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Charlie sah sich noch einmal in der kleinen Kammer um. Doch, alles war bereit. Die alten Holzdielen waren nicht nur gekehrt, sondern sogar mit seinem besten Versuch von Mum’s Scheuerzauber traktiert worden. Sämtliche Spinnen und Spinnenweben in den Ecken hatte Charlie entfernt, die Fenster geputzt, die vier Bücher über Drachenpflege auf dem Regalbrett über dem Bett akkurat nebeneinander gestellt. Sogar die Vorhänge hatte er gewaschen, wahrscheinlich zum ersten Mal seit Jahrzehnten, so dreckig, wie das Wasser gewesen war. Sein Zimmerkamerad Siegfried hatte nur den Kopf geschüttelt über Charlies plötzlichen Putzeifer und sich geweigert, zu helfen, aber immerhin seine schlammverschmierten Stiefel draußen gelassen.Eigentlich mochte Charlie, dass man den Möbeln die Spuren von Generationen vorheriger Drachenpfleger-Lehrlinge sah, die ihre Geburtstage, Erfolge, Liebschaften und Langeweile verewigt hatten, aber jetzt gerade war ihm sehr bewusst, dass man es auch schäbig und abgenutzt finden konnte. Er hatte keine Zeit, weiter nachzugrübeln, denn ein Blick auf die Uhr über der Tür sagte ihm, dass er nur noch drei Minuten Zeit hatte, um zum Portschlüsselplatz unter der großen Esche zu eilen.Er brauchte dann vier Minuten, weil jemand, wahrscheinlich Mihi, eine Kiste mit Maiskolben auf der Treppe hatte stehen lassen, die prompt mitsamt Charlie die Stufen hinunterkollerte. Als Charlie außer Atem und mit zwei neuen blauen Flecken zum Portschlüsselplatz gerannt kam, waren Tonks, Jae und Barnaby schon da und sahen sich mit großen Augen um. Er warf Barnaby, der am nächsten stand, fast um mit seiner Umarmung.„Ich freu mich ja so, dass ihr da seid!“Tonks lachte ihr gluckerndes Lachen, dass er so schmerzlich vermisst hatte, und ließ ihre Arme grotesk länger wachsen, um sie alle vier, sogar den widerstrebenden Jae, in eine Gruppenumarmung zu ziehen.„Kommt, ich zeig euch alles!“ Jetzt, wo seine Freunde endlich da waren, wusste Charlie nicht mehr, warum er sich eigentlich Sorgen gemacht hatte. Es waren seine Freunde, natürlich fanden sie die Lehrlingsunterkünfte im Reservat nicht schäbig, sondern abenteuerlich und spannend.„Du bist schon so richtig eingerichtet“, seufzte Tonks neidisch, als sie sein Zimmer besichtigten und alle ihre Reisetaschen auf sein Bett plumpsen ließen. „Ich hab immer noch keine Wohnung gefunden, und Mum möchte am liebsten, dass ich während der Ausbildung zu Hause wohnen bleibe.“„Glückwunsch übrigens, jetzt noch mal persönlich!“, sagte Charlie. Er war ehrlich stolz auf Tonks, die ihre notorisch schwer zu erreichende Wunschausbildung als Aurorin bekommen hatte. Die ganze Schulzeit war das ihr Traum gewesen. „Euch natürlich auch.“ Auch Barnaby und Jae hatten gute Ausbildungsplätze bekommen, Barnaby sogar im Ministerium, zu jedermanns Überraschung. Keiner seiner Freunde hatte wie Charlie die Schule vor den UTZen abgebrochen und war ans andere Ende Europas abgehauen, aber jetzt war er auch stolz zu zeigen, was sie hier im Reservat taten.„Warte, das Beste kommt jetzt“, sagte Jae. Er kramte in seiner Reisetasche, unerklärlicherweise war Charlies Zimmer jetzt schon ein einziges Chaos, obwohl sie erst ein paar Minuten hier waren. „Tadaa!“ Er hielt Charlie eine zerdrückte Papiertüte hin, mit dem vertrauten Logo des Honigtopfes.„Danke.“ Nichts ging über Süßigkeiten von zu Hause. Das Essen hier war gut, jedenfalls wenn jemand mit Kochen dran war, der wusste was er tat, auch die Süßigkeiten aus dem Dorf schmeckten nicht schlecht. Aber es war nicht das gleiche wie Schokofrösche und Gummischnecken. „Hier essen wir dann immer alle zusammen“, erklärte Charlie. „Zumindest, wer nicht gerade auf Wache ist.“ Sie hatten die Führung fast beendet und waren beim Speisesaal angekommen, pünktlich zur Abendessenszeit. Die meisten Drachologen und Drachenpfleger saßen schon auf den langen Bänken, rustikale Menschen an rustikalen Tischen, lange Bärte und Ledermäntel im Fackelschein, die Charlie inzwischen lieb gewonnen hatte. „Wir wechseln uns ab mit dem Kochen, eigentlich wäre ich heute dran, aber ich hab mit Mihi getauscht, damit ich Zeit für euch hab.“Sie waren fast fertig mit Essen, Tonks unterhielt Siegried, indem sie sich Schuppen auf den Händen wachsen ließ und Jae quetschte Mihi nach dem Rezept für den Maisbrei aus, als Georgeta völlig außer Atem und ohne Hut in den Speisesaal gestürmt kam. „Ein Stachelbuckel!“, keuchte sie. Sie war so aus der Puste, dass sie kaum sprechen konnte.„Was ist passiert?“„Er ist verletzt, vielleicht tot“, keuchte Georgeta. „Es waren Menschen!“Plötzlich waren sie von einem Haufen laut durcheinandersprechender Drachenwärter umringt. Es dauerte einen Augenblick, bis der Magistrul sich Gehör verschaffen konnte. Er teilte die älteren Drachenwärter ein, das Gelände abzusuchen. „Charlie, es tut mir Leid, du hast eigentlich frei und Besuch, aber du musst Georgeta und Doamna Ciobanu begleiten.“Charlie wäre es nicht im Traum eingefallen, zu protestieren. Das war schließlich ein Notfall.Sobald sie draußen waren, packte Georgeta ihn und Ciobanu an den Händen und apparierte. Sie landeten in der Senke zwischen zwei grasigen Hügeln. Charlie kam die Gegend unbekannt vor, sie musste nahe der Grenze des Reservats, schon dicht bei den Höfen der Muggel sein. Unter einer hohen Esche, deren vom Herbst gelbe Blätter im letzten licht leuchteten, lag eine dunkle, reglose Masse.„Bitte, bitte, lass ihn nicht tot sein“, flüsterte Georgeta. Ciobanu hatte schon ihren Zauberstab gezückt und begann, diagnostische Zauber zu Murmeln. Sie war eine der erfahrensten Drachologen und auf Heilzauber spezialisiert. Charlie sicherte den Drachen mit den vorgeschriebenen Bannzaubern. Sicher war sicher, auch wenn dieser Drache nicht so wirkte, als könnte er jemandem gefährlich werden, falls er überhaupt noch lebte.„Es ist der Kapaun, nicht Pigger“, sagte er, nachdem er um ihn herumgegangen war. Das war eine gewisse Erleichterung, Pigger zu verlieren, wäre ein herber Rückschlag für ihr Zuchtprogramm, rein nüchtern betrachtet war ein kastrierter Drache entbehrlicher. Aber es schnitt Charlie trotzdem ins Herz, ihn so reglos zu sehen. Er war in einem Zirkus aufgezogen worden und weniger wild und unberechenbar, ein beliebtes Beobachtungsobjekt bei den Lehrlingen.„Nichts zu machen“, sagte Ciobanu. „Der ist ex. Helft mir mal, den Flügel hochzuheben.“Es war nicht Charlies erster toter Drache, aber er musste trotzdem schlucken, als er sich mit Georgeta gegen die langen Knochen stemmte, die tote, schon kühle Haut des Kapauns gegen sich gepresst.„Lumos.“ Ciobanu leuchtete gegen die gewaltige geschuppte Flanke des Drachens und fluchte. Tiefe Schnitte zogen sich über das Fleisch. Ihre Ränder waren blutig, aber es war ansonsten kaum Blut zusehen, weder auf dem Drachen noch auf dem Boden. „Wilderer“, sagte sie grimmig. „Ihr seid Lehrlinge, oder? Was erkennt ihr hier?“„Jemand hat das Blut gestohlen“, vermutete Georgeta.„Nicht nur das Blut“, sagte Charlie. Im Licht konnte er jetzt sehen, dass die Schnitte in der Flanke nicht die größte Verletzung waren. Der Bauchraum des Drachens war geöffnet worden, er lag größtenteils auf der Wunde, deshalb hatten sie es nicht gleich gesehen. „Wahrscheinlich auch die Organe.“ „Sind das … bilden die Schnitte Runen?“, fragte Georgeta„Genau. Wisst ihr, was sie bedeuten?“Georgeta schüttelte den Kopf und sah hilfesuchend zu Charlie, dem zusehends übel wurde. Er schüttelte ebenfalls den Kopf. „Ich hatte keine Alten Runen in der Schule.“„Ich auch nicht, ich hatte Englisch stattdessen“, sagte Georgeta. Sie hatte ihm viel geholfen am Anfang, als er hergekommen war, ohne ein Wort Rumänisch zu sprechen. Jedenfalls die bessere Entschuldigung dafür, nichts über Runen zu wissen.„Es sind Fehu, Gibo und Jeran“, erklärte Ciobanu. „Zusammen sollen sie das Blut potenter machen, besonders für Stärkungstränke. Es ist aber umstritten, ob das überhaupt wirkt.“Zwei Gestalten in langen Ledermänteln und Fellmützen näherten sich, der Magistrul mit Siegried. „Und?“„Nichts zu machen“, sagte Ciobanu bedauernd. „Wilderer.“ Sie begann, ernst und so schnell auf den Magistrul einzureden, dass Charlies Sprachkenntnisse nicht mehr ausreichten, um zu folgen. Dort, wo die Schnauze des Drachens im Gras lag, war es bis zur Narbe weggesengt, von den letzten, feurigen Atemstößen seines Todeskampfs.„Traurig“, sagte Siegfried auf Englisch. Wie Charlie kämpfte er noch manchmal mit dem Rumänischen, auch wenn sein Englisch nicht viel besser war. „Es gibt doch Drachenfarmen, warum wildern sie? Die haben doch einen Haschmich.“Trotz des toten Drachens musste Charlie über seine altmodische Ausdrucksweise lachen. „Vielleicht wollen sie mit uns haschen spielen.“ Der Magistrul teilte Georgeta und Siegfried zur Wache ein, Charlie durfte zurück zum Quartier gehen.„Warum macht man denn sowas?“, fragte Barnaby entsetzt, nachdem Charlie alles erzählt hatte. Er war immer noch erstaunlich naiv manchmal.„Geld regiert die Welt“, sagte Jae, ohne besonders traurig zu klingen.„Hast du nicht einen Zauberstab mit Drachenherzfaserkern?“, fragte Charlie Barnaby. „Der muss ja irgendwoher kommen.“ Er ließ seinen eigenen Stab durch die Hände gleiten. Einhornhaar, dreizehn Zoll, Esche, unbeugsam. Manchmal hatte er sich gewünscht, einen Drachenherzkern zu haben. Als auch sein neuer Stab, den er sich zu Beginn der Lehrzeit gekauft hatte, seine Verbundenheit zu Drachen nicht repräsentierte, war er kurz enttäuscht gewesen. Aber jetzt fragte er sich, ob der Stab vielleicht gerade deshalb zu ihm passte, weil kein Drache dafür sterben musste.„Nee, ich auch nicht“, sagte Barnaby. „Aber macht Sinn. Du aber, Jae, oder?“Jae nickte und sperrte dann den Mund auf, damit ein Schokofrosch direkt aus Tonks Hand hineinhüpfen konnte.„Hattet ihr schon öfter Probleme mit Wilderern?“, fragte Tonks. Sie war hibbelig, als wollte sie am liebsten sofort auf Spurensuche gehen.„Nicht, seit ich hier bin“, sagte Charlie. Er war froh, dass seine Freunde da waren und ihn ablenkten. Auch wenn Mum sich wieder überschlagen würde, wenn sie erfuhr, dass Tonks ihn besucht hatte.

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