag, wo ich außer Haus war, ist dort ein Fremder hinauf zu den Zimmern gegangen, zu meinem Zimmer im Besonderen?“„Ein Fremder? Ach nein, wir lassen doch keine Fremden zu den Zimmer hinauf. Wo kommen wir denn da hin. Solch einen Schuft hätte mein Mann sofort ergriffen.“Friedrich nickte resigniert, so viel Glück schien er wohl nicht zu haben. Doch noch bevor er auf dem Absatz kehrt machen konnte, hielt seine Wirtin ihn auf.„Ich weiß nicht, ob es von Bedeutung ist, aber wo Sie schon so direkt gefragt haben. Ein Herr hat sich heute Vormittag nach Ihnen erkundigt, wollte wissen ob Sie im Hause sind. Ich habe ihm gesagt dass Sie ausgegangen seien und daraufhin hat er nichts weiter gesagt.“Friedrichs Kopf schoss in die Höhe. „Können Sie sich an diesem Mann erinnern? Wie er aussah? Was für Kleidung er trug? Irgendetwas?“, bohrte der junge Arzt. Frau Eller schüttelte verwundert den Kopf.„Aber, aber, warum sollte ich mir denn so etwas merken? Wissen Sie wie mit wie vielen Herrschaften ich hier tagtäglich zu tun habe? Aber wenn Sie etwas mit dem Herren zu besprechen haben, dann reden Sie doch persönlich mit ihm. Ich kann Ihnen die Zimmernummer heraussuchen, wenn Sie es wünschen.“Friedrich kniff die Augen zusammen. Die Zimmernummer heraussuchen? „Bedeutet das, dass der Mann, der sich nach mir erkundigt hat ebenfalls hier in diesem Haus logiert?“„Sicherlich! Er ist ein Teil der Englischen Entourage, nur einen Namen kann ich Ihnen nicht nennen - diese englische Namen wollen mir einfach nie über die Zunge“, erklärte die Dame und verzog dabei das Gesicht, ganz so als ob sie in Gedanken bisherige linguistische Misserfolge durchging.„Die Englische Entourage?“, hakte nun Louis nach und warf Friedrich einen vielsagenden Blick zu.„Eine Gruppe von jungen Männern die eine Reihe von Räumen ganz am Ende des Ganges auf dem ersten Flur bewohnen. Sie sind allesamt Engländer und arbeiten für einen Mister Elliot. Er ist der Botschafter Englands am Hof unseres Königs - mein Mann und ich nennen die Gruppe daher die Englische Entourage.“Louis und Friedrich erneuerten ihren Blick. Frau Ellers Erläuterungen ergaben plötzlich so viel Sinn.„Was ist denn geschehen?“, wollte Frau Eller nun wissen, doch sie war zu gut erzogen worden, als dass sie nicht noch ein „es geht mich ja eigentlich nichts an“, hinzufügte. Friedrich improvisierte blitzschnell. „Nichts, es ist nichts Bedeutendes geschehen … nur ein Versehen mit der Post. Ja, es sind ein paar Briefe falsch zugestellt worden, mehr nicht.“ Frau Eller schien nicht überzeugt, fragte aber auch nicht weiter nach. Friedrich und Louis nutzten den Moment, um einen Rückzug in Friedrichs Zimmer anzutreten.Kaum war die Tür hörbar hinter Ihnen ins Schloss gefallen, ließ Friedrich seinem Ärger freien Lauf.„Das darf ja wohl nicht wahr sein. Wie dreist kann man eigentlich sein? Dazu noch Elliot, du kannst mir nicht erzählen, dass er sich rein zufällig an dem Tag mit mir treffen wollte, an dem seine Angestellten bei mir eingebrochen sind. Wie dreist kann man nur sein?“„Du meinst wirklich, dass Elliot auch in die Sache verwickelt ist? Das ist eine ernsthafte Anschuldigung Friedrich. Ein paar Angestellte meinetwegen, aber der englische Botschafter?“, beschwichtigte Louis.„Du erwartest doch nicht etwa, dass ich mir so ein Verhalten einfach gefallen lasse Louis? Wie stehe ich denn da? Wie sollte ich so etwas gegenüber dem Kontinental Kongress verantworten?“, brauste Friedrich auf. Louis konnte solch ein Verhalten unmöglich von ihm erwarten.„Natürlich sollst du diesen Diebstahl nicht einfach hinnehmen. Auf keinen Fall. Aber sei dir bitte auch bewusst, dass dein Verhalten in dieser Angelegenheit ganz entscheidend zu dem Bild beitragen, das man am Hofe von dir haben wird. Geh besonnen vor, das ist mein Rat“, erklärte Louis und ließ sich gegenüber Friedrichs am Tisch nieder.Der junge Arzt gab einen langgezogenen Seufzer von sich und nahm sich einen Moment, um seine Gedanken zu sammeln. „Ich werde dem Baron Schulenburg schreiben und den Sachverhalt schildern. Ich gebe ihm die Möglichkeit, die Situation unauffällig und auf seine Art und Weise zu regeln. Jedoch werde ich ihm auch deutlich machen, dass ich mich an die Polizei und damit auch an die Öffentlichkeit wenden werde, sollte der Fall nicht zu meiner Zufriedenheit bearbeitet werden. Meine erste Pflicht gilt Amerika und nicht dem Befinden des preußischen Hofes gegenüber.“
02. Juli. 1779
This dishonourable act was traced with considerable certainty to the agency of the English envoy, who, at the request of Fredrick, was recalled by his court.
Auszug aus den Memoiren von Arthur Lee Der Brief an Schulenburg war rasch geschrieben, doch war Friedrich sich nicht sicher, wie sein Schreiben aufgenommen werden würde. Würde man den Fall ernstnehmen oder war er nur ein unbedeutender amerikanischer Diplomat, der keinen offiziellen Posten in Preußen innehatte? Diese Ungewissheit plagte ihn eine komplette Woche, solange bis, eines morgens eine vollkommen aufgeregte Frau Eller Friedrich beim Frühstück im Saal aufsuchte.„Doktor Deegen, Doktor Deegen“, machte sich die Inhaberin schon von weitem lautstark hörbar. Einige der anderen Gäste, sahen neugierig auf und erst ob dieser Gesten senkte Frau Eller ihre Stimme. Friedrich legte die Stirn in Falten. Bisher hatte er Frau Eller als sehr ruhige und ausgeglichene Frau kennengelernt, die viel gesehen hatte und so schnell von nichts aus der Fassung gebracht werden konnte - ihr Verhalten verwunderte ihn.„Doktor Deegen, es ist ein Schreiben für Sie abgegeben worden“, meinte sie dann ganz außer Atem. Ihr junger Gast war nun nur noch mehr verwundert, ein Brief war nun wirklich keine Besonderheit.„Er trägt das königliche Siegel“, erklärte die Dame und senkte ihre Stimme geheimnisvoll. Nun war auch Friedrichs Neugierde geweckt und er riss ihr den Brief förmlich aus der Hand. Mit großen Augen überflog er den Inhalt, nur damit sein Blick dann an der bedeutungsvollen Signatur am Ende des Briefes hängen blieb. „Friedrich“ - der König hatte ihm doch tatsächlich auf sein Gesuch geantwortet.9Die Sommerwärme des Monats Juni machte es für Friedrich und Louis möglich sich im Freien zu Treffen. Herr Eller hatte schon vor einigen Wochen ein paar Tische und Stühle vor dem Eingang seiner Unterkunft zusammengestellt und die beiden ehemaligen Stabsoffiziere waren nicht die einzigen Gäste, die die letzten Sonnenstrahlen und einsetzende Kühle des Abends im Freien genossen.„Du bist dir sicher, dass wir nicht lieber drinnen sprechen wollen?“, fragte Louis zum wiederholten Male und sah sich unauffällig um, während er an seinem Wein nippte. Die rote Flüssigkeit färbte seine Unterlippe.„Uns hört schon keiner“, winkte Friedrich ab, dem der Gedanke zwar auch schon gekommen war, den das gute Wetter aber zu sehr mitriss. Er hatte den größten Teil seiner Kindheit und Jugend unter freiem Himmel verbracht - ganz gleich ob er nun gespielt oder gearbeitet hatte. So sehr er auch den Luxus eines Daches über dem Kopf schätzte, so sehr zog es ihn auch immer wieder nach draußen. Friedrich reichte Louis den Brief und zog die Brauen hoch.„Ich sollte den Engländern noch für den Diebstahl danken“, meinte er.„Warum das?“, wollte Louis wissen und entfaltetet das Papier. Das Sigel schien ihm nicht aufgefallen zu sein.„Der König hat mir geschrieben … das hätte er sonst sicherlich nicht getan.“Louis hielt einen Moment inne und starrte Friedrich mit großen runden Augen an. „Der König hat dir …?“„So ist es“, bestätigte der junge Arzt, doch sein Freund hörte schon nicht mehr hin, zu sehr war er in das Schreiben vertieft.„Der König schreibt, dass der Diebstahl von einigen Angestellten mit einem gefälschten Schlüssel durchgeführt wurde und dass Elliot ebenfalls in die Sache verstrickt gewesen sei“10, meinte Louis und gab den Brief zurück.„Der König hat jedenfalls dem englischen Hof geschrieben und ihn gebeten, Mister Elliot zurückzuberufen, auf diese Weise können alle Beteiligten ihr Gesicht wahren. Die Briefe sind mit zurückgegeben worden.11“„Mehr wird nicht passieren? Für England ist das wenig mehr als eine Verwarnung?“„Das mag sein, doch was haben wir auch erwartet? Ich bin ehrlich gesagt verblüfft, dass der Sachverhalt so schnell aufgeklärt wurde. Meiner Befürchtung nach-“„Ein Arzt! Wir brauchen einen Arzt! Ist ein Arzt hier?“Durch die Stimme animiert erhoben sich sofort einige der Menschen die an der Straße saßen und wieder andere traten aus der Taverne selber heraus. Auch Friedrich hatte sich erhoben, durch den Ausruf ganz deutlich angesprochen. Am anderen Ende der Straße waren zwei Gestalten aufgetaucht. Zwei Männer, einer von ihnen hielt mit Mühe seinen Gefährten aufrecht, welchem die Beine immer wieder wegzubrechen drohten. Ein vages Gefühl in seinem Hinterkopf riet Friedrich sich aus dieser Situation herauszuhalten, aber diese Stimme war ganz definitiv zu leise, um sich in dem Moment durchzusetzen. Mit langen Schritten war er zu den beiden Männern geeilt, Louis war direkt hinter ihm.„Ich bin Arzt“, stellte Friedrich sich einem der Männer vor und griff den zweiten Mann unter die Schultern, um ihn aufrecht zu halten. Zusammen dirigierte man den Herrn zu den Stühlen, auf denen die beiden ehemaligen Stabsmitglieder bis eben noch gesessen hatten. Friedrich, der noch immer nicht wusste, was eigentlich genau vorgefallen war, aber jede noch so kleine Information mit wachsamen Sinnen aufnahm, verfolgte wie der Mann sich in Schmerzen vornüber krümmte, sobald er sich nicht mehr darauf konzentrieren musste, sich auf den Beinen zu halten.“„Was ist passiert?“, drängte Friedrich und fixierte mit seinem Blick den zweiten Herrn. Dieser schien jünger zu sein und sprach Deutsch mit einem Akzent, der Friedrich zwar vertraut vorkam, den er aber im Moment nicht genau einordnen konnte.„Mein Onkel klagt über Schmerzen im Bauch - schon seit mehreren Tagen. Am Anfang schien es wohl nicht so schlimm gewesen zu sein, er scherzte sogar noch darüber. Aber seit heute Morgen dann, scheint es ihm schlechter zu gehen bis er sich dann nicht einmal mehr aufrecht halten konnte“, erklärte der Neffe und Friedrich schnaubte. Schmerzen im Bauchraum konnten alles oder nichts bedeuten. Allerdings war ihm auch aufgefallen wie der Onkel seine Hände ganz eindeutig gegen seine rechte Körperseite gepresst hielt - eine Erkenntnis die nicht gerade Freude in dem jungen Arzt hervorrief.„Ich würde Ihren Onkel gerne genauer untersuchen, wenn Sie das gestatten“, meinte Friedrich und erhielt als Antwort nur ein knappes Nicken. „Meine Unterkunft ist gleich dort auf der anderen Straßenseite“, erklärte der junge Arzt und unterstrich seine Worte mit einer Kopfbewegung. „Ich habe meine Instrumente dort und es würde auch ein wenig mehr Privatsphäre gewährleisten“, fuhr er fort. Wieder erhielt er nur ein Nicken. Auch dem Neffen war aufgefallen, wie sie vier die gesamte Aufmerksamkeit aller Umstehenden auf sich vereint hatten.Obwohl es von der Taverne bis zu der Pension der Familie Eller nur wenige Meter waren, stellte sich der Weg doch als schwieriger und beschwerlicher heraus, als man hätte annehmen sollen. Friedrich rechnete es Louis sehr hoch an, wie er kräftig mit anpackte. In der Pension angekommen rief Friedrich nach Frau Eller, welche auch umgehend erschien und erkundigte sich ob einer der Aufenthaltsräume im Erdgeschoss zur Verfügung stand. Von der gesamten Situation wohl etwas überrumpelt nickte sie nur und der junge Arzt wartete nicht lange genug, um zu sehen, ob sie noch etwas sagte.Der Onkel wurde auf einem niedrigen Sofa niedergelegt und Friedrich bemerkte mit Sorge wie der Herr, wie aus einem natürlichen Reflex heraus, das rechte Bein anzog. Nicht gut. Louis und der Neffe standen etwas verloren im Eingang des Raumes, während Friedrich sich neben seinem Patienten niederkniete, die Weste aufknöpfte und das Hemd hochschob. „Ich werde Sie nun abtasten. Ich bin vorsichtig, aber Sie müssen mir sagen, wenn ich auf eine schmerzende Stelle stoße.“ Als Antwort bekam er nur ein verzerrtes Grunzen, doch der Mann ließ ihn gewähren. Friedrichs Finger fuhren nun also mit geschulten Bewegungen über den Oberkörper des Mannes und sobald er sich so dem rechtem Unterbauch näherte, da hätte er gar nicht der Schmerzenslaute des Mannes bedurft, er spürte auch so wie die Bauchmuskulatur sich unter seinem Fingern sofort anspannte - ein Schutzmechanismus des Körper für einen mit Sicherheit entzündeten Blinddarm. Friedrich murmelte eine kurze Entschuldigung, mehr aus Gewohnheit, denn aus Notwendigkeit und erhob sich wieder.„Der Blinddarm Ihres Onkels ist entzündet“, meinte Friedrich, mehr an den Neffen gerichtet als an den Patienten selbst. Dieser war eh neben sich vor Schmerzen.„Was hat das zu bedeuten? Was muss nun getan werden?“, wollte der Neffe wissen.„Es gibt verschiedene Ansätze, um einen entzündeten Blinddarm zu kurieren, manchmal kuriert sich das Organ auch selber, ohne das Zutun eines Arztes“, begann Friedrich und wog jedes seiner Worte ab.„Aber? Nun sprechen Sie schon?“, brauste Friedrichs Gesprächspartner, wohl von Sorge und Angst angetrieben, auf.„Ich bin mir nicht sicher, dass eine dieser beiden Herangehensweisen bei ihrem Onkel sehr viel versprechend sein wird. Die Schmerzen sind äußerst akut und Sie sagten selber, Herr …?“„Hennings. August Hennings.12“„Sie sagten selber Herr Hennings, dass die Schmerzen schon mehrere Tage anhalten. Das sind keine Umstände die mich hoffnungsvoll stimmen.“ Für die letzten Worte war Friedrich näher an Hennings getreten und hatte seine Stimme gesenkt, das war keine Prognose, die für die Ohren eines Patienten bestimmt war.„Was hat das zu bedeuten?“, drängte Hennings erneut und Friedrich sah, beinahe schon verlegen, auf seine Hände.„Das soll heißen, dass jede Behandlung die von mir, oder einem anderen Arzt, durchgeführt wird, wahrscheinlich dennoch keine Heilung mehr zu bringen vermag.Hennings starrte Friedrich einen Moment ungläubig an - dann machte sich Entschlossenheit auf seinem Antlitz breit.„Was ist, wenn Sie den Blinddarm entfernen. So eine Operation gibt es doch, der Leibarzt des britischen Königs hat sie schon einmal durchgeführt. Erfolgreich!13“Nun war es an Friedrich ungläubig aufzusehen. Das war eine mögliche, wenn auch äußerst riskante Operation. Mit Sicherheit keine alltägliche Operation - aber, aber sie war auch nicht unmöglich. Friedrich selber hatte eine Kopie der Ausgabe der Philosophical Transactions oft he Royal Society of London vom ersten Januar 173614, die Ausgabe in der Claudius Amyand15 seinen Eingriff beschrieben hatte. Er hatte sogar schon zweimal solchen Operationen als Zuschauer während seines Studiums beigewohnt - doch es sollte auch erwähnt werden, dass die Patienten beide Male verstorben waren.„Sir, solch ein Eingriff ist äußerst riskant und mit großen Schmerzen verbunden.16“„Riskanter und schmerzvoller als das?“, fragte Hennings, noch erregter als zuvor, und deutete auf seinen Onkel. „Ein sehr, sehr guter Freund von mir war Arzt17. Er hat mir gesagt, dass solche Eingriffe erfolgreich sein können!“„Ich kann den Eingriff durchführen wenn Sie und Ihr Onkel das wünschen“, hörte sich Friedrich plötzlich sagen und traute seinen Ohren kaum. Hatte er das gerade wirklich gesagt? Doch Hennings Gesicht hatte sich augenblicklich aufgehellt. Er machte einen Schritt zur Seite an Friedrich vorbei und richtete sich dann in einer fremden Sprache an seinen Onkel. Dänisch, die beiden sprachen Dänisch, kam Friedrich die Erkenntnis während er dem Schauspiel zusah.„Tun Sie es!“, wandte sich Hennings dann plötzlich wieder an Friedrich und endlich konnte der junge Arzt auch den Akzent einordnen, mit dem der Herr sprach.Friedrich war bewusst, dass jetzt die letzte Möglichkeit war, um einen Rückzieher zu machen. Jeder vernunftbegabte Mensch hätte es getan, aber Friedrich hatte Blut geleckt. Sein Glück war ihm im Leben nicht immer hold, aber in medizinischen Belangen hatte er sich noch nie beschweren können. Die Dinge, die er in seinem Beruf begonnen hatte, hatte er auch immer zu Ende gebracht - und meistens mit Erfolg. Irgendetwas sagte ihm, dass es auch dieses Mal nicht anders sein würde. Er spürte es. Das Selbstvertrauen das Joséphine so häufig fehlte, die Male, wo sie sich für inadäquat hielt und an sich selber zweifelte - das alles stand in scharfem Kontrast zu den Stunden, die sie in Krankenhäuser, Lazaretten und auf dem Schlachtfeld verbrachte. Wenn das fremde Blut ihr an den Armen klebte, die Luft nach jeder nur erdenklichen Körperflüssigkeit stank, wenn sie die dumpfe Vibration der Knochensäge spürte, wie sie durch Knochen schnitt, wenn ihre Fingerspitze gerade ebenso die Musketenkugel ertastete, nach der sie gesucht hatte, wenn sie spürte wie sich ihr Patient vor Schmerzen windete, als sie den Finger noch etwas tiefer in seine Wunde drückte, wenn das Surren der Fliegen und die Schreie und der Kanonendonner draußen auf dem Feld alle zusammen zu einer Geräuschkakofonie anschwollen, ja, dann fühlte sich Joséphine ihrer Sache meistens recht sicher. Nicht, dass sie nie zweifelte, jeder Tote war ein Zweifel, doch in solchen medizinischen Belangen war sie zumeist in der Lage die Oberhand über ihre Zweifel zu gewinnen. Dementsprechend mutig straffte sie die Schultern und blickte zu Hennings herüber. „Gut, dann wollen wir es versuchen. Ich hoffe Sie können Blut sehen und haben einen starken Magen.“„Ich … ich denke schon?“„Gut, denn Sie werden mir assistieren müssen. Louis, dich muss ich auch um deine Unterstützung bitten, anders wird es nicht gehen. Wenn sie mich für einen Moment entschuldigen würden, ich benötige noch ein paar Materialien für die Operation.“Mit diesen Worten trat Friedrich aus dem Zimmer heraus, auf der Suche nach Frau Eller. Er ging mit allergrößter Eile ans Werk und so dauerte es auch nicht lange, bis er alles zusammen hatte, was er für den Eingriff benötigte. Den Patienten hatte man auf einen Tisch gelegt und Friedrich hatte Hennings instruiert den Oberkörper seines Onkels ruhig zu halten, während Louis angewiesen war, die Beine still zu halten. Für Höflichkeiten hatte man keine Zeit mehr und so hatten Friedrichs Instruktionen, beinahe wie Befehle, wohl recht barsch geklungen. Wo Hennings sich nicht weiter daran gestört hatte, hatte Louis Friedrich im ersten Moment absolut perplex angeschaut, nur um sich dann zu fügen.Mit dem Skalpell schon in der Hand, sprach Friedrich ein letztes stummes Gebet, bevor er die Klinge ansetzte. Seinem Patienten hatte er ein Stück Stoff in den Mund geschoben, damit dieser sich vor Schmerzen nicht die Zunge zerbeißen würde - was andernfalls durchaus üblich war. Friedrich rechnete nicht damit, dass der Patient während des Eingriffes das Bewusstsein verlieren würde - was ihm äußerst entgegen kommen würde.Sobald der Einschnitt in die Haut getätigt war und hellrotes Blut aus der Wunde herausquoll, begann Friedrich sich zu überlegen, wie er wohl am besten schneiden könne, ohne dabei die abdominale Muskulatur unwiederbringlich zu schädigen. Jeder Schnitt, jeder Vorstoß war wohl überlegt gesetzt. Sobald dieser Teil erfüllt war, warf er einen vorsichtigen Blick zu Louis, als auch zu Hennings. Beide erfüllen die ihnen zugeteilte Aufgabe. Dabei sah Louis mit einem solch starren Blick auf einen undefinierten Punkt auf der Tischplatte, dass Friedrich sich beinahe sicher war, sein Freund war nur noch körperlich anwesend. Hennings hingegen hatte den Blick auf die blutende Einschnittstelle gerichtet - und schien von Moment zu Moment blasser.„Sie haben vorhin Dänisch mit ihrem Onkel gesprochen, nicht?“, begann Friedrich und weitete die Wunde mit seinen Fingern.„Hamh“, murmelte Hennings nur und bemühte sich den Mann in seiner Obhut so ruhig wie möglich zu halten, während Friedrichs Finger sich immer weiter dem fraglichen Organ näherten.„Unter den Dänen gibt es einige hervorragende Dichter, nicht?“„Dem wird wohl so sein.“„Ich kenne mich mit Dänischer Literatur nicht aus, würden Sie mir die Ehre erweisen, etwas zu rezitieren? Von ihrem Lieblingsdichter vielleicht?“„Sie sprechen Dänisch?“, stutzte Hennings. Friedrich hätte beinahe gelacht.„Nein, ich verstehe nicht mehr als ein paar einfache Floskeln - oh, und ich weiß immer noch was Fisch auf Dänisch heißt. Aber darum geht es auch gar nicht, sprechen Sie einfach“, erneuerte Friedrich seine Aufforderung und Hennings nickte.„Es gibt da einen jungen Dichter, Johannes Ewald18, er hat ein langes Gedicht geschrieben, Fiskerne19, die Fischer."Hennings literarische Ausführungen waren für ihn mindestens ebenso dienlich wie für Friedrich, dem die gesprochenen Worte halfen, alles um sich herum auszublenden. Der junge Arzt ließ sich von Louis eine medizinische Ligatur reichen und band damit den entzündeten Blinddarm ab, bevor er ihn heraustrennte. Das Organ war vollkommen rot und deformiert und als er es neben sich auf den Tisch legte, erinnerte es mehr an einen kleinen Wurm, der unter die Hufe eines Pferdes geraten war. Friedrich bemerkte, wie Louis Blick auf den Blinddarm fixiert war und wie sein Gesicht langsam einen unnatürlichen grünen Schimmer annahm.„Louis, wenn du dich nicht beherrschen kannst, dann geh, ja?“„Ich …“„Geh Louis, jetzt!“, ordnete Friedrich und stieß Louis mit dem Ellbogen an, seine Hände waren über und über mit Blut verdreckt. Für einen Moment sah der ehemalige Adjutant ihn mit großen Augen an, da war wieder dieser verständnislose Blick, den er schon zu Beginn der Behandlung zur Schau gestellt hatte. Doch Friedrich nahm das gar nicht mehr wahr, er war mit Wichtigerem beschäftigt. Die Wundheilung war ein wesentlicher Bestandteil jedes medizinischen Eingriffes, doch präsentierte sich der Fall hier so, dass Friedrich die Wunde noch einige Tage offen halten musste. Die Ligatur musste entfernt und die Heilung des Darmendes kontrolliert werden. Es gab eine besondere Art von Verband, ein so genannter Zeltverband20, der in solchen Situationen zum Einsatz kam. Dafür wurde ein Stück Mull so zusammengewickelt, dass es senkrecht in die Wunde gesteckt werden konnte und diese damit offen hielt. Ein gewöhnlicher Verband wurde dann um das Abdomen gewickelt, sodass er auf dem Stück Mull auflag. Von seiner Art her war der Zeltverband relativ simpel, Friedrich wusste aber, dass einiges an Können dazugehörte, den Verband so anzulegen, dass er seine beiden Aufgaben erfüllte, die Blutung zu stillen und die Wunde offen, aber gleichzeitig so verdeckt zu halten, ohne dem Patienten dabei Schmerzen zuzufügen. Friedrich selber hatte das Anlegen solches Verbandes erst einmal beobachtet, aber noch nie selber durchgeführt. Er hoffte nur, dass er zumindest passable Arbeit leisten würde.Es war nicht ehe eine weitere Viertelstunde verstrichen war, dass Friedrich einen Schritt zurück von seinem behelfsmäßigen Behandlungstisch machte und den Kopf in den Nacken legte. Er war erschöpft, die Luft in dem Raum war abgestanden und verbraucht, das fremde Blut begann an seinen Händen zu trocknen - eine Erfahrung von der er sich eigentlich geschworen hatte, sie nicht noch einmal wiederholen zu müssen. Louis stand mit skeptischen Blick etwas abseits, seine Gesichtsfarbe hatte sich wieder einem gesunden Ton angenähert. Hennings entließ soeben seinen Onkel aus seinem Griff - dieser hatte, ganz so wie Friedrich es gehofft hatte, erst kurz vor Ende des Eingriffes das Bewusstsein verloren.„War es das nun?“, fragte Hennings mit sorgenvollem Blick und trat näher an Friedrich heran.„Für den Moment können wir nicht mehr tun, das ist richtig. Den Erfolg der Operation können wir jedoch erst in ein paar Tagen abschätzen, wenn ich die Ligatur entferne und die Wunde vernünftig heilen kann.“Hennings nickte stumm und streckte die Arme. Nun, wo das Schlimmste überstanden war, merkte man, wie von allen Beteiligten die Anspannung abfiel, unter der sie noch bis vor wenigen Augenblicken gestanden hatten. Friedrich war somit nicht der Einzige, in dem sich Müdigkeit und Erschöpfung breit machten.„Ich würde vorschlagen, dass Sie mir folgen und wir zusammen Frau Eller aufsuchen, Herr Hennings - Ihr Onkel ist nicht in der Verfassung verlegt zu werden und deshalb sollten wir hoffen, dass Frau Eller noch ein freies Zimmer für die kommenden Tage finden kann.“ Wieder erhielt Friedrich nur ein Nicken, doch er störte sich nicht an Hennings Wortkargheit, er verhielt sich genauso, wie Friedrich sich fühlte. Der Arzt führte den Dänen zur Tür des Raumes, als er Louis Blick auffing.Unwillkürlich lief Joséphine ein Schauer über den Rücken. Für einen Moment schlug ihr aus Louis Augen blanker Hass entgegen - doch nur für einen Moment, dann war der Ausdruck schon wieder aus den Augen des ehemaligen Adjutanten verschwunden, ganz so als wäre er nie dort gewesen
13. Juli 1779
The impression made upon the mind of Frederick and his congenial minister by the abilities of Mr. Lee, was highly favourable and honourable to his country and its He succeeded in obtaining from Frederick an assurance that he would afford no facilities to Great Britain, in procuring additional German auxiliaries, and that he would prohibit the passage through any part of his dominions of any troops (…). He obtained also permission (…) to carry on a direct commerce with the subjects of Prussia; and (…) to purchase (…) arms at the armories from which the king supplied his armies.
Auszug aus den Memoiren von Arthur Lee „Sind Sie ein Connaisseur der Musik, Doktor Deegen?“, fragte ein älterer Herr Friedrich über die Tafel hinweg. Er war ein Major, das erkannte Friedrich an seiner Uniform - vor seiner Abreise aus Amerika hatte von Steuben es sich, unter anderem, zu seiner Aufgabe gemacht, dem jungen Arzt die unterschiedlichen Ränge, Abzeichen und viele der wichtigsten Ordenssymbole einzubläuen, die er in Preußen antreffen würde.„Unglücklicherweise nicht Major, die einzige Musik die ich seit langem gehört habe, war der Kanonendonner auf den Schlachtfeldern“, erwiderte Friedrich während die Bediensteten die Teller wegräumten. Der Graf von Hermsen hatte Friedrich und Louis zu einer Soiree eingeladen und Friedrich hatte, so unangenehm ihm solche Zusammenkünfte im Allgemeinen doch waren, natürlich dankend angenommen. Solche Abende boten immer eine Vielzahl an willigen Zuhörern, denen er von Amerikas Kampf um Unabhängigkeit berichten konnte. Auch wenn der Quäker sich wohl nie im Leben mit solchen Feierlichkeiten anfreunden könnte, er fühlte sich nach all diesen Monaten doch weitaus weniger fehl am Platz, als er es noch zu Beginn getan hatte.„Die Musik eines ehrenhaften Mannes, wenn ich das sagen darf“, kommentierte ein anderer Gast - seine Uniform verriet ihn als General, Friedrichs vorherige Aussage. “Doch Doktor Deegen, was hat Euch von den Schlachtfeldern Amerikas nach Preußen gebracht?“„Der Kongress in Philadelphia hat mich gebeten General La Fayette nach Frankreich zu begleiten. Vor meiner Rückkehr nach Amerika hatte ich den Wunsch noch einmal in meine alte Heimat zurückzukehren - ich bin hier in Preußen geboren worden und habe meine ersten Lebensjahre an der Küste dieses großartigen Landes verbracht“, antwortete Friedrich geschickt. Die Regel des Königs stand noch immer. Ihm waren gewisse Freiheiten eingeräumt, jedoch nur solange er keine offizielle Rolle annahm.„Das preußische Blut merkt man Ihnen an, wenn ich das sagen darf. Eine Eigenschaft die Ihrem britischen Kollegen gänzlich fremd ist- dabei er doch eine Preußin geheiratet hat21.“„Mein Kollege? Sir, ich bitte um Verzeihung, aber hier scheint ein Missverständnis vorzuliegen.“„Nun haben Sie sich nicht so Doktor Deegen, am Hof hört man viel Gerede und keiner der hier Anwesenden wird Ihnen einen Strick daraus drehen.“ Diese Versicherung beruhigte den jungen Arzt ein wenig, der es sich auf keinen Fall erlauben konnte, einen Fehltritt auf dem diplomatischen Paket zu tun. Ein scheues Lächeln umspielte seine Lippen, als die anwesenden Gäste nun höflich aber offen, nach der politischen Zukunft Amerikas in Preußen fragten. Louis gefiel dieses Lächeln. Friedrich gab ausführliche aber gleichsam unverbindliche Antworten, schaffte es viel zu erzählen, ohne doch zu viel indiskretes Wissen preiszugeben. Louis gefiel das.Sobald der letzte Gang beendet war, lud der Graf vom Hermsen zu Musik und Tanz in den Salon. Louis sah Friedrich etwas abseits stehen, wie er mit einem aufmerksamen Blick die tanzenden und lachenden Gäste beobachtete. Der Blick des adeligen Preußens wanderte über den zierlichen Körper des Arztes und in dem Moment traf er einen Entschluss. Heute Abend würde es so weit sein. Er hatte bereits so lange gewartet, so lange geduldig sein Spiel gespielt - heute wäre damit endlich Schluss. Louis wusste, dass er sich nicht immer so hatte beherrschen können, wie es nötig gewesen wäre, wie ihm manchmal seine Maske verrutscht war. Er wusste auch, dass Friedrich misstrauisch war. Noch schob der Amerikaner Louis Verhalten auf die langen Monate der Trennung, aber Friedrich war nicht dumm - vieles mochte er sein, aber ganz gewiss nicht dumm. Im Gegenteil sogar, kein Dummkopf überlebte solch ein Spiel so lange wie Friedrich es bisher getan hatte.Louis ließ eine Hand in seine Tasche wandern, ertastete das Papier mit seinen Fingern. Vielleicht war Friedrich doch ein Dummkopf. Das Papier in seiner Tasche war gefaltet und er zog mit dem Nagel über die Faltnaht. Es war ein gerechter Handel, fand Louis. Friedrich könnte nein sagen, jederzeit. Louis lächelte. Friedrich würde aber nicht nein sagen, das war dem jungen Mann bewusst. Sein Lächeln wurde breiter.Er konnte sich nicht daran erinnern, wann er seinen Plan, seinen Entschluss getroffen hatte - sicherlich erst nachdem sich der erste Schock gelegt hatte. Wobei, wenn man es genau betrachtete, hatte es diesen initialen Schock nie gegeben. Stattdessen hatte es da eine langsam aber stetig wachsende Gewissheit gegeben, die über Monate, ja, über Jahre zusammen mit seinem Plan gereift war. Als er nach Preußen zurückgekehrt war, hätte dies beinahe seine Pläne vereitelt. Er hatte sich selbst während der gesamten Atlantiküberquerung geärgert. Es wäre sein Recht gewesen - aber in Amerika auch kaum durchführbar gewesen. Doch dann hatte er einen Brief erhalten, Friedrich würde als Botschafter nach Preußen kommen, alleine. Louis hatte sein Glück kaum fassen können. Hier in Preußen war Friedrich fremd und schutzlos und alleine. Hier war er ein Niemand und Louis ein Jemand. Louis kannte das Gefühl von Macht, doch es ging ihm nicht alleine um Macht, es ging ihm um so viel mehr, um Herrschaft, um Zucht und Ordnung, um die natürliche Hierarchie, und Überlegenheit, um die Möglichkeit Friedrich seinem Willen nach zu beugen und zu brechen - vielleicht ging es auch darum, dem Marquis de La Fayette eine Lektion zu erteilen. Nicht, dass Louis persönlich etwas gegen den Marquis hatte. Die beiden Adeligen hatten sich immer sehr gut verstanden - aber der Marquis war ein überaus einflussreicher und angesehener Mann geworden und es war immer ein besonders mitreißendes Gefühl, einen solchen Mann übertrumpfen zu können, ihn wieder auf den Boden der Tatsachen zu holen. Denn eins stand fest, auch ein umjubelter Marquis musste auf seine Gespielin ein wachendes Auge haben.Louis lächelte und trat auf Friedrich zu, knuffte seinen Freund in den Arm. „Du siehst schon wieder so aus, als ob würde dir der Abend keinen Spaß machen. Warum stehst du so alleine hier im Abseits? Amüsiere dich.“Friedrich zuckte mit den Schultern. „Ich bin für solche Festivitäten einfach nicht geschaffen. Ich bin der langweiligste Mensch den ich kenne.“Louis lachte schallend und entlockte mit seiner Reaktion auch Friedrich ein Lächeln.„Na, wenigstens bist du ehrlich dabei.“Friedrich zuckte mit seinen zierlichen Schultern. „Ich denke in diesem Fall bleibt mir wenig anderes als die Wahrheit übrig. Nicht, dass ich meine Abneigung gegenüber solchen Zusammenkünften verheimlichen könnte.“„Dann würde ich vorschlagen, dass wir bald aufbrechen.“„Nein, nein, wenn ich mich jetzt verabschiede, habe ich Angst unhöflich zu erscheinen. Ich werde mindestens noch eine halbe Stunde bleiben. Außerdem, du musst nicht meinetwegen auf einen geselligen Abend verzichten! Ich finde den Weg in meine Unterkunft auch alleine, weißt du? Du sollst den Abend genießen, die letzten Wochen waren für dich ebenso anstrengend wie für mich“, führte Friedrich seinen Plan aus und schlug ein dargebotenes Glas Wein aus. Louis dagegen nahm seines an.„Ich habe ebenso wenig ein Bedürfnis hier länger zu verweilen, wie du. Unser Gastgeber, der Graf von Hermsen - wir beide hatten ein Zerwürfnis in der Vergangenheit. Das Kriegsbeil ist begraben, aber ich bin dennoch davon überzeugt, dass einzig unsere Freundschaft mir meine Einladung beschert hat.“An dieser Stelle war es an Friedrich zu lachen. „Da habe ich nach all meiner Zeit in Preußen nun doch endlich jemanden gefunden, mit dem du dich nicht blendend zu verstehen scheinst - dass ich das noch erleben darf. Gut, dann lass uns zur nächsten vollen Stunde aufbrechen.“Louis stimmte diesem Vorschlag mit einem Kopfnicken zu, auch wenn er annahm, dass Friedrich seine Reaktion nicht mehr sah, da die Aufmerksamkeit des Arztes alsbald von der Baronin Regenfeld eingenommen wurde. Die Dame hatte schon den ganzen Abend Deegen umtänzelt, wie ein Hund seinen Besitzer. Ganz Berlin wusste, dass die Baronin ihr Ehegelöbnis von Zeit zu Zeit mit jungen Schönlingen brach.Zu dem Zeitpunkt wo Friedrich sich endlich - endlich - von einer sehr enthusiastischen und sehr von sich selber überzeugten Baronin Regenfeld hatte lösen können, war es bereits nach der mit Louis verabredeten Zeit. Der junge Arzt verlor daher keine Augenblick und suchte Louis unter den geladenen Gästen. Die beiden verabschiedeten sich (nun wo Friedrich bewusst darauf achtete; Van Linkensdorfs und von Hermsens Umgang miteinander war in der Tat etwas hölzern).Sobald er dann aus dem Foyer des Grafens hinaus in die kühle klare Nachtluft Berlins getreten war, entließ Friedrich einen langgezogenen Seufzer. Oh, welchen Komfort er in den Stillen Stunden der Nacht finden konnte.„Kommst du?“, drängte Louis. Obwohl die Nacht lau war, sah er doch ein wenig verfroren aus. Friedrich grinste in sich hinein, verlor aber keinen Moment mehr, um zu seinem Freund aufzuschließen.Berlin kam nie zur Ruhe, nicht wirklich. Selbst jetzt noch, zu dieser späten Stunde, bevölkerten Männer und Frauen die Straßen, die Tavernenfenster waren hell erleuchtet und aus so manch einem Haus drangen noch angeregte Stimmen. Der Mondschein, der ungewöhnlich hell in dieser Nacht war, fiel auf das blank getretene Kopfsteinpflaster der Straßen und verwandelte Berlin für Joséphine damit in die Märchenwelt ihrer frühsten Kindheitserinnerungen. Wie schon einige Monate zuvor mit La Fayette in den Garten von Versailles, war da diese unbeschreibliche, überschwängliche und überglückliche Euphorie in ihr, die sich langsam aber sicher ihren Weg nach außen bahnte. Auch Louis war dies nicht entgangen.„Ich bin jedes Mal wieder fasziniert zu sehen, wofür du dich alles begeistern kannst“, meinte der Adelige und schlang seine Arme um den Oberkörper, ihm schien wirklich kalt zu sein.„Die Nacht ist einfach so schön“, schwärmte der junge Arzt und drehte sich im Gehen einmal um die eigene Achse, vollkommen unbeschwert. Louis lachte neben ihm, sein Atmen formte kleine Wölkchen in der Nachtluft.„Mir würde ein Weg einfallen, wie diese Nacht noch schöner werden könnte“, meinte er dann. Friedrich blickte fragend zu seinem Freund herüber. Seine Augen groß im Mondlicht. „Ein Freund von mir ist Maler am Hof des Königs, sein Atelier ist nicht weit von hier und ich weiß wo er seinen Ersatzschlüssel aufbewahrt. Wenn du magst, können wir uns seine Bilder ansehen, die Werke an denen er gerade arbeitet.“„Dürfen wir das?“„Natürlich, er hat mir nicht ohne Grund gezeigt, wo der Ersatzschlüssel liegt. Einzig wenn er noch arbeitet, dann dürfen wir ihn nicht stören. Aber ich kenne Gustav, er ist ein Frühaufsteher mehr denn eine Nachteule“, versicherte Louis. Als er zu Friedrich herüber sah, wurde sein Vorschlag von zwei großen freudigen Augen bejahet.Louis hatte Recht, das Atelier lag wirklich nur wenige kurze Minuten Fußweg entfernt und ebenso Recht hatte er. was den Zweitschlüssel anging. Der ehemalige Adjutant hatte selbst in der Dunkelheit keine Mühe den besagten Schlüssel zu finden. Die Tür zu dem Atelier öffnete sich mit einem Knarren und die beiden Freunde traten ein. Während Friedrich weiter in das Innere trat, hielt sich Louis an der Tür auf, bemüht eine Kerze zu entzünden, solange das Mondlicht noch durch die offene Tür herein fiel. Doch der Schein des Mondes alleine reichte schon aus, um Friedrich eine Vielzahl an Farben und Figuren zu offenbaren, die seine Fantasie und Freude vollkommen in den Bann nahmen. An solch einem wundervollen Ort war er noch nie gewesen, stellte er fest. Das Flackern hinter ihm verriet dem jungen Arzt, dass Louis endlich die Kerze entzündet hatte. Nun trat auch er weiter in den Raum hinein. “Gefällt es dir ... Joséphine?”, erklang Louis Stimme vom anderen Ende, simultan mit dem Geräusch der Tür die ins Schloss fiel.
Die in diesem Kapitel geschilderte diplomatische Mission hat in dem Zeitraum von Juni 1777 bis Dezember 1777 stattgefunden - also lange vor unserer Geschichte in 1779. Allerdings haben sich bis Mitte 1779 die diplomatischen Verhältnisse in Preußen wenig bis gar nicht verändert. Die verschiedenen amerikanischen Botschafter haben immer wieder ihre Frustration darüber kundgetan, dass man nach den anfänglichen Erfolgen von 1777 nicht weiter vorankam. Trotz dieser zeitlichen Differenz von anderthalb Jahren, habe ich die diplomatischen Verhältnisse also dennoch so belassen, wie sie in 1777 waren. Die Ziele der amerikanischen Gesandten an den preußischen Hof sind durch das Eingangszitat recht gut zusammengefasst. Als Botschafter entsandt waren Arthur Lee (dessen Memoiren eine tolle Quelle waren) und Stephen Sayre, der absolut gar nichts zu dem Erfolg der Mission beigetragen hat und die Hälfte der Zeit scheinbar seinen privaten Angelegenheiten nachgegangen ist. Lee ist am 1. Juni 1777 von Paris nach Berlin aufgebrochen und blieb in der Stadt bis Mitte Dezember 1777.
Lee beschreibt sein Dilemma wie folgt in seinen Memoiren: „He was permitted to reside in Berlin in a private character, and to hold a secret correspondence with the Prussian court.“
Gebhard Werner von der Schulenburg (1722-1788) entstammte einem prominenten preußischen Adelsgeschlecht und baute ein besonderes Vertrauensverhältnis zu König Friedrich II auf. Er war Legationsrat, Hofmarschall und später Geheimrat und Minister. Aufgrund seines Könnens und seiner engen Beziehung zum König wurde er häufig auf wichtige diplomatische Missionen entsandt.
Lee und Schulenburg haben sich ausschließlich in Französisch geschrieben und häufig begannen ihre Briefe mit der Richtigstellung von Missverständnissen, die entstanden waren, da für keinen der beiden Herren Französisch die Muttersprache war.
Lee hat diesen Brief (29. Juli 1777) in der Tat so geschrieben. Die englische Übersetzung des französischen Originals lautet: „Sir, -- The singular wisdom with which your majesty has made your kingdom so flourishing, the wise steps which have carried the prosperity of your dominions to a degree truly astonishing (…)“
Hugh Elliot (1752-1830) war ein bedeutender britischer Diplomat. Stationiert war er in Bayern, Preußen, Dänemark, Sachsen und Neapel. Während seiner Zeit in Dänemark schreibt man es ihm zu, einen Krieg zwischen Schweden und Dänemark verhindert zu haben. Er war darüber hinaus Abolitionist und setzte sich für den Slave Trade Act von 1807 ein.
Anspielung an Thomas Mores Buch „Utopia“.
Solch ein Treffen der beiden Botschafter (Lee und Elliot) hat es meines Wissens nach nicht gegeben, zumindest erwähnt keiner der beiden Herren etwas dergleichen. An dem Eingangszitat kann man aber sehen, dass Elliot durchaus ein gesteigertes Interesse an Lee hatte.
König Friedrich II hat Lee am 1. Juli 1777 geschrieben und ihn gebeten, alles weitere mit Schulenburg zu besprechen, hat ihm aber auch versichert, dass er selber den Vorfall ernst nimmt.
Die Darstellungen von Lee und Elliots Enkelin gehen an dieser Stelle weit auseinander. Während Lee sich alles in einem bedeckt hält, Elliot aber eine durchaus aktive Rolle zuschreibt, erklärt Elliots Enkelin, dass ihr Großvater ein paar unbedachte Äußerungen gemacht habe, die von seinen Angestellten falsch aufgegriffen worden sind. Elliot hätte aber sofort die Verantwortung dafür übernommen. Auch die Identität des Einbrechers (ein Engländer bei Lee, ein Deutscher bei Elliots Enkelin) unterscheiden sich, ebenso die Art, wie der Einbruch verübt wurde (ein nachgemachter Schlüssel bei Lee, bei Elliots Enkelin ein aufgestemmtes Fenster). Alles in einem scheinen Lees Schilderungen glaubhafter zu sein.
Auch hier gibt es wieder verschiedene Darstellungen. Elliots Enkelin schreibt, ihr Großvater hätte um seinen Rücktritt gebeten während Lee (und die Papiere des preußischen Hofes die ich einsehen konnte) es so darstellen, dass Elliot explizit zurückberufen wurde, nachdem der preußische König sich über den Vorfall beschwert hatte.
August Hennings ist ein wahnsinnig interessanter historischer Charakter, der als Politiker, Verwaltungsbeamter und Schriftsteller in Deutschland (Hamburg und Preußen) sowie in Dänemark und in der damaligen Grenzregion tätig war. Da Hennings heute relativ stark in Vergessenheit geraten ist, werde ich jede Möglichkeit nutzen ihn hier ins Rampenlicht zu stellen. Sein Auftritt in diesem Kapitel hat seine historischen Wurzeln in dem Jahr 1772. Hennings war 1772 mit der dänischen Gesandtschaft an den Hof von Friedrich II gereist und einige Zeit in Preußen geblieben.
Ein elf-jähriger Junge war die erste Person dem (dokumentiert) der Blinddarm entfernt wurde und der diese Operation überlebt hat. Er hatte eine Nadel verschluckt, welche den Darm perforiert und somit zu Entzündungen im Bauchraum geführt hat. Der Blinddarm selber war nicht entzündet, nur irreparabel verletzt.
Die Operation fand am 8. Oktober 1735 in London statt.
Claudius Amyand (1660-1740) war ein französischer Arzt der in die britische Armee eingetreten war und später zum Leibarzt des britischen Königs George II berufen wurde. Er führte die erste dokumentierte erfolgreiche Appendektomie durch.
Mit dem Aufkommen von Narkosemitteln wurde der Eingriff deutlich häufiger durchgeführt. Es blieb jedoch lange eine Unsicherheit, ab wann der Eingriff nun wirklich notwendig ist und wann der Patient sich von alleine erholt.
Johann Friedrich Struensee (1737-1772) war ein deutscher Arzt und Reformer der später zum Leibarzt des dänischen Königs Christian VII wurde. Mit dessen Frau, Königin Caroline Mathilde (jüngere Schwester von George III von England), hatte er eine Affäre. Diese Affäre sowie sein zunehmender Einfluss führten letzten Endes zu seiner Hinrichtung. Hennings war ein Freund von Struensee.
Johannes Ewald war trotz seines kurzen Lebens (1743-1781) ein sehr angesehener dänischer Dramatiker und Dichter. Er war ein Vertreter der literarischen Strömung der Empfindsamkeit, eine Strömung die gerade von Struensee sehr gefördert wurde.
Fiskerne ist eine dramatische Darstellung des Lebens von Fischern an der dänischen Küste von Johannes Ewald. Es ist aufgebaut wie ein Singspiel und wurde 31. Januar 1780 erstmals aufgeführt.
Zeltverbände, besonders nach der Technik des hier beschriebenen, werden heute nur noch äußerst selten angewandt, aber gerade in der Notfall- und Feldmedizin finden sie noch manchmal Verwendung.
Hugh Elliot heiratete 1778 Charlotte von Kraut (zuerst ohne die Zustimmung des preußischen Königs zuerst). Aus der Ehe ging eine Tochter, Isabella Elliot, hervor. Die Ehe wurde 1783 geschieden, da Charlotte mehrere Affären hatte. Elliot forderte einen dieser Liebhaber zum Duell und es wird angenommen, dass er aufgrund dieses Duells nicht die obligatorische Adelung erhielt, die die meisten Diplomaten in dieser Zeit erhielten. Elliot heiratete 1792 erneut.
----- CHAPTER BREAK -----
13. Juli 1779
Mr. Lee left Berlin with an understanding that a correspondence should be kept up between Schulenburg and himself, on the affairs oft he United States.
Auszug aus den Memoiren von Arthur Lee, amerikanischer Botschafter an den preußischen Hof. Joséphine erstarrte mitten in ihrer Bewegung, die Augen weit aufgerissen, ihr Herzschlag beschleunigte sich, ihr Mund war staubtrocken.“Was?”, rutschte es Joséphine heraus. Allein ihre zittrige Stimme verriet, dass etwas Wahres an Louis Worten war. Wie konnte es nur möglich sein, dass Louis etwas wusste. Und was für ein perfides Spiel hatte Louis mit mir gespielt, hatte sie die ganze Zeit mit seinem freundlichen Lächeln, seinen kameradschaftlichen Worten und lieben Gesten getäuscht. Hatte er sie auch schon in Amerika behandelt, so von oben herab, ohne ihr Wissen?„Ach bitte Joséphine, wir müssen keine Spielchen spielen“, meinte der Ältere der beiden und sein Tonfall kam einem verbalen Augenverdrehen gleich.„Ich ... ich ... ich ... was? Louis, ich kann das erklären, es ist nicht so wie du denkst!”„Ach nein, ist es nicht? Ich kenne dein kleines Geheimnis, Joséphine.”„Aber woher, wie hast du ...?”„Du solltest wirklich vorsichtiger sein mit dieser Art von Dokumenten, es kann gefährlich werden, sollte das hier einmal in die falschen Hände geraten“, meinte van Linkensdorf und hielt ein gefaltetes Blatt Papier zwischen den Fingern empor. Joséphine stockte der Atem. Ihre verloren geglaubten Papiere. „Doch wenn ich ganz ehrlich mit dir bin meine Liebe, war dies nur der letzte in einer langen Reihe an Fehlern, die du begangen hast. Möchtest du raten, was dein erster war, oder besser gesagt, der erste Fehler, der mich auf deine Schliche geführt hat?“, auf Louis Antlitz hatte ein triumphales und hochmütiges Lächeln Einzug gehalten, das Lächeln eines Mannes der wusste, dass er alle Karten in der Hand hielt. Joséphine brachte es nicht über sich zu antworten, noch hatte sie Lust in den Spielchen des Mannes, den sie einst einen Freud genannt hatte, zu partizipieren. Momentan beherrschte sie nur ein Gedanke und das waren das Echo ihres rasenden Herzens in ihren Ohren und die kalte Angst, die langsam aber sicher in ihr emporklomm. Doch ihr Schweigen schien Louis nicht im Geringsten zu kümmern.„James Hansen“, eröffnete Louis und Joséphine schloss für einen Moment die Augen. Das durfte nicht wahr sein.„Du hast mich gebeten ein Auge auf ihn zu haben, weißt du noch. Ich bin deiner Bitte freudig nachgekommen, doch ich war auch neugierig, weißt du. Im Grunde war es dein Fehler solch eine besondere Person unter die Aufsicht einer so neugierigen Person wie mir zu stellen. Ich habe mit ihm gesprochen, eines Abends. Es war nicht einmal meine Absicht, aber wir hatten zufällig die gleiche Taverne besucht, er war leicht als Soldat auszumachen und so kamen wir ins Gespräch, wir stellten und einander vor und schließlich war der Fall für mich recht klar. Ich muss sagen, dieser Hansen war ganz passable Gesellschaft für einen Abend, ein einfacher Mann, aber mit genügend Enthusiasmus, um diese Einfachheit wieder wett zu machen. Humor hat er auch, nicht einen Humor den ich teile, aber in Anbetracht seines provinziellen Hintergrundes bin ich gewillt ihm seine Ordinariat nachzusehen.“ Louis pausierte einen Moment. Joséphine war schlecht und die Worte ihres Gegenübers rüttelten an ihr. Van Linkensdorf Beobachtungen waren nicht zwangsläufig falsch, aber sie störte sich an dem Hochmut, der von jeder Silbe tropfte, ein Hochmut der auch gegen sie gerichtet war, sie, die den gleichen provinziellen Hintergrund hatte. Dazu noch war James der Mann gewesen, den sie gewählt hatte, im Guten wie im Schlechten, sie hatte ihn gewählt und vor Gott ihre Liebe bekundet. Auch wenn diese Liebe lange entwichen war, so war jeder Angriff auf James doch auch indirekt ein Angriff gegen sie.„Wir haben lange gesprochen an diesem Abend, weißt du. Über den Krieg und über Politik, wir sind sogar ein wenig philosophisch geworden - und dann haben wir über Heimat und Familie gesprochen. Weißt du, was er mir da an diesem Abend erzählt hat? Er hatte eine Frau gehabt, in seiner Heimat in Germantown. Hübsches kleines Ding soll sie gewesen sein, seine Joséphine. Haare von der Farbe wie die untergehende Sonne, hat er gemeint - und Augen so grün wie die einer Schlange, hat er angefügt. Denn, so hat er mir zu berichten gewusst und ich zitiere den Herren hier ‚eines Abends hat dieses nichtsnutzige Flittchen an Ehefrau reiß aus genommen und ist fortgelaufen. Das ganze Dorf dachte das dumme Ding sei gestorben und ich habe nur allzu bereit den trauernden Witwer gespielt, doch ich weiß es besser und ihre Familie auch.‘ Kannst du dir meine Verwunderung an diesem Abend vorstellen, als ich, fast wie aus einer Intuition heraus, nach dem Namen der Familie gefragt habe und ‚Deegen‘ als Antwort erhielt? Wie viele Deegens mag es in Germantown wohl geben?“ Louis lächelte noch immer so abscheulich und Joséphine machte einen Schritt nach hinten, ganz so als ob der räumliche Abstand ihr etwas mentale Klarheit gegeben könnte. Tränen brannten in ihren Augen, Tränen, die sie nicht mehr lange zurück halten könnte. Der ehemalige Adjutant war schlau und gerissen, daran bestand gar kein Zweifel - doch hatte er wirklich so gerissen sein müssen?„Ich nahm ursprünglich an, dass diese Joséphine vielleicht eine Schwester von dir sei, eine Cousine vielleicht, wo du doch immer so hoch von deinem Onkel gesprochen hast. Doch dann kam mir ein anderer Gedanke … gibt es ein besseres Versteck als die Kontinental Armee, die Armee nimmt so ziemlich alles und jeden, so verzweifelt ist sie. Wer schaut da schon zweimal hin? Nicht das man etwas bei dir sehen würde, du warst ja immer so verdammt prüde. Auch ist mir aufgefallen, dass du dich nie rasiert hast, nicht ein einziges Mal. Was mich aber wirklich stutzig gemacht hat, war eine alte beinahe vergessene Erinnerung. Kannst du dich noch an den Winter 1777/78 erinnern, es war so bitterlich kalt, wie haben uns in machen Nächten ein Bett geteilt, ich weiß gar nicht mehr wer von uns beiden mehr gezittert hat. Ich meinte immer damals etwas ertastet zu haben, aber das konnte ja nicht sein, oder? Solch ein dummer infantiler Gedanke, welche Albernheit … doch heute weiß ich, was ich gespürt habe.“„Louis, bitte. Lass es mir dir erklären, es ist nicht so wie du denkst - ich, ich … ich bin kein schlechter Mensch“, unterbrach Joséphine und schämte sich beinahe wie schwach und flehend ihre Stimme klang. Die Verzweiflung, die sie spürte, war nur allzu evident.„Das habe ich auch nie behautet meine Liebe, dein gutes Herz kann ich dir nicht absprechen, aber ich muss auch erkennen, dass du eine verrottete, freizügige Moralvorstellung hast“, entgegnete Louis. Die Tränen kullerten Joséphine nun frei über die Wangen. „Nach Hansens Tod war ich so auf deine Reaktion gespannt, ich hatte gehofft, sie würde mir den letzten Zweifel bezüglich meiner Vermutung nehmen. Ich muss zugeben, deine Reaktion hat mich enttäuscht, ich bin nicht ganz schlau aus ihr geworden - doch dann habe ich das hier gefunden.“ Louis hielt erneut das gefaltete Papier und wedelte damit herum.„Was wirst du jetzt tun?“, fragte Joséphine und ließ den Kopf hängen. Das war immerhin die alles entscheidende Frage. Ein Teil von ihr wusste die Antwort bereits, ein anderer Teil hoffte auf ein Wunder.„Keine Sorge, ich werde dir dieses Schreiben zurück geben … oder es verbrennen, je nachdem was dir lieber ist, aber du wirst wieder die Kontrolle über dieses Dokument haben“, versprach Van Linkensdorf und Joséphine sah auf. Ihre Sicht war durch ihren Tränenschleier hindurch noch immer verschwommen, doch schnell wischte sie sich die Tränen mit dem Handrücken ab. War das vielleicht ihr Wunder?„Danke“, hauchte sie hoffnungsvoll.„Ich habe natürlich meinen Preis, ich schlage dir ein Geschäft vor“, führte Louis weiter aus und Joséphines Hoffnung auf ein Wunder schwand augenblicklich. Männer wie Louis boten Mädchen wie ihr für gewöhnlich nur eine Art von Geschäft an. Dennoch fragte sie, beinahe unschuldig nach, immer noch auf ihr Wunder wartend.„Und was wäre mein Teil dieses Geschäftes?“Statt eine direkte Antwort zu geben durchquerte Louis nur den Raum und ließ sich auf einer der, an der Außenwand des Raumes, arrangierten Chaiselongue nieder. Er steckte das Joséphines Papier in seine Westentasche und klopfte mit der nun freien Hand auf den Polsterstoff neben sich.„Nein! Nein, niemals!“, erhielt Louis als Antwort doch sein widerliches Lächeln machte Joséphine augenblicklich unsicher in ihrer Entscheidung„Ganz wie du meinst. Ich bin kein schlechter Mensch Joséphine, ich würde dich nie zwingen. Doch sei dir bewusst, dass ich dieses Papier der Öffentlichkeit zukommen lasse werde, sollte unser kleiner Handel nicht zustande kommen. Mir liegt Amerika am Herzen und eine Veröffentlichung dieser Papiere in Europa würde einer Blamage ungekannten Ausmaßes gleichkommen. Ich bin kein schlechter Mensch, sowas würde ich nicht wollen - aber in Amerika selber gibt es sicherlich genügend Menschen, die an den Informationen interessiert wären. Ich könnte beispielsweise General Washington schreiben - und natürlich hoffen, dass der Brief nicht von den Briten abgefangen wird, geschieht ja häufig in diesen Tagen. Aber es wäre wirklich eine Tragödie, wenn der Brief mit diesen Informationen den Briten in die Hände fallen würde.“Joséphine schluckte nur schwer, ihr Mund und Hals waren noch immer trocken wie ein Wüstental. Sie starrte Louis mit großen Augen an, konnte - wollte sich nicht ausmalen, was als nächstes geschehen sollte.„Was ist? Du scheinst kein Interesse an diesem Handel zu haben, fein. Ich werde hier sitzen bleiben, ich werde dir nicht nachjagen“, versprach Van Linkensdorf dann, als Joséphine den kleinsten Schritt in Richtung der Tür machte. Es war eine rein körperliche Bewegung, ihr Geist verharrte noch immer an seiner alten Stelle, ganz in das Angebot von Van Linkensdorf vertieft.„Nur eine Sache noch, wenn ich darf?“, holte dieser dann auch noch einmal aus. Joséphine erstarrte wieder. „Ich würde dich gerne darauf hinweisen, dass dein Name nicht der Einzige auf diesem Papier ist. Der Marquis hat es unterschrieben, nicht? Seine Unterschrift ist ganz deutlich zu erkennen. Was die Veröffentlichung dieser Papiere wohl für ihn bedeutet? Wenn Washington es erfährt, er und der Marquis stehen sich so nahe, dem Marquis ist seine Beziehung zu Washington ach so wichtig … doch was wird wohl passieren, wenn Washington erfährt, was der Marquis getan hat, was er gebilligt hat. Was wird der französische Hof wohl sagen? Das französische Volk? Seine Familie? Momentan scheint ganz Europa ihn zu lieben, nun mit Ausnahme Englands, wobei er auch da Freunde hat, doch Europa würde wohl weniger wohlwollend auf ihn herab sehen, sollte sein Verhalten öffentlich werden.“„Du sagtest, du würdest Amerika und den amerikanischen Bemühungen nicht schaden wollen, indem du meine Papiere in Europa veröffentlichst.“„Natürlich, das sagte ich.“„Wenn der französische Hof von mir erfährt, dann fällt das nicht nur auf La Fayette zurück. Das fällt dann auf ganz Amerika zurück, der französische Hof behält keine Geheimnisse.“„Wohl wahr … aber du hast deine Entscheidung getroffen und ich werde das respektieren.“ Louis Lächeln war schrecklich.Joséphines Tränen hatten wieder zu laufen begonnen, als sie tief einatmete und für einen Moment die Augen schloss. Herr vergib mir. Vater, steh mir bei. Mit mehr Kraft als sie in sich zu haben geglaubt hatte, fuhr sie herum, der Blick auf die erkaltete Asche im Kamin gerichtet.„Entfache ein Feuer wenn es dir beliebt Louis… anders wird es uns wohl zu kalt werden.“ Louis kam schnell wieder auf die Füße nachdem er sich an Joséphine ausgelassen hatte. Er zog sich seine Hose hoch während er in die Richtung des Kamines schritt. Er kniete nieder und warf einen weiteres Holzscheit in das prasselnde Feuer. „Ist es dir warm genug?“, frage er, beinahe fürsorglich, beinahe wie ein Liebhaber am Morgen danach. Doch nur beinahe. Joséphine gab keinen Laut von sich, bewegte keinen Muskel. Sie lag einfach nur abwesend da – so wie sie die ganze Zeit da gelegen hatte. Sie war kein einziges Mal auf Louis eingegangen, er hatte sich selber zu seiner Freude verhelfen müssen, ganz ohne ihr williges Zutun. Immer noch auf eine Antwort wartend trat Louis wieder näher an Joséphine heran, diese zuckte ob seiner Präsenz unbewusst zusammen. „Du zitterst“, bemerkte der Preuße und klang dabei ehrlich interessiert daran, dem Umstand Abhilfe zu schaffen. Er hob ihr Hemd vom Boden auf und breitete es über ihr aus und ließ sich neben Joséphine auf dem Polster nieder. Seine Nähe widerte sie an. Ein paar Momente des Schweigens vergingen in den Joséphine weiter starr die Wand ihr gegenüber ansah und Louis ihr Gesicht mit schiefgelegtem Kopf betrachtete. „Sag mir Liebes, wie vergleichen wir uns?“, brach Louis dann die Stille und stand auf, um mit den Knöpfen seiner Hose herum zu fingern.„Wer?“, fragte Joséphine mit heiserer Stimme, mehr ein Krächzen.„Der Marquis und ich.“Joséphine spürte, wie sich die Wut in ihr anstaute. Wäre sie nicht so lethargisch, wäre sie unheimlich wütend gewesen. Doch trotz dieser Beleidigung sowohl ihrer Tugend, als auch der des Marquis konnte sie nicht die Kraft zusammen raffen, die es benötigt hätte, um die Wut in ihrer Stimme hörbar zu machen.„Diese Frage nun kann ich nicht beantworten, denn der Marquis war mir gegenüber stets ein vollendeter Gentleman.“Louis lachte schallend auf und das Geräusch echote stumpf in dem großen Atelier umher. Sein Amüsement war noch deutlich in seiner Stimme zu erkennen, als er zu sprechen begann. „Oh natürlich Joséphine, der Marquis ist ein reicher, angesehener Mann, adelig, ein General, jung und darüber hinaus sieht er auch noch ganz passabel aus, aber du möchtest mir erzählen, dass so ein Bauernmädchen wie du nie die Beine für ihn breit gemacht hat?“Joséphines Gesicht verzog sich ob dieser vulgären und obszönen Worte, doch sie sprach nicht. Louis sah das wohl als Aufforderung selber weiter zu sprechen. „Oder möchtest du mir etwa weiß machen, dass der Marquis dein Geheimnis für sich behalten hat, nur aus der Güte seines Herzens heraus – wenn er stattdessen dich als Gegenleistung hätte haben können?“ Louis Hand strich abwesend über Joséphine Schenkel. Für einen Augenblick kam Joséphine der Gedanke Louis zu antworten, dass sie nicht nur La Fayette sondern auch jeden anderen General im Lager gebettet hatte, hoffentlich hatte sie sich dabei nichts eingefangen. Doch sie entschied sich gegen solch einen erniedrigenden Kommentar. Sie war besser erzogen, sie war gottesfürchtig und wollte verdammt sein, wenn sie Louis einen Grund lieferte, seine Theorien für wahr zu halten. „War er das?“, fragte der Preuße, als seine Finger von ihrem Schenkel zu ihrem ausgestreckten Arm wanderten. Seine Finger streichelten beinahe zärtlich über ihre Narben. „Gefällt ihm soetwas?“Genug war genug und Joséphine fand es endlich in sich Louis Hand wegzuschlagen. „Meine Papiere!“„Natürlich, natürlich, deine Papiere.“ Louis beugte sich herunter und fischte das Schriftstück aus seiner Tasche. Mit zwei großen Schritten war er beim Kamin angelangt und hatte das Papier schon beinahe den Flammen übergeben, als sich plötzlich etwas in Joséphine regte.„Nein.“„Wie bitte?“ fragte Louis und drehte verdutzt den Kopf in Richtung der Chaiselongue.„Ich sagte nein. Du sagtest, du würdest es mir wiedergeben, ich will nicht, dass du es verbrennst.“„Joséphine, sei vernünftig. Das Papier ist viel zu gefährlich, du hast es bereits einmal verloren, wer weiß wann und wo du es wieder verlieren wirst. Mach dir das Leben doch nicht schwerer als es sein muss.“„Ich sagte nein", zischte Joséphine und setzte sich aufrecht hin, das Hemd immer noch vor sich haltend. „Dummes Ding, bist du den unfähig zu lernen?“, fragte der Ältere, ließ die Papiere jedoch wie versprochen in Joséphines Schoß fallen. Für einen Moment hing der Blick der jungen Frau an dem Dokument, bevor sie zu einer Antwort ansetzte.„Wenn man einen Fehler macht, dann muss man die Konsequenzen tragen, wenn man die Konsequenzen nicht tragen kann, dann lernt man aus seinem Fehler, macht ihn nicht noch einmal. Man versteht, dass man es sich nicht erlauben kann, den gleichen Fehler noch einmal zu machen. Aber … wenn man die Konsequenz tragen kann, dann lernt man auch nicht. Also ja, vielleicht bin ich ein dummes Ding, das nicht lernt, rühm dich meinetwegen damit, das entdeckt zu haben – aber das ist auch alles womit du dich rühmen kannst, Louis. Ich folge meinem Gott wohin er mich auch leiten mag und solange er mich leitet, kann die Dunkelheit mich nicht fassen, solange kann ich jede Konsequenz ertragen.“„Meine Liebe, warum konntest du solch ein Feuer nicht gerade zur Schau stellen. Das wäre unserer Zusammenkunft sicherlich dienlich gewesen.“ Joséphine schnaubte und Louis grinste daraufhin schief. Mit einer Hand fuhr er sich über sein Haar, um dessen Zustand zu prüfen. Augenscheinlich wohl zufrieden zog er seinen Mantel über und machte eine spöttische Verbeugung. „Ich denke wir sind hier fertig. Ich würde dir empfehlen, dich ebenfalls wieder herzurichten, in diesem Aufzug sollte dich besser niemand zu Gesicht bekommen.“ Damit drehte sich Louis dann herum und ließ Joséphine alleine in dem Atelier zurück. Joséphine war später unfähig zu erklären, wie sie in ihr Zimmer gelangt war. Eher erschien es, als habe sie nur einmal geblinzelt und schon hätte sich das Atelier in ihre vorübergehende Unterkunft verwandelt. Fast so schien es, als wären die letzten Stunden nicht existent gewesen - doch der scharfe Schmerz zwischen ihren Beinen als Joséphine einen Schritt auf den Tisch zumachte, belehrte sie eines Besseren. Für einen Moment war sie wieder wie erstarrt. Sie ruhte vollkommen in sich und in ihrem Kopf spielte sich ein absurder Prozess ab. Die Erinnerungen an die vergangenen Stunden waren blass und verschwommen, Joséphine gab sich allergrößte Mühe, die Erinnerung blass und verschwommen zu halten, doch gleichzeitig jagte sie den Erinnerungen auch nach, versuchte sie zu fassen, wie kleine Insekten die man als Kind in der hohlen Hand fing.Auf dem Tisch lagen Briefe, die sie am Morgen begonnen hatte zu schreiben, die aber noch nicht fertiggestellt oder abgeschickt worden waren. Die unvollendeten Briefe, die, die noch gesiegelt waren, nahm sie zur Hand, strich das Datum in der rechten oberen Ecke des Briefes durch und datierte die Briefe einen Tag zurück. Die restlichen Briefe, die, die schon gesiegelt waren und damit nicht mehr zu manipulieren waren, warf Joséphine in die Flammen des Kamins. Es war unnütz, half ihr nicht wirklich weiter, im Gegenteil, sie sah sich damit nur mit mehr Arbeit konfrontiert. Doch es fühlte sich gleichsam auch richtig an. Joséphine wollte so unbedingt diesen Tag aus dem kollektiven Gedächtnis löschen, so unbedingt tun, als ob er einfach nicht geschehen war.Ein Klopfen ertönte an der Tür und Friedrich zuckte zusammen. Er hielt die Feder noch immer in der Hand, so fest, dass seine Hand bebte und der Federschaft zu brechen drohte. Er trat an die Tür, öffnete sie einen Spalt und erwartete halb, Louis dort vorzutreffen - es war jedoch nur Frau Eller.„Verzeihen Sie Doktor Deegen, wenn ich Sie zu so später Stunde noch störe, aber ich habe noch Licht bei Ihnen gesehen. Vorhin, als Sie ausgegangen waren, da ist ein Brief für Sie abgegeben worden, ich dachte mir, den sollten Sie sofort erhalten.“ Die Dame hielt Friedrich den gefalteten Brief entgegen und der junge Arzt nahm ihn zögerlich. Er hatte weder die Kraft noch die Muße sich momentan mit irgendwelchen geschäftlichen Dingen zu beschäftigen. Auch nachdem sie den Brief überreicht hatte, blieb Frau Eller noch regungslos vor Friedrichs Tür stehen. Der schenkte ihr einen fragenden (und sehr ungeduldigen) Blick. Er wollte einfach nur alleine sein.„Verzeihen Sie Sir, ich weiß, dass es mich nichts angeht, aber ich möchte Sie dennoch fragen, ob alles in Ordnung ist. Sie sehen fürchterlich aus.“ Aufrichtige Besorgnis schwang in ihrer Stimme mit. Friedrich seufzte. „Nein, es ist nicht alles in Ordnung. Ich würde jetzt nur gerne alleine sein.“Frau Eller nickte respektvoll und trat den Rückzug an, nur um von Friedrich nach einem Moment noch einmal aufgehalten zu werden.„Sind Sie eine gute Christin, Frau Eller?“„Aber natürlich!“„Würden Sie für mich beten? Könnten Sie das für mich tun?“Die Inhaberin bedachte ihren Gast mit einem langen Blick. Die Stimme des junges Mannes, diese einfache, doch verzweifelte Bitte, trafen Frau Eller mitten ins Herz - als Mensch und Mutter. „Das werde ich tun, Sir“, antworte sie sanft.Sobald die Tür hinter ihr wieder ins Schloss gefallen war, warf Joséphine den Brief auf den Tisch zu ihrer übrigen Korrespondenz. Unschlüssig was sie nun tun sollte, blieb sie in der Mitte des Raumes stehen. Jeder Schritt tat ihr weh. Schließlich nahm sie den Brief wieder zur Hand, dieser versprach zumindest etwas Verstreuung. Doch sobald sie das Siegel gebrochen hatte und die ersten Zeilen gelesen hatte, bereute sie ihre Entscheidung auch schon wieder. Der Brief war von Henry.„Meine liebe Joséphine, Monate sind ins Land gegangen, ohne dass ich mein Versprechen, dir zu schreiben, gut gemacht hätte. Verflucht sei diese abscheuliche Distanz zwischen uns. Ich bin unruhig dir alles zu erzählen, was mir widerfahren ist, doch die Ungewissheit, ob dieser Brief dich überhaupt erreichen wird, hat mich zum Schweigen gebracht, solange, bis wir eines glücklichen Tages uns wiedersehen. Ich zähle darauf, dass du nach Amerika zurückkehrst, meine gesamte Lebensfreude hängt davon ab. Du musst zu mir zurückkehren, oder ich muss verzweifeln. Jeden Tag vermisse ich dich mehr und mehr. Schreib mir bald und schreibe mir, wann du ein Schiff besteigst, dass dich nach Amerika bringt, damit ich ungeduldig die Tage zählen kann, bis ich dich wieder an meiner Brust halten und dir jede Regung meines Herzens preisgeben kann.1Ich kenne dein gutes Herz Joséphine, sei nicht grausam, indem du mir nicht schreibst. Wenn du mir schon keine Zugeständnisse machen kannst, so schreib mir doch wenigstens ein paar Zeilen über dich, wie es dir in Berlin ergeht. Ist der Himmel in Berlin auch so grau, wie er es hier für mich in Amerika ist - so ganz ohne dich?Joséphine hatte die Lektüre des Briefes erst halb beendet, da ließ sie sich am Tisch nieder, vergrub den Kopf in ihren Armen und begann bitterlich zu weinen, so, dass es jedem Menschen das Herz hätte erweichen müssen, der sie so gesehen hätte. Wie sollte sie Henry nur je wieder in die Augen blicken können. Wie konnte sie von ihm erwarten, dass er ihr ihr Verhalten verzeihen würde? Wie konnte sie von ihm erwarten, ihr je wieder zu vertrauen? Sie hatte Henry genauso hintergangen wie sich selbst.Die Stunden verstrichen und schon bald färbte der Himmel über Berlin sich in hellem rosa, in orange und weiches gelb. In Berlin brach eine Zeit an, die meist mit tiefsinnigen Gedanken, weitreichenden Überlegungen, mit einer inneren Harmonie und sehnsüchtigen Blicken angefüllt war - doch nicht heute. Nicht Joséphine. In Joséphines Innerem herrschte eine Leere, dass es erschreckend war. Es waren nicht nur die Ereignisse der letzten Stunden, die sich in der Leere verloren, nein, es schien ganz so, als ob diese Leere langsam aber sicher jede glückliche Erinnerung, jede sorgenfreie Minute die die junge Frau je gehabt hatte, verschlingen würde. Solange bis Joséphine nicht mehr wusste, dass sie einst glücklich gewesen war. Solange, bis sie nicht mehr wusste, wie man glücklich war. Doch mit der Morgenröte regte sich in Joséphine etwas, mit der Leere hatte auch eine Einsamkeit, in ihre Seele Einzug gehalten, eine Einsamkeit die sie nicht länger ertragen konnte. Mit einer schnellen Bewegung stand sie auf, wischte sich die bereits getrockneten Tränen von den Wangen und griff nach ihrem Mantel. Es gab nur einen Ort, an dem sie nun sein wollte.Friedrich war sich erst nicht sicher gewesen, ob er die Kirche finden würde. Immerhin befand sie sich in einem Teil von Berlin, den er bisher nur aus Erzählungen kannte wie ein fernes Land. Doch mag es Glück oder göttliche Fügung gewesen sein, der junge Arzt fand den Weg. Die Straße in der die Kirche stand war dunkel und eng, trotz der frühen Stunde drängelten sich schon Männer und Frauen jeden Alters durch die Gasse. In der warmen Sommerluft saß der Gestank der Nachttöpfe, die zu dieser Zeit geleert wurden. Französisch in jeder nur erdenklichen Form, gesprochen mit jedem nur erdenklichen Akzent und Dialekt drangen an sein Ohr. Friedrich stand im französieren Viertel Berlins vor der katholischen Kirche, die sein Vater und sein Onkel als kleine Jungen besucht hatten.Friedrich stieß die Tür auf, einen Spalt nur, und schlüpfte in die Kirche hinein. In dem Inneren war es angenehm kühl und durch die dicken Steinmauern klang das Stimmengewirr von der Straße nur wie ein leises Murmeln. Augenblicklich fühlte sich Joséphine von einer merkwürdigen Ruhe umgeben. Es war nicht dieselbe Leere, die sie noch in ihrer Unterkunft verspürt hatte - nein, es war beinahe schon Frieden der sie umspülte. Sie war nicht katholisch und nie zuvor in einer katholischen Kirche gewesen, aber es war ein Haus Gottes, es war einer der wenigen Orte in Berlin an dem sie ihrem Vater nahe sein konnte. Bedacht schritt sie durch den Mittelgang, ihre Finger strichen über das Holz der Sitzbänke. Es war ganz abgerieben, dort wo seit Dekaden Männer und Frauen und Kinder gesessen hatten, dort wo gedrückte Häupter und gebeugte Kreuze von der Gnade und Liebe Gottes wieder aufgerichtet worden waren. Joséphine ließ sich willkürlich auf einer der Bänke nieder. Die Bänke erinnerten sie an die provisorischen Krankenhäuser in Amerika. Ob ihr Vater wohl genau hier schon einmal gesessen hatte? Ihr Onkel vielleicht?Joséphine faltete die Hände und neigte ihren Kopf in Ergebenheit. Die vertrauten Gesten gaben ihr etwas Halt. Sie betete. Sie rezitierte. Sie sprach mit den Toten ihrer Familie. An einem Punkt schlugen die Kirchenglocken Mittag und Joséphine trat wieder auf die Straße hinaus. Dieser Schritt war mit einem gewissen Widerstreben verbunden. Sie wollte nicht gehen. Es wäre zu viel gewesen zu sagen, dass die Stunden in der Kirche sie hatten vergessen lassen. Das Geschehene konnte sie nicht aus ihrem Leben streichen wie das Datum auf einem Brief. Aber die Stunden hatten ihr gezeigt, dass es selbst in dieser fremden, kalten und schonungslosen Welt doch immer noch Orte gab, an denen sie sicher, an denen sie geborgen war, wie ein Kind im Mutterleib. Diese Erkenntnis war seltsam tröstend. Auch war da nun etwas in ihr, wie ein Licht fast, wie ein Entschluss, der die Leere versuchte zurück zu drängen. Sie war sich schmerzlich der Dinge bewusst, die sie noch tun konnte und der Dinge die sie nicht mehr tun konnte, die Dinge, zu denen sie sich nicht länger in der Lage fühlte.Zwei Tage nach der Soiree des Grafen von Hermsen erstreckte sich ein wunderbarer, klarer Himmel über Berlin. Die Sonne schien warm aber nicht erdrückend, die Luft roch nach einem Sommerregen rein und der blaue Himmel war von einigen weißen Wolken akzentuiert. Louis Van Linkensdorf hatte ausgesprochen gute Laune an diesem Tag, nicht nur des Wetters wegen, sondern auch, weil er Joséphine heute zum ersten Mal nach ihrem Zusammentreffen wiedersehen würde. Er konnte sich nicht ganz ausmalen, wie sie ihm gegenüber treten würde - doch welche Reaktion es auch wäre die sie zur Schau stellen würde, Louis freute sich. Joséphine war ihm wie das Tagebuch eines guten Freundes, bis zu einem gewissen Grade vertraut, aber gerade durch diese Vertrautheit auch immer wieder im Stande einen ordentlich zu überraschen.Der ehemalige Adjutant erklomm mit federndem Schritt die Stufen und klopfte an die Tür von Joséphines Zimmer. Ihm wurde umgehend geöffnet - von einer Frau in einem roten Kleid, die einen Säugling in den Armen hielt. Durch die halb geöffnete Tür konnte Louis eine weitere Frau und einen Mann im hinteren Zimmer erkennen, wohl auch noch ein paar weitere Kinder.„Wie kann ich Ihnen helfen, Sir?“, fragte die Dame an der Tür nun freundlich und Louis zwang sich, sich zu beherrschen.„Verzeihen Sie die Störung meine Dame. Ich habe mich wohl in der Zimmernummer geirrt, ein Missverständnis. Entschuldigen Sie.“Sobald die Tür wieder geschlossen war, blieb Louis nachdenkend auf der obersten Treppenstufte stehen. War Joséphine abgereist? Es hatte fast den Anschein, immerhin bewohnte nun eine fremde Familie ihr Zimmer. Aber warum? Der Preuße war in Gedanken Joséphines mögliche Reaktionen durchgegangen, die Möglichkeit einer Abreise war ihm dabei natürlich auch in den Sinn gekommen - aber dennoch? Joséphine hatte noch Arbeit hier in Preußen zu verrichten, sie hatte eine Aufgabe zu erfüllen, sie hätte Louis‘ sein sollen. Andererseits musste er auch eingestehen, dass Joséphine ihre Mittel in Preußen beinahe erschöpft hatte. Sie hatte die Zusicherung des Königs erhalten, nicht auf Seiten Englands in den Krieg einzutreten und keine der Hessischen Truppen durch seine Gebiete ziehen zu lassen. Alle weiteren Zugeständnisse des Königs lagen in weiter Zukunft. Nicht, dass sie unerreichbar wären, aber Joséphine hatte von Beginn an den Plan gehabt, früher oder später nach Amerika zurück zu kehren. Sie hatte nie für mehr als ein paar Monate in Preußen bleiben wollen. Louis schlug mit der Faust auf die flache Hand. Er hatte sich zu lange Zeit gelassen, er hatte geplant Joséphine mit Pflichten zu binden und hatte dann doch erst gehandelt, als diese Pflichten schon abgeschlossen waren. Aber er hatte auch nicht früher handeln können oder er hätte wieder andere Erfolge gefährdet. Den diplomatischen Erfolg, den sie beide am Hof errungen hatten zum Beispiel. Louis hatte nämlich durchaus ein berechtigtes Interesse an Amerika. Die Geschehnisse in Amerika waren kühn und abwechslungsreich und etwas bisher Ungesehenes. Es war neu, es war abenteuerlich - und sollte es gelingen, so würde die Revolution in Amerika sicherlich auch in Europa ihre Spuren hinterlassen. Sein Mitwirken in der Revolution und in dem Krieg könnte ihn groß machen, oder ihn mit sich herunterziehen, sollte England am Ende doch triumphieren. Zudem war es wichtig gewesen, dass Joséphine wusste, dass ihm etwas an Amerikas Unabhängigkeit lag. Hätte sie daran gezweifelt, so hätte sie vielleicht nie ihrem kleinen Handel zugestimmt. Überzeugt davon, dass Louis sein Wort nicht halten würde und die Informationen so oder so veröffentlichen würde. Louis hatte Zeit gebraucht, sich Joséphines Vertrauen wieder zu erarbeiten, er hatte Zeit gebraucht, sich sicher zu werden, was er eigentlich wollte.Joséphine war wie ein Tier auf einer Jagd. Louis war oft genug auf der Jagd gewesen, um den Rausch zu kennen, der einen ergriff, wenn man einen Preis geschossen hatte. Doch nicht jedes erlegte Tier konnte als Preis bezeichnet werden. Ein Jungtier, ein schwaches Tier, alleine und getrennt von der Herde, brachte einem wenig Anerkennung. Hatte man jedoch den König des Waldes erlegt, den Hirsch der sein Territorium unerbittlich gegen jeden Rivalen verteidigte, dieses stolze und erhabene Tier, dann war einem der Ruhm gewiss.Louis konnte viele Frauen haben - die meisten, auf die er ein Auge geworfen hatte, und wenn es auch wahr ist, dass viele dieser Frauen hübscher und eleganter, jünger und unschuldiger, manierlicher und aus besserem Hause waren als Joséphine, so war doch Joséphine ihnen allen überlegen. Schönheit fand sich zuhauf in jeder Generation, adelige Töchter gab es wie Sand am Meer und man konnte jeden Hund erziehen - doch so eine Frau wie Joséphine gab es nur einmal. Sie stach hervor zwischen ihren Mitmenschen und Louis hatte es erkannt. Er hatte sie besessen, hatte sie sich zu Eigen gemacht. Er hatte ihr eine Lektion erteilt.Ein wohlerzogenes Mädchen war eine nette Sache - doch am Ende auch eine langweilige Sache. Es beraubte einem der Freude einer kleinen Machtdemonstration. Doch Joséphine war nicht wohlerzogen, sie hatte jede Erziehung, jede Moral und jeden Anstand hinter sich gelassen, als sie sich Männerkleidung angezogen hatte. Genau das war einer der Reize für Louis gewesen. Wie ein wildes Pferd, dem man zum ersten Mal einen Sattel auflegte. Oh, das Tier würde sich wehren, aber letztendlich müsste es sich seinem Meister beugen oder sterben. Joséphine war Louis wildes Pferd gewesen und er hatte sie gezähmt.All diese Gedanken kamen Louis, als er die Treppe der Gaststätte herabstieg. Er lächelte. Joséphines Abreise war in gewisser Weise ein Ärgernis gewesen, doch er hatte dennoch erhalten, was er wollte. Louis war ein genügsamer Mensch und die Nacht mit Joséphine würde er nie vergessen. Als er seine Frau heiratete, ein wohlerzogenes, hübsches, adeliges Mädchen aus angesehenem Hause und mit einer sehr ansehnlichen Mitgift, da war ihm bewusst, dass sie ihn nie so befriedigen könnte, wie die unwillige Joséphine es einst getan hatte. Die Hochzeitsnacht hatte dies nur bestätigt. Louis dachte an Joséphines rotes Haar, als er sein erstes Kind zeugte. Er dachte an ihre vernarbten Arme, Arme die ein Zeugnis von einem Leben voller Arbeit waren, als er sein zweites Kind zeugte. Als Louis sein drittes Kind zeugte, fragte er sich, wie das Kind wohl ausgesehen hätte, das aus der gemeinsamen Nacht mit Joséphine hätte entstehen können. Als er sein viertes Kind zeugte war Joséphine wieder in Preußen - in Begleitung ihres Marquis. Sein neuntes Kind war gerade geboren worden, als Joséphine viele Jahre später nachts vor seiner Tür stand. Er hatte sein Spiel mit ihr gespielt und ihr damit unwissentlich die Spielregeln gelehrt. In der Nacht spielte sie mit ihm.Friedrich hatte an La Fayette in Paris geschrieben, ganz so wie sie es besprochen hatten. Friedrich würde aus Preußen nach Paris zurückkehren und nach einigen weiteren Tagen Aufenthalt dort nach Amerika segeln. Doch der Weg nach Paris war weit und die Reise bot dem jungen Arzt viel Zeit nachzudenken - mehr Zeit als ihm lieb gewesen wäre. In den ersten Tagen lenkte er sich damit ab, letzte Briefe und Berichte fertigzustellen. Aber auch diese Arbeit konnte ihn nur solange beanspruchen. Anschließend begann er zu schreiben, schrieb, ohne eine wirkliche Gliederung alles nieder, das er noch von dem Eingriff an Mister Hennings Onkel erinnerte. Er schrieb über den Patienten selber, die Symptome, seine Untersuchung und Diagnose, den Eingriff, der sich an Amyands Eingriff orientiert hatte, die Erkenntnisse, die er gewonnen hatte und zu guter Letzt, wie der Patient sich recht schnell wieder erholt hatte, wie der Zeltverband entfernt werden konnte und die Wunde zu heilen begonnen hatte. Warum er all dies niederschieb, nun das konnte Friedrich nicht sagen. Ein anderer Arzt hatte diesen Fall und seine Behandlung vielleicht publiziert, aber nicht Friedrich. Er hatte auch seine Abschlussarbeit nicht publizieren lassen. Sein Dekan hatte ihn noch versucht dazu zu drängen - immerhin hatte Friedrich die beste Abschlussnote in seinem Jahrgang erhalten, doch Friedrich hatte Angst gehabt. Angst, dass James zum Beispiel über die Veröffentlichung stolpern könnte. Doch nun, nun war James tot … Joséphine könnte ihre Abschlussarbeit nachträglich veröffentlichen lassen, endlich die Anerkennung erhalten, die ihre Arbeit verdient hätte. Sie könnte etwas über ihre letzte Behandlung veröffentlichen - zusammen mit dem im Krieg gesammelten Wissen wäre Joséphine wohl in der Lage einen umfassenden und Einsicht bietenden Bericht zu verfassen. Der Gedanke klang verlockend …Louis hatte sie erniedrigt, hatte ihr etwas genommen, was sie nie wieder zurückgewinnen konnte, aber vielleicht konnte sie sich etwas anderes aufbauen, Im Winter 1776/77, als sie mit der Wahrheit konfrontiert worden war, wohl die Liebe ihrer Familie verloren zu haben, da hatte sie sich an die Liebe geklammert, die Amerika wohl seinen Veteranen entgegen bringen würde. Vielleicht könnte sie sich heute mit dem Respekt retten, dem man einem ausgezeichneten Arzt entgegen bringen würde.
28 Juli 17792
“If I should have a son, I will tell him to examine his own heart carefully; and if that heart should be a tender one, if he should have a wife whom he loves as I love you, in that case I shall advise him not to give way to feelings of enthusiasm, which would separate him from the object of his affection (…)”
La Fayette in einem Brief an seine Frau Adrienne, Oktober 1, 1777 Friedrich führte seine Aufzeichnungen weiter und nahm sich vor, La Fayette bezüglich einer Veröffentlichung zu konsultieren - wobei der Arzt sich denken konnte, was der erste Instinkt des Marquis sein würde. Doch all dies verlor seine Dringlichkeit, sobald Friedrich die Grenze nach Frankreich überquerte und das erste Mal seit Monaten wieder eine französische Tageszeitung in der Hand hielt. Was der junge Arzt dort las, machte ihn wütend. Nicht nur wütend, Joséphine war maßlos enttäuscht und bis zu einem gewissen Maß auch angewidert. Vielleicht hatte sich La Fayette so ähnlich gefühlt, als er Joséphine damals beim Waschen entdeckt hatte.Wie dem auch sei, als Friedrich dann endlich in Paris ankam, hatte seine Laune sich noch nicht wesentlichen gebessert. Doch auch La Fayette zeigte Friedrich die kalte Schulter, sobald dieser das Hôtel de Noailles erreichte. Die Ankunft des jungen Arztes fiel zusammen mit dem Eintreffen einiger weiterer Gäste, es herrschte eine allgemeine Hektik und daher schafften es La Fayette und Friedrich nicht wirklich zu sprechen, bevor das Abendessen beendet war. Sicherlich hätten sie auch vorher die Zeit gefunden, hätten sie nur beide das Bedürfnis danach gehabt. Adrienne entging die angespannte Stimmung nicht - sie wäre eine schlechte Ehefrau und Hostess gewesen, wäre es ihr entgangen. Tatsächlich war ihr das Missfallen ihres Mannes gegen Doktor Deegen schon seit einigen Tagen, nein, Wochen, bekannt gewesen, nur den Grund dafür kannte sie nicht. Sie hatte ein ungutes Gefühl als der Marquis und Doktor Deegen in einem Zimmer verschwanden, doch eine äußerst quengelige Anastasie hielt sie davon ab sich mehr Gedanken zu machen.Joséphine verschränkte unbewusst die Arme, sobald sie mit La Fayette alleine war. Der Marquis legte die Stirn in Falten als er zu sprechen begann. „Wann wolltest du es mir erzählen? Oder wolltest du es mir gar nicht erzählen?“Die junge Frau vergaß für einen Moment ihre Abwehrhaltung - sie hatte ehrlich keine Ahnung wovon ihr Freund da sprach. Dieses Unwissen war wohl auf ihrem Gesicht sichtbar, denn La Fayette fuhr unaufgefordert fort.„Général Washington hat mir geschrieben. Du bist aus der Armee entlassen worden. Du hast Washingtons Angebot einer zweiten Chance ausgeschlagen und du hast es mir nicht erzählt? Ganz zu schweigen von der Art und Weise wie du entlassen worden bist?“„Ach das …„Ach das? Mehr fällt dir dazu nicht ein?“„Ich bin entlassen worden - keine Stunde bevor wir den Brief aus Fishkill erhalten haben, dass du so schwer krank bist. Dann später hatte ich den Auftrag nach Preußen zu reisen - ich habe es schlichtweg vergessen dir zu sagen“, erklärte sich Joséphine und ärgerte sich im nächsten Moment. Warum musste sie sich überhaupt erklären? Es war ja nicht so als ob Washington sie zu dem Schritt gezwungen hatte, den sie schon nach James Tod in der Schlacht von Monmouth hätte tun sollen.„Was ist es mir dir und Regeln Joséphine, warum kannst du dich nie an Regeln halten? Warum hättest du diese Miss Abnell nicht einfach melden können, ganz so wie es deine Pflicht gewesen wäre?“„Das wäre verdammt heuchlerisch von mir gewesen, hätte ich sie gemeldet - ganz nebenbei, darf ich dich daran erinnern, dass du mich auch nicht gemeldet hast? Du hast deine Pflicht ebenso ignoriert. Schlimmer noch, du hast mich die ganze Zeit hinweg über gedeckt und mir geholfen mein Geheimnis zu wahren.“„Ach, jetzt ist es ist meine Schuld?“, brauste La Fayette auf.„Das sage ich doch gar nicht“, verteidigte sich Joséphine, die sich in eine Ecke gedrängt fühlte.„So klingt es aber. Wenn dir meine Hilfe nicht mehr recht ist, musst du das nur sagen. Washington habe ich dennoch geschrieben.“„Was hast du Washington geschrieben?“, wollte die junge Frau wissen und zog die Augenbrauen zusammen - ihr gefiel diese Wendung des Gespräches nicht. Genau genommen gefiel ihr das gesamte Gespräch nicht.„Ich habe ihm geschrieben, dass du deine Meinung geändert hast und dass du mir versprochen hast, dich von nun an an die Regeln zu halten.“„Du hast was?“, platze es aus Joséphine heraus. Sie konnte nicht ganz ihren Ohren trauen, das hatte La Fayette nicht getan.„Das habe ich nie gesagt und das weißt du auch. Wann … warum … wieso dachtest du, du könntest in meinem Namen solch einen Brief schreiben?“ Joséphines Stimme war an diesem Punkt recht laut geworden.„Was ich dachte? Vielleicht dachte ich, nein, wusste ich, dass du außer der Armee nichts anderes hast. Du hast keine Familie, keinen Ehemann … also sag mir bitte, was dein grandioser Plan gewesen war.“„Ich …“, begann die junge Frau und unterbrach sich dann selber. Sie hatte keinen Plan. Verdammt noch eins, La Fayette hatte Recht, sie hatte keinen Plan. Zu Beginn hatte sie noch den Plan gehabt, ihr Kind zu bekommen und es in Frieden großzuziehen - doch von ihrem sehnlichen Wunsch Mutter zu werden fühlte sie sich nun weiter entfernt denn je zuvor. (Sie hatte seit ihrer Nacht mit Louis noch nicht wieder geblutet und das machte ihr Angst). Unfähig also etwas zu sagen, starrte sie La Fayette nur mit großen Augen und halb geöffneten Mund an.„Da siehst du es. Zudem brauche ich dich“, meinte der Marquis und klang dabei beinahe versöhnlich. Joséphine wollte nach seiner letzten Aussage jedoch nichts von einer Versöhnung wissen.„Ich weiß nicht ob ich mich geschmeichelt fühlen soll, Gilbert, aber ich habe mein Leben nicht danach zu leben, ob du mich brauchst oder nicht. Ganz im Gegenteil, wenn ich dir anscheinend wirklich so viel bedeute, würdest du keine Entscheidungen über meinen Kopf hinweg treffen, als ob du auch nur annähernd dazu berechtigt wärst! Wenn ich dir wirklich so viel bedeuten würde, dann würdest du mir mit Respekt begegnen - aber an Respekt scheint es dir ja wohl generell zu mangeln.“„Möchtest du mir etwas sagen Joséphine? Immer frei heraus damit!“„Du kommst nach Monaten im Krieg Zuhause zu einer Frau, die dir mit engelsgleichem Wohlwollen verziehen hat, dass du sie schwanger und mit kaum einem Wort des Abschiedes zurückgelassen hast - und was ist das erste was du tust, sobald du wieder in Frankreich bist? Du nimmst dir eine Mätresse.“ Joséphine sah in La Fayettes Augen, dass sie ganz deutlich eine Grenze überschritten hatte, doch sie ignorierte diese nonverbale Warnung. Sie war wütend. „Das alleine wäre schon schlimm genug, aber nein, du tust es in einer Art und Weise das die Zeitungen in ganz Frankreich darüber beichten3. Wirklich Gilbert, ich applaudiere dir.“In den Augen des Franzosen war ein dunkles Funkeln eingezogen. „Du hast kein Recht dich in mein Privatleben einzumischen, Joséphine. Noch weniger hast du ein Recht zu urteilen!“„Ach nein? Du scheinst dich mit Freude in mein Privatleben einzumischen! Und was mein Recht zu urteilen betrifft, ich bin zumindest keine Ehebrecherin!“„Nein, das bist du ganz gewiss nicht, aber dafür bist du jemand der durch sein Verhalten die Bezeichnung ‚Frau‘ eigentlich gar nicht verdient hat!“ Dieses Mal war es La Fayette der mit seiner Bemerkung eine Grenze überschritten hatte - das wussten beide. Vielleicht war das die Schattenseite ihrer Freundschaft. Joséphine und Gilbert kannten sich zu gut, zu lange, zu intim - sie wussten ganz genau wie sie den jeweils anderen am besten verletzen konnten, wenn sie es denn wollten. Zu ihrer Schande hatten sie es in diesem Gespräch beide gewollt. Nicht, dass sie sich nicht schon zuvor gestritten hatten. Doch jede vorherige Streiterei wirkte kindisch im Vergleich zu dem Schlagabtausch, den sie sich eben gerade geliefert hatten. Joséphine spürte wie sich Tränen in ihren Augenwinkeln sammelten. „Ich denke es ist besser du gehst nun“, meinte sie an La Fayette gerichtet und dieser ließ sich nicht zweimal bitten.Adrienne saß an ihrem Frisiertisch, vollends damit beschäftigt ihr Haar für die Nacht auszukämmen und einzuflechten, als ihr Ehemann das Schlafzimmer betrat. Das er schlechte Laune hatte, konnte sie feststellen, auch ohne ein Wort mit ihm zu wechseln oder ihn anzusehen. Sie hatte das Gefühl in dem Sachverhalt Friedrich Deegen mit ein paar wohlüberlegten Worten auf ihren Mann einwirken zu müssen, hielt sich aber vorerst zurück. Erst nachdem Gilbert sich ausgezogen und Adrienne an dem Rascheln der Decken hörte, wie er sich in Bett gelegt hatte, drehte sie sich auf ihrem Stuhl vor dem Frisiertisch herum, sodass sie ihren Mann im Bett nun direkt ansehen konnte.„Hast du ihn gefragt?“, wollte Adrienne wissen, ganz so als sei sie sich der angespannten Stimmung zwischen ihrem Mann und Doktor Deegen nicht bewusst.„Wenn soll ich was gefragt haben?“, wollte Gilbert wissen und pustete sich eine äußerst widerspenstige Strähne rotes Haar aus dem Gesicht.„Doktor Deegen. Du hattest gesagt, dass du ihn fragen wolltest, ob er nicht Pate für unser Kind werden wolle“, meinte Adrienne und sah an sich herunter. Ihre Schwangerschaft war in den letzten Wochen sehr offensichtlich geworden und auch wenn sie mit einer Niederkunft nicht vor Dezember rechnen konnte, so erwartete sie die Geburt doch schon bereits sehnsüchtig. Diese Schwangerschaft setzte ihr mehr zu als ihre vorherigen.Bei der Erwähnung des Namens ‚Deegen‘ schnitt ihr Ehemann eine Grimasse. „Ich habe es mir anders überlegt“, erklärte er kurz angebunden.„Warum hast du es dir anders überlegt?“„Wir haben uns gestritten.“„Das habe ich gehört - um ehrlich zu sein denke ich, dass das halbe Haus euren Streit, zumindest in Teilen, mitgehört hat.“ Gilbert stöhnte leise.„Warum fragst du dann, wenn du weißt, dass wir uns gestritten haben?“, wollte er wissen.„Weil ich mich frage, ob dieser Streit wirklich begründet gewesen war.“„Das war er.“„Wirklich?„Ja. Wirklich. Nun komm ins Bett und mach dir keine Gedanken mehr, mon cœur4, wir finden einen anderen Paten.“„Nein.“„Nein? Doch natürlich. Wir können zum Beispiel deine Tante fragen, ob-“„Das meine ich nicht Gilbert, ich habe keine Angst, dass wir keinen Taufpaten finden. Ich meine vielmehr, dass ich hier sitzen bleiben werde, bis ihr beide euch wieder vertagen habt.“La Fayette stöhnte wieder - lauter dieses Mal. Er war müde und hatte bei Gott keine Lust auf die Spielchen seiner Frau. „Adrienne, bitte, sei nicht kindisch.“„Ich bin nicht diejenige, die kindisch ist. Ich kenne Doktor Deegen vielleicht erst seit Kurzem, aber ich habe gesehen wie nahe ihr beide euch steht, wie viel ihr euch gegenseitig bedeutet und braucht. Ich lasse nicht zu, dass du das wegen einer dummen Streiterei verlierst.“ Während sie das Letzte sagte, griff sie nach dem Hausmantel ihres Mannes und warf ihm ihn aufs Bett. „Hier.“La Fayette schob die Decke beiseite und stand auf, zog sich den Mantel an und bedachte seine Frau dann mit einem langen Blick. „Also gut. Dein Wunsch ist mir Befehl“, meinte er mit einer scherzhaften Verbeugung und ging schon in Richtung der Tür.Nach ihrem Streit mit La Fayette hatte Joséphine sich in das ihr bereit gestellte Zimmer zurückgezogen. Von ihrem Platz auf der Fensterbank aus beobachtete sie das nächtliche Paris während ihre Gedanken Bahnen zogen. Sie hatte sich falsch verhalten. Sie hatte eine Grenze überschritten. Sie war ausfallend und persönlich geworden. Es hatte sie einiges an Überwindung gekostet, aber sie hatte sich fest vorgenommen, sich bei der nächsten sich ihr bietenden Möglichkeit bei La Fayette zu entschuldigen, selbst wenn er sich nicht bei ihr entschuldigen würde. Genau in diesem Moment klopfte es an der Tür. Als Friedrich öffnete, stand La Fayette vor der Tür, schon fertig fürs Bett.„Es tut mir leid, ich habe mich falsch verhalten und ich habe dir wehgetan. Es tut mir leid“, platze es aus Joséphine und La Fayette beinahe gleichzeitig heraus. Sobald sie beide die Situation begriffen hatten, fielen ihnen Steine von den Herzen, denn erst im Moment der Versöhnung war ihnen wirklich bewusst geworden, wie gänzlich ungeeignet ihre Herzen doch diese Streitereien waren.Joséphine trat zur Seite, sodass La Fayette in das Zimmer eintreten und die Tür hinter sich schließen konnte. Die junge Frau nahm ihren Platz am Fenster wieder ein und der Marquis setzte sich ihr gegenüber. Halb hatte er erwartet, dass Joséphine zu ihm herüber rücken würde und vielleicht ihren Kopf auf seine Schulter legen würde - sie waren in Frankreich so vertraut miteinander geworden, doch die junge Frau hielt den Abstand. La Fayette schob es auf den gerade erst beigelegten Streit.„Das was ich gesagte habe, das Letzte - ich wusste ich würde dir damit weh tun und deshalb habe ich es wohl nur gesagt“, gestand er und spielte mit dem Stoffgürtel seines Morgenmantels. Joséphine nickte langsam. „Mir tut es ebenfalls leid, ich habe meine eigenen Moralvorstellungen auf dich übertragen und das war nicht richtig. Du lebst dein Leben wie du es für richtig hältst.“„Ich bin dir gar nicht einmal böse Joséphine, ich habe mich nicht weniger in dein Leben eingemischt und auch wenn es mir sehr unangenehm ist, werde ich Washington schreiben und ihn wissen lassen, dass meine Aussage bezüglich deines Versprechens nicht ganz rechtmäßig war.“ Die junge Frau konnte sehen, wie La Fayette auf seiner Unterlippe kaute (ein Verhalten, das ihn nur noch jünger aussehen ließ). Wahrscheinlich ging er im Geiste all die möglichen Reaktionen Washingtons auf solch eine Enthüllung durch. Doch es war nicht nur wegen der Sorge ihres Freundes, dass Joséphine sich ein Herz nahm.„Nein“, meinte sie leise.„Was, ‚nein‘?“„Ich meine nein, bitte schreib diesen Brief nicht. Ich würde gerne wieder in die Armee zurückkehren, wieder dein Stabsarzt sein - wenn du mich denn in dieser Position noch haben möchtest.“„Natürlich möchte ich das! Joséphine, ich … weißt du, manchmal da bin ich wütend auf dich und ich verstehe nicht, warum du Dinge so tust wie du sie eben tust. Manchmal bin ich vollkommen abgestoßen von den Dingen die du tust - aber ich kann mir keine Situation vorstellen in denen all dies meine Freundschaft zu dir überwiegen könnte. Bitte sag, dass es dir mit mir auch so geht, ja?“Bei diesem flehentlichen Ton musste die junge Frau beinahe schmunzeln. „Mir geht es ebenso. Unser Streit hat bewiesen, dass wir bei weitem nicht immer einer Meinung sind, aber mich mit dir zu streiten ist mein Privileg“, deklarierte sie.La Fayette grinste und setzte sich etwas aufrechter hin. „Adrienne und ich wollten dich fragen, ob du Taufpate unseres Kindes werden würdest.“Joséphine blickte ihren Freund mit großen Augen an. Für eine so religiöse und gottesfürchtige Frau wie sie, war die Anfrage nach der Übernahme des Patenamtes einer der größten Liebesbeweise, den man ihr hätte erbringen können. So überrascht war sie von der Bitte, dass sie darüber ganz vergaß zu antworten und La Fayette nur lange ansah. Auch war Joséphine überrascht von dem Vorstoß, wurden doch als Paten für ein Kind eigentlich gute Menschen ausgewählt, die dem Kind als moralischer und religiöser Kompass vorausschreiten konnten. Niemand der so war wie sie …„Joséphine?“, fragte La Fayette vorsichtig und riss die junge Frau aus ihrer Trance. Ein breites Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus. „Ja, ja, ja, unbedingt!“, meinte sie und kicherte dabei wie ein junges Mädchen. Wie sie hier so saß, grinsend und im fahlen Licht sah sie aus wie ein kleines, unschuldiges Mädchen an das das Schicksal noch nicht seine Hand hatte anlegen können. Auch wenn die Geste von La Fayette eher symbolisch gemeint war und er nicht damit rechnete, sein Kind müsste sich eines Tages je auf Joséphine verlassen müssen, so zweifelte er doch nicht daran dass Joséphine seinem Kind wie eine Mutter wäre, sollte dieser rare Fall eintreten. Mit der französischen Revolution trat 1792 dieser rare Fall an und Joséphine konnte meisterhaft unter Beweis stellen, mit welchem Pflichtbewusstsein sie das Patenamt ausfüllte.La Fayette kehrte an diesem Abend nicht mehr in sein Bett zurück, stattdessen verbrachte er die Nacht mit Joséphine. Für den Großteil der vorbeiziehenden Stunden redeten sie. Redeten über alles Mögliche, über Kindheit und Alter, über Träume und Realität, über Vergangenheit und Zukunft. Sie erzählten sich Neues und Altbekanntes - zwischendrin schwiegen sie mit einer Vertrautheit, die nur zwischen zwei so engen Freunden bestehen konnte. Zwei Tage später brach Friedrich zurück nach Amerika auf. Die Überfahrt war wesentlich ruhiger als die Reise nach Frankreich - und für Friedrich ohne La Fayettes Anwesenheit auch wesentlich entspannter. Der junge Arzt vertrieb sich die Zeit vorwiegend mit akademischen Belangen, er las viel und schrieb eine Abhandlung über die von ihm vorgenommene Blinddarmoperation. Ob er diese je veröffentlichen würde, darüber war er sich noch nicht im Klaren, aber alles nieder zu schreiben gab dem jungen Arzt ein gewisses Gefühl an Überlegenheit, das Gefühl Kontrolle über seine Geschicke zu haben. Es war ein schönes Gefühl.Fast so schön wie die Silhouette Philadelphias sich eines Morgens am Horizont abzeichnen zu sehen. Nach all der Zeit war Friedrich endlich wieder zuhause.Sobald das Schiff in den Hafen eingelaufen war und am Pier festgemacht hatte, war der junge Arzt von Bord gegangen. Er hatte noch einige Geschäfte zu erledigen, bevor er Aufbrechen würde, um sich wieder der Armee anzuschließen. Möwen kreischten über seinem Kopf. „Friedrich!“, hörte der junge Arzt mit einem Mal eine vertraute Stimme hinter ihm und schaffte es sich gerade noch rechtzeitig umzudrehen, bevor er mit einem anderen Körper zusammenstieß.„Hanni? Hanni!“, jubilierte Joséphine und drückte ihre kleine Schwester so fest an sich wie sie nur konnte. Sie vergrub ihr Gesicht in Hannis blondem Schopf und fand ein wenig Frieden dort „Ich dachte ich würde dich nie wieder sehen, du hast mir solch einen Schrecken eingejagt.“„Es tut mir leid, wirklich leid.“, erwiderte Hanni, deren Umarmung nicht weniger kräftig war.„Du und Edward habt geheiratet?“, fragte Joséphine nun und löste sich, widerstrebend, von ihrer Schwester. Das Gespräch, welches die beiden Geschwister nun begannen, bestand aus präzisen und kurzen Fragen und nicht weniger direkten Antworten. Das Ziel der Unterhaltung war weniger ein freundlicher Austausch als den jeweils anderen möglichst schnell über die wichtigsten Ereignisse zu unterrichten.„Ja - und keine Woche zu früh.“„Das Kind?“ fragte Joséphine.„Ein kleiner Junge und so gesund wie ein Kleinkind nur sein kann.“„Gut, hat Edward dir von Onkel Louis erzählt?“„Ja …“, meinte Hanni leise und richtete ihren Blick gen Boden. Die Trauer war ihr deutlich anzusehen. Ihre ältere Schwester verstand nur zu gut, wie sie sich fühlen musste. „Oh Joséphine, wie konnte das nur passieren?“„Ich weiß es nicht“, gestand diese und lies zu, dass man die Resignation in ihrer Stimme hörte. Sie zog Hanni wieder in eine Umarmung.„Danke liebste Schwester. Danke, dass du unseren Onkel nach seinem Segen gefragt hast. Edward hat mir erzählt, wie ihr beide Onkel Louis gefunden habt - sein Zuspruch bedeutet mir mehr als du dir vorstellen kannst, gerade nun, wo ich ihn nie wiedersehen kann“, nuschelte Hanni gegen Joséphines Schulter. Gerne hätte Joséphine Freude oder Bestätigung angesichts dieses Zuspruches gefühlt - in ihrem Kopf aber war im Moment nur Platz für einen einzigen Gedanken.„Ich wäre gerne bei ihm gewesen, als er …“„Ich weiß. Edward hat mir alles erzählt. Du kennst Onkel Louis, er hätte nicht gewollt, dass du ihn sterben sehen musst. Du hast unsere Mutter und Friedrich sterben sehen, du hast dem Tod schon häufig genug in die Augen geblickt.“„Ich wünschte nur, dass ich da gewesen wäre. Ich wünschte, dass ich irgendetwas hätte tun können, ich wünschte …“„Wir Deegens habe tapfere Herzen. Lass deiner Trauer Raum, aber lass dich nicht davon beherrschen, das war sein Rat, weißt du noch? Konzentrieren wir uns lieber auf das Leben - ich habe meinen kleinen Sohn Louis genannt.“ Bei diesen Worten sah Hanni wieder auf, sah ihrer Schwester unmittelbar in die grünen Augen. Endlich stahl sich ein kleines, ein winziges Lächeln auf Joséphines Lippen als diese in ihre Tasche griff, ganz offensichtlich auf der Suche nach etwas.„Gib deinem Sohn Louis Engel, ja? Es ist nur richtig, dass er ihn hat“, meinte die junge Frau und übergab den Engel in Hannis Besitz.„Ich danke dir von Herzen liebste Schwester“, meinte die jüngere der beiden Frauen und ließ den Engel in ihre eigene Tasche gleiten, dort wo der Engel sicher verwahrt war. „Joséphine? Darf ich mein nächstes Kind, sollte es denn eine Tochter sein, nach dir benennen?“„Dein nächstes Kind? Hanni …“ Joséphine musterte Hanni überrascht von oben bis unten.„In ein paar Monaten, so Gott gnädig ist, wirst du wieder Tante werden.“„Oh Hanni, ich freue mich so für-“, setzte Joséphine an, denn sie freute sich wirklich für ihre Schwester. Von ganzem Herzen. Doch es schien als würde diese Freude nicht ihre Augen erreichen, denn noch bevor sie ausgesprochen hatte, war Hanni ihr ins Wort gefallen.„Was ist Joséphine? Ich kenne dich, ich kenne diesen Ausdruck in deinen Augen, was ist passiert?“„Mein Kind ist … ich habe mein Kind verloren.“„Verzeih mir. Oh liebste Schwester, ich kann mir nicht einmal vorstellen, wie du dich fühlen musst“, erklärte Johanna und drückte ihre Schwester wieder an sich. Die beiden verfielen in eine Stille in der die Jüngere die Ältere nicht versuchte mit Worten zu trösten. Beide wussten nur zu gut, dass keine Worte solch einen Schmerz zu lindern vermochten. Doch die liebende Umarmung, der sichere Halt, die Geborgenheit die zwischen ihnen war - davon ließ Joséphine sich bereitwillig trösten. Ihr Herz hatte sich schmerzhaft zusammengezogen. Nicht nur war da die Erinnerung an ihr totes Kind, da war ebenfalls ihre kleine Schwester die Joséphine bereits verloren geglaubt hatte und die sie nun doch wieder in den Armen halten konnte. Joséphine schluchzte unkontrolliert in Hannis Armen als plötzlich all die Kindheitserinnerungen, die sorglosen Stunden in Germantown wieder in ihr hochkamen. Wie glücklich sie doch einst gewesen war und wie unglücklich sie nun war. Hanni kommentierte das Verhalten ihrer Schwester nicht, sie hielt sie einfach nur, ganz so wie Joséphine es schon unzählige Male für sie getan hatte.„Ich muss dich etwas fragen“, äußerte sich Hanni dann doch, sobald Joséphine sich wieder gefasst hatte, die Augen noch immer rot gerändert. Da war Wut in Hannis Stimme und Joséphine wusste nur allzu gut worauf ihre jüngere Schwester hinaus wollte.„James ist nicht der Vater. James ist tot, gefallen in der Schlacht von Monmouth.“„Hat sich jemand dir-?“„Nein, nein. Der Vater ist ein guter Mann, ein Mann den ich wahrscheinlich liebe und der mich wohl liebt“, meinte Joséphine und wischte sich die letzten Tränen mit dem Ärmel ab. Mit einem besorgten Blick observierte sie ihre Umgebung. Die Leute guckten bestimmt schon. Für die Beistehenden waren sie nicht zwei Schwestern die sich über den Schmerz und das Leid hinweghalfen, den sie beide hatten ertragen müssen, nein, für die Außenwelt weinte ein Mann ohne Ehering in den Armen einer Frau mit Ehering. Selbst wenn dieses kleine Detail nicht auffiel, was es doch eine recht öffentliche zur Schaustellung die Joséphine und Hanni darboten. Doch bevor sie sich weiter an den Blicken der Passanten stören konnte, riss Hanni ihre Schwester wieder aus den Gedanken.„Aber das ist doch wunderbar“, meinte sie und griff aufmunternd nach den Unterarmen ihrer älteren Schwester. Hannis ‚wunderbar‘ hatte jedoch so einen merkwürdigen Unterton, der ihrer Schwester natürlich nicht entging. Dementsprechend wenig überraschte Joséphine dann auch Hannis Zusatz.„Ich frage nur, weil ich nie gedacht hätte, dass du je einem Mann dein Vertrauen schenken würdest, mit dem du nicht getraut bist. Ich mache dir keine Vorwürfe, ganz bestimmt nicht, in der Position wäre ich auch nicht, es wundert mich nur. Wenn du ihn liebst und er dich …?“„Ich liebe ihn, wie man die Sonne liebt. Vergebens. Jeder Sommer mag einem doch neues Leben schenken, aber die Sonne selbst wird einen doch nie zurücklieben. Im besten Fall verbrennt man sich wie Ikarus - im schlimmsten Fall hält man an etwas fest, dass nicht sein kann, solange bis die Sonne untergegangen ist und man in dem Schatten seiner Liebe verkümmert. Henry ist nicht wie du und ich. Kein Farmersjunge, er ist der Sohn eines der reichsten Plantagenbesitzers in Virginia, wenn nicht sogar in ganz Amerika. Für uns besteht keine Hoffnung, sobald der Sommer verstrichen ist.„Aber wenn ihr euch doch liebt?“, warf Hanni ein, dieses Mal ohne den Zweifelnden Unterton sondern mit all der Aufrichtigkeit die nur eine Schwester ausdrücken konnte, welche für ihre Schwester nichts als das Glück dieser Welt wollte.„Du würdest ihn nicht so verteidigen, wenn du seinen Familiennamen kennen würdest“, erwiderte Joséphine firm und ihr Blick wanderte in die Ferne. Sie wusste selber nicht, warum sie das gesagt hatte. Nur zu gut konnte sie sich die Debatte ausmahlen, die nun folgen würde - aber irgendwie war ihr danach gewesen. Die junge Frau war sich nicht ganz sicher, sie war erschöpft und in einer schlechten Laune.„Warum das?“, hakte Hanni nach.„Wie viele reiche Plantagenbesitzer aus Virginia kennst du?“„Joséphine, ich kenne keinen dieser Herren, warum sollte ich auch? Solche Spielchen zu spielen ist meine Aufgabe, sag du mir lieber, worauf du hinaus möchtest.“„Sein Name ist Robinson, Henry Robinson, der Sohn von Thomas Robinson.“„Verräterin!“, spie Hanni ihr entgegen und drückte Joséphine augenblicklich von sich. Die Sanftheit war aus ihrer Stimme gewichen und das Mitleid aus ihren Augen.„Warum überrascht mich deine Reaktion nicht?“, fragte Joséphine, beinahe schon amüsiert von der Berechenbarkeit ihrer kleinen Schwester.„Du findest das lustig? Ohne diesen Mann hätte ich eine Kindheit gehabt!“, zischte Hanni wütend.„Du hättest eine Kindheit gehabt? Als wir nach Germantown gezogen sind, warst du noch jung genug, um dort eine Kindheit zu haben, aber Friedrich, Hugo und ich haben unsere gesamte Kindheit arbeitend in Philadelphia verbracht - haben wir uns je beschwert? Ohne Robinson hättest du keine Kindheit gehabt, du wärst in Preußen elendig verhungert“, schleuderte Joséphine Hanni entgegen und für einen Moment sagte keiner der beiden etwas, als sie das Gesagte auf sich wirken ließen. Letztendlich war es Joséphine die ihrer Schwester die metaphorische Hand zur Versöhnung entgegenstreckte. „Henry ist nicht wie sein Vater“, murmelte Joséphine leise, beinahe verunsichert.„Ist das von Bedeutung? Ist das wirklich noch von Bedeutung?“„Johanna, ich brauche deine Zustimmung nicht, also sei besser still, als das wir beide nun Dinge sagen, die wir später bereuen“, mahnte Joséphine, nun wieder lauter. Wenn Hanni sich nicht versöhnen wollte, dann würde Joséphine sie nicht dazu zwingen.„Es ist nicht … es ist nur …“, stotterte die jüngere Schwester dann plötzlich. Ihre Augen füllen sich mit Tränen und sie warf sich einmal mehr in die Arme ihrer großen Schwester.„Liebes? Was, was hast du denn plötzlich?“, fragte Joséphine besorgt und strich mit ihrer linken Hand über Johannas Schopf, ganz so wie sie es bereits bei der Beerdigung ihrer Mutter vor all den Jahren getan hatte.„Ich habe Angst Joséphine, ich habe solche schreckliche Angst - um dich, um mich, ich habe einfach Angst!“„Aber wovor? Wovor hast du Angst?“„Edward hat mir erzählt, wie ihr nach mir gesucht habt. Weißt du wo ich war? Ich habe mich versteckt. Möchtest du wissen, warum ich das getan habe? Weil ich solch schreckliche Angst hatte. Sieh, als du damals James geheiratet hast, da wusste ich, dass das ein Fehler war - aber dennoch hätte ich mir nicht einmal im Traum ausmalen können, wie schlimm es werden würde. Ich kannte James praktisch mein ganzes Leben lang und er hatte mich immer noch täuschen können. Edward kannte ich keinen Monat und wollte ihn heiraten. Ich hatte plötzlich solch eine Angst, was wäre, wenn ich ihn auch falsch eingeschätzt hatte? Was wenn das meine letzte Chance gewesen wäre, mein Kind und mich in Sicherheit zu bringen. Ich hatte solche Angst.“„Aber letztendlich hast du eine Entscheidung getroffen“, versuchte Joséphine ihre Schwester aufzumuntern. Es schien in ihrer Wahrnehmung ganz so, als würde Hanni sich über etwas aufregen, das längst in der Vergangenheit lag.„Das habe ich. Ich habe viel gebetet, ich habe Gott angefleht mir ein Zeichen zu geben, mich zu leiten - ich bin es aber nicht alleine, um die ich Angst habe. Ich habe Angst um dich, Joséphine. Schon Zuhause war ich nicht in der Lage dich zu beschützen, dabei wusste ich doch, was James getan hat. Ich war doch nicht blind, ich wusste es doch. Wie soll ich dich erst beschützen, wenn du irgendwo in Virginia bist?“ Johanna weinte nun bitterlich.„Hanni, du musst mich nicht beschützen.“„Ich will dich aber beschützen, verstehst du? Ich habe so viel verloren, so viele geliebte Menschen, ich kann es nicht ertragen, noch jemanden zu verlieren, nicht wenn, ich es verhindern kann! Ich kann nicht noch jemanden verlieren. Edward hat mir erzählt, dass du dich für diesen Marquis ausgegeben hast, damit man dich an seiner Statt verhaftet. Wage es nicht, noch einmal so etwas zu tun, verstehst du? Begib dich nie wieder für diesen Mann in Gefahr - oder für sonst irgendwen, ja? Ich kann nicht noch ein Geschwisterchen verlieren, das ertrage ich nicht.“„La Fayette ist ein guter Freund, er hat mir das Leb-“„Das ist mir egal, tu es einfach nie wieder!“„Hanni?“, meinte Joséphine schließlich, nachdem ihre Schwester sich wieder soweit beruhigt hatte, dass sie sich traute ihre Frage zu stellen.„Ja.“„Wie ist Maximilien gestorben?“„Was?“ Hanni sah zu ihrer Schwester auf, in ihrer Stimme als auch in ihren Augen lag Horror.„Unser kleiner Maximilien, Onkel Louis hat mir erzählt, dass er gestorben ist, ich würde gerne wissen, wie.“„Du darfst mich nicht hassen Joséphine“, bettelte die jüngere der beiden Schwestern„Hanni, warum sollte ich dich hassen? Ich liebe dich!“„Es ist meine Schuld gewesen, ich bin Schuld, dass Maximilien tot ist. Es ist meine Schuld. Ich hätte auf ihn aufpassen müssen - aber es war so heiß und ich hatte tausend Dinge, um die ich mich kümmern musste. Ich dachte Hugo passt auf ihn auf und Hugo dachte Onkel Louis passt auf ihn auf und Onkel Louis dachte, ich würde auf ihn aufpassen. Keinem ist aufgefallen, wie er weggelaufen ist. Als es uns aufgefallen ist, nun ja, zuerst haben wir uns nichts dabei gedacht. Maximilien war gerade in dem Alter, in dem er manchmal einfach los gelaufen ist. Er hatte eine Lieblingsstelle im Wald - aber da haben wir ihn nicht gefunden - da wusste ich, dass etwas Schreckliches passiert sein musste, aber ich wollte es nicht wahrhaben. Das ganze Dorf hat geholfen ihn zu suchen. Albert Hansen, der Vater von James ist zu seiner Farm gegangen, um seinen jüngeren Söhnen zu sagen, dass sie ebenfalls suchen helfen sollen. Du weißt, dass man am Devils Lake vorbei muss, um die Hansen Farm zu erreichen. Dort hat Albert Maximilien gefunden. Er hat ihn aus dem Teich gezogen und zu uns gebracht. Er war so kalt Phine, und seine Lippen waren blau - Onkel Louis hat noch versucht ihn zu retten, aber … aber … aber.“ Es war selten, dass Johanna eine unangenehme Wahrheit nicht aussprechen konnte.„Dich trifft keine Schuld. Maximilien gibt dir keine Schuld, er verzeiht dir.“ Joséphine sprach mehr aus einem Instinkt heraus, als das sie wirklich über ihre Worte nachdachte. „In der Nacht in der ich mein Kind - Maximilien ist mir erschienen. Wir haben ein wenig geredet und lass mich dir sagen, für so einen kleinen Jungen kann Maximilien wirklich neunmalklug sein. Er hat gesagt, dass ich dir sagen soll, dass er dir verzeiht“, erklärte sie. Ihr war, als müsse sie Kontext zu solch einer Offenbarung geben.„Ich hatte solche Angst, als ich herausgefunden habe, dass ich schwanger war. Ich war unvorsichtig mit Maximilian und das hat ihm das Leben gekostet, was, wenn ich nicht dafür gemacht bin, Kinder groß zuziehen? Was, wenn ich eine schreckliche Mutter wäre? Was wenn durch meine Unachtsamkeit einem meiner Kinder etwas zustoßen würde?“ Hanni schluchzte und schniefte, schien sich dann jedoch plötzlich wieder gefangen zu haben. Mit einem seltsam wachen Blick sah sie ihre Schwester in die Augen „Phine? Ich muss dir etwas gestehen. Weißt du noch, als ich dich im Lager der Kontinentalarmee aufgesucht habe?“„Natürlich.“„Weißt du noch, wie ich dir erzählt habe, dass ich nach deinem Fortgehen eine ganze Zeit lange böse auf dich war?“„Ja.“ Die Erinnerung schmerzte immer noch.„Ich war böse auf dich wegen Maximilians Tod - ich war sauer auf mich. Wenn du noch bei uns gewesen wärst, dann würde unser kleiner Bruder noch leben. Dir wäre so ein Fehler nie passiert, so etwas ist dir ja auch nie mit uns passiert … und selbst wenn … dann wäre es deine Schuld gewesen und du hättest damit leben müssen, nicht ich! Ich weiß, wie falsch es ist, so zu denken, aber dann hättest du mit der Schuld leben müssen und nicht ich. Glaube mir liebste Schwester, ein Teil von mir ist mit Maximilian in diesem See gestorben.“Hanni konnte nicht wissen, dass sie die Kette an Ereignissen, die schlussendlich zu Joséphines Untergang führen würden, schon vor langer Zeit und ohne es zu wissen, in Gang gesetzt hatte. Zu dem Zeitpunkt ihres tränenreichen Bekenntnisses war es nur noch eine Frage der Zeit.
Die kursiven Stellen sind Auszüge aus einem Brief von Jonatham Bellamy an Aaron Burr vom 3. März 1776.
Zwischen Berlin und Paris liegen ungefähr 1.103 Kilometer (nach unserem modernen Verkehrsnetzt). Eine Postkutsche konnte in der Spitze bis zu 100 Kilometer am Tag zurücklegen. Damit wäre Friedrich also ungefähr elf Tage auf Reisen gewesen (plus ein paar Tage Verspätung die durch Reparaturen, schlechte Straßen, überlastete Pferde, schlechtes Wetter, etc.) anfallen können.
Relativ bald nach La Fayettes Rückkehr nach Frankreich begann er eine Affäre mit Aglaé d’Hunolstein (die vor seinen Verdiensten in Amerika nichts von ihm wissen wollte). Die Affäre war von relativ kurzer Dauer, wurde aber in den Zeitungen berichtet (und ich glaube später gab es sogar ein Theaterstück über die beiden). Es ist jedoch davon auszugehen, dass die Zeitungsberichte nicht über Paris hinaus Verbreitung fanden.
Zumindest im Schriftverkehr schien „mon cœur“ La Fayettes Lieblingsspitzname für seine Frau gewesen zu sein.
----- CHAPTER BREAK -----
17. September 1779
I love you, I love you in spite of myself, in spite of you, in spite of the whole world, in spite of God, in spite even of the Devil, who mixes himself up in it. I love you, I love you, I love you, happy or unhappy, merry or sad. I love you! Do with me what you will, I still shall love you.
Juliette Drouet an Victor Hugo, 1833 an einem Sontag um 16.00 UhrFriedrich ließ sich unzeremoniell auf eines der niedrigen Feldbetten fallen. Seine Augen brannten vor Anstrengung und würde er sich nicht bald wieder aufrappeln, würde er wohl einschlafen.Boyer, der auf einem Stuhl nahebei saß, stieß einen undefinierbaren Laut aus, ebenfalls ein Bekenntnis von Erschöpfung. „Wie viele waren das jetzt?“, wollte er wissen.„47 glaube ich“, meldete sich einer der Regimentsärzte zu Wort, die unter Friedrich dienten. Auch er hatte sich nach den letzten Stunden der Verausgabung auf eines der Feldbetten gesetzt, den Kopf auf die Hände gestützt.„46 waren es, einer der Männer hat sich zwischendurch selber entlassen“, korrigierte Friedrich und richtetet sich wieder auf.„Ein Hoch auf den Herren - ein wahrer Patriot“, meinte Boyer sarkastisch und hob seine Hand wie zum Toast. Der Regimentsarzt blickte ebenfalls auf und ließ seinen Blick dankbar zwischen Friedrich und Jonny hin und her schweifen. „Ich danke Ihnen Sirs, ich wüsste nicht, was ich nur ohne Ihre Hilfe getan hätte.“„Ohne unsere Hilfe hätten Sie nicht viel tun können. Mit Verlaub, diese Bemerkung richtet sich nicht gegen Sie oder ihre Fertigkeiten, aber bei 46 so kranken Männern kann ein Arzt alleine wenig ausrichten“, seufzte Friedrich und Boyer nickte zustimmend.„Was viel wichtiger ist, meiner Meinung nach, ist es Mittel und Wege zu finden dafür zu sorgen, dass sich solch ein Vorfall nicht noch einmal wiederholt“, merkte Boyer an und zupfte an einem losen Faden seiner Weste.„Wie soll das gelingen? Wir wissen alle nur zu gut zu welchen Längen die Männer gehen, wenn sie hungrig sind“, meinte Friedrich und ließ sich wieder nach hinten fallen. Ihm war noch nicht nach Aufstehen.„Nur wie unsere Patienten sicherlich attestieren können, sind giftige Pilze nicht nahrhaft!“„Ich gehe nicht davon aus, dass sie mit Absicht giftige Pilze gesammelt haben - sie sind sicherlich davon ausgegangen, dass die Pilze essbar sind“, schob der Regimentsarzt ein.„Es sieht aber ganz so aus, als ob sie mit dieser Annahme falsch gelegen haben. Daher sollte man den Männern verbieten Pilze und sonst noch was im Wald zu sammeln und sie bestrafen, wenn sie sich über diese Anordnung hinweg setzen“, konterte Boyer.„Bestrafen?“, fragte Friedrich und legte die Stirn in Falten. Von Jonnys Vorschlag hielt er nichts. „Sieh dir unsere Patienten doch an. Die Pilze zu essen war schon Strafe genug. Was möchtest du sonst tun? Sie auspeitschen lassen? Bevor oder nachdem sie sich wieder einigermaßen sicher auf ihren Beinen halten können?“„Natürlich nicht - aber irgendetwas muss doch getan werden? Wenn die Armee ihr Winterlager aufschlägt, dann werden die Zustände nur noch schlimmer werden. Besser nun Maßnahmen ergreifen, als sich später mit den Konsequenzen rumschlagen zu müssen“, argumentierte Boyer weiter und stieß einen weiteren undefinierbaren Laut aus.„Was denken Sie Sirs, wie das kommende Winterlager werden wird? Dieser Winter wird erst mein zweiter im Dienste der Armee sein und man hat mir gesagt, dass das letzte Winterlager sehr milde war. Ist das wahr?“, wollte nun der Regimentsarzt wissen und Friedrich und Boyer warfen sich einen vielsagenden Blick zu.„Der Winter 1778/79 war in der Tat sehr gnädig. Aber klammern Sie sich lieber nicht an die Hoffnung, dass sich solch ein Winter wiederholt. Sie haben Valley Forge nicht erlebt - das war die Hölle! Keines meiner anderen vier Lager war wirklich besser, nur auf andere Art und Weise scheußlich“, erklärte Boyer und ein Schatten huschte über sein Gesicht. Er erinnert sich, dachte Friedrich. Erinnerte sich an den Schnee, das Leiden, die Nahrungsmittelengpässe, amputierte Füße, die Schlacht von Trenton, die blutigen Fußabdrücke im Schnee oder sonst noch was. Friedrich kannte das Gefühl sich zu erinnern.„Ist das diesen Winter schon dein fünftes Lager?“, wollte der junge Arzt dann von seinem Kollegen wissen. Für ihn selber war es erst das vierte. „Ganz recht“, bestätigte Boyer und wippte auf seinem Stuhl vor und zurück. „Seit 1775 haben ich jeden Winter mit der Armee verbracht.“„Hmm“, machte Friedrich und kniff erneut die Augen zusammen. „Das Gute ist, schlimmer als Valley Forge kann es nicht mehr werden, oder? Die Lektion haben wir gelernt?“, meinte er, halb in dem Versuch den unerfahreneren Regimentsarzt Mut zu zusprechen, halb in dem Versuch sich selber Mut zu zusprechen. Schon in wenigen Wochen würde er herausfinden, dass Valley Forge sehr wohl noch nicht den Tiefpunkt dargestellt hatte1.Doch bevor Friedrich diese Erkenntnis machen würde, musste er sich noch mit anderen Dingen auseinander setzten. Ein Junge mit laufender Nase betrat das Hospital und ließ seinen Blick durch den Raum gleiten, bis er Friedrich gefunden hatte. „Doktor Deegen? Das vierte Virginia Regiment ist soeben im Lager eingetroffen - Sie wollten doch informiert werden, sobald die Männer zurückgekehrt sind“, meinte der Junge und wischte sich seine Nase nun am Ärmel ab. Friedrich fühlte mit dem Jungen, er war auch so gut wie jeden Winter durchgängig erkältet. Nicht, dass das nun von Belang wäre. Henry war wieder im Lager. Nach ihrer Rückkehr zur Armee hatte Joséphine in Erfahrung gebracht, dass das vierte Virginia Regiment mit einer Aufklärungsmission betraut worden war und erst später zur Armee zurückkehren würde. Nun hatte das Warten ein Ende. Joséphine war sich nicht sicher, ob sie sich freuen sollte, oder nicht. Sie wollte Henry so unbedingt wiedersehen, ihn anfassen, in den Armen halten - am liebsten würde sie unaussprechliche Dinge tun. Doch ihr war ebenfalls bewusst was für praktisch unüberwindliche Hindernisse zwischen ihr und Henry standen. Sie hatte Louis nicht vergessen. Henry hatte keine Ahnung von all diesen Problemen, von den Vorbehalten und den Ängsten - von all den Ausreden die Joséphine sich zurechtgelegt hatte, um Henry von sich wegzustoßen. Aus Henrys Perspektive war nur eine Sache geschehen: sein Mädchen war zu ihm zurück gekommen - doch eigentlich wussten es beide besser. Das Leben war selten so leicht.„Danke“, meinte Friedrich und räusperte sich, entließ den Jungen doch blieb auf dem Feldbett sitzen.„Nun geh schon!“, drängte Boyer nach einer knappen Minute der Stille und als Friedrich seinem Kollegen nur einen verwirrten Blick zuwarf, verdrehte dieser die Augen.„Nun komm schon Friedrich, ich bitte dich! Seit Tagen wartest du auf die Ankunft des Vierten - und treibst mich dabei halb in den Wahnsinn. Nun geh schon und begrüß auf wen auch immer du wartest“, wies Boyer an und verdrehte erneut die Augen.„Ich …“ stotterte Friedrich. Ihm war nicht bewusst gewesen, dass er seine Ungeduld so deutlich zur Schau getragen hatte.Zum dritten Mal an diesem Nachmittag stieß Boyer einen undefinierbaren Laut aus, bevor er sich erneut an seinen jungen Kollegen wandte. „Friedrich, ich habe dich wirklich lieb, aber manchmal bist du einfach anstrengend. Nun geh schon! Geh, wir kommen hier schon alleine zurecht. Und wenn nun ein ‚aber‘ kommt, dann verspreche ich dir, dich persönlich zum Vierten zu schleifen. Verstanden?“ Friedrich fühlte sich in der Tat ein wenig eingeschüchtert von Boyer. Noch mehr schüchterte ihn nur der Gedanke ein, Henry gegenüber treten zu müssen.Henry musste zu seiner Schande eingestehen, dass bei seiner Rückkehr in das kontinentale Lager sein erster Gedanke nicht Joséphine und ihrem Wiedersehen galt, sondern dem bodenlosen Chaos, dass er zu bewältigen hatte. Seine Männer wuselten umher, Unterkünfte mussten eingerichtet und Pferde versorgt werden. Kranke hatten sie auch, da war ein Missionsbericht der geschrieben werden wollte, die Offiziere mussten Absprache untereinander halten und alles in einem war es einfach nur ein herrliches Durcheinander, für das Henry sich geradezu schämte. In einer Armee hatte Ordnung zu herrschen, aber sein Regiment machte im Moment wirklich keinen ordentlichen Eindruck.Er war gerade in ein Gespräch mit einem Captain seiner Einheit vertieft, als er sie bemerkte. Die Abendsonne stand tief, das Licht blendete ihn und er musste blinzeln bevor er sie erkannte. Doch dann bemerkte er Joséphines hagere Gestalt in einiger Entfernung. Sie machte den Eindruck, als ob sie nicht wüsste, ob sie näher kommen oder den Abstand halten sollte. Der Captain rief, wohl zum wiederholten Male, Henrys Namen und dieser fuhr herum. Wie konnte der Mann ihn nur mit so belanglosen Dingen beschäftigen, wenn es doch so viel Wichtigeres gab? Doch der Captain konnte - und durfte, den Grund für die plötzliche Unruhe seines Colonels natürlich nicht wissen. Deshalb zwang sich Henry auch, all die Fragen und Sachverhalte ruhig und gewissenhaft zu beantworten, in der Hoffnung mit seiner Effizienz Zeit gewinnen zu können. Mit einem Auge schielte er immer wieder in Joséphines Richtung, ob sie auch noch ja dort stand. Ein Schauer fuhr dem jungen Mann über den Rücken und er zuckte unwillkürlich, als er sich bewusst machte, dass die langen Monate der Trennung nun endlich vorbei waren. Doch trotz all seiner Bemühungen schien die Zeit einfach nicht vergehen und die Flut der Anfragen und Aufgaben nicht abebben zu wollen. Innerlich fluchte Henry leise, als sich erneut jemand an ihn wandte, dieses Mal ein Gefreiter. Bei seinem nächsten Kontrollblick war Joséphine nirgends mehr zu sehen und Henrys Herz zog sich ein kleines Stück zusammen. Er hatte endlose und lange Nächte damit verbracht, über sich und Joséphine nachzugrübeln, sich über seine Gefühle klar zu werden. Auf der einen Seite war für ihn ganz eindeutig, was er wollte. Joséphine. Doch auf der anderen Seite hatte er sich auch nicht ganz von den Zweifeln befreien können, die in seinem Kopf herumspuckten. Joséphine war für gewöhnlich diejenige der beiden die diesen Zweifeln eine Stimme gab, die sie wieder und wieder zum Ausdruck brachte, doch das bedeutete nicht, dass Henry sich dieser Zweifel nicht auch bewusst war. Meistens jedoch war er in der Lage sie auszublenden. Immerhin war Henry Optimist, immerhin war Henry Romantiker - immerhin lebte Henry im Hier und Jetzt und konnte glücklich werden ohne einen Gedanken an die Zukunft zu verschwenden.„Colonel Robinson?“, erklang hinter ihm eine Stimme und Henry fuhr herum. Der Regimentsarzt, ein rundlicher Mann mit dem er nicht besonders gut auskam (Joséphine auch nicht, aber das wusste nur er), stand vor ihm. „Doktor Deegen bat mich Ihnen mitzuteilen, dass er sich gerne mit Ihnen besprechen möchte. Es geht um das bevorstehende Winterlager, wenn ich ihn richtig verstanden habe“, erklärte der Arzt, sobald er sich Henrys Aufmerksamkeit sicher war. Dieser nickte nur langsam und entließ den Mann dann.Es dauerte tatsächlich noch einige Stunden, bis Henry endlich die Zeit fand Joséphine suchen zu gehen. Unter dem Vorwand den auch sie verwendet hatte, erkundigte er sich nach Doktor Deegens Aufenthalt. Er sei spazieren gegangen, dass würde er an den Abenden häufig machen und wenn Henry heute noch mit Doktor Deegen sprechen wolle, müsste er ihm wohl folgen, wurde ihm geantwortet und Henry lächelte. Joséphine war ein cleveres kleines Ding.Es war die Jahreszeit in der die Sonne bereits früh unterging und Henry fühlte die Dunkelheit wie ein dunkles Omen über sich hereinbrechen, als er sich langsam von dem Lager mit seinen Feuern und Fackeln und Menschen entfernte. Seine Zuneigung für Joséphine war nicht für das Licht, nicht für die Massen geschaffen. Es war und musste ein Geheimnis sein, doch manchmal machte der junge Virginier sich Sorgen, was passieren würde, sollte einst die Sonne für sie scheinen. Konnte eine Beziehung die aus der Dunkelheit geboren, die durch Angst und Geheimniskrämerei befeuert worden war im Licht des Tages bestehen?„Deegen? Deegen!“, erklangen gedämpfte Rufe aus der Ferne. Friedrich fuhr herum und kniff die Augen zusammen, um dann endlich Henry ausmachen zu können. Sobald dieser auch Joséphine sicher identifiziert hatte, beschleunigte er seine Schritte und - schlang seine Arme um sie, wirbelte sie herum wie ein Matrose der sein Mädchen nach Monaten auf See das erste Mal wieder gesehen hatte. Schon waren Henrys Lippen auf den ihren, bestimmt und gierig. Verlockend. Doch Joséphine wollte nicht. Nach einem Moment der Überraschung, einem Moment der Verwirrung, stieß sie Henry von sich.„Lass das!“„Was ist? Was hast du?“, wollte der Colonel wissen, seine Stimme war sanft, aber sein Gesichtsausdruck war in der Dunkelheit schwer genau auszumachen.„Ich kann das nicht mehr. Ich will das nicht mehr“, meinte Joséphine und trat einen Schritt zurück. Mit einer Hand fuhr sie sich fahrig durch ihr Haar. Oh, und wie sie doch wollte.„Und da dachte ich gerade wir hätten Fortschritte gemacht …“ Henry klang enttäuscht und trat ebenfalls einen Schritt zurück. So wie er nun stand, spiegelte sich das Mondlicht in seinen großen blauen Augen.„Für uns beide kann es keinen Fortschritt geben“, deklarierte die junge Frau und ließ die Endgültigkeit ihrer Entscheidung in ihrer Stimme mitschwingen.„Dann müssen wir eben der Fortschritt sein!“ Henry ließ sich von Joséphine nicht beirren. Er war schon immer ein Optimist gewesen und wenn er nun hoffnungsvoll für sie beide sein musste, dann würde er das eben sein. Mutig machte er wieder einen Schritt auf Joséphine zu, ganz so als wollte er seine Worte durch seine Bewegung nur noch betonen.„Henry, bitte, versteh doch. Wir beide sind grundverschieden. Wir beide, was auch immer ‚wir beide‘ bedeutet, werden niemals eine Chance haben. Ich bin ein Bauernmädchen und du der Sohn eines reichen Plantagenbesitzers, wir werden nie-“ An dieser Stelle ließ Henry Joséphine nicht aussprechen.„Das ist doch egal! Wir sind doch mehr als das. Mehr als die Berufe unserer Väter. Jeder von uns ist mehr als das und zusammen sind wir erst recht mehr als das, warum versteifst du dich ständig auf Dinge, die keine Bedeutung haben?“„Dinge, die keine Bedeutung haben? Henry, warum willst du dir so unbedingt selber das Herz brechen?“„Weil ich es mein Leben lang bereuen werde, wenn ich es nicht tun würde!“, meinte der junge Mann und dieses Mal lag in seiner Stimme die Endgültigkeit.„Warum? Gott, warum Henry? Warum kannst du nicht irgendein anderes Mädchen lieben?“, rief Joséphine dann plötzlich aus, ihre Stimme laut und erregt und unbedacht. Sie war wütend - nein, sie war nicht wütend, sie war verzweifelt, dass Henry sie nicht einfach lassen konnte. Warum musste er ihr eine schwere (aber richtige) Entscheidung nur noch schwerer machen? Warum musste er so beharrlich sein, so verführerisch, so verständnisvoll?„Du erkennst also an, dass ich dich liebe?“, beanspruchte Henry dann wieder ihre Aufmerksamkeit. Er verstand es wirklich nicht. Joséphine wandte Henry den Rücken zu bevor sie antwortete.„Ich denke, dass du liebst was ich verkörpere. Ein Abenteuer, etwas Wildes, verruchtes, etwas Seltenes …“ Es tat ihr weh, sich vorzustellen, dass Henry so von ihr dachte, dass das alles war, was ihn an ihr reizte, aber es machte ihr die Dinge auch einfacher.„Du bist keine Trophäe Joséphine“, brauste Henry auf. Beinahe wütend, nicht wütend auf sie, sondern auf den Gedanken. Nach einem Moment der Stille fuhr er fort, nun wieder gefasster. „Warum kannst du dich selber nicht lieben? Warum kannst du nicht akzeptieren, dass andere Menschen dich lieben?“„Wenn wir uns in Philadelphia getroffen hätten oder in deinem Virginia, wenn ich eine von den Camp Followerinnen wäre, dann könnte ich es wohl akzeptieren, aber-“„Aber was?“„Aber wir haben uns in einem Abschnitt meines Lebens getroffen, in dem ich mich so unsagbar für das schäme was ich bin, was ich tue, was ich darstelle, dass ich einfach nicht begreifen kann, wie dich das nicht wütend macht.“ Joséphines Stimme war sogar noch lauter als zuvor, heiser klang sie auch, da sie mittlerweile zu weinen begonnen hatte. Erschöpft bedeckte sie ihr Gesicht mit den Händen, ganz so als könnte sie sich hinter ihren Fingern vor der Welt verstecken.„Du denkst ich finde das gut? Das tue ich nicht! Dein Betrug ist falsch und übt auf mich keinen Reiz aus, deshalb sehe ich in dir auch kein Abenteuer - ich brauche kein Abenteuer, ich kämpfe in einem Krieg, das ist Aufregung genug. Aber Joséphine, du bist mehr als das“, brauste Henry wieder auf. Nach einer kurzen Stille fügte er hinzu „Du bist genug, so wie du bist.“ Er hatte das Gefühl dies Joséphine explizite sagen zu müssen.„Vielleicht kennst du mich doch nicht so gut, wie du denkst.“ Die junge Frau wollte von Henrys Milde nichts wissen. Aus ihrer Stimme tropfte die Verachtung - Verachtung gegen sich selber, aber auch gegen Henry, weil er sie eben nicht für ihre Taten verachtete.„Was hast du Joséphine? Wovor hast du Angst? Wovor läufst du davon?“„Ich laufe vor gar nichts davon!“„Doch, das tust du!“ Ein Moment der Stille kehrte ein, eine Stille, einzig unterbrochen von den Rauschen des Baches. Die Stille fühlte sich leer an, unnatürlich. „Vertraust du mir?“, wollte der Colonel wissen.„Das ist keine Frage des Vertrauens, Henry.“„Also vertraust du mir?“„Ja, doch! Ja, das tue ich“, antwortete die junge Frau gereizt.„Dann vertrau mir auch Joséphine! Gib mir deine Hand, geh den Schritt, lass dich fallen und vertraue darauf, dass ich dich halten werde. Vertrau mir, dass alles gut wird.“ Henry flehte beinahe schon. „Bitte Joséphine, vertrau mir nur einfach.“Joséphine mochte diesen flehenden Tonfall in Henrys Stimme nicht. Andererseits war es eine wohltuende Abwechslung einmal nicht diejenige zu sein, die flehte. Die James anfleht ihr nichts zu tun, die La Fayette anflehte sie nicht zu verraten, die Gott anflehte ihr nicht ihr Kind zu nehmen oder ihre Mutter oder ihren Bruder oder ihren Onkel. Die junge Frau genoss die vertauschten Rollen beinahe. Henrys Angebot war verlockend, es war verlockend sich keine Sorgen machen zu müssen, die Verantwortung und die Sorgen an jemand anderen abzutreten. Für einen langen Moment sah Joséphine Henry in die Augen, sah ihr eigenes Spiegelbild in seinen geweiteten Pupillen. Sie seufzte. Zaghaft streckte sie die Hand aus, dass Henry sie in der seinen halten konnte. Es war ein stummer Vertrag den die beiden an diesem Nachmittag schlossen. Ein Abkommen, in dem Henry die Verantwortung, die Führung übernahm und in dem Joséphine sich unterordnete - ganz so wie man es von einer guten Ehefrau erwarten durfte. Keiner von ihnen sprach es je aus, doch beide wussten um die Gültigkeit dieses Abkommens. Joséphine war sich dessen 1783 bewusst, wo sie sich wieder und wieder Henry unterordnete, ohne zu klagen, ohne zu protestieren, ohne aufzubegehren, ungeachtet des Schmerzes, den sie verspürte und der sie mehr als nur einmal fast umgebracht hätte. Sie war sich dessen 1784 bewusst, als Henry sie demütigte, ihr die schlimmsten Vorwürfe machte. Henry war sich dessen 1784 bewusst, als er die Verantwortung für seine wirklich dumme Idee übernahm. Nur ein einziges Mal, im Jahre 1800, da widersetzte Joséphine sich. In dem Jahr traf sie die Entscheidung und ließ Henry keine andere Wahl, als sich ihrer Entscheidung unterzuordnen. Diese führte zu Tränen auf beiden Seiten, zu ruhelosen Nächten und schierer Frustration, die in die Wälder Virginias hinausgeschrien wurde - es führte zu einer Bekanntschaft 1824 und einem kleinen Wunder 1825. Es führte Henry zu der Erkenntnis, dass er und Joséphine wohl glücklicher gewesen wären, wenn sie sich nie in solch feste Rollenverteilungen begeben hätten. Doch die beiden hatten sich in ungewissen Zeiten und unter extremen Umständen verliebt und so waren nur extreme Übereinkommen in Frage gekommen.Doch die Zukunft spielte im Winter 1779/80 keine Rolle. Es war der Winter in dem Alexander Hamilton sich in seine Elizabeth Schuyler verliebte und ihr den Hof machte. Doch wo die beiden Jahre später, verheiratet, glücklich, ihrer Schar an Kindern von romantischen Abenden vor dem Kamin, von Winternächten und Tanzbällen erzählten, von Liebensbriefen und vergessenen Passworten2, da würde niemand Henrys und Joséphines Kindern von der Winterromanze ihrer Eltern berichten. Vergessen waren die hastigen Küsse hinter Gebäuden in deren Intervallen der Atem in der Luft kondensierte und kalte Nasenspitzen aneinander rieben. Vergessen war die Kälte, die Henry und Joséphine gierig aufeinander machte. Vergessen waren die Wollsocken, der Schal und die insgesamt drei Paar Fäustlinge die Joséphines geschickte Finger während langer Nachtschichten in den immer vollen Hospitälern für Henry strickte. Vergessen waren die kurzen, hastig geschriebenen Briefchen, die Henry für Joséphine versteckte, überall dort wo sie sie finden konnte aber sonst niemand. Man vergaß, dass man die Vorsicht vergessen hatte. Das Risiko war belebend, so sehr man sich der Problematik auch bewusst war. Es war eine kurze Episode in dem Leben dieser eigentlich sehr vorsichtigen Menschen. Für einen Winter, eine Handvoll Monate erlaubten sie sich zu lieben, wild und frei und sorglos.Joséphine fühlte sich jung in dieser Zeit, seit vielen Jahren fühlte sie sich wieder jung. Joséphine war jung, sie hatte erst vor so kurzer Zeit die dritte Dekade ihres Lebens begonnen, dass sie sich noch mit Recht als jung bezeichnen konnte - nur irgendwie hatte sie es vergessen. Sie hatte ihre Mutter verloren und musste darauffolgend ihre Rolle ausfüllen. Sie hatte geheiratet, hatte einen Krieg durchlebt, war verwitwet und hatte Kinder verloren und begraben. Sie war jung und fühlte sich alt, da sie den Schmerz von so viel mehr Jahren durchlebt hatte, als sie eigentlich zählte. Nur das Glück welches zwischen all diesen Lebensabschnitten lag, war ihr nie vergönnt. Das Glück einer liebevollen Ehe, das Glück eine Familie zu gründen und wachsen zu sehen, das Glück in Ruhe alt zu werden. Doch in diesem Winter mit Henry fühlte sie sich wieder jung, fühlte sich wieder als würde die Welt ihr offen stehen, als würde die Zukunft in ihrer Hand liegen. Sie dachte sogar, sie könnte eines Tages glücklich werden, wenn Henry sie mit gierigen Küssen durch die verschneiten Wälder abseits des Lagers jagte. Wenn ihre Lunge vor Kälte und Anstrengung brannte, wenn ihre Hosen bis zum Knie vom Schnee durchnässt waren - es waren nicht viele Stunden, die Joséphine und Henry so verbrachten. Dafür hatten sie nicht die Zeit, noch hatten sie häufig die Möglichkeit, sich davon zu stehlen. Auch wenn sie sich erlaubten diesen einen Winter unvorsichtig zu sein, so waren sie doch immer noch vorsichtig in ihrer Unvorsichtigkeit und gingen kein Risiko ein, dass sich nicht gelohnt hätte, taten nichts, das zu riskant wäre. Es waren auch nicht die Stunden die zählten, sondern die Erinnerungen, die sie sammelten. Erinnerungen, die auch dann nicht verblassten, als die Sonne das Eis taute, als der Krieg mit einem Federstreich beendet wurde oder ihre Jugend langsam verblasste. Joséphine erinnerte sich 1800 an den besagten Winter, als sie weinend in einem fremden Bett lag und sich mechanisch das Blut von den Beinen wischte. Henry erinnerte sich 1818 an ihren gemeinsamen Winter, als er abends alleine am Hafenbecken in Philadelphia stand. Es war der Jahrestag, 18 Jahre war es nun her, und er hatte das Gefühl, ihm würde alles zu viel werden.Einmal dann im Verlauf des Winters waren sie dann zu unvorsichtig gewesen und wurden entdeckt, oder so glaubte Joséphine zumindest. Sie hatte an ihrem Tisch gesessen und eigentlich ein paar furchtbar wichtigen Dokumenten ihre Aufmerksamkeit schenken sollen, doch Henrys Küsse an ihrem Hals und Kinn waren einfach eine zu große Ablenkung. Ein Geräusch an der Tür ließ die beiden auseinander fahren, doch sobald sie sich umgedreht hatten, erblickten sie nur den verwaisten Durchgang. Henry tat es als Hirngespinst ihrer überspannten Nerven ab, die hinter jedem Schatten eine Gefahr lauern sahen. Joséphine war verleitet in den Gedanken miteinzufallen - solange bis sie den Baron von Steuben das nächste Mal traf. Da war etwas in dem Blick des Preußen, das dort zuvor noch nicht war und der General Inspektor, der Friedrich schon immer mit beinahe väterlicher Führsorge bedacht hatte, verstärkte diese Führsorge nur noch. So vergingen die Monate und schon bald war es Dezember geworden.
23. Dezember 1779
THE general court martial, whereof major general Howe is president, to sit to-morrow morning ten o'clock, at Norris's tavern. Colonel Jackson is appointed a member, vice colonel Hazen; and lieutenant colonel commandant Weisenfeldts, vice colonel Humpton, on command.
Auszug aus dem vom Kontinentalkongress herausgegebenen Bericht zum Prozess gegen Benedict Arnold3„Sind wir uns sicher, dass es in diesem Wäldchen überhaupt Tannenbäume gibt?“, fragte Friedrich nach einiger Zeit und stemmte die Hände in die Hüften. „Ne“, erwiderte Wurtenberger trocken und brachte damit seinen ehemaligen Kollegen zum Grinsen.„Das heißt, es wird dieses Jahr keinen Baum geben?“, meinte Mueller und es war schwer fest zu machen, ob es sich dabei um eine Frage oder eine Aussage handelte. Er erhielt als Antwort bestätigendes Nicken von allen Seiten, als plötzlich ein Ruf durch den stillen Wald ertönte. Vögel stoben auf. „Hier drüben!“, rief Raybold, der sich etwas von der Gruppe entfernt hatte. Die restlichen Mitglieder des damaligen Stabes eilten an seine Seite, nur um von Raybolds Fund überrascht zu werden.„Also, ich kenne mich jetzt nicht so gut mit Pflanzen aus, aber ich glaube das ist eine Fichte und kein Tannenbaum im klassischen Sinne“, äußerte Friedrich sich dann zuerst.„Das ist mir auch bewusst“, konterte Raybold, beinahe flapsig. „Aber es ist ein Nadelbaum.“„Und er hat Tannenzapfen“, unterstützte Mueller den Vorschlag des ehemaligen Quartiermeisters.„Tannenzapfen? Jetzt erklär mir bitte einmal, wie eine Fichte Tannenzapfen haben soll?“, forderte Wurtenberger Mueller auf und erhielt als Antwort eine Grimasse. „Fichtenzapfen meinetwegen - aber eben Zapfen.“„Wenn dem so ist, dann wollen wir uns einmal an die Arbeit machen!“, machte Friedrich den Vorstoß und griff nach der Axt.„Die nehme ich dann doch lieber“, mahnte Raybold halb ernst, halb scherzhaft.„Was soll das nun heißen“, meinte der ehemalige Regimentsarzt, beinahe ein wenig beleidigt.„Das soll heißen, dass wir den Baum vor Weihnachten gefällt haben wollen und du nicht der Robusteste von uns allen bist“, zog Wurtenberger seinen Kollegen auf und dieses Mal war es an ihm zu grinsen. Friedrich streckte ihm die Zunge heraus.„Immerhin haben wir dieses Mal eine Axt mitgenommen, an die Schweinerei von einer unserer letzten Fällungen kann ich mich noch lebhaft erinnern“, meinte Wurtenberger dann weiter und ging Raybold zur Hand.„Hatten wir nicht irgendwann einmal deine Knochensäge genommen?“, erinnerte sich Mueller und kratzte sich am Kopf.„Ganz recht - ich habe sie geputzt so gut es eben geht, aber ich habe das Gefühl, dass sie immer noch klebrig ist.“ Oh, wie Friedrich die Mitglieder seines ehemaligen Regimentsstabes doch liebte!
24. Dezember 1779
The Honorable the board of War having procured a small supply of shirts and linen and directed the distribution of them among the officers of the line and staff who are not adopted by any state; The Cloathier General is to deliver them upon returns signed by the commanding officers & heads of the following corps and departments at the rates directed by a resolve of Congress of the 25th of November last.
General Orders am 24. Dezember 1779„Wir standen einfach nur zusammen und haben geredet, als plötzlich dieser Mann an uns heran trat und meinte ‚Es ist eine Angewohnheit des Marquis mitunter sehr unhöflich zu sein‘. Ich dachte La Fayette würde sich beleidigt fühlen und etwas erwidern, aber dem war weit gefehlt. Er verbeugt sich sogar noch, Adams neben mir auch. Ich habe immer noch keine Ahnung wer dieser Mann ist, falle aber in die Verbeugung mit ein. Plötzlich meinte der Fremde, dass er mit mir alleine sprechen möchte und Adams und der Marquis treten unverzüglich den Rücktritt an. Später stellt sich heraus, dass der fremde Mann der Bruder des Königs ist - und ich hatte keine Ahnung“, berichtete Friedrich und füllte seinen ehemaligen Stabsmitgliedern nach. In der Ecke des kleinen Raumes stand der Baum, den man am Vortag gefällt hatte. Jedes Mal wenn Friedrichs Blick auf das Gewächs fiel, musste er lächeln, ein unbeschwertes und warmes Gefühl machte sich dann in ihm breit. Die Fichte war symbolisch für diese kleine Nische, die man sich herausgeschlagen hatte. In dem Leben das sie führten, umringt von Krieg und Elend, war es nicht immer einfach Freude zu finden. Friedrich hatte diese Erfahrung selbst oft genug am eigenen Leib erfahren müssen - und dabei waren seine besonderen Lebensumstände noch nicht einmal miteingenommen. Doch Friedrich hatte auch früh gelernt, dass man sich nicht unterkriegen lassen durfte. Man hatte Anrecht auf sein Glück und brauchte von Zeit zu Zeit nur den Mut zuzugreifen, wenn sich besagtes Glück einem präsentierte. Ob es nun Weihnachtsfeiern mit Fichten waren oder heimliche Momente mit Henry, ob es Schachpartien mit Benjamin Walker waren oder lange, vielsagende Blicke zwischen ihm und General La Fayette - Friedrich hatte, gerade in diesem Winter, gelernt sein Glück und seine Freude nicht mehr zu hinterfragen. Der Krieg würde nicht ewig dauern, eines Tages müsste sich Joséphine wieder einem Leben in Frieden stellen. Sie sehnte sich danach, sehnte sich nach sauberen Händen und Nächten ohne Geschrei. Sie sehnte sich danach und ängstigte sich davor, es ängstigte sie die Ungewissheit, die ihr Leben dann haben würde. Wohin würde sie gehen und mit wem? Was würde sie tun? Ihr Leben fühlte sich im Moment wie ein Fiebertraum an. Intensive und eindringliche Erinnerungen, verwässert durch das Gefühl, dass eigentlich nichts hier von real war. Die heimelige Routine die sich zwischen den Schlachten, zwischen dem Adrenalinrausch einschlich.„Du hattest wirklich keine Ahnung?“, wollte Mueller wissen und beugte sich weiter vor, riss mit seiner Frage den jungen Arzt aus seinen Gedanken.„Nein, überhaupt nicht! Ich meine, natürlich ist mir aufgefallen, dass es sich bei dem Herren um eine bedeutende und einflussreiche Persönlichkeit handeln musste - nur ich hatte nicht mit jemandem so bedeutsamen gerechnet“, führte Friedrich seine Geschichte weiter aus.„Das ist ja alles gut und schön, aber ich möchte viel lieber wissen, worauf die Aussage über den Marquis fußt“, mischte sich nun Wurtenberger ein und angelte sich die letzte Scheibe Brot.„Das muss aber unter uns Vieren hier bleiben - sollte der Marquis je herausfinden, dass ich das ausgeplaudert habe, bekomme ich wirklich Ärger. Der Marquis hat den Bruder des Königs zweimal wissentlich als Dummkopf bezeichnet, nur um keine Anstellung in seinem Haushalt antreten zu müssen.“„Der General hat was getan? Wissentlich? Ich hoffe für ihn, dass er nie in die Politik gehen wird. Auf dem Gebiet ist er verloren“, meinte Mueller und rümpfte die Nase.„Nicht in die Politik gehen? Im Gegenteil, ich hoffe für ganz Frankreich, dass der General und mehr Männer wie er in die Politik gehen“, konterte Raybold und verschränkte die Arme vor der Brust, während er sich in seinem Stuhl zurücklehnte und den Raum sondierte. „Ich bin froh, dass wir es immer wieder fertig bringen, in solch einem Kreise zusammen zu kommen! Trinken wir auf diejenigen, die dieses Jahr nicht mehr bei uns sind.“„Auf Michael“, erklang es vom anderen Ende des Tisches und alle Anwesenden hoben ihre Becher zum Toast. „Auf van Linkensdorf“, meinte ein anderer und wieder wurden die Becher gehoben. Friedrich wurde schlecht bei dem Gedanken, doch er trank trotzdem. Er hatte van Linkensdorf in Preußen zurückgelassen und weigerte sich, ihn in irgendeiner Art und Weise hier in Amerika in sein Leben zu lassen.„Aber, aber, meine Freunde, wir werden trübsinnig an diesem Heiligen Abend. Wir haben einen Toten zu betrauern, doch auch das gute Glück eines Lebenden zu feiern. Friedrich, du hast van Linkensdorf erst kürzlich gesehen, nicht? Erzähl, wie geht es ihm, nun da er wieder daheim in seinem schönem Preußen ist?“, forderte Mueller den jungen Arzt auf und dieser hatte einen schrecklich langen Augenblick mit sich zu ringen, als eine Flut an Bildern vor seinem inneren Auge vorbei zog und er Finger an den intimsten Stellen seines Körpers spürte. Doch statt den Gefühlen in seinem Innern nachzugeben, setzte er nur ein mutiges Lächeln auf und machte, wozu man ihn aufgefordert hatte. Friedrich war gut darin, einfach weiter zu machen. Er hatte den Abend genossen und wollte verflucht sein, wenn er van Linkensdorf nun die Möglichkeit einräumte, die Erinnerung an diesen Abend zu trüben.
29. Januar 1780
We have lately graduated 32 young Doctors. I send you herewith One of their inaugural dissertations in which you will find I hope some entertainment.
Doktor Benjamin Rush in einem Brief an John Adams, 22. April 1807Es war tiefer Winter in Amerika, die Bäume hatten ihre Blätter abgeworfen, die Tage waren kürzer, die Winde rauer und die Nächte kühler geworden. Es war Winter in Amerika. Doktor Friedrich Deegen stand am Rande des amerikanischen Lagers, an dem abgeschiedensten Ort, den er auf die Schnelle hatte finden können und studierte den Brief in seinen Händen. Er hatte ihn bereits einige Male gelesen, doch sein Inhalt bannte den jungen Mann noch immer. Doktor Benjamin Rush hatte ihm geschrieben - ein Umstand, der an für sich noch nicht allzu ungewöhnlich war. Was der angesehene Arzt und Unterzeichner der Unabhängigkeitserklärung jedoch geschrieben hatte, war bemerkenswert.„Doktor Deegen, mit Freude schreibe ich Ihnen diese Zeilen, doch würden Freude und Glückwünsch nicht überwiegen, so müsste ich eigentlich doch recht böse mit Ihnen sein, guter Sir. Ich gratuliere Ihnen zu Ihrer kürzlich erschienen Veröffentlichung und natürlich noch mehr zu dem erfolgreich durchgeführten Eingriff selber. Eine Appendektomie ist ein schwieriger Eingriff und Ihrem Bericht zu Folge haben Sie dennoch unserer Zunft alle Ehre gemacht. Nur hatte ich mir die Hoffnung ausgemalt, dass Sie mich umgehend benachrichtigen würden, sollten Sie je eine Publikation in den Druck geben. Wirklich Sir, würde ich Sie und Ihre Bescheidenheit nicht so gut kennen, würde ich an Ihrem Verhalten beinahe Anstoß nehmen. Doch dieses Mal werde ich noch nachsichtig mit Ihnen sein. Ich habe ebenfalls eine Kopie Ihrer nachträglich veröffentlichten Abschlussarbeit erstanden und auch wenn es deutlich als die Arbeit eines Studenten zu erkennen ist, beweist es doch nur wieder, was ich schon häufig gesagt habe. Sie haben ein Talent Doktor Deegen, dass Sie mit der richtigen Förderung und Fleiß weit bringen kann. Was auch immer Sie tun Sir, ich erflehe Sie, kehren Sie unserer Zunft nie den Rücken. Ich habe nicht viel Zeit Ihnen mehr zu schreiben, deshalb lassen Sie mich nur noch eines hinzufügen; sollten Sie es wünschen, kann ich Kontakt mit einem Herren in Boston herstellen, der wissenschaftliche Publikationen aus Amerika und England sammelt, übersetzt und in einer halbjährig erscheinenden Zeitung in Frankreich veröffentlicht. Schreiben Sie mir, wenn Sie Ihre Arbeit über die Appendektomie in Frankreich veröffentlich sehen möchten.
Damit verbleibe ich Sir, Ihr treuverbindlicher Freund etc,
B. Rush
Solange wie sie nun schon ihr Spiel spielte, solange hatte Joséphine nach Ausreden gesucht, um ihr Handeln zu rechtfertigen. Ausreden, um die Dinge zu tun und nachzugehen, die sie zwar glücklich machten, dies aber eigentlich nicht sollten, die Dinge, die sich nicht schickten. Ihr war bewusst, dass sie nach Ausreden suchte, es war ihr so sehr bewusst, dass es die Ausrede eigentlich selber irrelevant machte. Joséphine machte sich schon lange keine Illusionen mehr, dass sie weit vom rechten Weg abgekommen war. Nur war sie noch nicht bereit, sich diesen Umstand vollkommen einzugestehen. Lieber erfand sie Ausreden, von denen sie jedoch zu jeder Zeit genau wusste, dass es sich dabei um Ausreden handelte. Sie konnte andere täuschen, aber nicht sich selber - nicht mehr zumindest. Doch als sie Rushs Brief in den Händen hielt, da kam ihr eine Idee, eine Idee, die sich nicht wie ein billiger Vorwand anfühlte.Es war nicht ihr Name, nicht Joséphine, der auf den Publikationen stand und der mit ihrem Tun in die Welt hinaus getragen werden würde. Es war der Name ihres Bruders Friedrich. Friedrich war tot, war seines Lebens beraubt worden, bevor er hatte studieren können, ganz so wie das Schicksal es für ihn vorgesehen hatte. Er war gestorben, bevor er all die wundervollen Dinge hatte tun können, von denen Joséphine wusste, dass er sie getan hätte. Nun, Joséphine war nicht Friedrich, sie hatte nicht sein Herz oder seinen Verstand, aber dennoch hatte sie etwas und sie war bereit, alles von diesem etwas zu geben, um ihrem Bruder Ehre zu machen. Niemand würde sich je an ihren Namen erinnern können, diesen Anspruch hatte Joséphine auch nicht - aber ihr Herz zog sich bei dem Gedanken zusammen, dass man ihren Bruder einst vergessen könnte. Nein, soweit würde sie es nicht kommen lassen. Vielleicht war es nicht viel, was sie ihm nachträglich geben könnte, aber soweit wie sie ihre Spuren in der Geschichte hinterlassen konnte, sie in seinem Namen hinterlassen konnte, soweit wie sie Menschen helfen konnte, Menschen, die den Namen ihres Bruders beim Dank auf den Lippen hatten, soweit konnte Joséphine alles tun, was in ihrer Macht stand. Sie hoffte nur, ihr Bruder würde ihr die Mittel und Wege verzeihen, die sie benutzt und eingeschlagen hatte, nur um dieses Ziel zu erreichen. Es war ein nobles Ziel, aber der Zweck heiligte dennoch selten die Mittel.Joséphine ließ ihren Blick hinauf zum Himmel schweifen. „Die Menschen werden stolz auf dich sein kleiner Bruder und du kannst dann stolz auf mich sein. Nichts würde ich mir mehr wünschen.“
12. Februar 1780
I don’t loose Any time in informing You that mde de Lafayette is happily deliver’d of a son, and too much depend on your friendship not to be Certain that You will be pleas’d with the intelligence— The Boy shall be Call’d George, and you will easily Gess that he bears that Name as a tribute of Respect and love for my dear friend Gnl Washington.
La Fayette an Benjamin Franklin, 24. Dezember 1779, zwei Uhr am MorgenDie Post, die an diesem Morgen in dem Lazarett abgegeben wurde, war überwiegend beruflicher Natur, doch unter den verschiedensten Briefen befand sich auch ein Brief, der an Friedrich persönlich adressiert war. Neugierig brach der junge Arzt das Siegel und begann zu lesen. Friedrich starrte einen Moment auf die Zeilen vor ihm, bevor er wirklich verstand. Mit einem Satz war er aufgesprungen und Richtung Tür geeilt. „Ist alles in Ordnung Friedrich?“, wollte Boyer aufgrund der plötzlichen Eile wissen und Friedrich nickte nur halbherzig, murmelte, dass alles in bester Ordnung sei. Mit beinahe schon fliegenden Schritten drängte er sich durch das allgemeine Gewirr des amerikanischen Lagers, den Brief hielt er dabei fest in seiner Hand. Vorbei an Soldaten, Pferden und Marketenderinnen - mehr als einmal wäre er auf seinem Weg zu Washingtons Hauptquartier mit jemandem zusammenstoßen, doch das kümmerte ihn wenig. Vor dem Hauptquartier angekommen, erklomm er die niedrigen Treppenstufen bis zur Eingangstür und obwohl er den Versuch unternommen hatte, sich die Füße abzutreten, trug er doch einiges an grauem Februarschnee mit sich in den Innenraum hinein. Friedrich ließ jeglichen Anstand und Regelwerk außer Acht, als er ohne sich anzukündigen die Tür zum Arbeitszimmer von Washingtons Aide-de-camps aufriss und schließlich im Durchgang zum Stehen kam. Neben den versammelten Aide-de-camps war auch Washington selbst anwesend. Der junge Arzt konnte sich gerade eben noch so am Türrahmen abfangen, als seine feuchten Sohlen auf dem Holzboden den Halt zu verlieren drohten. General Washington beäugte den Ankömmling, der gerade eben noch den Versuch unternommen hatte zu salutieren, argwöhnisch. Das Gesicht des Arztes war gerötet, gleichfalls von Kälte als auch von Aufregung und würde er dabei nicht so breit grinsen, hätte Washington in Deegen wohl den Überbringer schlechter Nachrichten vermutet.„Verzeihen Sie Sir, bitte verzeihen Sie mir mein taktloses Auftreten, aber … aber ich habe einen Brief erhalten - und ich denke, dass alle Anwesenden hier begierig sind, dessen Inhalt zu erfahren.Friedrich legte den erhaltenen Brief auf den Tisch und spätestens La Fayettes unverkennbare Handschrift bewegte die anwesenden Männer den Inhalt des Briefes zu lesen. Nach einigen Momenten des Schweigens, in denen auch Friedrich wieder etwas zur Ruhe gekommen war, löste Hamilton sich als Erster von der Lektüre.„La Fayette hat einen kleinen Sohn, was für eine freudige Überraschung!“, ließ er verlautbaren und auf seinen Zügen spiegelte sich die ehrliche Freude über das familiäre Glück seines Freundes ab.„Und er hat seinen Sohn nach Euch benannt Exzellenz“, fügte Tilghman hinzu und deutete auf die entsprechende Passage in dem Brief. Washingtons Miene war sorgsam konstruiert, aber dennoch war es für jeden ersichtlich, wie sein Herz mit Stolz anschwoll.„Nicht nur hat La Fayette seinen Sohn nach einem amerikanischen General benannt, er ist auch am Jahrestag einer bedeutendsten Schlachten dieses Krieges geboren worden, der 24. Dezember“, fügte Laurens an.„Die Schlacht von Trenton? Das ist alles woran du bei dem Datum denkst?“, wollte Friedrich wissen und blinzelte. Ihm waren bei dem Datum andere Assoziationen gekommen.„Woran hast du denn gedacht?“, stellte Laurens Friedrich nun die Gegenfrage.„An Weihnachten. Das Kind ist an Weihnachten geboren worden, wie ein kleiner Weihnachtself, ein Zeichen, ein Geschenk des Herren“, erwiderte der junge Arzt.„Am Vorabend von Weihnachten“, warf Hamilton nun ein.„Für euch vielleicht, aber in meiner Kultur ist Weihnachten am 24. Dezember.“„Wie dem auch sei, ich denke wir können uns darauf einigen, dass jedes Kind, ganz gleich seines Geburtstages, ein Geschenk des Herren ist“, mischte sich Robert Hanson Harrison, Washingtons militärischer Sekretär nun in die Unterhaltung ein und signalisierte damit, dass man das Thema nun nicht weiter ausführen wollte.„Ganz recht Sir“, brachte Friedrich dann hervor und angelte nach dem Brief. „Ich bin mir sicher, dass der Marquis noch mehr Briefe geschrieben hat, nur da ich das Gefühl hatte, dass meiner unser Lager zuerst erreicht hat, hielt ich es für meine Pflicht den Inhalt zu teilen - ich möchte aber auch nicht stören“, druckste Friedrich. Ihm wurde langsam aber sicher bewusst, in was für einer überstürzten Manier er in den Raum hinein geplatzt war. Wären nur die Aide-de-camps anwesend, hätte sich wohl niemand daran gestört, aber Friedrich ging nicht davon aus, dass sein Verhalten bei Washington Anklang fand. Entsprechend wenig war er dann auch überrascht, als Washington ihn zurückhielt, als er sich gerade seinen Brief wieder nehmen und den endgültigen Rückzug antreten wollte.„Ich denke Sie haben etwas vergessen, Doktor Deegen.“ Beim Klang von Washingtons tiefer Stimme, stand Friedrich wieder kerzengerade.„Verzeihen Sie General?“„Meine Herren, was Doktor Deegen vergessen hat zu erwähnen, mit der Geburt des Kindes tritt er ein besonderes Amt an.“Friedrich grinste, dann hatte La Fayette Washington davon berichtet. „Der Marquis hat mich gefragt, ob ich wohl Pate für sein Kind werden wollen würde und ich habe zugesagt. Ebenso wie Ihr, nicht wahr, General?“„In der Tat Doktor Deegen, auch ich habe zugesagt4“, meinte Washington und erlaubte sich ein kleines Lächeln.„Darauf trinke ich“, verkündete Laurens spontan und griff nach dem nächst besten Gefäß vor ihm, seiner Teetasse und hob sie wie zum Toast. Die restlichen Aide-de-Camps ließen sich ebenfalls auf diesen Unsinn ein, mit Ausnahme von Harrison, und griffen ebenfalls die nächstbeste Tasse - nur Hamilton war zu langsam und bekam keine Tasse mehr ab. Er ließ sich davon aber nicht beirren und ergriff kurzerhand das Tintenfässchen vor ihm. Friedrich wurde rot, grinste aber schelmisch und amüsierte sich. Für einen Augenblick ließ er das kleine Schauspiel gewähren, dann verbeugte er sich im Scherz. „Ich danke meine Herren, aber nun sollten wir alle wirklich wieder unserer Arbeit nachgehen - und Hamilton? Nicht die Tinte trinken.“ Als Antwort erhielt der junge Arzt nur ein zweifelhaftes Zwinkern das ihn erneut zum Lachen brachte. Vielleicht hatte dieser Winter ja doch seine schönen Seiten.Friedrich war so beschwingt, dass er auf dem Weg nach draußen, die Treppen herunter, sogar eine Art kleinen Freudentanz aufführte. Einer der Wachhabenden Soldaten sah ihn mit schiefgelegten Kopf fragend an, aber Friedrich ignorierte den Blick und grinste nur in sich hinein. Er wanderte durch das Lager zurück zum Hospital, mit wesentlich mehr Ruhe und Rücksicht auf seine Mitmenschen dieses Mal.Es war später am Abend des gleichen Tages und Friedrich war unschlüssig. Im Inneren des Raumes war es ihm zu warm und zu stickig, während es in den Außenanlagen eindeutig zu kalt war. Die Wahl seines Aufenthaltsortes gestaltete sich also nach der ersten halben Stunde schwierig, aber letztendlich zog es ihn wieder ins Innere. Seine Freunde und Kammeraden, die ihn mit zu diesem Ball geschleppt hatten, waren dort. Musik und Tanz gab es auch und auch wenn der junge Arzt unter keinen Umständen ein begnadeter Tänzer war, so wollte er doch auch nicht die Person sein, die alleine draußen in der Dunkelheit im Garten stand.Der Salon des Hauses war so vollkommen überfüllt, dass Friedrich bei seinem Weg ins Inneren tatsächlich seine Ellenbogen einsetzten musste - sachte allerdings, immerhin waren ja auch Damen anwesend. Noch bevor er wieder bei seiner Gruppe angelangt war (oder sie in dem Durcheinander überhaupt ausfindig hatte machen können), standen ihm bereits die Schweißperlen auf der Stirn. Doch zumindest konnte er sich an der Schönheit des Kerzenlichtes erfreuen, das mystisch von den geölten Mobiliar und den vertäfelten Wänden wiedergespiegelt wurde.Als er dann endlich zu seinen Freunden gefunden hatte, musste er jedoch erkennen, dass sich auch einige von ihnen in seiner Abwesenheit von der Gruppe gelöst hatten - zumindest konnte Friedrich weder Hamilton noch Walker irgendwo sehen. Sein Eintreffen hingegen wurde freudig aufgenommen.„Deegen! Wo warst du?“, wollte William North wissen und rückte etwas näher an ihn heran, um über den allgemeinen Lärm solch einer Menschenmenge nicht zu laut sprechen zu müssen.„Etwas frische Luft schnappen - hier drinnen ist es mir einfach zu stickig“, antwortete Friedrich und streckte unwillkürlich den Kopf als er meinte Henry unter den Leuten erkannt zu haben. Stattdessen erblickt er aber nur Walker, der sich langsam seinen Weg zu ihnen bahnte. In seinen Händen hielt (und balancierte) er Gläser mit Punsch.„Friedrich, du bist wieder da. Jetzt habe ich dir gar nichts mitgebracht“, meinte der junge Mann und grinste breit. Er wusste ganz genau, dass Friedrich nicht trank doch machte immer wieder solche Bemerkungen, ebenso wie Doktor Scott Fridrich immer noch einen ausgeben wollte. Es waren diese kleinen Neckereien die der junge Arzt an seinen Freunden so schätzte. Für einige Momente stand man schweigend so zusammen dar und sondierte die Tanzfläche.„Mit wem tanzt Hamilton dort?“, fragte North irgendwann und reckte den Kopf in die vage Richtung des Aide-de-Camp.„Elizabeth Schuyler5, eine der Töchter von General Schuyler6“, erklärte Meade und nippte an seinem Getränk. „Uh, da hat es aber jemand gut mit uns gemeint Jungs.“ Seine Bemerkung wurde von einstimmigem Gelächter begleitet.„Macht Hamilton Miss Schuyler den Hof?“, wollte Friedrich weiter wissen, denn ihm war aufgefallen, dass Hamilton nicht zum ersten Mal an diesem Abend mit der Dame getanzt hatte.„Das tut er - er ist Hals über Kopf verliebt“, informierte Tilghman.„Kann man es dem guten Mann verübeln? Sollte der General ihm tatsächlich die Hand seiner Tochter geben, wäre das eine ziemlich gute Partie - gerade für jemanden wie Hamilton“, kommentierte North trocken und Friedrich knuffte ihm in die Seite. „Das ist sehr zynisch von dir so etwas zu sagen!“„Apropos gute Partie, du weißt schon Friedrich, dass dich die junge Dame dort hinten in dem grünen Kleid schon den ganzen Abend beäugt“, meinte Walker und wechselte damit das Gesprächsthema noch bevor North die Möglichkeit hatte auf Friedrichs Anschuldigung einzugehen. Friedrich selber wurde ganz rot im Gesicht. „Ja, das ist mir bewusst. Miss Thompson hat mich vorhin auch schon mehr oder minder subtil darauf hingewiesen, dass Sie wünscht von mir zum Tanz aufgefordert zu werden.“„Und du hast nein gesagt?“, wollte Walker wissen und beugte sich zu Friedrich herüber. Der Arzt konnte die Schweißperlen auf der Stirn von von Steubens Aide-de-Camp sehen.„Natürlich habe ich das“, erklärte Friedrich, vielleicht ein wenig zu enthusiastisch und Walker rümpfte nur die Nase. „Natürlich hat er das“, meinte er an die anderen gerichtet, in einem Tonfall, der beinahe schon abfällig war. Friedrich hätte gerne etwas gesagt, aber als er den Mund für eine Erwiderung öffnete, musste er feststellen, dass ihm die Worte fehlten. Weniger fehlten sie ihm, als dass er sie nicht aussprechen konnte. Seine persönliche Abneigung gegen solche Abend und Unbeholfenheit beim Tanz außenvorgelassen - es wäre für eine Frau nicht schicklich mit einer anderen Frau zu tanzen. Genau das wäre aber die Situation, die Joséphine mit einer Zusage geschaffen hätte. Das Problem war natürlich nur ihr bewusst, aber das machte es für sie nicht weniger prominent. Nein, sie würde keinen geeigneten Tanzpartner an diesem Abend finden können, nicht zumindest ohne Aufsehen zu erregen oder ihre eigene Moralvorstellung weiter zu kompromittieren, als sie es eh schon getan hatte.„Hast du eigentlich nie Spaß, Friedrich?“, fragte Meade und klang dabei wesentlich versöhnlicher als Walker bei seiner letzten Bemerkung. „Du tanzt nicht, du trinkst nicht - das Leben muss doch langweilig sein, wenn man sich immer nur mit den Kranken wegschließt.“Friedrich seufzte langgezogen. Oh, was würde er nur für ein wahrhaftig langweiliges Leben geben? „Es ist ja nicht, dass ich nie tanze. Nur eben nicht hier und nicht so. Überhaupt, ich habe eben andere Dinge die mir Spaß machen - und was den Alkohol angeht, wenigstens kann ich mich am nächsten Morgen noch an all die Vorkommnisse erinnern, das ist häufig am amüsantesten.“ North neben ihm verzog das Gesicht zu einer Grimasse. „In dem Punkt muss ich Friedrich aber schon rechtgeben. Den Punkt bezüglich des Tanzens jedoch kann ich nicht verstehen - denn ich werde jetzt Tanzen gehen“, verkündete er und drückte Walker sein Glas in die Hand. „Hier, halt das bitte mal für mich.“Nach Walkers Fortgang blieb die Gruppe noch einen Moment zusammen stehen und unterhielt sich, doch alsbald lösten sich noch weitere von Männern, entweder um auch Tanzen zu gehen oder um sich etwas zu Essen oder zu Trinken zu finden. Friedrich, der an keinem dieser Dinge ein gesteigertes Interesse hatte, suchte daraufhin nach weiteren bekannten Gesichtern und schloss sich schließlich einer Gruppe von jungen Männern aus General Stirlings Stab an. Es waren allesamt eher flüchtige Bekanntschaften die Friedrich durch James Monroe gemacht hatte, aber man redete eine ganze Weile herzlich, wenn auch ein wenig oberflächlich miteinander. Noch ein wenig später dann beschloss Friedrich zu gehen. Ein Blick auf seine Taschenuhr verriet ihm, dass es noch nicht wirklich spät war, aber dennoch später als er zuerst angenommen hatte. Alles in allem hatte er an diesem Abend ein paar wirklich nette Stunden verbracht.Die Nacht war dunkel als Joséphine ins Freie trat. Das und angenehm kühl. Dicke Wolken hatten den Mond verhangen und zogen in großen Schollen über den tiefschwarzen Himmel, sodass nicht einmal mehr das Licht der Sterne hinab schien. Joséphine meinte, dass diese Nacht Potenzial hätte. Wofür, das konnte sie nicht sagen, aber manchmal gab es so besondere Nächte, die eine beinahe schon magische Ausstrahlung hatten und in denen man sich fühlte als sei alles möglich, als würde die Zeit still stehen und als sei man Herr dieser Welt. Trotz der kriechenden Kälte verharrte die junge Frau für einen Moment und nahm die Weite dieses Moments in sich auf. Die Welt wirkte so friedlich, so friedlich, dass sie es aussprechen musste. Ihre Stimme war leise dabei, wenig mehr als das Flüstern des Windes. Doch neben dem Flüstern des Windes war dort noch ein anderes Geräusch, eines, das die junge Frau im ersten Moment nicht zuordnen konnte. Joséphine fuhr ein Schauer über den Rücken, als sie sich langsam in alle Richtung umdrehte. Die Nacht, die ihr bis eben noch so weit und voller Möglichkeiten erschienen war, fühlte sich plötzlich einengend und bedrohlich an. Die Geräusche der Nacht klangen bedrohlich. Joséphine atmete tief ein und wieder aus, in dem Versuch sich zusammen zu reißen.Plötzlich hörte sie ihren Namen, ihren echten Namen, wie er durch die Nacht gerufen wurde und noch bevor sie sich in Richtung der Geräuschquelle umdrehen konnte, hatte sie jemand an der Schulter gepackt und mit sich an den Wegesrand gezogen. „Joséphine“, erklang die Stimme erneut und dieses Mal erkannte die junge Frau Henry als den Sprecher. „Du hast mich zu Tode erschrocken. Mach so etwas ja nie wieder!“, zischte sie ärgerlich mit gesenkter Stimme. Dieser Teil des Weges war nicht mehr beleuchtet und vom Haus aus unmöglich einzusehen, aber es bestand immer noch die Möglichkeit, dass einer der Gäste sie auf seinem Weg vom oder zum Ball hörte. Henry trat einen Schritt dichter an sie heran, sodass sie jetzt auch sein Gesicht im Schatten erkennen konnte. Er drückte seinen Unterkörper gegen sie und Joséphine wurden die Knie weich. „Verzeih Liebste, ich wollte dich nicht ängstigen“, entschuldigte sich Henry und küsste ihren Hals. Die junge Frau quickte vor Freude auf, obwohl sie eigentlich noch ein wenig verärgert war. Doch Henry hatte nun mal diese Art an sich, dass sie ihm nie wirklich lange böse sein konnte - nicht wirklich zumindest, nicht mit ihrem ganzen Herzen.„Warum bist du nicht auf dem Ball?“, wollte Joséphine wissen und verreckte ihren Hals ein wenig, so dass Henry ihn mit seinen Lippen nicht mehr erreichen konnte.„Ich habe dich nicht finden können und da hat mir dann der ganze Abend keine Freude mehr gemacht“, flüsterte der Colonel der Ärztin ins Ohr und Joséphine registrierte wie eine von Henrys Händen sich fester um ihre Taille schlang. „Jetzt hast du mich ja gefunden“, stellte sie fest und musste scharf die Luft einziehen, als sie plötzlich eine kalte Hand auf ihrer nackten Haut spürte. „Noch nicht ganz“, flüsterte Henry. Joséphine wollte plötzlich und unbedingt mit Henry tanzen.
19. Februar 1780
A few days ago I recd a very polite letter, from Docr Boyes of the 15th Regt British, requesting me to return him some valuable medical manuscripts taken in the Brig Symetry. He says they are packed in a neat kind of portable library and consist of Docr Cullens lectures on the institutions of Medicine 18 Volumes. Cullens lectures on the practice of Medicine 39 or 40 Volumes. Monroes anatomical lectures 8 Volumes and Docr Black on Chemistry 9 Volumes. The whole in octavo. If they can be found, I beg that they may be sent up to me, that I may return them to the Doctor. I have no other view in doing this than shewing our Enemies that we do not war against the Sciences.
George Washington in einem Brief an Brigadier General William Smallwood, 23. Januar 1778Es war einer dieser Momente in denen Doktor Jonathan Boyer einmal mehr bewusst wurde, warum er Arzt und Wissenschaftler geworden war und nicht wie sein Vater oder Großvater ein Mann Gottes. Ihm fehlte das gewisse Etwas - ein Mangel den Formeln und anatomische Zeichnungen ihm nicht nachtrugen, Menschen aber schon. Zu dieser Erkenntnis wurde er von seinem Kollegen (eigentlich ja Vorgesetztem) gebracht. Friedrich saß vorübergebeugt auf einem der Feldbetten, den Kopf in den Händen vergraben und schluchzte bitterlich. Jonny wusste sich nicht anders zu helfen, als seinem Freund eine tröstenden Hand auf die Schulter zu legen - Friedrichs initiale Reaktion war es sich der Berührung beinahe schon schreckhaft zu entziehen, fast wie ein verängstigtes Häschen, das jemand versucht hatte zu packen. Deshalb hatte Boyer schließlich sich damit begnügt neben seinem Freund zu sitzen und ihn mit großen und unwissenden Augen anzustarren.„Ich bin so vollkommen hilflos“, brachte Friedrich dann schließlich hervor und hob den Kopf. Seine Augen waren gerötet und leicht geschwollen. Die Tränenspuren waren deutlich auf seinen Wangen sichtbar. „Ich bin vollkommen hilflos. Da ist nichts und wieder nichts, das ich tun kann - ich kann den Männern einfach nur beim Sterben zusehen und ihnen die Hand halten. Ich kann ihnen leere Wordhülsen präsentieren und meistens kann ich nicht einmal das, da ich ganz genau sehe wie schlecht es um sie steht. Wirklich, dafür habe ich nicht Medizin studiert. Dafür nicht. Ich kann mich noch an das erste Mal erinnern, als ich einen wirklichen, echten Patienten versorgt habe - ich war so erleichtert einen meiner Professoren in meiner Nähe zu wissen, da ich mich so unerfahren und hilflos gefühlt habe. Heute fühle ich mich noch genauso hilflos, genauso hilflos, wie ein Student im ersten Semester.“ Friedrichs Atmung hatte sich beschleunigt. Weinen und schnelles Reden waren erstaunlich anstrengend. Jonny hätte wirklich gerne etwas gesagt, aber er wusste nicht recht wie. In seinem Kopf hatte er wunderbare Antworten und Gegenargumente für jeden der von Deegen angesprochenen Punkte, doch er kannte den Deutsch-Amerikaner inzwischen gut genug, um zu wissen, dass er in solchen Momenten nicht für Logik empfänglich war. Boyer hatte sich damit abgefunden. Friedrich war stark und würde sich schnell genug von selber wieder fangen, doch ihm fiel auch beim besten Willen kein Mittel ein, um diesen Prozess zu beschleunigen.„Hast du dich jemals gefragt, was zukünftige Generationen von uns denken werden? Unsere Kindeskinder in hundert Jahren, deren Kindeskinder in zweihundert Jahren und all die Generationen nach ihnen?“, fragte Friedrich dann plötzlich und blickte seinen Freund unvermittelt mit einem stechenden Blick an. Natürlich waren auch Jonny schon solche Gedanken gekommen, aber es waren nie mehr als flüchtige Überlegungen, die er alsbald wieder zur Seite geschoben hatte. Boyer war ein Mann der mit beiden Beinen fest in der Gegenwart verankert war. Alleine die Vorstellung an einhundert Jahre brachten seinen Kopf zum Schwirren. Doch noch bevor er sich eine Antwort zurecht legen konnte, hatte Friedrich schon wieder zu sprechen begonnen.„Ich hatte einmal einen Professor - ein intelligenter Mann. Seine heimliche Liebe war das alte Rom und er hat manchmal mit uns die Schriften von Ärzten aus jener Zeit durchgenommen, hat uns aufgezeigt wie wir uns und unser Wissen weiterentwickelt haben. Denkst du, so werden wir eines Tages auch behandelt werden?“ Friedrich angelte sich eines seiner Bücher, das auf dem Tisch neben ihnen lag. „A new inquiry into the causes, symptoms, and cure, of putrid and inflammatory fevers7“, las er den Titel vor. „Wie lange wird es wohl dauern, bis nichts von dem was hier drin geschrieben wurde, mehr von Belang ist?“Boyer zuckte mit den Achseln. Es war nichts, dass ihn wirklich interessierte. Momentan waren die Inhalte solcher Bücher noch von Belang, sie waren das Beste, das den Ärzten ihrer Zeit zur Verfügung stand. Boyer war selbst jemand, der gerne Neues ausprobierte, der Dingen auf den Grund ging und nach möglichen Verbesserungen bestehender Praxen suchte - doch es nützte ihm wenig, sich in Zukunftsszenarien zu verirren.„Was ist“, begann Friedrich wieder zu schniefen, „wenn zukünftige Generationen unser Unvermögen mit Unwillen verwechseln?“„Wie meinst du das?“, fragte Boyer (und hoffte bei sich, dass er nicht mehr lange hier sitzen müsste.)„Ich kann mich wunderbar damit abfinden, dass die kommenden Generationen im Rausche ihres Fortschrittes auf uns herabsehen. Es kümmert mich nicht für dumm, unwissend oder unfähig gehalten zu werden - vielleicht bin ich das sogar alles. Ich könnte aber nicht damit leben, dass man mir eines Tages vorwirft, ich hätte so viele Menschenleben verloren, weil es mir egal gewesen wäre. Ich scheitere durch mein Unwissen, nicht meinen Unwillen.“Boyer legte den Kopf schief. „Warum sollte das jemand denken? Über dich oder sonst wen?“Friedrich hatte aufgehört zu schniefen und erst jetzt viel Boyer auf, wie still es doch um sie herum war. Die Stimme des jungen Stabsarztes war klar als er antwortete, ganz so als ob es die Tränen nie gegeben hätte. „Weil es einfacher ist. Es ist einfacher zu sagen ‚ich wollte nicht‘ anstelle ‚ich konnte nicht‘.“Boyer antwortete seinem Freund nicht, das musste er auch nicht. Die Stille zwischen ihnen war Erwiderung genug und er war sich sicher, dass Friedrich, der schon immer besser im Umgang mit Menschen gewesen war, seine Gedanken buchstäblich lesen konnte. Als Friedrich ihn nach seiner Verwundung angesprochen hatte, ihm eine Stelle angeboten hatte, da hatte er nicht gewollt. Er hatte eine Reihe von Argumenten angeführt, warum er nicht mehr konnte, aber tief in seinem Herzen hatte er nicht gewollt. Er hatte nicht mehr gewollt, weil er Angst hatte zu scheitern, wenn er es doch versuchen würde. Es war einfacher sich einzureden nicht zu wollen, als das Risiko einzugehen feststellen zu müssen, dass man nicht konnte.Doch Friedrich hatte sich davon nicht abschrecken lassen und Jonathan fragte sich bis heute, ob Friedrich einfach nur starrsinnig gewesen war oder ob er tatsächlich die Vorgänge in Boyers Herz hatte erraten können. Friedrich war gut im Umgang mit Menschen - oder vielleicht auch doch nicht. Dort wo Boyer etwas fehlte, da hatte Friedrich zu viel. Da war ein roher Schmerz in dem jungen Arzt, der einen entweder in einen Tyrannen oder einen Heiligen verwandeln konnte. Boyer hatte nie nachgefragt, aber er war der festen Überzeugung, dass dieser Schmerz mit den Hürden verbunden war, die Deegen nach eigenen Angaben hatte überwinden müssen.„Ich habe angefangen Tagebuch zu führen, weißt du? Ein Journal über all meine Patienten und Behandlungen. Es ist eine fürchterliche Papierverschwendung, dessen bin ich mir bewusst, aber ich rechtfertige es mit den Informationen die ich für kommende Behandlungen und dergleichen verwenden kann. Doch eigentlich schreibe ich dieses Journal für mich, so dass ich die Nachwelt wissen lassen kann, dass ich nicht unwillig war. Nie.“Friedrichs Journale würden in den kommenden Jahren noch weit reisen - und die folgenden Generationen dazu inspirieren, ganz ähnliche Tagebücher zu führen. In dem dritten Buch, das Friedrich dann während des Krieges verfasste, machte er Aufzeichnungen, die in den richtigen Händen später einem Mann tatsächlich das Leben retten konnten.
(Der Zeltstoff flatterte im Wind und das Geräusch machte George Wilson beinahe wahnsinnig. Warum er sich an diesem Geräusch so aufhängte, konnte er auch nicht sagen, still war es im Lager ja nun nicht gerade.
„Doktor Wilson? Was ist nun?“, drängte der Captain neben ihm und George korrigierte sich mental - einer der Captains, von denen gab es ja momentan einen Überfluss.
„Ja doch, ja doch!“, Wilsons Worte wurden von dem Gälen des Windes und dem Rascheln des Papieres begleitet, als er in einem alten Journal blätterte.
„Sie sagten doch, Sie könnten ihm helfen!“, der Captain war verständlicherweise besorgt. Seine Stimme war zittrig von dieser teuflischen Kälte und der Anspannung. Besorgt war um ehrlich zu sein noch milde ausgedrückt. George sah größeren Sinn darin, kollektiv für seinen Patienten zu beten, als zu versuchen mit konventioneller Medizin etwas zu erreichen.
„Um jemandem zu helfen, muss ich jedoch zuerst wissen, was ihm überhaupt fehlt“, warf George ein und verbiss sich den Kommentar, dass es ja genügend Krankheiten zur Auswahl gab - die Frage war nur, welche seinen Patienten zuerst töten würde.
„Sir, ich dachte die Krankheit ist erst 1817 beschrieben worden und ihre Bücher sind von 1780…?“ - meldete sich eine andere Stimme zu Wort, gezwungen ruhig. George hatte nichts als den allergrößten Respekt für das Durchhaltevermögen und den Arbeitsgeist dieses Mannes, der gerade sprach. Genaugenommen galt diese Aussage für all die Männer die er heute getroffen hatte.
„Ganz Recht mein guter Sir, ganz Recht. Aber das bedeutet nicht, dass man die Krankheit nicht schon vorher beobachtet hat und - ha, gefunden!“, Wilson hielt Friedrichs Journal triumphal in der Hand.
„Sie wissen also was wir zu tun haben?“, sprach die zweite Stimme wieder.
„Ich habe zumindest eine Idee.“
Jemand trat in das Zelt ein und George erkannte den Neuankömmling als seinen Captain. „Was denken Sie?“, wandte er sich mit gesenkter Stimme an George. „Ich denke, dass wir keinen Tag zu früh gekommen sind Sir.“)
Valley Forge ist als eines der schlimmsten Winterlager während des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges berühmt berüchtigt, aber das zweite Lager in Morristown war in vielerlei Hinsicht (Wetterbedingungen, Versorgungslage, etc.) viel schlimmer. Es ist jedoch wesentlich weniger darüber geschrieben und veröffentlicht worden.
Es gibt die Anekdote, dass Hamilton nach einem Treffen mit seiner Elizabeth „Betsy“ Schuyler so durch den Wind war, dass er das Passwort vergessen hatte, mit dem ihm der Eintritt in das Lager gewehrt wurde. Die Wachen haben ihn zwar erkannt, sich aber pflichtbewusst geweigert ihn durchzulassen, ehe er das Passwort genannt hatte. Schließlich hat es ihm ein Freund vorgesagt.
Benedict Arnold wurde vorgeworfen von seiner Position als militärischer Kommandant der Stadt Philadelphia von seinem Amt profitiert zu haben. Am 1. Juni 1779 wurden in einem Kriegsgerichtverfahren 13 Anklagepunkte gegen ihn erhoben, doch aufgrund des kriegsgeschehen kam es nicht vor dem 23. Dezember 1779 zu einer Anhörung. Am 26. Januar 1780 wurde Arnold von elf der 13 Anklagepunkte freigesprochen und er unternahm große Mühen, im die diesen Freispruch publik zu machen - ein Vorgehen, das von vielen Seiten als taktlos empfunden wurde.
George Washington war einer der Paten von La Fayettes Sohn - ein Umstand der später noch wichtig wird, als der junge La Fayette nach Amerika fliehen musste.
Elizabeth Schulyer (9. August 1757 - 9. November 1854) war eines von 14 Kindern von General Philip Schuyler und seiner Frau Catherine Van Rensselaer Schuyler. Sie heiratete Alexander Hamilton 1780 und hatte acht eigene Kinder mit ihm. Neben ihrer Rolle im Musical Hamilton ist sie besonders für ihre Arbeit in der „Orphan Asylum Society“ bekannt.
Major General Philip John Schuyler war ein Veteran des „French and Indian Wars“ (Rang: Captain) und des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges bevor er schließlich 1789 einer der ersten zwei Senatoren von New York wurde.
Das erwähnte Buch ist ein medizinisches Fachbuch, das 1777 von Sir William Fordyce geschrieben und publiziert wurde.
----- CHAPTER BREAK -----
10. Mai 1780
here I am, My dear General, and in the Mist of the joy I feel in finding Myself again one of your loving Soldiers I take But the time of telling you that I Came from france on Board of a fregatt Which the king Gave me for my passage
Der Marquis de La Fayette an George Washington, 27. April 1780 Hätte man ihn später gefragt, so hätte Friedrich nicht mehr guten Gewissens beantworten können, was die wirklich ersten Worte gewesen waren, die er mit La Fayette gewechselt hatte, nachdem dieser zur Armee zurückgekehrt war. Die Ankunft des liebgewonnenen Marquis und geschätzten Generals hatte einiges an Trubel ausgelöst und es war ja nicht so, dass Friedrich nicht auch noch Arbeit zu tun gehabt hatte. Natürlich war es unmöglich an diesem Tag sich La Fayettes Rückkehr nicht bewusst zu sein. Das Lager hatte die letzten Tage kein anderes Thema gekannt. Es war das erste Mal seit Wochen, dass man auf Washingtons Gesicht wieder so etwas wie auch nur den Anflug eines Lächelns sehen konnte. Das zurückliegende Winterquartier hatte der Armee alles abverlangt und jeden Mann und jede Frau an seine ganz persönlichen Grenzen und darüber hinaus getrieben. Das war es dann auch, was Friedrich La Fayette zu berichten wusste, sobald die beiden endlich die Zeit fanden, in Ruhe miteinander zu sprechen. Der junge Arzt war gerade in eine überaus lebhafte Diskussion mit Doktor Jonathan Boyer vertieft, eine Diskussion, die Friedrich just in dem Moment dabei war verdient zu verlieren, als der Marquis sich am Eingang des Hospitals räusperte. Die beiden Ärzte sprangen augenblicklich auf die Füße und nahmen Haltung an. Der General trat mit gemäßigtem Schritt ein und blickten zwischen den beiden Ärzten hin und her. „Meine Herren.“ Dann wandte er sich direkt an Friedrich. „Komme ich ungelegen Doktor Deegen? Ich hatte gehofft Sie einen Augenblick allein sprechen zu können, aber das kann warten, sollten sie momentan anderweitig verpflichtet sein.“Der Deutsch-Amerikaner blickte zu Boyer herüber, dieser zog nur die Augenbrauen in die Höhe. Er wusste ebenso gut wie Friedrich, dass er die Diskussion mit seinen Argumenten für sich entschieden hatte. „Gut, gut. Wir machen es wie du es vorgeschlagen hast und vielleicht hast du ja die Güte, es mir beizeiten noch einmal zu erklären – denn deine Rechnung geht für mich immer noch nicht auf“, lenkte Friedrich ein und Boyer nickte nur respektvoll. Sobald das Medizinische geregelt war, wandte Friedrich sich an seinen General, ob man nicht vor die Tür treten wollte. La Fayette willigte ein und die beiden verfielen in einen angenehmen Schritt, während sie begannen an den Rändern des Winterlagers der kontinentalen Armee in Morristown entlang zu spazieren. Erst hier, relativ abgeschieden von neugierigen Augen und Ohren, fand Friedrich es dann für angemessen die Formalitäten fallen zu lassen. Die Natur war in den letzten Wochen aus ihrem Winterschlaf erwacht und der Frühling hatte wunderbar warm und mild Einzug gehalten. Die schlimmsten Entbehrungen der zurückliegenden kalten Monate waren dem Lager nicht mehr ganz so leicht anzusehen.„Wie war deine Überfahrt?“, fragte Joséphine und genoss die frische Luft. La Fayette kratzte sich verlegen am Hinterkopf. „So gut wie ich sie eben sein konnte – du wirst nicht von mir nicht hören, dass ich die Wochen auf See genossen habe, aber zumindest mussten wir uns dieses Mal nicht mit einer versuchten Meuterei herumschlagen.“Joséphine kicherte, als sie sich wieder an ihre eigene Überfahrt nach Frankreich erinnerte. Mittlerweile hatte sie den Abstand gewonnen, über die Ereignisse lachen zu können, doch damals, in dieser Nacht schwarz wie Tinte, mitten auf dem Atlantischen Ozean, hatte sie sich schrecklich gefürchtet. Als man Amerika damals mit der Alliance verlassen hatte, hatte man nicht genügend Matrosen gehabt, um das Schiff zu segeln. La Fayette hatte sich geweigert Presskommandos durch Boston zuschicken und stattdessen auf britische Kriegsgefangene und Deserteure zurückgegriffen. Was ihm die Männer Bostons sicherlich noch angerecht haben, hatte die britischen Kriegsgefangenen weniger erfreut und in Folge dessen hatten sie sich zu einer Meuterei zusammengerottet, die nur im letzten Augenblick durch einen Informanten aus ihren eigenen Reihen hatte unterbunden werden können1. La Fayette war in ihre Kabine gestürmt gekommen, den Säbel bereits umgebunden und hatte sie angewiesen die Tür nach ihm sorgfältig zu verriegeln. Sie sollte sich keine Sorgen machen, er würde auf sie aufpassen. Joséphine war seiner Anweisung zwar nachgekommen, war aber unmittelbar hinter der Tür stehen geblieben, jeder Zeit bereit, ihre Kabine zu verlassen, sollte ein Arzt gebraucht werden. Sie vertraute, dass La Fayette sie beschützen würde, wollte aber auch ihn beschützen, wenn sie nur irgendwie konnte.„Was aber wirklich wundersam war, war mein Empfang in Boston, als L’Hermione in den Hafen eingelaufen ist“, gestand La Fayette und „gestand“ war an dieser Stelle wirklich das einzige Wort, welches man anhand seines Tonfalls wählen durfte.„Wundersam?“, hakte Joséphine nach und zog die Brauen in die Höhe.„Ja, anders kann man es gar nicht beschreiben. Ich mag kaum darüber sprechen, es ist mir beinahe unangenehm. Die Kanonen im Hafen haben einen Salut abgefeuert, die Kirchenglocken wurden geläutet, eine Musikband hat gespielt und überall waren jubelnde Menschen – und das war nur der Teil bevor ich an Land gegangen war2.“Die junge Frau hielt einen Moment inne und lächelte. Ja, der Empfang war lächerlich pompös gewesen und sie konnte La Fayettes Unbehagen nur allzu gut nachvollziehen, doch andererseits hatte der junge Franzose Amerikas Herzen im Sturm erobert und durfte sich da eines solchen Empfangs eigentlich nicht mehr wundern. Hinzu kam die derzeitige Situation, in der sich Land und Armee zur Zeit befanden „Mich wundert das nicht. Du bist der erste Lichtblick nach vielen langen Wochen“, erklärte die junge Frau daher schließlich und setzte sich wieder in Bewegung.„Stehen die Dinge wirklich so schlimm?“„Schlimmer! Ich weiß ja nicht, was dir alles geschrieben wurde, aber solch ein Elend habe ich zuvor noch nie gesehen. Valley Forge war mild im Vergleich mit dem letzten Winter3. Der starke Wind hat mitunter die Zelte weggerissen, den Männern mangelte es manchmal an Kleidung und Schuhen, Seuchen graszierten in bisher ungekannten Ausmaßen und viele der Soldaten sind entweder gestorben oder desertiert.“ Joséphine lief es bei den Erinnerungen an die Wintermonate kalt den Rücken herunter. Nein, so etwas wollte sie beim besten Willen nicht noch einmal erleben. Die Zustände waren in jeder Hinsicht Menschen unwürdig und lebensverachtend gewesen.„Verdammte Deserteure!“, fluchte der Marquis neben ihr und Joséphine sah sich beinahe gezwungen Partei zu ergreifen.„Ich kann es ihnen nicht einmal verübeln, wenn ich ehrlich bin. Nicht einmal für Nahrungsmittel haben unsere Ressourcen gereicht. Wir sind zwischenzeitlich auf ein Achtel der eigentlichen Tagesrationen hinunter gegangen.“„Ein Achtel … das ist-“„Wenig. Verdammt wenig! Die Männer aßen zum Teil das Futter für die Pferde, weil sie sonst nichts hatten - in einem der Regimenter haben die Männer Pilze gesammelt und gekocht, keiner von ihnen wusste wirklich, was sie dort gesammelt haben, aber das hat auch niemanden geschert. Ich hatte später jeden einzelnen dieser Männer in meiner Krankenstation.“ Eine weitere unschöne Erinnerung dieses Winters, von der Joséphine froh war, dass La Fayette sie nicht hatte miterleben müssen. Seine Männer lagen ihm am Herzen – einer der Gründe weshalb er sich solcher Beliebtheit erfreute.„Aber das verstehe ich nicht. Mir wurde vermittelt, dass die Ernte äußerst ertragreich ausgefallen sei.“„Das ist sie auch, dass macht es ja so frustrierend. Im ganzen Land herrscht ein Überfluss, aber die Menschen sind entweder aufgrund pro-Britischer Loyalitäten nicht bereit mit der Armee Handeln zutreiben, oder sie weigern sich den Kontinentalen Dollar zu akzeptieren. Unsere Währung ist das Papier nicht wert, auf dem es gedruckt wird4.“„Dinge werden sich ändern. Mit der Hilfe Frankreichs werden sich die Dinge ändern.“ Joséphine wünschte sich, sie könnte nur halb so zuversichtlich sein, wie ihr Freund es bei seiner Aussage war. Doch andererseits war sie noch nie für ihren Optimismus bekannt gewesen und hatte gemeinhin kein Problem damit, sich von deutlich zuversichtlicheren Menschen wie La Fayette oder Henry korrigieren zu lassen. Bei ihrer Antwort schwang jedoch noch ihre eigenen Zweifel mit. Sie hatten den Winter erlebt, sie kannte Hunger, Kälte und Verzweiflung aus einem früheren Leben und wusste was diese Zustände mit der physischen und psychischen Verfassung eines Menschen anrichten konnten.„Das müssen sie auch, wenn wir in diesem Krieg noch eine Chance haben wollen. Doch genug von diesen trübsinnigen Geschichten – ein wenig wundert es mich ja beinahe, dass du zurück zu uns nach Amerika gekommen bist.“„Warum das?“ der junge General blickte sie aus großen Augen an, ganz so als hätte sie gerade eine ganz ungeheuerliche Aussage getroffen.„Du hast eine kleine perfekte Familie zuhause in Frankreich, ich hätte mich an deiner Stelle wohl nicht von all dem lösen können.“„Ich kann mich wirklich sehr glücklich schätzen, aber ich habe auch mit dem Verlangen gebrannt zur Armee zurückzukehren. Meine Arbeit hier ist noch lange nicht getan und Amerika verdient seine Freiheit und den Frieden sie zu genießen.“ Ein wenig betrog sein Gesichtsausdruck seine Worte. La Fayette konnte Joséphine nicht glaubhaft verkaufen, dass es ihm nicht ein wenig das Herz zerrissen hatte, sich erneut von seiner Familie zu lösen. Mochten die Umstände dieses Mal doch wesentlich günstiger gewesen sein, als bei seinem ersten Abschied von der heimatlichen Küste, so war Joséphine doch auch Zeuge geworden, wie sehr es den jungen Vater getroffen hatte, von seiner eigenen Tochter nicht wiedererkannt zu werden. Mit seinem Sohn Georges würde es sich dieses Mal nicht anders verhalten. „Adrienne bat mich dir ihre besten Grüße zu bestellen. Sie würde ebenfalls gerne Amerika kennenlernen. Vielleicht werden wir eines Tages nach dem Krieg diesem Land gemeinsam einen Besuch abstatten5“, schloss der Marquis seinen Bericht ab.„Wir freundlich. Sei so gut und erwähne mich in deinem nächsten Brief an sie, ja? Jetzt möchte ich aber alles über mein Patenkind erfahren“, drängte Joséphine, die düsteren Gedanken über das zukünftig getrübte Familienglück ihres Freundes alsbald vergessen.„Georges ist so ein liebes kleines Kind, er bereitet mir und seiner Mutter große Freunde.“ La Fayettes Augen glänzten hell in der einsetzenden Dämmerung. Man hatte inzwischen kehrt gemacht und nachdem man das Lager an seinen Außengrenzen beinahe einmal ganz abgewandert war, sich auf den Rückweg zu den Quartieren begeben.„Du hast Glück, dass es ein Junge geworden ist“, kommentierte Joséphine, ohne weiter über ihre Worte nachzudenken und erntete sogleich einen empörten Blick von ihrem Gegenüber. Der jungen Frau war wohl bewusst, wie vernarrt der Marquis in seine Töchter war und dass es ihm nie in den Sinn kommen würde, seinen Sohn seinen Töchtern aufgrund dessen Geschlechts vorzuziehen. „Ich meine damit, dass du ihn so nach Washington benennen konntest. Was hättest du getan, wenn du noch einmal Vater einer Tochter geworden wärest? Georgina?“, verbesserte sie sich sogleich und schmunzelte ob des Scherzes, den sie sich geleistet hatte. Zumindest hatte sie ihre letzten Worte als Scherz verstanden. La Fayette schien dies anders zu sehen.„Virginie!“, platzte es auf ihm hervor.„Warte, was? Virginie? Wie die französische Schreibweise von-“„Virginia? Ganz recht. Ich finde es ist ein recht hübscher Name und es gibt eine gute Heilige, die den gleichen Namen trug6.“„Das möchte ich ja gar nicht bestreiten, aber du kannst dein Kind nicht ernsthaft nach einem amerikanischen Staat benennen. Ich bitte dich!“ Wie konnte man sein Kind nach einem Staat benennen wollen? Und dann auch noch Virginia? Der Gedanke erschien Joséphine absurd und nicht einmal La Fayette traute sie allen Ernstes eine solche Liebe zu Amerika zu. Wenn eine Tochter einen Namen mit kontinentalen Verbindungen erhalten sollte, so gab es doch wesentlich zivilisierte Alternativen. Martha zum Beispiel, in Anlehnung an General Washingtons Ehefrau.„Warum nicht?“, warf La Fayette störrisch ein und verwendete dabei wohl eher unbewusst den Wahlspruch seiner Familie7.„Warum nicht? La Fayette, ich bitte dich“. Doch plötzlich, vollkommen überraschend und unvermittelt, änderte Joséphine ihre Meinung. Vielmehr änderte sie ihre Meinung nicht, sondern fand die Idee ihres Freundes so absurd, dass sie nicht umher konnte, miteinzustimmen. Was nun auch der Grund war, ihr Einlenken würde in kommenden Jahren in Amerikas Geschichtsbüchern verankert werden. „Weißt du was? Falls du noch einmal Vater einer Tochter werden solltest und wirklich beschließt sie Virginie zu nennen und falls ich eines Tages auch mit einer Tochter gesegnet sein sollte, dann werde ihr einen ähnlichen Namen geben.“ Joséphine kam zum Stehen und stemmte die Hände in die Hüfte, breit grinsend.„Du würdest deine Tochter ebenfalls Virginie nennen? Oder vielmehr Virginia?“ Nun war es an dem jungen Franzosen absolut verdutz dreinzublicken.„Nein, Himmel, nein! Aber vielleicht Caroline, nach einer der Carolinas? Oder Phillis8 in Anlehnung an die Stadt Philadelphia – erfülle du deinen Part und dann werde ich mir schon etwas einfallen lassen.“„Du schlägst eine Wette vor? Gut, ich nehme an.“ La Fayette streckte seine rechte Hand aus und Joséphine ergriff sie. Keiner der beiden konnte an diesem Punkt noch ein Lachen zurückhalten. Es war ein selten unbeschwerter Abend in einer Zeit voller Plagen.Erst als man sich wieder in Bewegung setzte, realisierte Joséphine wie schnell ihr Herz doch schlug. Es war wohl das erste Mal, dass sie mit La Fayette – oder sonst einer lebenden Seele, über ihre Pläne für die Zukunft gesprochen hatte. Sie hatte nicht nur bloße Träume von Kindern und Familie geäußert, nein, sie war ganz konkret geworden. Eine Tochter, einen Namen für ihre Tochter. Und La Fayette hatte es nicht kommentiert. Entweder weil er in ihrem Vorstoß nichts weiter als einen Scherz, eine Albernheit an einem Frühlingsabend gesehen hatte, oder weil er es für das erkannt hatte, als was es gemeint war. Ein sehnlicher Wunsch für die Zukunft, wichtiger noch, ein erreichbarer Wunsch.Der General und seine Ärztin führten ihr Gespräch noch so lange fort, bis man schließlich wieder an den Unterkünften angelangt war. Dunkelheit hatte sich über das Lager gesenkt, hier und da von sporadischen Lagerfeuern erhellt. Der Einzug der wärmeren Monate machte sich deutlich bemerkbar; der Abend war angenehm mild. Ihre Unterhaltung hatte auf den letzten Metern die vertraute und beinahe familiäre Tiefe verloren, die es noch zu Beginn hatte. Dennoch war es eine willkommene Atempause für Joséphine ebenso wie für La Fayette gewesen. Die kommenden Tage verwickelten beide in einen Wirbelsturm an Aufgaben und Pflichten, den General mehr als den Arzt, aber zwischendrin fand man nur sehr selten Zeit, mehr als ein paar private Worte zu wechseln.La Fayette verbrachte in den kommenden Tagen viel Zeit an der Seite Washingtons und in Beratungen mit weiteren hochrangigen Generälen und Offizieren der Kontinentalarmee. Die Nachrichten aus Frankreich über großangelegte Hilfen seitens der europäischen Großmacht mussten besprochen werden und an solchen Gesprächen hatte Friedrich keinen Anteil. Das sollte man zumindest meinen, denn, so waren Professoren und Laienhistoriker sich zwei Jahrhunderte später einig, für eine Person, die erneut und erneut so vehement versucht hatte, sich aus großen nationalen und internationalen Geschicken herauszuziehen, hatte Friedrich doch ein ungemeines Talent dafür sich in genau solche Geschicke verstricken zu lassen. So kam es dann auch, dass er eine Woche später an einem Tisch in Washingtons Hauptquartier saß, ihm gegenüber Alexander Hamilton, der eifrig notierte, was der Marquis de La Fayette, der unruhig in dem kleinen Raum auf und ab ging, von sich gab. „Wir müssen sicherstellen, dass wir genügend Boten auf den Strecken haben. Mögliche Nachrichten der französischen Kommandanten müssen schnellstmöglich unser Lager erreichen – das gleiche gilt natürlich auch für unsere Kommuniqués.“ La Fayette drehte sich um die eigene Achse und begann eine neue Bahn zu ziehen. Friedrich sah verwirrt zu Hamilton herüber, der antwortete, ohne aufzusehen. „In diesem Fall sollten wir besser nicht darauf vertrauen, dass die berittenen Boten frische Pferde auf der Strecke auftreiben können, sondern eigene Streckenposten mit robusten Pferden zum Einwechseln errichten.“ La Fayette nickte und Hamiltons Feder tanzte wieder über das Papier. Friedrich blies unschlüssig in die Teetasse vor ihm. Was er da trank war wahrhaftiger Tee, nicht bloß warmes Wasser oder was auch immer seit der Verschlechterung ihrer Lebensmittelbestände als Tee durchging. So willkommen diese kulinarische Abwechselung vor ihm auch war, momentan verstand er noch nicht, was der Grund für seine Anwesenheit war.„Sirs, ich fürchte ich habe nicht ganz verstanden, weshalb ich zu diesem Treffen bestellt worden bin. Wie ich sehe, treffen sie die ersten Vorkehrungen für die Ankunft der französischen Truppen, doch in der Angelegenheit der Nachrichtenübermittlung oder dergleichen bin ich wohl ein denkbar ungeeigneter Ansprechpartner.“„Wir müssen uns nicht nur über die Verbreitung von Nachrichten Gedanken machen, sondern auch einen Weg finden, die Landungsstellen der französischen Truppen zu sichern und verlässliche Signale zu geben, wann es sicher ist, die Truppen an Land zu bringen“, redete Hamilton weiter, ganz so als hätte er Friedrichs Einwand nicht gehört. „Ich schlage jedoch vor, dass wir diese Überlegungen verschieben und unser Augenmerk nun zuerst auf den medizinischen Aspekt dieser Mission legen9. So halten wir Doktor Deegen nicht unnötig lange von seinen sonstigen Verpflichtungen ab“, ging der Leutnant-Colonel endlich auf die Frage des Arztes ein. „Doktor Deegen, der Plan ist es an den Landungsstellen der französischen Truppen medizinisches Personal und Versorgungsgüter zur Verfügung zu stellen. Wir waren der Annahme, dass ein nicht zu vernachlässigender Teil der Soldaten nach der Überfahrt nicht sofort diensttauglich sein wird10.“„Dieser Annahme kann ich nur vollkommen zustimmen – doch ich gehe ebenfalls davon aus, dass die Expedition ihre eigenen Ärzte haben wird, die sowohl während der Überfahrt, als auch nach der Landung für die Soldaten sorgen werden.“„Natürlich, natürlich. Aber wir dürfen keine Zeit verlieren. Die französischen Truppen könnten noch diesen Sommer die entscheidende Wendung in diesem Krieg bringen11! Wir dürfen keine Zeit verlieren!“. La Fayette hatte sich mit viel Schwung aus seinem vorherigen auf und ab energisch auf dem Tisch abgestützt, seine Wangen waren für ihn typisch gerötet12. Friedrich brauchte einen Moment, um das Gehörte wirklich zu verstehen. Auch nach diesem einen Moment war er sich nicht sicher, ob er wirklich verstanden hatte. Dieser Krieg könnte vielleicht diesen Herbst beendet sein. Morristwon könnte das letzte Winterlager gewesen sein? 1780 das letzte Kriegsjahr? Dieser Krieg, der beinahe sein gesamtes Erwachsenenleben beherrscht und vereinnahmt hatte, könnte noch vor Ablauf des Jahres enden? Dieser Krieg, dem er liebe Menschen, Hoffnungen, Glück und körperliche Gesundheit geopfert hatte? Der Gedanke allein, noch nicht einmal ganz bis zum Ende gedacht, löste in dem jungen Arzt bereits Schwindel aus. Verunsichert blinzelte er, seine Gedanken noch nicht geordnet genug, doch Hamilton schien das nicht zu bemerken oder zu scheren.„Nach ihrem medizinischen Verständnis, auf welche Erkrankungen und Verletzungen sollten wir uns vorbereiten?“ Obwohl er die Frage von Washingtons jungen Aide-de-Camp klar und deutlich verstanden hatte, brauchte Friedrich doch noch einen Moment, bevor er sich aus seiner fassungslosen Starre lösen konnte. „Skorbut. Skorbut ist das Leid einer jeden Marine. Jedoch ist die Passage über den Atlantik vergleichsweise kurz und mit vernünftiger Planung und ausreichender Bereitstellung von den richtigen Lebensmitteln sollten die französischen Ärzte in der Lage sein, die Skorbut in Grenzen zu halten. Anders sieht es mit der Ruhr aus. Auf den Schiffen gibt es keinen direkten Zugang zu frischem Trinkwasser und so eng wie die Männer zusammen gepfercht sein werden, bittet sich der Ruhr ein optimaler Nährboden zu graszieren. Hinzu kommen Fiebererkrankungen wie sie allgemein als Camp Fever oder Prison Fever bekannt sind. Generell kann sich unter solchen Umständen jede Krankheit epidemisch ausbreiten, aber bei allen weiteren Erkrankungen wie Pocken, Schwindsucht oder dergleichen dürfen wir hoffen, dass es sich nur um lokale Ausbrüche handeln wird. Auf ein Schiff begrenzt und bei einem fähigen Arzt vielleicht sogar nur auf einen Teil des Schiffes. Sorgen bereitet mir darüber hinaus noch die Möglichkeit von langanhaltender Seekrankheit. Viele der Männer werden die ersten Tage über seekrank sein, das ist ganz natürlich und nicht weiter besorgniserregend. Aber - langanhaltende Seekrankheit über mehrere Wochen, vielleicht noch in Kombination mit einer weiteren der beschriebenen Erkrankungen – selbst die kräftigsten und robustesten Männer können schnell davon ausgemergelt werden und dahinscheiden.“La Fayette hatte das Gesicht zu einer Grimasse verzogen, als Friedrich seinen Bericht mit Seekrankheit beendet hatte. Er hatte sich vom Tisch abgestoßen und hatte erneut begonnen auf- und abzuschreiten. „Wenn ich Sie richtig verstanden habe, sind mit ein wenig Pech mehr Männer dienstuntauglich als tauglich, nicht wahr?“Friedrich nickte langsam, während er dem Kratzen von Hamiltons Feder lauschte. Der Aide-de-Camp ließ sich von den düsteren Prognosen nicht beeinflussen und blieb sachlich. „Momentan rechnen wir mit dem Eintreffen von etwa 6.000 französischen Soldaten13. Könnten Sie eine Übersicht erstellen, mit vielen kranken Männer wir zu rechnen haben und welche Quantitäten an entsprechender Medizin und an Ärzten aufzuwenden sein werden?“Wieder nickte Friedrich nur langsam, mit den Gedanken schon halb bei seiner Aufgabe. Zur gleichen Zeit erhob er sich, in dem Verständnis, dass seine Anwesenheit nicht länger von Nöten war.„Doktor Deegen“, wandte sich dann La Fayette an seinen Stabsarzt, gerade als dieser schon die Tür geöffnet hatte. „Ich weiß, es ist recht kurzfristig, aber schaffen Sie es einen Bericht bezüglich dieses Themas noch bis zum heutigen Abend zu verfassen? Ich breche alsbald nach Philadelphia auf, um dort vor dem Kongress vorstellig zu werden und hätte zu dem Zeitpunkt gerne bereits all die Informationen, die ich nur haben kann.“ Kaum hatte der Marquis geendet, verschloss Friedrich die Tür aus einem Reflex heraus wieder. La Fayette wollte nach Philadelphia?Als ob er die Frage von dem Gesicht des Arztes abgelesen hätte, begann La Fayette zu elaborieren. „Der Kongress ist handlungsunfähig, aber viele der Abgeordneten dort haben großen Einfluss in ihren Heimatstaaten - bisher konnten sie sich anscheinend noch nicht durchringen, die verzweifelten Bitten seiner Exzellenz ernst zu nehmen und an die obersten Gremien ihrer jeweiligen Staaten zu tragen. Washington hatte die Hoffnung, dass man auf mich wohl eher hören würde. Ich werde beim Kongress vorstellig werden, vordergründig um meine Rückkehr zur Armee hervorzuheben, aber ich hoffe unter der Hand etwas Hilfe mobilisieren zu können14.“ Der Gedankengang des jungen Generals erschien absolut plausibel und obwohl Friedrich etwas schwer ums Herz wurde, seinen Freund so bald schon wieder missen zu müssen, so verstand er auch, dass diese Trennung nur von kurzer Dauer sein würde. Mit einem kleinen Lächeln verabschiedete sich Friedrich, um folgsam seiner Arbeit nachzugehen.Trotz einer Nacht mit sehr wenig Schlaf die Friedrich fast vollständig aufrecht sitzend hinter einem Schreibtisch verbracht hatte, schaffte er es den Bericht erst am kommenden Morgen fertigzustellen. Den Plänen des Marquis schien dies keinen Abbruch zu tun, denn er nahm die Dokumente dankbar entgegen und verließ das Lager in Richtung Philadelphia mit hochtragenden Hoffnungen.Jede Abwesenheit seitens seines Generals hatte Auswirkungen auf Friedrichs Arbeit und seinen Tagesablauf – ebenfalls ermöglichte es Joséphine aber auch sich etwas häufiger davon zu stehlen und ohne den wachsamen Blicken La Fayettes ausgesetzt zu sein, eigenen Herzensangelegenheiten nachzugehen. Die jetzige Abwesenheit stellte da keinen Unterschied da. Henry stöhnte leise, als er seine Nase gegen Joséphines Rippen presste, seine Atmung war schwer, sein warmer Atem kitzelte auf Joséphines Haut. „Der Herr vergebe mir, ich habe noch nie etwas so sehr gewollt wie dich.“ Doch anstelle sich in seinen Belobigungen zu räkeln, lag Joséphine nur da, der Blick ein wenig der Welt entrückt und es hatte fast den Anschein, als wäre sie nur körperlich wirklich anwesend. „Was ist los?“, fragte Henry und drückte sich hoch. „Du magst nicht?“, fragte er weiter, aber es war mehr eine Feststellung als eine Frage. Ihre Reise nach Europe hatte Joséphine verändert, dass hatte Henry bemerkt. Sie versuchte es zu überspielen, versicherte ihm es sei nichts, aber so leicht ließ er sich nichts vortäuschen. Er kannte sein Mädchen und wusste, dass etwas anders war, auch wenn er nicht den Mut hatte zu fragen, was es war. Vielleicht war es fehlender Mut, vielleicht war es Anstand, der ihn zurückhielt – Henry behauptete gerne letzteres.„Doch, doch … es ist alles gut“, auch nun versuchte Joséphine wieder ihr merkwürdiges Verhalten herunterzuspielen.„Lüg mich nicht an“, fuhr Henry sie an und bereute sofort, wie hart seine Stimme doch klang. Joséphine meinte es sicherlich nur gut.„Ich möchte dir gefallen“, gestand die junge Frau dann auch prompt und schloss die Augen, ganz so als hätte sie soeben eine große Schande eingestanden. Von der ersten Nacht an war ihre Intimität immer etwas verspannt gewesen. Für Joséphine war ihre jede Handlung Sünde und mit Scham verbunden, sie schämte sich, sich ihren eigenen niederen Trieben nicht entziehen zu können. Ebenso wollte sie Henry gefallen, wollte ihm alles geben, wonach er nur verlangen konnte und all dies ließ sich nun einmal nicht mit den innersten Überzeugungen der jungen Quäkerin vereinbaren.„Aber du musst mir doch nicht so gefallen! Komm her“, meinte Henry und wickelte Joséphine in sein Hemd ein, damit sie nicht fror, und zog sie zu sich auf den Schoß, so dass ihr Kopf gegen seine Brust lehnen konnte. Manchmal saßen sie lange so zusammen, wenn alles andere für Joséphine wie eine Zumutung erschien. Sie erzählte ihm dann allerlei wissenswertes über das menschliche Herz, während sie Henrys Puls lauschte. „Was ist mir dir los? Irgendetwas bedrückt dich, dass sehe ich doch“, fragte Henry schließlich nach genauso einer Zeit des Schweigens. Er streichelte über Joséphines Schopf und es brachte sein Herz zum Flattern, wie sie sich in seine Berührung hinein lehnte.„Ich habe die letzten paar Nächte nicht gut geschlafen – ich habe schlecht geträumt. Ich werde das Gefühl nicht los, dass es falsch ist, was wir tun, der Gedanke verfolgt mich und will sich nicht vertreiben lassen“, erklärte Joséphine schließlich mit einem leisen Seufzen und Henry versteifte sich in seinen Bewegungen. Dieses leidige Thema schon wieder?„Joséphine bitte, wir haben da doch bereist drüber gesprochen. Vertrau mir.“„Ich weiß, ich weiß und ich vertraue dir. Wirklich. Das meine ich auch gar nicht, also nicht uns.“„Sondern?“„Dieser Krieg. Ich komme nicht umhin an der Richtigkeit dieses Krieges zu zweifeln.“ Joséphine hatte schnell gesprochen, ganz so als ob sie selber von den Worten überrascht gewesen wäre, die dort aus ihrem Mund gekommen waren, aber als ob sie auch gewusst hatte, dass sie nie fähig sein würde zu sagen, was ihr auf dem Herz lag, wenn sie es nicht schnell tun würde. „Zu Beginn meines Dienstes, damals noch als Regimentsarzt im Deutschen Regiment, ich habe häufig nächtelang wachgelegen, unfähig zu schlafen, weil mich die Schreie meiner Patienten und ihre toten Augen im Traume verfolgt haben. Hast du je einem toten Mann in die Augen geblickt, hast du je den exakten Moment beobachtet, wo sein Leben aus ihm gewichen ist?“ Henrys Herz zog sich bei Joséphines Worten zusammen. Er konnte sich den gelegentlichen Horror ihrer Arbeit nur allzu gut vorstellen. Doch er war ein Mann und Joséphine eine Frau, sie hätte solch einem Krieg, solchen Abgründen der menschlichen Natur in dem Männer sich gegenseitig umbrachten, nie ausgesetzt sein sollen. Sie verdiente, wie jede andere Frau, einen Ehemann, der sie beschützte und sie versorgte, ein paar Kinder, um ihr Herz zu beglücken und ein kleines Häuschen irgendwo in Frieden. Manchmal fühlte Henry sich von der Schuld übermannt, dass es eigentlich an ihm wäre, diese Aufgabe zu erfüllen und dass er Joséphine gegenüber nicht gerecht wurde. Der Gedanke kam ihm meistens bei Nacht, wenn er wach auf seiner Pritsche lag und in solchen Nächten spielte er dann mit dem Gedanken, seinen Posten bei Morgengrauen aufzugeben und mit Joséphine nach Virginia zurückzukehren. Doch dann wiederum – die Dinge waren selten so einfach in Fragen des Herzens und in Zeiten des Krieges.„Am Anfang dachte ich, ich würde verrückt werden, den Verstand verlieren – inzwischen habe ich mich daran gewöhnt und das macht mir wahrscheinlich nur noch mehr Angst.“ Joséphines sanfte Stimme riss Henry aus seinen Gedanken. Sie hatte die Augen zusammengekniffen, als ob sie einen Punkt in der Ferne versuchte zu fokussieren oder eine besonders lebhafte Erinnerung heraufbeschwören wollte. „Mit den Jahren und mit den verschiedenen Aufgaben, die ich übernommen habe, habe ich sie immer seltener des nachts gesehen. Es hat nie ganz aufgehört, aber so schlimm wie die letzten Nächte war es schon lange nicht mehr.“ Die junge Frau schluckte schwer und Henry gab ihr die Zeit, die sie brauchte. „Ich stand auf einem Schlachtfeld in der grauen Abenddämmerung, der Himmel war wolkenverhangen und sie Zerstörung um mich herum war absolut. Es war windig. Da war eine lange Reihe an Männer die dort in Reih und Glied stand, einige erkannte ich als meine Patienten wieder, andere nicht. Etwas zwang mich diese Reihe abzugehen, Mann für Mann und ich musste jedem von ihnen in die Augen blicken. Sie haben den Finger ausgestreckt und auf mich gezeigt. Sie haben ganz schreckliche Dinge gesagt.“„Es war nur ein Traum Liebes. Du hilfst diesen Männern, du setzte dich für sie ein, warum sollten sie da deinen Namen verdammen?“ Henry hatte wieder begonnen mit den Fingern durch das rote Haar zu fahren.„Helfe ich denn wirklich?“ Solche Fragen aus ihrem Mund zu hören, dürfte niemanden verwundern, der behauptete sie wirklich zu kennen. Da war ehrlicher Unglaube in Joséphines Stimme.„Natürlich tust du das! Du hast schon manch einem Mann in diesem Krieg das Leben gerettet-“„Nur damit sie wieder aus in eine andere Schlacht ziehen und dort fallen können.“ Joséphines Erwiderung war resolut. „Viele Quäker weigern sich den Kontinentalen Dollar zu verwenden. Sie weigern sich den Krieg zu unterstützen und wehren sich daher gegen die Währung die einzig für den Krieg eingeführt wurde. Je länger ich darüber nachdenke, desto eher kann ich diesen Standpunkt nachvollziehen und wertschätzen.“ Die junge Frau hielt inne und dann plötzlich, ganz so als ob sie einen genialen Einfall gehabt hätte, fuhr sie äußerst animiert fort. „Überlege doch nur, was ist, wenn Ärzte wie ich diesen Krieg erst ermöglichen.“„Man kann Ärzte nun schwerlich als Kriegstreiber bezeichnen.“ Henry fand das Gespräch ermüdend. Vielleicht war es aber auch nur der Umstand, dass er seit den frühesten Morgenstunden auf den Beinen gewesen war, sein Regiment organisiert und Übungen angeleitet hatte. Vielleicht lag es daran, dass er sich für andere Dinge mit Joséphine getroffen hatte. Vielleicht lag es daran, dass er ein Mann seiner Zeit war oder daran, dass Schuld an ihm nagte.„Nicht als Kriegstreiber, das ist wohl wahr, und ich würde es nie wagen einem meiner geschätzten Kollegen unlautere Absichten vorzuwerfen, aber selbst die besten Vorsätze können einen doch zur Sünde führen.“ Sünde? Warum musste Joséphine jede Tat, jede Entscheidung immer im Kontrast zu möglichen Sünden sehen? Henry was so gut ein Christ wie der nächste Mann, aber Joséphines religiösen Überzeugungen verstand er doch nur selten, „Es gibt gewisse Positionen, die in einer Armee besetzt sein müssen. Keine Armee kann ohne die Männer, die sie ausmachen funktionieren, ohne Generäle die Befehle geben oder eben ohne Ärzte. Ohne Ärzte dürfte es keinen Krieg mehr geben – ich fühle mich, als ob mein Gewissen mich dazu drängt, meinen Posten niederzulegen“, fuhr sie fort und für einen Moment erschrak Henry bei dem Gedanken, sie könnte das Gesagte ernst meinen.„Bist du wirklich so naiv zu glauben, dass sich durch dein Fortgehen irgendetwas verändern würde? Du bist einer unter hunderten.“„Und bist du so eingenommen, dass du denkst, man ist automatisch im Recht, solange man nur mit der Masse hält?“„Die Gesichte hat uns gelehrt, dass die Mehrheit meistens im Recht war.“„Nein, die Geschichte lehrt uns, dass die Geschichte sich nur um die Gewinner schert und nicht um die Gerechten!“ An Joséphines letzter Aussage war viel Wahres, dass konnte Henry nicht abstreiten, so gern er es auch getan hätte. Doch so verlogen war er nicht.„Wenn wir nun aufgeben, sind tausende an Männern für nichts und wieder nichts gestorben. Du hast das selbst gesagt Joséphine. Schlimmer noch, die Zustände werden beklagenswerter noch sein als je zuvor. Der König und sein Parlament werden nicht einfach vergessen, dass wir fünf Jahre verbissen für unsere Unabhängigkeit gekämpft haben.“„Eine Tragödie, natürlich, aber sollen weitere Leben vergeudet werden für einen Fehler, der begangen worden ist, wenn es doch noch eine Möglichkeit gibt, umzukehren und die Leben der Männer von Morgen zu bewahren?“„Du klingst ja beinahe so, als wäre in deinen Augen die gesamte Bemühung ein Fehler gewesen.“ Langsam spürte Henry wie sich Wut in ihm breit machte. Dabei hätte er nicht sagen können, worauf er eigentlich wütend war. Auf Joséphine? Ihre Naivität? Die Möglichkeit, dass sie Recht haben könnte?„Vielleicht war es das ja auch. Ja, unter der britischen Herrschaft mag es gewisse Rechte gegeben haben, die dir oder mir nicht zustanden. Ja, es mag Unrecht gegeben haben, aber es war ein Unrecht das einzig mit deinem, meinem, unser aller Bequemlichkeit bepreist war – nicht dem Blut junger Männer und den Tränen von Kriegswaisen.“„Gut. Fein. Doch was ist, wenn du dich irrst? Wenn wir am Ende doch im Recht sind? Die Sieger dieses Krieges sowohl als auch die Gerechten“, konterte Henry schnippisch.„Ich denke diese Möglichkeit haben wir schon lange verspielt. Immerhin sind wir ein imperfektes Volk mit imperfekter Moral.“„Amerika ist ebenso imperfekt wie England es ist und wir Amerikaner mögen nicht mehr in den Moralstunden christlicher Gerechtigkeit fehlen wie George III.“„Aber waren wir es nicht, die diesen blutigen Krieg mit unserer imperfekten Moral gerechtfertigt haben? Life, Liberty and the pursuit of Happiness, auf diesen Idealen und noch so unzählig vielen mehr haben wir diesen Krieg begründet und ein unabhängiges Amerika gegründet. Ihnen müssen wir gerecht werden, sonst sind unsere Toten sinnlos gefallen. Es waren diese Ideale, die sie im Herzen trugen, als sie auszogen, um zu sterben und wenn wir ihnen nicht gerecht werden können, dann war dieser Krieg nichts als eine einzige große, widerwärtige Heuchelei!“Joséphines hatte sich ein wenig von Henrys Brust weggedreht, ihre Augen funkelten wild und leidenschaftlich und passioniert. Sie stand zu ihren Worten. Henry blickte sie einen langen Moment an, bevor er Joséphine wieder an seine Brust zog. „Weißt du, wovon ich letzte Nacht geträumt habe?“„Nein, aber ich würde es gerne hören.“„Es gab eine kleine Gemeinde nahe der Plantage meines Vaters auf der ich aufgewachsen bin. Es war eine wirklich kleine Gemeinde, mit einer weißen Holzkirche inmitten einer Wiese. Wir waren nicht häufig dort und haben meistens eine andere Gemeinde mit einer größeren Kirche besucht, aber meine Großmutter lag dort begraben und deshalb waren wir manchmal dort. Die Wiese, die die Kirche umgab, hat im Sommer immer so herrlich geblüht, alle Arten an wilden Blumen und ganz besonders Kornblumen. Ich habe dich gesehen, in einem gelben Kleid, aber kein Gelb wie es die Sonnenblumen schmückt, sondern sanfteres Gelb. Da waren feine Blumenstickereien auf deinem Schleier, als du den Gang dieser kleinen Kirche entlang geschritten bist. Auf der Plantage gibt es ein kleines Cottage neben dem Hauptgebäude. Meine Eltern haben dort gelebt, als mein Großvater noch lebte und die Geschäfte führte. Ich habe geträumt, wie ich dich über die Schwelle in unser neues Zuhause getragen habe. Ich habe es alles ganz deutlich vor mir gesehen. Ich konnte dein Haar riechen und dein Lächeln unter dem Schleier sehen. Mit den Fingerspitzen konnte ich die Details deines Kleides ertasten, während ich dich getragen habe. Die Sonne in meinem Gesicht – ich konnte den Sommer spüren.“Joséphine lächelte warm und überstreckte den Kopf, sodass sie zu Henry aufblicken konnte. „Du hast geträumt, das wir heiraten?“„Das habe ich. Träumst du nicht davon?“„Nein. Nein, aber ich wünschte ich könnte davon träumen. Aber stattdessen träume ich vom Krieg“, erwiderte die junge Frau, deutlich niedergeschlagener als sie es eben gerade noch gewesen war. Es kehrte für einen Moment Stille ein, bevor Henry wieder sprach. „Also ist das ein ja?“„Ein ja wozu?“„Möchtest du mich heiraten, Joséphine?“Die junge Frau drehte sich wieder herum, sodass sie Henry direkt in die Augen sehen konnte. Der Ausdruck auf ihrem Gesicht war sprachlos. In ihr erwuchs der Drang zu fragen, ob Henry es ernst meinte, ob er mit ihr scherzte oder was diese Frage sollte. Doch sie erinnerte sich daran, wie sie versprochen hatte, ihm zu vertrauen und deshalb vertraue sie ihm dann auch. Sie zwang sich zu vertrauen. Es war nicht, dass sie keine Angst hatte. Ihr Herz raste, aber sie wusste instinktiv, dass sie Henry vertrauen musste und konnte. Sie wusste das die Zukunft, die sie eines Tages haben würde, an ihrer Antwort hing. „Ja“
Anfang Juli 1780
(…) I would feel most unhappy and distress'd was I to tell the people that are Coming over full of ardour and Sanguine hopes, that we have no army to Cooperate with them, No provisions to feed the few soldiers who are left &c. &c. But I hope, My dear Sir, it will not be the Case, and More particularly depending on the Exertions of your State, I know Mr. Samuel Adams's influence and popularity will be as heretofore Employ'd to the Salvation and glory of America.Der Marquis de La Fayette an Samuel Adams, 30. Mai, 1780 Von seinem Vorsprechen beim Kongress hätte der Marquis de La Fayette sich keinen herzlicheren und respektvolleren Empfang wünschen können. Doch selbst seine Gesuche fielen in dem Gremium auf taube Ohren und so kehrte er alsbald wieder in das amerikanische Lager zurück, unverrichteter Dinge. Solch eine Schlappe saß nicht gut mit einem Mann wie La Fayette und seine dementsprechend schlechte Laune bekam nicht nur Friedrich, sondern der gesamte Stab zu spüren. Meistens wusste der junge General sich zu mäßigen und seinen Unmut nicht an seinen Untergebenen auszulassen, aber selbst in solchen Situationen war es unverkennbar, wie schnippisch er war. Doch Friedrich konnte seinem Freund auch beim besten Willen nicht lange böse sein – die Männer im Kongress waren es ja nicht, die ihre Knauserigkeit und Unentschlossenheit ausbaden mussten. Sie verfügten über ein Dach über dem Kopf, ein Bett bei Nacht, Essen auf dem Tisch und warme Kleidung. La Fayette sah sich jetzt nicht nur mit der Erkenntnis konfrontiert, dass er vielleicht nicht ganz den Einfluss hatte, den er sich erhofft hatte, nein, schlimmer noch, in seiner Wahrnehmung hatte er Washington enttäuscht.Die schlechte Stimmung des Generals übertrug sich ganz natürlich auch auf seinen Stab und so saß man recht schweigsam eines Abends beisammen, Friedrich tief in seine Bücher vertieft, als La Fayette den Raum betrag. Offensichtlich war er soeben von einem der vielzähligen Besprechungen wiedergekommen, die momentan seinen Tagesablauf diktierten. Mit einem wortlosen Nicken an die versammelten Männer griff er nach einem Stapel an Briefen, den einer seiner Aide-de-Camps bereists für ihn vorsortiert hatte und zog sich in sein Büro zurück. Sein versammelter Stab tauschte vielsagende Blicke untereinander aus, doch keiner fühlte sich genötigt etwas zu sagen. Erst La Fayettes laute Stimme aus dem Nebenzimmer unterbrach die Stille.„Doktor Deegen?“Sogleich hatte Friedrich sich erhoben und war den Zurufen gefolgt. Im Türrahmen stehend, sah er den General hinter seinem Schreibtisch sitzen, die Briefe vor ihm verteilt. „General?“„Hier. Dieser Brief für Sie scheint fälschlich meiner Korrespondenz zugeordnet worden zu sein. Er ist von einem gewissen“, La Fayette drehte den Brief herum, um sich den Absender erneut anzusehen. Oh, diese Ironie! „Doktor Marat. Eine Bekanntschaft ihrerseits aus Frankreich? Keine Sorge, ich habe den Brief nur so weit gelesen, bis ich erkannt habe, dass Sie der eigentliche Empfänger sind.“Friedrich trat vor, um den Brief entgegenzunehmen. Offen gestanden verwunderte es ihn, dass Marat ihm geschrieben hatte. Während ihrer kurzen Bekanntschaft in Paris hatte man sich zwar gut verstanden, aber mehr als das was es dann auch nicht gewesen. Eine kurze, alles in einem doch recht oberflächliche Bekanntschaft. Der Arzt drehte den gefalteten Brief von einer Seite auf die andere Seite. Nun gut, Marat würde ihm sicherlich selbst den Vorwand für die Korrespondenz in dem Brief mitteilen – doch die Lektüre würde noch warten müssen, bis Friedrich eine ruhige Minute für sich fand. Neugierig war er jedoch schon.Friedrich hatte sich bereits umgedreht und zum Gehen gewandt, da erklang La Fayettes Stimme erneut.„Doktor Deegen?“ Die Stimme des Marquis hatte eine ganz merkwürdige Tonlage. Ein wenig erinnerte sie Joséphine an ihre jüngeren Geschwister, wenn diese Unfug angestellt hatten und sich erhofften, dass ihre ältere Schwester die Dinge bereinigen könnte, bevor die Eltern Wind von alle dem bekamen. Schwierig wurde es nur, da Joséphine sich absolut darüber im Klaren war, was La Fayette mit seiner Frage erreichen wollte.„Sie haben Aide-de-Camps, General“, setzte Friedrich an und La Fayette antwortete nur mit Schweigen. „Aide-de-Camps, die keine anderen Pflichten haben und darüber hinaus für genau solche Aufgaben bezahlt werden.“„Ich schätze aber Ihre Meinung in solchen Angelegenheiten – um der alten Zeiten willen.“ Friedrich verzog das Gesicht wohlwollend und drehte sich wieder herum. „Nun gut Sir, um der alten Zeiten willen“, ging Friedrich auf die Bitte ein und nahm die losen Blätter Papier entgegen, die der Marquis ihm entgegenhielt.Nachdem sein Besuch beim Kongress so erfolglos geblieben war, hatte La Fayette sich daran gemacht den prominentesten Mitgliedern direkt zu schreiben und sie mit freundlich-vorwurfvollen Briefen dazu zu nötigen, in ihren Heimatstaaten Unterstützung für die Armee bereitzustellen15. Dabei war der Franzose sich seinen gelegentlichen sprachlichen Unzulänglichkeiten durchaus bewusst und ließ daher jeden seiner Briefe in Bezug auf Ausdruck, Grammatik und Schreibweise gegenlesen. Für gewöhnliche kamen seine Aide-de-Camps dieser Aufgabe nach16, aber der junge General schien seltsam darauf erpicht zu sein, dass Friedrich ebenfalls seine Meinung zu den Schriftstücken abgab. Vor einigen Jahren, kurz nachdem La Fayette hinter Joséphines wahre Identität gekommen war und sich folglich genötigt sah ihr die Stelle als Stabsarzt anzubieten, hatte sie ihm ebenfalls mit seiner Korrespondenz mit dem Kongress geholfen – dies waren die alten Zeiten gewesen, auf die er angespielt hatte.Friedrich ging Brief nach Brief durch. Es war unschwer zu erkennen, dass sowohl La Fayette als auch jede andere beteiligte Person sich allergrößte Mühe beim Abfassen dieser Dokumente gegeben hatte. Es hing viel an diesen simplen Worten auf Papier.„Washington hat mich gebeten mich mit den französischen Truppen in Newport zu treffen. Soviel ich weiß, hat seine Exzellenz bereits General Rochambeau geschrieben, um das Treffen zu vereinbaren und Rochambeau versichert, dass ich ihn über die Pläne seitens der amerikanischen Armee in Kenntnis setzten würde.“Friedrich nickte, als er den letzten Brief zur Seite legte. „Ich halte das für eine sehr kluge Entscheidung seitens Washingtons. Ich könnte mir niemanden vorstellen, der dieser Aufgabe gerechter werden könnte als Sie.“La Fayette gab einen langgezogenen, nicht zwangsläufig zustimmenden, Ton von sich. „Ich würde es willkommen heißen, wenn Sie mich nach Newport begleiten würden. Die Berichte über den Gesundheitszustand der Truppen und die Diensttauglichkeit vieler der Männer variieren stark, klingen aber im Allgemeinen nicht besonders vielversprechend. Der General würde es begrüßen, wenn Sie die Situation bewerten und möglicherweise sogar Anmerkungen zur Besserung der Zustände machen können. Die Zeit steht nicht auf unserer Seite und darüber hinaus könnte Ihre Anwesenheit den Franzosen verdeutlichen, wie wichtig uns diese Allianz ist.“Friedrich zweifelte zwar nicht daran, dass La Fayette ihm soeben Washingtons Anweisungen ihrer Aussage nach getreu wiedergegeben hatte, aber er vermutete auch, dass es dem Franzosen recht gelegen kam, Friedrich an seiner Seite zu haben. Dies war jedoch nur eine Vermutung und dazu keine, die ausgesprochen werden musste. „Ich werde Ihrer Bitte natürlich nachkommen, General. Sagen Sie mir nur, wann Sie gedenken, aufzubrechen, damit ich meinerseits Vorkehrungen treffen kann.“
26. Juli 1780
I hasten to impart to you the happiness I feel at the welcome news of your arrival; and as well in the name of the american army as in my own name to present you with an assurance, of our warmest sentiments for Allies, who have so generously come to our Aid.
(…) The Marquis De La Fayette has been by me desired from time to time to communicate such intelligence, and make such propositions as circumstances dictated.
George Washington an General Rochambeau, 16. Juli, 1780 Befehle waren Befehle und wenige Menschen verstanden dies wahrscheinlich so gut wie Friedrich es tat. Dennoch gab es Befehle, denen der Arzt nur mit dem allergrößten Wiederwillen nachkam – der Befehl La Fayette nach Newport zu begleiten, gehörte ganzeindeutig dazu. Nun, das Unterfangen an sich war Friedrich nicht im Geringsten zu wieder – nur hatte er unterschätzt, wie viele Stunden er auf dem Weg nach Newport im Sattel zubringen würde. Sein nie enden wollendes Dilemma. Nachdem man das Lager der Armee am 19. Juli verlassen hatte17, hatte man am 20. Peekskill erreicht18, am 21. dann Danbury19, Hartford am 2220. und Lebanon am 2321. bevor man am Morgen des 24. Juli 1780 dann endlich Newport erreichte22. Friedrich war verstimmt und wollte für die kommende Woche Pferde werde sehen, noch hören, noch riechen und sie erst recht nicht reiten. Doch für Verdrießlichkeit blieb nicht viel Zeit. Während La Fayette den 2523. damit verbrachte mit den französischen Kommandanten zu konferieren und die Truppen zu inspizieren, hatte Friedrich ausgemacht die Krankenlager der Expeditionstruppen am 26. zu besuchen.Mit besuchen war gemeint, dass Friedrich zu der vereinbarten Zeit an dem vereinbarten Treffpunkt eintraf und auf keinen seiner französischen Kollegen traf. Die Sommersonne war in der Frühe noch mild und die frische Meeresbriese machten das Warten angenehme. Doch keine Meeresbriese konnte das nagende Gefühl der Verunsicherung in Friedrich zum Stillschweigen bringen. Halb spielte er schon mit dem Gedanken ein wenig umherzugehen und Nachforschungen anzustellen. Hatte er etwas falsch verstanden? War etwas geschehen, dass die französischen Ärzte verhindert hatte? Stimmten sie aus unbestimmten Gründen einem Treffen nicht mehr zu? Wollte man sich mit einem Arzt beraten, der eine noble oder zumindest gut-bürgerliche Abstammung hatte? Friedrich zwang sich, den letzten Gedanken zu verwerfen. Was für ein Unsinn! Nein, daran lag es gewiss nicht. Doch von seinen Grübeleien wurde er dennoch erst befreit, als er hinter sich plötzlich Stimmen vernahm.„Êtes-vous le docteur américain, Monsieur Deegen?“„Oui, Monsieur“, wandte sich Friedrich an seine Gegenüber. Zwei Herren, der eine wohl um die dreißig, der Zweite bestimmt schon über fünfzig. So oder so, Friedrich war gewiss der Jüngste unter ihnen und dieser Umstand behagte ihm nicht. Leider war es nicht ungewöhnlich für ihn der Jüngste in einer Gruppe zu sein. Selbst die meisten seiner Regiments- und Assistenzärzte waren älter als er. Obwohl man ihm stets den größten Respekt entgegenbrachte, hatte er doch das ständige Gefühl sich aufgrund seiner jungen Jahre beweisen zu müssen – aufgrund seiner jungen Jahre und ihres Geschlechts. Wenn Letzteres natürlich nur Joséphine selbst bewusst war, so trieb es sie doch nicht weniger um. Auch nach all diesen Jahren fühlte es sich falsch an, Männern Anweisungen zu geben oder sich über deren Meinungen hinwegzusetzen. Es war eine Rolle, in der sie sich nur sehr selten wohl fühlte und viel lieber wäre wie sie ein scheues Kätzchen um die Männer herumgetänzelt und hätte die Anweisungen befolgt, die man ihr gegeben hätte, anstatt ein Verhältnis zu schaffen, in dem die Dinge andersherum standen. Es fühlte sich mitunter wie eine grenzenlose Anmaßung an, nicht nur den Platz und die Identität eines Mannes einzunehmen, sondern auch noch anzunehmen, dass sie Leistungen erbringen könnte, die den seinen ebenbürtig waren.„Unser Englisch ist nicht gut, Pardon“, fuhr einer der Franzosen fort und riss Friedrich damit aus seinen Gedanken.„Ne t'en fais pas, Monsieur. Je parle français“, antwortete der Deutsch-Amerikaner und übersah nicht, wie sich die Gesichter der beiden fremden Ärzte entspannte. Friedrichs Eröffnung der französischen Sprache mächtig zu sein, hatte soeben ein möglicherweise schwieriges sprachliches Dilemma aus der Welt geschaffen.Das eigentliche Dilemma, die Gesundheit der französischen Soldaten, war jedoch eines, dass sich nicht eben so aus der Welt schaffen ließ. Die drei Ärzte, Friedrich, Doktor Morel, neunundzwanzig, und Doktor Hugo, sechsundfünfzig, gingen all die Krankenlager ab, die in der Eile seit der Ankunft der Truppen errichtet worden waren. Jedes einzelne, ohne Ausnahme. Es war ein gewaltiger Kraftakt, den die Männer an diesem Tag unternahmen, aber es brachte immerhin dringende Erkenntnisse. Von den rund 5000 französischen Heeressoldaten waren fast die Hälfte, 2000 Soldaten, krank und unfähig ihren Dienst zu tun. Die französische Marine meldete noch einmal weitere 1500 kranke Matrosen – alles in einem ein Trauerspiel. Der gleichen Ansicht schienen auch Friedrichs ausländische Kollegen zu sein, denn Morel im Besonderen machte einen außerordentlich verlegenen Eindruck, als man sich den Weg durch immer noch ein weiteres stinkendes Hospital bahnte. Friedrich winkte ab, Ruhr und andere Durchfallerkrankungen, Seekrankheit, Fiebererkrankungen und Skorbut – alles in einem nichts, mit dem die Kontinentalarmee sich nicht auch schon mit herumgeschlagen hatte. An dieser Stelle warf Madeleine dann ein, dass es den Truppen an frischem Gemüse fehlte und in Newport nicht genügend zu beschaffen war, um die Truppen zu versorgen und die kranken Männer aufzupäppeln24. Friedrich rümpfte die Nase und schwieg einen Moment, um nach den rechten Worten zu suchen. Seine beiden Begleiter waren äußerst verständnisvoll und hilfsbereit, wenn dem jungen Arzt das ein oder andere Wort nicht einfallen wollte oder er mitunter gezwungen war auf recht … kreativen Umschreibungen zurückzugreifen. Friedrich seufzte.„Unsere Truppen sind in den letzten Monaten ebenfalls von Versorgungsengpässen geplagt, aber ich kann ihr Drängen in diesem Belang vollkommen verstehen. Ich werde ihr Gesuch gerne den entsprechenden Stellen vortragen, aber ich kann natürlich nichts versprechen. Wobei ich dennoch positiv gestimmt bin, die vergangene Ernte war äußerst zufriedenstellend und Amerika ist viel daran gelegen, dass die französischen Truppen so schnell wie menschenmöglich zu voller Stärke zurückkehren.Friedrich nahm sich ebenfalls die Zeit zu erklären, mit welchen Schwierigkeiten die französischen Ärzte wohl konfrontiert werden würden. Soldaten, die in den südlichen Regionen Amerikas stationiert waren, waren anfällig für Wechselfieber25, eine Krankheit, bei der man meistens wenig mehr tun konnte, als die Symptome zu behandeln und hoffen, dass der Körper sich von selbst erholte. Allerdings hatten die amerikanischen Ärzte beobachtet, dass Soldaten die zwei Schichten an Leinenhemden trugen, wesentlich seltener erkrankten als jene die dies nicht taten26. Eine Erklärung hatte man dafür nicht, aber Morel und Madeleine notierten sich diesen Rat dennoch dankbar. Weiter sprach man über die verpflichtenden Pockenimpfungen, die die Armee auf Washingtons Order hin eingeführt hatte und mit der man, trotz anfänglicher Probleme, große Erfolge erzielt hatte.Am Ende dieses sehr langen Tages war Friedrichs Nase taub für jegliche üblen Gerüche, seine Beine fühlten sich schwer von dem Umstand an, dass er den gesamten Tag über rastlos gewesen war, und in seinem Kopf schwirrte es vor all dem Französisch, an dessen Gebrauch er bei weitem nicht so gewöhnt war wie an Deutsch oder Englisch. Er konnte und wollte sie jedoch auch nicht beschweren, der Austausch mit seinen französischen Kollegen war äußerst erhellend gewesen und über ein gemeinsames Dinner, zu dem Morel und Madeleine ihn einluden, konnte er wohl auch ein wenig internationale Beziehungen pflegen. Diesen Sommer würden die französischen Truppen sicherlich keine Wende in diesem Krieg bringen, aber dennoch waren sie die größte Hoffnung die Amerika im Moment hatte.Die Dämmerung, die in dieser Jahreszeit die Welt immer in einen ganz besonderen Abendschein tauchte, hatte bereits eingesetzt, als Friedrich sich schließlich verabschiedete. Er war müde und wollte doch das Gesagte und Gelernte heute noch niederschreiben, damit er nichts für seine Berichte für La Fayette und Washington vergaß. Außerdem vermisste Joséphine Henry ganz schrecklich und spielte beinahe mit dem Gedanken, ihm ebenfalls zu schreiben, etwas was sie sonst selten tat. Zu allem Übel hatte ihre alte Verwundung in den Sommermonaten manchmal die Angewohnheit zu spannen und zu brennen und zu jucken, sich kurzum nicht wie eine Verletzung zu verhalten, die seit beinahe zwei Jahres abgeheilt war. Joséphine hatte lange damit zu gebracht einen Weg zu finden, ihre Bandagen komfortabler und sicherer zu wickeln und war zu dem Schluss gekommen, dass es ihr weniger Unwohlsein bereitete, wenn sie einen größeren Anteil ihres Oberkörpers umwickelte. Brust und Rücken dankten es ihr. Der zusätzliche Druck und der raue Stoff irritierten die Narbe jedoch an solchen Tagen nur noch mehr.Als Joséphine die Unterkunft betrat, die ihr und General La Fayette zur Verfügung gestellt worden war, bemerkte sie den fahlen Lichtschein, der unter der Tür des Marquis hindurchdrang. Für einen Moment hielt die junge Frau inne und lauschte gespannt. Sie konnte deutlich Schritte hinter der Tür hören, die nervös auf und ab gingen. Für einen Moment spielte sie ernsthaft mit dem Gedanken, die Schritte Schritte sein zu lassen und schlafen zu gehen. Wenn La Fayette etwas auf dem Herzen hatte, dann würde er sich sicherlich schon von alleine an sie wenden – immerhin war er ein erwachsener Mann, der mit seinen zugegeben noch jungen Jahren doch schon mehr vorzuweisen hatte, also manch ein alter Mann auf seinem Sterbebett. Andererseits war Joséphine wohl bewusst unter welchem Druck der junge Marquis stand und wie angespannt er in letzter Zeit gewesen war. Dazu hatte er ein eindeutiges Talent dafür, sich an Kleinigkeiten aufzuhängen und dann fast die ganze Nacht schlaflos und in Sorge zu verbringen. Joséphine seufzte. Es würde wohl nicht schaden, wenn sie kurz an seine Tür klopfte.Kaum hatte sie geklopft, öffnete sich die Tür und La Fayettes Gesicht kam zum Vorschein, dass Haar ungeordnet und seine Krawatte lose. Er sah seinen Stabsarzt fragend an. „Ich habe die derzeitige Lage, in der sich die französischen Truppen befinden heute sehr ausführlich mit zweien meiner französischen Kollegen besprochen. Sie werden im Laufe des morgigen Tages meinen Bericht erhalten, ja?“La Fayette nickte.„Wenn nichts mehr sein sollte, wünsche ich Ihnen eine gute Nacht General“, verabschiedete sich Joséphine, blieb aber erwartungsvoll bei der Tür stehen bis La Fayette die Tür schließlich weiter öffnete und sie eintreten ließ. Er fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht und nahm seinen unruhigen Gang wieder auf, während Joséphine die Tür hinter sich schloss. „Ich befürchte ich habe einen schlimmen Fehler gemacht“, begann La Fayette schließlich und wies die junge Frau an sich zu setzen. „General Rochambeau hat mich eingeladen mit ihm und Admiral de Ternay27 zu Abend zu speisen. Wir haben über wenig mehr als die Handlungsmöglichkeiten geredet, die sich unseren vereinten Truppen stellen. Keiner der beiden Herren zeigte Bereitschaft die Briten anzugreifen. Man wolle warten, bis der König eine weitere Division an Truppen und weitere Schiffe schickt. Die Präsenz der Royal Navy ist stark und de Ternay ist nicht bereit ein Risiko einzugehen. Ich habe dagegen argumentiert. Die Dienstzeit vieler Männer, gerade der Milizen, läuft zum Ende des Jahres aus und momentan haben wir nicht viel vorzuweisen, um die Männer dazu zu bewegen, sich erneut zu verpflichten. Dazu gibt es Gerüchte, dass die Briten einen Angriff auf Newport planen28. Die Zeit zu handeln sei jetzt, habe ich gesagt.“ La Fayette atmetet zittrig aus, sein Gesicht war rot geworden. „General Rochambeau hat meine Ansichten nicht im Geringsten geteilt und ich fürchte, ich habe vollkommen meinen Platz vergessen. Ich bin viel zu forsch gewesen.“Joséphine legte den Kopf schief. Sie konnte La Fayettes Sorge verstehen, die geschaffene Situation war wirklich alles andere als ideal. Rochambeau und de Ternay schlugen La Fayette spielend sowohl in Alter, Diensterfahrung und Rang und La Fayettes Bericht klang ganz so, als ob er den Anschein erweckt hatte, die beiden Herren belehren zu wollen. Dies waren werte Mitglieder des französischen Hochadels, keine amerikanischen Apotheker, Buchhändler oder Quäker die Generäle geworden waren. Es hatte fast den Anschein, als ob La Fayette sich an diesem Abend ein wenig zu amerikanisch verhalten hatte. Dennoch, damit musste noch nichts verloren sein.„Bist du dir denn sicher, dass General Rochambeau Anstoß an deinem Verhalten genommen hat? Ihr kanntet euch bereits in Frankreich hast du mir erzählt, dass und der Umstand, dass du zu Rochambeau aufsiehst und er dir ebenfalls sehr zugetan ist.“„Ob der General an meinen Verhalten Anstoß genommen hat? Er hat mir mitgeteilt, dass er nicht wünscht dieses Thema länger mit mir zu besprechen und stattdessen wünscht mit General Washington persönlich zu sprechen. Gott, Joséphine, ich habe die letzten drei Jahre versucht freundschaftliche Beziehungen zwischen Amerika und Frankreich zu propagieren und nun habe vielleicht ich selbst unsere Verbündeten erzürnt.“ La Fayette hatte sich neben Joséphine niedergelassen, den Kopf in den Händen vergraben. Die junge Frau legte ihm aufmunternd eine Hand auf die Schulter. „Zugegeben, ich war bei dem Abendessen nicht anwesend, aber ich kenne dich und ich weiß, dass dein gutes Herz und deine Offenheit schon immer deine größten Stärken waren. Entschuldige dich bei Rochambeau, sei ehrlich mit ihm. Das Thema ist dir eine Herzensangelegenheit und du warst angespannt. Es tut dir leid, dass du dich in der Eifer des Gefechts von deinem Patriotismus für Amerika hast mitreißen lassen. Du wolltest auf keinem Fall belehrend oder anmaßend erscheinen, du kennst deinen Platz, aber du bist eben auch jung und junge Männer können eben hitzköpfig sein. Wenn Rochambeau Washington treffen möchte, dann hat er dazu jedes Recht, aber mach ihm auch deutlich, dass Washington dir vertraut und dich befugt hat in dieser Angelegenheit in seinem Namen zu fungieren29.“La Fayette warf Joséphine von der Seite her einen fragenden und dennoch hoffnungsvollen Blick zu. „Du scheinst nie deinen kühlen Kopf zu bewahren“, meinte er staunend und Joséphine erhob sich, Müdigkeit begann weiter und weiter von ihr Besitz zu ergreifen. „Das kommt mit dem Beruf weißt du? Und übrigens verliere ich häufig genug den kühlen Kopf, mach dir also wegen heute keine Sorgen. Leg dich schlafen und morgen, wenn du erholt bist, wirst du den Vorfall sicherlich schon in einem ganz anderen Licht sehen.“
Anfang August 1780
(…) Hoping You know My tender friendship and affectionate Regard for You, will Not lengthen this letter with Assurances from My Heart While the Heart itself must Be known to You. I intend to write You Again in a few days and with Every Sentiment of Attachement and Esteem Have the Honor to be Yours
Der Marquis de La Fayette an James McHenry, 15. Februar, 1781 Nach den durchwachsenen Erfolgen in Newport, trug der einzige Lichtblick für Friedrich in diesen ungewissen Tagen den Namen James McHenry. Der junge Mann, gebürtig aus Maryland, war als Arzt in die Kontinentalarmee eingetreten, ähnlich wie Friedrich damals, und nach einer kurzen Kriegsgefangenschaft früh zu Beginn des Krieges Washingtons Aide-de-Camp geworden. Anfang des Monats August war er dann in den Stab des Marquis gewechselt und diente hier in der gleichen Position wie er es bereits in Washingtons Stab getan hatte. McHenry und La Fayette hatten ein überaus warmes und enges Verhältnis und der Arzt war sehr geschätzt. Friedrich war selbst mit dem Mann bekannt, eher flüchtig aus der Zeit wo McHenry noch in Washingtons Stab gedient hatte, aber trotz der relativen Oberflächlichkeit ihrer Bekanntschaft, hatte er doch eine hohe Meinung von McHenry. Der Umstand, dass dieser auch den Berufstands des Arztes angehörte, war dieser Meinung natürlich nicht abträglich. McHenry selbst schien diese Ansicht zu teilen, denn er und Friedrich formten schnell eine herzliche Freundschaft. Er hatte Friedrich bereits zu Beginn seines Dienstes versichert, sich nicht in dessen medizinische Belange einzumischen, jedoch jederzeit mit Rat und Tat bereitzustehen, sollte Friedrich seine Hilfe in Anspruch nehmen wollen.Joséphine für ihren Teil erschrak es ein wenig, wie leicht es ihr doch mittlerweile fiel, eine Freundschaft fast vollkommen auf Lügen aufzubauen. Vielleicht erschrak es sie sogar noch mehr, dass der ursprüngliche Schreck so klein ausfiel und sie des Nachts sogar ruhig schlafen konnte. Was sie noch mehr erschreckte, war die Flut an schlechten Nachrichten, die sie im Lager der Armee erreichten. Nach der Ankunft der französischen Truppen sollten hätten die Dinge sich bessern sollen, doch das taten sie ganz gewiss nicht. Am heutigen Nachmittag hatte das Lager die Nachricht von der Schlacht von Camden30 erreicht. Selbst die ersten vorläufigen berichte machten deutlich, dass Camden ein großer Sieg für die britischen Truppen unter Charles Cornwallis gewesen war und ein ebenso großes Debakel für die Kontinentalarmee. Nachdem man einige Monate zuvor Charleston verloren hatte, war nun nach Camden die Stellung der Briten in den Carolines praktisch nicht mehr zu brechen. Dabei waren Cornwallis Truppen zahlenmäßig deutlich unterlegen, nicht einmal halb so viele Männer standen dem General zur Verfügung und dennoch hatte er General Horatio Gates, den Befehlshaber der südlichen Abteilung der Armee, saubergeschlagen. Gates hatte im Anschluss der Schlacht sein Kommando an General Nathanael Greene verloren, Washingtons ursprüngliche Wahl für diesen Posten mit dem er sich aber zu seiner Zeit nicht hatte durchsetzen können. Der Blutzoll lag bei 900 gefallenen und verwundeten Soldaten und noch einmal bei 1000 Kriegsgefangenen. Es gab Berichte, dass Lieutenant-Colonel Banastre Tarleton mit seiner berühmt berüchtigten Legion die amerikanischen Truppen verfolgt und sie mehr oder weniger abgeschlachtet hatte.Was Friedrich vielleicht am meisten getroffen hatte, war die Nachricht, dass der Baron de Kalb sich unter den Gefallenen befand. Der Baron war La Fayette ein enger Freund und Mentor und war in seiner Beziehung mit La Fayette Washington nicht ganz unähnlich. Der Marquis selbst hatte die Nachricht über den wohlmöglichen Tod seines Freundes gefasst aufgenommen, die Lippen zu einem dünnen Strich zusammengepresst. Kurz darauf, hatte er sein Hauptquartier verlassen, um das Quartier von General Washington aufzusuchen – wohl um die Wahrheit über de Kalb zu erfahren. Sein Weggang ließ die Mitglieder seines Stabes allein mit ihren Gedanken.Friedrich hatte sich nach billiger, stupider Ablenkung gesehnt und ein Buch hervorgekramt, welches er sich ursprünglich für die Heimreise von Frankreich nach Amerika gekauft hatte. Es war ein Roman, ein historischer Roman, und damit eigentlich nicht die Art an Buch, die Friedrich für gewöhnlich las. Romane waren nicht für junge, unverheiratete Frauen und der Geist und die Moral eines Menschen profitierten mehr von fundierten Werken der Wissenschaft und Klassik. Dennoch, für einen Roman war La Princesse de Clèves31 recht passable Literatur.„Was ließt du da?“, fragte McHenry über den Tisch hinweg und Friedrich erkannte leicht, dass diese gute Seele das bedrückte Schweigen nicht länger ausstehen wollte.„Einen Roman, einen historischen Roman.“„Einen historischen Roman?“„Die Hauptfigur und der Großteil der Handlung sind frei ersonnen, aber der weitere Kontext und viele der Nebencharaktere sind historisch belegt. Gerade dieser Roman wird sehr für seine Akkuratesse hinsichtlich der Handhabung der geschichtlichen Gegebenheiten geschätzt.“Für einen Moment kehrte Schweigen an, bevor James McHenry beinahe so etwas wie ein Lächeln zustande brachte. „Vielleicht schreibt man eines Tages historische Romane über uns und unsere Zeiten. Stell dir das nur vor.
Die Stylistin hatte dezent ein wenig glitzerndes Puder auf Emmas Wangenknochen aufgetragen, ein netter Effekt als die Scheinwerfer sie erfassten. Sie war der Star des heutigen Abends und nach vier Jahren war sie endlich an einem Punkt angelangt, an dem sie die Aufregung um ihre Person zumindest beginnen konnte zu verstehen – nicht das sie es nachvollziehen konnte, in ihren Augen war sie immer noch das gleiche Mädchen, das vor fünf Jahren wiederholt ihren Text für das Vorsprechen an einem heißen Junivormittag, an dem die Minuten sich langsamer zogen, je häufiger man auf die Uhr sah, durchgegangen war. Die Ereignisse dieses Vormittags hatten auf mehr oder weniger direktem Wege dazu geführt, dass nun hier saß, auf dem Sofa einer bekannten Talkshow in einem babyblauen kurzen Tüllkleid mit Puffärmeln und Schuhen deren Preis man an der Farbe der Sohle ablesen konnte. Ihre Wangen glitzerten im Scheinwerferlicht und alle Augen waren auf sie gerichtet, als der Moderator sich zu ihr umdrehte.
„Emma. Emma … Man darf wohl mit Recht behaupten, dass das halbe Land am Mittwoch gejubelt hat. Der Trailer für die vierte Staffel ist veröffentlicht worden – und was für ein Trailer das war. Die letzte Staffel hat uns ja schon Mord und Eheprobleme der großen und kleinen Art gebracht – und Herzschmerz, der kleine Lafayette und dann noch das Gespräch im Treppenhaus in der letzten Episode, man oh man! Aber Joséphine und damit auch wir Zuschauer bekommen einfach keine Pause! Wie viel können Sie uns über die neue Staffel berichten?“
Emma lächelte charmant. „Natürlich haben wir alle Verschwiegenheitserklärungen unterzeichnet, aber ich kann doch über einige Dinge plaudern – Joséphine hat ihren eigenen Wikipedia-Artikel, es sind Bücher über sie geschrieben worden und momentan werden große Teile ihrer Briefe publiziert. Der Inhalt der Serie ist also nicht wirklich ein wohl gehütetes Geheimnis.“
„Dann werde ich gleich mein Glück doch gleich mit der ersten Frage versuchen; Emma, es gab gewisse Gerüchte bezüglich des Casting zweier Teenagejungen für wiederkehrende Rollen in der neuesten Staffel … gerade die geschichtlich etwas bewanderten Fans haben nun spekuliert, dass es sich bei diesen beiden Jungen vielleicht um Edward Wilson jr., Joséphines geliebten Neffen handeln könnte und um Georges W. de La Fayette, der Sohn eines gewissen französischen Generals. Werden wir den Beginn der Freundschaft beider Jungen in Staffel vier sehen?“
Emma lächelte wieder, sie war ein wenig nervös, doch nach vier Jahren hatte sie gelernt Inhalte zu vermitteln, ohne wirklich etwas zu sagen, Theorien den Wind aus den Segeln zu nehmen oder zu befeuern, ebenfalls ohne wirklich etwas gesagt zu haben.
„Da hat Ihr Glück Sie wohl verlassen, wie gesagt, ich kann nicht über alles reden.“
„Also werden wir die beiden nicht zu Gesicht bekommen?“
„Die Serie handelt von Joséphine und es war uns allen sehr wichtig, dass sie durchgängig der Mittelpunkt bleibt – auch wenn sie viele Persönlichkeiten ihrer Zeit getroffen haben, die selbst sehr spannende Leben geführt haben. Wir erzählen Joséphines Geschichte mit all den Ereignissen und Personen, die für ihr Leben wichtig waren. Welche Personen und Ereignisse das in den Augen unserer Autoren und Produzenten sind, werden Sie wohl für sich selbst sehen müssen.“ Emma griff nach dem eleganten Wasserglas auf den niedrigen Tisch vor sich und nahmen einen kleinen Schluck.
„Ihr habt es gehört Leute“, scherzte der Moderator und wandte sich an das Live-Publikum. Dieses versäumte es nicht einstimmig enttäuscht zu Raunen, Emma grinste.
„Gut, gut – in den sozialen Netzwerken haben wir ja immer mal wieder kleine Einblicke hinter die Kulissen bekommen – ich glaube Ole S
ørensen, der Schauspieler von Henry, hat auch diese Mal wieder viel gepostet – waren von ihm nicht auch die während den Dreharbeiten für die letzte Staffel entstandenen Bilder von diesen absolut plüschigen kleinen Lämmern?“, fragte der Moderator und sah von seinen Karten auf. Emmas Grinsen wurde breiter. „Ja, das war unser vorletzter Drehtag an dem Ole die Lämmer entdeckt hat – daraufhin haben wir dann auch noch relativ spontan die Szene mit den Lämmern gedreht.“
„Die Lämmer waren eigentlich gar nicht im Skript vorgesehen?“
„Nein, das waren sie nicht.“
„Nun da denke ich, dass wir Zuschauer uns alle bei Ole bedanken dürfen – was ich aber eigentlich fragen wollte, was war die beste Erfahrung während der Dreharbeiten für die vierte Staffel und was werden Sie von den vorherigen Staffeln vermissen?“
Emma legte den Kopf schief, um einen Moment nachzudenken, ihre Wangen glitzerten nur noch stärker im Licht der Scheinwerfer. „Am schönsten war es wieder zu reisen. Die letzte Staffel war ja doch recht stark auf Virginia beschränkt und während der vierten Staffel sieht Joséphine wieder ein wenig mehr von der Welt und wir hatten das große Privileg an einigen wirklich atemberaubenden Drehorten zu spielen. Was ich am meisten vermissen werde? Wahrscheinlich meine Garderobe. Cathrine Tiegel, unsere Kostümdesignerin hat ja zurecht sehr viel Lob für ihre Arbeit während der letzten Staffel erhalten und ihre Entwürfe zu tragen war noch viel schöner als sie sich nur anzusehen. In den ersten beiden Staffeln habe ich ja praktisch durchgängig meine Uniform oder Variationen davon getragen und es gab keine Folge in der ich vom Anfang bis zum Ende wirklich sauber geblieben bin. Diese Umstellung habe ich in der dritten Staffel sehr genossen, das und den Umstand das ich nun vernünftige strukturgebende Unterwäsche tragen konnte und nicht länger diese Brustbinden, die sind mit der Zeit echt unangenehm geworden.“
Emma und der Moderator plauderten noch ein wenig, sie lobte ihre Kollegen und er fragte nach einem kleinen Insider-Witz den der Produzent anscheinend in der Staffel versteckt hatte. Sie beendete den Abend mit einem donnernden Applaus des Publikums und trat durch einen kleinen Gang in den Backstagebereich. Das Studio war zusammen mit den Studien verschiedener beliebter Unterhaltungsprogramme in einem alten Lagerhaus in Hamburgs Speicherstadt untergebracht. Die Backsteine der gemauerten Fassade schauten hier und dort unter der aufgetragenen Wandfarbe hindurch. Hier hinten war es angenehm kühl und nicht so heiß wie unter dem grellen Licht der Scheinwerfer. Emma fummelte ihr Mobiltelefon aus der Tasche, die sie hier hinter den Kulissen abgestellt hatte, um ziellos durch das Internet zu scrollen, während sie wartete. Mit einem Mal blickte ihr vom hellerleuchtenden Bildschirm ihr eigenes Gesicht entgegen. Das rote Haar kurz geschnitten und im Nacken zusammengebunden, der Hintergrund grau und stürmisch, den Kopf ein wenig nach unten geneigt, der Blick dann aber wieder nach oben gerichtet, den Betrachter direkt ansehend. Es war das Werbeplakat für die erste Staffel, die Emma gedreht hatte und für einen Moment musste sie innehalten und strich mit dem Daumen über das Bild. Es war keine Eitelkeit, die sie motivierte, zumindest hoffte sie das, sondern vielmehr den tiefen Dank, den sie Joséphine gegenüber empfand. Einer Frau gegenüber, die gekämpft und gelitten und inspiriert hatte und deren Geschichte Emma nun das Privileg hatte, erzählen zu dürfen. Es war nicht immer einfach gewesen, die Autoren und Produzenten hatten hohe Ansprüche gehabt und noch viel schlimmer, filmerische Visionen. Visionen, die mit den bisherigen Konventionen der Filmindustrie brachen und den Schauspielern, gerade der unerfahrenen Emma, alles abverlangt hatten. Visionen, die ebenso unerschrocken waren, die Joséphine es gewesen war. Emma hoffte nur inständig, dass sie dieser Frau hatte gerecht werden können.
Die beschriebene Meuterei hat sich so ähnlich tatsächlich zugetragen und machte die betreffende Überfahrt damit auch gleichfalls zu La Fayettes ereignisreichster Überfahrt.
Lose übernommen von einem Brief La Fayettes an seine Frau Adrienne vom 6. Mai 1780.
Obwohl Valley Forge als Winterlager gemein hin bekannter ist, waren die Zustände im zweiten Lager in Morristwon merklich härter.
Der Kontinentale Dollar hatte seit seiner Einführung mit Inflation und Wertverlust zu kämpfen. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Währung allerdings einen neuen Tiefpunkt erreicht.
Lose übernommen von einem Brief La Fayettes an Benjamin Franklin, 17. September 1782
Adrienne begann in dieser Zeit ihr Interesse zu bekunden Amerika ebenfalls eines Tages zu besuchen. Nach seiner Rückehr nach Amerika 1780, spendete La Fayette 1000 Livre in Adriennes Namen für die Bekleidung der Soldaten. Die Marquise würde Amerika nie besuchen.
La Fayette Familienmotto lautete „Cur Non?“, zu Deutsch „Warum nicht?“
In den 1930ern bis 1950ern war der Name in der Schreibweise „Phyllis“ in Nordamerika recht beliebt.
La Fayette und Hamilton verbrachten auf Washingtons Weisung hin einen halben Tag mit den Planungen und auch medizinische Aspekte wurden miteingeschlossen
Am Ende waren etwas 2000 Soldaten im Heer zu krank, um ihren Dienst zu tun.
Kurz vor dem Eintreffen der französischen Truppen war die Hoffnung in der Tat recht groß, dass die Allianz eine baldige Wendung bringen würde. Diese Hoffnung musste schnell aufgegeben werden.
La Fayette war einer dieser Menschen, die sehr schnell rot werden.
Am Ende waren es nur etwas 5000 Soldaten die 1780 in Newport eintrafen.
Die Briefe zeigten schnell deutliche Wirkung und die Empfänger (ebenso wie die jeweiligen Staaten) überschlugen sich beinahe mit Versprechungen.
In der Realität hat Hamilton die meisten Briefe von La Fayette in dieser Zeit Korrektur gelesen.
La Fayette muss gegen Mittag das Camp verlassen haben, denn davor haben wir noch Briefe von ihm die eindeutig noch im Hauptquartier geschrieben worden sind.
Brief von La Fayette an Washington vom 20 Juli 1780.
Brief von La Fayette an Washington vom 21 Juli 1780.
Brief von La Fayette an Washington vom 22 Juli 1780.
Brief von La Fayette an Washington vom 23 Juli 1780.
Brief von La Fayette an Washington vom 22 Juli 1780.
Zwei Briefe von La Fayette an Washington vom 26. Juli 1780
Die Information mit dem fehlenden Gemüse ist einem Brief von La Fayette an Washington vom 22. Juli 1780 zu entnehmen (dieser Brief und alle weiteren Briefe können auf founders.archives.gov einsehen werden.
Wechselfieber war die damalige Bezeichnung für die Krankheit die wir heute als Malaria kennen.
Die Idee mehrere Lagen Kleidung zutragen, kam von Doktor Benjamin Rush. Heute wissen wir, dass Malaria durch Steckmücken übertragen wird und die dicke Kleidung kann vor infizierenden Stichen schützen.
Charles-Henri-Louis d’Arsac, chevalier de Ternay wurde am 27. Januar 1723 in Frankreich geboren. Er war Veteran des Siebenjährigen Krieges und wurde 1776 zum Konteradmiral befördert. Zudem hatte er während seines Lebens verschieden Gouverneursposten inne. Er starb am 15. Dezember 1780 in Newport, Rhode Island an Typhus.
Ein Angriff auf Newport wurde tatsächlich geplant und die Sorge vor solch einem Angriff spiegelt sich in entsprechenden Briefen wider.
La Fayettes Reibereien mit den französischen Kommandanten sind hier etwas verkürzt dargestellt. Sowohl der Disput als auch die Versöhnung haben sich über einen längeren Zeitraum ereignet und jeweils mehr als nur eines Briefes bedurft.
Die Schlacht von Camden fand am 16. August 1780 statt.
La Princesse de Clèves ist ein 1678 Roman, der anonym von einer eingeheirateten Großtante La Fayettes, Marie-Madeleine Pioche de La Vergne, comtesse de La Fayette, veröffentlicht wurde. Er gilt als einer der ersten historischen Romane.
