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Tränen rannen über ihr Gesicht und zogen Spuren in die Staubschicht, die sich auf ihren Wangen gebildet hatte. Bis auf die Umrisse und grellen Lichtblitze der Zaubersprüche konnte sie durch den Tränenschleier nichts erkennen. Die Welt um sie herum klang gedämpft, als ob ihr jemand Watte in die Ohren gestopft hatte.Blaue Augen — neben ihr. Warum starrten sie diese Augen so gefühllos und glasig an? Es schien, als ob sie sich in den Verstand des Mädchens brannten. Schnell wandte sie den Blick ab und richtete ihn nach oben. Der Staub, der sich noch nicht gelegt hatte, wurde immer wieder in verschiedene Farben getaucht.Talitha Lestrange hatte Schmerzen. Ihr ganzer Körper stand in Flammen und in ihrem Kopf schlug ein Hammer gegen ihre Schädeldecke. Sie war eben erst noch zusammen mit den anderen Slytherins in den Kerkern eingeschlossen worden und nun — lag sie da und starrte in den Nachthimmel hinauf. Was war passiert? Hatten die restlichen Häuser tatsächlich geglaubt, sie kämen ungeschoren davon, wenn sie dem berühmten Harry Potter Schutz im grossen Schloss boten?Irgendwann zwischen eingesperrt werden und jetzt musste noch was passiert sein. Sie mussten aus dem Kerker rausgekommen sein, anders konnte sie sich nicht erklären, warum sie nun irgendwo auf dem Boden lag und den Sternenhimmel betrachtete.Das Mädchen hob ächzend den Kopf etwas an, um ihre Umgebung zu betrachten. Steine. Um sie herum langen, grosse Steinbrocken, die von dem eingerissenen Kreuzgang stammen mussten. Bilder einer gewaltigen Explosion, ausgelöst durch einen Todesser, der sich für besonders schlau hielt, hatte das Ganze zum einstürzten gebracht.Talia hustete, als sie nach Luft schnappte. Der Staub, der das zerbröckelte Gemäuer aufgewirbelt hatte, kratzte fürchterlich in ihrem Hals. Langsam liess sie ihren Kopf wieder zurück auf den Boden sinken. Weisse Punkte verschleierten ihre Sicht und sie hatte das Gefühl, als ob sich der Boden unter ihr drehte.„Ihr habt heldenhaft gekämpft!“, dröhnte es in ihrem Kopf. Es schien so, als ob der Dunkle Lord selbst in ihrem Gehirn herumgeisterte. Wie beim ersten Mal in der Grossen Halle. Jedoch dachten die Lehrer, es wäre besser, sich gegen Lord Voldemort zu stellen und glaubten, es wäre klug, sich gegen ihn zu richten. Seine Worte hallten in ihrem schmerzenden Kopf wider und liessen Talia aufkeuchen.„Ich wünsche all das nicht. Jeder Tropfen magisches Blut ist zu wertvoll, als das es verschwendet werden sollte. Ich befehle meinen Streitkräften, sich zurückzuziehen. Nutzt ihre Abwesenheit und schafft eure Toten in Würde fort.“Just in dem Moment, als der Dunkle Lord seine Worte gesprochen hatte, erloschen die bunten Lichtblitze und Talia konnte sehen, wie sich ein paar schwarze Rauchwolken erhoben. Todesser, die dem Ruf ihres Herren folgten.„Harry Potter, ich spreche nun direkt zu dir. Heute Nacht hast du zugelassen, dass deine Freunde für dich sterben, anstatt mir selbst gegenüberzutreten. Es gibt keine grössere Schande. Komm zu mir in den Verbotenen Wald und stelle dich deinem Schicksal. Tust du dies nicht, werde ich ohne Ausnahme jeden töten, der versucht, dich vor mir zu verbergen. Bis auf den letzten Mann, die letzte Frau und das letzte Kind.“ Nach diesen letzten gezischten Worten wurde das Schloss für einen Moment in unheimliche Stille getaucht.Irgendwo drangen verzweifelte Schreie und Schluchzer an die Ohren der 16-Jährigen und liessen sie zusammenzucken. Wie viele waren wohl schon gestorben, nur um diesen Harry Potter zu beschützen? Sie waren selbst schuld.Die Hexe versuchte sich aus den Trümmern, in denen sie lag, zu befreien. Sie musste auch in den verbotenen Wald, um ihre Eltern zu finden. Talia hoffte, dass die beiden noch lebten. Sie hob ihren rechten Arm und wischte ihre dunklen Locken aus ihrem Gesicht. Dabei fasste sie in irgendwas Klebriges, dass ihr über die Wangen lief. Talia führte ihre Hand vor ihre Augen und musste entsetzt feststellen, dass sie blutete. Sie liess die Hand zurück auf den Boden fallen. Diese Bewegung hatte sie bereits ziemlich viel Kraft gekostet.Schritte und zwei Stimmen näherten sich ihrer Position. Die kleine Hexe hörte, wie diese Leute Steine aus dem Weg räumten. „Hier ist niemand mehr. Nur Leichen von denen“, spuckte eine männliche Stimme voller Abschaum aus. „Die können gerne hier verrotten!“Talia schielte in die Richtung und musste entsetzt feststellen, dass es zwei ältere Gryffindor Schüler waren, die das Mädchen kannte. Sie versuchte trotz stechendem Schmerz, der von ihrem ganzen Körper ausging, kein Geräusch von sich zu geben. Diese zwei Typen würden ihr bestimmt nicht helfen.Der Blonde jedoch sah genau in dem Moment in ihre Richtung und es gab nun mal nur eine an der Schule, die zwei verschieden farbige Augen hatte. „Sieh mal einer an…wenn das nicht die kleine Lestrange ist“, sagte er und ein fieses Grinsen schlich sich auf seine Lippen. „Haben Mummy und Daddy dich zurückgelassen?“Verängstigt versuchte sich das Mädchen erneut aus den Trümmern zu befreien, aber sie hatte einfach keine Kraft mehr, die schweren Gesteinsbrocken von ihrem Arm zu kriegen. Er ging neben ihr in die Hocke und schaute ihr amüsiert zu, wie sie sich abmühte. „Lass sie liegen. Sie gehört zu den Todessern. Aber wenn ich die Kleine so ansehe, wird sie es eh nicht mehr lange machen“, meldete sich der andere Junge zu Wort. Er stupste Talias Bein an.Die Hexe wimmerte schmerzerfüllt auf und erneute Tränen bahnten sich ihren Weg über ihre verstaubten Wangen. „Nein, sie wird dafür büssen, was ihre Eltern angerichtet haben!“, zischte der Blonde und packte den Kragen ihrer Schuluniform. „Vielleicht sollten wir sie doch lieber mitnehmen. Askaban ist bestimmt ein toller Ort zum Wohnen“, lachte er und liess Talia wieder los. „Sie ist da doch auf die Welt gekommen, also fühlt sie sich bestimmt wie zu Hause“, meldete sich der andere Junge.Das Mädchen war zu erschöpft, um ihren Sticheleien überhaupt noch zu folgen. Ihre Augen folgten dem Blonden, als er sich erhob. „Hör auf mich anzustarren, Freak!“, zischte er und trat nach ihr. Talia stiess einen ziemlich kläglichen Schmerzensschrei aus, als der Schuh ihre Rippen erwischte. Der nächste Tritt erwischte sie am Kopf und riss sie augenblicklich in die Dunkelheit. Stöhnend schlug sie die Augen auf. Ein unscharfer Schatten hatte sich über sie gebeugt und war gerade dabei, ihr die Krawatte auszuziehen. „Lasst mich…in Ruhe“, flüsterte sie mit weinerlichem Unterton. Talia wollte die Person daran hindern, sie weiter zu befummeln. „Ich versuch dir zu helfen, Lestrange!“, knurrte eine männliche Stimme zurück. „Und das wird wohl gleich weh tun.“Bevor die Hexe weiter darüber nachdenken konnte, wer dieser Kerl war, band sich etwas ziemlich fest um ihr rechtes Bein und heftige Schmerzen durchzuckten ihren Körper. Sie stiess einen Schrei aus, um ihrem Schmerz Luft zu machen. Wenn ihre Eltern sie so schwach sehen würden, dann wäre der Schmerz durch einen Cruciatus bestimmt noch viel schlimmer.„Na gut, hoch mit dir. Wir verschwinden jetzt von hier“, dröhnte es durch Talias Kopf und im nächsten Moment wurde sie auf die Füsse gezerrt. Ohne zu fragen, legte der fremde Zauberer einen Arm um ihre Taille und zwang sie zu gehen.Es ging nicht lange, da drangen frohe Lacher an die Ohren der Hexe und sie runzelte die Stirn. Was gab es da zu feiern? „Dieser Potter ist tot. Wie es scheint, hat die richtige Seite gewonnen“, erklärte der grössere Junge neben ihr keuchend. Sie war zu entkräftet, um seinen Worten noch grosse Bedeutung zu schenken. Alles, was die Hexe mit den dunklen Locken wollte, war nach Hause zu gehen.Talia stolperte aus dem Schloss hinaus, dort standen bereits ein paar der Zurückgebliebenen und starrten fassungslos auf das Meer aus Schwarz. Blinzelnd versuchte sie sich auf die Reihen der Todesser zu konzentrieren, um ihre Eltern ausfindig zu machen.„Die Zeit ist gekommen, um euch zu bekennen. Tretet vor und schliesst euch uns an“, verkündete die unverkennbare hohe Stimme des Dunklen Lords. Talias Augen fanden eine Gestalt, die auf einem Schutthaufen herum hüpfte und dabei kicherte. Es gab kein Zweifel, dass dies ihre etwas verrückte Mutter Bellatrix Lestrange war.„Oder sterbt.“„Draco“, meldete sich Lucius und streckte seine Hand aus, um seinem Sohn zu zeigen, dass er auf die richtige Seite wechseln sollte. Talia konnte ihren älteren Cousin nicht sehen und stieg langsam mithilfe des anderen Jungen die Treppe nach unten.Erst als Narcissa Malfoy nach ihrem Sohn rief, löste sich dieser von der Wand und ging auf das Schwarze Meer zu. Tom Riddle, einige Meter davor.Talia machte sich von ihrem unbekannten Helfer los und schleppte sich durch die vereinzelten Hexen und Zauberer, die ihre Loyalität einem kleinen toten Jungen geschworen hatten. Irgendwann blieb sie schwankend stehen und fasste sich an den Kopf. Die Lestrange war sich nicht mal sicher, ob ihre Eltern sie in diesem Zustand noch erkennen würden.„Na los, Mädchen!“, meldete sich Bella von ihrem Hügel hinunter. In ihrer Stimme konnte man heraushören, dass sie keinen Widerspruch dulden würde. Für diese Frau war vollkommen klar, dass ihre Tochter sich auf die Seite des dunklen Lords zu stellen hatte. Sie war bereits enttäuscht gewesen, dass Lord Voldemort ihre Tochter nicht schon mit 16 zur Todesserin gemacht hatte.Das Mädchen senkte den Blick und kam der Aufforderung nach. Bevor sie jedoch weit kam, griffen erneut diese starken Arme um ihre Taille und stützten Talia, bevor sie wieder umkippen konnte. Der Junge mit den dunklen Haaren liess Talia vor Bellatrix stehen und verschwand wortlos in den Reihen der Todesser.Talia schaute ihm etwas verwirrt nach, wurde aber von ihrer Mutter unterbrochen, da diese sie am Kinn packte und ihren Kopf zu sich drehte.„Was ist mit dir passiert, Mädchen?“, zischte die Ältere und drehte den Kopf ihrer Tochter hin und her, um ihre Verletzungen zu betrachten. „Das war nicht meine —“„Doch klar ist es deine Schuld. Du bist schwach!“, zischte Bella verächtlich. „Darüber werden wir zu Hause noch reden und jetzt geh mir aus den Augen!“ Die Todesserin schubste das verletzte Mädchen achtlos von sich. Wie eine lästige Fliege.Talia stolperte mit ihrem verletzten Bein und fiel auf den dreckigen Boden zu den Füssen von ein paar Todessern. Sie versuchte sich mit den Händen abzufangen. Das Mädchen stiess einen Schluchzer aus und ihr rollten erneut ein paar Tränen über die Wangen.„Steh auf!“, keifte Bellatrix. „Steh verdammt noch mal auf.“ Die 16-jährige Hexe versuchte, trotz Schmerzen und aufkommendem Schwindel, wieder aufzustehen. Bella griff ihrer Tochter in die verschmutzten Locken und riss sie zurück auf die Füsse. „Du bist so erbärmlich und schwach! Eine Enttäuschung!“, kreischte sie beinahe. „Mich so vorzuführen… du kannst dich auf was gefasst machen!“Rodolphus dem seine Tochter mehr am Herzen lag als ihm lieb war, löste sich aus den Schwarzmänteln und trat auf die beiden zu. „Das ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, Bellatrix!“, sagte er mit gedämpfter Stimme. Jetzt noch die Aufmerksamkeit des Dunklen Lords auf sich zu ziehen, würde vermutlich nicht gut ausgehen. Bella schubste das Mädchen in die Arme ihres Ehegattens und wandte sich mit einem letzten verächtlichen Blick ihrer dunklen Augen ab.Talia klammerte sich verzweifelt an den Umhang ihres Vaters und drückte ihr tränenverschmiertes Gesicht gegen seine Brust. Alles, was sie wollte, war von ihm in den Arm genommen und getröstet zu werden, aber auch das blieb aus. Der Mann löste das Mädchen von sich und zog sie durch die Reihen der Todesser, um sie bei der Brücke stehen zu lassen. „Rühr dich nicht vom Fleck. Hast du mich verstanden?“, fragte er leise und musterte seine verletzte Tochter. Es würde nicht mehr lange dauern, bis er sich darum kümmern konnte. „Es wird nicht mehr lange dauern“, ergänzte er und versuchte ein aufmunterndes Lächeln, bevor der Vater sich abwandte.Das Mädchen liess sich schwer atmend und müde, wie sie war, auf den Boden fallen. Das Blut rann ungehemmt weiter über ihr rechtes Bein, verteilte sich auf dem steinernen Boden. Ein unerträgliches Summen erfasste ihre Ohren und es schien, als ob ihr Kopfschmerz noch einmal mehr anschwoll.Talia kippte zur Seite und in dem Moment, als ihr Kopf erneut auf dem Boden aufkam, konnte sie wiederholt Lichtblitze sehen.
----- CHAPTER BREAK -----
Lord Voldemort war gefallen, die Todesser gab es nicht mehr, und die wenigen, die überlebt hatten, genossen nun ein Leben in einer kalten und düsteren Zelle in Askaban. Niemand kümmerte sich noch gross um die Zurückgebliebenen der untergegangenen Seite. Eigentlich würdigten die Hexen und Zauberern sie keines Blickes. Wenn jemand es tatsächlich wagte, einem dieser Ausgestossenen in die Augen zusehen, spiegelte sich bloss Verachtung und abgrundtiefer Hass in ihnen. Der 2. Mai hatte bei manchen tiefe Wunden in die Seele gebrannt, durch eine Begegnung mit einem dieser Ausgestossenen rissen die wulstigen Narben wieder auf und erweckten erneut die Gefühle von damals.Dicke düstere Wolken hingen über London und beschmutzten die Fensterscheiben, in dem sie ihnen den Glanz nahmen. Passanten, die ebenfalls in düsteren Farben bekleidet waren, eilten durch die Strassen, um dem kalten Herbstregen zu entkommen. Ein eisiger Wind wirbelte das nasse Laub der Bäume durch die Gassen und Wege. Alles schien so gewöhnlich wie jeden Tag zu sein. Die Menschen auf der Strasse gingen zur Arbeit oder machten sich auf den Weg, um ihre Besorgungen zu erledigen. Ein älteres Auto bog in eine kleinere Gasse ab und verlor dabei eine silberne Radkappe, die scheppernd davon rollte. Alles war normal.Ein kaum hörbares Plopp wurde vom Wind durch die Luft getragen und so plötzlich wie ein Pilz im Wald tauchte eine Gestalt auf. Auch diese Person hatte eine Vorliebe für dunkle Kleidung, jedoch stach diese aus der Menge heraus. Ein schwarzer Umhang mit pelzigem Saum flatterte leicht um die langen, schlanken Beine, die in einer ebenfalls schwarzen Jeanshose steckten. Die grosse Kapuze, die tief in das Gesicht der kuriosen Person gezogen war, hatte ebenfalls einen flauschigen Rand. Kleine Wassertropfen perlten von dem Umhang ab und bahnten sich einen Weg nach unten– dem Boden entgegen.Ein kurzer Windstoss erfasste die krausen Haare, die nur teils von der Kapuze verborgen worden waren. Bevor die Kapuze ganz von dem Kopf der grazilen Person rutschen und ihr Gesicht offenbaren konnte, zog eine kleine weisse Hand sie zurück. Für einen kurzen Augenblick erhaschte man einen Blick auf ein schmales Kinn und blutrote volle Lippen.Aufgrund des Auftretens dieser Person konnte man darauf schliessen, dass es eine Frau oder ein Mädchen sein musste. Obwohl aus der Welt, aus der sie kam, gab es auch Männer, die sich gerne extravagant kleideten. Lange Umhänge und die seltsamsten Spitzhüte waren ein Teil ihrer Kultur. Trotzdem wurde sie nun mit den Augen von normal Sterblichen betrachtet– Muggel. Nicht magische Menschen, wie sie in der anderen Welt genannt wurden.Bevor sie sich in Bewegung setzte, drehte die Gestalt ihren Kopf einmal nach links und einmal nach rechts. Vergewisserte sich, dass kein Muggel sie dabei erwischt hatte, wie sie aus dem nichts aufgetaucht war, denn diese widerwärtigen Kreaturen hatten manchmal die nervige Angewohnheit zu schreien. Und so was war lästig.Mit dem leichtfüssigen Gang und dem flatternden Umhang sah es beinahe aus, als ob sie über den Asphalt schweben würde, wären da nicht die klackernden Absätze ihrer Stiefel gewesen. Wo die Hexe genau hin wollte, war nicht mal ihr selbst bekannt. Hauptsache, sie konnte ein paar Stunden von ihrer bemutternden Tante und dessen selbstverliebten Ehegatten fliehen. Talitha Lestrange blieb kurz vor einem hell erleuchteten Schaufenster stehen und musterte die seltsamen Kleider, die diese Puppen trug. Sie rümpfte die Nase. Wie konnten manche Leute bloss herumlaufen, als ob sie in einen Farbeimer gefallen waren?Sie löste ihren Blick davon, ihre Mutter hatte sich sicherlich bereits im Grab umgedreht, nur weil ihre Tochter zu lange etwas von Muggeln betrachtet hatte. Da ihre Locken schon wieder unter der Kapuze hervorgekommen waren, stopfte sie die Haare zurück, damit sie nicht noch mehr Nässe abbekamen. Es dauerte bereits jeden Tag lang genug ihre widerspenstigen Haare zu bändigen und etwas Feuchtigkeit konnte ihre Frisur innerhalb von Sekundenschnelle zu einer verfilzten Mähne werden lassen. Kurz; sie würde aussehen wie ihre Mutter Bellatrix Lestrange als diese nach 14 Jahren Haft aus Askaban geflohen war, und das war das Letzte, was die junge Hexe wollte.Während ihre Gedanken bei ihrer Mutter waren, schlenderte sie weiter und zog immer mal wieder einen schrägen Seitenblick auf sich und ihr Erscheinungsbild. Auch wenn die Muggel meistens ziemlich gestresste Wespen waren, fanden sie immer wieder einen Moment, in dem sie fremde Leute mit ihren Augen traktierten. Sie förmlich auszogen. Andere verurteilten, weil sie in ihren Augen nicht richtig gekleidet waren.Die Hexe gab zu, dass sie dies manchmal auch getan hatte oder heute noch tat, aus einem simplen Grund. Sie verglich sich ständig mit anderen. Es gab und würde auch immer wieder jemanden geben, der nun mal hübscher, schöner und schlanker war als sie selbst.Vor einem kleinen erleuchteten Café blieb sie stehen, dabei verklangen die Geräusche ihrer Absätze auf dem harten Betonboden. Sie hob etwas ihren Kopf, um eine bessere Sicht in die Räumlichkeiten zu bekommen. Normalerweise wäre sie einfach daran vorbeigegangen und hätte es nicht gross beachtet, doch irgendwas an dieser Szenerie wollte ihre Aufmerksamkeit.Ein Pärchen sass hinter den Scheiben auf einem der braunen Ledersofas und knutschten, nein frassen sich beinahe auf. Auch die anderen Leute, die an den kleinen Tischen sassen, einen Kaffee oder einen Softdrink vor sich stehen hatten, interessierten die Lestrange nicht. Nein, ihre Aufmerksamkeit galt dem jungen Mann, der auf den Tresen zuging und davor stehen blieb. Kurz fummelte er an seinem Mantel mit den silbernen Schnallen an den Ärmeln herum und zog dann etwas aus der Innentasche. Er war anders als der Rest der Menschen in diesem Raum und Talia konnte das fühlen. Die Hexe musterte ihr Opfer noch eine Ganze weile, kaute gedankenverloren auf ihrer Unterlippe. Erst als der kalte Wind ihr die Kapuze vom Kopf fegte und sie so in die Realität zurückholte, löste sie fluchend den Blick von dem Mann mit den schwarzen Haaren.Die Dunkelhaarige stiess die Tür in den Laden auf, dabei klingelte die kleine Glocke darüber. Doch niemand nahm von dem Neuankömmling in aussergewöhnlicher Kleidung Notiz. Langsam und mit einem schmalen Lächeln auf den roten Lippen stolzierte die Lestrange auf den Jungen zu. Irgendwoher kannte sie dieses Gesicht, trotzdem konnte sie es nicht wirklich einordnen. Noch nicht.„Entschuldigen Sie bitte, kennen Sie diese Frau?“, fragte der Junge an der Theke. Er hatte den neuen Gast noch nicht bemerkt oder er hatte einfach die Tatsache ignoriert, dass gerade noch jemand in den Laden gekommen war. Der Barista schaute flüchtig auf das Stück Papier, dass ihm vor die Nase gehalten wurde und schüttelte den Kopf. Talias Neugierde wurde bloss noch mehr genährt, da sie zu gerne wissen wollte, was das für ein Bild war. „Okay vielen Dank“, sagte der Dunkelhaarige. Seine Stimme klang eine Spur zu freundlich und wirkte deshalb ziemlich gekünstelt. „Ich nehme noch einen Kaffee zum Mitnehmen. Schwarz ohne Zucker.“Dabei drehte er sich um und lehnte sich lässig gegen den Tresen, liess seinen Blick wandern. Seine dunkelblauen Augen in Kombination zu seinen dunklen Haaren verliehen ihm was spezielles einzigartiges. Ein spöttisches Grinsen schlich sich auf seine Gesichtszüge, als er das Mädchen im langen Umhang auf sich zukommen sah.„Alexander Rookwood. Augustus Rookwoods Sohn, habe ich nicht recht?“, fragte sie und legte den Kopf schief.„Vielleicht“, sagte er knapp und wandte sich desinteressiert ab. Er musste nicht lange überlegen, wer sein Gegenüber war. Sie sah ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten aus, bloss etwas Jünger und nicht ganz so harten Gesichtszügen.Talia hatte endlich jemanden gefunden, mit dem sie sich ihre Langeweile vertreiben konnte– einen Spielgefährten zum Ärgern. Doch schien der Rookwood Junge nicht gerade darauf erpicht zu sein, mit ihr Zeit zu verbringen. Seine Körpersprache deutete darauf hin, dass er niemandes Gesellschaft wünschte.„Ach komm schon“, nörgelte die Dunkelhaarige. „Jetzt ignoriere mich nicht einfach.“ Mit wenigen Schritten hüpfte sie neben ihn und stellte sich so hin, dass er sie erneut ansehen musste. Sie verzog ihre Lippen zu einem Schmollmund. Ihre auffällig verschieden gefärbten Augen funkelte Rookwood an, mit einer Hand griff sie nach dem Stück Papier, das immer noch auf dem Tresen lag. Bevor sie gross einen Blick darauf werfen konnte, zog der andere Zauberer ihr den Schnipsel aus der Hand. „Das ist nichts für kleine Mädchen“, sagte er und warf ihr einen herablassenden Blick zu. Im Gegensatz zu ihm war sie tatsächlich kleiner als er, da halfen nicht einmal die Absätze ihrer Stiefel. Talia versuchte es sich nicht anmerken zulassen, dass sie seine Worte gekränkt hatten. Sie hatte noch nie bei den Erwachsenen mitmachen dürfen, obwohl sie bereits 18 war und volljährig. Eigentlich war die Lestrange noch nie wirklich willkommen geheissen worden. In Hogwarts nicht, zuhause nicht und selbst die Malfoys empfanden sie für eine Last.Sie alle hatten stets ihre Mutter Bellatrix Lestrange in ihr gesehen und nicht eine eigenständig denkende Person mit eigenem Charakter.„Ich bin kein kleines Mädchen!“, fauchte Talia und funkelte ihn wütend an. Auch ihr erzürnter Blick schien den Jungen nicht sonderlich zu beeindrucken. Er tat es eher als lästig ab.„Der Kaffee ist fertig“, meldete sich der Muggel mit der grünen Schürze. „Das macht dann vier Pfund.“Talia wurde durch den Mann abgelenkt und schaute auf den dampfenden Pappbecher mit einer braunen Flüssigkeit darin. Der Geruch ging noch, aber trotzdem wurde das von Muggeln zubereitet, also konnte es einfach nicht schmecken. Sie rümpfte die Nase. „Warum trinkst du dieses eklige Muggelgebräu?“, wollte die Lestrange nun wissen.Der Rookwood seufzte genervt und richtete seine strahlend blauen Augen wieder auf das Mädchen neben ihr. „Hast du nichts Besseres zu tun, Kleine? Ich habe keine Zeit, mich auch noch um den Kindergarten zu kümmern“, zischte er nun gereizt und knallte ein paar seltsam aussehende Münzen auf den Tresen. Muggel Geld. Seine Hand griff nach dem Pappbecher und hob ihn an die Lippen, um einen Schluck zu trinken.Talia nutzte ihre Chance und nahm ihm dieses Mal den Papierschnipsel ab. Eine hübsche blonde Frau darauf zu sehen. Zuerst konnte die Lestrange nicht verstehen, was diesem Jungen so wichtig daran war, erst als sie das Foto mit ihm verglich, merkte sie, dass es Gemeinsamkeiten gab.
