Actions

Work Header

Augustsonne

Entire Work

Work Text

Augustsonne

Es war einer von diesen Nachmittagen, an denen man sich einfach nicht vom Fleck bewegen konnte.
Die heiße Sommersonne stand so hoch am Himmel, dass kein direkter Sonnenstrahl durch die Fenster der Hütte fiel, in die Lina sich mit ihren beiden Freunden zurückgezogen hatte; und die Luft war so unglaublich schwül, dass man selbst im Stehen einen ganzen Eimer schwitzte.
Lina war am Ende.
Sie lag — alle Viere von sich gestreckt und lediglich in Jorts und einer losen Bluse bekleidet, die beide an ihrem Körper klebten — auf dem staubigen Boden. Wenn alle paar Augenblicke der Standventilator zu ihr drehte, den sie Ende Mai abgeschleppt hatten, war ihre einzige Bewegung die ihres Kopfes, wenn sie ihr Gesicht dem kühlen Wind entgegenstreckte.
Und jedes Mal wenn sich der Ventilator dann wieder von ihr weg und in die nächste Ecke drehte, ertönte aus dieser ein wohliges Seufzen.
Hätte Lina die Kraft dazu, dann würde sie noch immer die Augen verdrehen.
Denn kaum hatten sie vor etwa einer Stunde — vielleicht auch drei? — ihre Mountainbikes gegen die Hüttenwand gepfeffert und waren in den stickigen Schatten geflüchtet, hatte es angefangen.
Tom hatte sich sein vor Schweiß beinahe durchsichtiges T-Shirt in einer schnellen Bewegung über den Kopf gezogen — das war noch nicht das Problem; oh nein, Lina würde sich darüber nicht beklagen — und es zu einem Knäuel zusammengeknüllt als Kissen auf das Sofa gelegt. Auch das war nicht das Problem.
Das entstand nämlich erst, als sich nicht nur Tom, sondern auch Jurij auf das Sofa schmiss, das unter der Last der beiden Kerle fast in sich zusammenfiel.
Lina hatte schon genervt gestöhnt, bevor die beiden überhaupt reagiert hatten. Das konnte auf nichts gutes auslaufen.
Und sie sollte Recht behalten. Nur Sekunden später brüllte Tom aufgebracht auf — Lina brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen dass der darauffolgende dumpfe Aufprall Jurijs Körper auf dem Boden sein musste.Der noch dumpfere, aber diesmal auch leicht fleischige, direkt danach war dann wohl Tom, den Jurij mit ins Verderben gezogen hatte.
Auf ihrem — derzeit noch neu ergatterten — Platz am Boden hatte Lina sich schließlich, trotz besseren Wissens, zur Seite gedreht, um die beiden Jungs zu beobachten. Ihre Jungs.
Keinen der beiden schien die Hitze so sehr zu stören wir Lina, zumindest nicht wenn man das anhand ihres Gekabbels beurteilen konnte. Lina liebte ihr Karatetraining, aber zu solchen Temperaturen machte nichteinmal sie so etwas freiwillig.
Tom entschied schließlich die Oberhand für sich, richtete sich triumphierend auf und wollte sich gerade zur Couch drehen, als er prompt wieder hinfiel. Jurij hatte ihm in die Kniekehlen gestochen.
Nun war es Jurij, der oben stand. Aber auch er nicht für lange. Denn als er Lina einen kurzen, siegessicheren Blick zuwarf, knickte er in der gleichen Sekunde wieder ein. Tom hatte seinen Trick ganz einfach gespiegelt. Jetzt lagen sie beide zu Boden.
Lina wischte sich den Schweiß von der Stirn. Das hatte doch keinen Sinn, es würde ewig so weitergehen.
"Jungs," sagte sie, einen flehenden Ton in der Stimme. Sie spürte bereits eine Migräne; vielleicht hätte sie heute mehr trinken sollen.
Weder Tom noch Jurij reagierten, rollten stattdessen in dem kleinen Raum hin und her. Eigentlich schmissen sie sich einfach nur immer wieder gegenseitig um. Jurij lachte atemlos, Tom grunzte. Gleich würden sie gegen die Wand stürzen und dabei bestimmt die Sammlung an bunten Flaschen vom Fenstersims werfen, die Lina und Jurij doch so sorgfältig gestapelt hatten.
"Jungs," flehte Lina erneut, die Stimme etwas lauter. Jurijs Kopf tauchte auch tatsächlich im Getümmel auf, verschwand aber genauso schnell wieder.
"Alter, die Flaschen," fluchte sie, als keiner der beiden noch eine weitere Anstalt machte, sie zu beachten.
Es war schließlich Tom, der scheppernd die Wand küssen musste. Wie in Zeitlupe sah Lina der ersten Flasche — eine hübsche rote — dabei zu, wie sie von der Fensterbank fiel.

Und von Tom auch wieder gefangen wurde, der sie schelmisch angrinste.
"Alles in Butter, Linchen," sagte er. So wie er dort lag waren sie auf Augenhöhe.

"Alles in Butter, Linchen," äffte Jurij Tom nach, extra theatralisch und nur wenig realitätsgetreu.
Lina rollte die Augen. Man, eine kalte Limo würde ihr jetzt verdammt gut tun. Sie freute sich schon auf den Herbst. Oder den Winter. So ein Zwischending wie November.
Erst als aus der Ecke eine merkwürdige Ruhe eintrat, wagte Lina es sich so anzustrengen, sich ein weiteres Mal zu drehen. Der Schweiß lief ihr mittlerweile schon den Rücken herunter, und wenn es so weiter ging, so war sie sich sicher, würde Lina ich ihre Bluse genauso vom Leib reißen, wie Tom.
Die plötzliche Stille, so stellte sich heraus, war nicht so ganz still. Denn der Haufen der da an der Wand, im Luftzug des Fensters lag, scharchte ab und zu. Die Jungs waren doch tatsächlich aufeinander eingeschlafen.
Lina schmunzelte; ihre Jungs konnten noch so ein Theater veranstalten, am Ende waren sie doch beste Freunde.
Mit einem, trotz der elenden Hitze, glücklichen Lächeln auf den Lippen, schloss auch Lina ihre Augen.

Erst als die Sonne hinter den Bäumen verschwand und goldenes Licht in die Hütte warf, da wurden Tom und Jurij wieder wach. Und der Krach ging von vorne los. Lina könnte es nicht besser haben.

↑ Top · Fandoms